Mit eigenhändiger Unterschrift.]

Die Stellung der Türkei zur westeuropäischen Frage im modernen Sinn

ergab sich, als die Moskowiter ohne historisches Recht den Weg nach

dem Bosporus und den Dardanellen einschlugen und ohne Umschweife

erklärten, ihr Ziel sei „Zarigrads (Konstantinopels) Befreiung“! Zur

selben Zeit wollte Karl XII. alle Kräfte sammeln zum gemeinsamen Kampf

gegen einen Feind, dessen Charakter und Entwicklungsmöglichkeiten er

wie kein andrer vor oder nach ihm mit prophetischem Blick durchschaute.

Vergebens aber rief er Schweden, Polen und Türken auf. Sein Plan kam

nicht zur Ausführung, nicht zum wenigsten weil westeuropäische Mächte

den Russen Helferdienste leisteten. Nach Karls XII. Tode war Schweden

wie Polen und die Türkei durch innere Zwistigkeiten geschwächt, die

Rußland und England -- damals wie jetzt in brüderlicher Eintracht --

anfachten und schürten. Polen verschwand. Schweden wurde einstweilen

durch Gustav III. gerettet. Den Türken aber öffnete der verhängnisvolle

Vertrag von Kütschük-Kainardschi (1774) die Augen über die dunklen

Pläne, die schon Zar Peter der Große im Schilde führte. Damals schon

begann der Marsch über türkische Gebiete, die dem Vordringen Rußlands

nach dem Mittelmeer im Wege lagen.

Der Plan der Entente, die Mittelmächte in dem jetzt tobenden Weltkrieg

zu zerschmettern, hat seine Wurzeln in der Balkanhalbinsel. Über

das Ziel der Russen waren die Osmanen im klaren: sie +wußten+,

daß sich England und Rußland, um ihre Absicht durchzusetzen, über

türkisches Gebiet hinweg die Hand reichen +mußten+, und daß

+alles+ aufgeboten werden sollte, sich freie Bahn zu erzwingen.

Für beide Teile handelte es sich also um einen Kampf auf Leben und Tod.

Als daher die Hohe Pforte vor der Wahl stand: Krieg oder Untergang? gab

es für sie kein Bedenken mehr. Zum erstenmal nach zweihundert Jahren

lebten Karls XII. Gedanken wieder auf, und aufs neue erhob sich das

Ziel, an das er Schwedens ganze Kraft gesetzt hatte. Diesmal waren auch

die Nachbarn im Westen auf dem Posten. Nur Karls XII. eigenes Land

fehlte in der Reihe -- vom Geist des Eisenkopfs war bei den Nachkommen

seiner Helden wenig mehr zu spüren. Immerhin wirkte Schweden durch

seine geographische Lage.

Tatsächlich +hatten+ die Türken keine andere Wahl, wenn sie

am Leben bleiben wollten. Die neutrale Türkei hätte dasselbe

tragische Schicksal getroffen wie das verfolgte, ausgehungerte,

erwürgte Griechenland, dessen einziges Verbrechen war, daß es

dem weltzerfleischenden Kampfe fernbleiben wollte. Dann hätte

Konstantinopel jetzt eine russische und englische Besatzung, wie sich

Athen der englischen und französischen erfreut.

Hätte sich der Türkei im Laufe des Weltkriegs jemals eine Spur

von Zweifel oder Ermüdung bemächtigt, so sorgte der russische

Ministerpräsident Trepow in seiner Dumarede vom 2. Dezember 1916 dafür,

daß sie aufs neue zu eisernem Widerstand zusammengeschmiedet wurde. Er

gestand nämlich, eine mit Großbritannien, Frankreich und Italien im

Jahr 1915 geschlossene Übereinkunft habe „definitiv Rußlands Recht auf

die Meerengen und auf Konstantinopel festgestellt“. Sein oder Nichtsein

stand also für die Türken auf dem Spiele.

Wer nun geglaubt hat, das neue Rußland werde auf solche

Kriegsziele verzichten, erlebte eine große Enttäuschung. Die erste

Revolutionsregierung wenigstens verharrte bei dem Anspruch auf die

Dardanellen und Konstantinopel, und der Minister des Äußeren Miljukow

übernahm in unveränderter Form den „russischen Reichsgedanken“, den

Trepow in die Worte gefaßt hatte: „Die Schlüssel zum Bosporus und zu

den Dardanellen, Olegs Schild über dem Tor Konstantinopels -- das ist

der Jahrhunderte alte innerste Traum des russischen Volkes zu allen

Zeiten seines Daseins.“

Die junge Türkei hatte also Grund genug, dem Umschwung der Dinge in

Rußland, den sie -- selbst ein Kind der Revolution -- an sich mit

Befriedigung begrüßt hatte, größtes Mißtrauen entgegen zu bringen.

Als unlängst der Großwesir Talaat Pascha der Presse seine Gedanken

darüber mitteilte, tat er das mit den wohlüberlegten Worten: „Wir sehen

indes mit Bedauern, daß der Gedanke der Revolution von aggressiven

Absichten durchaus nicht frei ist. Miljukows ‚ehrenvoller‘ Friede setzt

eine Lösung der türkischen Frage zugunsten Rußlands voraus! Ob die

russischen Liberalen diese alte Lehre von Angriff und Feindseligkeit

billigen, wissen wir nicht. Wenn aber das russische Volk das

verhängnisvolle Erbe des Zarismus als Richtschnur nimmt, dürfte es

zwecklos sein, von Frieden zu reden.“ --

Was hat im übrigen die Türkei dadurch gewonnen, daß sie

unerschütterlich den Kurs beibehielt, den sie bei Beginn des Krieges

einschlug? Nun, +sie hat ihr eigenes Dasein für eine Zeitspanne

gesichert, deren Weite wir noch nicht überblicken können+. Indem

sie die Verbindung zwischen Rußland und England verhinderte, hat

sie wirksam zum Zusammenbruch des Zarenreichs beigetragen. Rußlands

Kraft ist in Auflösung begriffen -- kein Staat kann zu gleicher

Zeit mit Erfolg Krieg führen und eine Revolution durchmachen. In

diesem ungeheuern Kampfe, der nun seinem Ende zugeht, können die

Moskowiter die Osmanen nicht mehr aufs Knie zwingen. Auch die zufällige

Überlegenheit Englands in Mesopotamien wird daran nichts ändern.

Denn die Entscheidung des Weltkriegs fällt auf den Schlachtfeldern

Europas; außerdem erzittert das englische Weltreich selbst in seinen

Grundfesten. Der Dienst, den die Türkei indirekt Deutschland geleistet

hat, muß daneben auch in Anschlag gebracht werden. Großbritanniens

Zusammenschluß mit Rußland über die Dardanellen und den Bosporus hinweg

war eine der Voraussetzungen für die Zerschmetterung Deutschlands. Bei

Gallipoli wurde +dieser+ Traum zuschanden.

Die russische Revolution verlief anders, als Englands Selbstsucht

erwartet hatte. Damit war eine der letzten Karten ausgespielt -- es

gelang England nicht wie einst im Jahre 1808, Rußland auf Kosten

anderer zu kaufen. Jetzt ist es zu spät! Die Legionen Großbritanniens

verbluten vergeblich an der deutschen Westfront, immer drohender erhebt

sich das Gespenst des Hungers aus den Wogen des Atlantischen Ozeans.

Der Sturz des russischen Zaren besiegelte Englands Mißerfolg und

entschied den Ausgang des Weltkrieges! Deutschland rechnet nicht mehr

mit den Slawen, sie sind matt gesetzt. Das Riesendrama, das schon drei

Jahre lang über die Weltbühne geht, beginnt seinen letzten Akt. Wir

haben erlebt, wie Königreiche vernichtet, Kronen in Stücke zerschlagen

und Verfassungen zerrissen wurden. Überall gärt es, auch in neutralen

Ländern, die jetzt in der Stunde der Entscheidung besser täten, ihre

Ruhe zu bewahren.

Mitten in diesem hoffnungslosen Durcheinander steht Deutschland

unerschütterlich fest, wie der Fels im aufgewühlten Meer. Die

Sturmwogen, die von allen Seiten hereinbrechen, zerschellen an seinen

Klippen zu Schaum. Habt acht! Der Vorhang rauscht zum letzten Male

empor. Hindenburg tritt auf. Dann wird die gewaltige Kampfgruppe,

die seit dem Feldzug gegen Rumänien zu einer in der Weltgeschichte

unerhörten Vollkommenheit ausgebildet wurde, ihre Ernte einbringen.

Der Krieg wird zur Ruhe gezwungen werden. +Frieden soll wieder auf

dieser gemarterten, zerfleischten, vergrämten Erde herrschen!+ Stark

und mächtig wird Deutschland der neuen Zeit entgegengehen. Dann darf

auch das osmanische Volk des Dankes gewiß sein für seine ehrenvolle

Teilnahme am Freiheitskampf der Germanen.

[Illustration: Die Grabmoschee Salhein in Aleppo.]

Zweites Kapitel.

Aleppo.

Am 15. März 1916 war ich mit Graf Wichard von Wilamowitz-Möllendorff,

dem neuernannten Militärattaché der deutschen Gesandtschaft in Persien,

von Konstantinopel abgereist. Ein Dampfer hatte uns vom Goldenen Horn

nach Haidar-Pascha an der asiatischen Küste gebracht, und in sieben

Tagen erreichten wir mit der Bahn Aleppo.

Zweimal hatten wir den Zug verlassen müssen, denn die Strecke der

Bagdadbahn bis Aleppo war noch nicht ganz ausgebaut. Zwischen Bosanti

und Gülek im Taurus war zwar schon ein gewaltiger Tunnel durchs Gebirge

gebohrt, er sollte aber erst im Herbst dem Verkehr übergeben werden.

In Bosanti hatten uns zwei deutsche Offiziere in türkischen Diensten,

Oberstleutnant Vonberg und Major Welsch, die auf dem Wege nach Bitlis

waren, ein Kriegsautomobil zur Verfügung gestellt, das uns auf steilen

und weiten, ohne Brustwehr über schwindelnden Abgründen hängenden

Zickzackwegen über die 1300 Meter ansteigenden Höhen des Taurus nach

Gülek beförderte. Auf der Talfahrt durcheilten wir die Pylae Ciliciae,

den hohlwegartigen Engpaß des Tales Tarsus-tschai, durch den Xerxes

und Darius, Cyrus der Jüngere und Alexander der Große vorrückten, und

in späteren Zeiten Harun-er-Raschid und Gottfried von Bouillon. Das

Wetter war nicht eben einladend gewesen, es wechselte anmutig zwischen

Land- und Platzregen. Dabei wimmelte die aufgeweichte und schlüpfrige

Straße von Kamelkarawanen, die Baumwolle von Adana brachten, von

Lastautos, requirierten Bauernwagen, Ochsenfuhrwerk mit Kriegsmaterial,

marschierenden Soldaten und Reitern. Am meisten bemitleideten wir

die Züge gefangener Sikhs, die von Bagdad her zu Fuß nach ihrem

Bestimmungsort in Kleinasien wandern mußten, einen Stock in der Hand,

den Brotbeutel auf dem Rücken, die Uniformen zerrissen und die Turbane

zerlumpt. Welche Qual für die Söhne des Sonnenlandes Indien, dem kalten

Regen auf den Höhen des Taurus schutzlos preisgegeben zu sein! Kleine

Gesellschaften reisender Türken mit Eseln, Kühen und -- aufgespannten

Regenschirmen boten dagegen einen lustigen Anblick.

In der Mitte zwischen Bosanti und Gülek, in dem offenen Gebiet des

Taurus, das Schamallan-han genannt wird und ringsum von spärlich

bewaldeten Bergen umgeben ist, lag eine deutsche Automobilstation, wo

man uns mit liebenswürdiger Gastfreundschaft aufnahm und eine Nacht

trefflich beherbergte. In dem welligen Kesseltal war eine ganze Stadt

emporgewachsen von gelben, grauen und schwarzen Zelten oft riesiger

Ausdehnung, Schuppen und Reparaturwerkstätten. Mannschaftsbaracken

und Offizierszelten. Deutsche und türkische Flaggen wehten darüber.

Von Gülek aus hatten wir Tarsus besucht, den Geburtsort des Apostels

Paulus, ein sehr langweiliges Städtchen.

Zwischen Mamure und Islahije waren die Tunnel ebenfalls schon

fertig, aber nur eine Feldbahn führte hindurch. Diese Strecke über

den Amanus und durch das 300 Meter breite, zwischen Basaltklippen

sich öffnende Amanische Tor, durch das einst König Darius zog, um

seinem Gegner Alexander in den Rücken zu fallen, mußten wir auf der

Landstraße in einem „Jaile“ zurücklegen, einem hohen, überdeckten,

kremserähnlichen Fuhrwerk, das Wilamowitz „Leichenwagen“ taufte,

als ob er geahnt hätte, daß er von seiner Reise nach Persien nicht

mehr zurückkehren werde. Man sitzt nicht, sondern liegt in dieser

merkwürdigen Fahrgelegenheit, polstert sich den Boden so gut wie

möglich mit Stroh und nachgiebigem Gepäck aus und freut sich, wenn das

„gerüttelt Maß“ nicht allzureichlich ausfällt. Für mich war diese Fahrt

noch dadurch besonders denkwürdig, daß auf ihr meine wohlversorgte

große Proviantkiste aus Konstantinopel spurlos verschwand. Das immer

trostloser werdende Regenwetter hatte uns schließlich gezwungen, in

einem elenden Krug zu Islahije bei einem griechischen Wirt Georgios

Vassili ein etwas romantisches Nachtlager zu bestehen, und schließlich

hatte uns ein Pferdetransportzug in einem Viehwagen um 1 Uhr nachts

glücklich nach Aleppo gebracht.

Hier sollte ich nun abwarten, was das Oberkommando der türkischen Armee

über mein weiteres Schicksal beschließen würde. Minister Enver Pascha

hatte mir die Erlaubnis zur Reise durch Kleinasien bis nach Bagdad

nur unter der Bedingung erteilt, daß Feldmarschall von der Goltz, der

von Bagdad aus die 6. Armee befehligte, keine Bedenken dagegen habe;

er allein wollte die Verantwortung für meine Sicherheit nicht auf

sich nehmen, da wilde Beduinenhorden die Wege unsicher machten. Das

endgültige Ergebnis des Depeschenwechsels zwischen Konstantinopel und

Bagdad sollte mir in Aleppo gemeldet werden.

Aleppo, das Haleb der Araber, nach Smyrna und Damaskus die größte Stadt

Vorderasiens, ist Hauptstadt eines Wilajets, eines Gouvernements, das

das ganze nördliche Syrien umfaßt und im Osten vom Euphrat begrenzt

wird. Die Einwohnerzahl soll 200 bis 250000 betragen; davon sind

zwei Drittel Mohammedaner, 25000 Armenier, 15000 Juden, ebensoviele

Griechen, die übrigen Lateiner, Maroniten und unierte Syrer. In der

Altstadt herrscht noch der arabische Stil vor, der nach der Straße

zu nur öde Mauern zeigt. Doch finden sich auch dort schon solide

Steinhäuser mit Erkern, Balkonen und eingebauten Altanen, und die neuen

Stadtteile an der Peripherie haben eine fast europäische Bauart. Mit

ihrem unaufhörlich hin- und herwogenden orientalischen Verkehr bieten

Aleppos Straßen wundervolle Bilder; noch lieber aber verirrt man sich

in die dunkeln Labyrinthe der Basare, deren kleine, enge Kaufläden

mit Teppichen und Stickereien, Gold und Silberschmuck, Pantoffeln und

Lederwaren und all dem Kram angefüllt sind, der von Europa eingeführt

wird.

[Illustration: Graf Wichard von Wilamowitz-Möllendorf.]

Der Krieg hatte zwar den Handel ziemlich lahm gelegt; der Han Wesir,

ein Gebäude aus dem 13. Jahrhundert, war fast leer geräumt. Dennoch

herrschte in den Basaren noch immer lebhafter Betrieb. Selbst

französische Weine, Konserven, Lichte usw. konnte man kaufen, da die

Vorräte der Küstenstädte noch nicht erschöpft waren, so daß ich meine

verschwundene Proviantkiste leicht ersetzen konnte. Manche Artikel aber

stiegen unerhört im Wert. Für Petroleum forderte man das Zwanzigfache

des Friedenspreises, und das türkische Papiergeld stand tief im Kurs:

in Konstantinopel galt ein türkisches Pfund 108 Piaster, in Aleppo nur

90, in Jerusalem sogar, wie man mir versicherte, nur 73 (ein Piaster

hat einen Wert von etwa 18 Pfennig). In manchen Gegenden weigerte sich

die Landbevölkerung überhaupt Papiergeld anzunehmen; ich hatte mich

glücklicherweise in Konstantinopel mit einer größeren Summe in Gold und

Silber versehen.

In der Mitte der Stadt erhebt sich die Zitadelle auf einer uralten,

wahrscheinlich künstlich geschaffenen Anhöhe. Vom Rundgang des

Minaretts dort oben hat man eine wundervolle Aussicht über das

Häusermeer der Stadt mit seinem sparsamen Grün und die Straßen, die

wie die Speichen eines Rades von diesem Mittelpunkt ausgehen, auf das

weite, hügelige, graugelbe Gelände und das Tal des Kuwekflusses, wo

Platanen, Silberpappeln, Walnußbäume, Oliven und vor allem Pistazien in

den Gärten grünen.

Aleppos Hauptsehenswürdigkeit ist die „große Moschee“ Dschami-kebir

oder Dschami-Sakarija. Sie hat ihren Namen vom Vater Johannes des

Täufers, Zacharias, dessen Grab im Innern hinter vergoldetem Gitter

gezeigt wird, und wurde von den Omaijaden an einer Stelle errichtet,

wo vordem eine von der Kaiserin Helena gestiftete christliche Kirche

stand. Ihr gegenüber erhebt sich die Dschami-el-Halawije, die ebenfalls

ein Abkömmling einer von der Kaiserin Helena erbauten Kirche sein

soll. Ihr Inneres zieren Pilaster und Chornischen mit Akanthusmotiven

und ein „Maschrab“, eine Gebetsnische, von künstlerischem Wert. Vor

der Stadt liegt die vornehme Begräbnisstätte Ferdus mit zahlreichen

Heiligengräbern und den charakteristischen Grabsteinen: immer zwei

aufrecht stehend als Sinnbilder des Lebens, dazwischen ein liegender

als Sinnbild des Todes. Die Ecken des liegenden Steins haben

schalenförmige Vertiefungen: darin sammelt sich das Regenwasser, und

die Vögel kommen, um zu trinken und den Schlaf der Toten mit ihrem

Gesang zu versüßen. Als ich den Friedhof besuchte, küßte eine alte

Türkin weinend die Steine der Heiligengräber, um, wie sie sagte, Schutz

zu erflehen für ihren Sohn, der an der Front gegen die Russen kämpfte.

Eine andere, teilweise verfallene Grabmoschee trägt den Namen Salhein.

Über ihren Denkmälern erhebt sich ein sehr hübsches Minarett.

[Illustration: Arabischer Junge in Aleppo.]

Vor der Stadt liegt auch die Moschee Scheik-ul-Hussein; ihre

Gebetsnische birgt einen Stein, der nach der Versicherung

Rechtgläubiger alljährlich am 10. Oktober, dem Todestage des

schiitischen Heiligen Hussein, blutet. Nördlich von Aleppo träumt

zwischen Anhöhen das Derwischkloster Scheik Abu Bekr, eine viereckige

Halle unter einer Kuppel, im Innern ausgestattet mit prächtigen

Skulpturen und Fayencen; zahlreiche große Fenster werfen helles

Licht auf die Farbenpracht der Kunstwerke. Im Hof spiegeln Zypressen

ihr ewiges Grün in einem klaren Wasserbecken; daneben schlummert

unter einem von Kletterpflanzen umsponnenen Grabmal eine Prinzessin.

Hier hausen die betenden Derwische von der Brüderschaft der

Mutevelli-Derwische, deren Hauptsitz Konia ist. Auch die tanzenden

Derwische haben in Aleppo ein Haus.

Vor dem Krieg war in Aleppo eine deutsche Kolonie von ungefähr 300

Köpfen. Jetzt war ihre Anzahl bedeutend gesunken. Von den beiden

deutschen Schulen war die katholische vor vier Jahren gegründet und

in einem vornehmen, hundertundfünfzig Jahre alten arabischen Hause

untergebracht; sie beschäftigte sechzehn Lehrer und acht Borromäerinnen

(barmherzige Schwestern) und hatte zur Zeit meines Besuches 220

Schüler, die nur deshalb ein geringes Schulgeld zahlen mußten, weil

sonst der Unterricht nicht als etwas Erstrebenswertes gegolten

hätte. Im ganzen sollen 400 Borromäerinnen an den verschiedenen

Fronten stehen. Die protestantische, noch jüngere Schule wird von 110

türkischen, deutschen, jüdischen und armenischen Mädchen besucht; sie

gehört den Kaiserswerther Diakonissen, die auch in Smyrna, Beirut

und Jerusalem Schulen und in Konstantinopel ein großes Krankenhaus

eingerichtet haben. Aus Kairo und Alexandria wurden sie während des

Krieges vertrieben. Andere Lehranstalten in Aleppo stehen unter der

Leitung der Franziskaner und Jesuiten, der Sacré-Coeur- und St.

Josephsschwestern.

Das gesellige Leben der Deutschen hat seinen Mittelpunkt im Hause

des Herrn Koch, dessen Gattin als Schwester Martha mir zuerst bei

Feldmarschall von der Goltz begegnete, als er noch Generalgouverneur

in Brüssel war. Ihr gastliches Heim, das sich seit dreißig Jahren so

manchem Reisenden aufgetan hat, wurde auch mir jetzt eine Freistätte,

und hier im Kochschen Hause entschied sich mein nächstes Reiseschicksal.

Einige Tage nach meiner Ankunft in Aleppo brachte mir der Adjutant

Neschad Paschas, des dortigen Etappeninspektors, den Bescheid Enver

Paschas, ich könne nach Bagdad reisen und wohin ich sonst wolle. Ich

hatte nur den Weg zu wählen. Aber eben darin lag die Schwierigkeit.

Eine gewisse Vorsicht war durch die kriegerischen Ereignisse auf jeden

Fall geboten. Schon in Konstantinopel hatte ich gehört, die Russen

seien in Persien ziemlich stark. Kirmanschah hatten sie genommen.

Bagdad war also nicht mehr weit. Im Norden war Erserum gefallen, und

wenn es dem Großfürsten Nikolai gelang, nach Diarbekr vorzustoßen, und

die Engländer, die sich allerdings bei den Dardanellen blutige Köpfe

geholt hatten, etwa eine Landung im Golf von Alexandrette erzwangen,

um sich mit den Russen zu vereinen, schlugen die Wellen des Krieges

rettungslos hinter mir zusammen. Andererseits hatte uns schon auf der

Fahrt nach Aleppo ein Eisenbahningenieur, ein Kroate, versichert,

Bagdad sei von den Engländern besetzt; das war natürlich leeres Gerede,

denn dann hätte der Feldmarschall auf dem Rückzug nach Westen sein

müssen. Enver Paschas Telegramm strafte all diese Etappengerüchte

Lügen. In Islahije schließlich hatte es geheißen, die Russen kämen

Mosul immer näher. Ob ich überhaupt Bagdad erreichen würde, erschien

also immerhin etwas unsicher, und doppelt unsicher war ich daher

über den Weg, den ich einzuschlagen hatte. Mein Reisekamerad Graf

Wilamowitz sollte eine Trainkolonne den Euphrat entlang führen; ihm

und dem Obersten von Gleich, dem neuen Stabschef bei von der Goltz,

konnte ich mich auf ihrem 800 Kilometer langen Ritt anschließen. Aber

es gibt nichts Einförmigeres als die ewigen Wüsten an den Ufern des

Euphrat. Da war es doch reizvoller, über Nesibin nach Mosul zu fahren,

die Ruinen von Ninive zu sehen, von dort auf einem „Kellek“, einem

Floß, den Tigris hinabzutreiben und die Altertümer von Nimrud und

Assur zu besuchen. Freilich machten die Schammarbeduinen, die wegen

ihrer Überfälle berüchtigt sind, den Weg bis Mosul unratsam, wenn

ich nur auf den Schutz meines Kutschers angewiesen blieb. Auch waren

die Nebenflüsse des Euphrat, die vom Armenischen Gebirge herkommen,

zu reißenden Strömen angeschwollen. Aber die eigentliche Regenzeit

war ja schon vorüber; in ein paar trocknen Tagen mußten sie wieder

fallen. Ich beschloß also, meinem alten Glück zu vertrauen und mich von

Aleppo aus gleich ostwärts zu wenden. Frau Koch hatte bereits einen

„Arabatschi“, einen Hauderer, gefunden, der mir für 30 türkische Pfund

(555 Mark) eine Viktoria und einen Jaile vermieten wollte, und ich

beriet gerade mit dem deutschen Etappenkommandanten Rittmeister von

Abel, Direktor Hasenfratz und Inspektor Helfiger von der Bagdadbahn

und andern deutschen Freunden, wie Wagen und acht Pferde mit der Bahn

nach Ras-el-Ain befördert werden könnten, als zwei junge deutsche

Offiziere in türkischen Diensten ins Zimmer traten. Der eine von

ihnen, Major Reith, hatte als Chef einer Automobilkolonne den Auftrag,

die Verkehrsmöglichkeiten auf der Straße zwischen Ras-el-Ain und Mosul

zu untersuchen, der andere, sein Bruder, sollte ihn als Arzt begleiten.

Major Reith hatte kaum von unsern Beratungen gehört, als er rief: „Aber

warum so viel Zeit und Geld verschwenden? Kommen Sie mit mir! Ich habe

reichlich Platz für Sie und auch für Ihr Gepäck, und in drei Tagen sind

wir in Mosul!“

Diesem verführerischen Vorschlag zu widerstehen, wäre übermenschlich

gewesen. Eine günstigere Gelegenheit konnte sich mir ja gar nicht

bieten. Also auf nach Mosul!

[Illustration: Pferdebeförderung über den Dschirdschib.]

Drittes Kapitel.

Eine mißglückte Autofahrt.

Meine bisherigen Reisekameraden waren bereits aufgebrochen: Graf

Wilamowitz mit Oberst von Gleich den Euphrat entlang, Vonberg und

Welsch nach Ras-el-Ain, wo sie drei Tage auf Pferde und Wagen für die

Fahrt nach Bitlis warten mußten, so daß ich ihnen am nächsten Tag noch

einmal begegnete. Major Welsch sah ich einige Monate später wieder;

Oberstleutnant Vonberg aber sollte von Bitlis nicht mehr zurückkehren:

er starb dort am Flecktyphus.

Am 28. März schlug auch für uns die Stunde des Aufbruchs. Das Wetter

war herrlich geworden, für unsere Autofahrt nach Mosul mußten die

Straßen ausgezeichnet sein. Major Reiths fünf Automobile, zwei

Personen- und drei Lastwagen, wurden auf offenen Loren verladen, und

am Vormittag setzte sich unsre Kolonne mit neun Chauffeuren und einem

türkischen Dolmetscher in Bewegung. Die Lastautos enthielten reichliche

Vorräte an Benzin und Öl, Ersatzteile, Gummiringe, Werkzeug, Spaten,

Zelte, Tische, Stühle, Betten und Proviant.

Zuerst brachte uns die Bahn nach Muslimije zurück. Dann wandte sie

sich nach Osten durch wenig bebautes Land, wo nur hier und da die

zusammengedrängten Kuppeldächer eines Dörfchens sichtbar wurden. Diese

bienenstockartigen Hütten aus an der Sonne getrocknetem Lehm finden

sich überall da, wo anderes Baumaterial, Holz oder Stein, fehlt. Weiter

entfernt von der Bahnstrecke, wo Kalkstein zu Tage tritt, sind auch

die Dorfhäuschen aus Stein und ihre Dächer flach. Fast ohne Ausnahme

liegt auch die kleinste dieser Ansiedelungen auf dem Abhang oder am

Fuß eines „Tell“, einer nackten Anhöhe, deren durchweg regelmäßige,

flach konische Form aus dem ebenen Gelände einsam hervorragt. Solch

ein Tell birgt die Geschichte des betreffenden Dorfes; er reicht bis

in die Morgendämmerung der assyrischen und hethitischen Zeit zurück,

beginnt vielleicht vor den frühesten menschlichen Urkunden und war auf

alle Fälle schon uralt, als mazedonische Hopliten und Hypaspisten,

die schweren Fußtruppen und leichter beweglichen Schildträger, durch

diese Gegenden vorrückten. Eine Quelle, ein Bach oder auch nur die Nähe

von Grundwasser reizten zur Ansiedelung, die dann durch Jahrtausende

fortgelebt hat. Alte Häuser stürzten ein; Schutt und Unrat häuften sich

auf; aber die nachkommenden Geschlechter bauten auf demselben Platze

weiter, und so wuchs der Tell schichtweise zu einem Hügel empor.

Um die Dörfer herum breiten sich Äcker aus, auf denen die Fellachen,

die festansässigen Bauern, mit Ochsen pflügen, und Frauen und Kinder

in buntzerfetzter Kleidung unserem Zuge offenen Mundes nachschauen.

Sonst ist der weiche rote Erdboden gewöhnlich mit Gras und Kräutern

bewachsen, und seine Einförmigkeit wird nur selten durch eine wandernde

Kamelkarawane unterbrochen. Neben der Eisenbahn wirken die prächtigen

Tiere wie Anachronismen. Wie gut, daß es noch Gegenden gibt, wo die

Menschen ohne das „Schiff der Wüste“ verloren wären!

Die Stationsgebäude sind feste Blockhäuser. Auf dem Bahnsteig von

Akdsche-Kojunli wartet eine Kompagnie Rekruten auf ihren Zug. Der Ort

liegt am Sadschur, einem Nebenfluß des Euphrat, und sein trübes Wasser

verrät, daß in seinem Quellgebiet Regen gefallen ist. Ein bedenkliches

Vorzeichen! Fern im Norden leuchten die Gebirge Armeniens, die zum

Taurus gehören, unter ihrer Schneedecke.

Am Nachmittag stiegen wir in Dscherablus am Euphrat aus.

Hier begrüßten uns der türkische Etappeninspektor des Flußweges, Oberst

Nuri Bei, und Kapitänleutnant von Mücke, der berühmte Kommandant der

„Ayesha“, jetzt Chef der Euphratfluß-Abteilung, die nicht weit vom

Bahnhof am Ufer große Werften und Werkstätten angelegt hat. Eine kleine

Stadt von deutschen und türkischen Häusern war hier erstanden, und

auf der Werft waren deutsche Matrosen beim Bau gewaltiger Boote von

12 Meter Länge, 4 Meter Breite und einer Tragkraft von 25 Tonnen; sie

sollten Kriegsmaterial den Euphrat abwärts nach Risvanije bringen,

von wo eine Feldbahn es nach Bagdad schaffte. Die türkische Werft

liegt 25 Kilometer weiter flußaufwärts in Biredschik. Dort baut man

seit alter Zeit Euphratboote, sogenannte Schahtur, die 6 Meter lang

und 2½ Meter breit sind und auf dem Wasser gewöhnlich paarweise

zusammengebunden werden. Das Holz liefern die Gebirgsgegenden oberhalb

Biredschik. Flußabwärts ist Holz sehr selten; was an solchen Booten

oder Fähren dort hinunter kommt, wird daher gewöhnlich an seinem

Bestimmungsort verkauft. Kapitänleutnant von Mücke wollte aber

versuchen, die zahllosen Boote, die von Dscherablus ausgingen, zu

retten, indem er sie durch deutsche Lotsen mit Motorbooten wieder

an ihren Ausgangspunkt zurückbefördern ließ. Die ganze Stromstrecke

bis Feludscha beträgt über 1000 Kilometer, ein einzelner Lotse kann

sich daher nicht mit ihr vertraut machen. Deshalb sollte sie in zehn

Teilstrecken zerlegt und im Herbst eine genaue Karte des ganzen

Stromlaufs hergestellt werden, denn dann ist die Schiffahrt am

schwierigsten. Jetzt war der Strom im Steigen, aber der Wasserstand

wechselte; am 28. März war er schon fast einen Meter höher gewesen als

jetzt; nach der bevorstehenden Schneeschmelze erwartete man, daß er

wieder um anderthalb Meter steigen werde. Ein während des Hochwassers

aufgenommenes Kartenbild würde leicht irreführen, da alle Untiefen,

Sandbänke und Riffe dann überschwemmt sind und die Wassermenge bei

niedrigem Wasserstand sich zu dem bei Hochwasser verhält wie 1 : 12.

Obendrein sollten an den Ufern Signale angebracht werden mit Angaben

über den Verlauf der tiefen Stromrinne und über alles, was der

Euphratschiffer wissen muß.

Gleich oberhalb der Werft liegen die Ruinen einer uralten Stadt, die

George Smith 1876 entdeckt hat. Auf einer Reise durch Syrien und

Mesopotamien im Jahre 1879/80 kam auch Professor Sachau aus Berlin nach

Dscherablus -- er nennt es Dscherâbîs --, dem Europus der Römer, dem

alten Karkemisch, mit dessen Namen die Erinnerung an einen glänzenden

Sieg verknüpft ist. Hier schlug Nebukadnezar im Jahr 605 v. Chr., ein

Jahr nach Ninives Fall und ein Jahr vor seiner Thronbesteigung, den

Pharao Necho. Dieses Ereignisses gedenkt auch die Bibel; zum Propheten

Jeremias geschah das Wort des Herrn: „Wider Ägypten. Wider das Heer

Pharao Nechos, des Königs in Ägypten, welches lag am Wasser Euphrat zu

Karchemis, das der König zu Babel, Nebukadnezar, schlug im vierten Jahr

Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs in Juda.“

Als Sachau in Dscherablus eintraf, hatte der englische Konsul

Henderson in Aleppo gerade seine Ausgrabungen begonnen. Sie deckten

zwei Kulturperioden auf: die uralte hethitische mit künstlerisch

ausgeführten Reliefs, breiten Treppen und massiven Häusern, und die

römische. Noch bei Ausbruch des Weltkrieges waren englische Archäologen

hier an der Arbeit gewesen. Jetzt stand ihr Wohnhaus leer, ihre Betten

waren requiriert. Funde und Sammlungen hatte die türkische Regierung

versiegeln lassen, damit sich niemand daran vergreife. Durch einen

Spalt in der Holztüre sah ich Skulpturen, Vasen usw. auf Regalen und

auf dem Boden aufgestellt. Von den größeren Skulpturen draußen auf dem

Hof sind, fürchte ich, einige durch die Beduinen beschädigt worden.

Seit Dscherablus ein so wichtiger Punkt auf der Etappenstraße nach

Bagdad geworden ist, haben Türken und Deutsche die strengsten Maßnahmen

zum Schutz der ausgegrabenen Altertümer getroffen. Das Ruinenfeld war

auch in bestem Zustand. Da standen in langen Reihen die aus der Erde

gegrabenen mächtigen Steinplatten, geschmückt mit Löwen und Greifen

und den Bildern assyrischer Könige. Ein etwa einen Meter langer

geflügelter Löwe trug außer seinem eigenen Kopf noch den eines Mannes

mit eigentümlicher Zipfelmütze oder Krone. Die Grundmauern alter Häuser

traten deutlich hervor, oft auch die Einteilung der Räume.

Oberhalb dieses Ruinenfeldes erhebt sich ein Hügel mit Spuren einer

Akropolis, und von hier aus bietet sich eine herrliche Fernsicht.

Flußabwärts verliert man den Euphrat zwischen seinen ziemlich hohen

Ufern bald aus den Augen. Unmittelbar unter uns springt die Brücke der

Bagdadbahn von Ufer zu Ufer, und weiterhin liegt eine Flottille von

Kähnen, die mit dem erwarteten Schneewasser in wärmere Gegenden fahren

soll.

Als die Dunkelheit unsern Studien im Freien ein Ziel setzte,

versammelten wir uns an Kapitänleutnant von Mückes Tisch in der

Offiziersmesse. Hier berichtete nun der Held der „Ayesha“, ein

glänzender Vertreter des Offizierkorps der deutschen Marine, selbst

über seine märchenhaften Abenteuer, wie er auf der nördlichsten

Kokosinsel von der „Emden“ an Land ging, mit seinem kleinen Schoner

über den Indischen Ozean das Rote Meer erreichte und sich in blutigen

Kämpfen mit Araberstämmen durchschlug, bis der Weg nach Konstantinopel

frei war.

Auch hier in Dscherablus gingen allerhand Etappengerüchte um, die

befürchten ließen, daß sich die Russen von Norden her näherten. Teile

einer türkischen Division waren auf dem Marsch nach Mosul, also auf

dem Wege, den wir morgen mit dem Auto einschlagen sollten, überfallen

worden; offenbar hatten die Russen die Eingeborenen aufgewiegelt,

um den Verkehr auf der Etappenstraße zu stören. Die Türken hatten

natürlich die Kurden in die Flucht gejagt. Aber war die Straße nun

wieder frei?

Die Antwort auf diese Frage gab ein Telegramm aus Kut-el-Amara, das

mir in diesem Augenblick ein Matrose überbrachte: „Habe bereits Großes

Hauptquartier benachrichtigt, daß keinerlei Bedenken gegen Ihre

Herreise vorliegen. Freue mich sehr, Sie wiederzusehen. Goltz.“

Wenn der Feldmarschall „keinerlei Bedenken“ hatte, mußten mir auch die

bedrohlichsten Etappengerüchte gleichgültig sein.

Spät am Abend begleitete uns Kapitänleutnant von Mücke zum Bahnhof.

Unsere Automobile waren schon nach Ras-el-Ain vorausbefördert, um sich

dort reisefertig zu machen; am andern Morgen sollten wir wieder zu

ihnen stoßen.

Gegen Mitternacht rollte unser Zug langsam nach Osten der 950 Meter

langen Euphratbrücke zu, die mit zehn eisernen Bogen auf neun

Steinpfeilern das gewaltige Flußbett überspannt. Die Nacht war

sternenhell. Vor ihren Blockhäusern standen die Bahnwärter mit bunten

Laternen unbeweglich wie Statuen. Bald begannen Räder und Schienen zu

singen und zu donnern, die Brücke war erreicht, und im matten Schein

der Sterne breitete der majestätische Strom seinen weiten Spiegel zu

unsern Füßen aus. Dann stieg die Geschwindigkeit; die Bahn lief am Fuß

von Anhöhen entlang und kletterte zwischen ihnen mit merkbarer Steigung

auf das öde, einförmige Flachland zwischen Euphrat und Tigris hinauf.

Als ich am Morgen erwachte, waren wir schon fast am Ziel. Weit bis

zum Horizont dehnte sich das Land eben wie eine Tischplatte oder doch

nur ganz schwach gewellt. Hier und da verstreut zeigten sich schwarze

Nomadenzelte und trieben Hirten ihre Herden auf die grüne Steppe. Der

Himmel strahlte in sonniger Klarheit, der Tag versprach heiß zu werden;

nur im Norden schwebten über den Bergen weiße Wolken, und weit im Süden

stand der Dschebel (Bergrücken) Abd-el-Asis da wie ein hellblauer

Schild. Wir überschritten einen kleinen Flußarm und waren im nächsten

Augenblick in Ras-el-Ain.

Die fünf Autos warteten in Ras-el-Ain schon auf uns, und Major Reith

brannte darauf, seinen Auftrag so schnell wie möglich auszuführen. In

der türkischen Etappenkommandantur versicherte man uns obendrein, die

Wege seien gut und trocken und die beiden Arme des Dschirdschib, die

wir einige Kilometer östlich von Ras-el-Ain zu passieren hatten, jetzt

ganz schmal. Also los!

Das ganze elende Dorf war auf den Beinen, als unsre Kolonne zur Abfahrt

bereit stand. Vorauf die beiden Personenwagen, der erste ein Benz, von

Major Reith selbst gelenkt, mit ~Dr.~ Reith, einem Chauffeur und

mir als Passagieren; hinterdrein die drei Lastautos. ¾10 Uhr setzten

wir uns in Bewegung. Die Straße hätte nicht besser sein können, das

Gelände war eben oder ging in sehr flachen Wellen, und nach 17 Minuten

waren wir schon am ersten Arm des Dschirdschib. Die Furt war ein paar

hundert Meter nördlich von der Straße. Die Personenwagen brausten

schäumend durch das Wasser und waren bald wieder auf dem Trocknen, aber

die Lastautos fuhren auf der steilen, linken Uferterrasse fest, und es

kostete unsere vereinten Anstrengungen, sie wieder freizumachen.

Nun bogen wir vom Damm der Bagdadbahn allmählich nach links ab,

den Telegraphenstangen nach, die unsere einsame Straße verfolgten.

Wir überholten einen Wanderer, einen Jaile und eine Karawane von

Mauleseln. Sonst sahen wir an Lebewesen nur in einiger Entfernung einen

Wolf, dem der Major vergeblich ein paar Kugeln nachschickte.

Schon nach 22 Minuten hatten wir auch den zweiten Flußarm des

Dschirdschib erreicht. Er führte kaum drei Kubikmeter Wasser, sein Bett

war hart und voller Kies, und die Uferböschung flach. Dieses Hindernis

wurde also ohne Schwierigkeit genommen. Als wir dann aber in einen

Hohlweg mit weichem Boden gerieten, fuhr ein Lastauto so gründlich

fest, daß wir mit Spaten und Hebeln drei Stunden schwer zu arbeiten

hatten.

In nordöstlicher Richtung ging es weiter, dem Gebirge von Mardin

entgegen. Wie ein breites gelbrotes Band zog sich die Straße in

leichten Krümmungen durch die grüne Steppe. Lerchen, Wildgänse, Falken

und Geier beherrschten die Luft; auf der Erde sah man nur zahllose

Löcher von Feldmäusen und hier und da die Reste eines gefallenen Kamels

oder Maulesels. Ein türkischer Offizier, der uns auf seinem Jaile

begegnete, berichtete uns, der Weg vor uns sei gut; zwei schwierige

Stellen habe man ausgebessert, da Enver Pascha in Bagdad erwartet

werde. Bei dem Dorfe Arade rasteten drei deutsche Soldaten, die vor

einem Monat aus Bagdad aufgebrochen waren; dort sei es, versicherten

sie, schon damals bedeutend wärmer gewesen als jetzt hier bei Arade.

Beim nächsten Dorf -- Bunas mit Namen -- standen mehrere Zelte,

deren Bewohner ihre Rinder- und Schafherden zusammentrieben. Hier

lebten Fellachen, Ackerbauer, und Beduinen, Nomaden, durcheinander,

die eintönige Steppe wurde daher nicht selten durch bestelltes Feld

unterbrochen. Die Dörfler starrten verwundert unsren vorbeisausenden

Autos nach, von denen das erste die türkische -- weißer Halbmond und

Stern in rotem Feld --, das zweite die deutsche, schwarzweißrote Flagge

führte.

Schon legte sich Abendstimmung über die Landschaft. Die Sonne verbarg

sich hinter den Wolken. Einige Araber zu Pferde zeigten uns den Weg,

der fast geradeaus nach Norden führte, wo die Berge von Mardin immer

schärfer hervortraten. In dem Dorf Abd-el-Imam zeigten sich prächtige

Gestalten, besonders Frauen in roten Trachten, zwischen den Hütten.

Schließlich kamen wir über eine kleine neuerbaute Steinbrücke, eine

seltsame Erscheinung in dieser Gegend, und an einem Tell ohne Dorf

vorüber und bogen ¼7 Uhr etwa 50 Meter seitwärts von der Straße ab.

Hier sollte unser erstes Nachtquartier auf dem Wege nach Mosul sein.

In militärischer Ordnung wurde unser Lager aufgeschlagen. Unsere Wagen-

und Zeltburg -- links die drei Lastautos, rechts die Personenwagen,

vorn zwei Zelte und hinten die offene vierte Seite nach der Wüste zu

-- bildete einen kleinen Hof, in dessen Mitte bald ein Feuer brannte.

Mit dem Dolmetsch Gabes waren wir insgesamt zwölf Mann. Im Handumdrehen

waren die beiden Offizierzelte aufgerichtet, die Betten fertiggemacht,

die Zeltstühle um eine Kiste gestellt, Büchsenkonserven, Suppe, Fleisch

und Gemüse, gekocht, und bald saßen wir beim Schein einer Karbidlampe

um unsern Abendbrottisch, während die Mannschaft es sich in malerischen

Gruppen am Lagerfeuer bequem machte. Dann wurde die Lampe ausgelöscht,

die Zigaretten angezündet, und wir lauschten noch eine Weile den

frischen Gesängen der Chauffeure.

Am 30. März waren wir schon um ½6 Uhr zum Aufbruch fertig. Da erhob

sich plötzlich aus Nordwest ein rasender Sturm, und kalter Regen

peitschte die Steppe. Heraus mit den Regenmänteln! Und nun vorwärts

zum Aufmarsch der Kolonne auf der Straße! Das erste Lastauto zog an,

aber der Erdboden war bereits so feucht, daß die Räder nicht recht

faßten. Noch einmal losgekurbelt! Man hörte ein betäubendes Knattern

und Schleifen -- und plötzlich stand die Maschinerie still. Die

Chauffeure sprangen herunter, und eine kurze Untersuchung ergab als

Resultat: das Auto ist ein Wrack, die nötigen Ersatzteile können nur

aus Scham-allan-han am Taurus beschafft werden -- und das kann ein paar

Wochen dauern!

Nun kam das zweite an die Reihe. Es fuhr an, ratterte und krachte --

und dann stopp! Genau derselbe Schaden wie beim ersten! Auch dieser

Wagen war also erledigt. Der Major biß die Zähne zusammen über dies

Mißgeschick; aber nur nicht den Mut verlieren! Umladen, und dann mit

dem Rest der Kolonne weiter!

Das dritte Lastauto wurde bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit,

die drei Tonnen betrug, beladen; genügenden Vorrat an Benzin, Proviant,

Öl und Wasser mußten wir mitnehmen, außerdem Betten, Kleider, Zelte

und anderes. Die beiden Wracks blieben fast mit ihrer ganzen Last

zurück. Darunter befanden sich mein Zelt, meine Proviantkiste und mein

Primuskocher mit Kessel. Drei Chauffeure, Conrad, Buge und Lopata, und

der türkische Dolmetsch Gabes sollten das unfreiwillige Depot bewachen

und auf Ersatzteile warten. Waffen, Geld und Proviant hatten sie genug.

Gegen 1 Uhr war endlich alles fertig, und nachdem wir noch eine

gründliche Regendusche von Nordwesten her erhalten hatten, fuhren wir

los. Bei Tell-Ermen, einem großen Dorf mit Trümmern von Kirchen und

Moscheen, kamen wir auf die alte Straße von Urfa nach Nesibin, den

Heerweg Alexanders des Großen. Nordwärts führte ein anderer Weg über

Mardin nach Diarbekr und Bitlis. Schon trat Mardin auf dem Gipfel

eines Bergrückens immer deutlicher hervor. Aber wir kamen nur langsam

vorwärts. Der nasse Erdboden klebte an den Rädern und bildete weiche

Ringe von rotem, plastischem Lehm. Bei dem Dorfe Deguk am Westufer

eines kleinen Flußbettes mußten wir die ganze männliche Bevölkerung

aufbieten, um die Wagen das ziemlich steile Ostufer hinaufzuschieben.

Es regnete nicht mehr. Wenn wir nur erst an Nesibin vorüber und von

dem Gebirge fort wären, wo die Niederschläge am stärksten sind! Dann

wird sich das Wetter wahrscheinlich aufhellen. Aber bis dahin geht es

noch entsetzlich langsam! Das Benzauto fährt voraus, muß aber immer

wieder auf das Lastauto warten, das schnaufend herankommt; man hört,

wie der Motor sich aufs äußerste anstrengt. Wir lassen es ein Stück

voranfahren, folgen ihm, haben es bald überholt und warten wieder.

So geht es in einem fort, bis wir endlich das kleine Dorf Bir-dava

erreicht haben.

Einige Dorfbewohner laufen herbei und winken eifrig. Mein mangelhaftes

Türkisch muß nun zur Verständigung dienen.

„Halt!“ rufen die Leute, „ihr könnt nicht weiterfahren. Gleich östlich

vom Dorf ist eine Senkung, die der Regen in einen Sumpf verwandelt hat.

Da sinken eure Wagen bis zu den Achsen ein, und ihr kriegt sie nie

wieder los.“

„Wie weit geht der Moorboden?“ frage ich.

„Etwa drei Stunden nach Osten. Weiter kennen wir die Gegend nicht. Aber

bis Nesibin wird es wohl nicht anders sein.“

„Gibt es weiter nördlich oder südlich keinen Weg?“

„Nein, die Senkung erstreckt sich sehr weit nach Norden und Süden.“

„Hat es in der letzten Zeit viel geregnet?“

„Nein, noch gestern war der Weg bis Nesibin ganz trocken. Heute aber

ist er durch Regen unmöglich geworden.“

„Wie lange dauert es gewöhnlich, bis der Boden trocken wird?“

„Einen oder zwei Tage, wenn die Sonne scheint.“

„Glaubt ihr, daß es noch mehr Regen geben wird?“

„Das weiß Gott allein. Auf alle Fälle müßt ihr hier warten; denn eure

schweren Wagen würden im Schlamm versinken.“

[Illustration: Dorfbewohner schleppen unser Auto durch den Schlamm.]

Einen Versuch wollten wir dennoch wenigstens mit dem kräftigen Benzauto

machen. Die Straße führte unmittelbar nördlich an den kleinen elenden

Lehmhütten von Bir-dava vorüber, dann senkte sich das Land zu einer

flachen Mulde, an deren tiefster Stelle ein gemauerter Brunnen stand;

er war jetzt von einer Wasserlache umgeben. Hinab kamen wir ganz

gut. Als es aber wieder aufwärts ging, blieben wir rettungslos in

dem zähen Lehm stecken. Unsere Chauffeure und einige Männer aus dem

Dorf mußten aus Leibeskräften arbeiten, um uns wieder nach Bir-dava

hinaufzubringen. Für heute blieb uns nichts anderes übrig, als hier auf

ein besseres Morgen zu warten.

Die drei Wagen wurden nebeneinandergestellt, daneben das schwarze

Zelt des Majors, das kaum unsre Betten faßte. Darüber brach die Nacht

herein. Die Mannschaft hatte ihr Lager im Lastauto hergerichtet, und

ihr Teekocher brannte lustig zwischen den Benzinfässern. Aber heute

sangen die Chauffeure nicht, die Anstrengungen des Tages hatten sie

übermüdet. Einer von ihnen, namens Lundgren, war schwedischer Abkunft,

aus Umeå, aber in Deutschland geboren; die andern hießen Hofmeister,

Buschkötter, Ludwig und Bodak -- lauter tüchtige, prächtige Männer, die

für solch eine Reise wie geschaffen waren.

Der Himmel sah bedenklich aus, nur ein einziger Stern blitzte zwischen

den zerfetzten Wolken. Ich lag noch eine Weile wach und lauschte der

wunderbaren Stille der Wüste, die nur hier und da von Hundegebell in

der Ferne oder von den Lauten eines Nachtvogels unterbrochen wurde.

Ich hörte meine Uhr unter dem Kopfkissen ticken und die langen, tiefen

Atemzüge meiner beiden Reisekameraden. Dann schlief auch ich ein.

Gegen 11 Uhr aber erwachte ich durch einen furchtbaren Sturzregen.

Schwere Tropfen platschten draußen in neu entstandene Wasserlachen und

trommelten auf die Zeltbahnen. Und das Trommeln dauerte die ganze Nacht

mit unverminderter Heftigkeit! So oft ich erwachte, hörte ich dieses

trostlose Rauschen, das uns mindestens auch für den nächsten Tag den

Weg nach Osten versperren mußte.

Am Morgen spannten wir bei immerfort strömendem Regen die Zelttür zu

einem Dach auf, das von zwei Stangen getragen wurde, und frühstückten

auf dieser luftigen Veranda Eier und Schinken, die wir auf einem

Primuskocher gebacken hatten. Nach Norden zu lag die freie Steppe vor

uns, aber von den nahen Bergen war keine Spur mehr zu sehen. Schwere

Wolken schwebten über der Erde, und wer das Zelt verließ, sank fußtief

in den roten Schlamm ein.

Gegen Mittag hörte der Regen eine Weile auf. Da kamen auch schon die

Dorfleute neugierig heran, und ein altes runzliges Weib bat um Medizin

für ihren Sohn, den seit einigen Tagen starker Kopfschmerz und Fieber

plagten. Dr. Reith gab ihr etwas für den Kranken. Vor kurzem war in

Bir-dava der Flecktyphus ausgebrochen und hatte von den fünfunddreißig

Einwohnern sieben weggerafft. Für Geld und gute Worte brachte man

uns etwas armseliges Reisig zu einem Feuer, dessen Glut wir in einem

eisernen Kessel ins Zelt trugen, um in der feuchten Kälte nur ein

gewisses Gefühl von Wärme und Trockenheit zu gewinnen. Kleine zerlumpte

Kinder sammelten Konservenbüchsen und leere Flaschen, und die Dorfhunde

wurden immer frecher auf der Suche nach Abfällen. Sogar eine Maus

quartierte sich unter unsern Kisten und Säcken ein und entwischte uns

immer wieder, so oft wir auch Jagd auf sie machten.

Schließlich begann es wieder zu regnen. Man hörte und sah, wie ein

Regenschauer nach dem andern wolkenbruchartig über die Steppe daherkam.

Sogar in unserm Zelt waren wir nicht mehr sicher. Die Chauffeure

mußten ringsherum einen Kanal graben und einen Erdwall aufwerfen, um

uns vor Überschwemmung zu schützen. Vor dem Eingang bauten sie eine

Brücke aus Planken des Lastautomobils. Das ganze Feld war ein einziger

Sumpf, denn es dauerte lange, bis das Regenwasser den Lehm durchdrang,

dessen Oberfläche glatt war wie Seife. Ein tragikomisches Schauspiel

bot eine vorüberziehende kleine Karawane von Mauleseln: die auf den

schwer beladenen Saumsätteln sitzenden Araber hatten ihre schwarz- und

braungeränderten Mäntel über den Kopf gezogen, und der Regen floß nur

so von ihnen und ihren Tieren herunter. Die endlich hereinbrechende

Dämmerung wirkte fast wie eine Erlösung. Wir bereiteten mit möglichster

Langsamkeit unser Abendessen und überließen uns einer neuen Nacht.

Gegen Mitternacht weckte mich wiederum ein fast tropischer Regenguß

aus dem Schlaf. Feine Wassertropfen sprühten durch das Zelttuch auf

uns herab, und einige Stunden später regnete es so kräftig herein, daß

~Dr.~ Reith in das Unwetter hinaus mußte, um den Schutzlappen des

Zeltfensters an der Windseite wieder festzubinden, der aufgegangen war.

Am Tage wurde es nicht besser. Die Zelttür mußte geschlossen bleiben,

denn der Wind stand gerade gegen sie; wir frühstückten auf meinem Bett

und saßen da wie Schiffbrüchige auf kleiner Klippe in einem Meer von

Schlamm; der Zeltgraben stand ebenfalls bis an die Ränder voll Wasser.

Die schmutzigen Hunde wurden immer kecker, da wir sie nicht verfolgen

konnten. Dazu kam die erschreckende Nachricht, daß der Kranke von

gestern über Nacht gestorben sei -- wir hatten also den Flecktyphus als

nächsten Nachbarn!

Später am Tage sahen wir denn auch, wie sich ein kleiner Leichenzug

nach dem Friedhof bewegte, der in einiger Entfernung südöstlich von

unserm Zeltplatz lag. Auf einer Bahre trug man den Toten langsam dahin.

Am Grabe sprachen die Begleiter Totengebete; bald reckten sie die Hände

in der Richtung nach Mekka empor, bald sanken sie in dem fürchterlichen

Schlamm neben der Leiche nieder. Endlich wurde der Tote in die Erde

gesenkt, abermals Gebete gesprochen und das Grab zugeschaufelt. Ich

glaube, die Zeremonie dauerte ein paar Stunden. Dabei regnete es

unaufhörlich, und die groben Mäntel der Fellachen glänzten von Wasser.

Nach vollbrachter Arbeit ging das Trauergefolge ebenso langsam nach

Haus, wie es gekommen war.

Während der Flecktyphus-Epidemie in Aleppo haben deutsche Ärzte die

Beobachtung gemacht, daß Europäer für Ansteckung weit empfänglicher

sind als Eingeborene. Auch hat sich während des Krieges gezeigt, daß

die Krankheit bei russischen Soldaten und Kosaken einen milden Verlauf

nimmt, weil sie an Ungeziefer gewöhnt sind. Je älter der Patient ist,

um so schwerer kommt er durch.

Einem türkischen Soldaten, der gen Westen ritt, gab der Major einen

Brief mit, worin er die zurückgelassenen Chauffeure über unsre Lage

unterrichtete. Sonst zeigte sich kein Reisender, der kühn genug gewesen

wäre, den Kampf mit den Elementen aufzunehmen.

Bei Dunkelwerden hörte der Regen auf. Da brachte „Lohengrin“ -- wie

Lundgren von den Kameraden genannt wurde -- das Teewasser ins Zelt und

meldete, im Norden sei eine Reihe Feuer sichtbar. Was mochte das sein?

Biwakfeuer? Doch nicht etwa russische? Aber das war unmöglich, dann

hätten wir etwas von einem Rückzug der Türken merken müssen. Diese

waren aber im Vormarsch. Nach der Karte lag in jener Richtung, nur 10

Kilometer entfernt, Mardin, das sich seit gestern hartnäckig hinter dem

Regenschleier verborgen hatte; die Feuer waren nichts anderes als die

Lampen in den Häusern dieser Stadt. Wir konnten uns also ohne Sorge in

unserm Gefängnis zur Ruhe begeben und den Regenschauern lauschen, die

am Abend mit vermehrter Heftigkeit einsetzten.

Am nächsten Tag dasselbe Bild! Man steht auf, wäscht sich, kleidet

sich an, öffnet einen Spalt der Zelttür, frühstückt und hat den ewig

langen Tag vor sich. Ich habe Bezolds „Ninive und Babylon“ und „Moltkes

Briefe aus der Türkei 1835-39“ bei mir, aber die Ruhe zum Lesen fehlt.

Man wartet in sehnsüchtiger Qual, daß irgendetwas geschehe, uns aus

dieser hoffnungslosen Lage zu befreien. Volkstypen zu zeichnen ist

auch unmöglich; Leute mit Flecktyphus bringenden Läusen ins Zelt

hereinlassen -- das fehlte noch! Im Dorfe geht das Leben seinen

alltäglichen Gang. Frauen treiben von den Feldern Schafe und Ziegen

herein oder holen in Lehmkrügen Wasser am Brunnen. Der Himmel ist

blauschwarz. Zuweilen grollt unglückverheißend und dumpf der Donner in

den Bergen. Und das ist Mesopotamien im April, wo ich Frühlingswärme

erwartet hatte, Trockenheit und Skorpione! Aber wir waren ja freilich

in einer Höhe von 550 Meter und am Fuß eines Gebirges, wo der Winter

noch nicht gewichen war. Nachmittags um 5 Uhr zeigte das Thermometer

nur 10 Grad, eine Temperatur, die wir nach den warmen Sonnentagen in

Aleppo als Kälte empfanden.

Drei Soldaten kamen von Ras-el-Ain zu Fuß; sie hatten unsre

verunglückten Automobile und das Zelt der Chauffeure gesehen. Ein paar

andere zogen in entgegengesetzter Richtung. Sie waren schon 20 bis 30

Kilometer östlich von Nesibin in das Moorbad geraten, das bis hierher

reichte, und sie gaben uns die tröstliche Versicherung, daß mindestens

zwei Tage warmer Sonnenschein nötig seien, um das Land wieder zu

trocknen.

Am Nachmittag trat einen Augenblick die Sonne hervor, und mit ihr in

Nordnordwest die alte Festung von Mardin auf dem Gipfel des Bergkammes;

unmittelbar darunter die Häuser wie Schwalbennester an den Böschungen,

dazwischen die armenischen und syrischen Kirchen und weißen Minarette.

Aber bald verschwand wieder alles unter schwarzen Wolkenmassen und

neuen Regenschauern.

Eine verzweifelte Lage! Wären wir nur einen Tag früher aufgebrochen,

so wären wir bereits in Mosul! Die ganze Strecke ist nur 320 Kilometer

lang, für ein Auto zwei Tage Fahrt. Nun saßen wir in diesem elenden

Gefängnis und konnten weder vor- noch rückwärts. Proviant hatten wir

ja noch für acht Tage, nur Brot und Wasser gingen zu Ende. Aber an

letzterem war ja kein Mangel -- wir brauchten nur ein Stück Segeltuch

aufzuspannen, um die Kannen gefüllt zu erhalten.

Am Morgen des 3. April weckte uns die Meldung, die Sonne scheine.

Wirklich! Der halbe Himmel blau und hell, und über die andere Hälfte

segelten freundliche weiße Frühlingswolken. Wir kleideten uns in aller

Eile an und rasierten uns sogar aus lauter Feststimmung. Für vier

Soldaten, die von Ras-el-Ain dahergewandert kamen, kauften wir bei der

Dorfbevölkerung einige Brote, denn sie hatten nichts mehr zu essen, da

sie während der Regentage hatten liegen bleiben müssen.

[Illustration: Mardin von Südosten gesehen.]

Dann beobachteten wir mit zunehmender Spannung, wie die Regenlachen

zusammenschrumpften und die Ackerschollen rings um unsern Lagerplatz

immer deutlicher hervortraten. Kurz nach Mittag war alles Wasser auf

der Erdoberfläche verschwunden. Nur um Zelt und Autos herum war der

von uns und den Chauffeuren zerstapfte Lehmschlamm noch fußtief.

Die Mistkäfer aber schienen dem guten Wetter noch kein Vertrauen zu

schenken, so eilig rollten sie ihre Erdklümpchen daher.

Nun zeigte sich auch wieder Leben auf der Straße. Eine Karawane von

fünfzig mit Munition beladenen Kamelen zog nach Nesibin, und ein

türkischer Offizier kam mit seinem Diener von Westen geritten. Wir

luden ihn in unser Zelt ein und bewirteten ihn mit Kakao und Keks.

Der Türke war Leutnant Ahmed Dschemal, von kurdischer Abkunft, als

Kompagnieführer auf dem Marsch nach dem Irak; morgen sollte er in

Nesibin sein. Der Major bat ihn, eine Depesche nach Schamallan-han

mitzunehmen, die Ersatzteile für die verunglückten Automobile

bestellte, und vom Kaimakam von Nesibin acht Jailewagen zu verlangen,

die schleunigst hierhin kommen sollten, um unser schweres Gepäck zu

holen. Jeder dieser Wagen konnte bei schlechtem Weg 200 Kilogramm

fassen und so das Auto mit seiner Last von 3000 Kilogramm um die Hälfte

erleichtern. Als der Leutnant hörte, daß unser Brot zu Ende sei,

schenkte er uns aus seinem reichen Vorrat einige herrliche türkische

Kommißbrote. Bald kam auch seine Kompagnie dahermarschiert, gegen

100 Mann, leicht bepackt und in vortrefflicher Verfassung. Ihnen

folgten eine Stunde später Packpferde mit Waffen, Munition usw., und

zuletzt zwei Gepäckwagen. Die Leute waren die vier Tage im Platzregen

marschiert und bis auf die Haut durchnäßt; aber bis Bagdad wurden sie

wohl wieder trocken!

Ahmed Dschemal war mit seiner Truppe kaum abmarschiert, als sich über

den Bergen neue Wolkenmassen sammelten. Wir hatten zu früh gejubelt.

Die blauen Flecke am Himmel verschwanden, und es wurde dunkler und

dunkler, und plötzlich stürzte ein neuer Platzregen, zur Abwechslung

mit Hagel vermischt, auf uns herab. In wenigen Minuten waren

Ackerfurchen und Zeltgraben wieder mit Wasser gefüllt und das ganze

Land ein unermeßlicher Sumpf. Es wurde 3 Uhr, 5 Uhr, 6 Uhr -- der Regen

rauschte mit Erbitterung herunter. Als er um 7 endlich aufhörte, hatte

sich eine neue Nacht auf die Erde gesenkt und unsre Hoffnungen auf

baldige Befreiung begraben.

Obgleich es am andern Morgen nicht mehr regnete, war die Straße

hoffnungslos. Ein vorüberreitender türkischer Soldat versicherte, ein

fester Kiesweg am Fuß des Gebirges entlang verbinde Mardin mit Nesibin;

auf diesem Wege hätten die Türken noch vor fünf Tagen Geschütze nach

Osten transportiert; diese Richtung sollten wir einschlagen. Ehe der

südliche Weg trocken werde, könnten wir noch einen Monat oder länger

hier liegen bleiben! Sofort schickten wir die Chauffeure aus, um den

nördlichen Weg zu untersuchen. Sie fanden ihn -- noch schlechter als

den unsrigen!

Da der Schlamm um uns her lebensgefährlich wurde, verlegten wir

unser Zelt etwa 20 Meter nordwärts von der Straße, zogen neue Kanäle

und Wälle, bauten zwischen Zelt und Wagen eine Brücke und luden die

Benzinfässer aus, um sie beim ersten Sonnenschein über die gefährliche

Senkung zu rollen, am liebsten gleich 6 Kilometer weit, damit das Auto

schneller vorwärts komme.

Vergebliches Bemühen! Um 5 Uhr goß es wieder in Strömen. Man sah,

wie sich die Regenzentren am Gebirgsrand im Osten und weiter südlich

bildeten, nach Westen zogen, über unserem Lager haltmachten und ihre

Wolkenmassen über uns ausbreiteten. Es war, als beeile sich jedes

einzelne Wassermolekül, das aus dem Mittelmeer und dem Persischen

Meerbusen aufstieg, ausgerechnet nach der Gegend zwischen Ras-el-Ain

und Nesibin zu kommen und dort niederzugehen, wo wir in dem roten Lehm,

dem vorzüglichsten Terrakottamaterial, so elend gestrandet waren!

Nachdem wir noch einen Tag im Sumpf gelegen hatten, war die Geduld des

Majors erschöpft. Am Morgen des 6. Aprils fragte er mich plötzlich, ob

ich Lust hätte, mit ihm allein nach Ras-el-Ain zurückzukehren.

„Ja, mit Wonne, wenn wir nur von Bir-dava fortkommen!“

„Dann fahren wir jetzt gleich mit dem Benz und nehmen nur das

Unentbehrlichste mit. Was zurückbleibt, lasse ich nach Mosul und Bagdad

schaffen, sobald die Straßen besser sind.“

„Aber glauben Sie, daß das Auto in dem Schlamm und Regen vorwärtskommt?“

„Wir mobilisieren jedes Dorf bis zur Eisenbahn!“

Und so geschah es. Wir ließen die Chauffeure bis auf Hofmeister bei

~Dr.~ Reith zurück, der wohl oder übel sich in das Schicksal

ergeben mußte, auf unsrer Schlamminsel bei dem zurückgelassenen Gepäck

auszuharren. Vor unsern Benz spannten wir zunächst die männliche

Bevölkerung von Bir-dava, soweit sie sich anwerben ließ, und mit

vereinten Kräften zogen und stießen wir unsern Wagen bis zum nächsten

Dorf, wo eine neue Abteilung Fellachen requiriert wurde. So ging es zum

Verzweifeln langsam, aber sicher, von Ort zu Ort; denn Zugtiere waren

nirgends aufzutreiben. Wo die Bevölkerung phantastischen Kriegslohn

forderte, halfen uns türkische Soldaten aus der Verlegenheit.

[Illustration: Das Auto wird an Bord einer Fähre geholt.]

Bis zu den beiden verunglückten Lastautos blieb der Regen unser treuer

Begleiter. Am 8. April endlich klärte sich das Wetter auf, die Wege

wurden wieder fahrbar, und wir durften unsern Wagen endlich wieder

seiner eigenen Motorkraft überlassen. Schwierigkeiten machten nur noch

die beiden Arme des Dschirdschib, die durch den tagelangen Platzregen

zu reißenden Strömen angeschwollen waren. Über den ersten brachte uns

eine Fähre, die zum Truppentransport zur Stelle war; und durch den

zweiten zog uns eine Koppel Ochsen von einer türkischen Trainkolonne.

Motor, Ochsen und Chauffeur hatten dabei aber ein so gründliches Bad

genommen, daß wenigstens die ersteren streikten. Wir mußten daher noch

einmal militärischen Vorspann nehmen, diesmal von Pferden, und so

fuhren wir sechsspännig in pechfinstrer Nacht endlich wieder am Bahnhof

von Ras-el-Ain vor.

[Illustration: „Kapitän“ Mohammed am Steuerruder.]

Viertes Kapitel.

Mein neuer Feldzugsplan.

Ein Feldzugsplan im wörtlichen Sinne war es nun eigentlich nicht, denn

daran war mir auf den grundlosen Feldwegen nach Bir-dava und zurück die

Lust vergangen. Aus den zwei Tagen, in denen ich Mosul hatte erreichen

sollen, waren zwei Wochen Ungemach geworden. Wenn doch einmal alles zu

Wasser werden sollte -- warum sich dann nicht lieber diesem Element

ganz anvertrauen und noch einmal solch eine fröhliche Stromfahrt

versuchen, wie ich sie schon zweimal vor Jahr und Tag im Innern Asiens

auf den Fluten des Tarim und des Brahmaputra unternommen hatte?

Der Euphrat war mir noch so gut wie fremd. Im Mai 1886 hatte ich ihn

zum erstenmal gesehen. Damals war ich auf dem englischen Dampfer

„Assyria“ vom Persischen Meerbusen in den Schatt-el-Arab hineingefahren

und einige Tage später nach Korna gekommen, wo am Zusammenfluß des

Euphrat und Tigris das Paradies gelegen haben soll. Dann war ich im

November 1905 bei einem kurzen Aufenthalt in Erserum bis in die Nähe

der Quelle des Frat-su oder Euphrat geritten. Jetzt hatte mich mein

Schicksal zum drittenmale an diesen gewaltigen Strom geführt, der

in der Geschichte der Menschheit älter ist als Nil und Brahmaputra.

Ließ ich diese Gelegenheit, ihn gründlich kennen zu lernen, ungenutzt

vorübergehen -- wer weiß, ob sie jemals wiederkehrte!

Am 9. April saß ich wieder in der Bahn, die mich von Aleppo nach

Ras-el-Ain gebracht hatte, und ich fühlte mich wie befreit aus langer

Gefangenschaft, als ich endlich wieder die mächtig wogende Wasserstraße

vor mir sah, die mich jetzt -- dazu war ich fest entschlossen -- meinem

Ziel, der Stadt der Kalifen, entgegenführen sollte. In Dscherablus

verabschiedete ich mich von Major Reith und war bald wieder in der

deutschen Marinestation am Euphrat. Kapitänleutnant von Mücke war vor

einigen Tagen nach Konstantinopel gefahren, statt seiner empfingen mich

nun sein Vertreter, Schiffsbaumeister Schneider, und acht deutsche

Flieger und Artillerie-Offiziere, die sich in den nächsten Tagen zur 6.

Armee nach Bagdad begeben sollten.

Sofort machte ich mich an die Vorbereitung meiner Euphratfahrt.

Etappeninspektor Oberst Nuri Bei überließ mir einen einheimischen

Doppelschahtur, und bald fanden sich zwei Schahturtschis, Ruderer,

bei mir ein, um die Löhnung für die Reise zu vereinbaren. Dem Ustad

oder Kapitän bewilligte ich zwei türkische Pfund, die anderen Schiffer

erhielten je ein Pfund und zwar für die Strecke bis Der-es-Sor,

wo die türkische Besatzung von Arabern abgelöst werden sollte.

Als Sicherheitswache sollte mich ein Gendarm begleiten; gegen

einen Überfall durch Beduinen hätte der aber wohl schwerlich viel

ausgerichtet.

Auf der Werft war alles in lebhafter Tätigkeit. Kräftige deutsche

Matrosenfäuste schwangen die Äxte, Türken und Araber sägten und

hämmerten. Ein Boot nach dem andern wurde fertiggestellt, auf einen

Wagen geladen, zum Ufer hinabgerollt und dem Strom übergeben. Jedes

erhielt einen Namen nach irgendeinem berühmten Ereignis des Weltkriegs.

Auf einer Flottille solcher Boote oder Fähren verstaute gerade eine

Fliegerabteilung ihre Tauben und Doppeldecker; bald sah ich sie den

Strom hinab schwimmen und bei der ersten Biegung verschwinden. Man

hatte mich freundlichst eingeladen mitzufahren; aber mir lag jetzt vor

allem daran, meine völlige Unabhängigkeit zu bewahren.

Auf andere Fähren schob eine bayerische Batterie unter Major von

Schrenk, deren Train wir am Dschirdschib begegnet waren, ihre

15-~cm~-Haubitzen und Munitionswagen. Jedes dieser plumpen,

aber praktischen Fahrzeuge trug 25 Tonnen, wurde aber nur bis zu

18 beladen und faßte vier volle Munitionswagen und eine bedeutende

Menge loser Munition. Mehrere Tage noch sollte die Verladung dauern,

und der Batterieführer wollte warten, bis auch sein letzter Schahtur

reisefertig war.

Für meine Fahrt den Euphrat abwärts hatte ich einen starken

türkischen Doppelschahtur, dessen beide Hälften mit Stricken fest

zusammengekoppelt wurden. Seine Länge betrug 6,58 Meter, seine Breite

5. Hinten wurde ein Steuer angebracht, vorn an jeder Seite ein Ruder.

Reserveruder durften natürlich auch nicht fehlen. Gewöhnlich rechnet

man auf die Fahrt bis Feludscha zwei Wochen. Ich brauchte aber längere

Zeit, da ich die Reise dazu benutzen wollte, eine Karte des Stromes

aufzunehmen; die Nächte über mußte ich also vor Anker gehen. Deshalb

wollte ich an Bord einigermaßen bequem wohnen, und der Zimmermann Murat

mußte mir nach einem Papiermodell das Fahrzeug entsprechend einrichten.

Die linke Fähre erhielt ein Holzdeck, das vorn und hinten für Kapitän

und Ruderer Raum ließ. Auf Deck wurde eine 3 Meter lange und 2 Meter

breite Hütte aufgeschlagen, deren schmale Vorderwand in Angeln ging und

sich nach oben aufklappen ließ. Tagsüber diente diese als Sonnendach

für meinen Arbeitstisch; nachts wurde sie herabgelassen. Das übrige

Mobiliar bestand aus Feldbett und zwei Kisten. Proviant, den ich in

Dscherablus gekauft hatte, wurde unter Deck verstaut. Ein Fenster in

der Steuerbordseite ermöglichte mir im Stehen den freien Ausblick auf

den Strom, ein zweites kleineres Fenster wurde gegenüber so angebracht,

daß ich auch im Liegen hinaussehen konnte. Beide wurden mit Gardinen

versehen. Ein niedriges Regal unter dem Fenster des Steuerbords

enthielt Waschgeschirr, Seife und alles das, was zur Pflege des äußeren

Menschen unentbehrlich ist. Ein Querbrett an der schmalen Wand trug

Fernrohr, Thermometer, elektrische Lampe, Metermaß, Stearinkerzen,

Zigaretten, Zündhölzer und meine kleine Bibliothek. Letztere bestand

nur aus drei Büchern, die aber zur Not für ein ganzes Menschenleben

ausreichten: der „Assyrischen und Babylonischen Geschichte“ von Bezold,

einer „Praktischen Grammatik der osmanisch-türkischen Sprache“ von

Wahrmund und dem Buch der Bücher, der Bibel, die ich noch nie mit

solchem Interesse gelesen habe als auf dieser Fahrt in das Land der

babylonischen Gefangenschaft. Meine greisen Eltern hatten sie mir bei

meinem letzten Abschied von Stockholm mit auf die Reise gegeben.

[Illustration: Hussein am Steuerbordruder.]

Ich hatte den 12. April als Tag der Abreise bestimmt, nicht etwa

um dem 13. auszuweichen, denn diese Zahl hat mir auf meinen Reisen

in Asien immer Glück gebracht, nur weil ich vor Ungeduld brannte,

endlich fortzukommen. Schon früh am Morgen erklangen die Hammerschläge

und rasselte die Säge; die Wände der Hütte wuchsen an ihren Pfosten

hinauf; etliche kurze Bretter fügten sich zu einem Tisch zusammen,

und ein bodenfester Stuhl baute sich daneben. Als alles fertig war,

schien vom hellen, wolkenfreien Himmel die untergehende Sonne auf den

Euphrat herab. Der Strom war nach den heftigen Regenfällen der letzten

Wochen und infolge der Schneeschmelze, die jetzt Tag für Tag zunahm,

noch immer im Steigen. Die Wassermasse, die sich unter der Brücke

hindurchwälzte, berechnete man auf 1200 Kubikmeter in der Sekunde; das

konnte noch ganz anders kommen, denn einmal in den letzten Jahren hatte

man 2000 Sekundenkubikmeter gemessen. Die Reise war also nicht ohne

Gefahr, auch wenn mein tapferer Gendarm alle Beduinen und sonstigen

Wegelagerer in die Flucht trieb, und von den mancherlei Abenteuern

auf den Wellen und an den Ufern des Euphrat darf ich dem Leser in den

folgenden Kapiteln einiges berichten.

Nur noch ein paar Worte über die Besatzung meiner Fähre. Mein „Kapitän“

Mohammed war ein Türke aus Biredschik im stattlichen Alter von achtzehn

Jahren. Seit acht Jahren hatte er, erst als Gehilfe seines Vaters, dann

als eigener Herr, gegen hundert Reisen nach Der-es-Sor gemacht, und

Arabisch sprach er so geläufig wie Türkisch. Hussein am Steuerbordruder

war noch drei Jahre jünger, aber trotz seiner Jugend schon zwanzigmal

zu Schiff in Der-es-Sor gewesen; der sechzehnjährige Kerif am

Backbordruder nur siebenmal. Diese Stadt bezeichnete die Grenze der

Ortskenntnis der türkischen Schiffer. Beide Jungen waren ebenfalls

Osmanen aus Biredschik und radebrechten wenigstens etwas Arabisch.

Der vierte im Bunde war der Gendarm Mahmud, ein Türke aus Urfa von

zweiundvierzig Jahren, der zwanzig Jahre im Heer des Großsultans

gedient hatte, seit Beginn des Weltkrieges in Biredschik stand und mit

seinem grau gesprenkelten Bart wie ein Greis aussah. In seinem grauen,

groben Soldatenmantel, das Gewehr über der Schulter, präsidierte er

in martialischer Haltung auf der Steuerbordfähre, wo sich die kleine

Mannschaft einzurichten hatte. Was mir fehlte, war nur ein Dolmetscher,

um mich mit meinen eignen Leuten leicht zu verständigen -- ein

heilsamer Zwang, mein mangelhaftes Türkisch durch eifrigstes Studium zu

vervollkommnen.

[Illustration: Meine Fähre am Ufer der Silman-Araber.]

Fünftes Kapitel.

Auf den Wellen des Euphrat.

Es war ½6 Uhr nachmittags, als ich mich von meinen deutschen Freunden

in Dscherablus, von Rittmeister von Abel, der dienstlich dorthin

gekommen war, von Major von Schrenk und seinen Offizieren, und von Nuri

Bei verabschiedete.

„Jallah! Bismillah rahman errahim!“

Auf dieses Kommando stieß meine Fähre vom Ufer ab, wurde sogleich vom

Strom erfaßt, und bald waren Dscherablus und die deutsche Marinestation

außer Sehweite. Ich war, wie so oft auf meinen Entdeckungsfahrten,

allein mit meiner Arbeit unter wenigen eingeborenen Begleitern.

Unaufhaltsam trägt die starke Strömung meine Fähre gen Süden. Die

schmale Vorderwand meiner Hütte ist als Sonnendach hochgeklappt;

Kartenblatt, Kompaß und Uhr vor mir, sitze ich an meinem Schreibtisch

und zeichne unsere Fahrtrichtung und die Formen der Ufer ein. Die

steilen Bergfronten, die Klippen und Sandbänke, die grasbewachsenen

Inseln, die Wiesen, Dörfer und Zelte, Lehmhäuser und Hügel, die

Ergebnisse der Tiefen- und Geschwindigkeitsmessungen, sogar die

weidenden Herden, alles wird in die Karte eingetragen. Selten ist die

Richtung fünf Minuten lang die gleiche; gewöhnlich muß ich nach zwei,

drei Minuten neue Peilungen machen, und ich habe kaum Zeit, zwischen

den einzelnen Beobachtungen eine Zigarette anzubrennen. Ein Fernrohr

ermöglicht mir, das Leben der Nomaden an den Ufern zu beobachten und

die Eigentümlichkeit des beständig wechselnden Landschaftsbildes

genauer zu studieren. Kleine Entenscharen flattern dicht über der

Oberfläche des Flusses vor uns her. In der Ferne schreit der Kuckuck,

und von den Ufern her klingen die Glocken der Schafherden. Wenn es

ganz ruhig ist, hört man an der Oberfläche des Wassers ein Brodeln und

Zischen, wie wenn Wasser eben zu kochen beginnt. Dieser Laut begleitete

mich mehrere Tage und verschwand erst, als Luft und Wasser wärmer

geworden waren. Tag und Nacht bin ich auf dem Flusse; ich bin eins mit

ihm, lebe sein Leben und fühle, wie er arbeitet und sich rührt, um weit

im Süden bis zur Küste vorzudringen und im Meere seine Freiheit zu

gewinnen.

Das Land ringsum ist eine ungeheure Miozänkalksteinplatte, die bis

unterhalb Hit am Euphrat und bis Samarra am Tigris reicht und nicht

nur Nordsyrien bedeckt, sondern auch el-Dschesire, die Insel, oder

das Land zwischen den beiden Brüderströmen, das ungefähr dem alten

Assyrien entspricht. Ihre Höhe beträgt bis 500 Meter, so daß man von

einer Hochebene sprechen kann. Wo im Süden die tertiäre Kalksteinschale

aufhört, beginnt reines Schwemmland, dessen alluviale Ablagerungen

eine bedeutende Tiefe erreichen. Vermehrt durch den Schlamm, den beide

Ströme mit sich führen, schieben sich diese Ablagerungen immer weiter

in den Persischen Meerbusen vor. 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung

lag die chaldäische Stadt Suripak an der Küste, jetzt sind ihre

Ruinen 210 Kilometer von ihr entfernt! Noch zur Zeit Sardanapals

mündeten Euphrat und Tigris jeder für sich in den Persischen Golf.

Der Schatt-el-Arab, zu dem sich beide jetzt vereinen, ist also einer

der jüngsten Ströme der Welt. Dies Alluvialland entspricht dem alten

Babylonien, dem Irak-Arabi der Gegenwart. In seinem subtropischen Klima

gedeihen Zuckerrohr, Reis und Datteln, und in naher Zukunft sollen hier

reiche Baumwollernten eingebracht werden.

Durch diese Kalksteinplatte arbeitet sich der Euphrat in zahllosen

kleinen Windungen nach Südosten. Wo das Gestein dem Ansturm des

Stromes getrotzt hat, und dieser sich daher auf etwa 100 Meter Breite

zusammendrängt, fallen die Ufer schroff ab; in den oft alabasterweißen

Wänden hat das Wasser in jahrtausendelanger Arbeit schalenförmige

Vertiefungen und gigantische Felsentore, Grotten und Höhlen, Löcher und

Klüfte ausgewaschen, in denen Raubvögel und Dohlen horsten. Hier und da

scheint die Natur mit der Überlegung des Menschengeistes geschaffen zu

haben; steile Treppen mit gewaltigen Stufen führen die Uferwände empor,

oder man glaubt mächtige Kais zu erkennen, die das Wasser eindämmen

sollen. Meist ist die Erosionsterrasse bei konkaven Uferstrecken ein

oder mehrere Meter hoch, senkrecht und sogar überhängend; Wurzelfasern

von Kräutern und Sträuchern reichen ins Wasser herunter, und ab und

zu stürzen Erdklumpen klatschend ab. Man hört und sieht, wie der Fluß

sein Bett unablässig formt, am konkaven Ufer bricht er ab und reißt er

nieder, und die Wellen schäumen um Felsblöcke, die herabgestürzt und an

seichten Stellen liegen geblieben sind; am konvexen Ufer baut er auf,

manche flachen, unfruchtbaren Anschwemmungen können erst gestern oder

vorgestern entstanden sein. Auf diesen Strecken lassen sich nur hier

und da schmale Uferstreifen bewässern und bebauen.

Dann wieder schiebt sich die Kalksteinschale rechts und links mehrere

hundert Meter zurück, so daß der Strom bei Hochwasser eine Breite

bis zu 800 Metern gewinnt und sich wie eine Meeresbucht vor uns

ausdehnt, deren Weite und Richtung kaum erkennbar ist. Die Gipfel

der Höhen schimmern grün, hier und da ist Lava drübergebreitet. Oft

tragen die beherrschenden Höhen auch Ruinen von Festungen und Türmen,

von denen aus die Völker des Altertums wahrscheinlich herannahende

Kriegsgefahr meldeten. Auf dem weiten Uferland weiden Ziegen, Schafe

und Rinder, der Reichtum der Nomaden; Klippen und Landzungen springen

als schaumumwirbelte Wellenbrecher in den Strom vor, auf breiten

Schlammbänken sitzen Möwen und Meerschwalben wie Perlenreihen und

steigen bei unserem Nahen mit gellenden Schreien in die Luft. Oft teilt

sich auch der Strom durch langgestreckte Inseln, die das Hochwasser

jetzt überspült; Sträucher und Steinhütten, die über die Oberfläche

hervorragen, verraten dem Steuermann der Fähre ihre Nähe. Erst wenn das

Wasser fällt, werden sie wieder zu richtigen Inseln.

Während der ganzen Stromfahrt bietet der Durchbruch des Euphrat durch

diese Kalksteinplatte eine Fülle charakteristischer Formen, und ich

habe das großartigste Naturtheater vor mir, das sich denken läßt; in

wechselnden Szenerien kommt mir die Landschaft entgegen, während ich

selbst in tiefster Ruhe das köstliche Schauspiel genieße. Kletterte

ich die Uferwände hinan, so sähe ich nur eine öde, endlose Steppe; man

braucht sich nur wenige Kilometer vom Euphrat zu entfernen und sieht

keine Spur mehr von der Nähe dieses prächtigen Flußtals.

In den ersten Tagen ging meine Stromfahrt so langsam vor sich, daß ich

schon daran verzweifelte, auf diesem Weg überhaupt Bagdad zu erreichen.

Ein oder zwei, höchstens drei Meter in der Sekunde war bei ruhigem

Wetter die Durchschnittsgeschwindigkeit meiner Fähre; das machte in

der Stunde 4 bis 7 Kilometer, an sich ein ganz erfreuliches Tempo.

Da aber meine Arbeit an Bord Tageslicht erforderte, mußten wir die

ruhigen Nächte über still liegen; außerdem machten uns Nebel und die

Frühlingsboten, Regen und Sturm, so viel zu schaffen, daß wir immer

wieder in den Schutz der steilen Uferwände flüchten und halbe Tage

lang vor Anker gehen mußten. Bei 13 und 14 Grad Luftwärme fror ich im

Schatten meines Sonnendachs. Der Wind pfiff quer durch meine Hütte,

und durch die Dachritzen tropfte der Regen auf Bett und Schreibtisch,

bis ich ein kleines, grünes Zelt darüber nagelte, das ich auf meiner

unglücklichen Autoreise von Major Reith erhalten hatte; mein eigenes

großes, weißes Zelt hatte bei dem übrigen Gepäck in Bir-dava bleiben

müssen. Erst am 17. April machte sich der Frühlingsanfang mit 24 Grad

Wärme bemerkbar. Trotzten wir dem Wind, so trieb die Fähre regellos von

einem Ufer zum andern, drehte sich wie eine Nußschale, so daß Ruderer

und Steuermann machtlos waren, trieb auch wohl auf erst in der Nähe

erkennbare Schlammbänke, und einmal mußten wir sie sogar wieder in ihre

beiden Hälften zerteilen, um nur wieder flott zu werden. Wenig aber

fehlte, und sie hätte mitsamt ihrer Besatzung ein vorschnelles Ende in

den strudelnden Wassern des Euphrat gefunden.

Das war am 18. April, als wir Rakka hinter uns hatten und eine Strecke

weit unterhalb das Dorf Säbcha am Fuße der Kalkwand in Sicht kam.

Säbcha ist eine Poststation auf dem Wege von Aleppo nach Bagdad.

Der Strom war in den letzten Tagen über einen Meter gestiegen.

Seit einer Weile wehte Ostwind. Die Sonne verschwand hinter

undurchdringlichem Gewölk, und über uns begann der Donner zu grollen

in immer kürzeren Zwischenräumen und immer lauter. Die Luft war

drückend schwül, und alle Anzeichen deuteten daraufhin, daß eine

rasende Entladung bevorstand. Die Arbeiter an den Schöpfwerken blickten

prüfend zum Himmel, spannten die Ochsen aus und trieben sie zu den

Zelten. Schon begann auch der Regen auf das Dach meiner Hütte und das

ölgetränkte grüne Zelt niederzuprasseln.

Es fehlten gerade noch vier Minuten an ½6. Ich hatte eine neue Peilung

genommen, die zeigte, daß wir S 40 W fuhren. Langsam glitten wir am

rechten Ufer hin und streiften eine kleine, grasbewachsene Insel, die

sich bei niedrigem Wasserstand mit dem Festland vereinigen mußte. In

einer Viertelstunde hoffte ich am Han, dem Postwirtshaus, von Säbcha zu

sein.

Da hörte ganz plötzlich der Regen auf. Der Donner verstummte, und

einen Augenblick herrschte unheimliche Stille. Nur einen Augenblick!

Die nun folgenden zwanzig Minuten aber werde ich niemals vergessen.

Sie brachten das fürchterlichste, wildeste Naturschauspiel, das ich

jemals erlebt habe, und ich habe doch ziemlich viel dergleichen

mitgemacht. Erst fielen vereinzelte, schwere Tropfen, dann schmetterte

ein Platzregen herunter, wie ihn nur die Tropen kennen. Gleichzeitig

brauste ein betäubender Orkan über den Strom. Die Fähre stutzte wie vor

Schreck, stand einen Augenblick still, dann drehte sie sich so, daß

die Backbordhälfte mit der Hütte leewärts lag und somit als Windfang

und Segel wirkte. Und sofort trieben wir in reißender Schnelligkeit

quer durch die Strömung zum linken Ufer hin. Der Euphrat mochte hier

etwa vierhundert Meter breit sein, und diese weite Fläche hatte sich

in wenigen Minuten mit gewaltigen, schaumgekrönten Wogen bedeckt,

deren Kämme immer höher emporspritzten und über die Reling der leeren

Luvfähre stürzten. In dieser Hälfte unsres Fahrzeuges stieg das Wasser

beunruhigend an, und ich berechnete schon mit Entsetzen den Augenblick,

da sie untersinken und die andere Hälfte nebst Hütte und allem mit sich

in die Tiefe reißen mußte.

Der furchtbare Druck des Sturms auf die Hütte trieb außerdem

die Backbordfähre so hart leewärts, daß die Reling ganz auf die

Wasseroberfläche zu liegen kam. Nur noch ein paar Finger breit

tiefer, und wir waren verloren! Es knackte und knallte in dem dünnen

Holzwerk der Hütte, als wollte sie jeden Augenblick bersten und in

die Luft fliegen, und zwischen den Planken der Luvwand spritzte der

sturmgepeitschte Regen in wagerechten Strahlen herein. Ich raffte

Karten, Bücher usw. zusammen aufs Bett und barg sie unter Decke und

Regenmantel. Dann stemmte ich mich mit aller Kraft gegen die Luvwand,

um ihren Widerstand gegen den Wind zu verstärken. Ein heftiger Knall

-- das Zelttuch draußen ist losgerissen! Eben flattert ein Zipfel am

Fenster vorüber; ich greife zu und habe ihn fest. Naß bis auf die Haut

halte ich nun das wie ein Notsignal hin und her klatschende Zelt,

stemme dabei die Schultern immerfort gegen die Wand, obgleich ich unter

dem Luftdruck kaum atmen kann, und jage so mit der Fähre in rasendem

Tempo -- ja, wohin? Keine Möglichkeit einer Orientierung! Durchs

Fenster sah ich nur in ein graues Chaos von Wogen und Schaumkämmen,

die mit erbitterter Wut gegen die Hütte hämmerten und die Luvfähre mit

Wasser zu füllen drohten. Ob wir wohl noch ein Ufer erreichten, ehe die

Fähre bis zum Rande voll war und sank oder von den Wogen zerschmettert

wurde? Trieben wir parallel mit der Hauptrichtung des Stromes, dann

mußte sie untergehen, ehe wir an Land waren. Der Sturm war aus Südwest

gekommen, und in derselben Richtung strömte dieser Teil des Flusses.

Später zeigte sich glücklicherweise, daß die Gleitkraft der Wassermasse

eine Ablenkung hervorrief, wodurch unsere Richtung genau östlich wurde.

Betäubendes Donnern und Tosen ringsum; der Regen geht in Hagel über,

Eisklumpen knallen gegen die dünne Wand der Hütte, als würden wir

von einer Menschenmenge mit Steinwürfen bombardiert. Die Hagelkörner

zischen ins Wasser wie Flintenkugeln und ballen sich auf der Fähre zu

kleinen weißen Inseln zusammen; einige, die ich später maß, hatten

einen Durchmesser von achtzehn bis zwanzig Millimeter. Der Aufenthalt

im Freien mußte lebensgefährlich sein. Meine Leute waren schon bei den

ersten Vorboten des Sturms unter Deck gekrochen; ging die Fähre unter,

so mußten alle vier Mann wie in einer Mausefalle ertrinken.

[Illustration: Araber mit seiner jungen Frau.]

Endlich trat etwas Dunkles aus dem Nebel hervor: Tamariskenbüsche

am linken Ufer. Wir waren also quer über den Euphrat gejagt, nicht

aufwärts gegen den Strom. Eben kroch mein Kapitän Mohammed aus seinem

Versteck hervor und brachte durch sein Schreien auch die anderen auf

die Beine. Es war auch die höchste Zeit! In wenigen Sekunden mußten wir

an Land geschleudert werden -- das Vorderteil der Fähre zerriß schon

die Wurzeln der Tamarisken, die wie Vorhänge von der zwei Meter hohen,

senkrechten Erosionsterrasse herabhingen und das Dach der Hütte fegten.

Mahmud schwang sich an einer Tamariske aufs Ufer hinauf, Kerit folgte

ihm, rutschte aber aus und bis an die Schultern ins Wasser hinein. Im

selben Moment prallte die Fähre heftig auf, der Stoß wurde aber von

dem Wurzelwerk aufgefangen. Schon war auch Hussein an Land und schlang

ein Seil um einen festen Ast. Die Fähre schaukelte und schlingerte,

riß sich aber nicht mehr los. Schnell war das Zelt gerettet und

zusammengepackt.

Nun ließ die Heftigkeit des Sturmes bald nach. Regen und Hagel hörten

ebenso plötzlich auf, wie sie gekommen waren. Das Zentrum des Unwetters

zog in nordwestlicher Richtung weiter. Es war dreizehn Minuten vor

6; die ganze Geschichte hatte nur zwanzig Minuten gedauert. Das

Thermometer zeigte 22 Grad. Die Erde war noch weiß von Hagelkörnern,

die jedoch bald wegschmolzen.

Bagdad, Babylon, Ninive · 第 7 / 54 题