Nach und nach wurde die Luft ganz ruhig, glättete sich die eben noch
so aufgeregte Wasserfläche, und man hörte nur das stille Brausen der
ersterbenden Wogen. Mahmud begab sich nach dem nächsten Nomadenzelt, um
Holz, Brot und Joghurt zu holen. Die anderen sammelten Tamariskenzweige
und machten mit vieler Mühe ein Feuer an; dann entkleideten sie
sich und trockneten ihre Sachen. Auch in meiner Hütte war alles
so durchnäßt, daß Bettzeug und Decken an Stangen ums Feuer zum
Trocknen aufgehängt werden mußten. Schließlich schöpften meine Leute
das Wasser aus der Steuerbordfähre. Welch ein Glück, daß ich zwei
zusammengebundene Schahtur hatte! Einer allein mit freier Hütte wäre
ohne Zweifel gekentert. Die leere Steuerbordfähre hatte meinem Fahrzeug
die nötige Festigkeit gegeben, um einen solchen Sturm auszuhalten.
Es dunkelte. Am nordöstlichen Himmel flammten unter einer
pechschwarzen, am Hinterrand scharf begrenzten Wolkenbank blaue Blitze
und erhellten den Strom und die Tamarisken am Ufer, daß sie wie
friedlose Geister mit bittend ausgestreckten Armen erschienen. Nach dem
Lärm, der eben noch unsere Ohren erfüllt hatte, lag mir die friedvolle
Stille der Nacht geradezu beklemmend auf der Brust. Ich atmete auf, als
endlich die Schakale ihr übliches Abendlied anstimmten, das auf dem
einen Ufer mit langgezogenem Geheul begann, gleichsam im Bogen auf das
andere übersprang und bald wie Hohngelächter, bald wie der Hilferuf
bangender Kinder klang, und dazwischen der traurige Schrei eines Esels
vom anderen Ufer herübertönte.
Diese zyklonartigen Stürme, die von Zeit zu Zeit über Mesopotamien
hinziehen, sind der Schiffahrt auf dem Euphrat äußerst gefährlich, und
wenn ich weiterhin an wracken Booten vorüberkam, begriff ich nur zu
gut, wie solche Schiffbrüche vor sich gegangen waren. Noch vor einigen
Wochen wurde Kapitän Pfeffer, einer meiner Bekannten aus Dscherablus,
als er mit seiner Flottille von großen, mit Munition und Gewehren
beladenen Fähren bei Rakka vor Anker lag, von einem Zyklon überrascht.
Der Sturm kam ohne jedes warnende Vorzeichen wie ein Dieb in der Nacht,
meterhohe Wellen füllten die Fahrzeuge mit Wasser, und drei davon
sanken; ein Deutscher, ein Photograph aus Metz, ertrank dabei. Ein
ähnliches Schicksal konnte auch der Fliegerabteilung, die zwei Tage vor
mir Rakka verlassen hatte, oder der bayrischen Batterie des Majors von
Schrenk, die ungefähr am 15. April von Dscherablus hatte aufbrechen
sollen, beschieden sein. Wie ich aber später hörte, erreichte sie der
Sturm, der meine Fähre fast zum Kentern gebracht hatte, nicht; sein
Zentrum war also ganz scharf begrenzt gewesen.
[Illustration: Chesney’s Fähre auf dem Euphrat.
(Aus: „~Narrative of the Euphrates Expedition~“.)]
Auch aus älterer Zeit finde ich solch ein Ereignis beschrieben, das
mit meinem Erlebnis die größte Ähnlichkeit hat. In den Jahren 1835/37
untersuchte Oberst Francis Rawdon Chesney im Auftrag der englischen
Regierung die Schiffahrtsverhältnisse auf dem Euphrat und Tigris. Am
21. Mai 1836, mittags ½2 Uhr, wurde seine Expedition von einem Zyklon
überfallen, der ebenso plötzlich daherbrauste, wie der von mir erlebte,
ebenso mit plötzlicher Finsternis einsetzte, nur fünfundzwanzig
Minuten dauerte und einen der beiden Dampfer Chesneys, den „Tigris“,
versenkte, wobei vier Offiziere, elf Artilleristen und Matrosen und
fünf Eingeborene ums Leben kamen. Der Sturm preßte den Dampfer so stark
nieder, daß die offenen Kajütenfenster unter Wasser gerieten. Schon war
der Befehl gegeben: Rette sich wer kann! als sich für einen Augenblick
die Dunkelheit erhellte und das Ufer ganz nahe schien. Sofort hieß es
wieder: Jeder auf seinen Posten! Aber im nächsten Augenblick herrschte
wieder schwarze Nacht, und eine Minute später war das Schiff gesunken.
Ebenso schnell wie er kam, war der Zyklon wieder vorüber, und seine
Spur war ebenso schmal gewesen, wie ich es beobachtet hatte. Chesney,
der sich mit zwanzig Mann von dem sinkenden Schiffe hatte retten
können, will Hagelkörner von anderthalb Zoll Dicke gemessen haben; das
erscheint mir etwas übertrieben, und seine Meinung, solche Zyklone über
dem Euphrat seien „äußerst selten“, widerlegt sich wohl durch meine
Erfahrungen.
Chesneys Schilderungen liest man noch heute mit größtem Interesse.
Daß damals an den Ufern des Euphrat noch Löwen vorkamen, hört man mit
einigem Erstaunen; im übrigen ist noch alles so, wie er es beschrieb;
man erkennt die Orte Der-es-Sor, Ana und Hit deutlich wieder,
sogar den Hügel von Babel, wo damals noch keinerlei Ausgrabungen
begonnen waren, und die Karte des Euphrat, die sich in seinem Werk
„~Expedition for the survey of the rivers Euphrates and Tigris in
the years 1835-1837~“ (London, 1850-68) findet, ist so gewissenhaft
ausgeführt, daß sie noch während dieses Weltkrieges benutzbar
war; man brauchte nur in die vergrößerte Kopie die Änderungen des
Stromlaufs während der letzten achtzig Jahre einzuzeichnen. Die von ihm
angegebenen Namen der Berge, Hügel, Ruinen, Landzungen usw. stimmten
alle, nur die Ortsnamen waren andere; denn man nennt die Orte am Ufer
nach dem Scheich des Stammes, der dort zeltet. Die Namen wechseln daher
alle Menschenalter.
Chesneys Expedition hatte die Aufgabe, die Möglichkeit einer
schnelleren Überlandverbindung mit Indien zu untersuchen. Der Euphrat
wurde bis Meskene schiffbar gefunden, für nicht zu tief gehende Dampfer
sogar bis Biredschik; bis zum Golf von Alexandrette wäre dann nur noch
eine kurze Strecke zu überwinden gewesen. Chesney versichert, die
Araber an den Ufern des Euphrat und ebenso die türkische Regierung
hätten die geplante Eröffnung eines neuen Handelsweges zwischen Indien
und Europa freudig begrüßt. Aber ein Menschenalter blieb das Projekt
unausgeführt, und dann machte der Bau des Suezkanals die Euphratstraße
für England überflüssig.
[Illustration: Beduinenzelt am Euphratufer.]
Sechstes Kapitel.
Unter Nomaden und armenischen Flüchtlingen.
Wenn Sturm oder Gegenwind mich zwangen, auch am Tage den Schutz steiler
Uferwände aufzusuchen oder am Lande festzumachen, gaben mir diese meist
unfreiwilligen Aufenthalte, die meine Geduld auf harte Proben stellten,
gleichwohl willkommene Gelegenheit, meinen Proviant zu vervollständigen
und dabei das Leben der Nomaden an den Ufern des Euphrat aus nächster
Nähe kennen zu lernen.
Gleich am zweiten Tage der Stromfahrt mußten wir bei dem Zeltdorf
Hammam längere Zeit liegen bleiben, und in Begleitung Kerits, der als
arabischer Dolmetsch diente, und des Gendarmen Mahmud begab ich mich
zu den zwanzig schwarzen Zelten am Fuß der Uferhöhe, die das Dorf
bildeten. Drei halbwilde Hunde empfingen uns, die Einwohner selbst aber
verschwanden wie Ratten in ihren Zelten. Fürchteten sie sich vor uns?
Ja, erklärte Mahmud, „sie halten uns für Werber, die Rekruten sammeln“.
Und mit dieser Vermutung schien er recht zu haben. Denn als ich auf das
vornehmste Zelt, das des Häuptlings, zuging, traten mir zwei Araber in
offenbarer Bestürzung entgegen, und diese wich erst, als sie hörten,
daß wir nichts anderes im Schilde führten, als Eßwaren zu kaufen. Sie
waren vom Stamm der Beni-Said-Araber, die in dieser Gegend sechzehn
Dörfer hatten. Die Männer trugen weiße, weite Beinkleider, über den
Schultern bunte Mäntel und auf den Köpfen schwarze Lappen, die von
zwei weichen Ringen auf dem Scheitel festgeklemmt wurden. Auf Kissen
und zerlumpten Matten saßen fünf würdige Weißbärte inmitten des großen
länglichen Zeltes und rauchten Nargileh und Zigaretten, die sie selber
drehten. Mit vornehmer Lässigkeit erhoben sie sich und luden mich ein,
unter ihnen Platz zu nehmen. Nachdem wir uns eine Weile unterhalten und
uns gegenseitig mit gleichem Interesse angestaunt hatten, brachte ich
mein Anliegen vor: ob sie uns Eier und saure Milch verkaufen wollten?
Erst machten sie Schwierigkeiten und versicherten, sie brauchten ihren
kärglichen Vorrat selber; die verführerischen Töne einiger türkischer
Silbermünzen lockten aber bald die Frauen aus ihrem Versteck hervor.
Ich tat natürlich so, als sähe ich sie gar nicht, sondern widmete meine
ganze Aufmerksamkeit dem, was sie herbeischafften. Hier kam eine mit
zwei, dort eine mit fünf, eine dritte mit einem ganzen Haufen Eier; ich
kaufte fünfzig und bezahlte für je drei den verlangten Preis von zwei
Metalliks. Andere brachten Milch und Joghurt in Büchsen, und es zeigte
sich bald, daß die Leute viel mehr entbehren konnten, als wir brauchten.
[Illustration: Nomadenfrauen bei Hammam.]
[Illustration: Beni-Said-Araber.]
Der Frauen anfängliche Scheu war nach Abschluß des Handels spurlos
verschwunden, und ich konnte nun sie und ihre grellfarbige, malerische
Kleidung mit Muße betrachten. Ihre dunkelblauen Mäntel, die gewöhnlich
ein bauschiger Stoffgürtel um den Leib hielt, waren nach vorn zu offen
und ließen ein rotes oder weißes westenartiges Unterkleid vorschimmern.
Füße und Arme waren frei. Die Armgelenke zierten hübsche Silber-
oder Messingringe, den Hals wertlose Perlenschnüre. Ihr Haar war in
starke Zöpfe geflochten, und um den Scheitel schlangen sich schwarze
Turbanschleier. Alle Frauen hatten die Unterlippe blaugrün bemalt,
ebenso das Kinn. Diese Bemalung entstellte sie keineswegs, im Gegenteil
vermittelte das kräftige Blaugrün vortrefflich das Dunkelblau der
Mäntel mit dem bronzenen Braun der Gesichter. Woher diese Sitte? Auf
diese Frage antworteten sie nur: „Das ist bei uns von altersher so
Brauch.“ Einige Frauen trugen kleine braungebrannte Kinder auf dem
Rücken oder an der Brust. Unter den jüngeren fielen mehrere durch
echte, ungepflegte Wüstenschönheit auf.
An den weiten Ufern des Euphrat genießen diese Nomaden eine unbegrenzte
Freiheit. Wenn die Steppe rings um das Dorf abgegrast ist, ziehen
sie mit Zelten und Herden zu neuen Weidegründen. Sie starren von
Schmutz und Ungeziefer, Frauen wie Männer, und ihre buntscheckige
Kleidung ist verschlissen und zerlumpt, voller Flecken von Fett und
Schafblut und vom Ruß des Lagerfeuers geschwärzt. Das kümmert sie
nicht. Abgehärtet von Wind und Wetter fühlen sie sich stark und gesund;
ihre Bedürfnislosigkeit macht sie leichten und frohen Sinnes; doch
der Neugier huldigten sie mit naiver Unbefangenheit, und selbst die
Kinder waren uns wildfremden Gästen gegenüber gar nicht blöde; Knaben
und Mädchen sprangen übermütig aus und ein und trieben ihren Scherz
mit uns. Fähren wie die meinige sahen sie ja alle Tage vorbeitreiben;
höchstens daß ihnen solch eine Hütte darauf neu war. Mehrfach schon
hatte sie spielenden Knaben als Zielscheibe für ihre Schleuder
gedient, und die kleinen barfüßigen Mädchen am Strande pflegten ohne
Schüchternheit nach dem Woher und Wohin unserer Fahrt zu fragen. Nur
einmal, bei dem Dorf Sedschere, am 15. April, machten wir Aufsehen und
störten sogar ein Leichenbegängnis: das ganze Gefolge überließ den
Toten sich selbst und eilte ans Ufer, um uns vorüberfahren zu sehen.
Die Zelttücher der Nomaden sind aus grober, schwarzer Ziegenwolle; sie
ruhen auf mehreren in einer Reihe aufgestellten, senkrechten Stangen,
fallen nach beiden Seiten ab und sind mit Stricken festgemacht. Ringsum
ist das Zelt mit Reisigbündeln umgeben, die als Brennmaterial benutzt
und immer erneuert werden. Das Innere ist durch Wände von Schilfmatten
in verschiedene Räume eingeteilt. Der vornehmste, das Empfangs- und
Konversationszimmer, liegt in der Mitte, links der Stall für Schafe und
Kälber, rechts Vorratsraum und Küche. Dort bereitete eine alte Frau in
einem Topf über dem Feuer das erfrischende Getränk „Airan“ aus Wasser
und gegorener Milch. Die Milch wird in Ziegenfellen aufbewahrt, die
an den Zeltstangen hingen. Milch und Brot ist die Hauptnahrung dieser
Nomaden; seltener wird ein Schaf aus der Herde geopfert. Mit diesem
ihrem Reichtum sind sie sehr sparsam, wie ich am nächsten Tage erfahren
sollte.
[Illustration: Sale, ein Lamm an der Brust haltend.]
Die Abenddämmerung hatte meiner Arbeit ein Ziel gesetzt, und ich ließ
meine Fähre bei drei schwarzen Zelten am linken Ufer halten. Ihre
Bewohner kamen uns entgegen und begrüßten uns auf europäische Art durch
Handschlag. Wir folgten ihrer Einladung und ließen uns in einem der
Zelte im Kreise um das Feuer nieder, das mit stachligen Rasenstücken
genährt wurde, die draußen aufgehäuft waren. So oft ein neuer Arm voll
in die Glut geworfen wurde, flammte die Lohe hoch empor und beleuchtete
prächtig diese Kinder der Wüste, die wettergebräunten Hirten, die
dunkelblauen Trachten der Weiber und das zerlumpte Durcheinander der
lärmenden Kinder. Sie waren vom Stamme al-Murat; ihre Nachbarn auf
dem anderen Ufer gehörten zum Stamm der Bobani. Der Winter 1915/16,
erzählten sie, sei sehr hart gewesen, und es sei reichlich Schnee
gefallen; vor fünf Jahren habe das Flußeis sogar Menschen und Tiere
getragen. Unsere neugierigen Wirte wurden nicht müde, sich über
unseren Besuch zu wundern, uns anzustarren und auszufragen, und als
ich am Abend in meiner Hütte Tee trank, leisteten sie mir vom Ufer aus
Gesellschaft. Ich kaufte von ihnen weiches Brot und Joghurt, aber ein
Fettschwanzschaf wollten sie nicht herausrücken, d. h. sie verlangten
dafür 150 Grütsch oder anderthalb türkische Pfund (fast 30 Mark), einen
drei- oder viermal zu hohen Preis, der jeden Handel unmöglich machte.
[Illustration: Araberinnen vor einem Zelt.]
Zwei Tage später hatte ich damit mehr Glück. Wir waren beim Dorfe
Dibse vorübergefahren, dessen Ruine auch unter dem Namen El-Burdschi,
d. h. die Burg, bekannt ist. Hier lag in alter Zeit die berühmte
Stadt Thapsacus, die ehemals die Ostgrenze des Salomonischen Reiches
bezeichnete (1. Buch der Könige, 4, 24). Gleich oberhalb des Ortes
ist noch heute eine Kamelfurt, durch die seinerzeit der jüngere Cyrus
und Alexander der Große den Euphrat überschritten. Hinter Dibse
waren wir an einer Stelle gelandet, die den Namen Oasta führte. Hier
wohnten die Araber des Oäldästammes. Ihnen gegenüber sollen die
Hamidije-Araber ihre Weideplätze haben, und weiter abwärts am rechten
Ufer folgt der Stamm Hamed-el-Feratsch. Hochgewachsene Männer in
braun- und weißgeränderten, sackähnlichen Mänteln empfingen uns mit
dem Gruße „Salam“. Sie erwarteten das diesjährige Hochwasser erst
in vierzehn Tagen; nach zwei Monaten schrumpfe dann der Fluß zur
Bedeutungslosigkeit zusammen. Ihre Schafherden scheren sie Mitte Mai;
dann kommen die Händler von Aleppo hierher, um die Wolle aufzukaufen.
Für klingendes türkisches Silber erstand ich hier ein prächtiges
Fettschwanzschaf; einer der Araber zog sofort blank und schnitt mit
einem Hieb die Weichteile bis zu den Halswirbeln durch, daß das Blut
über das Gras spritzte. Kerit tauchte die Hand in das rauchende Blut
und malte ein paar breite, rote Streifen über das Vorderteil der Fähre
-- jedenfalls ein uralter Opferbrauch, der die unheimlichen Mächte des
Wassers besänftigen und den Schiffern eine glückliche Fahrt schenken
soll. Mit sicherer Hand zog der Araber das Schaf ab, entfernte die
Eingeweide und zerschnitt kunstvoll das Fleisch; Fett, Niere, Herz
und Leber wurden für sich gelegt. Die Fleischstücke ließ ich an
der Hinterwand meiner Hütte aufhängen, mit Ausnahme derer, die zum
abendlichen Gastmahl meiner Besatzung bestimmt waren.
[Illustration: Araber am Euphrat.]
Nachdem die uns begleitenden Araber zu ihren Zelten zurückgekehrt
waren, machten meine Leute am Ufer Feuer, und nun begann ein emsiges
Kochen und Schmoren. Für mich wurden die Schafsnieren am Spieß über
der Glut gebraten. Jede Schafschlachtung ist in Asien ein festliches
Ereignis. Die Männer bleiben länger als gewöhnlich sitzen, verzehren
unglaubliche Mengen Fleisch, plaudern und singen und schweigen bloß, so
lange sie essen. --
Neben den schwarzen Zelten der Araber zeigten sich an den Ufern des
Euphrat oft Hunderte weißer Zelte. Das waren die Lager der armenischen
Flüchtlinge. Mehrfach war ich diesen Unglücklichen schon begegnet,
wenn ich tagsüber oder am Abend an Land ging. Einmal, in der Nähe
der Festung Dschabar, hatte ich eine Schar von ihnen, meist Frauen
und Kinder, die auf dem Wege nach Der-es-Sor und Mosul waren, mit
allem bewirtet, was sich an Brot, Eiern und Fleisch an Bord meiner
Fähre fand. Genauer lernte ich ihr Elend erst kennen, als ich am 18.
April das Städtchen Rakka erreichte, das am Fuß einer isolierten,
fünfgipfligen Gebirgspartie liegt.
Zwischen Inseln hindurch, die bald aus Schlamm bestanden, bald mit Gras
bewachsen oder mit Flugsanddünen bedeckt waren, näherten wir uns dem
größten Ort, den ich bisher am Euphrat angetroffen hatte. Bei Rakka
erreicht eine Karawanenstraße von Urfa her den Strom, der hier sehr
breit ist und so gerade läuft, daß die Ufer keine Erosionsterrassen
haben. Diese entstehen nur bei Windungen, wo der beständige seitliche
Druck des Wassers sie bildet. Auf dem rechten Ufer weidete eine
Herde von etwa hundert Kamelen; wahrscheinlich war sie für die
Transportkolonnen bestimmt, die die Verbindung mit der mesopotamischen
Front aufrechterhielten.
Am linken Ufer waren zahlreiche Frauen bei der Wäsche beschäftigt,
während Kinder im Wasser planschten, und Sakkas, Wasserträger, ihre
Ledersäcke füllten und auf Eseln nach der Stadt beförderten, die
einzige Wasserleitung, die Rakka besitzt.
[Illustration: Armenische Flüchtlinge bei meiner Fähre.]
Mohammed und Hussein blieben bei der Fähre als Wache, während Mahmud,
das Gewehr am Riemen über der Schulter, und Kerit mich nach der Stadt
begleiteten. Sie liegt zwölf Minuten vom Ufer entfernt, damit das
Hochwasser, dem das flache Land ausgesetzt ist, nicht bis zu den
Häusern dringt.
Mein Ziel war das Amtszimmer des Kaimakam. Gendarmen empfingen uns
am Tor und führten uns über den inneren, viereckigen Hof die Treppe
hinauf zu einer Galerie oder Veranda und von dort in das Empfangszimmer
des Gouverneurs. Es war mit einfachen Matten belegt und mit Sofas und
Stühlen möbliert. Viele Besucher warteten, Militärs und Zivilisten.
Der Kaimakam, ein alter Mann mit weißem Vollbart, klobiger Nase,
freundlich träumerischen Augen und rotem Fes, saß vor einem mit Bergen
von Briefen und Akten beladenen Schreibtisch. Sein Dolmetsch stand
daneben wie ein angezündetes Licht.
Nachdem der Kaimakam meinen türkischen Paß durchgesehen, sich über
meine Reisepläne unterrichtet und mir die neuesten Nachrichten
vom Kriegsschauplatz mitgeteilt hatte, bat ich um die Erlaubnis,
Antiquitäten von Rakka kaufen zu dürfen. Die kleine Stadt, die jetzt
zum großen Teil von ihrem Handel mit den in der Umgegend wohnenden
Anese-Arabern lebt, liegt auf dem Platz, wo ehemals die alte Festung
Nicephorium stand. Als Avidius Cassius im Jahre 164 n. Chr. gegen
das Partherreich vorrückte, fand er an der Euphratlinie hartnäckigen
Widerstand, doch konnten Europus, Nesibin, selbst die Hauptstadt
der Parther, Ktesiphon, und viele andere Städte, darunter die Feste
Nicephorium, der überlegenen Kriegskunst der Römer nicht widerstehen.
Rakka ist auch dadurch berühmt, daß der Kalif Harun-er-Raschid hier den
Sommer zu verbringen pflegte. Meinem Wunsch nach Altertümern durfte
übrigens der Gouverneur nicht stattgeben, da die Ausfuhr verboten ist.
[Illustration: Hauptstraße in Rakka.]
Während ein alter Offizier mit dem Kaimakam eilige Geschäfte
erledigte, unterhielt ich mich mit dem französischen Dolmetscher. Er
war ein Armenier aus Konstantinopel und mit einer großen Schar von
Landsleuten über Aleppo und Meskene nach Rakka gekommen, wo sie seit
sechsunddreißig Tagen festgehalten wurden. Wir sahen ihre Zelte am
rechten Stromufer, das von Frauen und Kindern wimmelte. Man schätzte
ihre Zahl auf 5000; sie waren aus Gegenden an der kaukasischen Front
ausgewiesen worden. Der Dolmetsch, der ein treffliches Französisch
sprach, hatte dem Kaimakam seine Dienste angeboten und war sofort
angestellt worden.
Vor zwanzig Tagen, erzählte er mir, sei ein deutscher Offizier auf
einem Schahtur angekommen und habe um die Erlaubnis gebeten, an die
ärmsten Armenier 30 Pfund in Silber austeilen zu dürfen; der Kaimakam
sei selber bei der Verteilung zugegen gewesen. Auf meine Bitte, dem
Beispiel des Deutschen folgen zu dürfen, erwiderte aber der Kaimakam,
er sei für das Angebot herzlich dankbar und habe an sich nichts
dagegen. Aber er habe vom Wali in Urfa gerade ein Telegramm erhalten,
das verbiete, ohne dessen Erlaubnis Gaben an die Ausgewiesenen zu
verteilen.
Ich suchte nun den Basar auf, um meinen Proviant mit Brot, Käse,
Apfelsinen und Salz zu bereichern. Ein armenischer Arzt aus Eriwan, der
seit vielen Jahren in Rakka ansässig war, begleitete mich durch die
staubigen Straßen der langweiligen Kleinstadt. Nach seiner Versicherung
zählte die armenische Kolonie von Rakka gegen anderthalb Tausend
Personen.
Auf unserem Wege folgte uns ein Heer armer Kinder und Frauen auf den
Fersen, lauter Armenier, und als ich an einem Bäckerladen vorüberkam,
auf dessen Tischen große Haufen frischer, runder Brote aufgestapelt
lagen, konnte ich mir das Vergnügen nicht versagen, den ganzen
Ladeninhalt aufzukaufen und an die Hungernden zu verteilen. Sie
stürmten von allen Seiten auf mich ein, stießen sich, schrieen, fielen
zu Boden, traten aufeinander und zerrten an meinen Kleidern, um nur
ihres Anteils nicht verlustig zu gehen, dann zerstreuten sie sich,
jeder mit seinem Fang zufrieden. Es war eine Herzensfreude sie essen zu
sehen, und mit schmerzlicher Teilnahme dachte ich an die Fünftausend,
die auf dem anderen Ufer verschmachteten. Aber wenn ich auch alles, was
ich hatte, an die Ärmsten verteilte -- für so viele hätte es doch nicht
entfernt gereicht.
* *
*
[Illustration: Holoß Bachmakdjan, 14jährige Armenierin aus Erserum.]
Die Verfolgungen der Armenier, vor allem die Grausamkeiten gegen
unschuldige Frauen und Kinder, gehören zu den dunkelsten Kapiteln
des Weltkrieges. Sie übertrifft nur die Grausamkeit, mit der zwei
Millionen in Rußland ansässiger Deutschen bei Kriegsausbruch in die
Pesthöhlen Sibiriens verschleppt wurden, um dort das Schicksal der
unglücklichen Opfer aus Ostpreußen zu teilen. Was aber die Engländer
über die armenischen Massaker in die Welt hinausposaunen, ist ungeheuer
übertrieben und fordert den Widerspruch heraus. In seiner Oberhausrede
vom 6. Oktober 1915 behauptet Lord Bryce, die Türkei wolle ihre
nichtmohammedanische Bevölkerung ausrotten, weil sie die Einheit des
Staates störe und sich nicht immer der Unterdrückung füge. Die Türkei
zählt über 21 Millionen Einwohner; mehr als ein Viertel davon sind
Christen und Juden. Die Juden, die fast eine Million zählen, haben
von den Türken nichts auszustehen gehabt, im Gegensatz zu Rußland, wo
sie der empörendsten Verfolgung ausgesetzt waren, und die Christen in
Syrien und anderen Teilen der Türkei leben mit den Herren des Landes in
gutem Einvernehmen, sind wenigstens während dieses Krieges in keiner
Weise von ihnen behelligt worden. Die Armenier bilden nur etwa den
vierten Teil der gesamten Christenheit des türkischen Reichs.
Lord Bryce leugnet, daß sich die Armenier jemals ungesetzlich gegen
ihre Regierung gezeigt hätten. Aber eine Broschüre von Arnold J.
Toynbee in Oxford, die eben jene Rede des Lords enthält, versichert,
daß 250000 Armenier über die russische Grenze desertiert seien,
die jetzt „die einzige Hoffnung und Stütze der armenischen Rasse“
bildeten! Die 750000 Armenier, die (nach einer andern Stelle derselben
Broschüre!) in Transkaukasien leben und russische Untertanen sind,
gehören wohl nicht zur armenischen Rasse? Nach der zuverlässigsten
Bevölkerungsstatistik von Armenien in „Petermanns Mitteilungen“ (42.
Bd. 1896) sind es sogar 958000. Lord Bryce will nur von „vereinzelten“
Deserteuren gehört haben und behauptet, das Freiwilligenkorps, das
zu Anfang des Krieges dem russischen Heer so wertvolle Dienste
leistete, habe nur aus russischen, im Kaukasus wohnenden Armeniern
bestanden. Darüber können nur die türkischen Behörden zuverlässige
Aufklärung geben. So harmlos, wie der Lord sie schildert, haben sich
die Armenier bei früheren Gelegenheiten nicht erwiesen, weder im
türkischen noch im russischen Asien. Die Massaker des Jahres 1896
verursachte der wahnsinnige Versuch der Armenier, die Ottomanische
Bank in Konstantinopel zu stürmen, und das Blutbad, das 1903 die
Tataren in Baku unter den Armeniern anrichteten, war die Folge der
politischen Morde, die letztere an russischen Beamten verübt hatten.
Die Tataren glaubten, sich durch Hinschlachtung der Armenier einen Dank
von Rußland verdienen zu können; dieses ließ sie auch gewähren, und
als es endlich eingriff, waren die Greuel schon vorüber. Als ich Ende
November 1905 in Nachitschewan weilte, hatten die Armenier, wie ich in
meinem Buche „Zu Land nach Indien“ (1. Bd., S. 95 f.) berichtet habe,
im Tatarendorf Ikran vierzig Männer, Frauen und Kinder niedergemacht,
und in Nachitschewan selbst war ein Tatar von ihnen erschossen worden,
als er unter freiem Himmel sein Abendgebet verrichtete. Darauf töteten
die dortigen Tataren einen Armenier, und nun ging die Blutrache weiter.
Lord Bryce ist zweifellos ein Ehrenmann -- ~so are they all, all
honourable men~! Aber was er von den schrecklichen Grausamkeiten
bei Räumung des kaukasischen Kriegsgebiets vor der Besetzung durch die
Russen erzählt, stimmt schlecht zu den übrigen Angaben der genannten
Broschüre. 800000 Armenier, sagt Lord Bryce, hätten bei dem Transport
nach südlicheren Gegenden den Tod gefunden. In der Broschüre aber heißt
es (S. 15 der dänischen Übersetzung) von den 1200000 Armeniern des
türkischen Reichs sei gut wie die Hälfte „systematisch niedergemetzelt“
worden. Wenn nun wirklich 250000 nach Rußland flohen und die Hälfte
der Zurückbleibenden getötet wurde, so ergäbe das etwa 475000, aber
keineswegs 800000! Ganz abgesehen davon, daß 5000 sich nach Port Said
retteten und zahlreiche in türkischen Diensten blieben. Allein aus
der Stadt Mersina sollen nach Lord Bryces Brief an die Presse vom 26.
November 1915 25000 Armenier nach Süden verschickt worden sein! Nur
schade, daß diese Stadt bei Kriegsausbruch bloß 22000 Einwohner zählte,
unter denen -- nach Baedeker und „Petermanns Mitteilungen“ -- überhaupt
keine Armenier waren!
Ebenso leichtfertig ist die Statistik, die das armenische Patriarchat
der Kollektivnote der europäischen Gesandten beifügte, um nach Artikel
61 des Berliner Vertrags die Durchführung von Reformen in den von
Armeniern bewohnten Wilajets zu erzielen. Darnach sollten in den
betreffenden Gebieten ebensoviele Armenier (780700) wie Mohammedaner
(776500) wohnen. Tatsächlich bildeten die ersteren nur den sechsten
Teil der Bevölkerung.
Der Zweck dieser Falschmeldungen ist ja klar: die +Deutschen+
sollen die Schuldigen sein! Sie haben ja niemals etwas gegen
diese Grausamkeiten getan, obgleich sich die Türkei der Autorität
Deutschlands ohne weiteres gefügt hätte! Woher weiß der Verfasser
jener Broschüre, daß Deutschland niemals einen solchen Schritt getan
hat? Ich kann ihm versichern, daß er in einem fürchterlichen Irrtum
befangen ist, und ebenso falsch ist sein Glaube, als ob Deutschland
in der Türkei nur so zu befehlen habe! Die Türkei ist aus eigenem
Entschluß, ihrer eigenen Sicherheit wegen in den Krieg eingetreten,
nicht Deutschland zu Gefallen. Die schändliche Behandlung Griechenlands
beweist ja, daß sie beim besten Willen nicht einmal neutral hätte
bleiben können!
[Illustration: Hirten von Kal’at Rebei.]
Von gleichen Widersprüchen wimmelt eine Denkschrift von 700 Seiten,
die im Oktober 1916 dem englischen Parlament zuging: „~The Treatment
of Armenians in the Ottoman Empire 1915-1916. Documents presented
to Viscount Grey of Fallodon by Viscount Bryce~“. Hier hören wir
plötzlich aus dem Munde des amerikanischen Zeitungskorrespondenten
Henry Wood -- was Lord Bryce bei seiner Rede vom 6. Oktober 1915
keineswegs noch unbekannt war --, daß die Armenier in offenem Aufruhr
gegen die Türken standen, Wan und mehrere andere Städte besetzt
hatten und eine selbständige Regierung zu bilden beabsichtigten! Mit
vollem Recht hatte die türkische Regierung die Kriegsgesetze gegen
die Empörer angewandt, die sie obendrein noch vorher gewarnt hatte!
Aus Erserum, Trapesunt, Siwas, Charput, Bitlis und Diarbekr sind nach
jener Denkschrift (S. 12) etwa eine Million Armenier deportiert worden.
Aber diese Wilajets hatten vor dem Kriege überhaupt nur gegen 600000
armenische Bewohner! Die Wilajets Erserum, Bitlis und Wan, die jetzt im
Bereich der russischen Linien liegen, sollen nach den Untersuchungen
des Patriarchats im Jahre 1912 580000 Armenier gezählt haben;
tatsächlich waren es nur 331000! Im Mai 1916 soll es (nach S. 664 des
Blaubuchs von Bryce) nur noch 1150000 überlebende Armenier gegeben und
die Zahl der Hingeschlachteten mindestens 600000 betragen haben, also
nicht mehr 800000, wie er ein Jahr vorher behauptete! Das armenische
Patriarchat zählt insgesamt 2100000 Armenier im +türkischen
Reich+, die türkische Regierung nur 1100000! Lord Bryce nimmt also
einen Mittelwert von etwa 1600000 an, neigt aber mehr zu 2000000,
weil er sie für seine obige Rechnung braucht! Nach der Schätzung von
Lynch gab es aber in +ganz Asien+ nur 2100000 Armenier; und nach
der von Selenoy-Seydlitz aus dem Jahre 1896 2600000. Das ergäbe einen
Mittelwert von 2350000. Davon müssen aber die 958000 Armenier, die
in Rußland, und die 50000, die in Persien wohnen, abgezogen werden.
Bleiben also für die Türkei nur 1350000 übrig. 150000 Armenier wohnen
außerdem in Konstantinopel und Smyrna; diese Annahme Lord Bryces stimmt
mit sicheren Quellen überein. Das ergäbe zusammen 1500000 Armenier im
ganzen türkischen Reich, eine Ziffer, die auch in der Denkschrift von
Lord Bryce (S. 11) angeführt wird und ganz mit der Berechnung Professor
Philippsons im Jahre 1915 übereinstimmt.
Zieht man von dieser Gesamtzahl die der überlebenden 1150000 ab,
so können nicht 6 oder 800000 oder gar über eine Million Armenier
umgekommen sein, sondern nur etwa 350000. Die von den Engländern
behaupteten Zahlen bestehen also in keiner Weise zu Recht. Nur das
wollte ich damit bewiesen haben.
[Illustration: Schuschanik Pambuchian, 20jährige Armenierin aus
Erserum.]
Grausamkeiten sind verabscheuenswert, wo, von wem und warum sie auch
verübt werden, und kein Ehrenmann kann sie billigen. Aber wenn man zu
ihrer Beleuchtung die Statistik heranzieht, ist das wenigste, was man
verlangen muß, deren Richtigkeit!
Und haben obendrein nicht gerade die Engländer das Recht verwirkt,
die Armenier vor der Welt zu vertreten? Lord Kitchener berichtete
mir einst, wie er die Ruhe im Sudan nur dadurch herstellte, daß
er die ganze waffenfähige Bevölkerung des Landes ausrottete, und
+französische+ Quellen enthalten haarsträubende Bilder von den
Konzentrationslagern in Transvaal, wo Burenfrauen und -kinder zu
Zehntausenden verhungerten! Und schreit nicht das Schicksal Irlands
zum Himmel? In einem unbarmherzigen Krieg, der 150 Jahre lang dauerte,
wurden zwei Drittel der irischen Bevölkerung ausgerottet. Nur ihre
große Fruchtbarkeit rettete die irische Rasse vor völligem Untergang.
„Als die Engländer“, sagte kürzlich der Ire Georges Chatterton-Hill in
der Zeitschrift „~Ord och Bild~“ (1916, S. 561 ff.) „sie nicht
durch direkten Mord vernichten konnten oder durch Gesetze, die die
ganze Nation außer Landes treiben sollten, versuchten sie eine andere
Methode, die sie auch in Indien erprobt haben: den organisierten
Hunger. Und diese Methode erwies sich als sehr wirksam. In siebzig
Jahren, von 1841-1911, sank die Bevölkerungsziffer Irlands von 8196597
auf 4381951! Während der drei Jahre der sogenannten großen Hungersnot
(1846-1848) starben über eine Million Menschen in Irland an Hunger
inmitten lachender Getreidefelder! In diesen drei Jahren wurde aus
Irland an Nahrungsmitteln (Getreide und Rindvieh) für nicht weniger
als 50 Millionen Pfund unter dem Schutz englischer Bajonette nach
England ausgeführt, um Steuern für den englischen Staat und Pacht für
die abwesenden englischen Grundbesitzer zu bezahlen. Die folgenden
drei Jahre (1849-1851) starben weiterhin etwa 400000 Menschen an
Entbehrungen.“
Wenn die angeblichen „Beschützer der kleinen Nationen“ unter den
380 Millionen Menschen, die durch die Laune des Geschicks unter
ihren „Schutz“ gekommen sind, nicht genügend Spielraum für ihre
menschenfreundliche Betätigung finden, so sollten sie doch wenigstens,
statt bei den Mittelmächten, zuerst bei ihren nächsten Verbündeten
anklopfen! In Rußland ist weit mehr zu bessern als in der Türkei! Das
Telegramm, das der Generalsekretär des Verbandes der unterdrückten
Völker Rußlands, Baron Friedrich Ropp, am 21. Dezember 1916 an Lloyd
George richtete, fand diesen offenbar zu sehr mit anderen Dingen
beschäftigt! Vielleicht wird die revolutionäre Regierung Rußlands
selbst auf diesen erschütternden Notschrei hören?
[Illustration: Vartiter Pambuchian, 18jährige Armenierin aus Erserum.]
Auch in neutralen Ländern hat man Broschüren und Bücher über die Leiden
der Armenier geschrieben und die Regierungen interpelliert. Ich zweifle
nur, ob hier die reine, unverfälschte Menschenliebe am Werke ist.
Denn diese macht keinen Unterschied zwischen Armeniern und Belgiern
einerseits und -- Ostpreußen, Polen und russischen Juden andrerseits!
Neben der Religionsheuchelei ist nichts so verabscheuenswert wie der
Schwindel, der unter der Maske der Barmherzigkeit nichts anderes als
politische Geschäfte treibt und die Leiden anderer ruchlos ausbeutet,
um politische Gegner, die Türken und ihre Verbündeten, verhaßt zu
machen!
Die kriegerischen Vorgänge an der kaukasischen Front haben dazu
gezwungen, die Zivilbevölkerung zu entfernen, besonders weil diese
sich offen mit dem Feinde verbündete und gegen die eigene Regierung
aufstand. Brutaler Eifer untergeordneter Behörden ist zu Grausamkeiten
ausgeartet, zu denen -- daran zweifle ich nicht -- die Regierung in
Konstantinopel keine Befehle gegeben hatte. Die gebildete Welt darf
aber erwarten, daß die türkische Regierung weiterem Blutvergießen
ein Ende macht, durch nachdrücklichen Schutz des unglücklichen
armenischen Volkes sich unvergänglichen Ruhm erwirbt, ihre Feinde
dadurch entwaffnet und ihre Freunde mit noch stärkeren Banden an sich
knüpft. Sie muß dafür sorgen, daß die Klagen in den Bergen Armeniens
verstummen.
[Illustration: Einfahrt nach Der-es-Sor.]
Siebentes Kapitel.
Deutsche Artillerie auf dem Wege nach Bagdad.
In der Nacht nach dem im fünften Kapitel geschilderten Abenteuer hatte
sich der Sturm nochmals aufgerafft, und er blies auch den folgenden
Tag, den 19. April, so ungestüm und regellos, daß mir nichts übrig
blieb, als bei Säbcha im Schutz der Tamariskengebüsche zu verweilen und
mir und meinen übermüdeten Leuten Ruhe zu gönnen.
Unter dichten Weißdornbüschen, geschützt vor dem Wind, hatten sie
sich am Ufer hingestreckt und freuten sich in der Morgenfrische der
Wärme, die ein knisterndes Feuer ausströmte. Ich fühlte mich an Bord
am wohlsten, hatte es mir mit Hilfe dicker Winterkleider einigermaßen
behaglich gemacht und lag lesend auf meinem Bett, als ich auf einmal
Schritte auf der Laufplanke hörte und ein junger Europäer vor meiner
Hütte erschien. Zu meiner größten Überraschung war der Ankömmling ein
Landsmann von mir, Nils de Maré, Major in persischen Diensten. Am
Abend vorher war er mit Major Pousette und sechzehn Österreichern, die
aus russischer Gefangenschaft in Taschkent entflohen waren und sich
durch Persien hatten durchschlagen können, in Säbcha angelangt. Sie
hatten meine Fähre ankommen sehen, und da de Maré überzeugt war, daß
ich mich darauf befände, hatte er seine Begleiter nach Meskene und
Aleppo vorausfahren lassen. Dann brach der Orkan aus, und meine Fähre
war im Sturmnebel verschwunden. Mit einem persischen Diener hatte
sich der Major in einem gebrechlichen Fahrzeug aufgemacht, um meine
letzte Spur zu suchen, und er war jetzt nicht wenig erstaunt, mich
völlig wohlbehalten in meiner Hütte zu finden, die er höchstens als ein
trauriges Wrack anzutreffen gefürchtet hatte.
Ich ließ dem willkommenen Gast auftischen, was das Haus vermochte.
Das war nun leider wenig, und Apfelsinen und Zigarren mußten die
Dürftigkeit unseres Mahles vergolden. De Maré war auf der Heimreise
nach Schweden; er hatte den Rückzug über Kirmanschah nach Chanikin
mitgemacht und in den Kämpfen mit den nachdrängenden Russen so viel
erlebt, daß die Stunden unseres Beisammenseins nur so verflogen.
Um 4 Uhr nachmittags saßen wir noch immer über seine persischen
Kartenskizzen gebeugt, als plötzlich Mahmud herbeigesprungen kam mit
der Meldung, eine große deutsche Fähre sei im Anzug. Und richtig! Nur
wenige hundert Meter flußaufwärts kam ein großer, schwerer Prahm im
heftigen Wind gerade auf uns zu, als ob er mein leichtes Fahrzeug in
den Grund bohren wollte. Aber er steuerte mit tadelloser Sicherheit
nahe vorbei und landete unter dichtem Tamariskengebüsch ein Stück
weiter abwärts. Auf der Längsseite der Fähre stand in großen Buchstaben
ihr Name „Möve“. Sie war also die Vorhut der bayrischen Batterie,
die einige Tage nach mir Dscherablus verlassen hatte. Bald kam auch
die ganze Flottille an der letzten Biegung des Stromes vor, die
„Emden“ mit ihren verdeckten Munitionswagen, die „Hella“ unter Gesang
ihrer Besatzung, „Mohammed Reschid V.“ mit starkem Tiefgang infolge
seiner schweren Last an Geschützen und Granaten, und schließlich ein
türkischer Doppelschahtur von der Größe des meinigen, das Admiralschiff
des Majors von Schrenk, das unter Flaggengruß, Winken und Hurrarufen
der Offiziere an mir vorüberfuhr. Wenige Minuten später durfte ich
den Major und seine Kameraden vor meiner Hütte begrüßen, und am Abend
führte Leutnant Schmidt mich und meinen Landsmann mit einer Laterne
durch stachliges Tamariskengebüsch zum Lagerplatz der Deutschen, wo
wir uns beim Licht des Mondes und einer Karbidlampe zum gemeinsamen
Abendbrot niederließen und im Austausch unsrer Erlebnisse während der
letzten Woche reizende Stunden verbrachten. De Maré verabschiedete sich
um 9 Uhr, um mit seinem persischen Diener nach Säbcha zurückzukehren;
er konnte aber sein Boot im Dunkeln nicht finden und verbrachte daher
die Nacht, in meinen Mantel gehüllt, am Lagerfeuer, um am frühen Morgen
endgültig aufzubrechen.
Vier von den neunzehn deutschen Fahrzeugen fehlten noch; sie waren in
der Nähe von Rakka auf Sandbänke getrieben, und der Major wollte nun
hier warten, bis er alle wieder beisammen hatte. Da am andern Morgen
der Wind noch ebenso heftig wehte, der Euphrat in weißbraunen Wogen
rollte und das Wetter so rauh war, daß man sich seiner Winterkleider
und des Ledermantels aufrichtig freute, beschloß auch ich den Tag in
Gesellschaft meiner deutschen Freunde zuzubringen.
Am Vormittag wurden auf einer Anhöhe in der Nähe des Lagers zwei
Masten aufgestellt, um den Nachzüglern Signale zu geben, und ein
Rundblickfernrohr schaute nach ihnen aus. Zwei türkische Doppelfähren
kamen bald in Sicht und erhielten ihre Plätze am Ufer angewiesen.
Von den zwei übrigen deutschen machte die „Bavaria“ am meisten
Sorge. Sie war schwer befrachtet, und da der Euphrat in der Nacht
bedeutend gesunken war, saß sie wahrscheinlich auf ihrer Sandbank um
so fester und mußte entladen werden, um nur wieder loszukommen. Nach
stundenlangem Ausspähen meldete endlich Leutnant Max Kirchmair, daß
über der Zeile von Tamarisken und Wasserwerken, die in dem flachen
Lande die Windungen des Euphrat kenntlich machten, eine deutsche Flagge
langsam vorrückend zu sehen sei. Sie kam näher und näher, und endlich
wurde das Fahrzeug selbst sichtbar: es war „Kaiser Wilhelm II.“ Ein
Seil flog ans Land, und mit starken Tauen wurde das schwere Fahrzeug
festgemacht.
Nach einer weiteren Stunde kam endlich auch die „Bavaria“ in Sicht. Von
dem starken Strom getrieben, schien sie auf ihren Vorgänger anrennen
zu wollen. Da sprang ein Mann der Besatzung, ein Seil in der Hand, in
das mehrere Meter tiefe Wasser, verschwand einen Augenblick unter der
Oberfläche, tauchte dann wieder auf und schwamm flugs ans Land, um die
„Bavaria“ oberhalb des „Kaiser Wilhelm“ zu vertäuen.
So hatten sich die neunzehn deutschen Fahrzeuge wie Schildkröten am
Lande festgebissen, und in dem Tamarisken- und Hagedorngebüsch des
Ufers entwickelte sich ein Lagerleben, dessengleichen die Station
Säbcha wohl schwerlich vorher gesehen hatte. Deutsche Artilleristen
lagen gruppenweise um die Feuer, plauderten und sangen bei siedenden
Kesseln und schöpften mit großen Kellen Suppe in ihre Eßschüsseln.
Dazwischen bildeten türkische Soldaten und Ruderer, die lebhaft
über die bevorstehende Fahrt nach Der-es-Sor berieten, mit ihrer
orientalischen Kleidung bunte Farbenkleckse. Unteroffiziere gingen hin
und her und erteilten Befehle für den Abend, die Nacht und den Aufbruch
am andern Morgen. Bei den Fahrzeugen, wo mancherlei instand zu setzen
war, erklang der Schlag der Hämmer und das Zischen der Sägen, und Äxte
zersplitterten die Tamariskenstämme, die den himmelan lodernden Flammen
der Lagerfeuer verfallen waren.
Major von Schrenks Schahtur war überaus praktisch eingerichtet. In
seiner Mitte standen zwei türkische Zelte mit je drei Betten; am Tage
wurden die Betten zusammengepackt, die Zelte abgenommen, nur das
Stangengerippe blieb stehen. Auf leichten Tischen lagen Bücher, Karten
und Fernstecher, und Zeltstühle sorgten für ausreichende Bequemlichkeit.
Am nächsten Morgen wollten wir zusammen aufbrechen. Es war Karfreitag,
der 21. April. Der Fluß war am Tage wieder 20, in der Nacht 42
Zentimeter gestiegen. Schon kurz vor ½5 Uhr ließ ich die Haltetaue
meiner Fähre lösen und fuhr voraus. Kurz vor 5 Uhr ging die Sonne in
strahlender Klarheit auf und beleuchtete auf den Wassern des Euphrat
das ungewöhnliche Schauspiel, wie sich die Fahrzeuge der deutschen
Artilleristen eins nach dem andern vom Ufer lösten, stromabwärts zogen
und bei der nächsten Biegung verschwanden; das Admiralschiff bildete
wieder den Schluß.
Auf den Rat vorüberfahrender Araber war ich in einen schmalen Sund
eingebogen, der die erste Stromwindung abschnitt. So überholte ich die
deutschen Boote bis auf zwei. Bei einer scharfen Biegung nach Südosten
trieb mich aber der hartnäckige Wind in einem Dickicht überschwemmter
Tamarisken am linken Ufer auf Grund, und bei der nächsten Windung nach
Nordwesten preßte er meine Fähre gegen eine Landzunge am rechten Ufer.
Hussein versuchte krampfhaft mit dem Ruder abzustoßen; mit gewaltigem
Krach zerbrach es, und das schnell gefaßte Reserveruder blieb im
zähen Grundschlamm stecken. Während dieses Aufenthalts schwamm die
ganze deutsche Flottille an mir vorüber; als wir dann aber den Wind
im Rücken hatten, überholte ich wieder zwei Gruppen meiner deutschen
Reisegesellschaft, die auf der sonst eintönigen Fahrt eine angenehme,
spannende Abwechslung brachte. Die am schwersten beladenen Fahrzeuge
fuhren am schnellsten, denn sie hatten bedeutenden Tiefgang und wurden
von Wasserschichten getragen, die der Wind nicht beeinflußte. Meine
leichte Fähre schwamm wie eine Nußschale auf der Oberfläche, ein
Spielzeug jedes Windes; oft wenn ich am Schreibtisch saß, drehte sich
die Landschaft um mich herum wie eine Scheibe um ihre Achse. Außerdem
hatten die Deutschen stämmige Kanoniere an Bord, die den eingeborenen
Ruderern fleißig halfen. So mußte ich es bald aufgeben, mit den
Vorauseilenden gleichen Schritt zu halten. Dafür konnte aber mein
kleineres Fahrzeug schmale Seitenarme benutzen und seinen Weg mehrfach
abkürzen.
[Illustration: Mein neuer „Kapitän“ Sale Abdul Mohammed (in der Sonne
das Gesicht verziehend).]
Aus den Gebüschen am Ufer erhoben sich zahlreiche Krähenschwärme mit
heiserem Geschrei; Schafherden und viele Zeltdörfer bedeckten das
Uferland. Eine zeitlang schwamm eine Gruppe stolzer Pelikane vor
uns her; die Tiere ließen uns nicht aus den Augen; sobald wir ihnen
aber näherkamen, erhoben sie sich mit klatschenden Flügelschlägen
und streuten einen Regen von Wassertropfen herab. An diesem Tag sahen
wir auch die erste Heuschrecke; sie ließ sich auf den Rand der Fähre
nieder, Kerit schlug sie tot und schalt wie ein Rohrspatz auf das
Ungeziefer, das das Brot des Volkes auffresse; dann aber kamen sie zu
Hunderten, und Kerit mußte sie wohl oder übel sitzen lassen.
In der Gegend El-Hamma durchschneidet der Euphrat den kleinen
Bergrücken il-Bischri, und die jäh abfallenden Bergwände rücken erst
auf dem rechten, dann auch auf dem linken Ufer wieder eng an den Fluß
heran, nur schmale Streifen Wiese oder bebautes Feld an ihrem Fuße
freilassend. In diesem wunderschönen Hohlweg drängt sich der Euphrat
auf etwa 100 Meter Breite zusammen. Rechts auf der Höhe stehen die
alten Doppelmauern und Türme der Feste Halebije, und auf dem Berggipfel
drüben die stolzen Ruinen des Kastells Selebije. Der Grundriß von
Halebije ist ein Dreieck, dessen eine Seite direkt am Ufer liegt; die
beiden andern treffen in einem Turm zusammen, dessen Zinnen sich hoch
über die ganze Festung erheben.
Allzu schnell treten die Kalksteinwände wieder zurück, und der Fluß
verbreitert sich. Rechts liegt die Poststation Tibni, über ihr auf
einem Hügel die Ruine gleichen Namens; der Ort ist ein „Kischla“, eine
Garnison mit geringer Besatzung. Auf einer kleinen Insel prangen die
Weiden in frischem Frühlingsgrün, und bei dem Dorf Issyf Pascha am
linken Ufer stehen wieder Zelte armenischer Flüchtlinge.
So wechseln die Landschaftsbilder unaufhörlich. Der Tag geht zur Neige,
und die Berge breiten tiefe Schatten über das Tal. Heute aber denke ich
noch nicht an Landung; die „Aleman“, versichert mir ein Araber am Ufer,
meine deutschen Reisegefährten, seien weit voraus. Fern in Ostsüdost
blitzt ein helles Licht; jedenfalls der Scheinwerfer der deutschen
Schiffe, der uns den Weg zeigen soll. Er gibt mir die Möglichkeit,
sichere Peilungen zu machen, und von Stunde zu Stunde kommen wir dem
Lichtzeichen näher. Es ist ½9 Uhr. Da donnert das Megaphon uns die
Warnung vor einer Sandbank entgegen, wir sollten den Kurs direkt auf
eine schwimmende Laterne zu halten. Die Ruder knirschen, als die Fähre
über den Strom hinübergezwungen wird. Aber es gelingt, und wir landen
glücklich unter den deutschen Fahrzeugen, von denen nur zwei noch
fehlen. Der Küchenwagen an Bord der „Möve“ brodelt noch und bewirtet
mich mit trefflicher Erbsensuppe.
Am andern Morgen waren die Deutschen vor Sonnenaufgang aufgebrochen.
Ich wartete noch auf Windstille, als das kleine Avisoboot „Blitz“
mit zwei Artilleristen an Bord heransauste, um Erkundigungen über
die Weiterfahrt der Flottille einzuziehen. Es kam von der „Bavaria“,
die in einem schmalen Flußarm festgelaufen war, wo der Wind auch
meine Fähre im Kreise gedreht hatte. Während die beiden Gäste mit mir
frühstückten, kam die „Bavaria“ mit dem noch vermißten Doppelschahtur
schon vorübergefahren und verschwand hinter dem nahen Dorf El-Busera.
„Blitz“ machte sogleich wieder fertig und jagte ihr nach. Um 9 Uhr
stießen auch wir vom Lande ab. Die deutschen Kameraden sah ich aber
erst am Abend wieder bei den hellbraunen Lehmhäusern und den fünf
weißen Minaretts der kleinen arabischen Stadt Der-es-Sor, die sich in
dem üppigen Grün von Weiden und Platanen, Kastanien und Walnußbäumen
mit ihren zahlreichen Wasserschöpfwerken und ihrer auf Steinpfeilern
ruhenden, verkehrsreichen Holzbrücke überaus schmuck ausnimmt.
[Illustration: Der-es-Sor.]
Diesem Ziel der heutigen Tagereise hatte ich mit Spannung
entgegengesehen. Denn hier war eine Telegraphenstation. Welche
Nachrichten aus der lärmvollen Welt mochten dort vorliegen?
Keine Siegeskunde empfing mich zum Osterfest 1916, wohl aber eine
erschütternde Trauerbotschaft: Vor drei Tagen, am 19. April,
war Feldmarschall von der Goltz, nach der Rückkehr von einer
Inspektionsreise nach Kut-el-Amara, in Bagdad am Flecktyphus
gestorben! --
[Illustration: Straße in Der-es-Sor.]
Der-es-Sor ist der offizielle türkische Name der Stadt; gewöhnlich sagt
man nur Ed-Der, d. h. das Kloster. Sor bezeichnet das Land zwischen
Palmyra, Ed-Der, Chabur, Sindschar, Nesibin und Rakka. Nach Sachau
beträgt die Einwohnerzahl gegen 5 bis 6000, nach M. von Oppenheim
gegen 6 oder 7000 Mohammedaner und 700 Christen. Die Stadt, deren
Straßen in besserem Zustand waren als die Bagdads, und das ganze Gebiet
zwischen Rakka und Ana wird von einem Mutessarrif, einem Gouverneur,
regiert, der unmittelbar dem Ministerium des Innern in Konstantinopel
untersteht. In Friedenszeiten lagen in Der-es-Sor ein Bataillon
regulärer, auf Mauleseln berittener Infanterie und eine größere
Abteilung Saptije zu Pferd; diese Truppen mußten die Anese-Beduinen
in der syrischen Wüste und den Schammarstamm in Mesopotamien im Zaume
halten. Das hinderte nicht, daß mit diesen ein lebhafter Handel
getrieben wurde, und Der-es-Sor ist ein wichtiger Knotenpunkt auf den
Karawanenstraßen zwischen Aleppo und Bagdad, Damaskus und Mosul.
Nachdem ich ein Telegramm und einen Brief nach Hause auf die Post
gegeben hatte, suchte ich einen der größeren Hans der Stadt auf, wo,
wie ich erfahren hatte, eine Landsmännin, Frau Major Erikson, wohnte.
Ich fand die junge, liebenswürdige Dame in Gesellschaft von vier
deutschen Herren aus Persien, die sie von Bagdad auf der üblichen
Karawanenstraße den Euphrat entlang nach Konstantinopel begleiteten.
Die Reise bis Der-es-Sor war sehr beschwerlich und langwierig gewesen.
Überschwemmungen hatten zu weiten Umwegen auf ungebahntem Gelände
gezwungen, und an einigen Stellen hatte man die Pferde, Maulesel
und Wagen auf Fähren über hindernde Wasserläufe befördern müssen.
Frau Erikson pflegte die Nächte in ihrem wohlverschlossenen Wagen
zuzubringen, auf dessen Kutscherbock ein großer kluger Rattenfänger
grimmig Wache hielt.
[Illustration: Major von Schrenk wirbt in Der-es-Sor Ruderer.]
Den Abend dieses ereignisvollen Tages verbrachten wir in einem
türkischen Wirtshaus in Gesellschaft des Majors von Schrenk und seiner
Offiziere, sowie der der Fliegerabteilung, die ich ebenfalls hier
getroffen hatte. Beim Abschied übergab mir Frau Erikson einen Brief
an ihren Gatten, der in deutschen Diensten damals in Kasr-i-Schirin
stand; beim Vorrücken der Russen kam er allmählich nach Chanikin an der
persisch-türkischen Grenze. Da ich ihn nicht traf, schickte ich ihm
den Brief durch einen deutschen Offizier. Erst nach meiner Abreise kam
auch Major Erikson nach Bagdad -- doch nur um zu sterben. Er liegt auf
dem christlichen Friedhof vor der Kalifenstadt begraben, seine irdische
Hülle soll aber seinerzeit nach Schweden gebracht werden.
In Der-es-Sor wechselten die Deutschen und ich die türkische
Begleitung. Ich mietete drei junge, kaum zwanzigjährige Araber, alle
drei stattliche, gut gekleidete, sonnenverbrannte Kerle von kräftigem
Körperbau. So zuverlässig wie die Türken waren sie nicht, aber -- wenn
sie wollten -- in ihrem Handwerk überaus gewandt, voll Heiterkeit, ja
Übermut und zu allerhand Streichen aufgelegt, die mancherlei Kurzweil
gaben. Mein neuer „Kapitän“ Sale Abdul Mohammed trug seinen schönen
Kopf mit dem roten, gelbgepunkteten Turban stolz wie ein Königssohn,
sang den ganzen Tag und hielt unter seinen Kameraden Mannszucht wie ein
Alter. Wenn seine Eitelkeit mit im Spiele war, arbeitete er musterhaft.
Die beiden Ruderer, Said Ahmed und Hussein Ali, erschienen in langen,
dünnen Kaftans, bauschigen weißen Beinkleidern, Leibgürteln aus Tuch
und spitzen Pantoffeln. Ihr ganzes Gepäck bestand aus einem Bündel mit
Brot, Eiern und Gurken. Der neue Gendarm hieß Hussein Ben Mohammed, und
ein Freipassagier namens Asis Ben Ibrahim fand sich auch noch hinzu; er
mußte sich natürlich verpflichten, mit zuzugreifen, wenn Not an Mann
war. Die einheimische Besatzung der deutschen Kriegsfähre erhielt keine
Löhnung, sondern genügte an Bord ihrer militärischen Dienstpflicht.
Die Türken als Angehörige einer kriegerischen Nation fügten sich dem
ohne weiteres; die Araber aber kniffen mit Vorliebe aus, und es machte
nicht geringe Mühe, die nötige Anzahl kundiger Schiffer aufzutreiben.
Und als wir am Ostersonntag die Anker lichteten, gab es für die kurze
Reise nach Ana, das zweite Drittel der Flußfahrt, ein tränenreiches
Abschiednehmen von den Angehörigen, als ginge es direkt in den
Schützengraben und ins Granatfeuer.
[Illustration: Unter Palmen am Euphratufer.]
Achtes Kapitel.
Im Reich der Palmen.
Noch zwei Tage hielt ich mit dem deutschen Geschwader gleichen
Schritt, dann aber gab ich das Rennen auf und ließ die so angenehme
Reisegesellschaft im Stich. Ihr lag daran, so schnell wie möglich
flußabwärts zu kommen, und sie konnte die geselligen Abendstunden durch
Schlafen am Tage einbringen. Meine Arbeit aber erforderte angestrengte
Aufmerksamkeit über Tag und Ruhe bei Nacht. Bei dem Dorf Do-er
verabschiedeten wir uns, und am Morgen des 25. Aprils lag meine Fähre
wieder einsam am Ufer. Als die Sonne über dem Horizont heraufstieg,
stand ich auf dem Gipfel des nächsten Kalksteinfelsens. Vor mir
breitete sich die Wüste aus, flach, öde und unfruchtbar. Kleine Stücke
hübsch geschliffenen Feuersteins lagen überall umher. Kein lebendes
Wesen war zu sehen. Bald trieb mich die zunehmende Hitze wieder hinab
zu dem kühlen Strom unter den Schatten meines Zeltdaches. Der Frühling
hatte endlich gesiegt; gestern Mittag zeigte das Thermometer über 25
Grad im Schatten, und bei der kleinen Stadt Mejadin hatten uns die
ersten Palmen daran erinnert, daß wir uns wärmeren Gegenden näherten.
Noch standen sie vereinzelt, aber am folgenden Tage zeigten sich bei
dem Dorfe Rawa die ersten Palmenhaine, und abwärts von Ana, das ich
am 27. April erreichte, bilden diese köstlichen Oasen den herrlichen,
das Auge immer wieder entzückenden Schmuck des Euphratufers. Mit
ihrem Auftreten wird zugleich die Schiffahrt gefährlicher, denn die
Bewässerung der Palmengärten erfordert umfangreiche, oft weit in den
Strom vorstoßende, die Fahrstraße einengende Wasserschöpfwerke.
[Illustration: Das erste Wasserschöpfwerk.]
Schon am fünften Tag meiner Euphratfahrt, dann am 18. April kurz vor
dem Dorfe Säbcha, war ich an den ersten, noch primitiven Schöpfwerken,
Denkmälern einer tausendjährigen Tradition, vorübergekommen. Damit
sich das Berieselungswasser über das Ufer verbreiten kann, muß es
ziemlich hoch hinaufbefördert werden; dazu eignet sich nur ein Ufer,
das sich etwa drei Meter über den Wasserspiegel erhebt und senkrecht
ausgewaschen ist. Wo es fehlt, muß es künstlich geschaffen werden. Die
Schöpfeinrichtung besteht aus einem kunstlosen Holzgerüst, in dessen
Oberteil ein Seil über eine Rolle läuft. Nach dem Wasser zu hängt daran
ein großer Ledersack; das innere Seilende wird von einem Zugtier --
Ochse oder Pferd -- oder durch Menschenkraft landeinwärts gezogen und
so der Wassersack emporgewunden. Seine Öffnung ist durch ein Holzkreuz
aufgespannt, damit er sich ordentlich füllen kann, und wenn er oben
ankommt, ergießt er durch einen rüsselartigen, durch eine zweite Rolle
und ein dünneres Seil regulierten Fortsatz seinen Inhalt in den Anfang
des Bewässerungskanals, ein kleines, aus Weidenruten geflochtenes, mit
Lehm gedichtetes Becken. Nach fünfzehn oder zwanzig Schritt kehrt das
Zugtier um, der Sack sinkt durch seine Schwere wieder hinab und füllt
sich aufs neue. So geht das den ganzen Tag. Häufig zwingt die Laune
des Flusses dazu, die Schöpfmaschine zu verlegen. Steigt der Strom
und überschwemmt er die Ufer, so können Tiere und Menschen ruhen; die
befruchtende Flut findet von selbst ihren Weg zu den Äckern, und die
eigentlichen Bewässerungskanäle stehen dann wie schmale Hafendämme über
der weiten Wasserfläche.
[Illustration: Das Wasser wird mit Hilfe von Ochsen oder Pferden
gehoben.]
Die knarrende Musik dieser Wasserhebewerke hatte mich von Tag zu Tag
begleitet, und ihre derben Holzgerüste glichen besonders bei Nacht
den Skeletten vorweltlicher Tiere. Bald sah ich auch zwei, drei Säcke
an jedem Holzgestell auf- und abwärts steigen; jeder Sack hatte sein
Zugtier und seine menschliche Bedienung, und jede Rolle knirschte ihre
eigene Melodie.
Im Bezirk Chreta sah ich das erste Paternosterwerk. Pferde mit
verbundenen Augen drehen ein wagerechtes Rad; dessen Zähne greifen in
ein senkrechtes Rad, über das die Kette mit den Wassereimern läuft.
Solch eine Einrichtung heißt Näura oder Dolab, während die einfachere
mit den Ledersäcken Dschird genannt wird. Nicht weit hinter Do-er stand
mitten in der Strömung ein einsamer Pfeiler aus gebrannten Ziegeln.
Sale behauptete, das sei der Rest eines alten Turmes; wahrscheinlicher
aber war es das Überbleibsel eines der großen Wasserschöpfwerke, wie
ich sie bald in vollem Betrieb zu sehen bekam.
[Illustration: Wasserschöpfwerk.]
Am Morgen des 26. Aprils war der Fluß wieder um 20 Zentimeter
gestiegen, und von den überschwemmten Weizenfeldern waren am Abend
feuchte Nebel und Myriaden von Mücken aufgestiegen, so daß ich zum
erstenmal mein Moskitonetz hatte gebrauchen müssen. Wir glitten in
ruhiger Fahrt an der schroffen Bergwand Baghus vorüber und kamen
dann an eine große, mit Gras und Gebüsch bewachsene Insel, die den
Euphrat in zwei Arme teilte. Wir bogen links ein und sahen hier zum
erstenmal die Wasserkraft selbst zum Heben des Wassers ausgenutzt.
Eine Steinmauer war in den Fluß hineingebaut; ihre Spitze bildete ein
großes Rad von etwa acht Meter Durchmesser. In der Peripherie des Rades
hingen längliche Tontöpfe, die bei der Umdrehung das Wasser schöpften
und in eine Rinne entleerten, die rechtwinklig von dem über den Kamm
der Mauer laufenden Kanal ausging. Jetzt stand das Rad still, weil das
Wasser über seine Achse gestiegen war; fließt es unter der Achse, dann
dreht der Strom das Rad Tag und Nacht, und unermüdlich ergießen die
Schöpfeimer ihren kostbaren Inhalt in die Kanalrinne, wenn auch immer
etwas daneben fließt, sobald sich der Schöpfeimer bei der Umdrehung zu
neigen beginnt. Das Rad ist aus rohem Treibholz zusammengezimmert, die
Speichen sind krumm und schief, aber wenn es nur halbwegs rund ist,
erfüllt es seine Aufgabe.
[Illustration: Ein Paternosterwerk unter einem Maulbeerbaum am
Euphratufer.]
Solcher Wasserschöpfwerke oder Dolabs sah ich auf meiner Weiterfahrt im
Reich der Palmen eine Unzahl. Je nach ihrer Länge sind die Mauern durch
Bogenwölbungen unterbrochen, damit sie dem ungeheuren Druck besonders
bei Hochwasser standhalten und der Strom ungehindert hindurch kann. Ich
zählte bis zu siebzehn solcher Mauerbogen und bis zu vier an kleineren
Mauerarmen untergebrachten Rädern an einem Dolab. Mauern und Räder sind
im Laufe der Zeit grünschwarz geworden von Flechten und Moosen. Oft
sind sie auch nur noch Ruinen; der Strom hat die Räder, manchmal auch
nur die Töpfe zerbrochen oder mit sich geführt, die Mauern zerstört,
und nur einzelne Pfeiler halten sich noch inmitten der brausenden
Strudel. Auf einem solchen einsamen, vor Raubtieren sichern Pfeiler
nistete ein Storchenpaar. Am Anfang der Mauer am Ufer steht meist eine
Palme oder mehrere wie eine Schildwache.
[Illustration: Wasserrad eines Dolabs im Gang.]
[Illustration: Ein Dolab mit vier Rädern.]
Sind mehrere Räder am selben Mauerrahmen im Gang, so entsteht ein
fürchterliches Konzert wie von Ferkeln, Katzen und Hyänen. Aber den
Fellachen ist dieser ohrenbetäubende Lärm die liebste Musik; da strömt
Leben auf die Äcker, da gibt es üppige Weizenernten und Brot für die
Familie, und sie legen ihr Worte unter und singen mit. Die Eingeborenen
könnten mit verbundenen Augen eine Strecke den Fluß hinabfahren, die
ihnen vertraute Musik der einzelnen Dolabs verriete ihnen, wo sie sich
befänden. Wo die Schöpfwerke zerfallen sind, kann der Ackerbau am Ufer
nicht gedeihen.
Die Dolabs werden möglichst bis in die stärkste Strömung hineingeführt
und treten gern paarweise auf, gleichzeitig auf beiden Ufern. Das
verschmälert die Fahrstraße oft bedeutend, steigert die Stromschnelle,
die Geschwindigkeit der Räder und damit die Masse des hinaufbeförderten
Wassers; man merkt deutlich, wie zwischen zwei solchen Mauerspitzen der
Strudel zunimmt und der Euphrat in stärkeren Schlagwellen geht, und ich
konnte noch von Glück sagen, daß wir bei der häufigen Unaufmerksamkeit
Sales ohne ernstlichen Schiffbruch das Dorf Ana erreichten, das sich
am Fuß der rechten Uferfelsen, von Palmen beschattet, unendlich lang
ausdehnte. Es waren spannende Augenblicke, bis es Sale und den Ruderern
endlich gelang, zwischen zwei Dolabs, die hier dicht hintereinander die
Fahrstraße einengten, aus der reißenden Strömung herauszukommen und,
ohne gegen die nächste Mauer getrieben zu werden, am Ufer zu landen.
[Illustration: Sale mit einem Ruder auf der „Kommandobrücke“. Links die
Hütte mit dem Arbeitstisch.]
[Illustration: Straße in Ana.]
Solange wir mit den Deutschen zusammengefahren waren, hatte
Sale seinen Stolz darein gesetzt, durch Geschicklichkeit und
Dienstfertigkeit seine Kameraden aus Der-es-Sor zu überstrahlen. Jetzt,
als niemand mehr da war, vor dem er paradieren konnte, hatte sein
Eifer merklich nachgelassen. Nur seine allzeit frohe Laune und seine
Sangeslust waren auf gleicher Höhe geblieben. Den ganzen Tag schallten
die gutturalen Laute und klingenden Vokale seiner Muttersprache nur so
über den Euphrat. Wenn er aber gerade nicht sang, sein helles Lachen
nicht von den Felsen widerhallte oder er seine Gefährten nicht durch
Märchen und Geschichten erheiterte, mußte ich Obacht geben, denn dann
schlief mein Kapitän gewiß in aller Gemütsruhe am Steuerruder und ließ
die Fähre treiben, wohin der Strom sie führte. Saßen wir dann auf
einer Schlammbank oder in dem dichten Tamariskengebüsch eines schmalen
Seitenarmes fest, oder drehte sich die Fähre über einem saugenden
Strudel, so tobte und fluchte er im schönsten Arabisch auf die armen
Kameraden, die seinen Schlaf mit doppelter Arbeit bezahlen mußten.
Kamen wir aber glücklich los, sofort war er wieder eitel Sonnenschein
und sang unverdrossen seine Lieder. Machte ich ihm dann Vorwürfe,
er sei ein schlechter Kapitän und so etwas wäre seinem Vorgänger,
dem Türken Mohammed, nie widerfahren, so lachte er voll glücklichen
Übermuts und bewies mir mit sprudelnder Beredsamkeit, seine Kurven
seien Muster von Geschicklichkeit und Eleganz.
Eines Tages begann er die Leute am Ufer anzurufen: „Habt Ihr etwas von
Ben Murat gehört?“ oder „Habt Ihr Ben Murat gesehen? Sagt ihm, daß
ich in acht Tagen zurückkomme!“ Niemand kannte Ben Murat, und Sales
Kameraden wollten sich jedesmal totlachen. Schließlich fragte ich, wer
denn der vielberufene Ben Murat sei. Da mußte er selbst so lachen,
daß er das Steuer fahren ließ und in einer Ecke zusammensank. Als er
endlich wieder zu Atem kam, vertraute er mir an: seines Wissens gebe es
in der ganzen Gegend keinen Ben Murat; er treibe nur mit den Uferleuten
Spaß. Mehrere Tage spukte Ben Murat an Bord und beruhigte sich erst,
als wir Ana erreichten. Denn hier wechselte ich zum letztenmal meine
Besatzung für die Strecke bis Feludscha.
[Illustration: Ahmed Apti.]
Der neue Kapitän war ein Greis von siebzig Jahren, sehr wortkarg und
ernst, aber er hatte sein Leben lang den Euphrat befahren, kannte, wie
die neuen Ruderer Ismail Ben Halil und Dschemi Ben Omar versicherten,
jede Biegung, jede Insel, jede Sandbank im Strom, ja jede Palme am
Ufer, so daß es in ganz Mesopotamien keinen Schiffer gebe, der mit
ihm zu vergleichen sei. Sale hatte mich gebeten, ihm den Traum seines
Lebens zu erfüllen und ihn nach der berühmten Stadt Bagdad mitzunehmen;
auch könne ich, meinte er, einen Koch gut gebrauchen, hütete sich aber
einzugestehen, daß er von Kochkunst keine Ahnung hatte. Ich ließ ihn
gewähren, und da meine neue Besatzung kein Wort Türkisch verstand,
leistete er mir als Dolmetscher wertvolle Dienste. Außer dem neuen
Gendarmen namens Saalman, einem Araber aus Mosul, der seine Mutter in
Bagdad besuchen wollte, erhielten wir aber noch einen Passagier, und
zwar diesmal einen Soldaten von Major von Schrenks Batterie, die, wie
ich jetzt erfuhr, nur zwölf Stunden voraus war. Ahmed Apti, so hieß er,
war auf unerklärliche Weise zurückgeblieben und bat mich himmelhoch,
ihn doch ja mitzunehmen, damit er noch rechtzeitig seine Kameraden
einholen könne.
[Illustration: Kapitän Ali am Steuerruder.]
Kapitän Alis Ruhm bewährte sich denn auch glänzend schon in dem
schwierigen Moment, als wir Ana verließen und um die nächsten
Dolabmauern herum die Fähre mit einer kurzen, aber gewaltigen
Anstrengung wieder in den Strom hineinbugsieren mußten. Ruhig und
seiner Sache sicher stand er am Steuerruder, und seine braunen
Falkenaugen bemerkten jede Tücke des Stromes und jede Lässigkeit oder
Dummheit der Mannschaft. Der Euphrat stand jetzt 3,23 Meter über dem
normalen Niederwasserstand, und unser leichtes Fahrzeug wurde von
der brausenden Flut so pfeilschnell entführt, daß die wunderbare
Schönheit der Ufer bei Ana mit ihrer Palmenpracht wie ein Traum an
mir vorüberflog. Nicht minder malerisch waren kleine Inseln, die zum
Schutz gegen das Hochwasser rundherum mit Steinmauern umzäunt waren;
bei tiefem Wasserstand mußten sie wie kleine Festungen aussehen.
Direkt an Ana schloß sich das Dorf Dschemile, und die ununterbrochenen
Palmengärten schienen kein Ende zu nehmen. Erst bei Wadi Gaser hörten
sie wieder auf. Der Reichtum an Zelten, der oberhalb Der-es-Sor die
Ufer belebte, war jetzt völlig verschwunden, hier gab es nur feste
Dörfer mit Palmenhainen und Feldern und Wasserwerken oder wüstenstille
Ufer. Nomaden, die zeitweise am Flusse hausten, hatten sich, wie ich in
Ana hörte, in die Steppe zurückbegeben. Auf einer jähen Felsenspitze
des linken Ufers lag das Heiligengrab Habibi Nedschar. Dort liege der
Baumeister der Arche Noah begraben, erklärte mir Ali, der in der Tat
jede Einzelheit an den Ufern kannte, und Sale fügte hinzu, die Arche
sei ein Schahtur gewesen ganz wie der unsrige, aber wohl ein paar
Kilometer lang. „Wann war das?“ fragte ich. „Das ist mindestens schon
zweihundert Jahre her“, antwortete Sale in tiefstem Ernst.
Mehrfach bemerkte ich auf der Wasserfläche lange, dunkle Streifen, die
sich teilten und wieder vereinten, über Wasserstrudel hinzogen und
Inseln bildeten. Erst glaubte ich, es seien verweste Pflanzen. Dann
aber zeigte sich, daß es lauter Heuschrecken waren, tote und lebende,
die in verschiedenen Stadien der Ermattung hilflos im Wasser zappelten
und schwammen. Auf ihren Raub- und Freßfahrten hatten sie sich
verflogen und waren ein Opfer des Stromes geworden. Auch meiner Fähre
hatte sich das Gesindel bald bemächtigt; in Bataillonen saß es auf
den Relingen und dem Zeltdach; es war nicht durch die Luft gekommen,
sondern ein Teil der unglücklichen Schwimmer hatte sich an die Fähre
angeklammert und war an der Reling emporgeklettert. Hier trockneten sie
nun an der Sonne und schöpften neue Kraft nach diesem unbehaglichen
Abenteuer.
Die Hitze hatte in den letzten Tagen mächtig zugenommen; am 28. April
zeigte das Thermometer fast 53 Grad, und was auf meinem Schreibtisch
der Sonnenglut ausgesetzt war, begann zu brennen. An diesem Tage
erfuhr ich durch einen türkischen Offizier, der vor fünf Tagen Bagdad
verlassen und bei Ismanije am Ufer sein Zelt aufgeschlagen hatte,
daß die Engländer bei Kut-el-Amara rettungslos eingeschlossen seien
und das Begräbnis des Feldmarschalls unter großem militärischen Pomp
stattgefunden habe. So drang das Echo der großen Weltereignisse auch in
diese meine Stromeinsamkeit.
Am 29. April landeten wir bei dem herrlichen Garten Misban, dessen
Besitzer, ein weitberühmter Mann, seinen Sohn sandte, um mich zum
Gastmahl einzuladen. Da es aber schon zu spät am Abend war, machte ich
diesem kleinen Märchenschloß erst am anderen Morgen einen Besuch.
Durch einen langgestreckten Vorhof kamen wir zunächst in einen Stall,
wo einige braune Vollblutstuten an den Krippen standen, und dann
in den eigentlichen Hof, wo Misbans Sohn und Diener mich empfingen
und ins Haus geleiteten. In einem großen prächtigen Zimmer saß ein
würdiger Alter, der Bruder des Hausherrn, mit gekreuzten Beinen auf
einem Teppich und las laut, mit knarrender, eintöniger Stimme, in einem
Buche, wobei er den Körper auf und ab wiegte. Jetzt stand er auf, hieß
mich willkommen und führte mich an den erhöhten Ehrenplatz, von wo
man durch vergitterte Fenster eine herrliche weite Aussicht auf den
majestätischen Strom hatte.
[Illustration: Schaker, 14jähriger Araber aus Ana.]
Das ganze Zimmer war mit Teppichen belegt. In seiner Mitte erhob sich
ein viereckiger Herd, auf dem Palmenholz glühte und die Kaffeekanne
brodelte. Nach einer Minute trat auch Misban selber herein, vornehm
und würdig wie ein Herrscher, in weißem, goldgesäumtem Mantel, ein
weißseidenes Tuch mit Silberringen um den Kopf. Mit der verbindlichen
Höflichkeit eines reichen Arabers erkundigte er sich nach meiner
Fahrt und erzählte dann bei Kaffee und Zigaretten von sich und seiner
Besitzung.
Sein Vater hat die Oase vor siebzig Jahren angelegt; seit zwanzig
Jahren bewirtschaftet er sie selbst. Sein vollständiger Name ist Misban
Ibn Schoka. Er hat vier Söhne und sechs Diener, die mit ihren Familien,
insgesamt dreißig Personen, hier wohnen. Er besitzt tausend Palmen und
ist dabei, seine Plantagen noch zu erweitern. Ich sah gerade eine Fähre
mit Palmenschößlingen landen, die angepflanzt werden sollten.
[Illustration: Misban und sein Bruder.]
Der Spaziergang durch den Garten war köstlich. Treibhauswarm, schwer
und still hing die Luft zwischen Mandel-, Orange- und Maulbeerbäumen,
und die schönen zackigen Blätter der Palmen und ihre zarten, noch
weißen Datteltrauben hoben sich scharf von dem blauen Himmel ab. Das
Korn stand hoch und sollte in einigen Wochen geschnitten werden,
einen Monat später der Weizen. Erst im September glänzen die Datteln
braungelb wie Bernstein und sind dann reif zur Ernte. In Misban
gediehen auch Zucker- und Wassermelonen, mehrere Arten Trauben,
Zwiebeln und Bohnen und viele andere Küchengartengewächse.
Die Einkünfte der Oase sind schwankend, aber im allgemeinen gut. Die
Dattelernte allein beträgt im Durchschnitt vierzig Kamellasten, jede
zwei türkische Pfund in Gold oder etwa vierzig Mark wert. Die gesamte
Ernte berechnete der Besitzer, alles eingerechnet, auf vierhundert
Pfund. Aber nur die Hälfte davon wurde alljährlich verkauft, die andere
an Ort und Stelle verbraucht.
[Illustration: Misban Ibn Schoka.]
Misbans Garten war kein Kavekhane, kein Wirtshaus, wo man einkehrte,
um sich ein Abendbrot zu bestellen. Aber wer vorüberfuhr, war Misbans
willkommener Gast, und es verging kaum ein Tag, an dem nicht jemand
eine Weile auf den bequemen Sofas vorne am Kai rastete, bis die
Sonne unterging und Abendkühle eintrat. Zuweilen kamen sogar die
Karawanenleute von der einige Stunden entfernten großen Landstraße
zwischen Bagdad und Aleppo herüber, um hier auszuruhen und ihre
Tiere zu tränken. An glühenden Sommertagen, wenn die Hitze über der
trockenen Wüste zittert und der feine Staub von den Tritten der Kamele
aufwirbelt, muß es allerdings ein Hochgenuß sein, von der Uferhöhe aus
Misbans Palmen ihre Kronen über reifenden Äckern wiegen zu sehen. Da
winkt Ruhe, da kann man sich satt trinken und im kühlen Schatten die
Mühsal der Wüste vergessen! --
[Illustration: Ein Schahtur landet am Ufer der Oase Misban.]
Eins der schönsten Landschaftsbilder, das der Euphrat zu bieten hat,
ist die kleine Stadt Hit, ein uralter Ort, dessen Asphaltquellen
vor Jahrtausenden das Erdpech lieferten, das die Baumeister der
babylonischen Königspaläste brauchten. Über einem wogenden Palmenmeer
thront sie auf einem Hügel, an dessen Fuß ein Minarett trotzig seine
weiße Spitze erhebt. Sie ist die erste arabische Stadt, die Seehandel
treibt und an deren Kai sich ein regelrechtes Schiffsleben entwickelt.
Am Kopf der Schiffbrücke, die beide Ufer verbindet, liegen zahlreiche
arabische „Meheile“, große Kähne mit spitzen Vorder- und Hintersteven,
schräg stehenden Masten und langen zusammengerollten Rahesegeln vor
Anker, die in voller Fahrt mit vom Wind geblähten weißen Segeln, Schaum
am Vordersteven, von überaus malerischer Wirkung sind. Matrosen waten
im Uferwasser geschäftig hin und her. Mächtige Schollen zähflüssiges
Erdpech liegen wie Teppiche auf dem Ufer ausgebreitet, werden
zusammengerollt und auf Prahme geworfen. Pechgestank erfüllt die Luft.
Frauen in dunkeln Mänteln balancieren mit Pech gedichtete Töpfe auf dem
Kopf, füllen sie am Kai mit Wasser und plaudern mit ihren Nachbarinnen,
die eifrig ihre Wäsche in den Fluten des Euphrat spülen.
Gleich unterhalb des Minaretts landete ich an einem offenen Uferplatz.
Eine Schar spielender Buben stürmte bald herbei, und ein kleiner Türke
in buntem Hemd rief mir zu: „Gestern ist Kut-el-Amara gefallen. Heute
ist das Telegramm gekommen!“
„Bist du dessen auch sicher?“ fragte ich.
„Ja“, antwortete er, „der Herr kann ja auf dem Telegraphenamt
nachfragen.“
Schön, dachte ich, dann ist Bagdad außer Gefahr, auch der Weg nach
Babylon noch offen, und begab mich mit meiner gewöhnlichen Begleitung,
dem Gendarm und Sale, in die Stadt hinauf. Eng die teilweise mit
Asphalt belegten Gassen, grau die Mauern, ärmlich die Lehm- und
Steinhäuser. Dunkle Gänge führten durch offene Tore zu Hütten und
auf schmutzige Höfe. Wasserträger mit tropfenden Ledersäcken auf dem
Rücken, Esel mit Fruchtlasten, kleine Läden mit Sonnendächern oder
offener Auslage von Brot, Erbsen, Granaten und andern Eßwaren; auf den
Holzschwellen an den Gassen Kinder mit Schmutznasen, das Gesicht mit
Fliegenschwärmen bedeckt; an einer Mauer Aussätzige von abschreckendem
Äußeren -- welcher Gegensatz zu dem lieblichen Bild, das Hit dem
Ankömmling zu Wasser vortäuscht! Auf die braunen Fluten des Stroms
öffnete sich in den winkligen Gassen nur selten ein flüchtiger Ausblick.
[Illustration: Gendarm Saalman.]
Zum Marktplatz mußten wir wieder hinabsteigen bis dicht an den Strand.
Dort standen zwei stattlichere Häuser; in deren einem wohnte der
Mudir von Hit, ein Araber, dessen fortschrittlich europäische Kleidung
mit seiner bedenklich zurückgebliebenen Intelligenz auffallend
kontrastierte. Das andere war das Telegraphenamt, wo mir der Fall von
Kut-el-Amara bestätigt wurde. Der englische Oberbefehlshaber General
Townshend war mit 13000 Mann gefangen -- ein bedeutender Sieg also,
dessen Kunde die ganze mohammedanische Welt durchlaufen und die Macht
des Sultans kräftigen mußte. Am 29. April hatte der Feind seine
Stellungen räumen müssen -- zehn Tage vorher war Feldmarschall von der
Goltz gestorben! Ein grausames Schicksal hatte es ihm verwehrt, diesen
Siegestag zu erleben, den sein Genie und seine Umsicht an der Spitze
der 6. Armee erzwungen hatten.
[Illustration: Landungsplatz in Hit.]
Während ich auf der Post weilte, war ein kleiner Doppelschahtur bei
meiner Fähre angekommen mit einem katholischen Priester an Bord
und einem zweiten jungen Deutschen namens Kettner. Wir verbrachten
den Abend zusammen und verabredeten uns für den folgenden Tag zu
gemeinsamer Fahrt.
Hit verließ ich am 1. Mai, und nun näherte sich meine Stromfahrt ihrem
Ende. Mein Freipassagier Asis war in Hit zurückgeblieben; daß er sich
auf Französisch gedrückt hatte, wunderte mich nicht, wohl aber, daß
er verduftet war, ohne ein -- Trinkgeld für seine Reisebegleitung zu
fordern.
Das linke Euphratufer heißt von hier ab bei den Arabern El-Dschesire
(Insel), ein Begriff, der sich ungefähr mit Mesopotamien deckt;
das rechte Esch-Scham. Diese beiden Namen traten nun immerfort in
Verbindung mit Strömung, Wind und Landungsplatz auf. Am Schamufer
fuhren wir an den niedrigen Felsabhängen von Leguba entlang und lenkten
dann hinter der tamariskenbewachsenen Insel Abu Tiban nach Dschesire
hinüber. Beim Palmenhain Tell-essued zwang uns heftiger Südost wieder
längere Zeit still zu liegen, und voll Neid sah ich die stolzen
Meheile in dem ihnen günstigen Wind mit vollen Segeln an uns vorüber
stromaufwärts fahren. Während ein Araber gewandt am Stamm weiblicher
Palmen hinaufkletterte, ihr Samengehäuse mit dem Staub der männlichen
Blüten bestreute und dann die Blattbüschel mit Bast zusammenband,
vertrieben sich meine Leute die Zeit mit Vogelfang und mit dem Bau
kleiner Schiffchen aus Palmblättern. Dann versuchten wir die Fähre am
Ufer entlang vorwärtszuziehen; bei offenem Strand ging es; wo aber
Gestrüpp den Leinpfad unwegsam machte, kamen wir verzweifelt langsam
vorwärts.
[Illustration: Wir landen bei Tell-Essued.]
In dieser Gegend vollzieht sich der Übergang der Hochebene in das
vollständig ebene Schwemmland, das zur Zeit der assyrischen und
babylonischen Königreiche von gewaltigen Kanälen durchschnitten und
mit üppigen Gärten und Äckern bedeckt war. Die weißen Kalksteinwände
verschwinden, nur noch vereinzelte Ausläufer ziehen sich bis an den
Strom heran. Der Horizont rückt in weite Ferne, und der Euphrat benutzt
seine neu gewonnene Freiheit, um sich mächtig auszudehnen.
[Illustration: Unser Lager bei Tell-Essued.]
Auch am 2. Mai kämpften wir vergebens mit Gegenwind, und die
zahlreichen Schöpfwerke -- hier wieder von dem primitiven Typ --
machten es fast unmöglich, die Fähre vom Lande aus weiter zu bugsieren.
So krochen wir mit unendlicher Mühe bis Ramadije. An diesem Tag
begegnete uns die erste Guffa, eines der runden asphaltbekleideten
Korbboote von großer Leichtigkeit und Tragfähigkeit, die schon aus
assyrischer Zeit bekannt sind. Der Ruderer war selbst Mast und Segel,
er stand in der Mitte des Bootes, und sein Mantel war als Windfang
ausgebreitet.
[Illustration: Meheile auf dem Euphrat.]
Am nächsten Tag fanden wir die Ufer auf weite Strecken überschwemmt.
Der Euphrat macht hier große, oft fast kreisförmige Windungen, und
das in diesen Schleifen liegende Land war von dem eigentlichen
Strom kaum noch zu unterscheiden, so daß es die ganze Kunst meines
Kapitäns erforderte, sich zwischen diesen unter Wasser liegenden
Landzungen, Inseln und Schlammbänken, in kleinen und großen Seitenarmen
zurechtzufinden. Da standen Palmenhaine mitten im Strom; dann wieder
waren Äcker mit reifenden Ernten von der Flut verschont, und Schaf-
und Rinderherden, Hütten und Zelte standen wie auf der Wasserfläche.
Die Anwohner hier mußten geradezu ein amphibienartiges Dasein führen,
jeden Augenblick gewärtig, von den launischen Wellen überrascht zu
werden. Oft war auch das, was ich für Zelte hielt, nichts weiter als
die Segel der Meheileboote, die rechts oder links über der Wasserfläche
emporragten und denen wir dann in großem Bogen, den der Euphrat
beschrieb, begegneten. Meine Leute mußten schließlich nackt ins Wasser
hinein, um uns nur vorwärts zu bringen. Dabei war die Insektenplage
fast unerträglich. Wenn wir abends an einem öden Strand vertäuten,
durfte ich mein Licht nur für mein schnelles Abendbrot brennen lassen.
Überall schwirrte und surrte es von Insektenschwärmen, die in dieser
Sumpfgegend und bei der tropischen Hitze myriadenweise gediehen. Das
innere Dach meiner Hütte war mit einer schwarzen, kribbelnden Decke
bezogen, plumpe Käfer stießen gegen die Wände, törichte Nachtfalter
taumelten in die Flamme und plumpsten mit verbrannten Flügeln in
mein Eßgeschirr. Die Grillen zirpten um die Wette, die Frösche
quakten im Sumpf und das höhnische Lachen und langgezogene Heulen der
Schakale ging in unheimlichen Wellen über die Steppe. Die schlimmsten
Quälgeister aber waren Mücken und Moskitos, von denen immer einige
durch die Maschen des Moskitonetzes schlüpften. Ein brennendes Jucken
lief über den ganzen Körper, und an Schlaf war in diesem Bett von
Brennesseln nur wenig zu denken. Am Morgen, wenn sie dickgefressen und
zu faul waren, wieder hinauszufliegen, hatte ich wenigstens die Freude,
blutige Rache nehmen zu können. Die Morgenkühle pflegte das Jucken zu
beseitigen.
[Illustration: Dorf in der Gegend von el-Beschiri.]
Am 4. Mai erschien endlich über der glatten Steppe das Minarett von
Feludscha, erst im Südosten, dann im Nordosten, denn der Euphrat macht
hier wieder einen mächtigen Bogen nach Süden. Als wir den Landungsplatz
erreichten, war das erste, was ich sah, ein Schahtur von Schrenks
Batterie; die Abteilung des Roten Kreuzes war noch hier und sollte am
nächsten Tag aufbrechen.
Bei Feludscha ist der Euphrat ungewöhnlich schmal. Diesem Umstand
hat der Ort seine Entstehung zu verdanken. Denn hier geht die große
Karawanenstraße über den Strom. Die Brücke war aber des Hochwassers
wegen eingezogen; die Pontons lagen am Ufer und sollten auch nicht
mehr verwendet werden, da die Brücke für die Fähren nach Risvanije
ein gefährliches Hindernis war. Die Reisenden müssen sich daher damit
abfinden, daß sie und ihr Gepäck auf einzelnen Prahmen über den Euphrat
gesetzt werden.
Von Feludscha aus konnte ich nun zu Wagen auf der Karawanenstraße
nach der Stadt der Kalifen gelangen oder zu Schiff bis Risvanije
weiterfahren, das durch eine kleine Feldbahn mit Bagdad verbunden ist.
Bei ruhigem Wetter rechnet man zu Wasser bis Risvanije acht Stunden.
Ich entschloß mich daher, auf der Fähre zu bleiben, mußte aber bald
diesen Entschluß bereuen. Gegenwind und Gewitterregen, dazu ein
tüchtiger Weststurm, zwangen uns immer wieder stillzuliegen und dehnten
die acht Stunden zu mehr als einem Tag. Die Araber sind gegen nichts
empfindlicher als gegen Regen; vor jedem kleinen Schauer ließ meine
Besatzung die Ruder im Stich, flüchtete unter Deck und war erst wieder
aufzutreiben, wenn wir zu kentern drohten. Einmal wären die Leute, als
sie die Fähre ins Schlepptau nehmen wollten, beinahe alle im Schlamm
ertrunken. Ich atmete daher erleichtert auf, als ich endlich am 5. Mai
Risvanije erreichte und mein tüchtiger Doppelschahtur seine Reise von
1040 Kilometern ohne schwere Unfälle vollbracht hatte.
[Illustration:
Phot.: Schölvinck.