Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Assyrien und Babylonien.
Die Schilderung meiner Fahrt durch Mesopotamien wäre unvollständig ohne
eine kurze Übersicht über die Geschichte dieses Landes.
Die ältesten Urkunden und Kulturreste Babyloniens stammen aus dem
Anfang des 3. Jahrtausends v. Chr. Verglichen mit den alten Denkmälern
Ägyptens sind sie ärmlich. Das erklärt sich, wie Eduard Meyer gezeigt
hat, aus der Natur des Landes. Das einzige vorhandene Baumaterial
waren Lehm und die daraus gefertigten Ziegel. Steine dagegen fehlten.
Anders in Assyrien, das den Nordteil Mesopotamiens umfaßte und zum
Teil Gebirgsland war. Obgleich seine Kultur auf babylonischer Grundlage
ruht, sind seine erhaltenen Altertümer mannigfaltig, da Gestein zur
Hand war. Die Paläste wurden mit Alabasterplatten und Reliefbildern
geschmückt, und die Könige ließen ihre Annalen auf Steinzylinder und
-prismen aufzeichnen. Außerdem haben, wie Meyer[2] hervorhebt, die
Ruinen der assyrischen Städte Assur, Kalach, Ninive, Dur Sargon,
nachdem sie 606 v. Chr. systematisch zerstört worden waren, zum größten
Teil unberührt bis in unsre Zeit unter der Erde gelegen, während die
babylonischen Städte im Lauf der Jahrhunderte mehrfach von Elamiten
und Assyriern geplündert wurden. Das historische Material über
Assyrien ist daher viel reichhaltiger. Besonders gut kennen wir das
Zeitalter der großen Eroberer Assurnasirpal (884-860), Salmanassar
II. (860-824), Tiglat-Pileser IV. (745-727) und Assurbanipal oder
Sardanapal (668-626). Diese Glanzperiode zwischen dem 9. und 7.
Jahrhundert liegt viel klarer vor uns, als die Geschichte irgendeines
andern orientalischen Reiches vor den Persern. Aus der Geschichte
Babyloniens sind lange nicht so viele Dokumente erhalten, besonders
zwischen 1926 und 745 klafft eine große Lücke. Auch die Königsannalen
des neubabylonischen oder chaldäischen Reiches können sich in keiner
Weise mit denen der großen Assyrier messen, wenn auch manche Urkunden
von Nebukadnezar (604-561) und Naboned (556-539) vorhanden sind,
die sich jedoch, wie wir bereits sahen, sehr wenig mit der äußeren
Geschichte des Landes beschäftigen. Aber die Städte Babyloniens hatten
länger Bestand und traten nach der Perserzeit in engere Verbindung
mit den Griechen. Deshalb waren die griechischen Geschichtschreiber,
vor allem Herodot, über Babylonien viel besser unterrichtet als über
Assyrien. Das babylonische Tiefland war auch in geographischer wie
in historischer Beziehung der Schwerpunkt der ganzen Welt, die vom
Taurus und vom Zagros begrenzt wird. Von hier strahlte die Kultur
nach allen Richtungen aus. Ich erwähnte schon, daß Xenophon über die
Ruinen Ninives zog, ohne zu wissen, was sie bedeuteten; man erzählte
ihm, es seien Überreste medischer Städte, die der Himmelsgott durch
ein Wunder in die Hand der Perserkönige gegeben habe. Tatsächlich war
das assyrische Reich mitsamt seinem Volk in einer großen Katastrophe
verschwunden und lebte nur noch in der Sage weiter.
[2] Ich benutzte für diese Darstellung ausschließlich folgende
Arbeiten: Eduard Meyer, „Geschichte des Altertums“, 1913; C.
Bezold, „Ninive und Babylon“, 1909; C. Bezold in Pflugk-Harttungs
Weltgeschichte (schwedische Ausgabe von Hildebrand und Hjärne);
Oscar Montelius, „Die älteren Kulturperioden im Orient“ (noch nicht
erschienen, aber vom Verfasser mir in der Korrektur freundlichst
zur Verfügung gestellt); K. V. Zettersten, „~De semitiska
språken~“, 1914; Harald Hjärne in Wallis’ „Weltgeschichte“, 1875;
Johannes Kolmodin in „~Antikvarisk Tidskrift för Sverige~“, 1916.
Das assyrische Reich wuchs aus der Stadt Assur hervor. Seine älteste
Bevölkerung stammte aus Kleinasien. Das beweisen die Namen der Könige,
die die ersten Tempel und Stadtmauern bauten. Der Name der Stadt, des
Volkes und seines Gottes war derselbe. Im 1. Buch Moses, Kapitel 10,
Vers 22, führt ihn auch derjenige von Sems Söhnen, der der Stammvater
der Assyrier war: „Sems Söhne waren Elam, Assur, Arpaksad, Lud und
Aram.“ Die ältesten Herrscher Assurs waren jedenfalls Vasallen der
Könige von Sumer und Akkad. In Akkad gründete im Jahre 2225 v. Chr. der
Amoriterhäuptling Sumuabu das Reich Babel, das sich unter Sumulailu
(2211-2176) zum bedeutendsten unter allen Reichen Akkads entwickelte.
Sumulailu baute Kanäle, Mauern, Tempel und einen goldenen Thron für
Marduk, den Stadtgott von Babylon, und galt bei seinen Nachfolgern als
der eigentliche Gründer Babyloniens und als Stammvater der Dynastie.
Der sechste König dieser Dynastie, Hammurabi (2123-2081), führte Krieg
mit Elam und Ur, unterwarf nach und nach ganz Sinear, nahm den Titel
eines Königs von Sumer und Akkad an und trug das Gewand der sumerischen
Könige, den Mantel und die Turbanmütze. Sein Steinbild ist erhalten:
die Züge sind sumerisch -- große Nase, langer Bart --, und nach Art
der Beduinen trägt er kurzes Haupthaar und rasierte Lippen. Er heißt
auch „König der vier Weltteile“. Assur und Ninive waren ihm untertan.
Assur hatte er dem Schutzgott seiner Dynastie, Marduk, dem Merodach der
Bibel, wiedergegeben, und Ninives Tempel weihte er der Göttin Ischtar.
Er errichtete in verschiedenen Städten Tempel, förderte Ackerbau und
Viehzucht, erweiterte das Bewässerungssystem durch Kanäle und schützte
das Land durch Dämme gegen Überschwemmungen, legte Straßen an, baute
Transportschiffe, zog Steuern ein in Gestalt von Geld oder Getreide,
Sesam und Datteln, unterdrückte das Räuberwesen, baute zahlreiche
Festungen, sorgte für Sicherheit und Ruhe und hielt ein stehendes Heer.
In alle Zweige der Verwaltung griff er ein und achtete auf pünktliche
Ausführung seiner Befehle.
Religion und Kultus standen unter ihm in hohen Ehren, und die Opfer
wurden genau innegehalten. Am meisten lagen ihm die Städte Sippar, Babel
und Borsippa am Herzen. Viele andre Städte, z. B. Uruk, Larsa, Ur,
Eridu und Nippur blieben heilig. Andre Orte aber, wie das ehedem
glänzende Sirpurla, waren bereits zu Hammurabis Zeit verfallen, um nie
mehr genannt zu werden. Man rechnete sie also bereits vor viertausend
Jahren zum Altertum. Mit Recht sagt Montelius, wenn die Blütezeit der
altbabylonischen Kultur in die erste Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr.
verlegt werde, so müsse ihr Anfang noch viel weiter zurückliegen, und
er zeigt, daß die erstaunliche Kultur Babyloniens unter dem im 24.
Kapitel erwähnten König Sargon I. die eines Kupferzeitalters gewesen
ist.
Das merkwürdigste Denkmal aus Hammurabis Zeit ist der 2½ Meter hohe
Dioritblock, der im Jahre 1901-1902 in Susa entdeckt wurde, wohin ihn
elamitische Eroberer im 12. Jahrhundert verschleppten; sonst wäre er
wohl kaum der Zerstörung entgangen. In babylonischer Keilschrift und in
akkadischer Sprache bewahrt er in 282 Gesetzesparagraphen das älteste
~corpus juris~ der Welt. Zu oberst trägt er ein Bild des Königs,
wie er die Gesetze aus den Händen Schamasch’s, des Sonnengottes von
Sippar, in Empfang nimmt. Dieser Block stand im Marduktempel Esagila in
Babel. Meyer nimmt an, daß bereits Sumulailu diese Gesetze erlassen,
Hammurabi sie nur gesammelt habe. Erst nachdem er ganz Sumer, Akkad
und Assyrien unterworfen hatte, konnte die Arbeit vollendet werden.
Nach Zettersten setzt dieser im typischen Gesetzesstil abgefaßte Codex
eine sehr lange Entwicklung voraus und enthält wahrscheinlich uralte
Rechtsgebräuche, die zu einem systematischen Ganzen vereinigt sind.
Die einzelnen Gesetze sind kurz und bestimmt; man hat entweder Recht
oder Unrecht. Sie berücksichtigen alle Beziehungen der Gesellschaft
und des täglichen Lebens, sie regeln das Verhältnis zwischen Mann und
Frau, zwischen Herren und Sklaven, zwischen Menschen und ihrem Eigentum
an Äckern, Kanälen und Vieh. Rind, Esel, Schaf und Schwein werden als
Haustiere erwähnt, dagegen fehlt das Pferd. Erst ums Jahr 2000 kommen,
wie Meyer zeigt, die ersten Pferde nach Sinear. Ihre ideographische
Schreibung „Esel des Berglandes“ beweist, daß sie aus Persien stammen.
Man verwandte sie niemals zum Reiten, sondern nur zum Fahren, besonders
der Kriegswagen, die sich in den folgenden Jahrhunderten über ganz
Vorderasien, Ägypten und Griechenland ausbreiten und nach dem 16.
Jahrhundert dem Kampfbild sein besonderes Gepräge geben. Es dauerte
noch Jahrhunderte, ehe das Pferd zum Reittier wurde.
Der letzte König aus Hammurabis Dynastie war Samsuditana (1956-1926).
Unter ihm ging das Reich Babel nach dreihundertjährigem Bestehen
zugrunde. Aus den westlichen Gegenden Kleinasiens drangen die
Hettiter ein und eroberten und plünderten Babel. Das war die erste
Völkerwanderung in dieser Zeit. Eine andre ging von Osten aus und war
arisch.
Anderthalb Jahrhundert herrscht Schweigen über die Hettiter in Sinear.
Von ungefähr 1500 an aber läßt sich die Geschichte Babyloniens und
Assyriens im Zusammenhang behandeln. Eine Reihe von Kriegen zwischen
beiden Ländern schloß ums Jahr 1260 damit, daß das babylonische Reich
in das assyrische aufging. Dessen König war Tukultininib I. Durch
innere Streitigkeiten verlor zwar Assyrien sowohl Babylonien wie
Mesopotamien wieder, erhob sich aber dann unter dem mächtigen und
kraftvollen Tiglat-Pileser I. Er baute den Reichstempel für die Götter
Anu und Adad wieder auf und unternahm Feldzüge gegen Phönizien und
Armenien. Er schildert selbst, wie er im Norden gleich einem Sturm des
Adad, des Wettergottes, dreiundzwanzig Könige vernichtete, die ihre
Heeresmassen und Streitwagen gegen ihn aufgeboten hatten. Mit seiner
Lanzenspitze verfolgte er sechzig Könige bis an das „obere Meer“,
eroberte ihre Festungen, brannte ihre Städte nieder und verwandelte sie
in Schutthaufen und Ruinen.
Assurnasirpal (884-860), von dem viele Urkunden berichten, drang im
Norden und Westen bis ans große Meer bei Tyrus und Sidon vor, wusch
in dessen Wasser seine Waffen und brachte seinen Göttern an der
Küste Opfer dar. Sein Sohn Salmanassar II. (860-824) schildert in
stolzen Worten seine Triumphe in Syrien; er nahm Aleppo ein, schlug
die verbündeten Könige von Damaskus, Hamath und Israel aufs Haupt,
unterjochte Babylonien und zwang die Fürsten der Chaldäer, Tribut zu
zahlen. Gegen dieselben Feinde kämpfte Tiglat-Pileser IV., der Damaskus
zu einer assyrischen Provinz und Israel zum Vasallen machte.
Salmanassar IV. belagerte Samaria, und Sargon II. (722-705) führte
Assyrien auf die Höhe seiner Macht. Der König der Chaldäer,
Merodach-Baladan, von dem Jesaja in seinem 39. Kapitel spricht,
unterwarf 721 Babylonien seiner Herrschaft und schloß mit dem König
von Elam einen Bund gegen Assyrien. Aber Sargon vertrieb ihn und
herrschte dann von der Küste des Mittelmeeres bis zur Küste des
Persischen Golfs. Der Chaldäerkönig eroberte zwar Babylonien wieder,
verlor es aber zum zweiten Mal an Sanherib (705-681), einen der größten
Herrscher Assyriens. Merodach-Baladan schloß von neuem einen Bund mit
Elam und andern Fürsten, doch ohne Erfolg. Seitdem hatte Babylon zwei
Jahrhunderte lang keinen eigenen König.
Aufruhr im Westen des Reiches zwang Sanherib gegen Juda aufzubrechen,
wo er sechsundvierzig feste Orte eroberte. Von Jerusalem aber mußte
er, nach den biblischen Urkunden, unverrichteter Dinge abziehen. Auch
gegen Medien kämpfte er nicht glücklich. Von dieser Zeit an beginnt die
assyrische Großmacht zu sinken.
Als erste Residenz der assyrischen Könige wird Assur schon im Jahre
2100 v. Chr. genannt. Mehrere Jahrhunderte hindurch behielt es seinen
hohen Rang, und es blieb eine große Stadt bis zum Ende des assyrischen
Reiches. Salmanassar I. machte Kalach, das jetzige Nimrud, zum Sitz
seiner Regierung. Sargon II. residierte in der von ihm gegründeten
Stadt Dur Sargon, wo heute das Dorf Chorsabad liegt. Sanheribs,
Assarhaddons und Assurbanipals Hauptstadt war Ninive, der Kultort der
Göttin Ischtar, das seit 3000 v. Chr. bekannt ist.
Assarhaddon (680-668) hielt das Reich auf der Machthöhe, die es unter
seinem Vater besaß. Unter ihm war das Verhältnis zwischen Elam und
Chaldäa ruhiger als früher, er baute den Tempel von Babylon wieder auf
und führte Krieg gegen König Tirhaka, den dritten Herrscher in der 25.
ägyptischen Dynastie; nach einem mühseligen Zug durch die Sinaiwüste
drang er bis Memphis vor und machte Ägypten bis Theben zu einer
assyrischen Provinz. Diese fiel jedoch wieder ab, und auf einem neuen
Feldzug starb Assarhaddon.
Sardanapal (Assurbanipal), der letzte große König von Assyrien
(668-626), zog ebenfalls gegen Ägypten und drang bis Theben vor, mußte
aber den Feldzug aufgeben, da seine Heereskraft nicht ausreichte. Von
da an ließen die Assyrier das Reich der Pharaonen in Frieden.
Eine andre Gefahr aber drohte Sardanapal. Sein eigener Bruder, der
König von Babylon, trat an die Spitze eines Waffenbundes, der die
Vorherrschaft Assyriens brechen wollte; Elamiten, Chaldäer, Aramäer,
Araber und andre westasiatische Völker schlossen sich an, und ein
Weltkrieg entbrannte. Nur durch Aufgebot seiner ganzen militärischen
Macht und durch gewagte, aber rücksichtslos durchgeführte Operationen
gelang es Assurbanipal, dem drohenden Verderben zu entgehen. Nach
Eroberung von Kutha, Babylon und Sippar war die Macht Babylons
gebrochen. Elam wurde für immer als Königreich vernichtet, und
Sardanapal nahm 647 den Titel eines Königs von Babylon an.
Nach Bezold gebe ich hier ein Stück aus des Königs eigenem
Kriegsbericht wieder: „Die Götter Aschschur (Assur), Sin, Schamasch,
Adad, Bel, Nebo, die Göttin Ischtar von Ninive, die Königin von
Kidmuru, und die Göttin Ischtar von Arbela, die Göttin Ninib, Nergal
und Nusku, die vor mir hergingen und meine Feinde unterjochten,
sie warfen Schamaschschumukin, den feindlichen Bruder, der mich
befehdete, in einen brennenden Feuerschlund und vernichteten sein
Leben. Diejenigen Leute aber, die Schamaschschumukin, den feindlichen
Bruder, zu allen diesen Übeltaten verführt hatten, die den Tod
gefürchtet und ihr Leben für kostbar gehalten hatten und sich nicht mit
Schamaschschumukin, ihrem Herrn, in die Flammen gestürzt hatten, die
zerstoben vor dem Gemetzel des eisernen Dolches, vor Mangel, Hungersnot
und flammender Lohe und ergriffen einen Zufluchtsort. Das Netz der
großen Götter, meiner Herren, aus dem kein Entrinnen möglich ist,
warf sie nieder: kein Einziger entkam, keiner der Übeltäter entrann;
durch meine Hand wurden sie mein. Wagen, Geräte und Baldachine,
seinen Harem und das Hab und Gut seines Palastes brachten sie mir.
Diesen Kriegern, die meinen Herren Aschschur gehöhnt und gegen mich,
seinen ehrfurchtsvollen Magnaten, Böses geplant hatten, riß ich die
Zunge aus und schlug sie nieder ... Ihr zermetzeltes Fleisch ließ
ich Hunde, Schweine und Geier, Adler, die Vögel des Himmels und die
Seefische fressen. Durch solche Handlungen beruhigte ich das Herz der
großen Götter, meiner Herren ... Den übrigen Babyloniern aber und den
Kuthäern und Sipparensern, die dem Gemetzel und dem Hungertod entronnen
waren, ließ ich Gnade angedeihen; ich befahl, daß sie am Leben bleiben
sollten, und wies ihnen Wohnsitz in Babylon an.“
Über Sardanapals Ruhm zu seiner Zeit sagt Hjärne: „So stand
Assurbanipal in einem bisher nie gesehenen Glanz, gehärtet und
siegreich im Kampf, umgeben von allem erdenklichen Überfluß und von
aller Verfeinerung morgenländischer Kunst und Weisheit. Die ganze
gebildete Welt war von seinem Ruhm erfüllt. In der Ferne lauschten
in den dürftigen kleinen Städten der Hellenen wißbegierige Zuhörer
staunend den Berichten, die verständige Kaufleute und Reisende von der
märchenhaften Pracht des großen Sardanapal gaben. Sein Name ward bei
ihren Nachkommen zum Sprichwort, und die unverständlichen assyrischen
Keilinschriften, die hier und da in Kleinasien zu sehen waren, hielt
man für Grabschriften auf ihn. Die Dichter übten ihren Scharfsinn an
angeblichen Deutungen und ließen Sardanapal eine Lebensweisheit des
Genusses preisen, die eher sorglosen Jüngern Epikurs anstand, als dem
leidenschaftlich kämpfenden und glaubenseifrigen König von Assur:
‚Vergiß nicht, daß du als Sterblicher geboren bist, und fülle daher
dein Herz mit Mut, festlich dich freuend. Für den Toten ist aller
Genuß zu Ende; denn selbst ich bin ja zu Asche geworden, der Herr des
herrlichen Ninive‘.“
Nun traten die indogermanischen Meder als Feinde Assyriens auf. Im
Jahr 606 eroberten sie unter Cyaxares Ninive und löschten seinen Glanz
für immer aus. Das neubabylonische oder chaldäische Reich wurde von
Nabopolassar (625-604) gegründet und ging nach ihm auf Nebukadnezar II.
über. Naboned, der letzte König dieses Geschlechts (556-539), unterlag
im Jahre 539 dem Perserkönig Cyrus, der Babylonien eroberte und der
babylonischen Weltherrschaft ein Ende machte.
So sind die Völker gleich gewaltigen Meereswogen über Mesopotamiens
blutgetränkte Erde hereingebrochen. Schon in den ältesten Urkunden
sprechen die Sumerer von einer „grauen Vorzeit“, einem Sagendunkel, das
noch weit hinter dem Vorhang liegt, bis zu dem unsre Blicke reichen.
Dann überschwemmen die Semiten das Land, und die babylonisch-assyrische
Weltmacht streckt ihre Arme über endlose Flächen Vorderasiens und
Nordostafrikas aus. Die Geschichte dieses Reiches ist, wie Kolmodin
sich ausdrückt, „ein durch Jahrtausende fortgesetzter Kampf gegen
den beständig wiederkehrenden Druck der Barbarei“; aus diesem Kampf
entsteht „die mächtige babylonische Reichs- und Kulturtradition,“ die
bis zur assyrischen Zeit sich allmählich zur „Idee des Weltreichs in
der Bedeutung der gemeinsamen Organisation einer ganzen Kulturwelt zur
Abwehr der Barbarengefahr“ erweitert.
Auch ihre Stunde schlägt. Die Dämme werden gebrochen, und die persische
Völkerwoge rollt heran, um das chaldäische Erbe in Besitz zu nehmen.
Aus dem Abendland führt Alexander seine Mazedonier herbei, und auf
den Gefilden von Gaugamela stürzen sie das Reich des Darius. In
nachgriechischer Zeit stoßen hier parthische und römische Heereswogen
aufeinander. Die Sassaniden, Omaijaden und Abbasiden lösen sich ab.
Dann leuchtet der ganze Horizont blutrot: Hulagu und die Mongolen
ziehen wie ein verheerender Wüstensturm über die Provinzen des
erstarrenden Kalifats, und eine neue Völkerwoge aus dem Osten führt
Tamerlan und die Tataren herbei. Das Land vermag kaum aufzuatmen
zwischen den Schlachten.
So folgt ein Geschlecht auf das andre -- Jahrtausende hindurch dieselbe
Erscheinung. Die Erde, die ehedem den Opfergesängen für Marduk und
den Sonnengott lauschte, sieht plötzlich die Osmanen unter der grünen
Fahne des Propheten heransprengen. Kaum vier Jahrhunderte sind seitdem
vergangen. Jetzt ist die Reihe an den Osmanen, +ihr+ Erbe zu
verteidigen.
* *
*
„Es ist alles ganz eitel!“ sagt der Prediger Salomo. „Ein Geschlecht
vergeht, das andere kommt, die Erde aber bleibt ewiglich. Alle Wasser
laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller. An den Ort, da sie
herfließen, fließen sie wieder hin. Was ist, das geschehen ist? Eben
das hernach geschehen wird. Was ist, das man getan hat? Eben das man
hernach wieder tun wird. Und geschieht nichts Neues unter der Sonne.“
Niemals ist mir die tiefe, salomonische Weisheit dieser Worte
eindringlicher aufgegangen, als auf dieser meiner Reise durch das
Zwischenstromland Mesopotamien, die biblische Urheimat der Menschheit.
Von den mächtigen Reichen des Altertums, die von hier aus die Welt
beherrschten, sah ich nicht viel mehr als Schutthalden und Haufen von
Ziegelsteinen. Gleich regelmäßigen Erdbeben und vulkanischen Ausbrüchen
hat der Paroxysmus der Zerstörung von Zeit zu Zeit die Menschheit
heimgesucht. Das lehrt die Vergangenheit. Die Zukunft ist uns
verschlossen, aber auch sie wird, allen Sängern des Friedens zum Trotz,
sich diesem Naturgesetz der Geschichte nicht entziehen können. „~Lo,
all our pomp of yesterday is one with Ninive and Tyre!~“ sagt ein
Dichter von einem der größten Reiche der Gegenwart.
Auf den Wegen Mesopotamiens liegt der Staub zahlloser Volksstämme.
Reiche sind erwachsen, emporgeblüht und wieder zerfallen; neue traten
an die Stelle der alten, und heute ist das Antlitz der Weltgeschichte
abermals dem Lande zugewendet, wo ihre Wiege stand.
[Illustration]
Druck von F. A. Brockhaus, Leipzig.
[Illustration: ~Hedins Reise nach Bagdad, Babylon und Ninive~]
Sven Hedins Werke.
Kriegsbücher:
Ein Volk in Waffen.
Den deutschen Soldaten gewidmet. Mit 32 Abbildungen. ℳ 1.50.
Ein Volk in Waffen.
Dieselbe Ausgabe auf stärkerem Papier. Geh. ℳ 3.--, geb. ℳ 4.--.
Ein Volk in Waffen.
Große Ausgabe mit 185 Abb. u. 1 Karte. Geh. ℳ 10.--, geb. ℳ 12.--.
Nach Osten!
Soldatenausgabe. Mit 27 Abbildungen. ℳ 1.50.
Nach Osten!
Dieselbe Ausgabe auf stärkerem Papier. Geheftet ℳ 3.--, gebunden
ℳ 4.--.
Nach Osten!
Große Ausgabe mit 267 Abbildungen. Geheftet ℳ 10.--, gebunden ℳ 12.--.
Bagdad, Babylon, Ninive.
Soldatenausgabe. Mit 26 Abb. ℳ 1.50.
Bagdad, Babylon, Ninive.
Dieselbe Ausgabe auf stärkerem Papier. Geheftet ℳ 3.--, gebunden
ℳ 4.--.
Bagdad, Babylon, Ninive.
Große Ausgabe mit 200 Abbildungen. Geheftet ℳ 10.--, gebunden ℳ 12.--.
Ein Warnungsruf.
(1912, vor dem Weltkrieg, erschienen.) Geheftet ℳ --.50.
Reisewerke:
Durch Asiens Wüsten.
Drei Jahre auf neuen Wegen in Pamir, Lop-nor, Tibet und China. Mit
109 Abb. u. 5 Karten. 5. Aufl. Geb. ℳ 12.--.
Im Herzen von Asien.
Zehntausend Kilometer auf unbekannten Pfaden. 2 Bände. Mit 347 Abb.
u. 5 Karten. 3. Auflage. Geb. ℳ 24.--.
Transhimalaja.
Entdeckungen und Abenteuer in Tibet. Mit 397 Abbildungen und 10
Karten. 2 Bände. 5. Auflage. Gebunden ℳ 24.--.
Dazu Ergänzungsband: Mit 169 Abbildungen und 4 Karten. 2. Auflage.
Gebunden ℳ 12.--.