Sodann nahm er eine Partie Bittschriften, wie sie der Nationalversammlung

wirklich eingegangen, und von denen er eine sogar als fingirtes Taschentuch

benutzte, und las sie mit possenhaften, nicht selten zweideutigen

Bemerkungen vor; eben so mißbrauchte er das preußische Landrecht, von dem

ein Exemplar ebenfalls in einem unteren Gefach der Rednertribüne lag. Und

die Soldaten amüsirten sich herrlich, aber der Offizier stand nach einer

Weile auf und verließ den Saal.

Man müsse den Soldaten den unschuldigen Spaß lassen, um sie bei guter Laune

zu erhalten; die armen Teufel haben viele Beschwerden zu ertragen, stehen

vielleicht auf der Schwelle eines Bürgerkriegs; das Schauspielhaus dürften

sie Abends nicht verlassen, die Langeweile hätte sie ja getödtet -- solches

und anderes wurde mir vorgestellt. Ich aber fragte mich, ob denn das alles,

was mich hier im tollen Possenspiel umgab, Wirklichkeit sei? Mir kam das

Ganze oft wie ein Traum vor. -- Die Halle hier, in der die Vertreter des

ganzen mächtigen Preußenvolkes das Wohl des Landes, das Wohl von Millionen

berathen, von Bajonnetten geräumt, von Bajonnetten besetzt, auf der Tribüne

ein in Civiltracht possenhaft verkleideter Soldat; die Bittschriften, die

das Volk, seinen Vertretern eingesandt, gemißbraucht! -- Das Andenken

an das Edelste, was die Freiheit eines Volks gewährleisten kann, seine

Vertretung durch Abgeordnete im eigenen Parlament, verhöhnt und lächerlich

gemacht! Und hier die Männer, die lachend dem Spiele zuschauten oder

träumend in der Ecke saßen, jede Minute bereit, beim ersten Trompetenstoß,

beim ersten Trommelwirbel in die Höhe zu fahren und mit dem schon geladenen

Gewehr, dem schon aufgesteckten Bajonett sich den, vielleicht durch nur

irgend einen bösen Zufall aufgereizten Bürgern entgegen zu werfen! Ein

eigenes, recht häßliches Gefühl war es, das mich durchzuckte, und ich

verließ den entweihten Raum, verließ die armen in =effigie= gepeinigten

Heroen der Musik unter den quitschenden Tönen der Geige, dem brummenden

falschen Accompagnement des Basses und dem Beifallssturm der dankbaren

Grenadiere.

Um die Mittelthür und die Haupttreppe auf dem nächsten Weg zu erreichen,

mußte ich über die Bühne weg, und ich werde _den_ Anblick im Leben nicht

vergessen. -- Im ungeheuern Raum hingen in der Mitte an Brettern drei

Doppellampen, die aber ein düsteres mattes Licht gaben und das Ganze kaum

nothdürftig erhellten. Auf der Bühne selbst befand sich die Wache und

wenn auch hie und da zwischen den Coulissen Gruppen von Kartenspielern an

kleinen Tischen saßen, so mußte doch die Bühne selbst von solchem Treiben

frei bleiben. -- Hier standen die Gewehre der Wache zusammengestellt, und

ernste Posten wanderten schweigend daneben auf und ab. Ich ging zwischen

ihnen durch und betrat die Bretterbrücke, die über die Banklehnen des

Parterres hinweg dem Ausgang zuführt. -- Hier aber blieb ich stehen und

überschaute nun zurückblickend das ganze eigenthümliche Bild, das vor mir

ausgebreitet lag.

Die Coulissen waren unordentlich durcheinander, hier Säulen, dort Wald,

vorgeschoben; den Hintergrund aber bildete (die Leinwand war wegen des

Luftzugs von hinten herabgelassen) wohl zufällig eine weite, den Horizont

begrenzende Seefläche. Zur Rechten und dicht vor dem zackigen Felsenufer

lagen die erst heute eingelieferten, noch ganz neuen Strohsäcke der

Soldaten aufgeschichtet, und es sah täuschend so aus, als ob ein Schiff

dort gerade seine Waaren gelandet hätte. Links standen, von hinten vor,

bis dicht an die vordere Lampe, die mit den Bajonnetten zusammengreifenden

Gewehre, und auf jeder Waffenpyramide ein Helm. Ueber die Bühne aber

zerstreut, auf die Ellbogen gestützt, oder das erste beste, was sich ihnen

geboten, unter den Kopf gerückt, lagerten einzelne Grenadiere und schauten

träumend nach den öden Galerien hinauf, in denen nur hie und da einzelne

Kameraden Platz genommen hatten und die Scene unter sich gerade so

theilnahmlos und schläfrig betrachteten. Rechts neben mir im Parterre unten

saßen zwei neben einander auf einer Bank und nickten, und links lag ein

Dritter, auf der Bank ausgestreckt, und schnarchte laut.

Die Schildwachen schritten still und lautlos ihre befohlene Bahn hin und

her; manchmal aber blieben sie, dem Hintergrund zugewandt, stehen, und es

war dann, als ob sie das weite Meer beobachteten, das Nahen fremder Schiffe

zu erkunden, denn der matte, ungewisse Dämmerschein machte die Täuschung

fast vollständig. Es lag wahrlich eine gewisse Poesie in dieser

entsetzlichen Prosa, -- aber es war eine Poesie zum Tollwerden und ich

athmete ordentlich frei und leicht auf, als ich das entweihte Heiligthum

der Kunst hinter mir hatte und wieder in die freie frische Luft hinaustrat.

Es ist wahr, jene Zeit hat bewiesen, daß man Komödie spielen kann ohne

gerade auf dem Theater zu stehen, und wir sehen die Wirklichkeit oft genug

auf die Breter gebracht, ohne eben davor zu erschrecken; aber es ist das

immer eine Wirklichkeit wie etwa ein beängstigender Traum, von dem wir

wissen, daß es ein Traum ist und uns wohl in der Hoffnung des Erwachens

fühlen. -- Wenn aber der Traum dann in den hellen Tag hineinreicht und uns

kalt und frostig in das warme Leben greift, dann schnürt uns das Bewußtsein

_solchen_ Zustandes Herz und Seele zusammen, wie mir der Anblick der

entweihten Bühne, und wir ersehnen heiß und brünstig einen Morgen.

Ich verließ Berlin am nämlichen Abend wieder.

~Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.~

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription

werden _gesperrt_ gesetzte Schrift, ~kleine~ Schrift, #fettgedruckte#

Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift= hervorgehoben.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich

uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "auseinander" -- "aus

einander", "Bret" -- "Brett", "Canarienvogel" -- "Carnarienvogel",

"Hackebret" -- "Hackebrett", "Kaffe" -- "Kaffee", "widerfahren" --

"wiederfahren",

mit folgenden Ausnahmen,

Seite 29:

"einen" geändert in "einem"

(in kaum einem halben Jahre)

Seite 39:

"Sädten" geändert in "Städten"

(wie sie in den Städten ausgedacht werden)

Seite 46:

"»" eingefügt

(»Metcamp hatte verdammt gute Aussichten)

Seite 48:

"«" eingefügt

(hahaha -- angeführt haben!«)

Seite 57:

"sein" geändert in "seine"

(daß ihm diese, seine beste Falle)

Seite 60:

"wieß" geändert in "wies"

(dort aber wies sie jede Aufforderung)

Seite 62:

"dich" geändert in "Dich"

(und wenn sie Dich nicht vergessen könnte)

Seite 68:

"fest-zusammengebissenen" geändert in "fest zusammengebissenen"

(die er mit fest zusammengebissenen Zähnen)

Seite 71:

"«" hinter "tödten?" entfernt

(Was aber nun thun? -- den Wolf tödten?)

Seite 79:

"daß" geändert in "das"

(das soll mir der Mr. Metcamp einmal nachmachen!)

Seite 87:

"einen" geändert in "einem"

(und schaute mit einem schelmischen Blicke zu ihm auf)

Seite 87:

"mich ich mag" geändert in "ich mag mich"

(und ich mag mich nicht in einem fort umsehen)

Seite 88/89:

"der" geändert in "den"

(eine sogenannte Gänsehaut über den ganzen Leib)

Seite 97:

"»" eingefügt

(»da ist wohl Mancher Wochen lang)

Seite 106:

"«" eingefügt

(Gehen Sie mit, Schulmeister?«)

Seite 109:

"meint" geändert in "meinte"

(»Ach, nicht Frauen allein,« meinte der Schulmeister)

Seite 114:

"sage" geändert in "sagte"

(mir heute noch gefehlt, sagte die Pastorin, und räumte)

Seite 119:

"»" eingefügt

(»Du bist heute aufgeregt, Kind)

Seite 121:

"»" vor "Im" entfernt

(Im nächsten Moment glitt die Erscheinung)

Seite 124:

"flimmerden" geändert in "flimmernden"

(und las mit flimmernden Augen, während das Schreiben)

Seite 134:

"»" eingefügt

(»Und der Fensterladen?«)

Seite 135:

"«" eingefügt

(heute Mittag müßt Ihr bei mir essen.«)

Seite 144:

"»" eingefügt

(»denn im weichen Quellboden sah ich deutlich)

Seite 151:

"»" eingefügt

(»sie vertheidigen die Sclaverei)

Seite 154:

"Preßbyterianer" geändert in "Presbyterianer"

(und die Presbyterianer halten ihn für ein besonderes Licht)

Seite 155:

"Worte" geändert in "Worten"

(mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs bösgemeinten Worten)

Seite 158:

"»" vor "Sally" entfernt

(Sally sprang singend hinaus)

Seite 161:

"Reale" geändert in "Regale"

(in einem Eimer auf dem dort angebrachten Regale stand)

Seite 173:

"»" eingefügt

(»wir haben weder Schreibzeug, noch Papier)

Seite 179:

"«" hinter "können," entfernt

(viel mehr in Erstaunen setzen zu können,)

Seite 182:

"sie" geändert in "Sie"

(Wallis hat, wie Sie vielleicht wissen)

Seite 184:

"." eingefügt

(da ist's doch besser sie suchen Dach und Fach.«)

Seite 184:

"Virtelstunden" geändert in "Viertelstunden"

(in höchstens drei Viertelstunden können sie)

Seite 187:

"Verguügen" geändert in "Vergnügen"

(mit dem größten Vergnügen, was ist es?)

Seite 188:

"sie" geändert in "Sie"

(mit der Sie meine armseligen poetischen Versuche)

Seite 201:

"»" eingefügt

(»Mr. Hennigs kommt auch nicht wieder)

Seite 203:

"Taschentnch" geändert in "Taschentuch"

(sein Taschentuch hervorzuholen und sich)

Seite 207:

"Reger" geändert in "Neger"

(mein Thier eben einem Neger übergeben)

Seite 216:

"das" geändert in "daß"

(schmerzt es Sie denn, daß Sie ein Menschenleben)

Seite 225:

"Spitzhake" geändert in "Spitzhacke"

(hatte in Rache und Wuth eine Spitzhacke ergriffen)

Seite 243:

"«" hinter "vertrüge." entfernt

(und diese allerdings _keinen_ Chor vertrüge.)

Seite 246:

"sie" geändert in "Sie"

(»Sehen Sie,« sagte er)

Seite 247:

"gehts" geändert in "geht's"

(in die schwarze Gasse -- dann geht's auch)

Seite 256:

"»" eingefügt

(»Herrliches Jagdwetter heute!«)

Seite 257:

"»" eingefügt

(»es ist überdieß nicht gut)

Seite 266:

"«" eingefügt

(»was zeig' ich denn an?« und trat auf die)

Seite 266:

"»" eingefügt

(»werden wir die Ehre haben)

Seite 269:

"»" eingefügt

(»ich bin alt und schwächlich)

Seite 269:

"Bespiel" geändert in "Beispiel"

(würde Ihnen zum Beispiel einen viel größeren Zuhörerkreis)

Seite 273:

"«" eingefügt

(mich ergebenst, meine Herrn!« -- und damit)

Seite 273:

"," hinter "Leute" entfernt

(Die jungen Leute sahen ihm mit einem Gemisch)

Seite 276:

"aufathmen" geändert in "aufathme"

(kräftig und wohlgemuth aufathme aus tiefster Brust)

Seite 281:

"von" geändert in "vor"

(wenn Sie ihm, so aufgetakelt, vor den Bug kämen)

Seite 283:

"hierzu" geändert in "hier zu"

(mit welchem wir es hier zu thun haben)

Seite 283:

"-" eingefügt

(damit er die Beweggründe der Schooner-Passagiere begreifen)

Seite 284:

"das" geändert in "daß"

(imponirt, daß einzelne _unbewaffnete_ Männer)

Seite 293:

"Geduldsfadenriß" geändert in "Geduldsfaden riß"

(dem kleinen Van Broon der letzte Geduldsfaden riß)

Seite 314:

"»" vor "Bob" entfernt

(Bob grunzte eine Art Beistimmung)

Seite 315:

"Sideny" geändert in "Sidney"

(sobald wir unseren Anker wieder in Sidney auswerfen)

Seite 324:

"»" eingefügt

(»es giebt viele auf der Insel)

Seite 333:

"Berreich" geändert in "Bereich"

(laufen wir daher den ganzen Bereich ab)

Seite 334:

"»" eingefügt

(»hier der, durch ein Kreuz bezeichnete Punkt)

Seite 338:

"Schiffen" geändert in "Schiffer"

(die den Schiffer auf seinen weiten Reisen begleitet)

Seite 341:

",«" geändert in "«,"

(theils dem »Capitän«, theils dem Zimmermann gehörige)

Seite 347:

"Zimmerman" geändert in "Zimmermann"

(der Zimmermann zog es denn auch, vielleicht nur aus)

Seite 365:

"Anderr" geändert in "Andere"

(der Andere aber schlich langsam am Waldrand hin)

Seite 372:

"." geändert in "?"

(was es sonst sein mag, seinen Eingang?«)

Seite 375:

"?" geändert in "!"

(und einem frohen, freudigen Leben entgegen!«)

Seite 382:

"«" eingefügt

(-- werden schon wissen --«)

Seite 391:

"enstanden" geändert in "entstanden"

(wie der Tag entstanden, sank er in Nacht zurück)

Seite 420:

"dem" geändert in "den"

(Auf den rothgepolsterten Sesseln und Bänken lagen)

Seite 425:

"ich" geändert in "auch"

(und wenn auch hie und da zwischen den Coulissen)

sowie jeweils "«," geändert in ",«"

auf Seite 50:

(»Dort unten,« lautete die monotone Antwort)

(»Na, das ist eine schöne Geschichte,« murmelte Sutton)

und Seite 72:

(»Entweder oder,« murmelte er)

und Seite 142:

(durch den Wald reiten müssen,« entgegnete die Frau)

(»Ja, das läßt sich nicht läugnen,« lachte der Reiter)

(»Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs,« rief jetzt)

und Seite 144:

(draußen im Wald, er sucht die Pferde,« entgegnete)

(aus den Hügeln herunter gekommen sein,« meinte Hennigs)

(»Ah, dann findet sie Vater gewiß nicht,« rief Sally)]

Aus zwei Welttheilen. Erster Band. Gesammelte Erzählungen · 第 21 / 21 段