_Berlin_, d. 4. Novbr. 1835.
_Sehr geehrter Herr Hofrath!_
Seitdem wir im vergangenen Winter zu unsrer und unsrer Freunde
größten Freude, in meinem Hause Ihr Rothkäppchen aufgeführt hatten,
beschäftigte mich der Plan, eines Ihrer größeren Stücke für die
Bühne zu gewinnen. Der Blaubart erschien mir zunächst dafür geeignet
und ich habe mich nun fast ein Jahr lang damit umhergetragen: die
Auskunftsmittel zu finden, welche nöthig wären, um, der Form nach, dies
vortreffliche Gedicht der jetzigen Bühne anzueignen. Immermann hat mir
indeß freilich den Vortritt in dieser Herzensangelegenheit genommen,
aber seine Aufführung, über welche ich genaue Erkundigung eingezogen,
hat mich noch mehr in meiner Ansicht von der Weise bestärkt, in welcher
man zunächst das Stück dem heutigen Theater und Publikum anzubieten
hätte. Nun habe ich meinen Versuch mit einer Einrichtung des Gedichtes
gemacht, habe es Ihrem Freunde, dem Prof. v. Raumer vorgelegt, welcher
mir das Zeugniß gegeben, daß durch meine Hand an dem Werke nichts
verstümmelt worden, daß mein Zusammendrängen und Sammeln der Handlung
nur an der Form verändert habe. So trete ich denn, beschirmt von diesem
Zeugniße, vor Sie hin, verehrter Mann, und bitte um die Erlaubniß: Ihr
Gedicht, mit meiner scenischen Einrichtung auf die Bühne bringen zu
dürfen.
Nach langem Ueberlegen habe ich mich entschieden, Ihnen das Spezielle
meiner Einrichtung nicht mitzutheilen, wenn Sie es anders nicht
begehren. Billigen können Sie es schwerlich, denn Sie haben ja die
Gestalt Ihres Gedichts anders gedacht, die Form, welche _mir_
nothwendig erschien, kann _Ihnen_ nie natürlich werden; warum
sollte ich Sie also mit der Beurtheilung belästigen? Lassen Sie mich
den Versuch auf meine Gefahr wagen, selbst sein Mißlingen kann ja dem
Gedichte nicht schaden, das in 4 bis 5 Ausgaben längst ein Eigenthum
Deutschlands geworden ist. Besser also, Sie haben gar keinen Antheil an
seiner Erscheinung auf der Bühne, als daß ein Antheil des Mißlingens
auf Sie geworfen werden dürfte. Diese Schuld trage ich dann allein.
Wenn aber mein Unternehmen gelingt -- und ich rechne zuversichtlich
darauf -- so ist der Erfolg natürlich der Ihrige und ich habe mir eine
lebenslange stille Genugthuung bereitet.
Dies ist meine Ansicht von der Angelegenheit, ich wünsche nichts
sehnlicher, als daß Sie darauf eingehen möchten. Daß ich mit
ehrerbietiger Scheu und begeisterter Liebe an das Werk gegangen bin,
daß ich jede Scene, jedes Wort auf das Bedenklichste abgewogen, ehe ich
mich zu einer Verkürzung oder Umstaltung entschlossen und nur das an
dem Gedichte geändert habe, was nothwendig sein Heimischwerden auf der
heutigen Bühne gehindert hätte -- davon sind Sie gewiß überzeugt, und
wie ich dieses Zutrauens nicht unwerth zu sein glaube, hoffe ich auch,
Sie werden Sich entschließen können, mir die erbetene Erlaubniß zu
ertheilen.
In den nächsten Tagen habe ich dem Grafen Redern das Stück, wie es
nun ist, vorzulesen, er ist sehr erwärmt für diese Unternehmung. Ich
möchte nun schnell die nöthige Musik componiren und die anderweitigen
Vorbereitungen treffen lassen, damit die Aufführung wo möglich schon
im Anfange des neuen Jahres Statt finden könne. Fast alle Rollen werden
bei uns gut zu besetzen sein, wo es am inneren Verständniß des Werkes
fehlen sollte, wird sich nachhelfen lassen. Den Simon denke ich zu
spielen, und trage ein sehnsüchtiges Verlangen nach der Lösung der
Schwierigkeiten, welche diese Rolle bietet. Kurz mein Herz ist so ganz
erfüllt von diesem Vorhaben, daß ich zuversichtlich hoffe, Gott werde
ihm das Gedeihen und Sie Ihre Zustimmung nicht versagen.
Ganz der Ihrige
_Eduard Devrient_.