und weiter ging's in sausender Schnelle von Jüterbock fort; hinter uns
drein tönte das Hurrah der Soldaten, und unter uns, um uns, vor und hinter
uns klapperten, keuchten, knarrten und rasselten Räder, Schienen und
Achsen. -- Nicht lange, so war die nächste Station erreicht; hier
sollten wir den Güterzug von Berlin erwarten; kurzer Aufenthalt wurde uns
angekündigt und die meisten stiegen aus, um eine Tasse heißen Kaffee zu
trinken; das Wetter rechtfertigte wenigstens ein solches Verlangen. In der
Restauration sah ich zufällig meinen hagern Nachbar neben mir; er stand
nicht weit vom Büffet und schaute nach der großmächtigen Kanne und den
Tassen hinüber. -- »Haben wir von hier aus noch weit nach Trebbin?« fragte
ich ihn, mehr eigentlich, um ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, als aus
wirklichem Interesse für die Antwort. --
»Das weiß ich nicht,« sagte der Hagere schnell, schüttelte dabei das
lächelnde Gesicht mit dem halbgeöffneten Mund und sah mich zum erstenmal
mit den hellglänzenden Augen fest an. »Ich weiß gar nichts,« fuhr er
gleich darauf fort, noch ehe ich mich von ihm abwenden konnte, »nicht das
mindeste. -- Sie wissen doch wohl, wo ich herkomme?«
Ich blickte erstaunt zu ihm hinüber. »Ich weiß gar nichts! -- Sie wissen
doch wohl wo ich herkomme?« -- was sollte das heißen? --
»Sind Sie hier fremd?« frug ich ihn. --
»Fremd? ja, ich komme von Torgau,« lächelte der Mann und rieb sich immer
eifriger und mit immer mehr aufgeheiterten Zügen die Hände. »Ich bin mit
unter den Amnestirten; ich weiß gar nichts von der Welt -- ich sitze seit
1831 auf der Festung.«
Allmächtiger Gott! mir zog es eiskalt durch Mark und Bein. Der Mann war
siebzehn Jahre hinter Festungsmauern begraben gewesen, und jetzt, in diesem
Augenblick, in diesen Zuständen, sprang er auf einmal, wie neugeboren,
aber mit vollem staunenden Bewußtsein, mitten in's Leben hinein. -- »Ja,«
lächelte der Unglückliche und rieb sich noch immer stillvergnügt die Hände,
»da können Sie sich wohl denken, daß ich gar nichts weiß. -- Ach bitte,
nicht wahr, das ist Kaffee dort, was der Mann ausschenkt?« -- »Ja,«
erwiderte ich und konnte den Blick nicht abwenden von der Leidensgestalt.
-- »Der wird wohl verkauft?« -- In dem Moment wurde draußen hastig die
Glocke gezogen; wir mußten schnell in unser Coupé zurück, denn der Güterzug
kam eben mit rothglühendem Rachen und leuchtendem Athem auf dem schmalen,
dunkeln Damm herangeschnaubt.
Dicht neben uns hielt der Zug und alle Fenster waren rasch besetzt, um
Neuigkeiten von Berlin zu erfragen. »Wie steht's dort? kommen wir noch
hinein? -- ist schon geschossen worden?« -- »Ganz gut -- Alles ruhig
-- keine Gefahr!« tönte es hin und wieder. Ein junger Mann, der mit dem
Güterzug gekommen war, sah die Soldaten in unserem Train. -- »Euch wollen
sie nach Berlin haben, daß ihr das Volk sollt unterdrücken helfen!« rief er
ihnen zu, »und ihr seid doch unsere Brüder!«
Der Beamte mit dem bleichen Gesicht und der Dienstmütze, der die Worte
gehört hatte, bog sich rasch zum andern Fenster nach der Restauration zu
hinaus und flüsterte draußen Stehenden etwas zu. »Was? der Kerl will die
Soldaten aufreizen?« riefen dort ein paar Männer und schauten zwischen
den Wagen unseres zur Abfahrt bereiten Zuges nach den Wagen des Güterzugs
hinüber. »Wart, Canaille, wenn hier der Zug fort ist, mit dir wollen wir
sprechen!« -- »Holt ihn ein Bischen heraus,« sagte der Beamte freundlich;
»den müßt ihr euch einmal besehen.« -- »Na wart nur!« riefen die Gereizten,
»also die Weißmütze? -- ich sehe sie schon in der Ecke!«
Ich bog mich rasch aus dem Wagen nach dem Güterzug hin und rief dem jungen,
wirklich bedrohten Fremden zu, in ein anderes Coupé überzusteigen; dann
aber und während jetzt unsere eigene Locomotive mit gellendem Jubelschrei
aufbrach, wandte ich mich an den freundlichen Beamten und sagte ihm frei,
was ich von ihm dachte. Er war geschmeidig wie ein Ohrwurm; er hatte es ja
gar nicht so bös gemeint, »_die_ Leute thäten nichts der Art, _das_ wären
Menschen wie die Kinder etc.« -- Pfui über den Schuft, das sind die wahren
Wühler, die heimlich, wie giftiges Geschmeiß, im Lande herumkrochen und in
der Stille hetzten und geiferten dem offenen Wort gegenüber, und dabei süß,
unschuldig drein schauten und fromm und liberal thaten.
Eine halbe Stunde später kamen wir nach Trebbin, und glücklicher Weise
fand unsere Eskorte daselbst Contreordre. Der Lieutenant, den es selbst
zu freuen schien, daß er uns den unangenehmen Aufenthalt ersparen konnte,
verkündete uns, der Zug dürfe ungesäumt weiter gehen. Um neun Uhr liefen
wir in den Berliner Bahnhof ein, und Massen dort aufgestellten Militärs
verkündeten uns, wären wir nicht schon unterrichtet gewesen, den
Belagerungszustand der Stadt. Es wurden uns weiter keine Schwierigkeiten
in den Weg gelegt, nur Bewaffnete, deren wir jedoch keine bei uns hatten,
sollten nicht eingelassen werden.
Ich durchwanderte die Friedrichsstadt noch am selben Abend nach allen
Richtungen. Todtenstille in den Straßen; nur hie und da an den Ecken kleine
Trupps vor einem von der Laterne beleuchteten Plakat. Dieses handelte von
Zusammenrottungen auf den Straßen; am Tage durften nicht mehr als zwanzig,
Abends nicht mehr als zehn Menschen beisammen stehen; gingen sie nicht
auseinander auf die Aufforderung der Patrouille, so hatte das Militär von
seinen Waffen Gebrauch zu machen. -- Unter den Linden, besonders an den
Ecken der Friedrichsstraße, standen Menschengruppen; Jungen verkauften
ein Plakat des Referendars Wache, mit der Anempfehlung: »ohne Erlaubniß
Wrangels.« Unter der einen Laterne erzählte Jemand irgend einen Vorfall;
Neugierige traten hinzu und es bildete sich bald ein Haufen von wohl
fünfzig bis sechszig Personen. Da tönte der schwere gleichmäßige Schritt
einer Patrouille die Allee herab. --
»Meine Herrn, treten Sie in kleinere Trupps,« bat der Sprecher; »immer zehn
und zehn, wenn ich bitten darf.« -- Die Menge zertheilte sich schnell und
ohne weitern Zuredens zu bedürfen. -- »Hier können wir noch zwei brauchen,«
sagte Einer; »so, jetzt haben wir gerade das Deputat!« ein Anderer. Hie und
da lachte Einer, als die Soldaten ernst und schweigend vorbei schritten,
die verschiedenen kleinen Trupps aber nicht weiter belästigten. »Ruhe! --
nicht lachen!« riefen Andere und die Patrouille bog in die Friedrichsstraße
ein.
Dieselbe Ruhe herrschte in andern Straßen, dieselbe Ordnung; wer nicht
manchmal einer Patrouille begegnete; hätte nicht daran gedacht, daß er
sich in einer belagerten Stadt befinde. -- Am nämlichen Abend war eine
Deputation von Stettin aus unterwegs, welche folgende Demonstration
beabsichtigte. Die achthundert Mann trugen alle breite weiße Papierstreifen
an den Hüten, auf denen mit großen Buchstaben gedruckt stand: _Ehre der
Nationalversammlung! Stettin_. -- So hatten sie am nächsten Morgen in
feierlicher Procession die Stadt durchziehen wollen, aber der ganze
Bahnzug war (wie man das auch bei uns, wo man wohl eine ähnliche Deputation
vermuthet, anfangs beabsichtigt hatte) auf der letzten Station vor Berlin
aufgehalten worden, und nur einzelne Mitglieder, ich glaube acht oder zehn,
ließen sich auf einem Leiterwagen nach Berlin schaffen. Einige derselben
sollen, wie man sagte, gerade wegen jener, als Plakate angesehenen Zettel
verhaftet worden sein.
Am nächsten Morgen brachte ein frisches Plakat des Kommandirenden etwas
regeres Leben in die Masse; die Patrouillen seien verspottet worden,
hieß es, und haben jetzt strengen Befehl erhalten, bei der geringsten
Widersetzlichkeit vollen Gebrauch von ihren Schießwaffen zu machen. Die
Jungen rissen hie und da solche Zettel herunter und klebten dafür die von
Wache an, worin Wrangel und seine Proklamation verhöhnt waren, und die
ihrerseits wieder von den Soldaten entfernt wurden. So sah ich am Schloß
einen Jungen am eisernen Gitter eines der untern Fenster hoch emporklettern
und soweit darüber, als er reichen konnte -- gewiß 18-20 Fuß vom Boden --
eine Wache'sche Proklamation ankleben. Gleich darauf kam eine Patrouille,
und einer der Soldaten mußte jetzt ebenfalls dort hinauf und mit dem
Bajonett das mißliebige Papier unter dem Jubel der umstehenden Jugend
herunterstoßen.
Wunderlich sahen die königlichen Gebäude aus. Das Schauspielhaus, das
Museum, die Münze, des verstorbenen Königs Palais, das Schloß, die
Bauakademie, das Zeughaus, alle Gebäude der Art wimmelten von Militär,
Helm an Helm sah aus den Fenstern heraus und doppelte Schildwachen, alle
marschfertig gerüstet, standen davor Wache.
Und was sagte das nämliche Volk, das sich am 18. März mit so kecker
Todesverachtung, fast ganz unbewaffnet, auf den Barrikaden eben dieser
Straßen geschlagen hatte -- was sagte das Volk zu dem Herrscherton, wie
ihn Wrangel annahm? -- Eigenthümlich war die Stimmung der Stadt: überall
Entrüstung über Wrangel, überall verhaltener Grimm, und doch fast
ängstliche Besorgniß vor einem Zusammenstoß mit den Truppen.
An irgend einer Ecke, der Leipziger Straße glaub' ich, hatte das Militär
mit einbrechender Dämmerung ein Haus besetzt, das von oben bis unten, wie
man draußen sagte, nach einer Vitriolspritze durchsucht wurde; man fand
jedoch nichts und die Patrouille zog wieder ab. Vor dem Gebäude hatte
sich indeß eine ziemliche Schaar Neugieriger versammelt, doch nahmen die
Soldaten keine Notiz davon und marschirten die Straße hinab. Gleich darauf
kam eine Uhlanenpatrouille und der Offizier forderte die Menge auf, sich
zu zerstreuen. Dieß geschah auch, und nur vor dem durchsuchten Haus blieben
noch etwa zwanzig oder dreißig Personen zurück. Die Uhlanen ritten langsam
daran vorbei, als Einer aus der Menge höhnisch hinter ihnen her lachte und
ein Schimpfwort rief. Das wäre ihm aber beinahe übel bekommen; die Uhlanen
achteten es allerdings nicht, aber die Umstehenden fielen unter dem Ruf:
»verdammter Reaktionär!« über den Lacher her, und er konnte einer tüchtigen
Tracht Schläge nur durch die heilige Versicherung entgehen, daß er keinen
der Soldaten, sondern »einen Freund von sich« gemeint habe.
An diesem Tage war auch auf's Neue ein Plakat, die Einlieferung der Waffen
betreffend, angeschlagen und die Stimmung, die sich darüber aussprach,
schien eine allgemeine: man wollte die Waffen unter keiner Bedingung
ausliefern. Der angesetzte Termin bis Abends fünf Uhr verlief deßhalb auch,
ohne daß dem Befehl, mit einigen Ausnahmen allerdings, Folge geleistet
worden wäre; ja man sprach sogar von einer großartigen Demonstration. Ein
Theil der Bürgerwehr, wie mir gesagt wurde, 15,000 Mann, wollte vor dem
Zeughaus aufmarschiren und dort dem Feldmarschall erklären, sie liefern die
Waffen nicht ab, und wenn er Bürgerblut vergießen wolle, so möge er auf sie
schießen. Das unterblieb aber, aus welchem Grunde weiß ich nicht, und man
beschränkte sich einfach darauf, dem Befehl nicht nachzukommen.
Am nächsten Morgen, am vierzehnten, fing man an in der Behrenstraße und
der benachbarten Gegend die Waffen _einzusammeln_. Eine Patrouille ging mit
einem Rüstwagen herum, die Enden der Gasse wurden mit Militär besetzt, aber
nicht abgesperrt, denn es konnte Jeder frei hin und wieder gehen, und ein
Trommelwirbel verkündete den Bewohnern des Hauses, vor dem der Wagen
hielt, daß sie die in ihrer Wohnung befindlichen Gewehre in die Hausflur
herabbringen sollten; wo das nicht geschah, hatten die Soldaten Auftrag in
die Zimmer zu gehen und nachzusehen, ob sich Waffen darin befanden.
Wie ein Lauffeuer schoß die Nachricht, daß man die Waffen abhole, in die
entferntesten Theile der Stadt, und die Aufregung unter den Arbeitern,
vorzüglich den Maschinenbauern, wurde bedenklich. In der Königsstadt, in
Moabit und den äußern Stadttheilen schien man fest entschlossen die Waffen
_nicht_ gutwillig herzugeben, und daß gerade dort, wo man begonnen, das
Einsammeln ziemlich günstigen Erfolg gehabt, konnte Jene nicht anders
stimmen. -- »Das ist das Geheimerathsviertel,« sagten die Arbeiter; »ob
das die Waffen behalten hätte oder nicht, beim Kampf wär' das gleichviel
gewesen.«
Straße um Straße durchzog das Militär; Wagen nach Wagen voll Gewehren
wurden in das Zeughaus, stets unter starker Bedeckung abgeliefert, und
in der ganzen Friedrichsstadt schien sich kein einziger Bürger dem
Befehl ernstlich widersetzen zu wollen. Der »passive Widerstand,« den die
Nationalversammlung behauptete, dehnte sich auch auf diese Maßregel der
Militärgewalt aus. -- »Abliefern thun wir die Gewehre nicht,« meinten die
Bürger; »wenn sie unsere Flinten haben wollen, mögen sie sie holen.« --
Sollten die Arbeiter allein vor die Bresche stehen? sollten sie, die
im März die Barrikaden errichtet und vertheidigt, noch einmal zu diesem
letzten Mittel greifen? -- »Und für wen? -- für die Bürger?« -- »Hol' sie
der Teufel!« sagten am 16. die Maschinenbauer in Moabit; »wenn die nicht
selbst den Muth haben für ihre Freiheiten einzutreten, so sehen wir nicht
ein, weßhalb wir wieder die Katzen sein sollen, mit deren Pfoten sie
die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Bis jetzt sind sie mit ihren blanken
Pulverhörnern und bunten Quasten in einem fort durch die Straßen gerannt;
nun auf einmal läßt sich keiner mehr sehen; wir wollen uns auch nicht
todtschießen lassen.« Und das Resultat war, daß der »passive Widerstand«
auch unter den Arbeitern seine Proselyten machte.
Am 15. Abends war die Nationalversammlung, die seit mehreren Tagen an
verschiedenen Orten heimlich Sitzung gehalten hatte, unter den Linden im
Hotel Milentz beisammen. Doch auch dieser Platz war verrathen worden, und
als ich, etwas nach neun Uhr Abends, dort vorüber kam, stand ein starkes
Piket Militär vor der Thür und hatte das Haus gesperrt. Mehrere hundert
Menschen sammelten sich, aber Alles blieb ruhig; es wurde ihnen keine
Aufforderung auseinanderzugehen, und sie selber schienen auch nur durch
Neugierde an den Platz gefesselt. Da näherte sich eine Patrouille, und als
der Offizier die Menschenmasse erblickte, rief er: »Tambour vor!« um
zum Auseinandergehen aufzufordern. Aber der Führer der vor dem Hotel
aufgestellten Truppen ging auf ihn zu, sprach ein paar Worte mit ihm
und gleich darauf folgte das »kehrt, marsch!« der eben Gekommenen. Die
Patrouille zog wieder ab und die Menschenmassen blieben unbelästigt stehen.
Noch hatte sich aber die Patrouille keine hundert Schritt entfernt, als
aus dem Hotel heraus die Abgeordneten kamen; die Soldaten ließen sie
ungehindert durch und von allen Seiten drängte man hinzu, das Resultat
der Sitzung zu hören. Der Beschluß, die Steuern zu verweigern, war
gefaßt worden und blitzschnell lief das Gerücht durch die Menge; auch die
Einzelnheiten der Sitzung wurden rasch von den Mitgliedern der Versammlung
selbst Fremden auf offener Straße mitgetheilt. Die Männer waren
augenscheinlich in der gereiztesten Stimmung.
Die augenblickliche Wirkung dieses wichtigen Beschlusses schien mir
keine so gewaltige, als man hätte vermuthen sollen; man schien die Sache
vorhergesehen zu haben, und wenn auch hie und da aus einer kleinen Gruppe
ein jubelndes Hurrah empor stieg, standen andere wieder schweigend und
fast theilnahmlos daneben. Einige Männer, an denen ich vorüberging, fragten
mich, was es da gebe; ich sagte ihnen, was ich eben aus dem Munde eines
der Abgeordneten gehört: die Nationalversammlung habe in diesem Augenblick
beschlossen, die Steuern zu verweigern. -- »So?« erwiderte Einer, »hm --
nun -- _wir_ zahlen sie doch!«
Auch am andern Tage ließ sich deßhalb keine größere Aufregung in der Stadt
bemerken, und man erzählte sich den Beschluß in einem Tone, als ob es sich
um eine ganz gleichgültige Sache handelte. Mir kam das anfangs räthselhaft
vor, und doch stand es wieder mit dem ganzen eigenthümlichen Wesen dieses
»passiven Widerstands« in genauer Verbindung. Die Berliner wußten, daß
dieses das letzte Mittel der Versammlung sein sollte; _sie_ hatten somit
Alles gethan, was von ihnen verlangt worden war: sie hatten sich ruhig
verhalten, und den Provinzen blieb es jetzt überlassen, durch ein Einhalten
der Steuern ihr Vertrauensvotum für die Nationalversammlung zu geben, oder
im entgegengesetzten Fall durch ein Zahlen derselben an den Tag zu legen,
daß sie mit den Beschlüssen derselben nicht einverstanden seien.
Die Stadt war äußerlich ruhig, wie in ihrer ruhigsten Zeit; sobald sich
das Wetter nur irgend freundlich zeigte, sah man Spaziergänger unter den
Linden; selbst das Theater war, wenn auch schwach, doch besucht. Gespielt
wurde im Opernhaus, das Schauspielhaus stand starr und kriegerisch da,
»belagert in einer belagerten Stadt,« wie ein Soldat selber äußerte. Das
Säulenportal über der großen Treppe war mit Schildwachen besetzt, eben
so die Eingänge an allen Seiten; aus allen Fenstern schauten behelmte
Gesichter, überall blinkten Bajonette und Helmspitzen. --
Tausend Mann lagen in diesem einzigen Gebäude, das sogar seinen eigenen
Kommandanten hatte, und es war dieß dasselbe Regiment (Alexander), das in
den Märztagen schon einmal seine Kraft mit den Bürgern gemessen und gewiß
seine Tapferkeit bewährt, dennoch aber jetzt, wenn es wirklich wieder
zum Kampfe kam, eine Scharte auszuwetzen hatte. Streitgerüstet lagen die
Grenadiere in die Mauern des Schauspielhauses gebannt, des Rufs gewärtig
zu Bürgerkrieg und Straßenkampf; bloß zu Patrouillen zogen dann und wann
einzelne Trupps aus, und Urlaub bekamen nur zehn zugleich, und immer nur
auf ganz kurze Zeit.
Schon am zweiten Tag hatte ich einen Versuch gemacht, in das Innere des
Gebäudes, das mit solcher Bevölkerung abenteuerlich genug aussehen mußte,
einzudringen, war jedoch kurz und entschieden von einem halben Dutzend
Schildwachen abgewiesen worden. Ich erfuhr auch von einigen Mitgliedern des
Theaterpersonals, daß Niemand, sie selber nicht ausgenommen, hinein dürfe,
da das Militär für den Augenblick im alleinigen und unumschränkten Besitz
des Musentempels sei. Und oben auf dem Giebel desselben stand scheu und
unwirsch, mit schnaubenden Nüstern und vorgestrecktem Huf, Pegasus, das
edle Musenroß, als ob es sich eben nach einem nur einigermaßen anständigen
Hügel in der trostlosen Ebene umschaute, zu dem es aus dem entweihten
Heiligthume entfliehen könnte.
Wie bekannt hatte die Nationalversammlung früher im Concertsaal des
Schauspielhauses ihre Sitzungen gehalten; auch dort sollten jetzt Truppen
liegen, und meine Neugierde wurde sehr gespannt, als ich hörte, die
Soldaten spielten in demselben Raum, wo ihr Vertreter getagt, Abends
Nationalversammlung. Wie aber hineinkommen? Schon verzweifelte ich an der
Möglichkeit, als mir der Zufall günstiger war, als ich es je hätte erwarten
können. Ich bekam Gelegenheit, sogar Abends einer sogenannten »Sitzung«
beizuwohnen; das _wie_ mag mir der Leser erlauben zu verschweigen.
Durch zehnfache Schildwachen, über einen Theil der Bühne hin, auf die ich
aber kaum einen flüchtigen Blick werfen konnte, da der enge Gang meine
ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, erreichte ich den Concertsaal und
überschaute hier gleich ein so eigenthümliches als wunderliches Bild.
Der prachtvoll eingerichtete Saal war in ein rohes, wüstes Soldatenlager
verwandelt. Auf den rothgepolsterten Sesseln und Bänken lagen und saßen in
allen nur möglichen Stellungen die Soldaten, manche lang ausgestreckt auf
den Polstern, mit der Pfeife im Mund und die schmutzigen Stiefeln auf den
geschnitzten Lehnen; hie und da eine kleine Gesellschaft um einen Tisch
gedrängt, im eifrigen Kartenspiel; dort ein paar eingeschlafen in der Ecke,
die Mützen in's Gesicht gezogen, das Kinn auf die Brust gedrückt, die
Hände über dem Magen gefaltet, die meisten aber aufmerksam der
»Abendunterhaltung« lauschend, die eben ihren Anfang genommen zu haben
schien. -- Ich war etwas verwundert, auch einen Offizier unter den Zuhörern
zu erkennen.
Die Abendunterhaltung bestand aber in Folgendem. Auf dem, ich glaube der
königlichen Loge gegenüber befindlichen Präsidentensitz hatte sich ein
Musikchor eingenistet, das mit, wahrscheinlich im Orchester vorgefundenen
Baßgeigen und Violinen und mit eigenen Flöten, Pfeifen und Trommeln Walzer
und Märsche spielte; nur Blechinstrumente schienen, wohl des allzulauten
Tones wegen, ausgeschlossen. Die einzelnen Musikstücke wurden jedesmal von
den Zuhörern mit Bravoruf und Beifallklatschen belohnt, und beim Sturm- und
Attaquemarsch, dem ein kurzer, nervenerregender Trommelwirbel folgte, fiel
die ganze Schaar jedesmal in das übliche, aber gleichfalls etwas gedämpfte
Hurrah ein. -- Dann kam wieder irgend ein trauriger Walzer, dem die faule
Baßgeige nur mit Widerstreben zu folgen schien, und der Violine fehlte es
an Colophonium, das sich im Orchester wohl nicht mit vorgefunden hatte. Die
Finger des Spielers mochten sich auch nicht eben gelenk oder taktfest der
ungewohnten Beschäftigung fügen; denn man kann gewiß ein ausgezeichneter
Trommelschläger und doch nur ein mittelmäßiger Violinist sein. Kurz, es
waren außer den gewöhnlichen Märschen klägliche Weisen, die den gepeinigten
Instrumenten abgemartert wurden. Und rings umher an den Wänden des durch
wenige Oellampen nothdürftig erleuchteten Saals schauten wehmüthig die
Büsten von Gluck, Händel, Mozart, Weber, Haydn, Bach, Beethoven und
anderer alter Meister der Töne hernieder und schienen in den an ihnen
vorbeistreichenden düstern Tabakswolken die Stirnen zu runzeln ob dem
ohrzerreißenden Greuel.
Die Hauptperson des Ganzen stand auf der Rednerbühne unter dem frühern Sitz
des Präsidenten, und zwar in Civil, in schwarzem etwas schäbigen Frack,
Halsbinde und Vatermördern und weißen Beinkleidern, und diese Maske --
ebenfalls ein Gardist desselben Regiments -- sollte den Präsidenten der
Nationalversammlung vorstellen. Es war ein noch junger Bursche mit nicht
gerade auffallendem Berliner Dialekt, und er führte einen Taktstock, den
er auf carrikirte Art handhabte, damit bald nach dem Orchester hinauf, bald
nach den Zuhörern hin gestikulirte und dazwischen zum großen Ergötzen der
leicht Befriedigten das Spielen der verschiedenen Instrumente nachahmte.
Auf der Nase trug er eine Klemmbrille, die er übrigens später, weil sie ihn
genirte, ablegte.
Endlich, nachdem die Spieler eine lange Weile musicirt hatten, eröffnete
der Präsident die Sitzung. Mit affektirter Stimme begrüßte er die
»Nationalversammlung« und sprach von der schwierigen Aufgabe, sechzehn
Millionen zu vertreten, erklärte, daß sie hier zusammen gekommen seien, ihr
eigenes Wohl zu berathen, und ließ dann wieder, unter den frühern Possen,
ein Lied aufspielen. Hierauf ging er, und nicht ganz ohne Gewandtheit, auf
seine wie seiner Kameraden Verhältnisse ein, in welch sonderbarer Lage sie
sich eigentlich befänden, belagert in einer belagerten Stadt, und wie wenig
man dabei auf ihre eigene Bequemlichkeit bedacht gewesen. Mehrere Tage lang
hätten sie auf der bloßen Erde campiren müssen, jetzt, nachdem sie sich
wund gelegen, bekämen sie Strohsäcke; der Kaffe sei, trotz einer jüngst
eingegangenen Schenkung, ungenießbar, das Fleisch so, daß es sämmtliche
vier Köche nicht gahr bekommen könnten, und der innere Zustand des
Schauspielhauses, was die Reinlichkeit betreffe, dermaßen schaudererregend,
daß eine genauere Beschreibung gar nicht zulässig erscheine.
Nach einer ziemlich weitläufigen, manchmal wirklich witzigen, nur zu oft
aber auch sehr matten Auseinandersetzung der Gründe, die ihn eine Aenderung
ihres Zustandes wünschen ließen, wandte er sich an die Versammlung, ihre
Meinung darüber zu hören, und zwar zuerst an die »äußerste Linke,« die mit
einem ziemlich allgemeinen vernehmlichen _Ja_ antwortete. -- »Und was sagt
die äußerste _Rechte_ zu meinem Vorschlag?« sprach er dann, sich nach
der Seite wendend, welche die Rechte früher eingenommen hatte. -- »Nein!«
lautete hier die vom lachenden Beifallsruf der Zuhörer begrüßte Antwort,
und mit einem ruhigen: »Ließ sich nicht anders erwarten,« rückte er
sich die Brille wieder zurecht und gab, ohne weiter auf die Abstimmung
einzugehen, dem Orchester das Zeichen zum Wiederbeginn eines seiner
verzweifelten Stücke.