Gleichwohl blieben wir den Tag über bei den Arabern. Als wir am Abend
im Mondschein vor unserm Zelt saßen, ließ sich einer von ihnen bei
uns nieder, um uns mit seiner Maultrommel zu unterhalten. Die Töne
des einfachen Instruments erinnerten an die des Dudelsacks, aber die
Kunstfertigkeit des Mannes war bewundernswert, und nicht weniger seine
Ausdauer, er schien gar nicht Atem holen zu müssen. Von Melodie konnte
man kaum reden. Melancholisch und einförmig, wie immer im Orient,
quollen zwischen seinen glockenförmig gehaltenen Händen langgezogene,
wimmernde Töne hervor, die ein träumerisches Behagen erweckten. Man
hörte in dieser Musik die trippelnden Schritte der Schafe über die
Steppe, den Hufschlag der Beduinenpferde, das traurige Flüstern des
Windes im Grase und das rieselnde Rauschen des Tigris gegen eine
Landspitze. Das ganze einförmige Leben der Araber in der Wüste, in der
ein Tag verläuft wie der andere, schien in dieser Naturmusik lebendig
zu werden.
[Illustration: Der edle arabische Hengst.]
Die Töne der Maultrommel hatten zahlreiche Zuschauer angelockt. In
dichten, dunkeln Gruppen ließen sie sich mit Anstand und Würde auf dem
Boden nieder und hörten lautlos zu, höchstens flüsterten sie leise oder
rauchten Zigaretten. Als dann aber der Musikant zum Tanz aufspielte,
kam Leben in die Masse; etwa fünfzig Araber sprangen auf, faßten sich
in einer langen Kette, aber immer eng aneinandergedrängt, an den Händen
und begannen sich in einer bärenmäßig trottenden Gangart zu bewegen,
erst einige Schritte nach rechts, dann nach links, ganz im Takt mit dem
wimmernden Rhythmus der Flöte. Allmählich weitete sich der Kreis, die
Schnelligkeit nahm zu und wurde immer stürmischer, wobei der Mondschein
die hohen, dunkeln Gestalten, die flatternden braunen Burnusse und die
weißen und bunten Kopftücher noch phantastischer erscheinen ließ als
sonst.
Mein Diener Sale hatte beim Tanz das Kommando übernommen. Er hieß nun
die Tänzer sich in großem Kreise niederhocken, und in die Mitte des
freien Platzes traten zwei Solotänzer, die sich in einer Art Bauchtanz,
nicht eben schön anzusehen, aufeinanderzu bewegten. Der eine stellte
den Verfolger dar, der andere den Verfolgten. So jagten sie sich
mehrmals im Kreise herum, und die Zuschauer verfolgten die Pantomime
mit größter Aufmerksamkeit und mit taktmäßigem Händeklatschen. Als
schließlich der eine Tänzer den andern einholte und sich über ihn warf,
brach allgemeiner Jubel los.
Die nächste Programmnummer war der Schwertertanz, wobei die Klingen
dumpf aufeinander rasselten. Auch dieses Spiel endete damit, daß einer
den andern übermannte; der Sieger setzte einen Fuß auf den Besiegten
und die Spitze des Schwertes auf seine Brust. Hinter dem Kreis der
Sitzenden hatten sich dichte Reihen stehender Zuschauer gesammelt, und
in diesem Rahmen gewann das Schauspiel noch an Ursprünglichkeit und
phantastischem Reiz.
Am nächsten Morgen verließen wir die Nomaden. Als wir unsere Straße
erreicht hatten, war schon wieder ein Lastwagen in Stücke gegangen. Von
links trat nun ein Ausläufer der großen Kalksteinplatte Mesopotamiens
an den Tigris heran und fiel steil zum Wasser ab. Die Straße wand
sich daher auf das Plateau hinauf, dessen harter, ebener Boden unsern
Pferden eine willkommene Erleichterung brachte. Dann aber zwang uns
ein Wadi mit einem rieselnden Salzwasserbach, wieder in das Flachland
zurückzukehren, wo große Schaf-, Ziegen- und Rinderherden weideten
und ausgedehnte Zeltlager den blauen und weißen Rauch ihrer Feuer in
die Morgenluft emporsandten. Wieder stieg die Straße an. Wir kreuzten
einen Zug Heuschrecken, der einen schmalen Randstreifen besetzt hielt,
fuhren an einer Karawane von 400 Kamelen vorüber, deren Last nach
Aussage ihrer Führer aus Uniformen bestand, näherten uns wieder dem
Tigrisufer und hielten bei der Station Giara oder Tell-Kaischara, wo
uns ein starker Geruch von Naphtha und Asphalt entgegenströmte. Hier
tritt das Erdpech offen zutage. Vor mehreren Jahren arbeitete hier eine
belgische Gesellschaft mit gutem Erfolg. Nach einiger Zeit meinten
aber die Türken, den Gewinn besser selbst einstreichen zu sollen, und
kündigten die Konzession. Nun fehlte die geschäftliche Erfahrung, und
das Unternehmen geriet ins Stocken; Häuser und Maschinen verfielen, und
das Erdpech stank in Tümpeln stagnierenden Wassers zum Himmel.
[Illustration: Giara.]
Das Bahnhofsgebäude von Giara hatte nur einen bewohnbaren Raum, eine
ungewöhnlich kühle, gewölbte Kammer, in der der Stationsvorsteher
unter einem von Fliegen umschwirrten Mückennetz an Ruhr erkrankt
darniederlag und aus einem primitiven Filtrierapparat, einem großen
Lehmkrug mit porösem Boden, Wasser tropfen ließ. Hier mußten wir die
heißesten Tagesstunden abwarten, denn die Temperatur draußen war
allmählich unerträglich geworden. Schon morgens um 7 Uhr hatte sie
31 Grad betragen, um 1 Uhr stieg sie auf 41,2 und anderthalb Stunden
später auf 42,6 Grad. Konsul Schünemanns persischer Schimmel hatte
einen Hitzschlag und Kolik und außerdem Blutegel in Gaumen und Hals.
Noch am Morgen war das Tier ganz frisch gewesen; jetzt legte es sich im
Schatten des Stalles nieder und verendete. Auch im Schlund der andern
Pferde hatten sich beim Trinken Blutegel festgebissen, und unsere
Kutscher befreiten sie mit vieler Mühe von diesen Plagegeistern.
In der Kranken- und Fliegenstube von Giara zu übernachten, war
unmöglich. Am Spätnachmittag machten wir uns daher zur nächsten
Station Schura auf, die fünf Stunden entfernt sein sollte. Nahe bei
Giara hatten wir ein ziemlich tief und steil eingeschnittenes Tal
zu passieren, auf dessen nackter Sohle Salzkristalle schimmerten
und Erdpechquellen zutage traten. Der Herzog und Busse ritten
voraus; Schölvinck und ich folgten in der Droschke und fuhren in
einer Morastrinne fest. Die Pferde mußten ausgespannt, der Wagen
zurückgeschoben und ein anderer Weg versucht werden. Nicht besser
erging es dem vorausfahrenden Automobil, das weiter vorn in einem
Graben saß und nicht weiter konnte. Wir luden das Gepäck ab, aber der
Wagen rührte sich nicht vom Fleck, und wir mußten warten, bis die
ganze übrige Kolonne nachgekommen war. Darüber wurde es dunkel, und im
Westen erhob sich drohend eine Wolkenwand, die den Mond verdeckte. Nach
langem Warten kamen die andern, und mit vereinten Kräften machten wir
erst das Auto wieder flott, das nunmehr jeden einzelnen Wagen über die
schwierige Stelle hinüberziehen mußte; die müden Tiere allein hätten
das nicht fertiggebracht. Drei Stunden kostete uns dieser Graben --
eine schöne Etappenstraße!
Dann ging es weiter, Stunde auf Stunde in stockfinsterer Nacht; die
Lampen des Autos wiesen den Weg. Endlich leuchtete vor uns der Schein
eines Feuers auf: es war Schura, aber noch in weiter Ferne. Ein neuer
Graben hielt die Wagen auf; unsere Droschke kam glücklich hinüber, und
endlich tauchte die hohe Mauer des Stationsgebäudes aus dem Dunkel
hervor. Hastig aßen wir auf dem Dach des Hauses unser Abendbrot und
zogen uns dann sofort in unsere Mückennetze zurück, denn es war 4 Uhr,
und schon ging ein neuer Tag im Osten auf.
Süßes Wasser gab es in diesem unglückseligen Dörfchen nicht. Auch der
Brunnen auf dem Hof des Stationsgebäudes bot nur salzhaltiges Wasser
und war für den ganzen Ort mit seinen 60 Häusern und 250 Einwohnern und
ebenso für die Reisenden, für Menschen und Tiere die einzige Quelle;
das Wasser eines nahen Flüßchens war ganz ungenießbar. Der Tigris war
von hier drei Stunden entfernt. Es gab gewiß zwingende Gründe, die
Station soweit vom Strom anzulegen, wie es wohl auch seinen Grund
hatte, daß die Sumpfgräben, in denen die meisten Fuhrwerke auf dieser
sonderbaren Etappenstraße verunglücken mußten, nicht überbrückt waren.
Das nötige Holz mit Kelleks auf dem Tigris heranzuschaffen, konnte
unmöglich schwer sein.
Schölvinck und ich waren die ersten, die am andern Tage in glühender
Mittagshitze das Nest Schura verließen. Wir waren aber noch nicht
weit gekommen, als wir schon wieder in einem tiefen Engpaß mit
schroffen Seitenwänden und einem Salzwasserbach festsaßen. Diese hier
so zahlreichen Salzquellen scheinen fast das ganze Jahr zu fließen.
Wachtmeister Schmitt kam uns mit den Leuten seiner Eselkarawane zu
Hilfe, aber nun ging es so schnell bergauf, daß die Deichsel in den
schroff ansteigenden Boden hineinfuhr und mitten durchbrach. Die Pferde
wurden wieder ausgespannt, das Wrack auf das freie Feld hinaufgezogen,
und unser Kutscher machte sich in Gesellschaft des Gendarmen daran,
die Deichsel zu flicken. Die armen Pferde standen derweil im glühenden
Sonnenbrand und mochten kaum die elenden trockenen Halme knabbern,
die ihnen die Heuschrecken übrig gelassen hatten. In einer Senkung
neben der Straße weideten einige Kamele, die sich in der Hitze sehr
behaglich zu fühlen schienen. Um 1 Uhr hatten wir im Schatten unseres
Wagenverdecks 41,9 Grad -- das versprach einen angenehmen Nachmittag!
[Illustration: Alle Mann greifen zu.]
Mit Pflock und Strick war endlich die Deichsel wieder instand gesetzt,
aber man brauchte kein Fachmann zu sein, um diesem Kunstwerk keine
lange Dauer zu versprechen. Wir waren denn auch kaum einen Kilometer
weitergefahren, als der Verband wieder aufging. Nun schickten wir
unsern Gendarm zu den übrigen Wagen zurück, um eine ordentliche Schiene
zu holen; nach ein paar Stunden kehrte er mit einer -- Schnur zurück.
Glücklicherweise kamen jetzt einige Flößer aus Tekrit des Wegs, die
mit gebrochenen Wagengliedern umzugehen wußten, und halfen uns aus
der Verlegenheit, so daß wir wieder in langsamem Schritt weiterfahren
konnten.
Nach einiger Zeit führte die Straße über eine kleine Gebirgsschwelle,
von deren Höhe die Windungen und grünen Inseln des Tigris und seine
ebenfalls grünleuchtenden Uferränder sichtbar wurden. Schon hofften
wir, die Mühsal dieses Tages überstanden zu haben, denn die grauen
Häuser und schwarzen Zelte von Hammam Ali, unserm letzten Lagerplatz
vor Mosul, waren schon zu erkennen. Aber es kam anders.
[Illustration: Die Deichsel wird geflickt.]
Die Etappenstraße verwandelte sich mit einmal in eine unheimlich
steile, schmale Rinne in festem Fels. Jedesmal, wenn das Wagenrad von
einer Steinplatte polternd herabglitt, erwartete man eine Katastrophe.
Doch erreichten wir noch ohne Unfall wieder ebenes Land, wo zahlreiche
Störche in einem Sumpf Frösche, Eidechsen und Mäuse suchten. Dann aber
öffnete sich vor uns ein tiefes und großes Wadi, durch dessen Furche
ein Süßwasserbach nach dem Tigris hinabging. Wir fuhren auf dem rechten
Ufer, das nicht allzu schroff abfiel, während das linke um so jäher zu
den flachen Hügeln anstieg, die uns noch von Hammam Ali trennten. Kurz
vor der Talfurche teilte sich der Weg; unser Kutscher bog links ab,
während er rechts hätte fahren sollen, und plötzlich geriet unser Wagen
ins Abwärtsrollen. Eine Bremse fehlte, und die Pferde waren zu müde,
ihn aufzuhalten. Zehn Meter vor uns aber hörte die Straße am Rande
der zwei Meter hohen, senkrechten und überhängenden Erosionsterrasse,
die jedenfalls noch nicht lange durch einen heftigen Regenstrom
ausgewaschen war, völlig auf! Vergebens, daß ich „Dur!“ (halt!) rief
-- unaufhaltsam näherten wir uns dem Abhang. Schölvinck schrie auf und
warf sich aus dem Wagen, ich folgte seinem Beispiel, und eine Sekunde
später stürzten Wagen und Pferde in die Tiefe.
[Illustration: Nach dem Absturz.]
Es war ein regelrechter Purzelbaum, den unsere Droschke gemacht hatte.
Die Pferde fielen verhältnismäßig sanft in den Kies, die Deichsel
zerbrach aufs neue, der Wagen stürzte auf Vorderräder und Kutscherbock
und schlug vornüber, das zertrümmerte Verdeck zu unterst. Der Kutscher
hatte so geschickt pariert, daß er zwischen die Pferde zu liegen
und mit heiler Haut davonkam. Aber sein Begleiter, ein Stalljunge,
lag schreiend im Bach. Wir zogen ihn sofort aufs Trockene; auch er
konnte von Glück sagen, seine Glieder waren heil, er hatte nur einige
Hautwunden an Kopf und Knien davongetragen.
Der Kutscher half den Pferden aus dem Geschirr und auf die Beine,
und wir fischten nun unsere Sachen zusammen, die zum Teil auf dem
Kutscherbock verstaut gewesen waren. Schölvincks photographischer
Apparat war in Stücke gegangen, meiner ganz geblieben. Das Schlimmste
war der zertrümmerte Wagen! Wie sollten wir nun mit Sack und Pack
weiterkommen?
In diesem Augenblick erschien Konsul Schünemann wie ein rettender
Engel auf den Hügeln des linken Bachufers. Er war schon in Hammam Ali
gewesen, aber da wir so bedenklich lange auf uns hatten warten lassen,
in Vorahnung eines Unfalls mit seiner Droschke zurückgekommen. Unsere
verunglückte Equipage überließen wir nun einstweilen ihrem Schicksal,
luden unsere Siebensachen auf den andern Wagen und fuhren so als
gerettete Schiffbrüchige in Hammam Ali ein.
Konsul Schünemann hatte überraschende Neuigkeiten vom Kriegsschauplatz
zu erzählen. Am Skagerrak hatte am 31. Mai und 1. Juni eine Seeschlacht
stattgefunden, die mit einem großen Erfolg der Deutschen ausgegangen
war: die Engländer hatten 23, die Deutschen nur 10 Kriegsschiffe
verloren, obgleich bei Beginn der Schlacht die englische Kampfflotte
der deutschen ums Doppelte überlegen war.
Die andere Neuigkeit war Kitcheners Untergang mit der „Hampshire“.
In diesem energischen Heerführer Großbritanniens verloren die
Zentralmächte einen gefährlichen Gegner; dennoch mußte ich seinen Tod
bedauern, denn er war mein Freund oder war es doch gewesen. Ich hatte
mehrfach bei ihm vornehmste Gastfreundschaft genossen und bis kurz vor
dem Kriege von Zeit zu Zeit mit ihm in Briefwechsel gestanden; der
Krieg hatte uns getrennt. Das wundervolle Märchen seines Lebens hatte
ich stets mit Anteil verfolgt, seine männliche Energie bewundert und
seinen geradsinnigen Charakter geliebt. Obgleich er in allen Dingen
seine eigene, feste Meinung hatte, wußte er doch auch fremde Ansichten
zu achten, und ich war stets überzeugt, daß gerade er nach dem Kriege
am ersten wieder in ein leidliches Verhältnis zu dem Gegner gekommen
wäre. Ich halte ihn für den größten Engländer unserer Zeit, und sein
Tod hinterläßt in jedem, der ihn kannte, eine große Leere.
Schon in Mosul erreichten uns auch die bis heute noch unbestätigten
Gerüchte über die Art seines Todes. Der Mann, der bei seinem
Leichenbegängnis geehrt worden wäre wie kein anderer Brite, hatte
nicht einmal ein Grab erhalten können, und niemand wußte, wo seine
sterblichen Überreste Ruhe gefunden! Einige gerettete Matrosen hatten
noch gesehen, wie Kitchener, seine Zigarette rauchend, aufrecht und
ruhig auf der Kommandobrücke des sinkenden Schiffs stand. Dann hatte
ihn eine schäumende Meereswoge plötzlich entführt. Wohin schweiften
wohl seine Gedanken, als er die Woge kommen sah, die ihm den Tod
brachte? Schossen die farbenprächtigen Bilder seines reichen Lebens
noch einmal wie ein Blitz an ihm vorüber? Gedachte er der Zeit, da er
mit Unterstützung des ~Palestine Exploration Fund~ die Karte des
Heiligen Landes aufnahm, oder als er bei Omdurman den Mahdi und seine
Derwische vernichtete? Sah er die Blockhäuser von Transvaal, und hörte
er den Jubel, mit dem London den Sieger bei seiner Rückkehr begrüßte?
Oder träumte er von den sonnigen Tagen in Indien, da er seinen
stärksten Widersacher, Lord Curzon, niederrang und die Organisation der
Armee vollendete, auf der die britische Herrschaft am Ganges beruht?
Wie ein Märchen, wie etwas im höchsten Grade Unwirkliches muß ihm diese
stolze Bilderreihe in diesem Augenblick erschienen sein. Welch grausame
Ironie des Schicksals, daß er, der stets die größten Schwierigkeiten
zu überwinden wußte, nun hilflos von einer Meereswoge dahingerafft
wurde! Ob er wohl in seinem letzten Augenblick auch der beiden letzten
Jahre gedachte, die seine glänzende Vergangenheit verdunkelten? Hatte
er eingesehen, daß er jetzt auf einen Feind gestoßen war, der nicht
besiegt werden konnte, daß Englands Herrschaft auf dem Weltmeer zu Ende
ging und daß es für ihn selbst hieß: „Bis hierher und nicht weiter“?
Eines hatte ihm jedenfalls das Schicksal gnädig erspart: die Niederlage
Englands zu erleben.
Man hat gesagt, Kitchener sei, als er unterging, auf dem Wege nach
Rußland gewesen; er habe für gemeinsame Operationen der Ententemächte
gegen Deutschlands Nordfront wirken sollen -- lauter Vermutungen. Die
Wissenden sind stumm.
Mit solchen Gedanken zog ich in Hammam Ali ein, ein kleines Dorf von
etwa zehn Hütten inmitten weiter Ackerfelder, mit einem türkischen
Erholungsheim für Offiziere und einem Kavekhane, vor dem ich unser
Lager aufgeschlagen fand.
[Illustration: Kleine Brücke auf dem Wege nach Mosul.]
Am folgenden Tag machte sich die Nähe einer größeren Stadt allenthalben
bemerkbar. Zahlreiche Reiter, Männer und Frauen, auf Pferden und
Mauleseln, begegneten uns. Ein türkischer Beamter reiste mit seiner
ganzen Familie südwärts, und ein vornehmer Araber schien auf seinem
Pferde zu schlafen im Schatten eines weißen Sonnenschirms, den ein
Diener, der hinter dem Herrn auf der Krupe des Pferdes saß, halten
mußte. Zahlreiche Fußgänger belebten den Weg; Landleute kamen schwer
bepackt vom Einkauf in den Basaren. Der eigenartige Charakter der
Etappenstraße blieb aber auch jetzt derselbe; er steigerte sich noch
durch zahlreiche Brücken und Brückchen aus weißem Kalkstein, die nach
Aussage des Kutschers höchstens zehn Jahre alt, aber durch Regengüsse
und Sturzbäche mehr oder weniger zerstört waren. Viele waren völlig
eingestürzt, nur ihre Pfeiler standen noch; zum mindesten fehlten auf
dem Fahrweg etliche Steinplatten, so daß ein Fuhrwerk, besonders bei
Nacht, elend steckenbleiben mußte. Alles, was Wagen hieß, vermied denn
auch mit Sorgfalt diese „modernen“ Verkehrsmittel im alten Assyrien
und fuhr rechts oder links daran vorbei, je nachdem die Abhänge der
Hohlwege und Wadis passierbar waren!
Schließlich führte die Straße auf eine flache, steinige Schwelle
hinauf. Von hier aus erblickte ich das gewundene, graubraune Ufer
des Tigris, um das sich ein Haufen grauer Häuser ballte, aus denen
zahlreiche Minarette emporragten. Das war Mosul, und im Norden, auf dem
linken Tigrisufer, die eintönig graubraune Landschaft barg die Ruinen
von Ninive.
[Illustration: Eingang zum Basar in Mosul.]
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Mosul.
Der Dolmetscher des deutschen Konsulats in Mosul war uns
entgegengeritten und geleitete uns zu den Häusern der Bagdadbahn
am äußersten Südende der Stadt, Gebäuden im üblichen Stil, mit
viereckigen, gepflasterten Höfen und kleinen Gruppen buschiger
Maulbeer- und Olivenbäume. Hier sollte unsere Wohnung sein. Ich
erhielt ein treffliches Zimmer im Erdgeschoß, das sogar mit einem
Sofa, einem Tisch, etlichen Stühlen und einer Badewanne möbliert war;
mein Schlafgemach war der Hof, in den nur wenige Stunden am Tage die
Sonne hineinschaute. Einige meiner deutschen Freunde bereiteten sich
ihre Lagerstätte auf dem höchsten Dache, das von einer ziemlich hohen
Mauer umgeben war, ein Zeichen, daß ein Araber das Haus gebaut hatte,
der seine Frauen profanen Blicken entziehen wollte. Auf der Mauer
nisteten mehrere Störche, deren Geklapper in den Höfen besonders laut
widerhallte, wenn die zahlreichen Katzen der Stadt über Dächer und Höfe
jagten oder ihre nächtlichen Konzerte veranstalteten.
[Illustration: Ein Storchennest auf unserm Dach.]
Nachdem wir uns mit Hilfe unseres Gepäcks ein wenig eingerichtet
hatten, war unser erster Gang zum deutschen Konsulat, einem von
prächtigen Gärten umgebenen Komplex von mehreren stattlichen Gebäuden
im Süden der Stadt, etwas entfernt vom Tigris. Der deutsche Konsul,
~Dr.~ Holstein, nahm uns mit gewinnender Liebenswürdigkeit auf,
und sein Haus wurde für uns fast ein Klublokal, in dessen Räumen man
immer Freunde oder Bekannte zu treffen sicher war. Außer uns -- dem
Herzog, Rittmeister Schölvinck, Leutnant Busse und mir -- verkehrten
dort Major Köppen, Leutnant Staudinger, Stabsarzt Schwarz, der
deutsche Konsul Wustrow aus Teheran und der österreichische Konsul
~Dr.~ Jarolymek, der auf der Etappenstation in Mosul tätig war.
Solange des Herzogs eigene Küche noch nicht imstande war, mußten wir
auch zum Mittag- und Abendessen ~Dr.~ Holsteins unbegrenzte
Gastfreundschaft in Anspruch nehmen, und am Abend versammelten wir uns
regelmäßig auf einer der schattigen Dachterrassen, um die neuesten
Telegramme zu hören oder die Zeitungen zu lesen, die nach einer Reise
von mehreren Wochen angelangt waren. Vom Dach des Konsulats, auf
dem an gewaltigem Mast die deutsche Reichsflagge wehte, hatte man
eine weite Aussicht auf die grauen Häuser und gewundenen Straßen der
halbmondförmigen Stadt, den berühmten Damm, die unfruchtbare Öde
der Steppe und des persischen Grenzgebirges und auf das englische
Gefangenenlager am Tigrisufer mit seinem Wirrwarr von Zelten und seinem
Gewimmel von Menschen und Tieren. Schon 8600 Gefangene hatten bisher
dort unten gelagert; auch der irische Priester, den ich in Bagdad und
Samarra getroffen hatte, kam während meines Aufenthalts in Mosul hier
durch.
Am 11. Juni, dem ersten Pfingstfeiertag, begleitete mich ~Dr.~
Jarolymek auf einer Rundfahrt durch Mosul. Wir fuhren nach Nordwesten
die Stadtmauer entlang bis Bab-el-beith, dem Eiertor; eine alte
Inschrift über dem Torbogen erklärt den Namen: sie erzählt von einer
ehemaligen Hungersnot, bei der man für einen Para (etwas über 40
Pfennig) nur 40 Eier erhalten habe! Jetzt kostete ein Ei 6-7 Para, also
einen Taler, ohne daß eine Hungersnot herrschte. Die Stadtmauer ist
etwa 300 Jahre alt und mit einigen runden Türmen besetzt. Die übrigen
Tore heißen Bab-el-dschedid, Bab-Sindschar, Bab-Ligisch und Bab-el-Tob;
letzteres und Bab-Sindschar sind jetzt zerstört.
Vom Eiertor folgten wir der grauen Mauer nach Norden und bogen dann
nach Nordwesten ab, sahen eine Schule, die jetzt Krankenhaus war,
das Städtische Lazarett und das Judenviertel, dessen Bewohner sich
hauptsächlich durch Herstellung von Silberschmuck ihren Lebensunterhalt
erwerben, ließen das englische Konsulat, das jetzt von der türkischen
Regierung mit Beschlag belegt war, links liegen und hatten nun die alte
Seldschukenburg vor uns, die sich auf steiler Klippe hoch über dem
rechten Tigrisufer erhebt.
Der Blick von dort oben gehört ohne Zweifel zu den merkwürdigsten, die
sich auf Erden dem Auge bieten. Von Schönheit der Landschaft kann man
dabei nicht eben sprechen. Das Tal des Satledsch durch den Himalaja,
die Grusinische Heerstraße über den Kaukasus, die Ufer des Brahmaputra
von den Abhängen des Transhimalaja aus gesehen -- welche Fülle von
Schönheit bieten sie gegenüber dem dürftigen Strande des Tigris!
Und Aleppo, Damaskus und Jerusalem nehmen sich, von oben gesehen,
weit stolzer aus als dies kleine, unbedeutende Mosul. Aber in einer
Beziehung übertrifft die Aussicht von der alten Seldschukenburg doch
alle übrigen, denn im Mittelpunkt dieser Landschaft liegt Ninive, die
älteste Königsstadt der Erde. Im Osten reicht der Blick bis zu den
Bergen von Rowandus und im Norden bis zum armenischen Taurus, über
dessen Kamm bei klarem Wetter schneebedeckte Gipfel stehen.
[Illustration: Die Seldschukenburg aus der Nähe.