IV.

_München_, 14. October 1835.

_Geliebter Freund._

Ich benutze die Rückreise des Hofr. Hase, um Ihnen die schon seit dem

Juni für Sie bereit liegende Abhandlung über den Tempel des Heil.

Grabes zu senden. Es ist die Frucht einer früh angefangenen, oft wieder

fortgesetzten und erst vor anderthalb Jahren ganz vollendeten Arbeit,

der Sie so Liebe wie Beharrlichkeit ansehen werden. Der Entwurf der

Zeichnungen hat mich gleich in der ersten Zeit beschäftigt und hat mir

zu allen Zeiten, besonders auch später bei der näheren Ausführung viele

Freude gemacht. -- Es ist das erste, was ich seit den Ergäntzungen zum

köln. Dom von meinen Entwürfen architecton. Zeichnungen bekannt mache.

Möchten Sie auch einige Freude daran haben. Möchte Ihnen überhaupt die

ganze Abhandlung gefallen und Veranlaßung geben, mir zu schreiben.

Ich würde Ihnen dafür recht sehr dankbar seyn; an Erwiederung sollte

es nicht fehlen. Ich sehne mich oft von ganzem Herzen nach Ihrer

geistreichen, belebenden Unterhaltung; denn es giebt eine Menge

Dinge und Verhältnisse von dem höchsten Werth, über die ich mich nur

=Wenigen= mittheilen und mit Niemand so gut verständigen kann,

als mit Ihnen, theuerster Freund. Diesen Sommer hoffte ich Sie in

Baden zu finden, aber gerade dieses mal sind Sie nicht gekommen, und

in vorigem Jahr ist mir die Hoffnung, daß Sie uns hier besuchen würden

vereitelt worden. --

Wie es im nächsten Jahr werden wird? wer kann es wissen! Darum

lassen Sie uns, zwar immer das günstigste hoffend, in der Gegenwart

das Gewisse vorziehen und Briefe wechseln, bis uns so wohl wird,

uns des Wiedersehens zu erfreuen. Vorigen Winter habe Ihrer ganz

besonders oft gedacht indem ich die Einleitung zu meinen Beiträgen

zur Geschichte der altdeutschen Malerei geschrieben. Die Berufung zur

General-Inspection der Denkmale des Mittelalters in Bayern und andere

mir ganz unerwartete, keineswegs mit diesem Geschäft zusammenhängende

Arbeiten (-- Vertretung der Akademie der Wissenschaften und des

General-Conservatoriums aller hiesigen wissenschaftlichen Sammlungen

und Anstalten bei dem Ministerium des Innern --) hat mich in der

Redaction jener Beiträge unterbrochen. Auch kamen vielerlei Leiden

dazu, wovon ich mich jedoch in Baden und Heidelberg glücklich erholt

habe. Bleibe ich gesund, so hoffe ich diesen Winter den Faden wieder

aufzunehmen, und so lange fortzuspinnen bis ich fertig bin. Wie steht

es denn mit Ihrem Vorhaben in Betreff des Sternbald? Sagen Sie mir

doch etwas darüber. Ich komme mir, wenn ich in die Zeiten der Jugend

zurückdenke, immer einsamer vor; es sind schon viele dahingegangen,

die wir geliebt, an denen wir uns belehrt, erfreut und erhoben haben;

und nun ist die Welt großentheils so verwirrt abgeschmackt und

niederträchtig geworden, daß ich das Bedürfniß doppelt fühle, mit

den wenigen Bewährten und Verehrten Männern alter Zeit desto fester

zusammen zu halten. Nehmen Sie dieses Geständniß zu Herzen und lassen

Sie mich es nicht vergebens gemacht haben.

Meine Frau, Bruder und Freunde grüßen mit mir Sie, die lieben Ihrigen

und alle gemeinsamen Freunde, von ganzem Herzen alles Gute, Schöne,

Glückliche: Gottes-Seegen wünschend!

_Sulpiz Boisserée_.

=Bothe, Friedrich Heinrich.=

Seitdem Tieck’s beredeter Mund im Tode verstummte, bei wem wäre

über die Bedeutung vieler einzelner Blätter in diesem Nachlasse

bunt durcheinander geworfener Briefschaften Aufschluß zu suchen,

als bei _Rudolf Köpke_, dem gewissenhaftesten, hingebendsten,

eingehendsten aller Biographen, die da waren und sein werden.

Dieser unermüdliche Durchforscher des Tieck’schen Herzens von

dessen frühesten Lebensjahren bis zum sanften Ende des verklärten

Greises, sagt uns, daß Bothe Ludwig’s stürmische Bewerbungen um

erwiedernde Freundschaft nur durch schnöde Kälte vergolten habe.

Die beiden Mitschüler standen sich als zwei total verschiedene

Naturen so fern wie möglich, und dennoch kämpfte des Einen feurige

Liebe immer wieder um Gegenliebe. Ja, man könnte sagen: Tieck hat

sich förmlich weggeworfen, um nur ein zärtliches Wort zu erbetteln,

-- und immer vergeblich. Er machte alle Wasser- und Feuerproben

stolzverschmähter Sehnsucht durch, und es brauchte lange, eh’

er zu dem Entschlusse kam, sich loszureißen. Dann entließ er

solch’ gefühllosen Pedanten allerdings mit dem unzweideutigen

Abschiedsworte: „So geh’ denn, dummer Junge!“

Daß ihr Wiedersehn in Halle (1792) keine gesegneteren Früchte

trug, ist leicht begreiflich. Dreiunddreißig Jahre später sind

sie in Mannheim, von wo aus B. sich als „rühriger Philolog“

bekannt gemacht hatte, abermals zusammengetroffen, und wie Tieck

ihn da fand, sah er nun wohl klar, „daß nur schwärmerischer

Jugend-Enthusiasmus“ von Freundschaft habe träumen können zwischen

Jenem und ihm selbst.

Aus dieser Epoche schreibt sich der erste der aufgenommenen Briefe.

Der zweite, siebzehn Jahre nacher, ist an _den_ Tieck gerichtet,

der von einem geistreichen Könige geehrt und persönlich geliebt,

hohe Achtung am Hofe genießt und dessen fördernde Protektion

erbeten wird.

Der zum Jüngling erwachsende Knabe hat auf des glühenden Jünglings

feurige Liebe kalten Hohn gegossen. Der alte Mann wendet sich

jetzt, kühnen Vertrauens voll, an den einst Verstoßenen, dessen

Protektion er nachsucht. Wie liebenswürdig muß der alte T. dem

alten B. in Mannheim entgegengetreten sein, daß der Letztere dazu

Muth fand!

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 130 / 326 题