Gerade unterhalb der Burg macht der Tigris eine Wendung und
verschwindet im Nordwesten, von wo er kommt, und im Südosten, auf dem
Wege nach Bagdad, in blauer Ferne. Er ist aber hier in Mosul viel
weniger imposant als in der Stadt der Kalifen, wo seine Wassermenge,
trotz der starken Verdunstung auf dieser Strecke, viel bedeutender
erscheint infolge des Zuflusses des Kleinen und Großen Zab, des Zabatus
Minor und des Zabatus Major.
Unten am Ufer saßen Hunderte von Frauen und spülten und klopften ihre
Wäsche. So sitzen sie dort jahraus, jahrein in brennender Sommersonne
und in der Winterkälte, die hier viel stärker sein soll als in Bagdad,
denn Mosul liegt 250 Meter über dem Meeresspiegel, Bagdad nur 50. Die
Sommertemperatur ist aber in beiden Städten ungefähr die gleiche.
Oberhalb der Fähre wurde eine Herde schwarzer Büffel über den Strom
getrieben. Das Bad gefiel ihnen offenbar, denn sie schwammen langsam
und ließen sich ein gutes Stück nach der Brücke hinabtreiben, bis sie,
vom Wasser glänzend und tropfend, das jenseitige Ufer erreichten.
Südlich der Seldschukenburg hielten wir bei der kleinen Grabmoschee
Jahija Abu Kasim, deren schöne, mit Fayence bekleidete Vorderseite
in ihrer Wirkung beeinträchtigt wird durch ein später gebautes,
vorstehendes Marmorportal. Gleich dem Grabe der Sobeïd in Bagdad hat
dieses Mausoleum statt einer Kuppel ein spitzes, pyramidenförmiges
Dach, das für andere Grabdenkmäler dieser Gegend vorbildlich gewesen
ist.
Nahe dabei stehen dicht am Ufer die Ruinen offenbar einer ehemaligen
Moschee namens Bedretdin Sultan Lulu, wo man dicht am Ufer zahlreiche
Fische im Strom beobachten kann. Von drüben hört man das Wimmern der
Wasserräder, die schmale Streifen Ackerland bewässern, und ab und zu
kommen merkwürdige Fahrzeuge durch die Brücke geschwommen; sie sehen
wie losgerissene Inseln aus, und in ihrer Mitte sitzen ein paar Leute
wie Eier in einer Schüssel Spinat; es sind kleine Kelleks, deren
Holzrost, von aufgeblasenen Ziegenfellen getragen, oben mit Reisig und
Zweigen bedeckt ist.
Nach dieser ersten orientierenden Rundfahrt durchwanderte ich nun Tag
für Tag die Straßen Mosuls, die denen von Bagdad an malerischem Reiz
weit nachstehen, denn der herrliche Schmuck der Palmen fehlt hier
ganz; überhaupt sieht man in der Stadt kaum eine Spur von Grün. Dafür
sind aber die Häuser Mosuls stattlicher und viel fester gebaut, nicht
aus schlecht gebrannten Ziegeln, sondern aus Stein, der Jahrhunderte
überdauert. Der Stil ist derselbe wie in Bagdad, die Architektur aber
reicher und vornehmer. Von der engen, schmutzigen Gasse führt ein
unansehnliches Tor mit einem Eisenklöppel oder -ring durch einen Gang
auf den viereckigen, gepflasterten Hof, wo ein kleines Wasserbecken
einige Kühle und bestenfalls niedrige Maulbeer- und Orangenbäumchen
etwas Schatten verbreiten. Sofas und Stühle zeigen, daß hier tagsüber
der Wohnraum der Familie ist. Das Erdgeschoß des Hauses enthält Küche,
Vorratskammern, Holzschuppen, Ställe und Dienstbotenwohnungen. Der
nach dem Hof offene Empfangsraum (Eivan oder Ivan) ist wie in Bagdad
zu ebener Erde oder auch eine halbe Treppe hoch, mit Eingang von der
ersten Galerie. Die Privatgemächer, Schlafräume usw., liegen eine
Treppe höher. Darüber ist das flache Dach, auf dem man die heißen
Sommernächte zubringt.
[Illustration: Stickende Araberin in Mosul.]
Die Front der Häuser ist nicht nach der Straße, sondern nach
dem Hof hinaus, denn der Orientale verbirgt sein Familienleben
eifersüchtig vor der Außenwelt. Das gilt auch für christliche,
syrische und chaldäische Häuser. In diese erhält man leicht Zutritt,
die weiblichen Angehörigen gehen unverschleiert und beteiligen sich
an der Unterhaltung mit dem Gast. Aber man muß schon ein sehr guter
Freund des Hauses sein, wenn selbst die christlichen Frauen in
Gegenwart eines Europäers ihre angeborene Scheu überwinden sollen. Die
Hoffront vornehmer Häuser zeigt reichen Marmor- oder Alabasterschmuck,
hauptsächlich an den Seitenflügeln, denn den Rücken des Vorderhauses,
durch das man eintritt, bilden die schattigen, von Steinsäulen
getragenen Pferdeställe. Die eigentliche Hauptfront gegenüber ist zum
größten Teil von Galerien bedeckt, und die vergitterten Bogenfenster
darunter lassen wenig Raum zu ornamentalem Schmuck. Dieser beschränkt
sich daher auf das untere Mauerwerk, während die Wände der Seitenflügel
bis zum Dach hinauf mit Blumengewinden und Blattwerk in Relief verziert
sind. Auch die höchsten Fenster haben zum Schutz gegen Einbrecher dicke
Gitter; die Eisenstangen sind an ihren Kreuzungspunkten noch durch
Ringe gesichert. Gegen die Sonne schützen Holzläden, wie man sie auch
in Konstantinopel findet.
[Illustration: Vier Musikanten vor der Treppe, die vom Hof zum
Empfangsraum hinaufführt.]
[Illustration: Die mit Marmorreliefs geschmückte Hoffront eines
vornehmen Hauses in Mosul.]
Mosul zählt viele solcher vornehmen Häuser, deren Besitzer armenischer,
syrischer oder chaldäischer Abstammung, Mohammedaner oder Christen,
Kaufleute oder Priester sind. Es besitzt eine starke kaufmännische
Aristokratie, deren Ansehen weit über das Weichbild der Stadt
hinausreicht. Solch ein Hof mit seinem kostbaren Marmorschmuck zeugt
von erworbenem oder ererbtem Reichtum, der sich im Takt mit den
lautlosen Schritten der Kamele auf den weiten Wanderungen der Karawanen
vermehrt, wenn nicht die Wüstenschiffe durch Zyklone Schiffbruch leiden
oder arabische Piraten mit den Ballen Baumwolle, gepreßter Datteln,
bunter Stoffe, Kolonialwaren und europäischen Krams in der Tiefe der
Wüste verschwinden. Auch der Handel Mosuls war durch den Krieg fast
völlig lahmgelegt. Aus Indien und Basra kam gar nichts; die persischen
und kaukasischen Handelsstraßen waren gesperrt, und die Anatolische
Eisenbahn fast ausschließlich mit Militärtransporten belegt. Doch
wartete man mit echt orientalischer, fatalistischer Ruhe der kommenden
besseren Zeiten.
[Illustration: Hadschi Mansur, 65jähriger Chaldäer.]
[Illustration: Straße in Mosul.]
Solch ein schattiger Hof wirkt gegenüber den backstubenheißen Straßen
wie eine Oase in der Wüste. Hin und wieder besprengt ein Sakka das
Steinpflaster mit Wasser. Nur eines vermißt man: nie dringt ein
Luftzug hier hinein; nur wenn Stürme über das Land ziehen, stürzen die
Wirbelwinde wie Wasserfälle von den Dächern herab auf das Laub der
Maulbeerbäume. Im übrigen aber entspricht ja diese Bauart, wie schon im
alten Assyrien und Babylonien, vollkommen dem durch das Klima bedingten
Bedürfnis. Unsere europäischen Häuser mit ihren nach Luft und Licht
verlangenden Fenstern auf allen Seiten würden in Mosul unerträgliche
Steinkamine sein. Auch die Häuser der Armen haben dieselbe Bauart; nur
fehlt natürlich der Marmorschmuck; oft sind sie aus unbehauenem Stein
oder nur aus an der Sonne getrocknetem Lehm.
Dem kunstverständigen Auge, das auf diesen Höfen der zahlreichen
vornehmen Häuser an malerischen Motiven reiche Ausbeute findet, mag
Mosul leicht als eine Perle unter den Städten des Orients erscheinen.
Das Panorama von einem hohen Dache aus enttäuscht aber stark. Man sieht
nichts als graue, fensterlose Mauern, flache Hausdächer mit Brustwehren
in verschiedener Höhe, runde Minarette mit einem oder mehreren
Rundgängen für die Gebetsrufer, und hier und da die viereckigen Türme
und flachen Kuppeln der christlichen Kirchen und Klöster.
[Illustration: Toros, 60jähriger armenischer Karawanenfuhrer aus
Erserum.]
[Illustration: Basarstraße in Mosul.]
Weit dankbarer ist eine Wanderung durch die Straßen und Basare,
wahrhaftige Labyrinthe, durch die man sich nur unter kundiger Führung
hindurchfindet. Eng und winkelig sind die Gassen, wie in Bagdad,
weniger häufig die Holzerker. Die belebteren Stadtviertel haben
Steinpflaster, aber so schlechtes, daß eine Droschke verunglücken
würde, wenn sie sich überhaupt hier durchzwängen könnte. Schmutz,
Unrat, Gerümpel, Fruchtschalen, Gedärme und andere Küchenabfälle
liegen haufenweise umher, die widerwärtigen Hunde wühlen darin herum.
Die Straßenreinigung besorgt nur ab und zu ein heftiger Sturmwind
mit riesengroßem Besen; ganze Kehrichtwolken füllen dann die Basare.
Vergebliche Mühe! In den Winkeln sammelt und häuft sich der Schmutz um
so höher, und dort bleibt er liegen.
[Illustration: Eine schöne Ecke im Basar.]
In den lebhaftesten Straßen des Basars sind die Läden der
Waffenschmiede und Gelbgießer, die Stände der Schmiede und Seiler,
Fleischbänke und Obstläden, wo Rosinen und Mandeln, Nüsse, Gurken,
Gewürze usw. feilgehalten werden. Das Geschäft der Töpfer blüht,
denn der Krug geht solange zu Wasser, bis er bricht, und ganz Mosul
braucht die hübschen Trinkgefäße, die die Frauen so anmutig auf dem
Kopfe einhertragen. In den Buchläden schmökern Männer im Turban oder
Fes umher. Durchmarschierende Soldaten kaufen Tabak und Pfeifen,
Feuerstahl und Mundstücke. Mächtige Ballen europäischer Stoffe liegen
aufgestapelt, immer in schreiender Farbe, die das Auge des Orientalen
erfreut. Ein Hammam, ein Bad, ist überall in der Nähe. Kleine Tunnel,
deren spitzbogige Tore oft von schönen Skulpturen umrahmt sind, führen
zu den Karawansereien der Großkaufleute, und Stände mit alten
Kleidern, wahre Herde für ansteckende Krankheiten und Ungeziefer,
fehlen auch nicht. In den engsten Gassen arbeiten die Barbiere in
schattigen Gewölben. Schutzdächer aus dünnen Brettern oder Bastmatten
über den Läden erhöhen noch die malerische Buntheit der Straßenbilder.
[Illustration: Bab-el-Dschiser.]
Das Herz des Basars ist ein kleiner, unregelmäßiger Marktplatz, auf den
die Hauptstraßen zusammenlaufen. Hier liegen mehrere Kaffeehäuser. Auf
der offenen Veranda des einen habe ich viele Stunden zugebracht. Unter
mir ein Gewimmel, wie in einem Ameisenhaufen; würdig einherschreitende
Orientalen im Turban oder Fes und in weißen, braunen oder gestreiften
Kopftüchern mit Scheitelringen, Chaldäer und Syrier -- im Fes, aber
sonst europäisch gekleidet --, Priester und Bettler, Frauen mit und
ohne Schleier, Hausierer und lärmende Kinder, Eseltreiber mit ihren
störrischen Langohren und Kameltreiber durchziehender Karawanen, die
nie ein Ende nahmen. Das Reizvollste aber war der Blick über dies
Gewimmel hinweg durch den mächtigen Rundbogen des gegenüberliegenden
Tores Bab-el-dschiser auf den nahen Strom, die Brücke, die seine Ufer
verbindet, und auf die Ruinenhügel von Ninive.
In 35 Bogen zwischen mächtigen Steinpfeilern setzt die Brücke über den
Strom. Aber nur auf dem linken Ufer ist sie landfest; bei niedrigem
Wasserstand steht sie dort zum größten Teil auf dem Trockenen.
Die Strömung geht am rechten Ufer entlang, wo auch das Bett am
tiefsten ist, und bei Hochwasser, nach der Schneeschmelze oder nach
Frühjahrsregen, würde auch die stärkste Steinbrücke der rasenden Gewalt
des Wassers nicht widerstehen. Deshalb hat man hier eine Pontonbrücke
angesetzt, deren Verbindungsteil mit der Steinbrücke, je nach dem
Wasserstand, seine Lage selbsttätig ändert. Auch unterhalb der festen
Brücke läuft ein Fußsteig, der aber nur bei niedrigem Wasserstand
begangen werden kann; jetzt war er überschwemmt. Die Brücke wurde vor
achtzig Jahren von einem Italiener gebaut, dessen Sohn noch jetzt in
Mosul leben soll.
Das orientalische Gepräge Mosuls wird starke Einbuße erleiden,
wenn nach dem Kriege die Bagdadbahn fertig ist, und Eisenbahnen,
Lokomotiven und Güterzüge die Kamele verdrängen. Schon jetzt hatte die
Regulierungsmanie eines Wali auch hier gewütet. Vom künftigen Bahnhof
brach man eine Straße quer durch die Stadt zum Tigris. Dadurch fiel
eine Menge schöner alter Häuser und Höfe der Spitzhacke zum Opfer.
Der Krieg verhinderte bisher den Neubau; infolgedessen sah die Straße
aus, als habe ein Erdbeben sie zerstört, oder als hätten die Russen
hier wie in Ostpreußen gehaust. Halb abgerissene Häuser standen da,
und bloßgelegte Höfe mit hohen Gewölben, Säulen und Marmorarabesken
boten einen traurigen Anblick. Ich fragte den Gendarm, den mir der
Kommandant als Begleiter mitgegeben hatte, ob der für diese Zerstörung
verantwortliche Wali nicht gehängt worden sei. „Im Gegenteil,“
antwortete er lachend, „jedenfalls ist er Ehrenbürger von Mosul
geworden!“
[Illustration: Tunnel im Basar.]
Meine Streifzüge durch Mosul beschloß ich gewöhnlich mit dem Besuch
eines Gasthauses, dessen Besitzer, der Italiener Henriques, mit
einer tüchtigen deutschen Frau verheiratet ist; aus Bagdad hatte
man ihn ausgewiesen, in Mosul aber ließ man ihn unbehelligt. Er
wohnte fast außerhalb der Stadt an einem großen Platz zwischen den
Infanteriekasernen, dem Konak und dem Serail, wo die Zivilbehörden
ihren Sitz haben, und verschenkte den herrlichsten Nektar, den man sich
in der Sonnenglut wünschen konnte, eiskalte Limonade.
[Illustration: Der chaldäische Patriarch, rechts der Herzog, links
Koeppen und Staudinger.]
[Illustration: Monseigneur Chajat.]
Von den Kirchen Mosuls soll die ältere chaldäische aus dem 7.
Jahrhundert stammen. Unmittelbar neben ihr liegt die jetzige
chaldäische Kathedrale, die im 14. Jahrhundert erbaut und 1810 und
1896 erneuert wurde. Es war gerade Vespergottesdienst, als wir sie in
Begleitung mehrerer Priester besuchten, und der Gesang der Chorknaben
erfüllte die niedrigen Wölbungen des Kirchenschiffs, das vom Altar
durch einen Vorhang getrennt war. Die Wölbungen ruhen auf acht Säulen;
Kapitäle und das sie verbindende Gebälk sind mit Bibelsprüchen bedeckt,
der Boden mit Teppichen belegt. An die Kathedrale schließt sich das
Seminar mit einem geräumigen Hof. Ein Gang und eine Treppe führen in
eine Krypta, eine andere Treppe auf einen kleinen Hof, an dem ein
Zimmer gezeigt wird, das Feldmarschall von Moltke 1837 bewohnt haben
soll. Ein dritter Hof umschließt eine Begräbnisstätte der Chaldäer.
Sonntag, den 18. Juni, waren der Herzog und wir andern frühmorgens
½6 Uhr zu einer feierlichen Messe in der Kathedrale eingeladen.
Der Vorhang vor dem Chor war nun aufgezogen, der Altar strahlte im
Kerzenlicht, und Knaben- und Männerchöre sangen oder vielmehr schrien
Psalmen und Lieder. Der Patriarch, ein ehrwürdiger Greis mit langem,
weißem Haar und freundlichen Augen hinter runden Brillengläsern,
zelebrierte selbst und murmelte mit dumpfer Stimme uns unverständliche
Worte aus goldbeschlagenen Büchern. Die Morgensonne flutete durch
die Fenster herein auf die dichte Menge der Andächtigen, und die
Festkleider der chaldäischen Frauen leuchteten in allen Farben.
[Illustration: Erntetanz.]
Am zweiten Sonntag lud mich der Chorbischof der syrischen Kirche,
Monseigneur Chajat, ~Fondateur de l’Institut Pius X. à Mosoul~, zu
einer höchst originellen Tanzvorstellung kurdischer Landleute, die zur
Erntearbeit nach Mosul zu kommen pflegen. Die Männer trugen Turbane,
Westen, Leibgürtel und lange Hosen, die Frauen leichte Kopftücher,
Mieder oder Jäckchen und bunte Röcke. Vier Musikanten spielten auf;
ihre Instrumente waren ein Kanun, ein zitherartiges Saitenspiel, das
man aus den Knien hält, ein Oud oder eine Gitarre, ein Dumbug oder
eine Trommel und ein Tamburin mit rasselnden Tellerchen an der Seite,
genannt Daff (vgl. das Bild S. 348).
[Illustration: Der erste Teil des Erntetanzes: Die Sicheln werden
geschliffen.]
[Illustration: In raschem Tempo.]
Erst traten die Männer vor, faßten sich an den Händen und begannen
jenen rhythmisch wiegenden Tanz, den ich schon bei den Arabern gesehen
hatte. Bald warfen sie sich nach rechts, bald nach links vornüber,
jedesmal den Fuß gegen die Steinplatten stemmend, und zwar mit solchem
Nachdruck, daß man fürchtete, sie müßten sich die Fußsohlen zerreißen.
Der Schweiß floß ihnen vom Gesicht herab, die Augen glänzten vor
Eifer; die Tänzer schienen völlig im Bann der immer leidenschaftlicher
anschwellenden Musik, die Finger rissen immer ungestümer die Saiten,
die Knöchel schlugen mit rasender Schnelligkeit das gespannte
Trommelfell, und wie ein saugender Strudel des Tigris wirbelte es um
die Maulbeerbäume des Hofes herum.
Am zweiten Tanz nahmen auch die Frauen teil, und den Schluß bildete
der Erntetanz der Männer. Erst saßen sie auf dem Boden und schliffen
ihre Sicheln zum Takt der Musik. Dann standen sie auf und machten in
wiegendem Gang die Bewegungen des Schnitters beim Mähen der Saat. Dann
steigerte sich der Tanz zu einem wilden Krescendo.
Hinterher gaben uns die Musikanten in einer Loggia noch ein besonderes
Konzert. Sie spielten einen algerischen Marsch, der an der Nordküste
Afrikas volkstümlich sein soll, und melancholische, eintönige Weisen
zu den Liedern eines arabischen Sängers, denen man stundenlang zuhören
konnte.
Das Haus des Chorbischofs war einer der schönsten Paläste in Mosul, und
Monseigneur Chajat hatte die Liebenswürdigkeit, mir eines seiner Zimmer
als Atelier einzuräumen und mir zahlreiche männliche und weibliche
Modelle zu beschaffen. Die Bilder, die ich von ihnen entwarf, erheben
keinen Anspruch auf künstlerischen Wert, geben aber wohl einen Begriff
von der Mannigfaltigkeit charakteristischer Typen, die Mosuls Straßen
und Basare beleben und dem Auge des Malers einen unerschöpflichen Reiz
bieten.
[Illustration: Das Tor Bab-el-Dschiser in Mosul mit Blick auf die
Tigrisbrücke und Ninive.]
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Ninive.
Im vorigen Kapitel berichtete ich schon, daß ich am 11. Juni 1916 die
alte Seldschukenburg in Mosul bestieg, die sich auf einem steilen
Felsen über dem rechten Ufer des Tigris erhebt, und zum erstenmal
die alte Königsstadt Ninive vor mir sah -- oder vielmehr die Stelle,
wo sie ehemals gestanden hat. Keine grauen Massen gewaltiger Mauern,
keine Türme mit Zinnen, keine Terrassen von Königspalästen oder
festen Bürgerhäusern sind mehr zu sehen; nicht einmal Reste ihrer
Grundmauern ragen über der Erde hervor. Alles ist verschwunden; nur
drei ausgedehnte, gleichförmige Hügel mit schroffen Abhängen verraten
den Ort, wo vor Jahrtausenden die Hauptstadt des assyrischen Weltreichs
blühte. Von der beherrschenden Höhe der Seldschukenburg aus erhält man
aber wenigstens einen ungefähren Begriff von der Lage und Größe dieser
Stadt, und die Phantasie glaubt den Lauf der Stadtmauer zu erkennen.
Sonst nichts als graubraune Wüste in glühendem Sonnenbrand.
Und diesen Eindruck unendlicher Verwüstung erhielt ich auch, als ich am
16. Juni mit Professor Tafel, der ebenfalls von Bagdad herübergekommen
war, auf dem Ruinenfeld selbst umherstreifte. Nur an zwei Stellen
dieses ungeheuern Friedhofes hat sich das Leben noch festgenistet; die
eine ist das Dorf Nebi Junus, unmittelbar neben dem südlichen Hügel und
selbst auf einer kleinen Anhöhe gelegen, von der die Grabmoschee des
Propheten Jonas weithin sichtbar ist, und das Dorf Kujundschik, berühmt
als einer der ergiebigsten Fundorte der Assyriologen.
Die Droschke, mit der wir von Mosul über das Rollsteinpflaster
der Tigrisbrücke Ninive entgegenfuhren, war mit Seilen umschnürt,
weil ihre gesprungenen und eingetrockneten Radkränze und Speichen
auseinanderzufallen drohten. Auf dem linken Ufer bogen wir rechts ab
und hielten bald am Fuße des Abhangs, von wo ein Fußweg zur Grabmoschee
Nebi Junus hinaufführt. Es war gerade Freitag und Gottesdienst in der
Moschee.
[Illustration: Oberster Priester der Grabmoschee des Propheten Jonas.]
Man empfing uns freundlich und geleitete uns zu einer Dachterrasse
hinauf, von der aus eine Tür in den Tempel führte. In einem kleinen
Kiosk, einem Turmzimmer mit Fenstern nach allen Himmelsrichtungen,
die eine prächtige Aussicht auf das gegenüberliegende Mosul darboten,
mußten wir warten, bis die Gebete zu Ende waren, die Allahs Segen auf
den Sultan, auf Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Joseph herabflehten
und um Sieg über die Feinde baten -- eine erbauliche Zeremonie für
die anwesenden englischen Untertanen, wenn anders sie aufrichtige
Gefühle für England im Herzen hegten. Ein kleiner weißbärtiger Alter,
den Turban auf dem Kopf und eine Brille auf der Nase, leistete uns mit
mehreren andern Mohammedanern Gesellschaft.
Als die Gläubigen die Moschee zu verlassen begannen, zogen wir die
Schuhe aus; unser Führer ergriff meine Hand und bat uns ihm zu
folgen. Das Innere des Tempels war sehr einfach und entbehrte jedes
Schmucks, nur ein paar verschlissene Teppiche lagen auf dem Boden.
Seitwärts vor einem Gitterfenster standen einige indische Mohammedaner
im Gebet versunken. Durch dieses Gitter sah man in die Krypta des
Propheten Jonas hinab, ein dunkles Loch, in dessen Mitte sich eine
sarkophagähnliche Erhöhung abhob. Das eigentliche Grab des Toten soll
aber unter diesem Denkmal liegen.
[Illustration: Indische Mohammedaner in der Moschee Nebi Junus.]
Eins der Minarette von Mosul hängt bedenklich über. Der Sage nach
verbeugten sich alle Gebetstürme in Ehrfurcht, als der Prophet Jonas
gleich unterhalb dieses Dorfes, das seinen Namen trägt, vom Walfisch
ans Land gespien wurde. Nachher richteten sie sich wieder auf bis auf
einen, der noch heute fortfährt, die Bewohner Mosuls an das Grab des
Heiligen zu erinnern.
Aus der stillen Kühle der Moschee gingen wir wieder in den Sonnenbrand
hinaus und stiegen langsam den Hügel hinab, auf dessen Abhang die
ärmlichen Hütten des Dorfes Nebi Junus in amphitheatralischer
Anordnung liegen. Auf einem der Höfe hatte sich eine Schar armenischer
Flüchtlinge gelagert. Dann fuhren wir eine Strecke nordwärts bis zum
Flusse Choser, der von Osten nach Westen die Ruinenstätte durchfließt.
Eine schöne neue Bogenbrücke führte hinüber, die aber auch schon so
verfallen war, daß wir vorzogen, sie zu Fuß zu überschreiten. Auf
einer Landspitze nahm eine Eselkarawane, Führer und Tiere, in dem
kristallklaren, fast stillstehenden Wasser ein Bad.
[Illustration: Josefine Saijo, 13jährige Syrierin.]
Bald hinter der Brücke beginnt der eine von den Hügeln Ninives, und
wir steigen seinen niedrigen Gipfel hinan. Ringsum nur Schutt und
Disteln -- nichts, was auch nur einigermaßen an die Welt des Altertums
erinnert, kaum daß die eingestürzte Mündung eines Tunnels die Spur
älterer englischer und französischer Ausgrabungen verrät. Lautlos
und öde dehnt sich die sonnenverbrannte Wüste vor uns; nur Scherben
zerbrochener Wasserkrüge liegen umher, zwischen denen zahlreiche
Eidechsen über glühend heiße Steine dahinhuschen. Die Grundmauern, auf
denen Königspaläste und Festungen ruhten, sind im Schutt verborgen, und
die Phantasie versagt, wenn sie aus diesem öden Nichts die Herrlichkeit
vergangener Jahrtausende erwecken soll. Auf diesem ungeheuern Friedhof
sind nicht einmal mehr Grabsteine zu finden, die ihr als Führer dienen
könnten, und in meinen Ohren klingen die Worte des Propheten Nahum,
zu dessen Grab in dem Dorf Alkosch, neun Stunden nördlich von Mosul,
an bestimmten Festtagen die Juden wallfahren: „Es wird der Zerstreuer
wider dich heraufziehen und die Feste belagern. Siehe wohl auf die
Straße, rüste dich aufs beste und stärke dich aufs gewaltigste.
Denn der Herr wird die Pracht Jakobs wiederbringen, wie die Pracht
Israels. Die Schilde seiner Starken sind rot, sein Heervolk glänzt
wie Purpur, seine Wagen leuchten wie Feuer, wenn er sich rüstet; ihre
Spieße beben. Die Wagen rollen auf den Gassen und rasseln auf den
Straßen. Sie glänzen wie Fackeln und fahren einher wie die Blitze.
Er aber wird an seine Gewaltigen denken; doch werden sie fallen, wo
sie hinaus wollen, und werden eilen zur Mauer und zu dem Schirm, da
sie sicher seien. Aber die Tore an den Wassern werden doch geöffnet,
und der Palast wird untergehen. Die Königin wird gefangen weggeführt
werden, und ihre Jungfrauen werden seufzen wie die Tauben und an ihre
Brust schlagen. Denn Ninive ist ein Teich voll Wasser von jeher; aber
dasselbe wird verfließen müssen. Stehet, stehet, werden sie rufen,
aber da wird sich niemand umwenden. So raubet nun Silber, raubet Gold,
denn hier ist der Schätze kein Ende und die Menge aller köstlichen
Kleinode. Nun muß sie rein abgelesen und geplündert werden, daß ihr
Herz muß verzagen, die Kniee schlottern, alle Lenden zittern und alle
Angesichter bleich werden. Wo ist nun die Wohnung der Löwen und die
Weide der jungen Löwin, da der Löwe und die Löwin mit den jungen Löwen
wandelten und niemand durfte sie scheuchen? Der Löwe raubte genug für
seine Jungen und würgte es seinen Löwinnen. Seine Höhlen füllte er
mit Raub und seine Wohnungen mit dem, was er zerrissen hatte. Siehe
ich will an dich, spricht der Herr Zebaoth, und deine Wagen im Rauch
anzünden, und das Schwert soll deine jungen Löwen fressen; und will
deines Raubens ein Ende machen auf Erden, daß man deiner Boten Stimme
nicht mehr hören soll. Wehe der mörderischen Stadt, die voll Lügen und
Räuberei ist und von ihrem Rauben nicht lassen will. Denn da wird man
hören die Geißeln klappen und die Räder rasseln und die Rosse jagen und
die Wagen rollen. Reiter rücken herauf mit glänzenden Schwertern und
mit blitzenden Spießen. Da liegen viel Erschlagene und große Haufen
Leichname, daß ihrer keine Zahl ist und man über die Leichname fallen
muß. Und alle, die dich sehen, werden vor dir fliehen und sagen: Ninive
ist zerstört; wer soll Mitleiden mit ihr haben, und wo soll ich dir
Tröster suchen? Siehe dein Volk soll zu Weibern werden in dir, und die
Tore deines Landes sollen deinen Feinden geöffnet werden, und das Feuer
soll deine Riegel verzehren. Schöpfe dir Wasser, denn du wirst belagert
werden! Bessere deine Festen! Gehe in den Ton und tritt den Lehm und
mache starke Ziegel! Aber das Feuer wird dich fressen, und das Schwert
töten; es wird dich abfressen wie die Käfer, ob deines Volks schon viel
ist wie Käfer, ob deines Volks schon viel ist wie Heuschrecken. Deiner
Herren sind so viele wie Heuschrecken und deiner Hauptleute wie Käfer,
die sich an die Zäune lagern in den kalten Tagen. Wenn aber die Sonne
aufgeht, heben sie sich davon, daß man nicht weiß, wo sie bleiben.
Deine Hirten werden schlafen, o König zu Assur, deine Mächtigen werden
sich legen; und dein Volk wird auf den Bergen zerstreut sein und
niemand wird sie versammeln. Niemand wird deine Schaden lindern, und
deine Wunde wird unheilbar sein.“ --
[Illustration: Monseigneur Boloß, syrischer Bischof in Dara.]
[Illustration: Marie George, 30jährige syrische Katholikin, in Mosul
verheiratet.]
Fast gedörrt von der Sonne flüchteten wir bald zurück über den Tigris
in die schattigen Räume eines der Kaffeehäuser am rechten Ufer, auf
dessen oberen Balkonen lauter Beduinen, auf den unteren fesgeschmückte
Männer in echt orientalischer Beschaulichkeit ihre Tage verbringen,
ihre Tage im wörtlichen Sinne, denn die Besucher richten sich hier für
den ganzen Tag ein, zahlen 10 Para und können dafür so viel Kaffee
trinken wie sie wollen. In seinen leichten Sommermantel gehüllt sitzt
der Gast vor seiner Kaffeeschale, raucht seine Pfeife und tut durchaus
nichts; höchstens daß er einmal mit einem Freunde aus Bagdad eine
Partie Schach spielt oder mit Bekannten über Geschäfte redet. Geld und
Geldgewinn sind außer Lappalien die einzigen Gesprächsgegenstände.
Der Weltkrieg kümmert diese Männer nur insoweit, als das wechselnde
Waffenglück die Geschäfte beeinflußt. Von seiner ungeheuren Bedeutung
für die Zukunft der ganzen Menschheit ahnen, von dem Anlaß des Kampfes,
von den Zielen der Gegner wissen sie nichts. Wenn sie nur zur rechten
Zeit die geschäftliche Konjunktur ausnutzen und sich am Klang des
Goldes in eisenbeschlagenen Kisten freuen können. Alles Übrige ist
ihnen gleichgültig -- ganz wie gewissen Leuten in Europa, die sich
ihrer ungeheuern Verantwortung vor Gegenwart und Zukunft nicht bewußt
sind! Stumpf und schläfrig schweifen die Blicke über das bunte Leben
auf der Brücke, die badenden Jungen, die schwimmenden Büffel, die
zierlichen Gemüseinseln, die durch die Brückenbogen treiben, und über
den Strom hinüber zu den Ruinenhügeln Ninives. Langsam gleiten die
99 Kugeln des Rosenkranzes durch die Finger, aber das Ohr vernimmt
nichts von den Stimmen der Vergänglichkeit, die mahnend von dort
herübertönen. --
[Illustration:
Zeichnung von Gustave Doré.