Eine Guffa auf dem Tigris.]

Neuntes Kapitel.

Mein Einzug in Bagdad.

Es regnete in Strömen, als ich meine Fähre verließ. Am Ufer

erwarteten mich Herr Kettner und der Flugzeugmonteur Knitter, der zur

Fliegerabteilung des Hauptmanns Niemayer gehörte. Ich kam gerade recht,

ein Zug von zweiundzwanzig Wagen sollte nach Bagdad abgehen, sobald

der Regen aufhörte. Ich eilte daher zum Kommandanten von Risvanije,

dem Kurden Ahmed Mukhtar aus Suleimanije, einem gewandten, höflichen

Mann, der in der französischen Missionsschule zu Bagdad die klangvolle

Sprache der Boulevards gelernt hatte. Alles ging nach Wunsch: der Zug

sollte warten, bis ich reisefertig sei.

Ich speiste also mit den Deutschen zu Mittag und trank Tee bei Ahmed

Mukhtar. Mittlerweile packte Sale meine Sachen. Die Fähre, auf der ich

unvergeßliche Stunden verbracht hatte, stellte ich unter den Schutz des

Kommandanten. Vielleicht konnte sie zur Fahrt nach Babylon noch gute

Dienste leisten.

Das Gleis der Feldbahn führt bis zum Strand hinunter. Die Wagen sind

aus Eisen und haben dieselbe Form wie die schwedischen Erzwagen auf der

Linie Luleå-Reichsgrenze, sind aber viel kleiner. Die Lokomotiven waren

noch nicht fertig; das einzige Zugmittel war Menschenkraft; Araber

wurden zum Schieben der Wagen ausgehoben. Bis Bagdad wurden die Leute

sechsmal gewechselt, jedesmal fünfzig Mann. Sie erhielten drei Brote

am Tag und zusammen ein Lamm. Ihr Sold war unbedeutend, und oft genug

rissen sie wieder aus. Demnächst sollten aber die Lokomotiven fertig

und damit die Leistungsfähigkeit der Bahn bedeutend gesteigert werden.

Jeder Wagen faßte zwei Tonnen. Die Güter, die mit meinem Zug befördert

wurden, waren Kriegsmaterial und Proviant. Mein Gepäck wurde auf den

letzten Wagen geladen; oben drauf thronten ich selbst und mein Diener

Sale.

Um 3 Uhr hatte der Regen aufgehört. Die Luft war frisch und kühl. Alle

Mann standen an ihren Wagen bereit, und auf ein gegebenes Zeichen

begann der wunderliche Eisenbahnzug sich in Bewegung zu setzen.

Schnell ging es nicht, und wir als letzte mußten wohl oder übel jeden

Aufenthalt mitmachen, den einer der vorderen Wagen verursachte.

Zu beiden Seiten der Bahn breiteten sich Weizen-, Korn- und Haferfelder

aus, denen ein Kanal Wasser aus dem Euphrat zuführte. Die ganze Gegend

heißt Risvanije oder Nasranije, wie man es auch ausspricht. Der

angebaute Feldstreifen war aber nur schmal, und bald fuhren wir wieder

durch die Wüste. Zu beiden Seiten der Schienen hatten die Füße der

schiebenden Araber in den graugelben Alluviallehm Rinnen getreten, die

jetzt voll Wasser standen.

In der Nähe des Ufers waren wir durch eine kaum ein paar Meter

ansteigende Höhe gefahren. Ein zweiter Hohlweg dieser Art bei Jusfije

ließ vermuten, daß diese Höhen nichts anderes waren, als Dämme zu

beiden Seiten uralter Kanäle. Links vom Wege lag, von einigen grauen

Ruinen umgeben, die Grabmoschee Brahim-el-Halil Imam, auf der anderen

Seite eine kleine Anhöhe namens Tell-achijen. Hier erhielt der ganze

Zug Befehl zu halten, und mein Wagen wurde auf einem Nebengleis an die

Spitze geschoben. So hatte ich nun freie Bahn und freie Aussicht, und

wir ließen den übrigen Zug bald weit hinter uns.

Die Bahn läuft schnurgerade nach Bagdad. Die ganze Entfernung beträgt

nur 45 Kilometer; sie ist die kürzeste zwischen Euphrat und Tigris an

der Grenze zwischen Mesopotamien und dem Irak.

Kurz nach 5 Uhr erreichten wir die erste Station Kal’at Risvanije, wo

neue Araber als Schlepper eintraten und ein neuer Gendarm zu uns stieß.

Dieser berichtete mit bedenklicher Miene, in der vorigen Nacht sei

zwischen der ersten und zweiten Station ein Zug von Räubern angefallen

worden. Durch Gewehrschüsse habe man zwar die Angreifer in die Flucht

gejagt. Immerhin sei es gut, an der gefährlichen Gegend so schnell

wie möglich vorbeizukommen, denn man könne nie wissen! Unter diesen

Umständen wäre es zweifellos vorsichtiger gewesen, bei den andern Wagen

zu bleiben, die eine türkische und deutsche Eskorte hatten. Aber da ich

den Arabern schon ein tüchtiges Trinkgeld versprochen hatte, wenn sie

ordentlich liefen, mochte es nun auch dabei bleiben.

Der Gendarm hatte es so eilig, daß er selber mit schob. Vor jeder

Anhöhe aber rannte er mit einer unermüdlichen Ausdauer, obgleich ihn

Mantel und Gewehr beim Laufen hinderten, voraus, um die Bahn entlang

zu spähen; war nichts Beunruhigendes in Sicht, so gab er von oben ein

Zeichen, die Leute legten sich kräftiger ins Zeug, und er selbst kam

atemlos wieder herbeigesprungen. Der gefährlichste Punkt war eine

Stelle, wo der Zug wieder einen alten Kanaldamm kreuzte: hier hatte

die Räuberbande heute Nacht auf der Lauer gelegen. Wir kamen aber

unbelästigt auch durch diesen Hohlweg hindurch und an dem Hügel Tell

Wabo vorüber. Rechts von der Straße erhob sich in der Ferne Hamudija,

eine kleine, an der Karawanenstraße zwischen Bagdad und Hille gelegene

Anhöhe.

Dann fuhren wir über ein Feld, das mit zahlreichen Ziegelscherben

bedeckt war. Welche Schätze aus der Zeit babylonischer Größe mochte

wohl diese Erde im Schoße bergen! Über dem Horizont wurden die

einfachen Hütten des Dorfes Taldama sichtbar, und vor 6 Uhr waren wir

dort. Beim Stationsgebäude lagerte eine Schar Araber auf Strohmatten;

sie warteten darauf, ihre Kameraden an den Wagen abzulösen. In der Nähe

standen fünfundzwanzig Zelte. Schmale, neuangelegte Kanäle mit kleinen

Brücken führten den Feldern Wasser zu, aber offenbar zu wenig, denn das

Korn sah kümmerlich aus. Heuschrecken waren hier zahlreich, und viele

von ihnen fanden auf den Schienen einen schnellen Tod.

Meine Araber liefen, was das Zeug halten wollte; der Schweiß tropfte

ihnen von der Stirn, und sie keuchten wie atemlose Hunde. Als einmal

zwei leere Wagen die Strecke sperrten, hoben sie das Hindernis einfach

vom Gleis herunter und ließen es daneben stehen.

Die Sonne war blutrot untergegangen, und die Dämmerungsstunde nahte.

Über Bagdad flammten bläuliche Blitze. Am Horizont war der Himmel klar.

Die Sterne traten hervor, und der Mond zeigte seine Hörner. Im Norden

flackerten die Feuer arabischer Nomaden bei dem Hügel Abu Hanta.

Das Stationsgebäude bei Tell-Essued hatte ein auf Pfosten ruhendes

Schutzdach, unter dem die Araber lagen und schliefen oder ihre

Wasserpfeifen rauchten. Hier wurde Rast gemacht, im „Mangal“, dem

Kohlenbecken, Feuer angezündet, und Sale mußte Tee kochen zu einem

schnellen Abendessen aus Brot und Eiern. Kurz vor ½9 begann die vierte

Wegstrecke.

Der Mond hatte sich hinter Wolken verkrochen. Über Bagdad aber

leuchtete es wie der Widerschein heftigen Artilleriefeuers. Die Gefahr

eines Überfalls schien jetzt vorüber zu sein, wenigstens wurde nicht

mehr davon gesprochen. Zu beiden Seiten lag die Wüste still und dunkel.

Die fünfte Wegstrecke reichte bis Jesr el-Cher. Der Mannschaftswechsel

dauerte ein paar Minuten; die alten Leute empfingen ihren Backschisch,

und die neuen sahen sich dadurch angespornt, die sechste und letzte

Strecke bis zum Tigris mit größter Geschwindigkeit zu nehmen. Auf

einer Eisenbahnbrücke überschritten wir den großen Kanal Jesr el-Cher.

Dann wieder eine letzte Strecke Feld, und schon tauchten Lichter und

Laternen auf, die immer zahlreicher wurden. Palmen traten aus dem

Dunkel wie gespenstige Schatten hervor. Nebengleise zweigten sich

ab, Güterzüge mit Kriegsmaterial standen hier und dort, und schon

hielten wir am Ufer des Tigris. Hammale, Lastträger, kamen gesprungen,

bemächtigten sich meines Gepäcks und schleppten es zu einer Treppe, an

deren Fuß eine gewaltige Guffa vertäut lag.

Wir stiegen an Bord, und drei Mann ergriffen ihre kurzen,

breitblattigen Ruder. Sie standen im Vorderteil der Guffa, soweit man

bei einem Boot, das wie ein kreisrunder Korb ist, von Vorder- und

Hinterteil reden kann, stießen die Ruder mit beiden Händen soweit wie

möglich vor dem Boot ins Wasser und arbeiteten sich mit schnellen und

immer gleichmäßigen Ruderschlägen vorwärts. Wären nur zwei Ruderer da,

so würde das Boot sich bald im Kreise drehen; deshalb arbeitete der

mittlere bald mit dem linken, bald mit dem rechten Nachbar, ohne beim

Wechseln von der einen Seite zur andern Seite den Takt zu verlieren. So

schaukelte das originelle Fahrzeug über den Tigris, Bagdad entgegen. --

Bagdad schlief bei meiner Ankunft. Nur hier und da brannte in einem

Fenster noch ein Licht oder eine Öllampe. Im übrigen war das linke

Tigrisufer stockdunkel. Beim Schein der Blitze waren nur hin und wieder

Schattenrisse von Hausdächern, Minaretten und Palmen zu erkennen.

Wohin nun? Als die Guffa an dem sanft abfallenden Ufer gelandet war,

fragte ich die Ruderer, ob sie ein Haus wüßten, wo deutsche Offiziere

wohnten. Freilich! Sie schulterten meine Sachen und hießen mich ihnen

folgen. Einer von ihnen mußte mich führen, denn Straßenbeleuchtung gab

es nicht, und man konnte die Hand nicht vor den Augen sehen; man merkte

nur, daß man durch fürchterlichen Schlamm watete.

Endlich hielten meine Führer vor einem Tor. Auf dreimaliges Klopfen mit

dem Eisenring öffnete ein Diener.

„Wer wohnt hier?“ fragte ich.

„Einige deutsche Herren. Aber sie sind schon alle zu Bett bis auf

einen, der noch nicht zu Haus ist.“

„Ist noch ein Zimmer frei?“

„Ja, eins.“

„Führ mich dahin!“

Vom Hof ging es eine Treppe hinauf über eine offene Galerie in das

Zimmer. Ein Licht wurde angezündet, mein Feldbett mit dem Moskitonetz

aufgestellt und mein Gepäck auf Tisch und Stühle gelegt. Es war gegen

1 Uhr. Bei wem ich mich einquartiert hatte, ahnte ich nicht. Aber

ich machte mir darüber auch keine Gewissensbisse. Denn die Fahrt auf

Euphrat und Tigris an einem Tag und auf der merkwürdigen Eisenbahn

hatte mich ermüdet, und ich sehnte mich nach Ruhe.

Als getreuer Wächter hatte sich Sale vor meiner Zimmertür auf den

Boden gelegt. Eben wollte ich unter das Netz kriechen, da erklangen

feste Schritte auf der Galerie, und ein deutscher Feldgrauer trat

herein. Als er mich erblickte, stutzte er und stand da wie ein

fleischgewordenes Fragezeichen. Er hatte das Licht brennen sehen und

geglaubt, der rechtmäßige Besitzer des Zimmers sei zurückgekehrt.

„Wer ist denn der?“ fragte ich.

„Der Tibetforscher Professor Tafel aus Stuttgart.“

„Wie, Tafel? Mein alter Freund aus der Berliner Richthofen-Zeit!“

„Ja, eben der. Er war einige Tage krank und ist in Behandlung bei

~Dr.~ Herle.“

So hatte der Zufall mich, der ich bei stockdunkler Nacht Bagdad betrat,

ohne daß jemand von meiner Ankunft wußte, nicht nur in das Haus,

sondern auch in das Zimmer geführt, das ausgerechnet ein Tibetforscher

bewohnte, und noch dazu einer, den ich schon seit vielen Jahren kannte!

Nachdem mich Hauptmann Müller -- denn das war der Feldgraue -- noch

eine Weile über die Verhältnisse in Bagdad unterrichtet hatte, wünschte

er mir gute Nacht und überließ mich dem Schlaf.

[Illustration: Abdurrahaman Gilani, Nakib in Bagdad.]

[Illustration: Das Minarett Suk-el-Gasl in Bagdad.]

Am Morgen des 6. Mais erwachte ich bei einem wahrhaft tropischen

Wetter. Es goß in Strömen; wie Glas stand der Regen vor dem Fenster, er

klatschte auf die steifen, blanken Palmenblätter, er schäumte aus den

Dachrinnen, rieselte die Veranden herein und brodelte in Strömen über

den Hof. Der Donner rollte durch schwere, blauschwarze Wolken. Ohne

Zweifel tat das tüchtige Sturzbad der nicht gerade sauberen Stadt recht

gut: aber sachkundige Leute meinten, es käme viel zu spät; Regen im Mai

sei eine ungewöhnliche Erscheinung.

Als das Unwetter einigermaßen vorüber war, machte ich mich fertig,

durch den Straßenschmutz nach dem Hause des früheren deutschen

Konsuls Richarz zu wandern, wo Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg,

mein liebenswürdiger Wirt von Bapaume, seit einiger Zeit sein Zelt

aufgeschlagen hatte. Die Wechselfälle des Krieges hatten ihn jetzt

nach Asien geführt; sein Wunsch, als Führer einer eigenen kleinen

Armeegruppe an einer der türkischen Fronten kämpfen zu dürfen, war

jedoch zu seinem Bedauern nicht in Erfüllung gegangen. Übrigens war

er kein Neuling in diesem Lande, denn in seiner Jugend, vor ungefähr

zwanzig Jahren, war er von Jerusalem nach Berlin geritten.

Eben trat ich aus meinem Zimmer auf die Galerie hinaus, da kam mir der

Herzog schon entgegen, frisch und munter wie gewöhnlich. Er hatte von

meinem nächtlichen Einzug gehört und wollte der erste sein, der mich

willkommen hieß. In unsere Regenmäntel gehüllt wanderten wir über die

vornehmste Straße Bagdads, die Halil Paschas Namen trägt, zum Hause des

Herrn Richarz, einem gewaltigen Viereck, das ein schattenspendender

Garten umgab. Offene, überdachte Galerien, die auf geschnitzten und

buntbemalten, aber verwitterten Säulen ruhten, boten freie Aussicht

über Nachbarhöfe und enge Gassen, auf den großen königlichen Strom und

sein anderes Ufer.

Herr Richarz war 1894 bis 1907 deutscher Konsul in Bagdad und von 1912

bis 1914 amerikanischer. Dann hatte er seinen Abschied genommen, war

aber hier wohnen geblieben; er mochte sein Haus nicht im Stich lassen,

es auch nicht während des Krieges zu einem Spottpreis verkaufen.

Außerdem liebte er Bagdad und hatte sich im Lauf der Jahre an sein

eigenartiges Klima gewöhnt und sich in diese bunte orientalische

Welt, ihre Sitten und Sprachen -- Richarz beherrschte fließend ihrer

elf -- so eingelebt, daß er mit seinen sechzig Jahren dieses ruhige,

sorgenlose Dasein nicht ohne Zwang aufgeben wollte. Wie dunkel und

farblos waren die Straßen Berlins und Hamburgs verglichen mit den

Gassen Bagdads! Mit der Genauigkeit eines Uhrwerkes hatte er sein

Tagewerk geregelt; pünktlich zur Sekunde nahm er seine Mahlzeiten,

seine Bäder, machte er seine Spaziergänge, las er seine stark

verspätet einlaufenden Zeitungen oder die Schätze seiner Bibliothek,

und ebenso regelmäßig verrichtete er seine Arbeiten für den deutschen

Nachrichtendienst. Salon, Arbeitszimmer, Bibliothek und Speisesaal

gingen auf die Galerie hinaus, die um den Hof lief. Im Salon stand ein

über Meer und Ströme beförderter Flügel, dessen Innerm sein Besitzer

schöne Melodien entlockte, denn er war sehr musikalisch und fand in

einsamen Stunden am Klavier die beste Gesellschaft.

[Illustration: Graf Wilamowitz und Konsul Richarz auf dessen Kai in

Bagdad]

[Illustration:

Phot.: Schölvinck.

Bagdad, Babylon, Ninive · 第 9 / 54 题