Assarhaddon-Ziegel von Esagila.]

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Assyrien und Babylonien.

Die Schilderung meiner Fahrt durch Mesopotamien wäre unvollständig ohne

eine kurze Übersicht über die Geschichte dieses Landes.

Die ältesten Urkunden und Kulturreste Babyloniens stammen aus dem

Anfang des 3. Jahrtausends v. Chr. Verglichen mit den alten Denkmälern

Ägyptens sind sie ärmlich. Das erklärt sich, wie Eduard Meyer gezeigt

hat, aus der Natur des Landes. Das einzige vorhandene Baumaterial

waren Lehm und die daraus gefertigten Ziegel. Steine dagegen fehlten.

Anders in Assyrien, das den Nordteil Mesopotamiens umfaßte und zum

Teil Gebirgsland war. Obgleich seine Kultur auf babylonischer Grundlage

ruht, sind seine erhaltenen Altertümer mannigfaltig, da Gestein zur

Hand war. Die Paläste wurden mit Alabasterplatten und Reliefbildern

geschmückt, und die Könige ließen ihre Annalen auf Steinzylinder und

-prismen aufzeichnen. Außerdem haben, wie Meyer[2] hervorhebt, die

Ruinen der assyrischen Städte Assur, Kalach, Ninive, Dur Sargon,

nachdem sie 606 v. Chr. systematisch zerstört worden waren, zum größten

Teil unberührt bis in unsre Zeit unter der Erde gelegen, während die

babylonischen Städte im Lauf der Jahrhunderte mehrfach von Elamiten

und Assyriern geplündert wurden. Das historische Material über

Assyrien ist daher viel reichhaltiger. Besonders gut kennen wir das

Zeitalter der großen Eroberer Assurnasirpal (884-860), Salmanassar

II. (860-824), Tiglat-Pileser IV. (745-727) und Assurbanipal oder

Sardanapal (668-626). Diese Glanzperiode zwischen dem 9. und 7.

Jahrhundert liegt viel klarer vor uns, als die Geschichte irgendeines

andern orientalischen Reiches vor den Persern. Aus der Geschichte

Babyloniens sind lange nicht so viele Dokumente erhalten, besonders

zwischen 1926 und 745 klafft eine große Lücke. Auch die Königsannalen

des neubabylonischen oder chaldäischen Reiches können sich in keiner

Weise mit denen der großen Assyrier messen, wenn auch manche Urkunden

von Nebukadnezar (604-561) und Naboned (556-539) vorhanden sind,

die sich jedoch, wie wir bereits sahen, sehr wenig mit der äußeren

Geschichte des Landes beschäftigen. Aber die Städte Babyloniens hatten

länger Bestand und traten nach der Perserzeit in engere Verbindung

mit den Griechen. Deshalb waren die griechischen Geschichtschreiber,

vor allem Herodot, über Babylonien viel besser unterrichtet als über

Assyrien. Das babylonische Tiefland war auch in geographischer wie

in historischer Beziehung der Schwerpunkt der ganzen Welt, die vom

Taurus und vom Zagros begrenzt wird. Von hier strahlte die Kultur

nach allen Richtungen aus. Ich erwähnte schon, daß Xenophon über die

Ruinen Ninives zog, ohne zu wissen, was sie bedeuteten; man erzählte

ihm, es seien Überreste medischer Städte, die der Himmelsgott durch

ein Wunder in die Hand der Perserkönige gegeben habe. Tatsächlich war

das assyrische Reich mitsamt seinem Volk in einer großen Katastrophe

verschwunden und lebte nur noch in der Sage weiter.

[2] Ich benutzte für diese Darstellung ausschließlich folgende

Arbeiten: Eduard Meyer, „Geschichte des Altertums“, 1913; C.

Bezold, „Ninive und Babylon“, 1909; C. Bezold in Pflugk-Harttungs

Weltgeschichte (schwedische Ausgabe von Hildebrand und Hjärne);

Oscar Montelius, „Die älteren Kulturperioden im Orient“ (noch nicht

erschienen, aber vom Verfasser mir in der Korrektur freundlichst

zur Verfügung gestellt); K. V. Zettersten, „~De semitiska

språken~“, 1914; Harald Hjärne in Wallis’ „Weltgeschichte“, 1875;

Johannes Kolmodin in „~Antikvarisk Tidskrift för Sverige~“, 1916.

Das assyrische Reich wuchs aus der Stadt Assur hervor. Seine älteste

Bevölkerung stammte aus Kleinasien. Das beweisen die Namen der Könige,

die die ersten Tempel und Stadtmauern bauten. Der Name der Stadt, des

Volkes und seines Gottes war derselbe. Im 1. Buch Moses, Kapitel 10,

Vers 22, führt ihn auch derjenige von Sems Söhnen, der der Stammvater

der Assyrier war: „Sems Söhne waren Elam, Assur, Arpaksad, Lud und

Aram.“ Die ältesten Herrscher Assurs waren jedenfalls Vasallen der

Könige von Sumer und Akkad. In Akkad gründete im Jahre 2225 v. Chr. der

Amoriterhäuptling Sumuabu das Reich Babel, das sich unter Sumulailu

(2211-2176) zum bedeutendsten unter allen Reichen Akkads entwickelte.

Sumulailu baute Kanäle, Mauern, Tempel und einen goldenen Thron für

Marduk, den Stadtgott von Babylon, und galt bei seinen Nachfolgern als

der eigentliche Gründer Babyloniens und als Stammvater der Dynastie.

Der sechste König dieser Dynastie, Hammurabi (2123-2081), führte Krieg

mit Elam und Ur, unterwarf nach und nach ganz Sinear, nahm den Titel

eines Königs von Sumer und Akkad an und trug das Gewand der sumerischen

Könige, den Mantel und die Turbanmütze. Sein Steinbild ist erhalten:

die Züge sind sumerisch -- große Nase, langer Bart --, und nach Art

der Beduinen trägt er kurzes Haupthaar und rasierte Lippen. Er heißt

auch „König der vier Weltteile“. Assur und Ninive waren ihm untertan.

Assur hatte er dem Schutzgott seiner Dynastie, Marduk, dem Merodach der

Bibel, wiedergegeben, und Ninives Tempel weihte er der Göttin Ischtar.

Er errichtete in verschiedenen Städten Tempel, förderte Ackerbau und

Viehzucht, erweiterte das Bewässerungssystem durch Kanäle und schützte

das Land durch Dämme gegen Überschwemmungen, legte Straßen an, baute

Transportschiffe, zog Steuern ein in Gestalt von Geld oder Getreide,

Sesam und Datteln, unterdrückte das Räuberwesen, baute zahlreiche

Festungen, sorgte für Sicherheit und Ruhe und hielt ein stehendes Heer.

In alle Zweige der Verwaltung griff er ein und achtete auf pünktliche

Ausführung seiner Befehle.

Religion und Kultus standen unter ihm in hohen Ehren, und die Opfer

wurden genau innegehalten. Am meisten lagen ihm die Städte Sippar, Babel

und Borsippa am Herzen. Viele andre Städte, z. B. Uruk, Larsa, Ur,

Eridu und Nippur blieben heilig. Andre Orte aber, wie das ehedem

glänzende Sirpurla, waren bereits zu Hammurabis Zeit verfallen, um nie

mehr genannt zu werden. Man rechnete sie also bereits vor viertausend

Jahren zum Altertum. Mit Recht sagt Montelius, wenn die Blütezeit der

altbabylonischen Kultur in die erste Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr.

verlegt werde, so müsse ihr Anfang noch viel weiter zurückliegen, und

er zeigt, daß die erstaunliche Kultur Babyloniens unter dem im 24.

Kapitel erwähnten König Sargon I. die eines Kupferzeitalters gewesen

ist.

Das merkwürdigste Denkmal aus Hammurabis Zeit ist der 2½ Meter hohe

Dioritblock, der im Jahre 1901-1902 in Susa entdeckt wurde, wohin ihn

elamitische Eroberer im 12. Jahrhundert verschleppten; sonst wäre er

wohl kaum der Zerstörung entgangen. In babylonischer Keilschrift und in

akkadischer Sprache bewahrt er in 282 Gesetzesparagraphen das älteste

~corpus juris~ der Welt. Zu oberst trägt er ein Bild des Königs,

wie er die Gesetze aus den Händen Schamasch’s, des Sonnengottes von

Sippar, in Empfang nimmt. Dieser Block stand im Marduktempel Esagila in

Babel. Meyer nimmt an, daß bereits Sumulailu diese Gesetze erlassen,

Hammurabi sie nur gesammelt habe. Erst nachdem er ganz Sumer, Akkad

und Assyrien unterworfen hatte, konnte die Arbeit vollendet werden.

Nach Zettersten setzt dieser im typischen Gesetzesstil abgefaßte Codex

eine sehr lange Entwicklung voraus und enthält wahrscheinlich uralte

Rechtsgebräuche, die zu einem systematischen Ganzen vereinigt sind.

Die einzelnen Gesetze sind kurz und bestimmt; man hat entweder Recht

oder Unrecht. Sie berücksichtigen alle Beziehungen der Gesellschaft

und des täglichen Lebens, sie regeln das Verhältnis zwischen Mann und

Frau, zwischen Herren und Sklaven, zwischen Menschen und ihrem Eigentum

an Äckern, Kanälen und Vieh. Rind, Esel, Schaf und Schwein werden als

Haustiere erwähnt, dagegen fehlt das Pferd. Erst ums Jahr 2000 kommen,

wie Meyer zeigt, die ersten Pferde nach Sinear. Ihre ideographische

Schreibung „Esel des Berglandes“ beweist, daß sie aus Persien stammen.

Man verwandte sie niemals zum Reiten, sondern nur zum Fahren, besonders

der Kriegswagen, die sich in den folgenden Jahrhunderten über ganz

Vorderasien, Ägypten und Griechenland ausbreiten und nach dem 16.

Jahrhundert dem Kampfbild sein besonderes Gepräge geben. Es dauerte

noch Jahrhunderte, ehe das Pferd zum Reittier wurde.

Der letzte König aus Hammurabis Dynastie war Samsuditana (1956-1926).

Unter ihm ging das Reich Babel nach dreihundertjährigem Bestehen

zugrunde. Aus den westlichen Gegenden Kleinasiens drangen die

Hettiter ein und eroberten und plünderten Babel. Das war die erste

Völkerwanderung in dieser Zeit. Eine andre ging von Osten aus und war

arisch.

Anderthalb Jahrhundert herrscht Schweigen über die Hettiter in Sinear.

Von ungefähr 1500 an aber läßt sich die Geschichte Babyloniens und

Assyriens im Zusammenhang behandeln. Eine Reihe von Kriegen zwischen

beiden Ländern schloß ums Jahr 1260 damit, daß das babylonische Reich

in das assyrische aufging. Dessen König war Tukultininib I. Durch

innere Streitigkeiten verlor zwar Assyrien sowohl Babylonien wie

Mesopotamien wieder, erhob sich aber dann unter dem mächtigen und

kraftvollen Tiglat-Pileser I. Er baute den Reichstempel für die Götter

Anu und Adad wieder auf und unternahm Feldzüge gegen Phönizien und

Armenien. Er schildert selbst, wie er im Norden gleich einem Sturm des

Adad, des Wettergottes, dreiundzwanzig Könige vernichtete, die ihre

Heeresmassen und Streitwagen gegen ihn aufgeboten hatten. Mit seiner

Lanzenspitze verfolgte er sechzig Könige bis an das „obere Meer“,

eroberte ihre Festungen, brannte ihre Städte nieder und verwandelte sie

in Schutthaufen und Ruinen.

Assurnasirpal (884-860), von dem viele Urkunden berichten, drang im

Norden und Westen bis ans große Meer bei Tyrus und Sidon vor, wusch

in dessen Wasser seine Waffen und brachte seinen Göttern an der

Küste Opfer dar. Sein Sohn Salmanassar II. (860-824) schildert in

stolzen Worten seine Triumphe in Syrien; er nahm Aleppo ein, schlug

die verbündeten Könige von Damaskus, Hamath und Israel aufs Haupt,

unterjochte Babylonien und zwang die Fürsten der Chaldäer, Tribut zu

zahlen. Gegen dieselben Feinde kämpfte Tiglat-Pileser IV., der Damaskus

zu einer assyrischen Provinz und Israel zum Vasallen machte.

Salmanassar IV. belagerte Samaria, und Sargon II. (722-705) führte

Assyrien auf die Höhe seiner Macht. Der König der Chaldäer,

Merodach-Baladan, von dem Jesaja in seinem 39. Kapitel spricht,

unterwarf 721 Babylonien seiner Herrschaft und schloß mit dem König

von Elam einen Bund gegen Assyrien. Aber Sargon vertrieb ihn und

herrschte dann von der Küste des Mittelmeeres bis zur Küste des

Persischen Golfs. Der Chaldäerkönig eroberte zwar Babylonien wieder,

verlor es aber zum zweiten Mal an Sanherib (705-681), einen der größten

Herrscher Assyriens. Merodach-Baladan schloß von neuem einen Bund mit

Elam und andern Fürsten, doch ohne Erfolg. Seitdem hatte Babylon zwei

Jahrhunderte lang keinen eigenen König.

Aufruhr im Westen des Reiches zwang Sanherib gegen Juda aufzubrechen,

wo er sechsundvierzig feste Orte eroberte. Von Jerusalem aber mußte

er, nach den biblischen Urkunden, unverrichteter Dinge abziehen. Auch

gegen Medien kämpfte er nicht glücklich. Von dieser Zeit an beginnt die

assyrische Großmacht zu sinken.

Als erste Residenz der assyrischen Könige wird Assur schon im Jahre

2100 v. Chr. genannt. Mehrere Jahrhunderte hindurch behielt es seinen

hohen Rang, und es blieb eine große Stadt bis zum Ende des assyrischen

Reiches. Salmanassar I. machte Kalach, das jetzige Nimrud, zum Sitz

seiner Regierung. Sargon II. residierte in der von ihm gegründeten

Stadt Dur Sargon, wo heute das Dorf Chorsabad liegt. Sanheribs,

Assarhaddons und Assurbanipals Hauptstadt war Ninive, der Kultort der

Göttin Ischtar, das seit 3000 v. Chr. bekannt ist.

Assarhaddon (680-668) hielt das Reich auf der Machthöhe, die es unter

seinem Vater besaß. Unter ihm war das Verhältnis zwischen Elam und

Chaldäa ruhiger als früher, er baute den Tempel von Babylon wieder auf

und führte Krieg gegen König Tirhaka, den dritten Herrscher in der 25.

ägyptischen Dynastie; nach einem mühseligen Zug durch die Sinaiwüste

drang er bis Memphis vor und machte Ägypten bis Theben zu einer

assyrischen Provinz. Diese fiel jedoch wieder ab, und auf einem neuen

Feldzug starb Assarhaddon.

Sardanapal (Assurbanipal), der letzte große König von Assyrien

(668-626), zog ebenfalls gegen Ägypten und drang bis Theben vor, mußte

aber den Feldzug aufgeben, da seine Heereskraft nicht ausreichte. Von

da an ließen die Assyrier das Reich der Pharaonen in Frieden.

Eine andre Gefahr aber drohte Sardanapal. Sein eigener Bruder, der

König von Babylon, trat an die Spitze eines Waffenbundes, der die

Vorherrschaft Assyriens brechen wollte; Elamiten, Chaldäer, Aramäer,

Araber und andre westasiatische Völker schlossen sich an, und ein

Weltkrieg entbrannte. Nur durch Aufgebot seiner ganzen militärischen

Macht und durch gewagte, aber rücksichtslos durchgeführte Operationen

gelang es Assurbanipal, dem drohenden Verderben zu entgehen. Nach

Eroberung von Kutha, Babylon und Sippar war die Macht Babylons

gebrochen. Elam wurde für immer als Königreich vernichtet, und

Sardanapal nahm 647 den Titel eines Königs von Babylon an.

Nach Bezold gebe ich hier ein Stück aus des Königs eigenem

Kriegsbericht wieder: „Die Götter Aschschur (Assur), Sin, Schamasch,

Adad, Bel, Nebo, die Göttin Ischtar von Ninive, die Königin von

Kidmuru, und die Göttin Ischtar von Arbela, die Göttin Ninib, Nergal

und Nusku, die vor mir hergingen und meine Feinde unterjochten,

sie warfen Schamaschschumukin, den feindlichen Bruder, der mich

befehdete, in einen brennenden Feuerschlund und vernichteten sein

Leben. Diejenigen Leute aber, die Schamaschschumukin, den feindlichen

Bruder, zu allen diesen Übeltaten verführt hatten, die den Tod

gefürchtet und ihr Leben für kostbar gehalten hatten und sich nicht mit

Schamaschschumukin, ihrem Herrn, in die Flammen gestürzt hatten, die

zerstoben vor dem Gemetzel des eisernen Dolches, vor Mangel, Hungersnot

und flammender Lohe und ergriffen einen Zufluchtsort. Das Netz der

großen Götter, meiner Herren, aus dem kein Entrinnen möglich ist,

warf sie nieder: kein Einziger entkam, keiner der Übeltäter entrann;

durch meine Hand wurden sie mein. Wagen, Geräte und Baldachine,

seinen Harem und das Hab und Gut seines Palastes brachten sie mir.

Diesen Kriegern, die meinen Herren Aschschur gehöhnt und gegen mich,

seinen ehrfurchtsvollen Magnaten, Böses geplant hatten, riß ich die

Zunge aus und schlug sie nieder ... Ihr zermetzeltes Fleisch ließ

ich Hunde, Schweine und Geier, Adler, die Vögel des Himmels und die

Seefische fressen. Durch solche Handlungen beruhigte ich das Herz der

großen Götter, meiner Herren ... Den übrigen Babyloniern aber und den

Kuthäern und Sipparensern, die dem Gemetzel und dem Hungertod entronnen

waren, ließ ich Gnade angedeihen; ich befahl, daß sie am Leben bleiben

sollten, und wies ihnen Wohnsitz in Babylon an.“

Über Sardanapals Ruhm zu seiner Zeit sagt Hjärne: „So stand

Assurbanipal in einem bisher nie gesehenen Glanz, gehärtet und

siegreich im Kampf, umgeben von allem erdenklichen Überfluß und von

aller Verfeinerung morgenländischer Kunst und Weisheit. Die ganze

gebildete Welt war von seinem Ruhm erfüllt. In der Ferne lauschten

in den dürftigen kleinen Städten der Hellenen wißbegierige Zuhörer

staunend den Berichten, die verständige Kaufleute und Reisende von der

märchenhaften Pracht des großen Sardanapal gaben. Sein Name ward bei

ihren Nachkommen zum Sprichwort, und die unverständlichen assyrischen

Keilinschriften, die hier und da in Kleinasien zu sehen waren, hielt

man für Grabschriften auf ihn. Die Dichter übten ihren Scharfsinn an

angeblichen Deutungen und ließen Sardanapal eine Lebensweisheit des

Genusses preisen, die eher sorglosen Jüngern Epikurs anstand, als dem

leidenschaftlich kämpfenden und glaubenseifrigen König von Assur:

‚Vergiß nicht, daß du als Sterblicher geboren bist, und fülle daher

dein Herz mit Mut, festlich dich freuend. Für den Toten ist aller

Genuß zu Ende; denn selbst ich bin ja zu Asche geworden, der Herr des

herrlichen Ninive‘.“

Nun traten die indogermanischen Meder als Feinde Assyriens auf. Im

Jahr 606 eroberten sie unter Cyaxares Ninive und löschten seinen Glanz

für immer aus. Das neubabylonische oder chaldäische Reich wurde von

Nabopolassar (625-604) gegründet und ging nach ihm auf Nebukadnezar II.

über. Naboned, der letzte König dieses Geschlechts (556-539), unterlag

im Jahre 539 dem Perserkönig Cyrus, der Babylonien eroberte und der

babylonischen Weltherrschaft ein Ende machte.

So sind die Völker gleich gewaltigen Meereswogen über Mesopotamiens

blutgetränkte Erde hereingebrochen. Schon in den ältesten Urkunden

sprechen die Sumerer von einer „grauen Vorzeit“, einem Sagendunkel, das

noch weit hinter dem Vorhang liegt, bis zu dem unsre Blicke reichen.

Dann überschwemmen die Semiten das Land, und die babylonisch-assyrische

Weltmacht streckt ihre Arme über endlose Flächen Vorderasiens und

Nordostafrikas aus. Die Geschichte dieses Reiches ist, wie Kolmodin

sich ausdrückt, „ein durch Jahrtausende fortgesetzter Kampf gegen

den beständig wiederkehrenden Druck der Barbarei“; aus diesem Kampf

entsteht „die mächtige babylonische Reichs- und Kulturtradition,“ die

bis zur assyrischen Zeit sich allmählich zur „Idee des Weltreichs in

der Bedeutung der gemeinsamen Organisation einer ganzen Kulturwelt zur

Abwehr der Barbarengefahr“ erweitert.

Auch ihre Stunde schlägt. Die Dämme werden gebrochen, und die persische

Völkerwoge rollt heran, um das chaldäische Erbe in Besitz zu nehmen.

Aus dem Abendland führt Alexander seine Mazedonier herbei, und auf

den Gefilden von Gaugamela stürzen sie das Reich des Darius. In

nachgriechischer Zeit stoßen hier parthische und römische Heereswogen

aufeinander. Die Sassaniden, Omaijaden und Abbasiden lösen sich ab.

Dann leuchtet der ganze Horizont blutrot: Hulagu und die Mongolen

ziehen wie ein verheerender Wüstensturm über die Provinzen des

erstarrenden Kalifats, und eine neue Völkerwoge aus dem Osten führt

Tamerlan und die Tataren herbei. Das Land vermag kaum aufzuatmen

zwischen den Schlachten.

So folgt ein Geschlecht auf das andre -- Jahrtausende hindurch dieselbe

Erscheinung. Die Erde, die ehedem den Opfergesängen für Marduk und

den Sonnengott lauschte, sieht plötzlich die Osmanen unter der grünen

Fahne des Propheten heransprengen. Kaum vier Jahrhunderte sind seitdem

vergangen. Jetzt ist die Reihe an den Osmanen, +ihr+ Erbe zu

verteidigen.

* *

*

„Es ist alles ganz eitel!“ sagt der Prediger Salomo. „Ein Geschlecht

vergeht, das andere kommt, die Erde aber bleibt ewiglich. Alle Wasser

laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller. An den Ort, da sie

herfließen, fließen sie wieder hin. Was ist, das geschehen ist? Eben

das hernach geschehen wird. Was ist, das man getan hat? Eben das man

hernach wieder tun wird. Und geschieht nichts Neues unter der Sonne.“

Niemals ist mir die tiefe, salomonische Weisheit dieser Worte

eindringlicher aufgegangen, als auf dieser meiner Reise durch das

Zwischenstromland Mesopotamien, die biblische Urheimat der Menschheit.

Von den mächtigen Reichen des Altertums, die von hier aus die Welt

beherrschten, sah ich nicht viel mehr als Schutthalden und Haufen von

Ziegelsteinen. Gleich regelmäßigen Erdbeben und vulkanischen Ausbrüchen

hat der Paroxysmus der Zerstörung von Zeit zu Zeit die Menschheit

heimgesucht. Das lehrt die Vergangenheit. Die Zukunft ist uns

verschlossen, aber auch sie wird, allen Sängern des Friedens zum Trotz,

sich diesem Naturgesetz der Geschichte nicht entziehen können. „~Lo,

all our pomp of yesterday is one with Ninive and Tyre!~“ sagt ein

Dichter von einem der größten Reiche der Gegenwart.

Auf den Wegen Mesopotamiens liegt der Staub zahlloser Volksstämme.

Reiche sind erwachsen, emporgeblüht und wieder zerfallen; neue traten

an die Stelle der alten, und heute ist das Antlitz der Weltgeschichte

abermals dem Lande zugewendet, wo ihre Wiege stand.

[Illustration]

Druck von F. A. Brockhaus, Leipzig.

[Illustration: ~Hedins Reise nach Bagdad, Babylon und Ninive~]

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Bagdad, Babylon, Ninive · 第 53 / 54 题