Doch zurück in das Gewimmel der Straßen, unter die vornehmen Kaufleute
und die Hausierer, die Süßigkeiten, Brot oder Früchte feilbieten, die
Beamten in halbeuropäischer schwarzer Kleidung mit rotem Fes, die
Syrier, die oft eine europäische Jacke über weißen orientalischen
Hemden tragen, die feierlichen Priester in weißen Turbanen und weiten
Mänteln, die Pilger, die Beduinen und die anatolischen Soldaten,
die auf dem Wege zur Front sind, zum Irak unterhalb Kut-el-Amara
oder nach Persien. Während meines Aufenthaltes in Bagdad zogen eines
Tages die Truppen ein, die ich einen Monat vorher bei ihrem Aufbruch
am Dschirdschib gesehen hatte. Einen langen Weg durch trockene
Wüstengegenden hatten sie hinter sich, trotzdem waren sie in bester
Verfassung, glänzten von Schweiß und Sonnenbrand und sangen munter zu
ihrer Musik. Ihr schweres Gepäck, bestehend aus Gewehr und Ranzen,
Spaten, Zeltbahn und anderem mehr, schien sie nicht zu drücken. Sie
sahen munter aus, und ihre Schritte hallten taktfest wider. Sie
marschierten in einer Staubwolke, aber über ihren weichen Schirmmützen
wiegten die Palmen ihre Blattkronen.
[Illustration: Häuser mit Erkern.]
[Illustration: Eine enge Gasse, die von der Hauptstraße zum Tigris
führt. Links ein Belem und eine Guffa.]
[Illustration: Die Basar-Ecke Ras-el-Karijeh.]
Die vornehmen Privathäuser Bagdads sind alle nach demselben Muster
gebaut, mögen sie nun Arabern oder Christen gehören. Ich besuchte
einige von ihnen. Äußerlich sind sie sehr unansehnlich. Man bemerkt sie
kaum von der engen Gasse her, die von grauen, nichtssagenden Mauern
eingefaßt ist. Das Haupttor ist klein, aber meist von geschmackvoll
behauenen Steinen umrahmt. Durch einen engen, tunnelähnlich gewölbten
Gang gelangt man in einen viereckigen, stets mit Ziegeln gepflasterten
Hof, wohin kein Blick von der Außenwelt dringt. Hier wachsen
Apfelsinen- und Aprikosenbäume, oft findet man auch ein mit Steinen
eingefaßtes Wasserbecken. Vom Hof führt eine steinerne Außentreppe zur
Veranda oder Galerie hinauf, die um das ganze Haus läuft. Gäste werden
im Eivan oder Ivan empfangen, einer Art Nische auf gleicher Fläche mit
dem Hof. Hier herrscht immer Schatten, und man wird auf weichen, roten
Sofas und Diwans mit Zigaretten, Kaffee und Eislimonade bewirtet. Im
ersten Stockwerk hat die arabische Familie ihr Staatszimmer mit bunter
Mosaikdecke, Spiegelglasveranda und teppichbelegtem Boden -- persischer
Stil und indische Möbel. Im Sommer schlafen auch die Eingeborenen auf
dem Dach mit oder ohne Mückennetz. Zu einem vollständigen Haus gehören
ein oder mehrere Särdab, die unterirdischen Gelasse, die während der
warmen Tageszeit als Wohnräume oder auch als Vorratskeller dienen.
An der Decke hängen allerhand Dinge, die den Ratten eine leckere
Schnabelweide bieten würden, und an Ratten ist in Bagdad kein Mangel.
In der Hauptstraße des Basars hatte der Syrier Antony Samhiry im
Erdgeschoß eines kleinen, einfachen Hauses seinen Geschäftsraum. Hier
münden auch ein paar andere Gassen. Der lebhafte Knotenpunkt heißt
Ras-el-Karijeh. Bei Samhiry saß ich lange Stunden und sah das bunte
Leben vorüberziehen, bald langsam träumend im Takt des Spaziergängers,
bald eilig und stoßend, wenn es Geschäften nachging. Eselkarawanen
tragen in Weidenkörben oder auf Saumsätteln Gemüse und alle möglichen
Waren, die für die tausend kleinen, offenen Kaufläden bestimmt
sind. Soldaten und türkische Offiziere in feldgrauer Uniform gehen
vorüber, Priester der verschiedenen christlichen Kirchen in langen
schwarzen Talaren und sonderbar hohen Kopfbedeckungen, Arbeiter und
Träger, ebenholzschwarze Neger, persische Pilger auf dem Weg nach den
heiligen Stätten Kerbela, Nedschef oder Kasimen. Manchmal eilt eine
Krankenschwester vorbei in ihrer großen, weißen Kappe mit dem Zeichen
des Roten Kreuzes. Laute Rufe ertönen: ein Kutscher verlangt für seine
Droschke oder seinen Kerbelawagen freien Weg; er bringt Reisende, die
in einer der Karawansereien des Basars Unterkunft suchen. Zuweilen
werden auch verwundete oder kranke Soldaten auf Bahren nach einem der
vielen Lazarette getragen; ja, es vergeht kein Tag, an dem man nicht
einem Toten auf dem Weg zum Begräbnisplatz begegnet. Als Leichenwagen
dienen oft die wenigen Droschken der Stadt, und der fremde Ankömmling
wird deshalb vor ihrer Benutzung gewarnt.
Wohin will die malerische Reiterschar, die da in langsamem Trab durch
den Basar die Brücke herauskommt? Jedenfalls nach dem schiitischen
Heiligtum Kasimen auf dem rechten Tigrisufer, denn es sind Perser.
Voran reitet auf einem großen, weißen Maulesel ein vornehmer Alter.
Sattel- und Zaumzeug ist mit Silberplatten belegt, die Decke von rotem
Sammet. Ihn begleiten ein junger Mann, wahrscheinlich sein Sohn, und
zahlreiche Diener mit der charakteristischen Locke am Ohr und der
großen, runden Filzmütze auf dem Kopf. Zuletzt kommen Maulesel und
Pferde mit dem Gepäck; die Tscharwadare thronen hoch auf den Bergen von
Kisten und Säcken, Ledertaschen und Matten. Die Zahl der persischen
Kaufleute in den Basaren ist auffallend groß. Ein lebhafter Handel
mit ihrer Heimat geht über Bagdad; die englische Einfuhr aus Indien
ist am größten. Wolle, Getreide und Datteln sind die wichtigsten
Ausfuhrartikel.
[Illustration: Hof einer Karawanserei in Bagdad.]
Der auf dem linken Ufer gelegene Stadtteil, in dem auch die
Ortsbehörden ihren Sitz haben, ist dreimal so groß wie der auf dem
rechten Ufer. Voraussichtlich wird, wie schon erwähnt, die Bagdadbahn
dereinst den Schwerpunkt auf das Westufer zurückverlegen, wo sich
ehemals die Prachtgebäude der Kalifen erhoben. Dann wird sich der
unternehmungslustige deutsche Handel Mesopotamien und weite Gebiete
Arabiens dienstbar machen. Daß Bagdad zurzeit in englischen Händen ist,
spielt dabei keine Rolle. Das eiserne Band der neuen Bahn wird auch das
türkische Reich fest zusammenschweißen. Im Weltreich der Kalifen ging
die bedeutendste Handelsstraße nach Indien und China über Bagdad und
den Persischen Golf; sie verfiel mit dem Untergang des Kalifats, wird
aber von der Bagdadbahn wieder aufgenommen werden. Auch die Basare, die
jetzt während des Krieges ein kümmerliches Leben fristen, werden dann
aufblühen wie nie zuvor.
[Illustration: Inneres des Han el-Ortme.]
An den größten Basarstraßen liegen die Hans oder Karawansereien; durch
kleine Tore und dunkle Gänge gelangt man auf ihre Höfe. Hier stehen
die Pferde und Maulesel der Fuhrleute an Lehmständer angebunden; eine
offene Galerie führt in die Gastzimmer. Die vornehmste Karawanserei
heißt Han el-Ortme; sie stammt wahrscheinlich noch aus der Zeit der
Kalifen und ist eine gewaltige Halle mit gewölbtem Dach; die Pilaster
und Ziegelmauern sind aus dauerhafterem Material, als man heute
herzustellen vermag. Im Innern geht eine freistehende Holztreppe zu
einer offenen Galerie hinauf; hier sind in dunklen Kammern die Kontore
der Kaufleute. Eine Treppe höher kommt man auf das Dach, von dessen
kleinen, flachen Erhebungen sich eine herrliche Aussicht auf die Stadt
darbietet: gerade unter uns die Basare oder vielmehr ihre Dächer aus
Stangen und Pfählen, Strohmatten oder Platten, und ringsum das völlig
flache, graue Gewirr der Häuser. Nur hier und da reckt eine Moschee
ihre schöne Kuppel und ihre schlanken Minarette empor. Dort liegt der
Haïdar-khane mit seiner schimmernden, grünen Kuppel, die geschmackvolle
„Korallenmoschee“ Dschami Merdschan und Suk-el-Gasl, das mächtige,
alte Minarett, der einzige Rest einer Moschee, die Anfang des 13.
Jahrhunderts vom Kalifen Mustansir errichtet wurde. Vor dreißig Jahren
schon habe ich sie abgezeichnet; jetzt machte ich von ihr ein paar
photographische Aufnahmen.
Vom Dach des Han-el-Ortme aus gesehen ist Bagdad eine schöne Stadt. Die
grünen Palmengürtel und -gruppen innerhalb der Lehmmauern, die grün
und blau schimmernden Kuppeln und die blinkenden Windungen des Stromes
heben sich scharf von der grauen Fläche ab. Nur ein schwaches Echo des
lärmvollen Lebens unten in den Gassen dringt herauf, und völlig sicher
ist man hier vor den Düften, die den Aufenthalt in den überdachten
Basaren nicht eben verschönern.
Im Stadtteil der Tänzerinnen sind die Gassen so eng, daß man mit
ausgestreckten Armen beide Häuserzeilen berühren kann. Hier herrschen
Lärm und Trunkenheit, leichtfertige Burschen und wilde Gesellen
streifen hier umher, aber das Auge des Gesetzes in Gestalt der
Gendarmen wacht. In den Türen locken bunt und leicht gekleidete Mädchen
mit Hals- und Armbändern und Ohrringen aus blinkendem Metall.
[Illustration: Aussicht vom Dach des Han el-Ortme.]
[Illustration: Kurdische Tänzerin in Bagdad.]
Auch Bagdad besitzt ein Ghetto und zwar ein recht geräumiges; denn
die Juden sind hier sehr zahlreich. In den größeren Straßen haben
die Häuser zwei, manchmal drei Stockwerke. Das Charakteristischste
daran sind die auf Balken ruhenden vorspringenden Erker, hinter deren
eisenvergitterten Fenstern die Töchter Israels, oft schön wie die
Nacht, mit halboffenen, schweren Augenlidern und müden Blicken das
Leben auf der Straße beobachten. Die Läden und Basarstände schützt
man gegen Sonne und Regen durch kleine viereckige Holzdächer, die
durch schräggestellte Stangen gehalten werden. Diese Läden sind elende
Löcher, und hinter dem Krämer, der mit gekreuzten Beinen unter seinen
Waren auf dem Ladentisch sitzt, gähnt ein abschreckendes Dunkel.
Noch anspruchslosere Handelsleute, die keinen festen Stand haben,
lassen sich einfach an den Häusermauern nieder und bieten aus großen
Körben Aprikosen, Pfirsiche, Gurken, Brot und Süßigkeiten feil. Auch
Frauen beteiligen sich am Handel; sie kauern in faltenreiche Schleier
gehüllt am Boden, der kleine schwarze, goldgeränderte Gitterlappen ist
heraufgezogen und gibt ihre Gesichtszüge frei.
„Airan bos, Airan bos!“ klingt es ab und zu von der nächsten
Straßenecke her in gellendem Ton. „Airan“ heißt auf Türkisch die
gegorene, mit Wasser vermischte Milch; „bos“ bedeutet Eis. Auf einem
Holzgestell steht ein großes Gefäß mit dem erquickenden Trank, in dem
klare Eisstückchen schwimmen. Für den Bruchteil eines Piasters bekommt
man einen Becher voll.
[Illustration: Treppe und Galerie des Han el-Ortme.]
Das Gedränge in den Straßen des Ghettos ist unheimlich, und man darf
nicht empfindlich sein, wenn ein mit einem querliegenden Holzkohlensack
beladener Esel dahergetrippelt kommt, oder zerlumpte Kinder in bloßem
schmutzigen Hemd sich mit den Ellenbogen den Weg bahnen. Jeder, der
nach Bagdad kommt, besucht wenigstens die Hauptstraße des Ghettos,
Chaldäer und Syrier, Araber und Armenier, Perser und Türken,
Sudanesen, Neger aus Sansibar und dem Herzen von Afrika, und sogar
englische Soldaten und Offiziere, die ihre überflüssigen Effekten
verkaufen, nachdem sie erfahren haben, wie knapp die Transportmittel
auf dem bevorstehenden Weg nach Konia und Angora sind.
[Illustration: Gasse im Judenviertel.]
Aber die Juden herrschen bei weitem vor. Es riecht geradezu nach
Judentum, und es riecht schlecht, obgleich es hier luftiger ist, als
in den Basaren der Mohammedaner, wo die üblen Dünste durch die Dächer
festgehalten werden und das Tageslicht nur durch Löcher hereindringt.
Die Hauptstraße des Ghettos ist nicht überdacht, sondern unter freiem
Himmel, nur Erker und die kleinen Schutzdächer dämpfen das Licht.
Der Schmutz ist furchtbar, und wenn die Sakkas mit ihren Ledersäcken
sprengen, watet man durch Schlamm. Aller Abfall aus den Häusern fliegt
einfach auf den Fußsteig, und die Verwandten der Schakale, die gelben
Hunde, wühlen darin herum.
[Illustration: Die Hauptstraße im Ghetto von Bagdad.]
[Illustration: Jüdische Zigarettenwicklerin in Bagdad.]
Mit meinem syrischen Führer besuchte ich ein einfaches jüdisches
Haus in einer Nebenstraße. Der kleine viereckige Hof, tagsüber der
Aufenthaltsort der Hausbewohner, war, wie gewöhnlich, mit quadratischen
Ziegelplatten gepflastert, wie man sie etwa in Babylon findet. An
der Mauer war ein Brunnen, aus dem man das Wasser mit Hilfe eines
Ledereimers herausholte. Links vom Eingang führten wenige Treppenstufen
in ein mit zerfetzten Matten und etlichen Schemeln möbliertes Loch,
dessen Gitterfenster aus eine kleine offene Halle, den Eivan,
hinausgingen. Im übrigen hatte das Haus nur eine Wohnung, deren dunkle
Kammern mehrere Familien beherbergten. Die Juden sind arm und drängen
sich stets auf möglichst engen Raum zusammen. Nur Frauen und Kinder
waren daheim. Die Frauen tragen nichts weiter als ein Zwischending
zwischen Kleid und Nachthemd. Die Kinder waren niemals mit Wasser,
Seife oder Kamm in Berührung gekommen, und ihre Gesichter und Arme
zeigten die Riesennarben der widerwärtigen Bagdadgeschwüre; diese
rühren von einer giftigen Fliege her, deren Stich eine jahrelang offene
Wunde hervorruft und eine entstellende, unvertilgbare Narbe zurückläßt.
Auch ein paar alte Weiber saßen da, grauenhaft anzusehen. Ihre Finger
wühlten in dem wirren Haar auf der Jagd nach Ungeziefer, das ihnen
keine Ruhe ließ.
Auch dieses einfache Haus hatte einen „Särdab“, einen unterirdischen
Raum, wohin man flüchtet, wenn die große Hitze kommt, ein widerliches,
schmutziges Loch, eine Heimstätte für Skorpione und Tausendfüßler. Dort
stand ein Lehmkrug mit kühlem Wasser, und voll Gastfreundschaft bot man
mir einen Trunk. Aber ich lehnte dankend ab und eilte ans Licht und
auf die Straße hinaus, wo die Luft doch noch etwas besser war, als in
diesen furchtbaren Wohnlöchern der armen Juden.
[Illustration: Wasserholeplatz.]
Die architektonisch so anziehende Ghettostraße mit ihrem bunten
Verkehr wollte ich nicht verlassen, ohne sie, wenn auch nur flüchtig,
skizziert zu haben. Das war jedoch nicht so leicht zu machen. Die
Häuser standen zwar still, aber alles andere war in steter Bewegung
und konnte nur hastig in Umrissen angedeutet werden. Am unbequemsten
war das Gewühl, das ich selbst verursachte. Alles blieb stehen und
drängte sich heran, um zu sehen, was ich vorhabe. Freundliche Krämer
boten mir einen Schemel an, um mir freie Aussicht über die Köpfe der
Menge zu verschaffen; sie versahen mich mit Limonade und Zigaretten
und hielten nach Möglichkeit die Zudringlichen fern. Vergebens! Die
Verkehrsstockung wurde so stark, daß ich bald die Aufmerksamkeit der
Revierpolizei erregte.
Ein Schutzmann bahnte sich plötzlich den Weg durchs Gedränge und
fragte mich in barschem Ton, was ich hier zu zeichnen habe; ich
müsse doch wissen, daß es während des Krieges streng verboten sei,
im Hauptquartier zu zeichnen und zu photographieren. Da ich ruhig
fortarbeitete, fragte er weiter, ob ich mich auf die Bekanntschaft mit
einem hervorragenden türkischen Offizier berufen könne. Ich nannte
Mesrur Bei. Diesen Namen habe er niemals gehört, erklärte der Mann des
Gesetzes. Ich antwortete, er müsse doch den Kommandanten von Bagdad
kennen, und die Polizei müsse obendrein wissen, daß ich mich schon
seit einigen Wochen in der Stadt aufhalte. Darauf entschuldigte sich
der Mann, aber da ich nicht in seinem Bezirk wohne, ersuchte er mich
höflich, mit auf die nächste Polizeiwache zu kommen.
Ich beendete meine Arbeit und folgte ihm. Die Wache war eine kleine,
offene Veranda an einer Straßenecke. Dort unterwarf mich ein
Polizeioffizier einem eingehenden Verhör. Alles wurde notiert. Dann
erhielt ich meine Freiheit ohne Bürgen -- aber nur für die Nacht.
[Illustration: Habibe, 70jährige Jüdin in Bagdad.]
Am nächsten Morgen wurde ich von zwei Gendarmerieoffizieren abgeholt
und vor den Polizeimeister selbst geführt. Er war sehr höflich, bot
mir Kaffee und Zigaretten an, ging meine Papiere genau durch und
verglich ihren Inhalt mit dem Polizeirapport vom Tage vorher. Er merkte
glücklicherweise nicht, daß ich mit der ausgelassensten Heiterkeit
kämpfte -- ich, der Freund Halil Paschas, in demselben Basar
verhaftet, in dem englische Offiziere und Soldaten in größter Freiheit
umherstreiften! Ein starkes Stück, aber das Abenteuer war zu lustig,
als daß ich es durch einen ernsthaften Protest hätte stören sollen.
Schließlich aber machte ich einen Vorschlag, der sogleich Klarheit
in die dunkle Sache bringen müsse: wir sollten uns zu Mesrur Bei
begeben, dessen Amtsräume im selben Hause lagen. Das leuchtete dem
Polizeigewaltigen ein. Zwei Gendarmen und ein Offizier begleiteten uns.
So traten wir in das Zimmer des Kommandanten.
Von Untergebenen und Besuchern umringt, saß Mesrur Bei an seinem
Schreibtisch. Als er mich so plötzlich als Gefangenen vor seinem
Richterstuhl sah, brach er zunächst in schallendes Gelächter aus. Als
er sich dann erholt hatte, rief er: „Was, Sie arretiert? Dann bitte
ich darum, Ihnen sofort wieder die Freiheit schenken zu dürfen.“ Eine
vornehme Gebärde gab meiner Eskorte das Zeichen, zu verschwinden,
und als sie abzog, grüßte ich höflich zum Abschied. Die türkischen
Gendarmen hatten mir ja Gelegenheit gegeben zu sehen, daß sie ihre
Instruktion genau befolgten.
[Illustration: Mesrur Bei.]
[Illustration: Munteha, 15jähriges Beduinenmädchen vom Stamme der
Mufarrid.]
Will man im Orient sein Skizzenbuch mit Volkstypen bereichern, so
bieten nur die Frauen fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Der
freundlichen Vermittlung der französischen Dominikanerschwestern
verdanke ich es, wenn ich gleichwohl eine Anzahl charakteristischer
Frauenbilder darbieten kann. Jede saß eine Stunde für ihr Porträt und
erhielt als Lohn einen blanken Medschidije; die Schwestern riefen dazu
besonders Arme ins Kloster, für die vier Mark ein kleines Vermögen
bedeuteten.
[Illustration:
Phot.: Schölvinck.