München am 30. Septbr. 1832.
Es freut mich Ihnen, mein innigst geliebter Freund, endlich einmal
ein Lebenszeichen geben zu können. ~Dr.~ Braun aus Gotha bietet mir
die Gelegenheit dazu, und ich ergreife sie um so lieber, als ich
Ihnen denselben recht wohl empfehlen kann. Dieser junge Mann hat 2½
Jahre hier zugebracht und ist allen, die ihn näher kennen gelernt,
lieb geworden; er besizt viele philologische Kenntniße besonders auch
von altdeutscher Litteratur, zugleich hat er sich mit dem Studium
der Kunst und der Kunstgeschichte beschäftigt. Er wird Ihnen auf
die mannichfaltigste Weise von dem hiesigen wissenschaftlichen und
artistischen Treiben berichten und erzählen können.
Mein Wunsch, Sie auf der Rückreise von Berlin nochmals zu besuchen,
ist mir leider durch das langweilige Kalte Fieber vereitelt worden,
welches mich Zehn Tage nach meiner Ankunft in der vielgepriesenen Stadt
befallen, dann mit seinen schlimmen Folgen mich Monate lang geplagt und
endlich mich aber und abermals heimgesucht hat. Alle meine Plane sind
mir durch dieses verwünschte Fieber verdorben worden; erst vor einigen
Tagen hat es mich wieder verlaßen, und ich wage noch kaum zu hoffen,
daß es das letzte Mal gewesen sey.
Die kurze Zeit, die ich bei Ihnen zugebracht, gewährt mir immer die
liebste Erinnerung von der ganzen Reise. Könnte ich es möglich machen,
meinen Besuch bald zu wiederholen, oder einstweilen auch nur einen
Briefwechsel mit Ihnen anzuknüpfen, von dem ich hoffen dürfte, daß
Sie ihn gerne unterhalten möchten! Heute kann ich nur diese Wünsche
ausdrücken, ich bin auf alle Weise zu sehr bedrängt. Es wird aber wohl
die gute Stunde kommen, wo mir ein Mehreres gelingt, ich werde sie
nicht vorbeigehen laßen. Das Leben ist so kurz, daß man kein Mittel
vernachläßigen sollte, sich mit denen zu unterhalten, die uns die
liebsten Freunde sind; und es gehört mit zu meinen Leiden, daß ich
durch das Fieber abgehalten worden, gleich im ersten Nachhall unserer
Gespräche Ihnen zu schreiben, wie ich mir es vorgesetzt hatte. Also bis
Nächstens.
Meine Frau, mein Bruder und Bertram grüßen mit mir Sie und die lieben
Ihrigen auf das freundschaftlichste und unter den herzlichsten besten
Wünschen
ganz
Der Ihrige
_Sulpiz Boisserée_.
Auch den gemeinschaftlichen Freunden alles Liebe und Gute.