An jenem schmucklosen Grab, das die irdischen Überreste des
Feldmarschalls nur vorübergehend barg, hatte gleich nach dem Siege
von Kut-el-Amara eine um so eindrucksvollere Feier stattgefunden, bei
der Refik Bei, der Chef des Etappenwesens der 6. Armee, die folgenden
schönen Worte sprach:
„Ruhmreicher Märtyrer, großer Marschall! An dem Tag, da dein
sterblicher Teil in die osmanische Erde und dein unvergängliches
Andenken in die osmanischen Herzen gesenkt wurden, da sprach mit vor
Rührung zitternder Stimme dein Generalstabschef Oberst Kiasim Bei, zu
deinem Haupte stehend und dein hohes Bild vor Augen, diese Worte: deine
siegreiche Armee, die dort unten mit dem Feinde kämpft, wird binnen
kurzem Kut-el-Amara einnehmen und den Lorbeerkranz des Siegs dir um die
Stirn flechten. Ruhmreicher Heerführer! Möge die glückliche Botschaft
zu deinem Ohr dringen: deine Armee hat den verheißenen Sieg erfochten,
Kut-el-Amara eingenommen und 5 Generale, 500 Offiziere und 13000
englische Soldaten zu Gefangenen gemacht. Deine Armee hat das an Zahl
überlegene feindliche Heer gezwungen, vor ihren Bajonetten zu fliehen.
Das osmanische Heer, das du liebtest, wie dein eigenes Leben, wird mit
Hilfe des Allmächtigen den Feind aus ganz Mesopotamien vertreiben.
Unsterblicher Lehrmeister des osmanischen Heeres! Wir geloben an deinem
Grab, daß deine Armee darnach streben wird, deine Seele mit neuen
Siegesbotschaften zu erfreuen. Ruhe sanft, geliebter großer Heerführer!“
Als dann der Sarg jenseits des Bosporus angelangt und bei Therapia
beigesetzt war, wurde auch in Berlin eine Trauerfeier für von der
Goltz veranstaltet. Sie fand am 18. Juni 1916 in einem der großen Säle
des Reichstagsgebäudes statt. Der Saal war mit Flaggen und Palmen
geschmückt. Hinter dem Rednerpult standen Büsten des Kaisers, des
alten Moltke und des Toten selbst. Mehrere Redner ergriffen das Wort,
alles Zivilisten. Als der letzte geendet hatte, erhob sich -- ganz
unprogrammäßig -- Generaloberst Hellmuth von Moltke -- schritt zum
Rednerpult und widmete seinem alten Kameraden folgende tiefempfundenen
Abschiedsworte:
„Hochverehrte Anwesende! Das Bild des Mannes, zu dessen Gedächtnisfeier
wir uns hier versammelt haben, ist in einer so ausführlichen,
glänzenden und wahrheitsgetreuen Weise geschildert worden, daß Sie
es von mir nicht als Vermessenheit ansehen wollen, wenn ich Sie
bitte, mir zu einem ganz kurzen Worte ein geneigtes Ohr zu schenken.
Es sind zwei Gründe, die mich dazu bewegen, zu Ihnen zu sprechen:
erstens meine langjährigen persönlichen, kameradschaftlichen, ich
darf wohl sagen, freundschaftlichen Beziehungen, die mich mit dem
Verstorbenen verbunden haben, und zweitens die Empfindung, daß an
dem Grabe eines Soldaten auch aus soldatischem Munde ein Wort für
ihn erklingen muß; denn Soldat war er doch in erster Linie. Ich war
ein junger Offizier, wie ich von der Kriegsakademie zum Generalstab
kommandiert wurde und mit dem damaligen Major von der Goltz in
Beziehungen trat. Er hatte die reichen Erfahrungen, die er im Verlauf
des Feldzugs 1870/71 bei der Armee des Prinzen Friedrich Karl
gesammelt hatte, bereits schriftstellerisch verwertet zum Segen der
Armee, und wir sahen schon mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht zu
ihm auf. Diese Ehrfurcht wich aber bald einer aufrichtigen Verehrung
und Hingebung. Wie rasch lernten wir den Mann kennen, der uns
nicht als Vorgesetzter, sondern als Kamerad entgegentrat, in dem
Bestreben: wir alle wollen dasselbe, wir alle wollen arbeiten für
die Armee und für unser Land. Ich glaube, wenn auf irgend jemand der
lateinische Spruch: ‚~Homo sum, nihil humani mihi alienum esse
puto~‘ zutrifft, so war es der Verstorbene. Seine hervorragenden
menschlichen Eigenschaften, seine Herzensgüte, gewannen ihm die Herzen
aller, die mit ihm in Berührung traten. Diese kameradschaftlichen
Empfindungen sind allen denjenigen geblieben, die das Glück gehabt
haben, mit ihm in persönliche Beziehungen zu treten. Bei mir haben
sie angedauert bis an sein Ende, und sie sind ausgeklungen in einem
Briefwechsel, der erst kurze Zeit vor dem Tode des Feldmarschalls
seinen Abschluß gefunden hat. Meine hochverehrten Herrschaften, ich
darf das nicht wiederholen, was hier gesagt worden ist. Sie wissen
ja den Lebensgang des Verstorbenen, Sie wissen, daß er als junger
Offizier bereits nach der Türkei ging, daß er dort zwölf Jahre lang
dem Sultan gedient hat, und daß er damals den Grundstein gelegt hat
zu den freundschaftlichen Beziehungen, die heute das Osmanische
Reich und das Deutsche Reich in gemeinsamen Kriegsunternehmungen
vereinigt. Sie wissen, daß er, von dort zurückgekehrt, die Geschäfte
als Generalinspekteur der Pioniere übernahm, und alle diejenigen,
die damals mit ihm gearbeitet haben, bewahren ihm noch heute ein
Andenken, denn auch diese ihm fremde Materie wußte er nach kurzer
Zeit entsprechend zu beherrschen. Dann kam seine schönste Zeit, als
er von Sr. Majestät zum Kommandierenden General des 1. Armeekorps
berufen wurde. Wie freute sich sein Herz, da war er in seinem Element,
unermüdlich im Zusammenleben mit der Truppe, die höchsten Anforderungen
an sich selbst stellend. Keine Mühen scheuend, lebte er mit seinen
Soldaten zusammen, als Vater, Freund und Kamerad. Er mußte dann die
Stellung eines Generalinspekteurs übernehmen, die ihm die Truppen
in die Ferne rückte, und erst nach Eröffnung des jetzigen Feldzugs,
als ihm das Generalgouvernement von Belgien übertragen wurde, trat
er wieder in aktive Tätigkeit. Ich habe damals Gelegenheit gehabt,
des öfteren mit ihm zusammenzutreffen. Wenn ich nach Brüssel kam --
während der Belagerung von Antwerpen -- man traf ihn selten zu Hause;
stets hieß es: ‚Der Feldmarschall ist draußen an der Front.‘ Es hielt
ihn nicht an dem Schreibtisch, er mußte hinaus, und diejenigen, die
mit ihm waren, erzählten, mit welch unbeschreiblicher Tapferkeit
und Todesverachtung er mitten im Gefecht stand in den Reihen seiner
Soldaten, als wenn er sich auf dem Exerzierplatze befände, und wenn
er abends zurückkam, besprach er die Ereignisse des Tags, wie man
ein Manöver bespricht, mit vollständiger Ruhe und Objektivität, und
mancher von denen, die mit ihm im Schützengraben waren, kehrte nicht
mehr zurück; der Feldmarschall selbst ward auch verwundet. Aber wenn
er auch mit unermüdlicher Treue und Aufopferung durch seinen scharfen
Verstand es wohl verstanden hat, die zerrütteten Teile des okkupierten
Landes zunächst wieder in geordnete Verhältnisse zu bringen, so war
doch sein Herz nicht bei der Sache, er war Soldat, und ich glaube,
er ist nicht ungern von seinem schwierigen und undankbaren Posten
zurückgetreten, als er dann auf Wunsch des Sultans von dort als
oberstes Bindeglied zwischen der osmanischen und deutschen Armee nach
der Türkei berufen wurde. Er erlebte den gewaltigen Kampf unserer
Bundesgenossen auf Gallipoli, er sah die Früchte seiner jahrelangen
Tätigkeit greifbar vor sich, und dann kam der Augenblick, da er selbst
das Kommando übernehmen mußte und hinauszog nach Bagdad, um den Kampf
gegen die Engländer aufzunehmen. Als er in Bagdad eintraf, fand er die
Engländer in starker Stellung bei Kut-el-Amara. Seine Aufgabe war,
sie zurückzuschlagen. Mit wie schwierigen Verhältnissen, mit welch
schlechten Zufahrtstraßen, mit einer wie großen Entfernung mußte er
rechnen, bis überhaupt Verstärkungen herangeführt werden konnten.
Meine verehrten Herrschaften, es wiederholt sich in der Geschichte
öfters, daß Heldentum und Tragik nebeneinander stehen. So war es auch
hier. So, wie es Moses einstmals zwar vergönnt war, einen Blick in das
Gelobte Land zu tun, nicht aber es zu betreten, so war es auch dem
Generalfeldmarschall nicht vergönnt, den letzten Kampf seiner Armee zu
erleben, aber sein scharfer Blick hat wohl den Ausblick in das Gelobte
Land getan, denn sicher hat er den Sieg von Kut-el-Amara vorausgesehen.“
„Meine verehrten Herrschaften, ich habe dem Bild des Feldmarschalls
nur noch eine persönliche Note hinzufügen können. Ich habe es getan,
weil ich glaube, daß ich in diesem Falle wohl im Namen der Armee und
namens des Generalstabs sprechen darf, dem wir beide lange Jahre
angehört haben. Ich will nicht sprechen von dem tiefen Schmerz,
der auch mich ergriffen hat, als die Kunde von dem tragischen Ende
des Feldmarschalls eintraf, und ich möchte nicht, daß dieser Tag
vorübergeht, ohne daß wir an diesem Tag ein Lorbeerblatt auf die Bahre
gelegt haben.“
Als Moltke geendet, stieg er vom Rednerpult herab, drückte der Freifrau
von der Goltz die Hand und kehrte auf seinen Platz neben Generaloberst
von Kluck zurück. Da reckte er sich plötzlich, führte die Hand zum
Herzen, sank zusammen und war binnen wenigen Minuten eine Leiche. Die
Tragik, in der ihm noch soeben das Schicksal seines Freundes von der
Goltz erschienen war, daß er wie Moses das Gelobte Land -- den Sieg --
nur aus der Ferne schauen durfte, hatte ihn selbst getroffen.
Und diese traurig-wunderbare Fügung war nicht die einzige bei diesem
erschütternden Vorfall. Sobald die Erkrankung des Feldmarschalls in
Berlin bekannt geworden, hatte man zwei Schwestern zu seiner Pflege
nach Bagdad geschickt. In Konstantinopel erreichte sie die Nachricht
von seinem Tode, darauf kehrten sie zurück. Beide waren bei der
Trauerfeier in Berlin zugegen, als Moltke jene letzte Rede hielt, und
erwiesen nun +ihm+ den letzten Liebesdienst, der seinem Freunde
versagt geblieben war. Und ich selbst -- war ich nicht der Bote eines
Toten an einen Toten geworden? Moltkes Brief, den er mir zum Geleit auf
diese meine Reise mitgegeben hatte, fand seinen Empfänger im Grabe;
aber es sollte mir auch nicht mehr vergönnt sein, ihn der Hand seines
Absenders zurückzustellen. Bei meiner Rückkehr nach Berlin blieb mir
die traurige Pflicht, ihn der Witwe des von mir so hochverehrten Mannes
zu übergeben.
Merkwürdig war auch, daß Gräfin Moltke mir bereits im Februar 1916
anvertraut hatte, sie fürchte, daß ihr Mann noch vor Ende des
Weltkriegs heimgehen werde. In einem Traumgesicht hatte sie ihn
bereits auf der Bahre liegen sehen, von Palmen und Kandelabern
umgeben in demselben Zimmer, wo der Sarg des Feldmarschalls Moltke
vor fünfundzwanzig Jahren gestanden hatte. Sie war daher auf das
Schlimmste vorbereitet, als sie in den Saal des Reichstagsgebäudes
zur Leiche ihres Gatten geführt wurde, und ertrug ihren Schmerz mit
bewundernswerter Fassung.
[Illustration:
Phot.: August Scherl.