Während er dem Europäer die rechte Hand reichte, ließ er diesen Stab gegen

seine Schulter fallen, und nahm ihn erst wieder auf, als er einen Schritt

zurücktrat, und seine Augen jetzt fest auf den angeblichen Indianer

geheftet hielt, der jedoch, seinen Kopf ebenfalls erhoben, die Büchse,

wie nachlässig, in der Biegung des linken Armes, doch zum augenblicklichen

Dienst bereit, trug, und nur einmal leise das Haupt wandte, um zu sehen,

ob sich die übrigen Indianer ebenfalls zu ihnen gesellt hätten. Diese waren

kaum noch hundert Schritte zurück, und einige von ihnen zogen sich langsam

nach dem Meeresufer hinab. Die Weißen wurden auf diese Art von den dunklen,

drohenden Gestalten rings umzingelt, und durften an Flucht nicht mehr

denken; es galt jetzt nur noch, das Spiel, was sie begonnen, fest und ernst

zu Ende zu führen.

Da brach der neuseeländische Häuptling zuerst das Schweigen, er stützte

sich auf den Henei, den er in der Hand hielt, und sagte, während er die

Blicke fest auf den falschen Indianer heftete, in der Sprache der Maories:

»Deine Hand ist bewaffnet, aber Dein Antlitz verhüllt, -- braucht das

Haupt, das der Tabu beschützt, die feindliche Wehr? fürchtet mein Bruder,

daß ein Maori die Keule gegen ihn zücken werde? oder kennt er die Gesetze

des Landes nicht? -- Ein _Maori_ ist sicher!«

»Wohl kenn' ich die heiligen Gesetze« erwiederte der Verkleidete, und die

Stimme drang unter der vorhängenden Matte dumpf hervor -- »ich habe Nichts

zu fürchten, und nur als Begleiter dieser Weißen trage ich die Waffe --

kein Freundesblut klebt an meiner Hand, und daheim in meinem Pah stehen die

Schädel meiner Feinde -- ein Maori ist sicher!«

»Das lügst Du, _falscher_ Maori!« schrie da plötzlich, sich zu seiner

vollen Höhe erhebend, der wilde Krieger, und schwang den Stab, den er in

der Rechten hielt -- »Bleicher Verräther! wirf die heilige Hülle ab, die

Dir nicht gebührt -- zu Boden mit Dir, Mac Donald -- Mörder Deines Weibes,

zu Boden, denn die Stunde der Rache hat Dich ereilt!«

Wie von einem jähen Strahl getroffen, schrack der entlarvte Verbrecher, als

die ersten zürnenden Laute sein Ohr erreichten, zusammen. -- _Verloren_

-- das Blut schoß ihm in eisiger Kälte zum Herzen, -- aber es war nur

ein Augenblick, was hatte er auch jetzt noch zu wagen, wo _Alles_ auf dem

Spiele stand.

»Zu mir, Tomson!« schrie er, und mit Blitzesschnelle fuhr die Büchse empor

-- ein Moment, und der scharfe, blendende Strahl zuckte aus dem Lauf --

harmlos aber zischte die Kugel über dem Kopf des Häuptlings hin in die

Luft, denn dieser, die Absicht des Feindes schon vorherahnend, traf mit

seinem langen, gewichtigen Stab das Rohr von unten, und schlug es gerade im

entscheidenden Augenblick empor. Tomson riß jetzt zwar auch mit der Rechten

seinen Cutlaß, mit der Linken die eine Pistole hervor, von allen Seiten

warfen sich aber die Eingeborenen über ihn, und während die Nächsten

gegen Mac Donald anstürmten, und ihn zu Boden schleuderten, faßten und

umschlangen die Uebrigen den Seemann und seinen, schon vor Angst halbtodten

Gefährten, banden ihnen die Hände auf den Rücken, und nahmen ihnen Alles

ab, was niet- und nagellos an ihnen war.

Mac Donald kämpfte aber wie ein Rasender -- den Tomahawk hatte er, als er

seine Kugel vergeudet sah, aus der Scheide gerissen, und der Streich, den

er damit gegen den, auf ihn eindringenden Häuptling führte, wäre jedenfalls

für diesen verderblich geworden, hätte nicht in demselben Augenblick der

Schlag eines Patu[19] seine Stirne getroffen, und ihn besinnungslos zu

Boden geworfen.

[19]: Der _Patu_ ist ebenfalls eine beliebte und fürchterliche Waffe

der Insulaner. Er besteht aus leichtem Holz, ist etwa vier Fuß lang

und hat oben eine beilartig geschärfte Kante. Der Kopf ist, wie bei dem

Henei, mit Federn und Haarbüscheln geschmückt.

Noch im Stürzen griff er nach dem Fell, das er bis dahin, von dem

Tapamantel verdeckt, bei sich getragen, des Häuptlings Faust lag aber an

seiner Kehle, und als dieser die Matte von seinem Antlitz riß, und die

wilde, ihn umdrängende Schaar _den_ erkannte, den sie als ihren Todfeind

geächtet und verfolgt, da stieg jauchzendes Triumphgeschrei in die Lüfte,

und der Führer mußte seinen Stab über das Opfer legen, daß die gerechte

Rache nicht dem entzogen würde, dem sie gebührte.

Tomson, der in Kampf und Ueberfall, ja sogar in der eigenen Noth und

Lebensgefahr, in der er selbst sich befand, doch nicht das immer drohender

werdende Firmament vergessen hatte, und ängstlich dabei seines armen

Fahrzeugs gedachte, rang noch wüthend mit denen, die ihn hielten und

bewachten. Der Häuptling aber, als er den eigenen Feind in sicherem

Gewahrsam sah, schritt auf ihn zu, legte die Hand leicht auf seine Schulter

und sagte, während ihm der Seemann mit finster drohendem Blick ins Auge

schaute.

»Fürchtet nichts, Sir. -- Nicht Ihr habt die Gesetze unseres Landes

gebrochen und mit Füßen getreten, wie es Jener that. Er _log_, als er Euch

sagte, daß er nur Einen der ihm feindlich gesinnten Häuptlinge im offenen

Kampfe erschlagen. Er log, als er sich unter Heki's Schutz erklärte, denn

ich bin Heki selbst, und keinen grimmigeren Feind hat er auf dieser Welt,

als mich. Aus dem, durch das Gesetz des Tabu geheiligten Platz stahl er

das Eigenthum seines, durch ihn schändlich gemordeten Weibes, und wie ein

feiger Verräther entfloh er damals der gerechten Strafe. Er _log_ auch,

als er sich für den Eigenthümer, auch nur eines Fuß breit neuseeländischen

Bodens erklärte -- dem _Gatten_ meiner Schwester gehörte es, nicht ihrem

_Mörder_. Nur zu gut kannte er aber unsere Sitten, und vielleicht wäre es

ihm gelungen, unter dem Schutz desselben Glaubens, den er zu gleicher Zeit

brach und schändete, seinen Raub in Sicherheit zu bringen, hätte ihn nicht

sein Etuë[20] selbst in die Hand der Rache gegeben. Nur ihm gilt jetzt

unser Zorn. Ihr dagegen mögt in kurzer Zeit ungehindert zu Euerem Fahrzeug

zurückkehren; doch hütet Euch, neuseeländischen Boden wieder zu betreten.«

[20]: Die bösen Geister der Neuseeländer.

Tomson, obgleich aufs Aeußerste erstaunt, wie der Neuseeländer Alles

das wissen konnte, was sie doch an Bord seines eigenen kleinen Kasuar

verhandelt, war dennoch gerade jetzt viel zu sehr mit diesem selbst

beschäftigt, um irgend einem anderen Gegenstand einen mehr als flüchtigen

Gedanken zu zollen.

»Ungehindert?« rief er trotzig, und schaute mit wildem und doch besorgtem

Blick nach dem südlichen Horizont hinüber -- »seht dort das aufsteigende

Wetter an, und sagt dann noch einmal, daß es ungehindert geschehen wird.

Seeschlangen und Eisbären! wenn der Sturm dort unser kleines Fahrzeug an

jenen verdammten Riffen überrascht, möchte ich keinen Schilling für Alles,

was an Bord lebt, geben.«

»Will Euch Euer Gott strafen, daß Ihr den Frieden dieses Landes gebrochen,«

sagte der Wilde ruhig, »was kümmert das mich. Ich war es nicht, der Euch

hierhergerufen.« Und ohne die Gefangenen weiter eines Blickes zu würdigen,

wechselte er einige Worte mit seinen Leuten, und schritt diesen langsam

voran in das Dickicht, wohin ihm die Schaar, die Gefangenen in der Mitte,

folgte.

* * * * *

Die Sonne sank -- im Westen deckten nur leise, purpurne Dunstschleier

den Horizont, düster aber und schwarz von dem Wiederglanz der scheidenden

Strahlen, thürmten sich im Süden immer dichtere, undurchdringlichere

Wolkenmassen empor. Was der Tag und die sengende Gluth seines Gestirns bis

dahin niedergehalten, quoll jetzt in nicht mehr dämmbarer Gewalt höher

und höher. Aber nicht rasch stürmte es herbei, wie die jähen Gewitter des

Golfstroms, mit ihren daherjagenden Böen und Wirbelstößen, langsam kämpfte

es seine Bahn herauf, gegen den heißen Nord, langsam aber sicher gewann es

sich jeden Fuß breit Bahn, und die Wasser der Bai, als ob sie den nahen und

fürchterlichen Kampf der Elemente ahneten, schmiegten sich leicht

zitternd an das Ufer an, und hoben nur manchmal, in kleinen, ängstlichen

Spritzwellen die Häupter, um zu sehen, ob der gefürchtete Gegner noch nicht

nahe, und sie aufrüttele aus ihrer stillen, friedlichen Ruhe.

Delphin und Schwertfisch zogen sich in ihre dunkle Tiefe hinab, und das

Albatroß selbst suchte, die schweren, mächtigen Fittiche hebend, den

Schutz des festen Landes, während nur noch »Mutter Careys Küchelchen,«

die flüchtige Sturmschwalbe der Meere, in leichten Kreisen über die Wogen

strich, und mit den nach ihr aufspritzenden Wassern zu spielen schien.

Rasch, wie der Tag entstanden, sank er in Nacht zurück, graue Dämmerung,

durch all' die schwarzen, empordrängenden Nebelschichten nur noch

unheimlicher und düsterer gemacht, hüllte bald den stillen Wald in ihren

grauen Schleier, und Meer und Luft verschmolzen zu einer ununterscheidbaren

Masse.

Nur der leuchtende Schaum einzelner Wellen stach weiß und geisterhaft gegen

seinen dunklen Hintergrund ab, und durch das leise, kochende Gähren und

Brausen, aus all' der Nacht und Finsterniß hervor, strahlte das helle,

einzelne Licht des fernen Schooners, während drei, rasch nach einander

abgefeuerte Schüsse die fernen Freunde vor der nahen drohenden Gefahr

warnten.

Da glitt aus der sicheren, schmalen Mündung des Ta-po-kaï, zwischen

den weit überhängenden, schaukelnden Zweigen vor, eines der langen,

scharfgebauten, neuseeländischen Canoes, deren Führung die Eingeborenen mit

so meisterhafter Hand zu leiten wissen. Acht Männer saßen an den Rudern,

doch mit den Gesichtern nach vorn, und die Ruder frei in den Händen,

während Heki, seinen Stab noch immer in der Rechten, mit der Linken dagegen

das hohe, mit Albatroßfedern gezierte Steuer regierend, aufrecht im Stern

des Canoes stand und den Lauf des flüchtigen Bootes lenkte. Im Boden

desselben, und dicht vor dem Häuptling, lagen drei dunkle gebundene

Gestalten, aber kein Wort kam über ihre Lippen, schweigend starrten sie

zu dem, drohend über ihn ausgespannten Firmament empor, und ebenso lautlos

tauchten die Eingeborenen ihre Ruder in die nur leise zischenden Wogen,

über die sie mit Pfeilesschnelle dahinschossen.

Es war Ebbe und die Strömung trug sie ihrem Ziel gerade entgegen, doch

hielt der Steuernde nicht gerade auf das Licht zu, sondern ließ dasselbe

eher zur rechten liegen, als ob er durch den engen Kanal in die offene See

hinausfahren wollte. Tomson mußte auch wohl einen solchen Verdacht gefaßt

haben, denn er hob mehre Male ängstlich den Kopf und starrte nach seinem

Fahrzeug hinüber; endlich konnte er es aber nicht länger aushalten, und

versuchte sich mit einem leise gemurmelten Fluch emporzurichten. Da wandte

sich der, dicht vor ihm kauernde Insulaner rasch nach ihm um, und

das drohend gehobene, schwere Ruder verrieth nur zu deutlich, was ihm

bevorstehe, wenn er sich jetzt einer Macht nicht geduldig füge, der er doch

keinen Widerstand zu leisten vermochte. Van Broon lag, halbtodt vor Angst

und Entsetzen, neben ihm -- wer aber konnte die dritte, regungslose Gestalt

im Boote sein? Hatten die Wilden ihrer Rache wirklich entsagt, oder --

großer Gott, war es gar _die Leiche_ Dumfry's, die sie -- nein, der

Körper lebte und bewegte sich, doch weiter vermochte der Seemann Nichts zu

erkennen. Seine Aufmerksamkeit wurde auch jetzt zu sehr auf den Schooner

selbst gelenkt, denn der Bug ihres Canoes neigte sich plötzlich diesem zu,

und hielt gerade darauf hin.

Jetzt schienen aber auch die Geister des Sturmes zum ersten Mal die Fesseln

zu brechen, die sie bis dahin in Schranken gehalten; ein greller Blitz

erleuchtete mit fast mehr als Tageshelle das südliche Firmament, die

hochaufkochenden Wasser, und während noch der Donner in weiter Ferne

nachrollte, kam der brausende Orkan jubelnd und jauchzend über das Meer

daher, griff wie im Spiel die zurückschreckenden Wogen auf, und trug ihren

glänzenden, funkelnden Schaum hoch mit sich in die wirbelnde Luft hinein.

Das Canoe arbeitete sich indessen mit rasender Schnelle durch und über den

gährenden Schaum hin, der die ganze See bedeckte. Schon konnten sie

die dunklen Umrisse des Kasuar selbst erkennen, und in dem nämlichen

Augenblick, als ein zweiter blendender Strahl sein weißes Licht über

das Meer goß, glitt es dicht an die Bulwarks des, noch vor seinem Anker

reitenden Schooners hinan. Im Nu war es am Bug desselben befestigt, und

die wachthabenden Matrosen fuhren entsetzt empor, als plötzlich, wie der

stürmischen Tiefe entstiegen, dunkle, geisterhafte Gestalten an ihren

Bord sprangen. Wohl griffen sie, kaum etwas anderes, als einen nächtlichen

Ueberfall der Wilden ahnend, und zum Tod erschreckt, zu Allem, was ihnen

nur als Wehr und Waffe unter die Hände kam. Ehe sie aber selbst im Stande

waren, das recht zu begreifen, was um sie her vorging, erschütterte

plötzlich ein heftiger Stoß den zitternden Schooner bis in seinen Kiel

hinab. Zu gleicher Zeit, ja fast in demselben Moment, gellte ein wildes,

dämonisches Jubelgeschrei in ihre Ohren, und der dunkle Schatten des

schlanken Canoes schnellte plötzlich wieder von ihrem Fahrzeug zurück, in

die weiße, zischende Fluth. Trotzig bäumten sich die in zürnendem Unmuth

anwachsenden Wogen darum her, und griffen mit den zerrinnenden Armen

danach, doch unberührt von dem Allen, und still und regungslos, wie sie

gekommen, stand die hohe, dunkle Gestalt am Steuer, die Ruderer arbeiteten,

und das Canoe schoß, wie von Geisterhand getragen, durch den aufgerüttelten

Grimm des tobenden Elements.

»Hülfe!« ächzte in diesem Augenblick Van Broon, der durch das Steigen des

Schooners von dem Platz wo er lag, gegen die Bulwarks angeworfen wurde

und jetzt nichts anderes glaubte, als er läge schon über Bord -- »Hülfe --

Hülfe!«

Die Matrosen trauten kaum ihren Sinnen, als sie die bekannte Stimme hörten,

der Ruf ihres Capitäns riß sie aber bald aus ihrem ersten stummen Staunen.

»Alle an Deck!« schrie er. »Alle an Deck, und hier -- Bill, Ned -- Bob --

Donnerwetter ist keiner der Hallunken da -- bindet uns los hier -- verdamm

Euere Augen, hört Ihr nicht?«

Rasch sprangen die ihm nächsten hinzu, und wenn sie auch nicht begreifen

konnten, was hier vorgegangen, ja kaum, wie ihr Capitän eigentlich an Bord

gekommen sei, so ließ ihnen die Gefahr des Augenblicks doch keine Zeit zu

Fragen und Erstaunen -- hier galt es nur zu handeln, und schnell banden sie

die Stricke los, mit denen die drei Gefangenen umwunden waren. Da erhellte

wiederum ein zuckender Strahl das Meer -- Tomson's, wie fast aller Uebrigen

Blicke fielen neugierig auf die dritte Gestalt, die noch immer laut- und

regungslos zwischen ihnen stand, und das Erstaunen läßt sich denken, mit

dem sie fast zu gleicher Zeit ausriefen -- »Ned -- der Sträfling!«

Obgleich nun Tomson allerdings nicht begriff, wie der Sträfling sowohl ans

Ufer, als auch in ihr Boot gekommen sein könne, so wurde ihm doch jetzt

auch plötzlich klar, daß es eben dieser Bube sein müsse, der sie verrathen

und ihren Feinden überliefert hätte. Die Sorge um sein Fahrzeug ließ ihm

aber für den Augenblick keine Zeit zu solchen Betrachtungen.

»Segel los« -- schrie er -- »Pest und Teufel, wir treiben -- die heillosen

Schufte haben unser Ankertau durchgehauen -- steht bei dem Gaffelsegel, ihr

Leute -- die Brefock auf -- steht bei, sag' ich -- Schufte die Ihr seid«

-- und rasch, unter wild gegebenen Befehlen und Flüchen sprang der würdige

Seemann selbst ans Steuerruder, während die Matrosen, in der eigenen Gefahr

Alles übrige um sich her vergessend, nur den Schooner vor dem ihm drohenden

Verderben zu bewahren suchten.

So rasch die Fluth nämlich, als sie an diesem Morgen in die Bucht

eingelaufen, das enge Felsenthor landeinwärts durchströmte, so reißend

schoß auch jetzt, noch von dem wirbelnden Wind getrieben, die Ebbe hinaus,

und das kleine, schaukelnde Fahrzeug, das in der letzten Minute den Felsen

näher und näher getrieben war, fühlte kaum den Druck des Segels, unter

den es das schnell gerichtete Steuer brachte, als es sich auch im wilden

Ansprung auf die nächste Woge schwang, und jetzt, von Strömung und Wind

begünstigt, rasend schnell durch die Fluth dem gähnenden Thor entgegen

brauste. Kaum noch hundert Schritt war es von diesem entfernt -- deutlich

konnten sie das wilde Anstürmen der Wogen erkennen, die sich wie feurige

Strahlenkämme an seinen starren Häuptern brachen -- jetzt schien es, als ob

der zitternde Schooner, mit vollem, gewaltigen Anlauf, toll und wild gerade

hinanstürmen wolle auf den Felsenkamm, der ihn zerschmettert der Tiefe

zusenden mußte. Die Mannschaft stand unthätig am Bug -- die nächste Secunde

sollte ihr Schicksal entscheiden, und nur noch wenige Klaftern Seeraum

trennte sie von ihrem Tod. Dicht vor ihnen ragte der Fels empor, und das

Schiff -- ha, es neigte sich ab -- großer Gott, jener scharrende Laut, der

das Herzblut der Männer stocken machte -- es war die Seitenwand des Kasuar

im vorbeischnellenden Druck an der Steinsäule des linken Thores. -- Und der

Schooner? -- frei und frank schoß er von der nachdrängenden Fluth gehoben,

in die offene See hinaus, dicht hinein in das enggereefte Segel legte sich

der nachdrängende Sturm, und wie dem Element angehörig, tanzte das wackere,

kleine Seeboot gerettet auf dem wogenden, zürnenden Meer.

Noch hatten sich die Matrosen nicht von der fürchterlichen Angst des

Augenblicks erholt -- noch standen die Leute still und regungslos an ihren

Plätzen, und wagten es kaum zu glauben, daß die Gefahr jetzt wirklich

vorüber sei, denn die offene See fürchtete keiner, da rief sie aufs Neue

Tomson's Stimme zu den eben vorübergegangenen, aber in der Gefahr des

Augenblicks schon fast vergessenen Scenen zurück.

»Bindet den Schuft -- den Ned, und werft ihn in den Raum hinunter -- Du

Bob, nimm hier das Steuer, bis ich einen Anderen der Leute herschicke.

Hallo -- wo ist Van Broon -- wo ist der Holländer, hat ihn die Angst

getödtet?«

Das war jedoch keineswegs der Fall; der würdige Mann hatte in der That

von dem Umfang der Gefahr, die sie eben noch bedroht, keine Ahnung gehabt,

sondern nur ruhig seinen Platz hinter einem der Wasserfässer behauptet, wo

er wenigstens nicht durch das Schaukeln des Fahrzeugs umhergeworfen werden

konnte. Seine ganze Aufmerksamkeit schien aber bis dahin ein ziemliches,

ansehnliches Packet ausschließlich beschäftigt zu haben, das ihm die

Insulaner, als sie ihre Gefangenen an Bord des Kasuar gebracht, in den Arm

gedrückt, und dessen Inhalt er der vielen darum gewundenen Bänder wegen,

noch nicht erforschen gekonnt, obgleich es ihm bei dem Leuchten der Blitze

allerdings so vorkam, als ob das darumgeschlagene Fell dasselbe sei, was

Dumfry auf der Insel geraubt und wegen dem sie, wie er jetzt wohl glauben

mußte, die ganze unglückselige Fahrt unternommen. Sobald er übrigens

Tomson's Ruf hörte, arbeitete er sich nach besten Kräften zu ihm hin, und

dieser, nachdem er ihm mit kurzen Worten die Existenz des Packets, wie

die Schwierigkeit es zu öffnen, angezeigt, zog rasch sein Messer und

durchschnitt die Schnüre.

»Capitän,« sagte da Einer der Matrosen, der in gleicher Zeit zu ihnen

trat, »Ned trägt, in ein Stück indianische Matte eingeschlagen, eine ganze

Parthie Geldstücke um den Hals gebunden, will aber nicht gestehen, woher er

sie hat -- wollt Ihr so gut sein und sie in Verwahr nehmen?«

»Geld!« frug Tomson erstaunt, »wo mag der Schuft das aufgetrieben haben? --

und dieß Packet?«

Er hatte die Bänder gelöst, schlug das Fell auseinander, und wollte eben

mit der Hand nach dem Inhalte fühlen, da zuckte wieder ein heller Blitz von

den grollenden Wolken nieder, und einen Schrei des Entsetzens stießen die

Männer aus, denn von der dunklen Hülle umgeben, dem schwefelgelben Strahl

schauerlich und graß beleuchtet, starrten ihnen die bleichen, verzerrten

Todtenzüge Dumfry's entgegen.

Wild tobte der Sturm -- die Wogen schäumten und brausten, und das kleine

Fahrzeug kämpfte die ganze Nacht gegen den heulenden Grimm der Elemente an.

Endlich dämmerte der Morgen, das milde Tageslicht beschwichtigte den

Orkan, und die weißen Segel des Kasuar blähten sich der Heimat entgegen;

am Starbordgangweg aber standen die Matrosen, und mit dem leise gemurmelten

Gebet der ernsten Schaar sank, während eben am östlichen Horizont die

aufsteigende Sonne ihr heiteres Leben über die See blitzte, das blutige

Todtenhaupt des Gerichteten in die dunkle Tiefe hinab.

Berlin und das Schauspielhaus im Belagerungszustand.

Eine Skizze.

Im Jahre 1848, am 12. November Abends war Berlin in Belagerungszustand

erklärt und am 13. Mittags glitt ich im zitternden Coupé, von der

keuchenden Locomotive blitzschnell über das flache, reizlose Land gerissen,

der bedrohten Residenz entgegen.

»Werden wir noch hinein kommen? -- wird man uns Fremden den Aufenthalt

dort gestatten?« solche Fragen kreuzten sich besonders auf den letzten

Stationen, wo militärische Helme zu immer unausweichbareren Gegenständen

wurden, häufig herüber und hinüber, und endlich ergab sich die peinliche

Gewißheit des Nichthineinlassens, als in Jüterbock ein Lieutenant mit

sechzig Mann zu uns stieß und uns, freilich auf die freundlichste und

artigste Weise, die Nachricht gab, er habe bestimmte Ordre, den ganzen Zug

nicht weiter als Trebbin zu lassen.

Guter Gott! Trebbin! -- vier Meilen von Berlin, auf wohlriechender Haide,

Abends acht Uhr, in stockfinsterer kalter Nacht! Und dazu die Erklärung

Mehrerer, die dort bekannt waren, daß im ganzen Neste wahrscheinlich

nicht einmal Leiterwagen genug aufzutreiben sein würden, um uns weiter zu

transportiren! Reizende Lage, in der es noch als ein Glück erschien, die

ganze Nacht auf einem Leiterwagen und schlechten Wegen durch das Land

gerädert zu werden!

»Schafft man die königlichen Beamten auch nicht weiter?« fragte ein

beleibter, bleichwangiger Gesell in einem feinen grauen Tuchmantel und

einer Art Dienstmütze, in einem Ton, der gar nicht verkennen ließ, wie er

bei beruhigender Antwort mit der Maßregel vollkommen einverstanden gewesen

wäre. -- »Thut mir leid; meine Ordre besagt, den _ganzen Zug_ ohne Ausnahme

anzuhalten,« lautete die Antwort des Offiziers. -- Das war doch ein Trost;

die preußischen Beamten blieben wenigstens nicht im Coupé sitzen, und »Arm

in Arm mit ihnen« konnten wir das Geschick in die Schranken fordern.

In Jüterbock hielt der Zug wegen der Aufnahme des Militärs länger an als

gewöhnlich, und der Beamte unterhielt sich indessen aus dem Coupé heraus

mit einigen davorstehenden Soldaten, die eben ihrem Lieutenant drei

donnernde Hurrahs gebracht hatten. -- »Morgen kommen wir auch nach Berlin!«

riefen diese und die Wirkung starker Getränke war bei ihnen nicht zu

verkennen. »Hussah, morgen kommen wir!« -- »Das ist recht, Kinder,« sagte

der freundliche Beamte und nickte ihnen lächelnd zu; »haltet nur nicht zu

hoch!« -- »Bewahre, altes Haus!« sagte einer der jungen Bursche, »eben die

rechte Höhe und mitten hinein!« -- »Bravo, meine Jungen!« nickte der Beamte

und der plötzliche Ruck, den der Wagen that, setzte ihn einem hagern,

hohläugigen Mann, der in einfach grober, aber sauberer Tuchkleidung dicht

hinter ihm saß, auf den Schooß.

Der Hagere entschuldigte sich auf das ängstlichste, daß er dem Manne,

von dem ihm wahrscheinlich sein Instinkt sagte, es sei Einer, der mit der

Regierung in Verbindung stehe, im Wege gesessen habe, rückte, so weit es

anging, von ihm zurück und benahm sich überhaupt so eigenthümlich, daß ich

nicht umhin konnte ihn etwas genauer zu betrachten.

Er mochte etwa in den vierzigen sein, vielleicht war er auch jünger, denn

die fahlen Züge sprachen von ertragenem Leid. Scheu und doch auch wieder

neugierig blickten die hellgrauen Augen um sich, schienen auf nichts zu

haften und begegneten nie einem andern Blick. Ich würde den Mann für

einen Verbrecher gehalten haben, hätte mich nicht die unverkennbare

Behaglichkeit, mit der er sich manchmal, besonders wenn er einen

Augenblick vor sich niedergesehen hatte, die Hände rieb und leise vor sich

hinschmunzelte, irre gemacht.

Aus zwei Welttheilen. Erster Band. Gesammelte Erzählungen · 第 19 / 21 段