Jonas ermahnt die Bewohner von Ninive, sich zu bessern.]

In der Bibel wird Ninive noch an andern Stellen erwähnt. Schon das

1. Buch Moses berichtet, daß Nimrud von Babel nach Assyrien zog und

Ninive baute. Zum Propheten Jona geschah das Wort des Herrn: „Mache

dich auf und gehe in die große Stadt Ninive und predige wider sie, denn

ihre Bosheit ist heraufgekommen vor mich.“ -- „Da machte sich Jona auf

und ging hin gen Ninive, wie der Herr gesagt hatte. Ninive aber war

eine große Stadt vor Gott, drei Tagereisen groß. Und da Jona anfing

hineinzugehen eine Tagereise in die Stadt, predigte er und sprach: Es

sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Da glaubten die

Leute zu Ninive an Gott und ließen predigen, man sollte fasten, und

zogen Säcke an, beide groß und klein.“ -- „Da aber Gott sah ihre Werke,

daß sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er

geredet hatte ihnen zu tun, und er tat es nicht.“ -- Er sagte: „Mich

sollte nicht jammern Ninive, solcher großen Stadt, in welcher sind mehr

denn 120000 Menschen, die nicht wissen Unterschied, was rechts oder

links ist, dazu auch viele Tiere?“

[Illustration: Eine Frau trägt Wasser aus dem Tigris nach Hause.]

Als Tobit den Tod herannahen fühlte, sprach er zu seinem Sohn Tobias:

„Siehe, mein Sohn, ich bin alt und bereit aus dem Leben zu scheiden.

Nimm deine Söhne und begib dich nach Medien, mein Sohn. Denn ich

glaube, Ninive wird zerstört werden, wie es der Prophet Jona gesagt

hat.“ Darauf zog Tobias mit den Söhnen nach Ekbatana (Hamadan) in

Medien, wo er in hohem Alter aus dem Leben schied. Und ehe er starb,

erfuhr er den Untergang Ninives: es wurde von Nebukadnezar und Asverus

erobert. So durfte er sich vor seinem Tode über Ninives Fall freuen.

Der jahrtausendelang berühmte Name ist auch dem Menschensohn über die

Lippen gekommen. In einer Unterhaltung mit den Schriftgelehrten und

Pharisäern sagte Jesus: „Ninives Männer werden im Gericht mit diesem

Geschlecht auferstehen und es verdammen. Denn sie besserten sich nach

Jonas’ Predigt, und siehe hier ist mehr als Jonas.“

Von der Vernichtung „der großen Stadt“ spricht schließlich der Prophet

Zephanja in mächtigen Worten: Der Herr Zebaoth „wird seine Hände

strecken gen Mitternacht und Assur umbringen. Ninive wird er öde

machen, dürr wie eine Wüste, daß darin sich lagern werden allerlei

Tiere bei Haufen, auch Rohrdommeln und Igel werden wohnen in ihren

Säulenknäufen, und Vögel werden in den Fenstern singen, und auf der

Schwelle wird Verwüstung sein, denn die Zedernbretter sollen abgerissen

werden. Das ist die fröhliche Stadt, die so sicher wohnte und sprach in

ihrem Herzen: Ich bins und keine mehr. Wie ist sie so wüst geworden,

daß die Tiere darin wohnen! Und wer vorübergeht, pfeift sie an und

klatscht mit der Hand über sie.“

* *

*

Schon im Jahre 1575 vermutete der deutsche Arzt Rauwolff, daß die Hügel

gegenüber Mosul das alte Ninive einschlössen. Der Engländer James

Rich, der den ersten Anlaß zu den später systematisch betriebenen

Ausgrabungen in Mesopotamien gab, war von der Richtigkeit der

Annahme Rauwolffs überzeugt und schickte von Ninive Ziegelsteine mit

Keilschrift ins Britische Museum. Im Jahre 1842 legte der französische

Konsul Botta den Palast in Chorsabad bloß, das die Residenz Sargons

II., des Eroberers von Samaria, war, und 1847 machte der Engländer

Henry Layard großartige Entdeckungen in Ninive und Nimrud, wo er unter

anderm vier assyrische Paläste untersuchte. Seitdem ist die Entwicklung

der Ausgrabungen zu Ninive ein Siegeszug der Wissenschaft geworden, an

dem Engländer, Deutsche, Franzosen und Amerikaner mit gleichwertigen

Erfolgen beteiligt sind.

In dem Dorf Kujundschik auf den Hügeln von Ninive fanden Layard und

sein Gehilfe, der in Mosul geborene Hormuzd Rassam, in 22000 Tontafeln

aus der Zeit Sardanapals (Assurbanipals), des letzten großen Königs von

Assyrien (668-626), die älteste Bibliothek der Welt.

Jetzt besitzen die Museen Europas und Amerikas über 100000 solcher

Tafeln -- ein ungeheures Material, dessen Bearbeitung noch viele Jahre

erfordert; 1909 war unter andern C. Bezold schon ein Jahrzehnt lang mit

seiner Deutung beschäftigt. Die Franzosen entdeckten die herrlichen

Statuen des Königs Gudea, und in Susa die berühmten Gesetze des

Hammurabi. Amerikaner arbeiteten in Nuffar in Südbabylonien und fanden

1880-1900 Massen äußerst wertvoller Überreste aus dem 3. Jahrtausend,

die Hilprecht geschildert hat.

Dazu kamen im Jahr 1888 die sogenannten Amarnatexte, die jetzt in

Berlin, Kairo und London aufbewahrt werden. Bei dem Dorf Tell el-Amarna

zwischen Memphis und Theben fand eine Bauernfrau eine Steinkiste mit

300 Tafeln aus gebranntem Ton; sie enthielten Briefe der im 15. und 14.

Jahrhundert v. Chr. regierenden Pharaonen und westasiatischer Fürsten,

die jenen tributpflichtig waren. Dieser Fund warf neues Licht auf die

Geschichte Vorderasiens und die Verbindungen zwischen Assyrien und

Ägypten. Einen dieser Briefe aus dem 15. Jahrhundert schrieb ein König

Abdichiba in Urusalim (Jerusalem), das Pharao seinen Herrn nannte;

schon ein halbes Jahrtausend vor Salomo wird also die heilige Stadt in

einer Urkunde erwähnt.

[Illustration: Die Seldschukenburg.]

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Die Keilschrift und die älteste Bibliothek der Welt.

Wahrscheinlich im vierten Jahrtausend v. Chr. wanderten von

Arabien die Ostsemiten nach Südbabylonien ein. Ihre Sprache war

das Babylonisch-assyrische, ein Name, der aus den einheimischen

Worten Babilu und Aschschur, Babel oder griechisch Babylon und Assur

oder Assyrien gebildet ist. Die semitischen Einwanderer, deren

ursprüngliche Heimat jedenfalls Nordafrika war, fanden das Land von

den Sumerern bewohnt, einem nichtsemitischen Volke, dessen Urheimat

wahrscheinlich Zentralasien war. Diese Sumerer sind die ältesten

Bewohner Mesopotamiens. Sie wohnten in Ziegelhäusern, bauten ihren

Göttern Tempel, trieben Ackerbau, Viehzucht und Jagd und besaßen

eine uralte Kultur, deren Höhe zahlreiche Urkunden besonders aus

der Regierungszeit des Königs Gudea beweisen. Die lebensgroßen, aus

Diorit gehauenen Standbilder Gudeas, die jetzt im Louvre zu Paris

aufbewahrt werden, zeugen von einer Kunst, mit der sich kein anderes

Land des morgenländischen Altertums messen kann; niemals hat Asien

vor der Blütezeit der griechischen Skulptur trefflichere Plastiken

hervorgebracht.

[Illustration: Naima, 20jährige Chaldäerin aus Mosul.]

Urkunden aus der Zeit Sargons I., etwa 2850 Jahre v. Chr., erwähnen zum

erstenmal die werdende Reichshauptstadt Babel oder Babylon; der König

habe hier zwei Tempel gebaut. Unter seiner Regierung gewannen auch

die Semiten erst die Herrschaft über das ganze Land. In der ältesten

Zeit Babyloniens oder Sinears lebten die Sumerer überwiegend in

Südbabylonien, das Sumer hieß, die Semiten in Nordbabylonien oder Akkad.

Von Sargon I. berichten zwei Tontafeln eine Geschichte, die an die

Aussetzung des Moses erinnert. Sargon, heißt es, wurde am Ufer des

Euphrat geboren. Seine Mutter legte ihn in einen verschlossenen,

durch Erdpech gedichteten Schilfkorb und warf ihn in den Strom.

Der Wasserträger Akki fand ihn und erzog ihn zum Gärtner. Aber die

Liebesgöttin Ischtar erhob ihn zum König über die schwarzköpfige

Menschheit. Sargon regierte in der Stadt Akkad in Nordbabylonien. Aber

diese Stadt war nicht die erste Kulturmetropole. Denn vor Sargon gab

es vier sumerische Hegemonien, unter ihnen die der Stadt des Kisch,

dessen Herrschaft die Stadt Sirpurla oder Lagasch, das jetzige Tello

am Schatt-el-Hai, unterstand. Sargon unterwarf ganz Sumer, doch

gewann Sirpurla unter Gudea (etwa 2600) seine Unabhängigkeit zurück.

Inschriften aus seiner Zeit berichten von Kämpfen zwischen Babylonien

und Elam. Aus französischen Funden geht hervor, daß die Könige der

Elamiten viele Plünderungszüge nach Babylonien unternahmen.

Die Sumerer besaßen eine Schriftsprache, die schon bei den klassischen

Schriftstellern Beachtung fand, denn alle Ruinen und Kunstdenkmäler

der Euphrat- und Tigrisländer, Persiens und Armeniens waren mit den

geheimnisvollen Zeichen dieser Schrift bedeckt. Europäische Reisende

des vierzehnten Jahrhunderts brachten mancherlei Kunde darüber in ihre

Heimat, und der berühmte italienische Reisende Pietro della Valle

machte im Jahre 1621 zuerst einige dieser Zeichen in Europa bekannt.

Ein französischer Kaufmann namens Chardin, der in den Jahren 1664-1670

und 1671-1677 zwei große Reisen durch den Orient unternahm, teilte dann

in seinem vortrefflichen Werke „~Voyage en Perse et autres lieux de

l’Orient~“ (1711) die ersten vollständigen Inschriften mit.

[Illustration: Minarett in Mosul.]

Die neue Schrift hatte nur zwei Zeichen, den Keil und den Winkelhaken,

der wieder aus zwei rechtwinklig zusammengefügten Keilen bestand. Der

Keil stand senkrecht, wagerecht oder schräg, seine Spitze aber zeigte

immer nur nach unten oder nach rechts, und der Winkelhaken öffnete

sich nur nach rechts. Durch Vervielfachung und verschiedenartige

Gruppierung der Keile oder der Winkelhaken und durch mannigfaltige

Verbindung beider Zeichen schienen Laut- oder Wortbilder geformt zu

sein, die sich ohne Unterbrechung aneinanderreihten. Jede Rundung in

den Schriftzeichen fehlte; sie paßten sich ganz dem harten Material an,

in das sie eingehauen waren.

Die Bedeutung dieser Zeichen, meinte Chardin, werde man wohl niemals

ergründen. Aber schon Pietro della Valle hatte die Vermutung geäußert,

daß die merkwürdige Schrift von rechts nach links gelesen werden

müsse. Den Beweis dafür erbrachte der deutsche Forschungsreisende

Carsten Niebuhr, der von 1761-1767 Arabien bereiste, auch Persepolis,

die Hauptstadt der altpersischen Achämenidendynastie, besuchte und

alle dort erreichbaren Inschriften mit größter Genauigkeit kopierte.

Er erkannte außerdem, daß jene beiden Zeichen, Keil und Winkelhaken,

drei verschiedene Schriftsysteme bildeten, und daß diese drei

Systeme stets zusammen vorkamen; ein- und derselbe Text war offenbar

in verschiedenen Schriftarten eingegraben, die stets in gleicher

Ordnung aufeinanderfolgten: erst die einfachste, bei der Niebuhr 42

verschiedene, aus Keil und Winkelhaken gebildete Zeichen feststellte,

ihr folgte eine an Wort- oder Lautbildern reichere, und zuletzt kam

die schwierigste, die die beiden andern an Mannigfaltigkeit der Bilder

übertraf. Eine Entzifferung der Schrift erschien aber noch unmöglich,

da man ja nicht wußte, welche Sprache sich darunter verbarg.

Aber gerade das Rätselhafte dieser Schrift ließ den Scharfsinn der

Gelehrten nicht ruhen. Im Jahre 1798 fand der Rostocker Professor

Tychsen heraus, daß nach höchstens zehn Keilschriftzeichen regelmäßig

ein einzelner schräger Keil wiederkehrte; das müsse der Wortteiler sein

-- eine Vermutung, die sich vollkommen bestätigte und für die weitere

Forschung grundlegend wurde. Schon vier Jahre später gelang es einem

jungen deutschen Schulmann namens Georg Friedrich Grotefend, ohne

Kenntnis der morgenländischen Sprachen, nur durch geniale Kombination,

des Rätsels Lösung zu finden. Es handle sich, erklärte er, nicht

um dreierlei Schriftarten, sondern um drei verschiedene Sprachen;

die erste und einfachste müsse die des Herrscherhauses, demnach die

altpersische sein, von der damals nur Bruchstücke bekannt waren.

Viele der ihm vorliegenden Inschriften, die Niebuhr aus Persepolis

mitgebracht hatte, waren Unterschriften unter Bildern alter Könige,

und in diesen Unterschriften traten bestimmte Zeichengruppen

regelmäßig auf. Dieselbe Erscheinung zeigte sich in spätpersischen

Denkmalinschriften, die man damals bereits lesen konnte. Das immer

Wiederkehrende waren die üblichen Titel: König, König der Könige,

großer König. Da nun dieser Kurialstil im Morgenland durch die

Jahrtausende hindurch derselbe geblieben ist, schloß Grotefend, daß

diese gleichartigen Zeichengruppen der Keilinschriften eben diese

Titel ausdrückten. Den Titeln voraus pflegten in den neupersischen

Inschriften die Namen zu gehen, teils im Nominativ, teils, wenn

auch der Vater eines Königs genannt war, im Genitiv; derselbe Name

mußte sich also in zwei Formen finden, einmal im Nominativ, dann

mit der geänderten Flexionsendung des Genitivs. Auch diese Annahme

stimmte, und aus der Form der Titulaturen auf den von ihm zugrunde

gelegten Inschriften schloß Grotefend weiter, daß darin nur von drei

aufeinanderfolgenden Königen, Großvater, Vater und Sohn, die Rede sein

könne. Da die drei Namen verschieden waren, erlaubte die Geschichte der

Dynastie nun den weiteren Schluß, daß jene Inschriften von Hystaspes,

Darius und Xerxes berichteten. Die richtigen altpersischen Formen jener

Namen zu finden, machte allerdings noch Schwierigkeiten, aber auf

diesem Wege gelang es Grotefend, von den zweiundvierzig Zeichen der

ersten Schriftart elf vollkommen richtig zu deuten.

[Illustration: Seitenportal der Grabmoschee Imam Auneddin in Mosul.]

Mangel an Sprachkenntnis brachte seine Weiterarbeit ins Stocken,

aber nun setzten berufene Orientalisten, vor allem Eugen Burnouf und

Eduard Lassen, die Deutungsarbeit mit Erfolg fort. Zur gleichen Zeit

entdeckte Sir Henry Rawlinson als Offizier der persischen Armee die

berühmte Inschrift des Darius Hystaspes auf einer steilen Felswand

des Berges Behistun bei Kirmanschah, und angeregt und gefördert

durch die deutschen Forschungen begann er nach gründlichem Studium

der morgenländischen Sprachen die Entzifferung seines Fundes, die er

1847 vollendete. Grotefends Kombinationen hatten sich als vollkommen

richtig erwiesen, und das rätselhafte Schweigen der Keilschrift war

damit gebrochen, wenigstens der einfachen, deren Sprache zwar nicht das

altpersische Zend, aber doch nahe damit verwandt war.

Die beiden anderen Sprachen, die jedesmal Übersetzungen der ersten

waren, machten größere Schwierigkeiten. Aber auch sie wurden

überwunden. In der zweiten Sprache erkannte man das Elamitische

oder Susische, und in der dritten, die erst nach den Ausgrabungen

in Mesopotamien, wo man reichliches Vergleichsmaterial fand,

gedeutet werden konnte, die babylonisch-assyrische, deren Geheimnis

von Rawlinson, de Saulcy, Hincks und Oppert ergründet wurde. Die

babylonisch-assyrische Sprache erwies sich als semitisch, also mit

dem Hebräischen, Phönizischen, Arabischen und Äthiopischen verwandt.

In Deutschland führten dann Eberhard Schrader (gestorben 1908) und

Friedrich Delitzsch die Assyriologie zum Siege; der erstere hat bereits

einige Generationen von Schülern, die sich der jungen Wissenschaft von

der alten Geschichte der Menschheit mit unbestrittenem Erfolge widmen.

Die Keilschrift wurde, wie schon erwähnt, von den Sumerern erfunden,

sie war also ursprünglich für eine nichtsemitische Sprache berechnet.

Sie bestand aus begrifflichen Wort- und lautgemäßen Silbenzeichen,

während die reinen Lautzeichen völlig fehlten. Als nun die semitischen

Einwanderer die Schrift übernahmen, um ihre Sprache darin auszudrücken,

entstanden so viel Schwierigkeiten und Undeutlichkeiten, daß sie

auch im Altertum nur von Gelehrten gelesen werden konnte. Die

babylonisch-assyrische Sprache, in dieser Schrift ausgedrückt, war

spätestens im zweiten vorchristlichen Jahrtausend in der ganzen

vorderasiatischen Welt allgemein üblich. Daß sich die assyrischen

Gelehrten Jahrtausende lang einer so verwickelten Schrift mit

ihren ungeheuerlichen Begriffszeichen und übrigen Sonderbarkeiten

bedienten, spricht nicht eben für ihren praktischen Sinn. Umsomehr

aber muß man den Scharfsinn und die Energie der europäischen

Gelehrten des neunzehnten Jahrhunderts bewundern, denen es gelang,

das Dunkel zu zerstreuen und den Schleier zu heben, der bis dahin die

Kulturgeschichte von Jahrtausenden verhüllt hatte. --

Zum Schluß noch einige Worte über die in Ninive gefundene Bibliothek

Sardanapals, die älteste Bibliothek der Welt. Sie besteht aus

22000 Tontafeln. Die Schrift auf diesen Tafeln wurde in den Ton

eingeprägt, während dieser noch weich war; man erkennt darauf sogar

die feinen Linien der Fingerhaut. Dann wurden die Tafeln gebrannt.

Jede Tafel ist ein Blatt; mehrere bilden ein Buch oder eine Serie.

Ihre Zusammengehörigkeit ergibt sich aus besonderen Aufschriften. Sie

ermöglichen uns, 2500 Jahre nach dem Verschwinden der Assyrier die

Schätze ihrer Buchkammern zu ordnen. Diese einzigartige Bibliothek ist

ein vollständiges Kompendium der assyrischen Kultur und der Weisheit

jener Zeit und zugleich ein unvergängliches Denkmal eines der größten

Könige des Altertums.

[Illustration: Petros Karso, Chaldäer in Mosul.]

Die historische Erzählungskunst der alten Assyrier ist vielseitig

und genau und zeichnet sich durch eine achtenswerte Geschicklichkeit

in der chronologischen Anordnung aus. Das Archiv Sardanapals

enthält Schilderungen des Lebens der Könige, ihrer Feldzüge, ihrer

Bauunternehmungen und ihrer Regierungshandlungen zum Besten des Volkes

und zur Größe des Reiches. Da finden sich Briefe und Befehle an und

von Landeshäuptlingen und Vasallen, Proklamationen, Bittschriften,

Privatschreiben, Handelsverträge, Orakel und Adressen an den

Sonnengott, Anweisungen für die Opferrituale, die mit den Vorschriften

im Buche Moses viele Züge gemeinsam haben, Gebete und Hymnen, die

von den Sumerern übernommen sind und die Namen und Funktionen der

verschiedenen Götter enthalten -- ja in dieser uralten Bibliothek fand

sich auch der babylonische Schöpfungs- und Sintflutmythus, der viele

Berührungspunkte mit der Bibel aufweist.

Der babylonische Sintflutbericht ist in Kürze folgender: „Auf göttliche

Eingebung hin baut Ssitnapischtim, der babylonische Noah, die Arche,

belädt sie mit Gold, Silber und Lebenssamen aller Art, bringt seine

Familie, seine Angehörigen, Vieh und Getier des Feldes an Bord und

verschließt die Schiffstüren. Dann kommt die Sintflut als eine

Strafe der Götter für die Bosheit der Menschen. Sobald das Morgenrot

aufleuchtete, stieg vom Fundament des Himmels eine schwarze Wolke

empor. Der Sturmgott donnert darin, und Nebo und Marduk schreiten

voran. Die Herolde ziehen über Berg und Tal, den Schiffsanker reißt

Nergal los. Ninib geht dahin und läßt einen Angriff folgen. Die

Annunaki erheben ihre Fackeln und lassen das Land mit deren Glanz

erglühen. Adads Ungestüm dringt bis zum Himmel hinan, und alles Licht

wird verwandelt in Finsternis. Sechs Tage und sechs Nächte rasen die

großen Wasser. Dann beruhigt sich das Meer. Die Sturmflut hört auf, und

die Arche sitzt auf dem Berge Nissir fest. Am siebenten Tage ließ ich

eine Taube hinaus und los. Die Taube flog fort und kam zurück; da aber

kein fester Grund da war, kehrte sie um. Ssitnapischtim läßt nun eine

Schwalbe ausfliegen. Auch sie kehrt zurück, ohne festen Grund gefunden

zu haben. Schließlich schickte er einen Raben aus, der sah das Wasser

schwinden und kam nicht zurück. Da ließ Ssitnapischtim alle Menschen

und Tiere hinausgehen und opferte auf dem Gipfel des Berges. Die Götter

rochen den Duft, und Bel ließ sich bewegen, in Zukunft die Sünden der

Menschen anders als durch die Sintflut zu bestrafen, nämlich durch

wilde Tiere, Hungersnot und Pestilenz.“

Dieser Bericht gelangte später in das Land Kanaan und findet sich im

1. Buch Moses wieder, wo er jedoch, wie Delitzsch zeigt, in weniger

ursprünglicher Gestalt vorliegt.

Sardanapals Bibliothek enthält ferner die ältesten medizinischen

„Handbücher“ der Welt. Sie beschreiben die physischen und psychischen

Krankheiten, ihre Heilmittel und die Beschwörungen dagegen.

Geisteskrankheiten galten als Werke der Dämonen. Traumbücher sprechen

von Träumen und ihrer Auslegung. Die Deutung der Vorzeichen war

eine Wissenschaft für sich. Man prophezeite die Regierungszeit der

Könige, die Siege, die sie erringen sollten, und das Glück, das sie

genießen würden. Man sprach im voraus über bevorstehende Ereignisse,

über Seuchen, Kriege und Heuschrecken, über Ernte, Jagd und Fischfang.

Die Bewegungen der wilden Tiere, das Verhalten der Haustiere, der

Flug der Vögel, der Biß der Skorpione -- alles hatte seine Bedeutung,

die sich den Weisen offenbarte. Aus der Leber des Schafs zog man

Schlüsse, ebenso aus der Art des Sesamöls und den Farbenabstufungen

der Wasseroberfläche -- es war das, sagt Bezold, die Lehre von den

Interferenzfarben, die 4000 Jahre später von Newton untersucht wurden.

Das Wetter und seine Elemente hatten gleichfalls große Bedeutung,

und zukünftige Ereignisse wurden von den Wolken, ihren Bewegungen

und ihrer Ähnlichkeit mit Tieren, abgelesen. Zahllose astrologische

Prophezeiungen finden sich in Sardanapals Bibliothek. So z. B.: „Eine

Mondfinsternis am 11. Tag wird Verderben über die Länder Elam und

Phönizien bringen, Glück aber dem Könige, meinem Herrn. Möchte das Herz

des Königs, meines Herrn, ruhig bleiben.“

Kurz nach Sardanapals Zeit entwickelte sich die Astrologie zur

Astronomie, und Babylon wurde die Heimat der astronomischen

Beobachtung. Die Sternbilder des Stieres, der Zwillinge, der Fische

hatten Namen, die noch bis in unsre Zeit fortleben. Die Ekliptik war in

360 Grade eingeteilt, der Tag in zwölf Doppelstunden von 120 Minuten,

und eine Doppelstunde entsprach 30 Grad. Der 7., 14., 21. und 28. Tag

jedes Monats war Gebetstag oder Sabbat, die Woche hatte also sieben

Tage. Allem Anschein nach waren die alten Semiten des Zweistromlandes

erstaunlich bewandert in Mathematik.

So enthält Sardanapals Bibliothek den ganzen Schatz der

babylonisch-assyrischen Kultur und berührt alle Gebiete geistiger

Betätigung mit Ausnahme der des Dramas. Ohne jemals die Namen ihrer

Verfasser zu nennen, kommen hier, wie an andern Stellen Mesopotamiens,

immer neue Funde dieser Art an den Tag, die unsre Kenntnis der

Vorzeit wunderbar vervollständigen. Auch der Laie fühlt sich davon

unwiderstehlich gefesselt, besonders wenn er, wie ich, so glücklich

war, dies erinnerungsreiche Land selbst zu durchwandern.

[Illustration: Indische Gefangene auf dem Weg nach Demir-kapu.]

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Über Mardin zurück nach Aleppo.

Mit meinem Besuche Ninives war der erste Teil meiner diesmaligen

Reise abgeschlossen. Der zweite, über den ich in einem besonderen

Buche berichten werde, sollte in Jerusalem seinen Höhepunkt finden.

Der einfachste Weg dorthin ging über die türkische Etappenstraße

Nesibin-Ras-el-Ain zurück nach Aleppo. Begangene Pfade aber haben

mich nie gereizt. Um so verlockender erschien mir der Versuch, das

Zweistromland Dschesire und die syrische Wüste zu durchkreuzen und so

Palästina zu erreichen.

Ohne starken Schutz wäre dieser Weg aber sehr unsicher gewesen. In

diesem Teil des Dschesire haben die Schammar-Araber mehrere ihrer

Sommerlager, und sie pflegen mit hergelaufenen Reisenden nicht viel

Federlesens zu machen. Dennoch schien sich mein Wunsch erfüllen zu

wollen, denn der Stammhäuptling der Schammar-Araber, der mächtige

Homedi, war dem deutschen Konsul Holstein in Mosul, in dessen Haus ich

verkehrte, sehr ergeben. Homedi hatte eben jetzt sein Hauptquartier

bei der alten arabischen Stadt Hatra, 90 Kilometer südwestlich von

Mosul, und der Konsul erbot sich, ihn rufen zu lassen und mich

seinem mächtigen Schutze anzuvertrauen. Er sollte mich unter starker

Beduinenbedeckung durch die Wüste geleiten lassen.

Schon waren die Kamele für diese Wanderung bestellt und alles

reisefertig, als sich unübersteigliche Hindernisse meinem Plan

entgegenstellten. Bis Hatra, erklärten Homedis Vertreter in Mosul,

könne ich ohne Schwierigkeit kommen, da sich an mehreren Stellen dieses

Weges Trinkwasser finde. Von da bis Der-es-Sor am Euphrat, auf einer

Strecke von 240 Kilometern, gebe es nur zwei Quellen mit salzhaltigem

Wasser, das zur Not auch trinkbar sei. In diesem Sommer aber seien

beide Quellen, wie die ganze Gegend, derartig von Heuschrecken

überschwemmt, daß sich statt des Wassers nur ein Brei toter Insekten

finde, und nicht einmal die Beduinen diesen Weg zu benutzen wagten.

So blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit der 320 Kilometer

langen Etappenstraße zu bescheiden. Professor Tafel, der den Auftrag

erhalten hatte, die Euphratufer zu vermessen, schloß sich mir an, und

Konsul Holstein hatte mir noch zwei Deutschrussen zugeführt, die bei

Kriegsbeginn in Kaukasien interniert, aber von dort geflüchtet waren

und unter fabelhaften Abenteuern vor einem Monat Mosul erreicht hatten.

Sie wollten nach Deutschland zurück, um ins Heer einzutreten, und da

ich in meinen beiden Wagen, einer herrlichen, uralten, vierspännigen

Karosse, die mir ~Dr.~ Jaromylek verschafft hatte, und einem

Lastfuhrwerk Platz genug hatte, ließ ich mir diese Begleitung gerne

gefallen.

Am 20. Juni verabschiedete ich mich von dem Herzog und seinem Gefolge,

das sich um Major Gravenstein, Hauptmann von Stülpnagel, Graf Kanitz,

den Archäologen ~Dr.~ Herzfeld und etliche Offiziere vermehrt

hatte, und beim nächsten Morgengrauen brachen wir von Mosul auf.

Tafel und ich fuhren in meiner Droschke; dann folgten unsere drei

Lastwagen mit Gepäck und Besatzung, und schließlich auf arabischen

Pferden unsre asiatische Begleitung, darunter mein Diener Sale und

zwei Gendarmen, die für unsere Sicherheit haften sollten. Denn noch

vor zwei Tagen waren auf unserm Wege türkische Offiziere aus einem

Hinterhalt von Schammar-Arabern angeschossen worden. Ein deutscher

Arzt, der zum Stabe des Herzogs stoßen sollte und desselben Weges kam,

hatte sich der Verwundeten angenommen. Ähnliche Überfälle, noch dazu

am hellichten Tage, waren nichts Seltenes. Die Türken hatten also auf

dieser Etappenstraße, der zukünftigen Linie der Bagdadbahn, durch die

Unzuverlässigkeit der Araber mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen.

Die deutsche Uniform und besonders der große weiße Tropenhelm galten

übrigens als der wirksamste Schutz gegen derlei Überraschungen.

Schon hinter der ersten Gendarmeriestation, dem Dorfe Humedad, ertönte

denn auch vor uns plötzlich ein Schuß. Die Wagenkolonne blieb stehen,

Tafel warf sich auf eines seiner Pferde und ritt mit den Gendarmen den

verdächtigen Gestalten entgegen, die sich vor uns zeigten. Es war aber

nichts als eine harmlose Mauleselkarawane, und ihre Begleiter hatten

nur deshalb geschossen, um uns, falls +wir+ etwa Straßenräuber

seien, darauf aufmerksam zu machen, daß sie nicht ohne Waffen seien.

[Illustration: Halil, Araber in Amuda.]

Als wir in der folgenden Nacht am Bache bei Högna rasteten, wurden

wir durch Pferdegetrappel, rasselnde Wagen und deutsche Kommandorufe

aus dem Schlafe geweckt. Eine Geschützbatterie zog heran, ihr

folgten eine Trainkolonne und eine Karawane von 600 Lastkamelen. Der

Batterieführer ließ in unserer Nähe biwakieren, an demselben Bache,

in dem einst die Reiter des Parmenion ihre Pferde tränkten. Die

Soldaten trugen leichte, feldgraue Uniformen und unter dem Tropenhelm

ein herabhängendes Tuch, das Nacken und Hals schützte. Auch eine

Mauleselkarawane unter Leutnant Erdmann, die von Mosul nach Aleppo

zog, fand sich hier ein. Der Weg nahm immer mehr den Charakter einer

Etappenstraße an. Deutsche und türkische Truppenabteilungen zogen nach

Osten an uns vorüber, gefallene Lasttiere lagen am Wege, und bei Auenat

war ein ganzes Zeltlager deutscher Offiziere emporgewachsen.

[Illustration: Deutsche Truppenabteilung in der Wüste.]

Auenat liegt am Rande der Wüste, und die nächsten 55 Kilometer mußten

in schnellster Fahrt ohne Aufenthalt zurückgelegt werden, da die

Schammar-Araber diese Gegend unsicher machten. Unsere Gendarmen hatten

uns verlassen, und neue hatten wir nicht auftreiben können; dafür hatte

sich Leutnant Erdmann mit seinen vier Burschen und seinen Mauleseln

uns angeschlossen. Die elfstündige Fahrt verlief aber ohne jeden

Zwischenfall. Wir begegneten nur einer großen deutschen Karawane und

überholten eine kleine türkische, der wir nicht wenig Angst einjagten;

außerdem sahen wir nur Züge englischer und indischer Gefangenen, die

sich mühsam vorwärtsschleppten; wer zusammenbrach, blieb rettungslos

liegen. Zwei Inder hatte dies Schicksal ereilt, ihre Leichen lagen

an der Straße. Im Westnordwesten loderte ein Steppenbrand wie ein

Fackelzug durch die Nacht.

[Illustration: Die deutsche Fahrkolonne bricht von Auenat auf.]

[Illustration: Türkische Kamele bei Auenat.]

Am Morgen war die Gefahrzone überwunden, und wir hielten am Ufer

eines lieblichen Baches, der das Tal von Demir-kapu (d. h. Eisentor)

durchrieselt, eine wohlverdiente Rast. Hier war ein Nokta, ein

Gendarmerieposten bzw. eine Garnison; ein paar Hütten standen neben

etlichen Feldern, auf denen Melonen und Gurken gezogen wurden. Der Bach

wimmelte von Fischen, und zahme Enten schwammen darauf. An einem Hügel

lagerten türkische Truppen, in ihrer Nähe englische Gefangene, und am

Abend ratterte eine Kolonne von vierzig deutschen Lastautomobilen auf

dem Wege nach Bagdad an uns vorüber.

Am andern Morgen, dem Sonnwendtag, waren wir lange vor Sonnenaufgang

schon auf dem Marsche und erreichten am Mittag Nesibin, wo wir unter

üppigen Bäumen am Ufer eines Armes des Dschardschar, der ein Nebenfluß

des Chabur ist, ein erfrischendes Bad nahmen und den Rest des Tages

bei 38,6 Grad Hitze ausruhten. Die Basare waren des Sabbaths wegen

geschlossen, denn der ganze Handel liegt in den Händen der Juden, und

keine Gurke war aufzutreiben. Obendrein hatten die vorüberziehenden

Gefangenen alles aufgekauft, so daß sich auf dem ganzen Wege ein Mangel

an Lebensmitteln bemerkbar machte.

[Illustration: Imastuhi Manukian, 25jährige Armenierin aus Trapezunt.]

[Illustration: Inder tragen trockenes Holz in ihr Lager.]

Am 25. Juni brachen wir beim ersten Vogelzwitschern wieder auf und

rollten durch die Dorfstraße, wo die Jüdinnen ihre Wasserkrüge aus

einem schmutzigen Kanal füllten, weiter nach Westen. Die aufgehende

Sonne beleuchtete wirkungsvoll die Ostfront der großen alten Festung

Nesibin mit ihren Fenstern und Schießscharten in der viereckigen

Mauer. Dann folgte Dorf auf Dorf. In Kasr Serdsche-han stand eine

Schar eben ausgehobener kurdischer Rekruten unter Bewachung einiger

türkischer Feldwebel, und eine alte Frau weinte und zankte mörderlich,

weil ihr Sohn zu den Ausgehobenen gehörte. In Amuda mußten wir einen

Tag und eine Nacht verweilen, weil Professor Tafel am Fieber erkrankt

war. Das Dorf hatte, wie diese ganze Gegend, kurdische Bevölkerung;

der Bürgermeister war trotzdem ein alter Araber, in dessen Haus eine

junge Armenierin diente, die man aus Trapezunt fortgeschleppt hatte.

Sie bat uns inständig, sie aus dem harten Dienst zu befreien und mit

nach Europa zu nehmen. Es war uns natürlich unmöglich, ihren Wunsch zu

erfüllen.

[Illustration: Indische Zelte bei Diger.]

Am 26. erreichten wir das wohlbekannte Bir-dava, wo ich drei Monate

vorher die trostlosen Regentage verbracht hatte. Von hier aus machte

ich einen Abstecher nach Mardin, der überaus malerischen Felsenstadt,

deren Häuser und Minarette wie Schwalbennester an den Abhängen des

Gebirges im Norden hängen. Aus dem flachen, eintönigen Tiefland

Mesopotamiens wieder einmal in eine Berglandschaft mit wilden Formen

und immer wechselnden Ausblicken emporzusteigen, war ein köstlicher

Genuß. Die Stadt mit ihren 30000 Einwohnern liegt 930 Meter hoch, und

über ihr auf dem senkrechten Gipfel des Kalksteinberges erhebt sich in

1300 Meter Höhe die Ruine der alten Festung.

[Illustration: Nesibin.]

Durch das neue schöne Stadttor führte eine gewundene, glatt

gepflasterte Straße so steil empor, daß immer wieder Steine unter

die Hinterräder meiner Karosse geschoben werden mußten, um deren

Zurückrollen zu verhindern, und auch die horizontaler gelegene

Basarstraße, die Hauptverkehrsader der Stadt, war so eng, daß mein

Wagen nicht einmal in den Hof eines Hans einbiegen konnte, sondern

draußen stehen bleiben mußte. Ein alter türkischer Veteran in

verschlissener Uniform führte mich zum Mutessarrif zur Durchsicht

meiner Papiere und dann in ein Kavekhane, ein gewaltiges, auf acht

Säulen ruhendes Gewölbe, das von braunen Orientalen dicht besetzt

war. Es waren Flüchtlinge aus Erserum, Trapezunt, Wan und Bitlis; sie

rauchten ihre Pfeifen oder Zigaretten, spielten Karte, nippten an

ihren Tee- oder Wassergläsern und vertrieben sich so in ansprechender

Nüchternheit die Zeit. Im kühlen Schatten genoß man durch die Fenster

und von einem Altan aus die herrlichste Aussicht auf die mesopotamische

Ebene; dort war unsere Straße nach Nesibin, die wir eben gekommen

waren, hier die nach Tell-Ermen, die ich am Abend einschlagen

sollte. Zu essen aber gab es hier nichts; dazu mußte ich eine andere

Gastwirtschaft aufsuchen, die hauptsächlich von türkischen Offizieren

und Beamten besucht wurde. Hier gab es Dolma (gehacktes Fleisch in

Kohlblättern), Joghurt und Brot. Im übrigen waren die Basarläden

ausverkauft; die nach Kaukasien ziehenden Soldaten hatten alles Eßbare

mitgenommen.

[Illustration: Vodsa, 12jähriges kurdisches Mädchen in Amuda.]

Die Kalksteinkette, auf der Mardin liegt, gehört zum Gebirgssystem

Tur-Abdin und fällt nach Norden so steil ab, daß die Gassen der

amphitheatralisch gebauten Stadt in die blaue Luft hineinzuführen

scheinen; man muß bis an den Rand hintreten, um sich zu überzeugen,

daß die Erde dort nicht aufhört, sondern sich in der Tiefe noch festes

Land befindet. Der Weg zu der ursprünglich römischen Festung hinauf

ist herrlich. Die ganze Stadt mit ihren viereckigen Häusern und Höfen,

ihren schmalen Gassen, ihren Moscheen und spitzen Minaretten liegt

wie auf einer Karte ausgebreitet da; die Abhänge fallen ohne hügelige

Übergänge jäh zur Ebene hin ab. Der Aufstieg zur Festung führt an hohen

Felswänden, Klüften und Grotten vorüber und endet in einer in den Fels

gehauenen steilen Treppe.

Am Rande des ganz ebenen Berggipfels standen einige alte Kanonen,

die ihre Schlünde schützend über die Stadt richteten. In den Ruinen

der alten Festungsmauern und -türme war ein Lagerplatz kurdischer

Deserteure; durch die Straßen der Stadt dort unten zog eben wieder eine

neue Schar solcher Memmen herauf; niedergeschlagen waren sie nicht,

denn ihr lauter Gesang hallte in den Bergen wider. Im Norden öffnete

sich ein breites Tal, durch das die Straße nach Diarbekr führt, zwei

Tagereisen nach Nordnordwest. Die nächsten Gebirgskämme erschienen

höher als der von Mardin. Dahinter war das Land ganz flach; nur in

größerer Entfernung hoben sich die blauen Farbentöne weiterer Berge

ab. Der südliche Abhang des Bergrückens von Mardin war mit Obstbäumen

bewachsen; dort gediehen Äpfel, Birnen, Walnüsse, Mandeln, Granatäpfel

und auch Wein; doch herrschte der graue Kalkstein mit seiner

einförmigen Öde vor.

Im westlichen Stadtteil besuchte ich einige syrische Steinhäuser mit

ihren kleinen, schattigen Höfen, auf denen Frauen und Kinder unter

schattigen Arkaden sich aufhielten. An der syrischen Kirche empfingen

mich mehrere graubärtige Priester in schwarzen Turbanen und schwarzen

Mänteln und einige Brüder in schwarzen Schleiern mit silbernen

Kreuzen auf der Stirn führten mich umher. Ein Teil der Kirche war

jetzt als Krankenhaus eingerichtet. Mardin hat auch chaldäische und

armenisch-katholische Kirchen und Klöster; anderthalb Stunden östlich

liegt zwischen Hügeln das im Jahre 1900 erbaute Kloster Der-es-Saferan.

Mehr als die Hälfte der Einwohner von Mardin sind Christen, die

übrigen Mohammedaner und Kurden. Der griechisch-unierte Patriarch hat

hier seine Residenz; auch hat Mardin eine römisch-katholische und

eine amerikanische Missionsstation. Der letzteren, die im äußersten

Westen der Stadt liegt und kürzlich den fünfzigsten Jahrestag ihrer

Gründung feiern konnte, stattete ich einen Besuch ab und traf dort

einige liebenswürdige Amerikanerinnen, Frau Dewey und ihre Tochter

und Fräulein Graf. Einer der Missionare lag krank darnieder; er hatte

nicht weniger als neununddreißig Jahre hier zugebracht, was bei aller

entzückenden malerischen Schönheit dieses Felsennestes doch zum

Verzweifeln sein muß.

[Illustration: Moschee in Mardin.]

Die Rückfahrt gestaltete sich ein wenig dramatisch. Auf der steilen

Straße geriet meine Karosse ins Rollen, die Bremse versagte, die

beiden Pferde glitten aus, eines stürzte, und die Deichsel stieß

gegen eine Mauer und zersprang wie Glas. Eine neue Deichsel war

nicht aufzutreiben, die alte mußte daher bei einem Schmied im Basar

notdürftig geflickt werden. Bis sie fertig war, schrieb ich in meinem

Wagen mein Tagebuch, wobei mir eine Schar von Jungen und Erwachsenen

neugierig zusah. Darüber brach der Abend herein.

Endlich kam der Gendarm, den mir der Mutessarrif mitgegeben hatte,

mit der Deichsel an, und wir fuhren langsam weiter. Zwei Pferde

hatte ich mit einem kleinen Stallburschen bis zur ersten Wegbiegung

vorausgesandt. Aber als wir jetzt dort anlangten, war der Junge nicht

zu finden. Sale mußte auf dem Pferd des Gendarmen in die Stadt hinauf

zurückreiten, entdeckte aber auch dort nichts von dem Flüchtling.

Unterdes setzte ich meine Fahrt nach abwärts unter großer Vorsicht

fort, jeden Augenblick bereit, aus dem Wagen zu springen, wenn in dem

zunehmenden Dunkel die Pferde auf der abschüssigen und gewundenen

Straße einem Abhang zustrebten. Ich atmete auf, als wir endlich wieder

glücklich in der Ebene waren.

Bei stockfinstrer Nacht erreichten wir das Dorf Gulli, wo das

wahnsinnige Gekläff der Hunde die ganze Bewohnerschaft munter machte.

Hier rasteten wir drei Stunden. Dann ging es weiter nach Charabilme,

wo die Deichsel abermals in Stücke ging und die Pferde in die Seiten

stieß. Diese wurden scheu und stürmten in die Steppe hinaus. Sale

sprang vom Wagen und blieb wie tot liegen. Als der Kutscher endlich die

Tiere zum Stehen brachte, eilten wir zu dem Verunglückten zurück und

fanden ihn, zwar mit geschundener Stirn und blutenden Knien, aber sonst

unverletzt. Nun flickten wir die Deichsel so gut es ging zusammen, und

der Kutscher führte die Pferde am Zügel. Darüber wurde es Tag, und um

½5 Uhr langten wir endlich in Tell-Ermen an.

Nach langem Suchen fand ich dort meine Reisekameraden Tafel und

Erdmann. An sofortigen Aufbruch war aber nicht zu denken. Professor

Tafel hatte sich noch nicht erholt, einer der Kutscher war ebenfalls

erkrankt, und ein glühend heißer Sturm, der die Temperatur auf über 40

Grad erhöhte und unser kleines Zeltlager unter erstickenden Staub- und

Sandwolken begrub, erweckte die größte Besorgnis für das Schicksal der

Patienten. Obendrein fehlte noch immer der Stalljunge mit den beiden

Pferden, und eines unserer Reitpferde schwebte ebenfalls zwischen Tod

und Leben. Zwei Mann mußten nochmals nach Mardin zurückreiten, um die

ersteren zu suchen. Ohne eine Spur von ihnen entdeckt zu haben, kehrten

sie zurück. Aber fast gleichzeitig mit ihnen traf auch der Vermißte

bei uns ein; er hatte sich schon in Mardin verirrt und sich am Morgen

einigen Syriern angeschlossen, die nach Tell-Ermen fuhren. Es war

eine Leistung von dem zehnjährigen Bengel, mitten durch die überall

auftauchenden Soldaten, die alles requirierten, was sich an Pferden

und Wagen fand, seine beiden Gäule ohne Beschlagnahme durchzubringen,

und statt der Schelte, die er wohl erwartet hatte, empfing ihn ein

tüchtiges Frühstück als Lohn für seine Gewandtheit.

[Illustration: Sale in Aleppo.]

Am Abend stellte sich glücklicherweise Regen ein, und am Morgen des 28.

Junis war die Temperatur auf 20,1 Grad gefallen, so daß uns die „Kälte“

durch Mark und Bein ging. Sie erfrischte aber die Kranken, so daß wir

unsere Fahrt auf der jetzt vortrefflichen Straße fortsetzen konnten.

Starke türkische Truppenabteilungen, Trainkolonnen und Kamelkarawanen

zogen an uns vorbei oder rasteten am Wege. Auch englische und indische

Gefangene waren wieder auf dem Marsche; sie mochten Gott danken, daß

sie glücklich bis in die Nähe der Eisenbahn gelangt waren. Über die

beiden Arme des Dschirdschib führten jetzt feste Brücken, und an der

Fortsetzung der Bagdadbahn nach Osten wurde mit Hochdruck gearbeitet.

Am Nachmittag erreichten wir glücklich Ras-el-Ain, wo uns der

Etappenkommandant ~Dr.~ Reuther, der bekannte Archäologe,

begrüßte. In seiner und seiner Gäste Gesellschaft verbrachten wir den

letzten gemeinsamen Abend, den ein gewaltiger Steppenbrand im ganzen

Umkreis von Ras-el-Ain denkwürdig machte.

Am nächsten Morgen brachte mich der Frühzug quer durch die schon

bekannten öden Flächen, auf denen noch immer die Schafe in der

Sonnenglut weideten und die Nomaden in ihren schwarzen Zelten hausten,

wieder zurück nach Aleppo.

[Illustration:

Phot.: Koldewey.

Bagdad, Babylon, Ninive · 第 52 / 54 题