Englische Gefangene.]

Dreizehntes Kapitel.

Kut-el-Amara.

Wie ich schon erwähnte, hatte ich in meiner Jugend einmal Kut-el-Amara

besucht, das damals noch eine junge Stadt, aber ein wichtiger

Handelsplatz für die arabischen Wollhändler der Umgegend war.

Seither ist es bedeutend gewachsen, und heute hat es obendrein einen

historischen Namen: es bezeichnet einen der schönsten Siege der Türken

und eine der größten Niederlagen der Engländer während des Weltkrieges.

Gleich zu Kriegsbeginn hatten die Engländer Basra besetzt. Der Wali

von Bagdad, Dschavid Pascha, hatte nur zusammengeraffte Araber zur

Verfügung, mit denen nichts auszurichten war. Ein tapferer Offizier in

Bagdad, Ali Askari Bei, gab jedoch die Hoffnung auf Wiedereroberung der

Stadt nicht auf. Die Kriegsleitung in Konstantinopel versprach, ihm

reguläre Truppen zur Unterstützung zu schicken; aber er antwortete,

er könne sich ohne sie behelfen. Tatsächlich gelang es ihm, mehrere

Araberstämme aufzubieten und die „Muschtehids“, die hohe Priesterschaft

von Kerbela, für sein Unternehmen zu gewinnen.

Mit einem bunt zusammengewürfelten Heer von wie es hieß 20000 Mann,

so gut wie ohne Artillerie, zog er gegen Basra. Einige junge Deutsche

nahmen an diesem abenteuerlichen Zuge teil, die Herren Lührs, Schadow

und Müller; der zuletzt genannte führte Material mit sich, um im

Schatt-el-Arab Minen zu legen. Auch ein Österreicher namens Back war

dabei.

Als Ali Askari Bei mit seinen Scharen das Dorf Schaïbe bei Basra

erreicht hatte, wurde er von den Engländern angegriffen und völlig

geschlagen, außerdem noch im Rücken von einigen Araberstämmen

überfallen, deren Mut wuchs, als sie sahen, daß es den Türken schlecht

ging. Der tapfere, aber etwas unvorsichtige Befehlshaber wurde

verwundet und in einen Wagen geschafft und beging Selbstmord. Der

Rückzug seiner Truppen vollzog sich in weniger guter Ordnung, als der

Xenophons; sie wurden zersprengt, und nur ein Teil erreichte Amara.

Der Deutschen und ihres österreichischen Kameraden warteten auf

der Flucht traurige Schicksale. Auf ihrer Wanderung tigrisaufwärts

fielen sie feindlichen Arabern in die Hände und wurden bis auf die

Haut ausgeplündert. Dann gelang es ihnen, sich bis zu Fasil Pascha

durchzuschlagen, der sie vom Tode rettete und mit allem Nötigen

versah, und endlich erreichten sie Bagdad, wo ich später zwei dieser

unverwüstlichen Männer traf.

[Illustration: Petros Ibn Chamis, 16jähr. Chaldäer aus Sannat.]

Auf ihrem Rückzug versuchten die türkischen Scharen vergebens, sich in

Amara und Kut-el-Amara zu halten. Sie mußten sich bis nach Sulman Pak

zurückziehen, das auf dem linken Tigrisufer in der Nähe von Ktesiphon,

gerade gegenüber den Ruinen von Seleucia, liegt. Die Engländer rückten

nach und kamen im Sommer 1915 bis Sulman Pak; hier entschlossen sie

sich jedoch, sich gegenüber den Türken einzugraben. Diese hatten

mittlerweile Verstärkungen erhalten; Halil Pascha war von Aserbeidschan

an der kaukasischen Front her mit einer Division zu ihnen gestoßen.

Mitte November griff der neue Befehlshaber Nureddin Bei die englischen

Stellungen an. Anfangs hatte er auch Erfolg; der Widerstand war aber

doch zu stark, und er dachte schon daran, die Offensive aufzugeben,

als Halil durch einen kräftigen Flankenangriff von Norden her die

Lage rettete. Die Engländer räumten ihre Gräben und zogen sich in

neue, stark geschützte Stellungen bei Kut-el-Amara zurück. Nureddin

Bei folgte und griff von neuem an, wurde aber mit großen Verlusten

zurückgeschlagen.

Da kam Feldmarschall von der Goltz, der zum Chef der 6. Armee ernannt

war, in Bagdad an und fuhr ohne Aufenthalt nach Kut-el-Amara weiter.

Er sah sogleich, daß eine Fortsetzung der Angriffe zwecklos war, weil

die Türken nicht genügend Artillerie besaßen. So begann auch hier der

Stellungskrieg.

Inzwischen erhielten auch die Engländer Verstärkungen. Eine neue Armee

marschierte zum Entsatz nach Kut-el-Amara tigrisaufwärts. Hier war

jetzt Halil Pascha Oberbefehlshaber, da man Nureddin Bei wegen eines

Dienstversehens zurückgerufen hatte. Ein Teil der Truppen Halils ging

den Engländern entgegen, und beim Wadi Kelal kam es Anfang Januar 1916

zum Kampf. Der Ausgang veranlaßte den Feldmarschall zum Rückzug in die

Stellung bei Fellahije, die sich im Norden auf ein Sumpfgebiet stützte.

Verschiedene Angriffe der Engländer gegen sie scheiterten an der gut

geleiteten Verteidigung.

Mitte Februar machte der Feind deshalb einen Versuch, auf dem rechten

Tigrisufer vorwärtszukommen. Eine neue türkische Division, die jedoch

drei Bataillone an die persische Front hatte abgeben müssen, wurde

nun über den Tigris geschafft, um in einer Stellung bei Simsir die

Engländer aufzuhalten. Diese griffen vom 8. bis 11. März zweimal

an, und die Lage der Türken wäre mehr als kritisch geworden, hätte

nicht Halil rechtzeitig die Gefahr bemerkt und alle verfügbaren

Truppen nachgeschickt. Eine Division, gegen 4000 Mann, wurde in einer

einzigen Nacht auf Fähren und Booten über den Tigris gesetzt. Die

Deutschen rühmten dieses Unternehmen als besonders gut ausgeführt. Die

Schnelligkeit, mit der Halil seine überraschenden Bewegungen ausführte,

brach die Angriffskraft der Engländer und zwang sie, ihren Vormarsch

auf dem rechten Flußufer ganz aufzugeben.

[Illustration: Ein Belem mit zwei französischen Schwestern.]

Im April unternahmen nun die englischen Truppen unaufhörliche Angriffe

auf die Stellung bei Fellahije. Lange ohne Erfolg, und ihre Verluste

waren groß. Schließlich aber räumten die Türken ihre vordere Stellung,

die von der auf beiden Flußufern aufgestellten englischen Artillerie

flankiert wurde. Die Engländer bemerkten die Bewegung erst einen

Tag später und verschwendeten noch 20000 Geschosse auf die leeren

Schützengräben. Dann aber gingen sie zum Sturm über und drangen bis

zur hinteren Linie vor, die von der Goltz inzwischen hatte anlegen

lassen. Hier wurden sie mit mörderischem Feuer empfangen, und nach

großen Verlusten gaben sie auch diesen Vormarsch auf. Der britische

Befehlshaber hätte ganz leicht seine Absicht erreichen können, wenn er,

statt immer an der Front anzugreifen, am Kanal Schatt-el-Hai entlang,

durch den der Tigris einen Teil seines Wassers an den Euphrat abgibt,

vorgerückt wäre und die Fellahijestellung umfaßt hätte. Nach Ansicht

der Verteidiger beging die englische Armeeleitung unbegreifliche

Mißgriffe. Schon damals hätte sie durch einen kühnen Handstreich

Bagdad nehmen können. In der Nacht vom 21. zum 22. November hatten

die englischen Truppen obendrein den Dijala überschritten, und ihre

Vorposten waren nur 12 Kilometer von der Stadt der Kalifen entfernt,

die Nureddin Bei mit einer Handvoll Leute besetzt hielt. Mehrere Tage

standen die feindlichen Heere einander gegenüber. Die Ausfälle der

Besatzung wurden zurückgeschlagen, und die Engländer rückten schon

bedrohlich vor. Da warf sich Halil im rechten Augenblick auf sie und

schlug sie aufs Haupt. So wurde die Stadt für diesmal gerettet.

[Illustration: Drei vornehme Priester auf dem Kai des englischen

Konsulats.]

Bagdads Bürger befanden sich in den entscheidenden Tagen in größter

Aufregung; jeden Augenblick konnten ja feindliche Truppen einrücken.

Die Europäer hatten ihre Wertsachen eingepackt, und Wagen standen

bereit, sie nach Aleppo zu schaffen. Mit Halils Erscheinen war die

Gefahr gebannt, man atmete wieder auf und blieb.

Bald darauf, Anfang Dezember, wurde General Townshend mit ungefähr

anderthalb englischen Divisionen in Kut-el-Amara eingeschlossen.

Das lähmte auch die übrigen Unternehmungen der Engländer auf

den Kriegsschauplätzen. Verstärkungen wurden tropfenweise zu

Entsatzversuchen eingesetzt, die von den Türken sämtlich blutig

abgewiesen wurden. Schließlich, am 29. April 1916, mußte Townshend die

Waffen strecken. Dabei fielen außer dem Oberbefehlshaber 5 Generale,

gegen 500 Regiments- und Kompagnieoffiziere, sowie 13200 Unteroffiziere

und Mannschaften, darunter 4500 Engländer, in die Hände der Türken.

Townshend durfte seinen Säbel behalten und wurde sofort nach Bagdad

geschafft, wo man ihn, wie alle übrigen Offiziere, mit der größten

Achtung und Gastfreundschaft behandelte. Von den englischen Offizieren

waren drei vor dem Krieg bedeutende Kaufleute in Bagdad gewesen. Bei

Kriegsausbruch hatte man sie als Gefangene nach Aleppo gebracht; ihr

Ehrenwort, an Feindseligkeiten gegen die Türkei nicht teilzunehmen,

verschaffte ihnen aber die Erlaubnis zur Heimreise. Nun waren sie zum

zweitenmal gefangen, und man hielt sie von den übrigen getrennt. Es

hieß, wenn sie vor ein Kriegsgericht gestellt würden, sei ihr Schicksal

besiegelt.

Am Abend des 7. Mais gaben die in Bagdad sich aufhaltenden deutschen

Offiziere im Garten des deutschen Konsulats Halil Pascha und etwa

zwanzig türkischen Offizieren ein Fest zu Ehren des Sieges von

Kut-el-Amara. In den Gängen brannten Fackeln und Pechpfannen und unter

den Palmen zahllose bunte Laternen. Herzog Adolf Friedrich feierte in

packender Rede den Sultan und Halil Pascha und gedachte dabei auch des

toten Feldmarschalls und seiner hohen Verdienste. In seiner weichen

schönen Muttersprache dankte Halil mit kernigen Worten.

Halil Pascha, der nach von der Goltz’ Tode und in seinem Geiste die

Operationen gegen Kut-el-Amara leitete und jetzt der Nachfolger des

Feldmarschalls als Chef der 6. Armee war, wohnte an der vornehmsten

Straße Bagdads in einem einfachen Ziegelhaus, das ein kleiner Hof

umgab. Im jugendlichen Alter von dreiunddreißig Jahren hatte er diese

hohe Würde errungen und einen Ruhm, der seinen Namen in der ganzen

Welt bekannt gemacht hat. Halil Pascha ist ein großer, schlanker

Mann von ebenmäßigem Körperbau, schönen, sympathischen Gesichtszügen

und hellem, offenem Blick. Er trägt sich äußerst einfach, die ihn

trefflich kleidende türkische Offiziersmütze aus Lammfell mit stolzer

Siegesgewißheit keck zurückgeschoben; kein Abzeichen verrät seinen

hohen Rang; auf der Straße konnte man ihn für einen gewöhnlichen

Leutnant halten.

[Illustration: Alter christlicher Araber in Bagdad.]

Als ich ihn zum Fall von Kut-el-Amara beglückwünschte, machte er

nicht viel Wesens von dem Erfolg, den er und seine Truppen erstritten

hatten. Von dem britischen Befehlshaber General Townshend sprach er mit

bescheidener Zurückhaltung, wunderte sich aber immer wieder über die

Kapitulation, da die Engländer ungefähr fünfmal so stark gewesen waren,

wie die Türken.

Gerade als mir Halil Pascha in vortrefflichem Französisch von den

letzten Tagen der Festung erzählte, wurde unsere Unterhaltung durch

die hohe Priesterschaft Bagdads unterbrochen, die in vollem Ornat

dem Feldherrn ihre Aufwartung machte und um die Erlaubnis bat, die

neugebaute Hauptstraße nach ihm zu benennen. Sie läuft parallel mit

dem Ufer des Stroms und erleichtert die Verbindung zwischen dem oberen

und unteren Teile der Stadt. Zahlreiche am Wege stehende Häuser wurden

rücksichtslos niedergerissen, und man hatte es damit so eilig, daß

ihren Besitzern oft nur wenige Tage Frist blieb, ein neues Unterkommen

zu suchen. Denn diese Straße hatte zugleich auch eine symbolische

Bedeutung: sie ging quer durch das Grundstück des englischen Konsulats,

das vor dem Kriege niemand hätte antasten dürfen; jetzt waren keine

Engländer mehr da, die Einspruch hätten erheben können.

Zwei Tage nach dem vorhin erwähnten Siegesfest stand ich mit dem

Herzog und Schölvinck aus der hochgewölbten, kühlen Veranda des

englischen Konsulats und erwartete die Ankunft des ersten Trupps

englischer Gefangenen. Ein französischer Arzt und mehrere französische

Dominikanerschwestern waren ebenfalls zugegen; auch sie waren Gefangene

der Türken, hatten aber in Bagdad bleiben dürfen unter der Bedingung,

daß sie in den mehr als dreißig Krankenhäusern, die alle überfüllt

waren, Dienst taten. Es hieß, 6 bis 7000 Plätze seien belegt, meist mit

Typhus und Ruhr.

Während wir uns mit den französischen Schwestern und dem Arzt

unterhielten, kam der Raddampfer „Hamidije“ mit zwei Booten, die zu

beiden Seiten an ihm festgemacht waren, langsam und majestätisch den

Strom herauf. Aus dem oberen Deck des „Hamidije“ saßen englische

Offiziere in Korbstühlen und auf Bänken, und in den beiden Booten weiße

und farbige Unteroffiziere.

[Illustration: Ankunft der „Hamidije“.]

Nun wurde das Schiff am Kai festgemacht und die Landungsbrücke

ausgeworfen. Türkische Offiziere gingen an Bord. Am Ufer wartete der

Stadtkommandant, der stellvertretende Chef des XIII. Armeekorps in

Bagdad, Oberst Mesrur Bei. Zuerst kamen die fünf Generale an Land, und

der Kommandant begrüßte seine „Gäste“. Einer von ihnen war krank und

stützte sich auf einen Stock und auf die Schulter eines Adjutanten. Im

Schatten einiger Bäume wurden Stühle für sie aufgestellt, und Mesrur

Bei unterhielt sich mit ihnen höflich in französischer Sprache.

Dann kamen die Obersten und Oberstleutnants an die Reihe, die Majore,

Hauptleute und Leutnants. Alle dem Rang nach geordnet und aufgestellt,

um sofort in ihre Quartiere geführt zu werden.

Mit welchen Gefühlen mochten die Engländer, die früher in Bagdad

gewesen waren, das prachtvolle Konsulat wiedersehen, das sich als ein

Symbol der englischen Macht im Orient prunkvoll vor ihnen erhob, und

auf dessen Turm früher die Flagge des größten Weltreichs geweht hatte.

Nun flatterte an demselben Mast der Rote Halbmond. Von Mohammedanern

besiegt, als deren Herren sie sich immer gefühlt hatten, betraten sie

jetzt nicht mehr eigenen Boden, und kein Vertreter Großbritanniens

hieß sie willkommen. Sie waren nicht mehr wie so oft Gäste, sondern

Gefangene der Türken. Aber keine Miene, keine Bewegung verriet ihre

Gedanken. Mit der unerschütterlichen Ruhe und der stolzen Haltung, die

ihrer Rasse eigentümlich ist, sahen sie den Dingen entgegen, die da

kommen sollten.

Die Generale fuhren in Droschken nach ihren neuen Wohnungen, und ihre

Ordonnanzen schafften ihr Gepäck auf Lastwagen fort. Als ich mit Mesrur

Bei die Front der Majore entlang schritt, hörte ich plötzlich meinen

Namen rufen und erkannte Major Rybot, mit dem ich im Jahre 1906 oft

in Simla zusammen gewesen war. Nachdem wir uns die Hand gedrückt, bat

auch Mesrur Bei, dem Major vorgestellt zu werden; er ließ ihn aus der

Reihe treten und lud uns ein, ihm in eine Laube zu folgen, wo Tische

mit Erfrischungen bereitstanden. In ungezwungenster Unterhaltung über

Irak und Mesopotamien, über den Verlauf des Weltkrieges und nicht zum

wenigsten über unsre gemeinsamen Erinnerungen an Indien verging uns

hier eine inhaltreiche Stunde.

[Illustration: Die Landung der englischen Gefangenen von Kut-el-Amara

in Bagdad.]

[Illustration: Major Rybot und Mesrur Bei.]

Die englischen Offiziere wurden von den Türken mit der größten

Rücksicht und Höflichkeit behandelt und genossen eine Freiheit, die

geradezu überraschend war. Denn gerade damals standen die Russen in

der Gegend von Kasr-i-Schirin, kaum 170 Kilometer von Bagdad entfernt,

und es wäre für die Gefangenen nichts leichter gewesen, als verkleidet

zu fliehen und ihren russischen Verbündeten wichtige Nachrichten über

die Lage Bagdads zu bringen. Mehrmals erzählte man auch von solchen

Entweichungen, doch weiß ich nicht, ob die Gerüchte der Wahrheit

entsprachen. Sicher ist, daß man täglich englischen Offizieren

begegnete, die sich in den Basaren völlig frei bewegten. Als ich zwei

Tage nach Ankunft der Gefangenen dem amerikanischen Konsul Mr. Brissel

einen Besuch abstattete und wir uns gerade über China unterhielten,

erschienen vier englische Offiziere ohne jede türkische Bewachung.

Sie zeigten noch immer die gleiche Würde und ruhige Miene, als ob

nichts geschehen und Kut-el-Amara nur eine bedeutungslose Episode sei.

Und doch hatte dieser Schlag die von den Engländern beabsichtigte

Verschmelzung der russischen und englischen Fronten vorläufig gänzlich

durchkreuzt. Einstweilen ist der Feldzug im Irak verloren, mochten sie

denken; aber sie ließen nichts davon merken. Mir gegenüber, dessen

fester Standpunkt in diesem Kriege genügend bekannt war, zeigten sie

eine offene Ritterlichkeit und meinten, jeder freie Mann habe das

Recht seiner politischen Überzeugung.

Am Abend desselben Tages hatte ich einige schwedische Freunde und den

deutschen Arzt ~Dr.~ Schacht, der als Gatte einer Landsmännin von

mir das Schwedische ohne fremden Beiklang spricht, zu einem Abendbrot

im Garten des Hotels „Tigris“ geladen. Als wir eben bei Kaffee und

Zigaretten saßen, trat eilig der Adjutant Halil Paschas heran und

bat mich, nach der Residenz hinüber zu kommen, wo der Pascha gerade

ein Abschiedsessen für seinen vornehmsten Gefangenen, den General

Townshend, gab. Ich entschuldigte mich bei meinen Freunden für kurze

Zeit und folgte ihm. Dieses historische Gastmahl, das Sieger und

Besiegten, Verteidiger und Bezwinger von Kut-el-Amara am selben Tisch

vereinte, mochte ich nicht versäumen; außerdem kannte ich General

Townshend von Simla her, wo er der Stabschef Lord Kitcheners war; dort

war ich oft mit ihm zusammen, als ich beim Oberstkommandierenden der

englischen Armee wohnte.

[Illustration: Höhere englische Offiziere unter den Gefangenen von

Kut-el-Amara.]

Wenige Schritte brachten uns zur Residenz, die damals noch gerade

gegenüber lag; später wurde sie in das Haus des Hauptquartiers verlegt,

wo der Feldmarschall gewohnt hatte. In seiner freundschaftlichen Hast

widerfuhr dem Adjutanten in der Vorhalle ein Renkontre mit einer

orientalischen Porzellanvase, die schmetternd auf dem Steinboden in

tausend Stücke zerschellte und mich vor der offenen Tür des Speisesaals

mit überflüssigem Knalleffekt anmeldete.

Am Tisch präsidierte Halil Pascha. Ihm gegenüber saß General

Townshend, neben ihm der Stabschef und der Adjutant des englischen

Oberbefehlshabers, hohe, kräftige Gestalten. Die übrigen Gäste

waren türkische Offiziere und sonst nur Zivilisten, unter ihnen der

Bürgermeister von Bagdad mit schwarzem Bart und Brille, schwarzem

Gehrock und rotem Fes.

[Illustration:

Phot.: Schölvinck.

Bagdad, Babylon, Ninive · 第 19 / 54 题