Tags darauf stand denn auch der mächtige, schwere Eichensarg mit den
großen silbernen Handgriffen dort, wo der Feldmarschall aufgebahrt
worden war. Sechs hohe Kandelaber, jeder mit sechzehn Lichten, brannten
in einem Wald von Palmen. Thorwaldsens Christus streckte segnend seine
Hände über das Haupt des entschlummerten Kriegers, und dem Toten
gegenüber stand eine Büste des Oheims. Offiziere trugen den Sarg hinaus
nach dem Invalidenfriedhof.
Hellmuth von Moltke war einer der tüchtigsten und edelsten Männer
des jungen Deutschlands und einer der vornehmsten Charaktere, die
ich kennen gelernt habe. In seiner Nähe verspürte man die Macht und
zugleich die große Bescheidenheit der überlegenen Persönlichkeit. Er
war einer der wärmsten Patrioten Deutschlands, was viel besagen will in
einer Zeit, in der das ganze Volk alles für das Vaterland opfert. Dabei
war er ein frommer Christ und starb wohlvorbereitet in dem Augenblick,
als er den Kranz auf das Grab des Kameraden niederlegte.
Seine hervorragendsten Eigenschaften waren unerschütterliche Ruhe
und ein Ernst, der auch nicht einem flüchtigen Scherz Raum gab. Er
war niemals heftig, und harte Worte hörte man von ihm nie. Tadel und
Herabsetzung Abwesender waren ihm fremd. Jeder liebte und bewunderte
ihn, und wer Gelegenheit gehabt hat, viele Stäbe an den verschiedenen
Frontstellen zu besuchen, der weiß, daß über Moltke in der Armee
nur ein Urteil herrschte. Er war wortkarg wie sein Onkel, aber was
er sagte, war klar und tief, und mit wenigen Sätzen wußte er Fragen
zu beantworten, die andern lange zu schaffen machten. Als ihn im
zweiten Kriegsjahr ein amerikanischer Zeitungsmann über die Stimmung
Deutschlands gegen Amerika aushorchen wollte, antwortete er kurz und
bestimmt: „Wir sind in der Lage eines Mannes, den drei Straßenräuber
überfielen. Er verteidigt sich tapfer und schlägt einem nach dem andern
die Waffen aus der Hand. Hinter den dreien aber steht ein vierter, der
ihnen immer wieder neue Waffen in die Hände drückt. Dieser Vierte ist
Amerika, das den Kampf von Jahr zu Jahr verlängert.“
Mit Recht wurden an Moltkes Bahre folgende Worte gesprochen: „So
hat er sein Werk als einer der intimsten Mitarbeiter an der Seite
seines geliebten kaiserlichen Herrn geleistet. Seine Lebenstat war,
das deutsche Heer auf den gewaltigsten und größten Krieg, den die
Geschichte kennt, vorzubereiten, und wir können an Generaloberst
von Moltke nicht denken, ohne uns des 4. Augusts 1914 zu erinnern,
des Tags, da er, ein Lächeln auf den Lippen, sagen konnte, nicht
eine einzige Frage sei an den Großen Generalstab zurückgekommen. Die
unerhörte Maschinerie arbeitete mit unerschütterlicher Ordnung.
„So lenkte er das deutsche Schwert. So bereitete er den Aufmarsch der
deutschen Armeen und den herrlichen Siegeszug vor, und daher denken wir
bei seinem Namen an die wundervollen, überwältigenden, unvergeßlichen
Tage, als in dieser schwersten Zeit der Mut, die Siegesgewißheit und
das Vertrauen des ganzen deutschen Volkes so herrlich erstarkten. Ja,
für dieses Volk arbeitete er, und diese Tage krönten sein stilles,
geduldiges Arbeiten. Für dieses Ziel dachte und strebte er. Dazu lenkte
und erzog er uns, und die deutschen Feldherrn, Generale und Offiziere,
die an seiner Seite arbeiteten, denken mit tiefster Dankbarkeit an das
Große und Herrliche, was Moltke für sie gewesen ist.“
Selten oder nie sind wärmere und edlere Worte aufrichtiger Trauer einer
Feder entflossen als die, welche der Kaiser an die Gräfin nach dem Tode
ihres Gemahls richtete. So spricht nur der, der weiß, daß er einen
Freund verloren hat, auf dessen Treue er zu jeder Stunde felsenfest
bauen konnte. Ich zweifle nicht, daß die Zukunft Moltke in die erste
Reihe der germanischen Gestalten des Weltkriegs stellen wird.
In seiner Denkrede auf von der Goltz erinnerte Moltke an den Mut des
Feldmarschalls und seine Todesverachtung, von der auch ich in meinem
Buche „Ein Volk in Waffen“ bewundernd gesprochen habe. Als ich damals
von der Goltz mein Buch sandte, antwortete er mir am 11. Juni 1915 aus
Konstantinopel:
„Ihre Bemerkung, die mich betrifft, hat mich tief gerührt und in
der Tat den geheimen Wunsch getroffen, den ich im Herzen trug. Wer
der Vollendung seines 72. Lebensjahres nahesteht, wie ich, und
eine 52jährige aktive Dienstzeit, die sich jetzt noch um ein Jahr
verlängert, sowie drei große Kriege hinter sich hat, kann sich, wie Sie
mit Recht bemerken, kaum einen schöneren Abschluß denken als den Sie
erwähnen, aber das Schicksal hat ihn mir bisher verweigert; ich konnte
es nur bis zu einem leichten Streifschuß unter dem linken Auge bringen.
Das Geschoß, ganz in der Nähe aus einem englischen Schützengraben
abgefeuert, als ich übers Feld in den unsrigen gehen wollte, meinte es
ehrlich, es hatte aber den Fehler, einen Zoll zu weit nach rechts zu
fliegen, worüber ich ihm eigentlich böse bin.
„Nun hat es aber doch wohl so kommen sollen, und Allah, mein alter
Beschützer, verfolgte noch einen Zweck dabei. Er wollte mir die
Gelegenheit geben, mich an der Wiedererhebung der Türkei, an der
ich in früherer Zeit 13 Jahre lang emsig mitgearbeitet habe, zu
erfreuen. Was die türkischen Truppen heute leisten, ist zugleich die
beste Antwort auf die häßlichen Angriffe gegen meine Person, die in
ganz ungerechtfertigter Weise nach dem unglücklichen Balkankriege
in bezug auf meine ältere hiesige Tätigkeit gegen mich und meine
Kameraden gerichtet wurden. Die Unterlegenheit in jenem Krieg erklärt
sich durch ganz besondere Umstände, der tüchtige Kern aber, der im
türkischen Volke steckt, kann sich heute, wo es von einer energischen
und wohlgesinnten Regierung geleitet wird, kräftig entwickeln und gute
Früchte tragen, die in den Kämpfen an den Dardanellen sich gezeigt und
die Welt, aber nicht die alten Freunde des Landes überrascht haben.
-- -- -- Am endlichen Siege unserer guten Sache zweifeln wir alle
nicht; wir könnten immer noch ein paar Feinde mehr vertragen. Ich
beispielsweise erwarte solche zurzeit leider vergeblich mit meiner
Armee an der stark bewehrten Küste des Schwarzen Meeres ....“
Anfang April 1916 war von der Goltz auf einem der Tigrisdampfer nach
Bagdad zurückgekehrt. Derselbe Dampfer brachte auch kranke Soldaten
flußaufwärts, darunter viele, die an Flecktyphus darniederlagen; die
unterwegs starben, wurden den trüben Wellen des Tigris übergeben.
Die Kranken lagen auf Deck, und der Feldmarschall ging während der
Fahrt von einem zum andern, an alle aufmunternde Worte richtend. Es
wimmelte von Ungeziefer, aber er achtete nicht der Gefahr, der er sich
aussetzte. Und diesmal kam er in ihr um; auch er erlag der mörderischen
Krankheit und starb in wenigen Tagen.
Seinen Wunsch, den echten Soldatentod zu sterben, hat ihm das neidische
Schicksal nicht erfüllt.
[Illustration:
Phot.: Schölvinck.