I.

_Mannheim_, den 12. Juni 1825.

_Mein theuerster Freund._

Dein traulicher Besuch neulich war so kurz, daß ich mich hier noch ein

wenig ausplaudern muß.

Daß Du, durch Dein Wort gebunden, an jenem schönen Abend nicht bei uns

bleiben, von unserem Brodt essen, von unserem Wein trinken konntest,

that mir weh: denn wie selten im Leben sind so heitere Augenblicke, wo

alle Repräsentation wegfällt, und wir nach langer Zeit endlich einmal

wieder bloß wir selber sind! Kommst Du wieder hieher, so mache mir doch

ja diese Freude!

Deinen Shakspeare erwarte ich mit Verlangen; so auch Deine Werke. Läse

ich nur nicht so ungern Gutes auf Löschpapier, und wären die bessern

Ausgaben nicht so theuer! Doch _muß_ ich dies Beides haben,

wenn auch nicht auf der Stelle, doch mit der Zeit; denn eine ganze

Wagenladung Berufsschriften, die ich vor Kurzem anschaffen mußte, hat

jetzt meine Kasse erschöpft, über die ohnedis Göttin Abundanzia nicht

waltet. --

Der Hofbuchhändler Götz, der mich eben besucht, und hört, daß ich an

den berühmten Dichter Tieck schreibe, von dem er so Vieles auswendig

weiß, bittet mich, diese Erstlingsgabe seiner Muse Dir mitzusenden. Der

junge, schöne Mann, ein Enkel des anakreontischen Götz, dem Ramler die

Krallen, vielleicht auch etwas die Flügel stutzte, scheint mir etwas zu

versprechen, trotz mancher, meist provinzieller Inkorrektheiten.

Sieh doch zu, was an der Sache ist, und, wenn er Aufmunterung verdient,

so laß doch gelegentlich ein gütiges Wort über ihn in der Abendzeitung,

oder in der Leipzig. Lit. Ztg., oder wo Du sonst willst, fallen. Wie

glücklich würde ihn Das machen, den Bescheidenen!

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 131 / 326 题