Einundzwanzigstes Kapitel.
Erlebnisse auf einer Etappenstraße.
Es war eine sehr stattliche Karawane, die am Morgen des 7. Junis, in
dünne Staubwolken gehüllt, von Assur nordwärts zog: an der Spitze
Konsul Schünemann mit den persischen Reitern, dann unsere Wagen mit
türkischen, arabischen und armenischen Kutschern, und als Nachhut 25
Esel, die wir von Arabern gemietet hatten, um unsere Gepäckwagen zu
entlasten. Doch bedurften unsere Zugtiere so sehr der Schonung, daß wir
beschlossen, heute nur bis Schergat-hauesi zu marschieren, das kaum
eine Stunde entfernt war. Wir hatten also reichlich Zeit und folgten
daher der Einladung eines Araberhäuptlings vom Hedschadschstamm, der
eine Strecke weiter unten am Ufer des Tigris sein Lager hatte.
Die Dörfer der Hedschadscharaber in der Nähe von Schergat-hauesi
zählten gegen 100 Zelte mit je 8-10 Bewohnern. Auch bei Kalaat-Schergat
und an einigen andern Plätzen bildeten sie kleine Gemeinden Sie gelten
schon als Fellachen oder Ackerbauer, haben aber die Liebe der Nomaden
zu ihren schwarzen Zelten noch nicht abgestreift.
An Ort und Stelle angelangt, fanden wir ein prächtiges schwarzes Zelt
mit Teppichen für uns hergerichtet, und in der luftigen Wohnung des
Häuptlings wurden wir feierlich empfangen, mußten auf dem Ehrenplatz
niedersitzen und uns von mindestens hundert seiner Stammesgenossen
anstaunen lassen, der Frauen und Kinder nicht zu gedenken, die von
draußen hereinsahen. Der Zweck der Einladung war hauptsächlich ein
Geschäft, das der Araber mit dem Herzog machen wollte; er hatte einen
weißen Hengst zu verkaufen, der uns als Ersatz für die gehabten
Verluste sehr willkommen erschien.
Das Tier wurde vorgeführt und war prächtig anzusehen: ein herrlich
gerundeter Hals, sprühende schwarze Augen, eine zarte Nase mit
schnaubenden Nüstern -- ganz das Urbild des feurigen Arabers, eine
Freude für jeden Pferdekenner, und der Hengst selbst schien sich
seines verführerischen Reizes vollkommen bewußt, so elastisch-kokett
tänzelte er daher und schien den Boden kaum mit den Hufen zu berühren.
Warum mochte nur der Besitzer sich von solch einem Prachtpferd trennen
wollen? Dieses Übermaß von Liebenswürdigkeit gegen uns Fremde schien
verdächtig.
Der Herzog bat also den Mann, aufzusitzen und in Schritt, Trab und
Galopp die Künste des Tieres zu zeigen. Dazu zeigte unser freundlicher
Wirt aber keine Lust, und auch seine Stammesbrüder drückten sich einer
nach dem andern mit Redensarten beiseite. Nach langem Hin und Her
fand sich endlich ein junger Kerl für ein Trinkgeld zu einem Versuch
bereit. Aber kaum saß er auf, als der Hengst ihn auch schon zu Boden
geschleudert hatte, und mehreren andern, die der Backschisch reizte,
erging es nicht besser ... Nun wagte sich einer unserer Perser heran,
und er schien die Kunst zu verstehen, diesen Bucephalus zu zähmen. Zur
höchsten Verwunderung der Araber trabte er auf dem widerspenstigen Gaul
in eleganten Kurven zwischen den Zelten kreuz und quer umher und kehrte
dann im Galopp zu uns zurück. Aber in diesem Augenblick stand das Pferd
ganz plötzlich, stemmte die Vorderbeine in die Erde, senkte den Kopf
und warf seinen Reiter in großem Bogen mitten in die Zuschauer hinein.
Soviel war nun sicher, daß sich das schöne Tier zu Karawanenfahrten
nicht eignete, und aus dem Handel wurde infolgedessen nichts.
[Illustration: Zu Besuch bei den Arabern von Nalaat-Schergat.