Die beiden östlichen Pfeiler des Ischtartors.]

Am folgenden Tag opferte er wieder, aber von da ab lag er in

ununterbrochenem Fieber. Trotzdem erteilte er tags darauf Nearchus

und den übrigen Hauptleuten seine Befehle zum Abmarsch. Am Abend des

nächsten Tages stand es bereits schlecht mit ihm. Trotzdem erschien

er noch zwei Tage zum Opfer im Tempel. Beim nächsten Morgengrauen

aber entbot er die Generale in die Vorhalle, während die übrigen

Befehlshaber an den Toren warten mußten. Er hatte sich aus dem Park

in die Königsburg tragen lassen; und als die Generale an sein Lager

traten, erkannte er sie wohl, vermochte aber nicht mehr zu sprechen. In

der Nacht wurde das Fieber bösartig. Dieser Zustand hielt zwei Tage an.

Nun verlangten die Soldaten nach ihrem König, um ihn noch einmal am

Leben zu sehen, da schon Gerüchte umgingen, sein Tod werde von der

Leibwache verheimlicht. Die Truppen zogen an seinem Lager vorüber. Der

König konnte noch mühsam den Kopf heben, aber nicht mehr sprechen; er

betrachtete die Vorüberziehenden und reichte jedem die Hand. Einige

seiner Vertrauten verbrachten die Nacht im Serapistempel, um den Gott

zu fragen, ob es ratsam und für Alexander besser sei, ihn in den Tempel

zu bringen, um bei inbrünstigem Gebet seine Genesung abzuwarten; der

Gott antwortete, es werde für den König besser sein, wenn er bleibe, wo

er sei. „Kurz darauf war Alexander tot, als ob dies für ihn jetzt das

Beste gewesen sei.“

Quintus Curtius erzählt den Hergang etwas anders. Der König habe

noch in den letzten Tagen seines Lebens Gesandte der griechischen

Republiken empfangen, die ihm goldene Kronen überreichten, und seine

Truppen und Galeeren gemustert. Dem Nearchus und den Kapitänen habe

er ein glänzendes Gastmahl gegeben und dann am Trinkgelage bei Medius

teilgenommen. Sechs Tage später seien seine Kräfte fast erschöpft

gewesen, und die vor Kummer weinenden Soldaten hätten Zutritt zu seinem

Krankenzimmer erhalten. Als Alexander sie sah, habe er geäußert: „Wo

werdet ihr, wenn ich fort bin, einen solcher Männer würdigen König

finden?“ Er sei aufrecht sitzen geblieben, bis der letzte Mann der

Armee vorübergegangen. Dann sei er, als hätte er dem Leben seinen

letzten Tribut entrichtet, ermattet auf sein Lager zurückgesunken.

Seinen Siegelring habe er vom Finger gezogen und ihn dem Perdiccas

übergeben mit der Bitte, seine Leiche nach der Oase des Jupiter Ammon

überführen zu lassen. Als einer fragte, wem er das Reich anvertraue,

habe er geantwortet: „Dem Würdigsten.“

Voller Schrecken standen die Babylonier auf ihren Hausdächern und den

Mauern. Die Nacht kam und vermehrte die Unsicherheit. Niemand wagte

Licht anzuzünden. Die Stadt lag in tiefem Dunkel. Herumstreifende

Haufen begegneten einander auf den Straßen, sich mißtrauisch

betrachtend. Sechs Tage stritten die Vertrauten des Königs, wer die

Macht übernehmen solle. Darüber vergaß man den Toten, dessen sterbliche

Hülle jedoch trotz der starken Hitze (Alexander schied aus dem Leben am

13. Juni 323) keine Veränderung erlitten hatte. Schließlich wurde die

Leiche von Ägyptern und Chaldäern einbalsamiert und in einen goldenen

Sarg gelegt, der mit wohlriechenden Spezereien gefüllt war; das

königliche Diadem schmückte seine Stirn. Erst am folgenden Tag brachte

Ptolemäus den König der Mazedonier in feierlicher Prozession die endlos

lange Straße von Babylon nach Memphis und schließlich nach Alexandria,

wo zur Erinnerung an ihn ein prachtvoller Tempel gebaut wurde. Noch im

dritten Jahrhundert n. Chr. war der Ort bekannt, geriet aber später

völlig in Vergessenheit. --

Rechts vor dem südlichen Ausgang des Ischtartors, gegenüber dem

Tempel der Ninmach, ist die Ostfront der von Koldewey so genannten

Südburg, der eigentlichen Akropolis von Babylon, die sich an der

Stelle erhob, wo die älteste Stadtanlage war, das eigentliche Babilu

oder Babilani, die „Pforte der Götter“. Assarhaddon und Nabopolassar

sprechen von Babylon und Esagila als von zwei getrennten Plätzen; erst

später wurden sie zu einem Großbabylon vereinigt. Dieser gewaltige

Gebäudekomplex wurde von Nabopolassar gegründet, von Nebukadnezar

aber so durchgreifenden Veränderungen unterworfen, daß man von einem

einheitlichen Werk seiner Hand sprechen kann.

Durch ein von Wachtlokalen rechts und links flankiertes Tor betreten

wir den Osthof der Südburg. An seiner Nord- und Ostseite liegen

Beamtenwohnungen, von denen jede oder auch je zwei zusammen einen Hof

haben. An der Südseite befinden sich die eigentlichen Amtsräume, und

dahinter wieder Wohnungen; auch in jeder Wohnung ist der südlichste

Raum der größte und behaglichste, da er, durch Mauern geschützt

und nur von Norden her zugänglich, fast den ganzen Tag im tiefsten

Schatten lag. Hierzulande dauert ja der Sommer von Mitte März bis Mitte

November, und die heiße Tageszeit von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends.

Professor Koldewey hat bis zu 49,5 Grad Celsius gemessen. Nur im Januar

stellt sich etwas Frost ein. Die jährlichen Niederschläge betragen 7

Zentimeter gegen 64 in Norddeutschland. Die ganze Bauart ging also

auf Schatten und Kühle hinaus; Fenster hatten die Wohnungen nicht.

Gearbeitet wurde durchweg im Freien, auf den Höfen, geschlafen auf den

Dächern. Wohnungen von mehreren Stockwerken, von denen Herodot spricht,

ließen sich bisher nicht nachweisen. Die Wände waren mit Gipsputz

bedeckt; ein Säulenstumpf und ein Kapitäl von feinem weißen Kalkstein

verraten das Vorhandensein alter Säulengänge. Die Torwände waren wieder

mit Relieflöwen geschmückt, wenigstens hat man Bruchstücke solcher

Emaillen auf allen Höfen der Südburg gefunden.

[Illustration:

Phot.: Koldewey.

Zylinderförmige Bauurkunde Sardanapals für Nimitti-Bel, die innere

Stadtmauer Babylons.]

Der Mittelhof der Südburg hat noch mehr und größere Räume, die

zweifellos öffentlichen Geschäften dienten. Hier hatten gewissermaßen

die Ministerien ihre Amts- und Wohnräume, hier wurde Gericht gehalten

und in Kanzleistuben das Urteil ausgefertigt. Die stattlichen

Amtszimmer liegen wieder nach Süden; ihre Bedeutung ergibt sich auch

daraus, daß sie direkten Zugang zu den entsprechenden Gebäuden des

nächsten und größten Hofes haben, den die eigentliche Residenz der

babylonischen Könige umschloß.

Dieser Haupthof ist 55 Meter breit und 60 Meter lang; er wurde zuletzt

mit Lehmziegeln gepflastert und diente in der Sassanidenzeit als

Begräbnisplatz; man fand hier zahlreiche trog- und pantoffelförmige

Sarkophage. An der Südseite dieses Hofes liegt der größte Raum des

ganzen Palastes, der Thronsaal der babylonischen Könige. Er ist 17

Meter breit und 52 Meter lang; der Weiße Saal im Berliner Schloß mißt

nur 16 × 32 Meter. Die Mauern der Breitseiten sind 6 Meter dick. Die

Haupttür, zu deren Seiten sich kleinere Eingänge öffnen, geht auf den

Hof hinaus. Ihr gegenüber zeigt die innere Südwand eine Nische; hier

stand jedenfalls der Königsthron. Die Außenwand nach dem Hofe zu war

mit prächtigen Fayenceornamenten auf dunkelblauem Grund bedeckt; gelbe

Säulen mit hellblauen Kapitälen waren durch Palmettenranken miteinander

verbunden.

In diesen Thronsaal ließ Belsazar, der letzte König von Babylonien, bei

festlichem Mahl in trunkenem Übermut die goldenen und silbernen Gefäße

bringen, die sein Vater Nebukadnezar aus dem Tempel von Jerusalem

geraubt hatte. Aus ihnen sollten die Gäste trinken. Aber während

sie tranken und ihre Götter lobten, gingen hervor Finger wie einer

Menschenhand, die schrieben gegenüber dem Leuchter auf die getünchte

Wand des Königssaals. Und der König ward gewahr der Hand, die da

schrieb, und entsetzte sich. Vergebens bat er Chaldäer und Sterndeuter,

die Schrift zu lesen; niemand kannte sie. Nur Daniel vermochte sie

zu deuten: Mene mene tekel upharsin, d. h. „Gott hat dein Königreich

gezählet und vollendet. Man hat dich in einer Wage gewogen und zu

leicht befunden. Dein Königreich ist zerteilet und den Medern und

Persern gegeben.“ In derselben Nacht ward der Chaldäer König Belsazar

getötet. -- Deutsche Gelehrte (Hoffmann und Nöldecke) haben übrigens

die unglückverheißenden Worte viel einfacher erklärt, und da wenigstens

die ersten drei Worte Münzwerte bezeichnen, vermutet Koldewey, daß

einer der anwesenden Perser ganz unschuldig mit Kohle an der Wand seine

Forderungen ausgerechnet, der bereits von schlimmen Ahnungen gefolterte

König aber daraus neuen Argwohn gegen seine Umgebung geschöpft habe.

Von besonderem Interesse ist der sogenannte Gewölbebau in der

Nordostecke der Südburg; ein breiter Gang führt vom Mittelhof

dorthin. Unter allen Gebäuden der Stadt, ja des Landes, nimmt er eine

Ausnahmestellung ein. Er besteht aus vierzehn langen, gleichgroßen

Kammern, die, rechts und links je sieben, auf einen gemeinsamen

Korridor hinausgehen und von einer starken Mauer umgeben waren. Südlich

und westlich lagen weitere Kammern, und in einer derselben findet sich

ein Brunnen, wie er in Babylon und in der antiken Welt sonst überhaupt

nicht vorkommt. Er besteht aus einem quadratischen Schacht in der

Mitte und zwei länglichen zu beiden Seiten und enthielt jedenfalls ein

Wasserschöpfwerk, ein Paternosterwerk oder einen Dolab, ähnlich denen,

die ich in den Kapiteln über meine Fahrt auf dem Euphrat beschrieben

habe.

Diese Kammern sind die einzigen kellerartigen Räume, die in Babylon

vorkommen; sie waren mit Tonnengewölben überdacht und außerdem aus

Hausteinen errichtet, wie die Steinreste beweisen. Solcher Haustein

findet sich außerdem nur noch an der Nordmauer des Kasr. Die gesamte

Literatur über Babylon einschließlich der Keilinschriften kennt aber

nur zwei Gebäude, an denen Haustein zur Verwendung kam: die Nordmauer

des Kasr und -- die sogenannten „hängenden Gärten der Semiramis“, die

griechische Dichter besungen haben und von denen die alten Historiker

Diodor, Strabo, Flavius Josephus und Quintus Curtius Rufus soviel zu

erzählen wissen. Daraus zieht Koldewey den Schluß, daß der Gewölbebau

mit diesen „hängenden Gärten“, die einfach auf Dachterrassen angelegt

waren, identisch ist, während man sie bisher auf dem Hügel Babil suchen

zu müssen geglaubt hat. Den Namen der sagenhaften assyrischen Königin

Semiramis hat jedenfalls nur die Phantasie der alten Historiker mit

diesen Gärten in Verbindung gebracht. Schon Diodor, der Semiramis als

die eigentliche Erbauerin Babylons rühmt, nennt die Gärten ein Werk

eines späteren assyrischen Königs, der eine Perserin zur Frau hatte.

Da diese in der Ebene Mesopotamiens die Gebirge ihrer Heimat vermißte,

habe der König durch diese Anlage den Charakter des persischen Landes

nachahmen wollen. --

[Illustration: Der Basaltlöwe in Babylon.

(Links zwischen ausgegrabenen Ruinen das Grundwasser.)]

Im Norden des Kasr liegt die „Hauptburg“, die bei Beginn der deutschen

Ausgrabungen unter einer 8-12 Meter dicken Erd- und Schuttschicht

begraben war. Auch diesen Palast hat Nebukadnezar errichtet und aus

vortrefflichen steinharten, hellgelben Ziegeln erbauen lassen. Er

war noch reicher ausgeschmückt als die Südburg; an seinen Fronten

schimmerten große Reliefs in blauer Fayence; der Boden war mit Platten

aus weißem und buntem Sandstein belegt, jeder Stein verzeichnete an

der Seite den Namen des Bauherrn. Die Dachbalken waren aus Zedern-

und Zypressenholz. Hier hatten Nebukadnezar und sein Nachfolger

unermeßliche Kunstschätze zum „Staunen der Menschheit“ gesammelt;

wertvolle Proben davon wurden ausgegraben. Den Eingang bewachten wie in

den assyrischen Palästen gewaltige Basaltlöwen, wie aus Bruchstücken

hervorgeht, die die deutschen Archäologen gefunden haben. An der

Nordostecke stand bereits bei Ankunft der Deutschen der schon erwähnte,

aus der Zeit Nebukadnezars stammende gewaltige Basaltlöwe, der von

seinem Sockel aus die Gegend beherrscht, eine nur grob ausgeführte

Plastik ohne feinere Detailkunst. Seine Seiten zeigen zahlreiche

Spuren von Flintenkugeln und Steinwürfen. Die Arme des unter dem Löwen

liegenden Mannes sind ebenfalls abgeschlagen -- ein Zerstörungswerk

der Beduinen, die in dem Löwen einen „Dschin“, einen bösen Geist

der Wüste, erblicken. Einige Gelehrte sehen in dieser Gruppe eine

allegorische Darstellung von Babyloniens Sieg über Ägypten, andere

wollen Daniel in der Löwengrube darin erkennen, ein Gedanke, der aber

nach Koldewey der babylonischen Kunst fremd ist. Zu den merkwürdigsten

Funden auf dem Hügel Kasr gehört eine in neubabylonischer Schrift

gefertigte Kopie der berühmten Keilinschrift von Behistun, worin König

Darius Hystaspes (521-485) in persischer, susischer und babylonischer

Sprache eine ausführliche Geschichte seiner Regierung und der von ihm

niedergeschlagenen Empörungen in fast allen Provinzen seines Reiches

hinterlassen hat.

In der Südostecke des Kasr fand man die ältesten Ziegelstempel

Nebukadnezars. Es gibt verschiedene Arten. Bei einigen wurden die

Stempel aus Holz geschnitzt, in Formsand abgedrückt und in dieser Form

in Bronze gegossen. Sie sagen fast immer dasselbe: „Nebukadnezar,

der König von Babylon, der Pfleger von Esagila und Esida, der Sohn

Nabopolassars, des Königs von Babylon.“

Die Ziegel wurden in viereckige Holzrahmen gepreßt, die auf

geflochtenen Rohrmatten lagen; meist sind die Abdrücke der letzteren

auf der einen Flächenseite noch sichtbar. Dann brannte man sie in

Ziegelöfen, ohne Zweifel derselben Art, wie sie noch heute außerhalb

Bagdads in Gebrauch sind. Verbrecher in solche Öfen zu werfen, gehörte

zu den neupersischen Exekutionsmitteln, die auch Nebukadnezar nicht

fremd waren, wie Daniel berichtet.

[Illustration:

Phot.: Koldewey.

Bagdad, Babylon, Ninive · 第 25 / 54 题