Einige Stempel haben acht Zeilen. Von ihnen fanden sich 412 Stück. Von
anderen Stempeln gibt es Millionen. Niemals wohl hat ein König in
solchem Umfang für seine Unsterblichkeit gesorgt wie Nebukadnezar; fast
jeder dieser steinharten Ziegel nennt seinen Namen, und sie waren in
solcher Menge da, daß in späteren Zeiten ganze Städte daraus errichtet
werden konnten. Die einfachen Häuser in Kweiresch sind zum größten Teil
aus solchen Ziegeln vom Palast der entschlafenen Großkönige erbaut.
Hier und da finden sich in den Mauern auch Steine mit größeren
Inschriften. Eine derselben, die Koldewey in einer Hofmauer der
Südburg entdeckte, berichtet ausführlich von dem Bau dieses Palastes.
„Nebukadnezar, König von Babylon, Sohn Nabopolassars, des Königs von
Babylon, bin ich,“ so lauten die sechs Zeilen Keilschrift in dem
üblichen, pomphaften Stil dieser Urkunden. „Den Palast, die Wohnung
meines Königtums aus der Erde Babylons, die in Babylon ist, baute ich.
Mächtige Zedern vom Gebirge Libanon, dem glänzenden Wald, brachte
ich, und zu seiner Bedachung legte ich sie. Marduk, der barmherzige
Gott, der mein Gebet erhört: Das Haus, das ich gebaut, an seiner
Behaglichkeit möge er sich sättigen! Das Kisu, das ich errichtet,
seinen Verfall möge er erneuern. Darin, in Babylon möge alt werden
mein Wandel. Meine Nachkommenschaft möge in Ewigkeit die Schwarzköpfe
beherrschen.“
Sein Gebet zum Gotte Marduk wurde nicht erhört, sein Reich zerfiel
schon unter seinem Nachfolger, und diese Trümmer auf dem Kasrhügel
sind die noch immer gewaltigen Reste der großen Babel, die König
Nebukadnezar sechs Jahrhunderte v. Chr. zum königlichen Haus erbaut
hatte, „durch seine große Macht, zu Ehren seiner Herrlichkeit“. Ehe
er aber, auf der Zinne der Palastmauer wandelnd, diese stolzen Worte
ausgesprochen hatte, ertönte eine Stimme vom Himmel: „Dir König
Nebukadnezar wird gesagt: dein Königreich soll dir genommen werden,
und man wird dich von den Leuten verstoßen, und sollst bei den Tieren,
so auf dem Felde gehen, bleiben; Gras wird man dich essen lassen wie
Ochsen, bis daß über dir sieben Zeiten um sind, auf daß du erkennst,
daß der Höchste Gewalt hat über der Menschen Königreiche und sie gibt,
wem er will.“
Den westlichen Teil der Südburg nennt Koldewey auf Grund einer
Inschrift Nebukadnezars den Palast Nabopolassars. Er ist der
älteste der auf dem Kasr gefundenen Überreste, während die ältesten
Baudenkmäler ganz Babylons aus Hammurabis Zeit (um 2200 v. Chr.)
stammen.
Nordöstlich von Kasr liegt der Hügel Homera, östlich das griechische
Theater, und südlich der weltberühmte Turm von Babel, dessen Spitze
nach dem 11. Kapitel der Genesis bis an den Himmel reichte. Etemenanki
war sein alter Name. Er stand im „eherntorigen Heiligtum des Zeus
Belus“, das noch zu Herodots Zeiten erhalten war und zwei Stadien im
Geviert gemessen haben soll. „In der Mitte des Heiligtums,“ berichtet
dieser Geschichtschreiber, „erhebt sich ein fester Turm, ein Stadium
lang und ein Stadium breit. Auf diesem Turm steht ein zweiter, auf
diesem ein dritter und so fort bis zu acht Türmen. Auf die Zinne
führt eine Treppe, die um alle diese Türme außen herumgeht. Ungefähr
auf ihrer Mitte ist ein Absatz mit Bänken, wo die Hinaufsteigenden
sich niedersetzen und ausruhen. Auf dem letzten Turm aber steht ein
großer Tempel, und darin ein geräumiges, wohlbereitetes Bett mit einem
vergoldeten Tisch davor. Kein Standbild schmückt den Tempel, und nachts
bleibt niemand dort außer einem eingeborenen Weib, das der Gott gerade
auserwählt hat; so versichern wenigstens die Chaldäer, die Priester
dieses Gottes. Sie sagen auch, der Gott selbst besuche den Tempel und
ruhe auf dessen Lagerstätte; das scheint mir aber nicht glaublich.“
Ein späterer griechischer Geschichtschreiber, Diodorus aus Sizilien,
gibt zwar keine Beschreibung des Turmes selbst, berichtet aber, daß er,
wie allgemein versichert werde, außerordentlich hoch gewesen sei, und
daß „die Chaldäer dort ihre Beobachtungen anstellten, da sie von einem
so hohen Bau aus aufs genaueste den Auf- und Niedergang der Gestirne
beobachten konnten. Das Ganze war kunstvoll und mit großen Kosten aus
Ziegeln und Erdpech zusammengefügt. Oben an der Treppe standen drei
goldene Bildsäulen, die des Zeus, der Hera und der Rhea. Die des Zeus,
der stehend und schreitend dargestellt war, maß 40 Fuß in der Höhe und
war tausend babylonische Talente schwer. Rhea saß auf einem goldenen
Stuhl. Ihre Bildsäule war ebenso schwer wie die des Zeus. Neben
ihren Knien standen zwei Löwen, und neben diesen silberne Schlangen
von außerordentlicher Größe, jede wog 30 Talente. Hera war stehend
dargestellt; in der Rechten hielt sie eine Schlange am Kopf, in der
Linken ein mit Edelsteinen besetztes Zepter. Ihr Bild wog 800 Talente.“
Der Historiker Strabo, geboren im Jahr 63 v. Chr., kennt auch das
Heiligtum des Zeus Belus, er aber nennt es eine vierseitige Pyramide
aus gebrannten Ziegelsteinen, ein Stadium im Quadrat und ein Stadium
hoch. Xerxes habe es zerstört, Alexander es wieder aufbauen wollen;
dieser sei aber vorher gestorben, nachdem er erst in zweimonatiger
Arbeit durch zehntausend Mann den Schutt habe wegräumen lassen.
Die Inschriften der Bauherren selbst schließlich rühmen nur die Höhe
des Bauwerks. Nabopolassar, der auf Befehl des Gottes Marduk mit
Wiederherstellung des vorher eingestürzten Turms begonnen haben will,
versichert, seine Spitze habe „himmelan“ streben sollen, und sein Sohn
Nebukadnezar verkündet der Nachwelt: „Etemenankis Spitze aufzusetzen,
daß mit dem Himmel sie wetteifere, legte ich Hand an.“
Und was ist von diesem, zu einer Mythe gewordenen Wunderbau der Alten
Welt noch übrig? So wenig, daß es fast rätselhaft erscheint, wie die
Forschung seinen Standort hat ermitteln und die kümmerlichen Reste
nach den dürftigen Angaben der Historiker hat identifizieren können!
Nicht einmal ein Hügel ist mehr zu sehen, nur ein Durcheinander von
Erderhöhungen, die hier und da mit Ziegelsteinscherben bedeckt sind,
zwischen denen etliche genügsame Wüstenpflanzen ihre Stengel und
Blätter trotzig der unbarmherzig strahlenden Sonne entgegenstrecken.
Wo sich ehemals die dicken Mauern des Turms erhoben, findet man
einen ebenso breiten Graben mit kristallklarem, grünem Wasser, ein
verführerisch einladendes Quellbecken. Menschen späterer Zeiten
haben die unerhörten Ziegelmassen geraubt, die Mauern Fuß für Fuß
abgetragen und schließlich dem Erdboden gleichgemacht. Aber nicht
einmal damit hat man sich begnügt, sondern die Plünderung sogar bis
zu den Grundmauern fortgesetzt, bis der Spiegel des Grundwassers ihr
halt gebot. Steinharte, gebrannte Ziegel waren wertvolle Seltenheiten,
deren Herstellung Mühe und Kosten erforderte. Die letzten Plünderer
waren Leute aus Hille, Kweiresch und andern Dörfern der Umgegend. Auf
dem Grund des Grabens findet sich vielleicht noch diese oder jene
Ziegelschicht, aber die deutschen Archäologen haben bisher noch nicht
weiter nachforschen können. Das Wasser ist salzhaltig und ungesund.
Algen und andere Pflanzen gedeihen darin, und über seinem stillen
Spiegel, der mit dem Wasserstand des Euphrat steigt und fällt, heben
die Frösche ihre Köpfe, um abends ihre Liebeslieder anzustimmen. In
den heißesten Tagesstunden sind sie schläfrig und stumm; nur ab und
zu hört man ein leise brodelndes Quaken. In majestätischer Ruhe liegt
jetzt dieser Platz, auf dem ehemals die Babylonier lärmende Tempelfeste
feierten; die lautlose Stille legt sich fast beklemmend auf die
Brust. Auf dem Abhang eines nahen Hügels erhebt ein mohammedanisches
Heiligengrab seine kleinen weißgelben Kuppeln.
[Illustration:
Zeichnung von Koldewey.
Rekonstruktion der Umgebung des Turms von Babel (unvollendet
dargestellt), von Esagila, der Kaimauer Naboneds und der Brücke über
den Euphrat.]
Nur den Fundamentgrundriß des babylonischen Turms hat die Wissenschaft
bisher feststellen können; er bildet ein Viereck von 90 Metern
Seitenlänge, und von Südsüdosten führte eine mächtige Freitreppe zum
ersten Absatz empor. Auch den Grundriß des Peribolus, der den Turm
umgebenden Ringmauer mit ihren zahlreichen monumentalen Gebäuden,
die jedenfalls als Priester- und Pilgerwohnungen dienten, hat man
aufgedeckt. Wie der Turm selbst aussah, weiß man aber noch nicht.
Die Schilderung Herodots ist unklar. Wahrscheinlich war er eine
„Zikkurrat“, d. h. einer von den im alten Mesopotamien verbreiteten
massigen Türmen, um deren Außenwand herum ein langsam ansteigender
Weg zur Spitze hinaufführte. Professor Koldewey hofft, die Lösung des
Rätsels bei Ausgrabung der am besten erhaltenen Zikkurrat von Borsippa
oder Birs Nimrud zu finden, die 20 Kilometer südlich von Babylon
liegt. --
Die Gegend östlich von Etemenanki führt den arabischen Namen Merkes,
d. h. das Lager. Hier stand ein großer Teil der Bürgerhäuser Babylons.
Die Grabungen ergaben, daß das Grundwasser jetzt höher steht als
im Altertum. In der 2-3 Meter tiefen obersten Schicht finden sich
spärliche Ruinen aus parthischer Zeit. Die darunterliegende, 4
Meter tiefe Schicht enthält Überreste aus der Glanzperiode der
neubabylonischen Könige und reicht bis in die persische und
griechische Zeit. Die Häuser lagen dicht zusammengedrängt an engen
Straßen, denn die Bevölkerung war zahlreich. Die Mauern sind solid
aus Lehmziegeln errichtet. Auch der Boden besteht aus Ziegeln, und
Rundbrunnen sind allgemein. In der nächsttieferen Schicht finden sich
nur wenige Wohnhäuser. In der darauffolgenden Kulturschicht, die
Keilschrifttafeln aus der Zeit 1300-1400 v. Chr. barg, sind sie wieder
häufiger. 1 Meter unter dem Nullpunkt enthält die unterste Schicht
Urkunden der ersten babylonischen Könige (2250 v. Chr.), d. h. aus
einer Zeit, auf die der Patriarch Abraham zurückblicken konnte, als
er von Ur und Haran aus ins gelobte Land zog. Die Straßen der Stadt
waren gerade, schnitten sich fast rechtwinklig und waren, im Gegensatz
zur Prozessionsstraße, meist ungepflastert. Die kleineren Tempel lagen
mitten in den Straßenlabyrinthen, wie das noch heute in den Städten des
Orients üblich ist. Hier und da gab es auch offene Plätze und kleine
Märkte.
[Illustration:
Phot.: Koldewey.