Das alte und das neue Transportmittel: Kamel und Automobil.]

Hier wie in Tibet bestimmen Weide, Wasser und Jahreszeiten die

Wanderungen der Nomaden. Jetzt trieb die große Hitze die Albu

Segar-Araber nordwärts; im Herbst wanderten sie wieder den Tigris

hinunter. Wo sich ergiebige Weide fand, machten sie einen oder mehrere

Tage Rast oder unternahmen wohl auch einen Abstecher westlich in die

Steppe hinein.

Ein prächtiges Bild, wie die Herrscher der Wüste durch ihr angestammtes

Reich zogen, das sie nur mit wilden Tieren teilten und in dem sie

jede Quelle und jeden Weideplatz seit den Tagen ihrer Urväter

kannten. Kamele, Pferde und Esel trugen ihre bewegliche Habe,

Männer und Knaben, teils beritten, trieben die Lasttiere an. Auf

hohen gelben oder weißen Dromedaren ritten die vornehmen Frauen; sie

saßen tiefverschleiert in einer Art Vogelbauer, das durch Vorhänge

geschlossen werden konnte, jetzt aber geöffnet war; einige hatten

ihre kleinen Kinder bei sich. Andere Frauen ritten nach Männerart auf

Pferden. Die armen Leute mußten zu Fuß gehen. Gewaltige Schafherden

überschwemmten in mehreren Abteilungen die Steppe.

Bald war der Vortrupp an einer salzhaltigen Quelle angelangt. Nun

wurden schwarzbraune Zeltbahnen auf dem Boden ausgebreitet, Stangen

darunter aufgerichtet, die Zeltbahnen durch Seile gespannt und diese

an Pflöcken befestigt. Wände aus Schilfmatten trennten die Räume für

Frauen und Küche ab. Die Räume der Männer wurden schnell mit Teppichen

und abgenutzten Kissen ausgestattet.

[Illustration: Araber vom Albu Segar-Stamm.]

Wir hatten für uns und das Automobil um Unterschlupf während der

heißen Tagesstunden gebeten. Der Wagen verschwand unter dem äußersten

rechten Flügel eines großen Zeltes, und wir verbrachten hier den ganzen

Tag. Wir beobachteten die Araber, und sie nicht minder neugierig uns.

Europäer und Autos waren ihnen nichts Neues, aber beide zusammen in

einem Zelt als Gäste hatten sie noch nicht erlebt. Erst waren sie scheu

und zurückhaltend, allmählich aber brach das Eis. Einige besonders

schöne Gestalten mit blitzenden Augen, aristokratisch geschwungenen

Nasen und schwarzen Bärten in der kleidsamen Tracht ihrer weißen Tücher

(Keffije), deren Zipfel über Schultern und Rücken herabhingen und auf

dem Scheitel durch zwei dicke, runde Ringe aus schwarzer oder brauner

Ziegenwolle (Aggal) festgehalten wurden, versetzten sogleich meinen

Zeichenstift in Unruhe. Es war aber schwer, sie zum Modellstehen zu

bewegen, und erst als ich unsern Gendarm vor ihren Augen porträtiert

hatte, ohne daß dieser dabei einen Schaden erlitt, und jedem einen

halben Medschidije versprach, ließen sie sich dazu herbei. Bald lockte

der Klang des Silbers auch Leute aus den Nachbarzelten heran, und alle

Furcht vor den moralischen Folgen der Prozedur schien gewichen. Die

großen, starken Menschen waren wie die Kinder und schämten sich weder

ihres Geizes noch ihres Mangels an Mut. Eine der Frauen zu zeichnen,

war dagegen unmöglich. Nicht als ob diese sich geweigert hätten, aber

die Männer duldeten das nicht. Der Häuptling des Zeltes erklärte mir,

auch für unser ganzes Gold und Silder werde keine Frau des Stammes der

Schande des Porträtiertwerdens preisgegeben.

[Illustration: Der hungrige Araberjunge.]

Als Dank für die Gastfreundschaft, die die Araber uns gewährten,

kauften wir für 7 Medschidije zwei Schafe und ein Lamm und luden die

ganze Gesellschaft in ihrem eigenen Zelt zu Gaste. Die Schafe wurden

geschlachtet, abgezogen, in der Küche in zwei großen Töpfen gekocht

und auf großen Metallplatten das Fleischgericht hereingebracht. In

zwei dichten Gruppen knieten die Männer zum Mahle nieder und schlangen

mit heißer Gier herunter, was sie erwischen konnten; die abgenagten

Knochen zerschlugen sie auf dem Rücken ihrer Messer, um auch das Mark

zu genießen. Für uns wurde eine besondere Portion nicht sonderlich

schmackhaft in Fett gebräunt. In einiger Entfernung sah ein bleicher

magerer Junge mit fieberhafter Aufmerksamkeit der Fütterung zu. Er sei

krank, behaupteten die Männer, und dürfe nicht essen; ich reichte ihm

ein großes Stück, seine Augen glänzten, seine Zähne blitzten, und in

wenigen Augenblicken war seine Beute verschwunden. Seine Krankheit war

wohl nur Hunger gewesen. Aus andern Zelten stellten sich noch mehrere

Gäste ein, jeder erhielt seinen Anteil, und es blieb sogar noch Fleisch

übrig, das zu späterer Verwendung wieder in die Küche geschafft wurde.

Sehr befriedigt erhoben sich unsere arabischen Freunde von diesem

ungewöhnlichen Festschmaus. Unser Silber hatten sie in der Tasche,

das Fleisch der ihnen abgekauften Schafe selbst aufgegessen, und die

Felle bekamen sie noch dazu geschenkt -- ein feines Geschäft! Dafür

bewirteten sie uns mit Airan, saurer Milch, und dünnem Gerstenbrot, das

auf einem Kasserollendeckel gebacken war. Den Schluß machte Kaffee, der

bitter war wie Chinin.

[Illustration: Einer unserer Gäste im Araberzelt.]

Merkwürdigerweise war die Hitze im Zelt gar nicht drückend. Es wehte

schwacher Nordwind, aber er kam doch direkt aus der in der Sonne

glühenden Steppe, und die Zeltbahnen waren mit so weiten Stichen

zusammengenäht, daß die Sonne auf dem Boden allerhand Lichtstreifen

zog. Auch mußte die dunkelbraune oder eher schwarze Farbe die Wärme

anziehen. Und doch ist in diesen heißen Gegenden kein Schatten

wohltuender als der im Zelt der Araber. In den Löchern der Hans oder

den unterirdischen Särdab ist der Schatten dichter und die Zahl der

Wärmegrade etwas niedriger, aber die eingeschlossene, unbewegte Luft

sehr drückend. Die schwarzen Zelte dagegen sind nach allen Seiten hin

offen, die Luft kann beständig wechseln, kein frischer Hauch geht

verloren, und Licht und freie Aussicht nach allen Seiten geben dazu ein

Gefühl der Freiheit, das man in geschlossenen Räumen sehr entbehrt.

Als der Abend dämmerte, meldeten uns die Araber, daß Wagen und

Reiter auf der Steppe in Sicht seien. Es waren unsere Leute. Wir

verabschiedeten uns also von unseren arabischen Wirten oder vielmehr

Gästen, stießen wieder zu unserer Karawane und begaben uns zur Quelle

Bilalidsch, wo diesmal unser Nachtlager sein sollte.

[Illustration:

Phot.: Schölvinck.

Bagdad, Babylon, Ninive · 第 41 / 54 题