Der Eine von diesen zerstreute sich in den benachbarten Büschen, der Andere

aber schlich langsam am Waldrand hin, der Mündung des Ta-po-kaï zu. Der

Sträfling blieb unter der Aufsicht zweier Krieger und mußte der letzten

Schaar folgen, doch schien man nichts von ihm zu fürchten, oder keine

weiteren Vorsichtsmaßregeln für nöthig zu halten, denn er durfte frei

neben seinen Begleitern hergehen, deren ganzes Aeußere ihn aber dennoch

überzeugte, daß Flucht, wenn er daran wirklich noch gedacht hätte, hier

ganz hoffnungslos gewesen wäre. Rasch schritt er denn auch an ihrer

Seite fort, und wie der letzte in den laubigen, dunkelschattigen Büschen

verschwunden war, lag der Platz wieder so einsam ruhig da, als ob ihn noch

nie ein menschlicher Fuß betreten oder menschliche Leidenschaft seinen

heiligen Frieden gestört habe.

* * * * *

Still und heimlich rauschten die hohen, majestätischen Wipfel des düsteren

Urwalds, und flochten ihre riesigen Arme fest, fest in einander, daß die

sengenden Strahlen der Sonne nicht Eingang fänden in ihr heiliges Dunkel,

und die zarten Kinder ihrer Sorgfalt, die jungen saftigen Palmen und die

wuchernden, blumigen Moose nicht erreichen und welken könnten. Es war

Mittagszeit -- heimlich drückten sich die munteren Waldvögel in den kühlen,

duftigen Schatten der Sträuche, und die schillernde Eidechse nur glitt

geräuschlos an Stämmen und Zweigen hin, und schaukelte sich an schwanken

Ruthen oder haschte auch nach vorbeifliegenden Insekten und Käfern.

Still und heimlich rauschten aber auch die hohen, majestätischen Wipfel um

eine einzige, kleine Lichtung, die an der sanften, grasigen Abdachung eines

niederen Hügels lag, und jetzt nur von astigen Fruchtbäumen und einzelnen,

früher vielleicht gepflegten Palmen beschattet wurde. Es war ein

neuseeländischer _Pah_, die Wohnung, aber auch zugleich das Fort Eines

der Eingeborenen, ganz nach Art der, über die Insel zerstreuten

Befestigungswerke mit starken spitzen Pallisaden umgeben, und im Innern

durch niedere Fenzen wiederum in einzelne, jedoch mit einander in

Verbindung stehende Höfe abgetheilt. Inmitten desselben lag das flache,

breitausgedehnte, niedere Wohnhaus, mit phantastisch geschnitzten

Holzsäulen und kühler, luftiger Veranda. Schmale Bänke zogen sich im Innern

dicht an den Wänden des Hauses hin, und zwischen zwei der Säulen hing,

regungslos und leer, eine einzelne, von den Fasern des neuseeländischen

Flachses gewebte Hängematte. Aber kein lebendes Wesen ließ sich sehen --

Alles schien ausgestorben und öde, ja die Nebengebäude, großentheils nur

Schuppen und Ställe, standen offen und leer, das Kochhaus, das sich früher

dicht an das Wohnhaus geschmiegt, war auf der rechten Seite niedergebrochen

und verfallen, die Hängematte hing in Streifen nieder, am Dach fehlten

ganze Stücke; die Umzäumungen lagen theils niedergeworfen, theils von

Moosen überwachsen; kein Hausthier belebte den Hof, und nur ein Habicht,

der vielleicht in der Nähe horstete und hier, in den stillen, öden Gebäuden

nach Nahrung gesucht, stieg jetzt kreisend empor, stand mit schnellem,

kräftigem Flügelschlag wohl eine Minute lang still über dem, für ihn zur

Heimath gewordenen Platz, und strich dann, den schönen Kopf noch immer

zurückgebogen, langsam dem Meeresufer zu.

Er hatte seinen Feind, den Menschen, gewittert, und kaum verschwand er

auch hinter den hohen, laubigen Bäumen, als eine wilde Gestalt die niederen

Büsche theilte, die sich dicht an die halbniedergebrochenen Pallisaden

anschmiegten, ja sogar einen Theil derselben schon mit ihren

weitausgreifenden Schmarotzerpflanzen wie mit einem blumendurchwebten

Laubnetz überzogen.

Es war Dumfry der, das Gesicht wieder dicht mit der Matte verhüllt, die

Büchse fest und im Anschlag in der Hand, die Lichtung betrat und ernst

und schweigend den Schauplatz früherer Zeiten überschaute, der -- _seine_

Wohnung getragen. Und wo hinaus hatte das Schicksal die gestreut, die

früher die Waldeseinsamkeit mit ihm getheilt? wo weilten die Lieben, die

auch eine Wildniß im Stande sind zum Paradies zu wandeln -- welcher Boden

war es, der ihre Fährten trug und ihnen Nahrung gab? Oder hatte Dumfry

freundlos und allein hier gelebt? wurde kein Auge naß, als er seine neue

Heimath verließ, harrte kein hoffender Blick mit freudiger Zuversicht

seiner Wiederkehr? -- Niemand wußte es -- sein Mund schwieg über die

Vergangenheit, und wer ihm später in Sidney befreundet gewesen, vermied

es gern, auch nur die Erinnerung an frühere Zeit in ihm zu erwecken, denn

finstere Geister waren es, die dadurch heraufbeschworen wurden.

Welche Gefühle mußten da aber jetzt sein Herz bestürmen, als er Alles das

wieder vor sich sah, was in lebendiger Frische das Andenken an vergangene,

und wohl kaum vergessene Stunden erneute -- was die kaum vernarbten Wunden

wieder aufriß und sein Auge fest und stier an jene Stelle fesselte, wo

er --

»Gift und Tod!« murmelte er durch die fest zusammengebissenen Zähne vor

sich hin, und stampfte unwillig und in ausbrechendem Grimme den Boden --

»was kümmert's mich, wenn sie den Platz meiden und ihr wahnsinniges Gesetz

den Ort selbst öde legt und verlassen. Um so besser -- desto sicherer bin

ich und desto unbewachter.«

Rasch glitt er in das Dickicht zurück, wo die Gefährten seiner harrten und

ein Zeichen bedeutete sie ihm zu folgen, wohin er sie führen würde. Ihr

Pfad, der bis jetzt durch die wildeste und rauhste Waldung geführt, wurde

aber jetzt ebener; eine Art ausgehauener Weg, wenn auch allem Anschein nach

lange nicht begangen, zog sich, wie Tomson glaubte, in ziemlich paralleler

Richtung mit der See fort, und die Hügel hatten sie ebenfalls verlassen,

oder hielten sich wenigstens nur noch am Fuß derselben hin, wo sie zweimal

kleine, sprudelnde Bäche überschritten, und plötzlich auf einer sanften

Abdachung des hohen Landes einen kleinen, vielleicht zwanzig Fuß steil

emporsteigenden Erdaufwurf erreichten, dessen Gipfel ein eigenes,

wunderliches Denkmal zierte.

Die Hälfte eines quer durchschnittenen Canoes stand dort wie ein

Schilderhaus aufgerichtet; die beiden Seiten desselben waren mit weißen,

schwarzen und grellrothen Farben bunt bemalt, und den oberen Theil

schmückten hohe, wehende Federn, wie sie wohl sonst das Haupt des Kriegers

und Jägers als stolzen Kopfputz zieren. Besonders prangten einzelne hohe,

weiße Federn des Albatroß, die den Mittelpunkt des Busches bildeten, und

eine bunt gefärbte Matte hing von oben herab und verdeckte den inneren

Theil dieses eigenthümlichen Zierraths.

Die Fremden konnten, als sie den offenen Platz erreichten, das eben

beschriebene Bauwerk leicht übersehen, desto schwieriger aber schien es

hinaufzugelangen, denn hohe und fest eingerammelte spitze Pallisaden, auch

keineswegs verfallen, wie die, der früheren Wohnung, sondern allem Anschein

nach in gutem und trefflichem Stand erhalten, umgaben den Erdhügel.

Der innere Raum zwischen diesem und seiner Verschanzung war von üppiger

Vegetation dicht überwuchert, und es ließ sich unmöglich unterscheiden, ob

der von Bäumen allerdings leere Platz früher bebaut, oder nur von dem hohen

Holz befreit worden sei, um jenes Gestell auf dem Gipfel desto freier und

besser herauszuheben.

Die Männer hatten, bis dahin noch von einer kleinen Gruppe palmenartiger

Farrenbäume verdeckt, den stillen wunderlichen Ort in lautlosem Schweigen

eine Zeitlang beobachtet, endlich flüsterte Van Broon, dem es hier unter

den hohen Bäumen und vor dem einzeln dastehenden, indianischen Bau, der wie

eine Schildwache das Herz der Waldung zu bewachen schien, anfing unheimlich

zu werden:

»Ist dies denn nun endlich der Ort, zu dem wir jetzt, Gott weiß, wie viele

Meilen durch Dornen und Schlingpflanzen gerannt sind, als ob uns der böse

Feind auf den Hacken säße?«

Dumfry nickte, noch immer ohne ein Wort zu erwiedern, einfach mit dem Kopf.

»Der Eingang wird wohl an der andern Seite sein,« meinte Tomson, und

richtete sich auf den Zehen empor, um soviel Raum als möglich übersehen zu

können.

»Gentlemen!« wandte sich jetzt Dumfry plötzlich und mit leiser,

unterdrückter Stimme, aber mit freudig blitzenden Augen, an seine Begleiter

-- »die Zeit unseres Handelns ist gekommen, wir haben den lang erstrebten

Platz erreicht, aber all die Gefahren, die ich gefürchtet, ja fest

erwartet, sind ausgeblieben. Die Gegend ist menschenleer, die Entfernung

zum Meer, ja zu der Stelle, wo unser Boot verborgen liegt, beträgt von hier

aus kaum tausend Schritt -- dort, wo jener helle Fleck die Waldung lichtet,

mündet der Bach, in dessen heimlichen Schatten wir eingelaufen. In einer

halben Stunde können wir unten sein, und unsere Ruder tragen uns dann rasch

dem sicheren Fahrzeug entgegen.«

»Warum gehen wir denn aber nicht an die Arbeit?« frug Van Broon ungeduldig;

»zum Henker noch einmal, mir wird's nicht behaglich zu Muthe, so lange ich

diesen cannibalischen Boden unter mir fühle; es ist mir immer, als ob uns

die Bäume ordentlich so mit einer Art von Gier und Gefräßigkeit ansähen,

und mit dem größten Vergnügen das Holz dazu hergeben würden, uns zu braten.

Wo hat denn dieses Monument, oder was es sonst sein mag, seinen Eingang?«

»Nirgends,« erwiederte ihm Dumfry, aber immer noch mit vorsichtiger Stimme

-- »es ist ringsherum auf solche Art umgeben -- Manawatus Begräbnißplatz

liegt unter dem geheiligten Gesetz des Tabu, nur wenn Einer aus seinem

Geschlecht wieder stirbt, erlischt das Verbot. Nach der bestimmten Zeit und

der Feier der Tangi[15] bringen die »weisen Männer« die Gebeine hierher und

wiederum verschließt das Gesetz den Eingang Jedermann.«

[15]: Bei dem Tod eines Häuptlings oder eines sonst angesehenen

Indianers entsteht ein großes Wehklagen, das die Neuseeländer _Tangi_

nennen. Die Frauen zerschneiden sich Arme, Gesicht und Brust mit

scharfen Muscheln, und die Kleider und das Eigenthum des Verstorbenen

wird dann gewöhnlich in das Grab desselben gelegt -- in den sogenannten

_wahi tapu_, und muß dort mit ihm verwesen.

»Wie kommen wir aber hinüber?« brummte Van Broon -- »wir wollen wohl hier

warten, bis Jemand kommt, um nachher die ganze Bevölkerung bei der Hand zu

haben. Gebt dem Volk nur einen Vorwand, und wir stecken noch heute Abend

Alle mit einander am schönsten Bratspieß, den sie auftreiben können.«

Dumfry wandte sich von ihm ab, glitt eine kurze Strecke rasch zwischen, ja

fast unter den hohen Farrenkräutern hin, die das Stacket dicht umschlossen,

prüfte einige der Pallisaden mit der Hand, und kam auch bald an eine, die

weniger fest in der Erde stack als die übrigen. In diese schlug er mit

aller ihm zu Gebote stehenden Kraft, indem er sich mit dem Rücken an die

nächsten dicht daneben stellte, seinen Tomahawk, daß der Stiel nach

oben kam. Der scharfe Stahl fuhr in das, durch die Jahre ziemlich weich

gewordene Holz bis ans Heft hinein, und er gewann dadurch eine Handhabe,

den sonst nicht gut erreichbaren Stamm anzufassen, und aus seinem Bett zu

heben. Nach einigen, vergeblichen Versuchen gelang ihm dieß auch endlich,

was einen schmalen Eingang in das Innere herstellte.

Van Broon, obgleich er die Größe der Gefahr, der sie hier ausgesetzt waren,

gar nicht kannte, ja nicht einmal ahnte, er wäre sonst wahrlich nicht so

geduldig dabei stehen geblieben, fühlte doch eine gewisse, ihm selbst kaum

erklärliche Angst, als er die Vorsicht und unverkennbare Scheu des sonst so

kecken, trotzigen Mannes sah. Dumfry, der ihnen winkte, dort zu bleiben,

wo sie gerade standen, kroch nämlich rasch und vorsichtig in das tollste

Gewirr des hier dicht verschlungenen Oberholzes, und kein Laut wurde weiter

von ihm gehört, kein Zeichen gab er, bis plötzlich seine Gestalt, aber

weiter unterhalb, wieder auftauchte. Er trug jetzt das zusammengeheftete

Fell irgend eines ihnen unbekannten Thieres im Arme und lief mehr als er

ging, dem engen Ausgange der Pallisaden zu, durch die er sich mit fast

ängstlicher Hast ins Freie drängte. Kaum hatte er jedoch den inneren Raum

verlassen, so legte er schnell seinen Pack auf den Boden nieder, stieß die

früher herausgehobenen Pallisaden an ihren Ort zurück, und schien jetzt

erst jedes Gefühl, was ihm bis dahin vielleicht Herz und Seele beengt haben

mochte, stark und freudig von sich abzuschütteln.

Hochauf athmete er, aus tiefer, voller Brust, und ein triumphirendes, fast

höhnisches Lächeln zuckte um seine Lippen.

»Nun fort,« rief er, und hob seine Last rasch wieder vom Boden auf, »fort,

in wenigen Minuten sind wir am Ufer, dann zu Schiff und einem frohen,

freudigen Leben entgegen!«

»Und ist das Alles?«, frug Tomson erstaunt, »Alles was wir zu thun haben?

Darum die entsetzlichen Vorbereitungen und Zurüstungen?«

»Kommt! an Bord unseres guten Kasuar sollt Ihr Alles erfahren, nur jetzt

von diesem Boden fort, der mir unter den Füßen zu brennen anfängt.«

Und ohne weiter auch nur eine Antwort abzuwarten, warf er einen flüchtigen

Blick zu der jetzt von dem gestiegenen Nebel fast umdüsterten Sonne

empor, die den Schleier mit ihrem rothen Gluthenlicht kaum zu durchdringen

vermochte, und eilte so flüchtigen Schrittes rechts in das Dickicht

hinein, daß ihm seine beiden Begleiter kaum zu folgen vermochten. Wohl eine

Viertelstunde behielten sie diese Richtung bei, und jetzt zwar fortwährend

thalab, die Hügel hinter sich lassend. Die Lichtung, auf die sie Dumfry

schon am Begräbnißplatz aufmerksam gemacht, trat denn auch immer deutlicher

und heller hervor, und einer kleinen, schmalen Anhöhe folgend, die als

Scheide zweier Bäche dem Ufer entgegenlief, erreichten sie dieses, kaum

zweihundert Schritte von der nämlichen Stelle, wo sie es betreten hatten,

doch mehr seitwärts von der Mündung des Baches, und an einer von Holz fast

freien, sandigen Fläche, die sich zwischen da, wo sie sich jetzt befanden

und dem Ta-po-kaï ausdehnte.

Dumfry überflog mit prüfenden Blicken das Terrain, nirgends aber ließ sich

auch nur das mindeste Außergewöhnliche oder gar Gefährliche entdecken; kein

lebendes Wesen war zu sehen, nur ein paar Albatrosse strichen mit langsam

bedächtigen Flügelschlägen über die Bai, und dort hinten -- gerade vor dem

hellglänzenden, weißen Streifen, der den Eingang der Bucht wie mit einem

schimmernden Zirkel umgab, lag still und regungslos, die schneeigen Segel

fest gegen die Masten geschlagen, der Kasuar, wie ein müder Seevogel, der

nach langer, mühseliger Fahrt den Kopf unter die Flügel steckt, und sich

schaukeln läßt von den krystallhellen, leise schwellenden Wogen -- seiner

Wiege und Heimath.

»Bei Gott!« brach da Tomson das Schweigen, und schaute ängstlich nach dem

südlichen Horizont hinüber, den er erst von hier aus recht überblicken

konnte -- »es wird Zeit, daß wir an Bord kommen -- Dumfry, dort hinten

steigt ein Wetter herauf, und, wenn uns das hier noch in der Nähe jener

Riffe erwischt, so können wir uns auf das Schlimmste gefaßt machen. Es wäre

ein Spaß, wenn wir nachher wieder an die Küste geworfen würden.«

»Sollten jene weißgrauen Streifen Böses deuten?« frug der Verkleidete, und

schien sie scheu und finster zu betrachten --

»Gutes auf keinen Fall,« brummte der Seemann, »will's wünschen, daß wir mit

'nem blauen Auge davonkommen.«

»Gentlemen beabsichtigen vielleicht, hier am Waldrand heute Abend Thee zu

trinken,« unterbrach sie aber hier der ungeduldig werdende Holländer --

»zum Henker auch, sollen wir etwa hier stehen bleiben, _bis_ das Alles

eintrifft, was Sie beide jetzt befürchten? -- Wo liegt unser Boot?«

»Gerade dort drüben in jener Waldecke,« erwiederte ihm Dumfry -- »aber Sie

haben recht, ein Ueberlegen könnte hier ohnedieß nichts frommen, _jetzt_

müssen wir durch -- kommen Sie« -- und wiederum zog er die Matte über sein

Gesicht, die er, seit sie den Begräbnißplatz verlassen, fast fortwährend

zurück geworfen getragen hatte, und schritt den beiden Freunden rasch

voran, zuerst in die niedere Sandfläche hinab, die in Zeit der Fluth von

den Wogen bedeckt wurde, und dann einen grasigen Anwuchs wieder hinauf,

der sich der Waldspitze zuzog und überhaupt den ganzen, bewachsenen

Küstenstrich mit einem hellgrünen freundlichen Kranz umgürtete.

Je weiter sie aber jetzt den Wald hinter sich ließen, desto freieren

Ueberblick gewannen sie über den, mit jedem Augenblick drohender werdenden

Himmel, und Tomson blieb, als sie etwa die Mitte der Sandfläche erreicht,

stehen, um das Aussehen der Wolken besser beobachten zu können. Da fiel

sein Auge, vielleicht durch einen sich dort regenden Gegenstand hingezogen,

auf den hellgrünen Rand des Waldes, und ein Ausruf der Ueberraschung

entfuhr fast unwillkürlich seinen Lippen, als er gerade da, wo sie eben die

Holzung verlassen, mehre in bunte Matten gekleidete Indianer erblickte,

die eben den Baumschatten verließen, und langsam ihren Fährten zu folgen

schienen.

Dumfry und Van Broon drehten sich rasch nach ihm um, die dunklen Gestalten

traten aber zu deutlich aus dem lichten Hintergrund hervor, als daß es noch

einer Erklärung bedurft hätte. Van Broon wollte sich denn auch, sowie

sein Blick nur auf den Federschmuck der Krieger fiel, ohne weiteres davon

machen, Dumfry aber erfaßte seinen Arm und flüsterte ihm schnell und heftig

zu:

»Halt, Sir, keine Uebereilung -- wenige hundert Schritt von hier entfernt

liegt unser Boot, fliehen wir jetzt, so erregen wir Verdacht, gehen wir

aber ruhig fort, bis wir nur erst die Büsche zwischen uns und jenen haben,

so gewinnen wir entweder hinlänglichen Vorsprung uns einzuschiffen, oder

-- wir haben Feuergewehre genug, jene kleine Schaar unschädlich zu machen.

Langsam, Gentlemen, langsam sehen Sie, dort vorne -- ha!« schrie er und riß

sein Gewehr entsetzt empor, denn auch vor ihnen, gerade dort, wohin ihr Weg

gerichtet war, und wohin er deutete, theilten sich die Büsche, und

sieben oder acht braune, trotzige Gestalten, mit Büchsen und Streitkolben

bewaffnet, ja Einzelne sogar mit der, ihm nur zu gut bekannten,

langhaarigen Kriegsmatte bekleidet, traten ihnen entgegen, und hielten

somit genau den Pfad besetzt, der sie allein zu ihrem Boote führen konnte.

Van Broon stieß einen Schrei des Entsetzens aus, Tomson aber, der schon

aus dem Benehmen Dumfry's ersehen hatte, daß ihnen in der That mehr Gefahr

drohe, als dieser eigentlich gestehen wollte, griff nach seinen Pistolen,

untersuchte, ob die Zündhütchen noch festsäßen, rückte den Griff seines

Cutlaß ein klein wenig mehr nach vorn, und schien dann ruhig den Erfolg

abwarten zu wollen. Dumfry selbst war wohl ebenfalls nur durch die erste

Ueberraschung außer Fassung gebracht, denn auf ein Zusammentreffen

mit Indianern hatte er sich ja schon durch seine angenommene Tracht

vorbereitet; fester nur zog er die Matte über sein Gesicht nieder,

flüsterte seinen beiden Begleitern leise Muth zu, und schritt dann, die

Richtung ein klein wenig verändernd, der äußersten Waldspitze zu, um, wenn

die Indianer ihre Jölle etwa noch nicht gefunden hätten, wenigstens nicht

selbst zu voreilig deren Lage zu verrathen. Hatte er aber zugleich gehofft,

von den Eingeborenen unbeachtet zu bleiben, so sah er sich darin jedenfalls

getäuscht, denn diese wandten sich, sobald sie seinen veränderten Curs

bemerkten, ebenfalls langsam der Waldspitze zu, und Dumfry, der nun wohl

fand, daß er nicht im Stande sein würde, ihnen auszuweichen, suchte jetzt

nur so unerschrocken als möglich aufzutreten. Hielten ihn die Neuseeländer,

was auch von vornherein seine Absicht gewesen, für einen, unter dem Tabu

stehenden Führer der Weißen, so hatten sie nichts zu fürchten, denn

noch waren diese uncivilisirten Stämme zu wenig mit Weißen in Berührung

gekommen, die Pflicht der Gastfreundschaft gegen Fremde ganz vergessen zu

haben.

Rasch näherten sie sich den Insulanern, die nun ihrerseits die drei Fremden

ruhig erwarteten; Dumfry aber, so keck und zuversichtlich er früher gewesen

schien, schrack doch, als er nahe genug kam, die Züge des Häuptlings zu

erkennen, augenscheinlich zurück und sprach, anstatt die erste Begrüßung

diesen Herrn des Bodens zu geben, kein einziges Wort. Die Wilden

ihrerseits, die, hier noch dazu in der Mehrzahl, eine solche Artigkeit wohl

erwarten zu können glaubten, schwiegen ebenfalls und Tomson, durch Dumfry's

Betragen zuerst überrascht, trat endlich vor, streckte dem, den er für

den Häuptling hielt, die Hand entgegen und sagte mit seinem offenen und

ehrlichen Ton:

»Gott zum Gruß, Gentlemen, ich weiß freilich nicht, ob Sie englisch

verstehen, thut aber auch nichts -- werden schon wissen --«

»Sei der Gruß so treu gemeint, wie er klingt!« erwiederte, zu des Seemanns

unbegrenztem Erstaunen, der Wilde nicht allein in ziemlich reinem Englisch,

sondern auch noch sogar mit einem leichten Anflug irischen Dialekts, und

ergriff dabei die dargebotene Rechte.

Es war eine hohe, stattliche Figur dieser Häuptling der neuseeländischen

Krieger -- sein braunes, von funkelnden, sprechenden Augen belebtes Antlitz

durchzogen die regelmäßig, ja fast zierlichen Linien, die des Tättowirers

Hand darauf zurückgelassen; sein Haupt schmückten rechts und links die

mächtigen Flügel eines schwarzen Falken, und die rauhe Kriegsmatte hing ihm

weit nach vorn über die linke Schulter und den Rücken hinab, daß nur

der rechte, nackte Arm frei und unbehindert blieb. Einzelne weiße

Albatroßfedern trug er in den Ohren, um den Nacken aber das Amulet seines

Stammes, den grünen Teiki[16] mit seinen rothen, glänzenden Augen. Das Haar

hing ihm, wie das auch theilweise auf den Inseln Sitte ist, lang und

glatt über den Nacken herab, und seine Füße waren -- ein nicht seltener

Tauschartikel nordamerikanischer Wallfischfänger -- mit buntgestickten

Moccasins bedeckt, die vielleicht eine junge Squaw,[17] weit in den fernen

Prairieen Amerikas gearbeitet, ohne daran zu denken, daß sie die Füße eines

tausende von Meilen entfernten Kriegers schmücken sollten.

[16]: Die Neuseeländer lieben, wie fast alle wilde Nationen, den Putz,

und schmücken besonders gern Kopf und Ohren, wie ihre Waffen, Häuser

und Begräbnißplätze mit bunten, wehenden Federn; der kostbarste

geachtetste Zierrath aber ist eine kleine, eigenthümliche Figur, Teiki

genannt, die einen wunderlich gestalteten Mann mit großen rothen

Augen vorstellt. Dieser Schmuck wird aus einem besondern grünen Stein

geschnitten, und für einen Amulet, daher auch für ungemein werthvoll

gehalten, und selten trennt sich ein Eingeborner von solchem

Heiligthum, das als Erbstück gewöhnlich in den Familien bleibt.

[17]: Nordamerikanische Indianerin.

Seine Begleiter waren sämmtlich mit Feuergewehren bewaffnet, er selbst aber

trug nur an seinem Handgelenk den Mirei, und zwar aus einem einzigen Stück

eben des kostbaren, grünen Steines geschnitten, aus dem auch das, an

seinem Nacken hängende Amulet bestand, während er in der Rechten den

Häuptlingsstab[18] hielt, der mit seinem wunderlich geschnitzten Kopf, den

rothen Papageifedern und Büscheln von Hundehaaren von weitem einer jener

alten Hellebarden glich, aber keineswegs als Waffe bestimmt schien, sondern

nur die Autorität des Führers bezeichnen sollte.

[18]: Dieser Stab, von den Neuseeländern I Henei genannt, ist ein

eigenthümliches, fast scepterartiges Emblem der Häuptlinge. Er besteht

aus hartem Holz, und trägt als Knopf ein grotesk geschnitztes Gesicht

mit ausgestreckter Zunge -- was den Trotz gegen die Feinde bedeuten

soll -- die Augen sind aus kleinen Stücken Perlmutter hergestellt, und

rothe Papageienfedern und Büschel von Hundehaaren umwehen ihn. Dieser

Stab wird sowohl im Krieg als am Berathungsfeuer geführt, und zwar

jedesmal dem Häuptling übergeben, der gerade das Wort führt. Er behält

ihn dann hoch in der Hand und läuft damit vor den ihm aufmerksam

Zuhörenden, im Eifer seiner lebendig ausgestoßenen Worte, auf und ab.

Aus zwei Welttheilen. Erster Band. Gesammelte Erzählungen · 第 18 / 21 段