»Was geht's _Dich_ an, wenn er seine Haut riskirt -- Lubber Du!« donnerte

ihn da der Zimmermann an -- »bist Du sein Wächter, oder ist Dir's wohl etwa

nicht einmal recht, daß der Capitän seine Hemden wiederkriegt? -- Hinüber

mein Bursche -- der Hai wird Dich nicht gleich -- ja so, Donnerwetter nein

-- mit den Haifischen ist hier nicht zu spaßen« unterbrach er sich aber

plötzlich selber, denn es fiel ihm gerade noch zur rechten Zeit ein, daß

Tomson die ja eben für die Wächter des Fahrzeugs erklärt hatte. Schickte er

jetzt den Jungen selber über Bord, und kehrte der ungefährdet zurück, wer

stand ihm denn dafür, daß sich nach Dunkelwerden nicht gar ein Theil seiner

Matrosen über Bord ließ und ans Ufer schwamm, denn ein guter Schwimmer

hätte die kurze Strecke, wenn er noch dazu die Fluth abwartete, wohl

glücklich zurücklegen können. Der junge Bursche schien sich übrigens,

nachdem er erst einmal auf die keineswegs unbedeutende und so nahe Gefahr

aufmerksam gemacht war, auch gar nicht mehr zu dem erst so bereitwillig

angebotenen Ritterdienst zu drängen, und trat fast unwillkürlich vom Bord

zurück.

»=Dinner, boys -- Dinner!=« schallte in diesem Augenblick des Kochs Stimme

herüber, der die Schaalen im Arm eben damit nach dem Vorcastle schritt.

»Halt da!« schrie der Zimmermann, als er sah, daß sich einige der Matrosen

nach vorn stehlen wollten, wo er nicht mit Unrecht fürchtete, sie würden

die besten Stücke für sich heraussuchen -- »laßt das Canoe in See --

hierher ihr Schufte -- wollt Ihr, daß ich Euch fünfzigmal rufen soll?

-- hinüber damit -- Wo ist Bill? -- hierher Sir, mit angefaßt -- Euerem

albernen Segelahoischreien haben wir den ganzen Unsinn zu danken.

Schnell Ihr Seehunde -- denkt Ihr der Eimer wartet auf Euch? -- heilige

Dreifaltigkeit, er segelte wie ein portugiesischer Man of war[14]! und

Du, Ned, kannst Dich freuen -- warte Du Strick, das soll Dir angerechnet

werden, wenn Tomson zurückkommt -- ich wünsche jetzt nur weiter Nichts, als

daß wir die Hemden nicht wieder kriegten.«

[14]: Portugiesischer Man of war, der Beiname des Nautilus.

Trotz diesen, mit einem wilden Seitenblick auf den Strafwürdigen, heftig

ausgestoßenen Worten, gab sich der wackere Zimmermann aber wirklich die

größte Mühe zum Gegentheil, und hob und schob mit aus Leibeskräften,

das etwas unbehülfliche Boot über Bord zu heben. Dieses war ein ächt

Neuseeländisches Canoe, mit reich geschnitztem Vordertheil, schwarz und

roth bemalten Seiten, und hinten im Stern mit Albatroßfedern verziert;

obgleich aber zwei zierlich ausgeschnittene, kurze Ruder, wie sie die

Eingeborenen führen, darin lagen, so schien es doch fast zu schmal und

schwank, zwei große erwachsene Personen zu tragen, und der Zimmermann

zog es denn auch, vielleicht nur aus diesem Grunde, vor, allein

niederzusteigen, und dem, indessen schon wenigstens zweihundert Schritt

entfernten Eimer nachzurudern. Ned hütete sich auch wohl, seine eigenen

Dienste zu diesem Zweck anzubieten, da er recht gut wußte, der Zimmermann

würde ihm nicht allein nie gestatten das Boot allein zu betreten, sondern

auch, wenn das bis jetzt wirklich noch nicht geschehen, auf jeden Fall

Verdacht schöpfen, und ihn dann so genau bewachen, daß all seine bisherige

List und Schlauheit vergebens gewesen wäre.

Jener aber, ehe er abstieß und in dem scharf gebauten, flüchtigen Kahn

leicht mit der Fluth dahin schoß, rief den jetzt über Bord und ihm

nachschauenden Matrosen noch einmal zu, ja nicht etwa fortzulaufen, sondern

dort seiner zu harren, bis er zurückkehre, damit sie das Canoe nachher

gleich wieder hinauf hissen könnten.

Vielleicht hätten sie gehorcht, aber mahnend erschallte gerade da noch

einmal der jetzt schon ungeduldigere Ruf des Kochs: »=Dinner ready,

boys!= -- macht, oder es wird kalt,« und der Ire, überhaupt schon als

ein fürchterlicher Esser gekannt und gefürchtet, der nun auch vollkommen

einsah, was seines Kameraden Absicht sei, schob die Hände in die Taschen

seiner kurzen Jacke, spuckte sein Priemchen über Bord und sagte, während er

entschlossen nach vorn ging --

»Bis der wieder hier ist, können wir fertig sein!«

»Bleib lieber da, Bill,« riefen ihm ein Paar von den Andern nach, »der

Zimmermann flucht und wettert nachher den ganzen Tag.« --

»Wenn's _ihm_ Spaß macht,« brummte Bill, ohne die Aufforderung weiter

zu beachten, »_mir_ kann's recht sein, so oft haben wir aber kein

Schweinfleisch, daß ich der Letzte dabei sein möchte.«

Er schritt rasch den dampfenden Schüsseln zu, und dieß Beispiel half,

denn die Anderen kannten ihn nur zu gut; wo der Ire einmal angefaßt hatte,

bekamen die Nachzügler auch gewöhnlich nur das Nachsehen, und während

der Zimmermann aus Leibeskräften dem langsam davon treibenden Eimer

nachruderte, stürmte die Mannschaft des Kasuar dem Vorcastle zu, und fiel

hier mit einem wahren Heißhunger über die ausgetheilten Speisen her.

Ned allein blieb am Hinterdeck stehen, und erwartete die Rückkehr des

Canoes. Der Zimmermann ließ denn auch nicht lange auf sich warten -- er

hatte sich einmal umgesehen, und bald gefunden, daß all seine Leute ihre

Posten verlassen hatten -- womit sie sich jetzt beschäftigten, konnte er

sich leicht denken; mit dem besten Willen legte er sich daher in das Ruder

und murmelte dabei nur leise, aber desto grimmigere Verwünschungen in den

Bart, die sich theils über die »gefräßigen Schufte,« theils über den »Hund

von Canarienvogel« ergossen, den er im Geist schon züchtigen und abstrafen

ließ. Bald erreichte er den Eimer, faßte ihn am Henkeltau, hob ihn in

sein schwankes Boot, und drehte dann den Bug desselben rasch wieder seinem

eigenen Schooner zu. Allerdings mußte er jetzt gegen die Fluth ankämpfen,

die neuseeländischen Fahrzeuge sind aber auch hierzu so spitz und schneidig

gebaut, und leicht konnte er damit den nicht allzustarken Widerstand

bekämpfen.

Wie er mit dem Bug seines schwanken Fahrzeugs gegen den Stern des Schooners

anlief, warf ihm Ned ein Tau zu. Rasch befestigte er dieses vorn am

Springfall und kletterte dann ohne weiteres Zögern an Deck.

»Und die anderen Hallunken,« rief er hier, als er den geretteten Eimer an

Bord warf und mit dem Fuße stampfend nach vorn blickte.

»Sind beim Essen, Sir,« erwiederte ihm demüthig der Sträfling -- »ich bat

sie, Euerer hier zu warten, aber sie sagten, ich solle zum Teufel gehen --

Ihr -- Ihr« --

»Nun was, Ihr? heraus mit der Sprache, was Ihr?« rief ärgerlich der

Zimmermann -- »weshalb stotterst Du -- was Ihr?«

»Ja ich kann doch nicht dafür, daß Jene es sagten« -- bat, einen Schritt

zurücktretend, der Sidneyer. --

»_Was_ sagten -- Hallunke,« rief aber auch jetzt der Zimmermann, auf das

Aeußerste entrüstet -- »wird dieser Carnarienvogel singen, oder soll ich

ihm die Zunge lösen« --

»Ihr fräßt ihnen so Alles weg, wenn Ihr kämt, sagten die Leute« --

betheuerte Ned und zog sich dabei immer mehr zurück.

Der Zimmermann, ohne weiter eine Sylbe zu erwiedern, griff mit einem,

zwischen den zusammengebissenen Zähnen halblaut vorgestoßenen Fluch

nach einem kurzen Ende Tau, was dort lag, und schritt rasch auf dem

Starbordgangway entlang, dem Vorcastle zu. Zu gleicher Zeit aber, und

sobald er nur die midschips aufgestapelten Wasserfässer und Nothspieren

erreicht hatte, glitt die niedergebückte Gestalt des Irländers auf dem

Larbordgang nach hinten, und wie sich Ned eben -- denn jetzt war der

Augenblick zum Handeln gekommen -- über die Bulwarks schwang, und in das,

von dem so plötzlich niederdrückenden Gewicht hochaufschaukelnde Canoe

sprang, griff Bill in einer Art Humor eben den Eimer wieder auf, den

der Zimmermann mit so viel Anstrengung zurückgebracht und folgte seinem

Gefährten in demselben Moment, als dieser, um nicht Zeit mit dem Aufknüpfen

zu verlieren, das schwache Tau, das sie noch hielt, durchschnitt und

blitzesschnell von Bord stieß.

Das Ganze hatte nur wenige Sekunden zu seiner Ausführung gebraucht, und

die Flüchtlinge würden Vorsprung genug gewonnen haben, wenigstens aus jedem

gefährlichen Bereich des Schooners zu kommen, hätten nicht zwei, den beiden

Leuten keineswegs günstige Augen das Ganze mit angesehen. Der Kajütenjunge

erschien in dem nämlichen Augenblick an Deck, als Bill über dem

Rand desselben verschwand, und ohne weiter seine Zeit mit Anrufen zu

verschwenden, die doch, wie er recht gut wußte, ganz nutzlos gewesen wäre,

rannte er spornstreichs nach vorn, und sein Hülferuf machte nur zu schnell

die Mannschaft und besonders den jetzigen Befehlshaber des Fahrzeugs, den

Zimmermann, darauf aufmerksam, was hier eigentlich vorgehe.

»Teufel!« schrie der alte Seemann, und sprang mit flüchtigen Sätzen dem

Hinterdeck zu -- aber zu spät, denn eben trieb das schlanke Canoe vom

Schooner ab, und Ned, der sich in den Stern desselben geworfen hatte,

ergriff das Ruder, und neigte es freundlich grüßend gegen den Wuth

schäumenden Matrosen.

»=Good bye=, Sir!« rief er dabei lachend -- »wollen dem Capitän die Hemden

mit hinüber nehmen -- wird sich ungemein darüber freuen -- etwas sehr

angenehmes an solch' heißem Tag, die Wäsche wechseln zu können -- bitte

mich gehorsamst in Sidney zu empfehlen!«

Der Zimmermann, der mit einem Blick die Lage der Dinge überschaute, war mit

wenigen Sätzen in der Kajüte unten, ergriff die, dort in der Ecke lehnende

und stets geladene Büchse, stieß das kleine, dicht über dem Steuerruder

angebrachte Fenster auf, hielt die Mündung des Gewehres hinaus und donnerte

den Flüchtigen nach:

»Halt! -- halt, sag' ich, oder ich schieße!«

»Bücke Dich, Bill!« rief der Sträfling, der in diesem Augenblicke gerade

den Kopf zurückwandte -- »nieder mit Dir!« und zu gleicher Zeit warf

er sich flach auf den Boden des Canoes. Der Ire aber, theils durch die

schaukelnde Bewegung des schwanken Bootes, theils durch die Worte selbst

erschreckt, kehrte sich, da ihm überdies nicht einmal Raum genug blieb, dem

Rath zu folgen, rasch nach dem Drohruf des Zimmermanns um, und vermehrte

dadurch, freilich unbewußt, die Unsicherheit seiner Stellung um ein

Bedeutendes.

Da zuckte aus dem Kajütenfenster des Kasuar ein scharfer blendender Strahl,

und mit dem Ausruf: »Jesus Maria!« fuhr der Ire zur Seite. Wohl hob sich

auch zu gleicher Zeit der Sträfling, und suchte dadurch, daß er sich auf

den entgegengesetzten Bord warf, das Schifflein im Gleichgewicht zu halten,

der Verwundete schwankte jedoch eben so rasch auch dort hinüber, und das

Canoe, das flach im Boden, wie fast alle diese ausgehauenen Fahrzeuge,

einem solchen Druck nicht widerstehen konnte, entlud im nächsten Moment

seine Last in die hoch über ihr zusammenschlagende Fluth, füllte sich dann,

da der Ire krampfhaft daran festhielt, und sank.

Vom Bord des Kasuar stieg der Jubelruf des Zimmermanns empor, die

Matrosen aber beobachteten mit schweigendem Entsetzen die Folgen dieses

so unheilvollen Schusses, denn kaum hundert Schritt von dem umgeschlagenen

Canoe entfernt, wurde im nämlichen Augenblick die Haiflosse wieder

sichtbar; deutlich konnten sie dabei erkennen, wie sich das Ungeheuer der

Tiefe mehr und mehr den, jetzt eben wieder emportauchenden Unglücklichen

näherte, und ihr Athem stockte, da sie das Fürchterlichste fast

unvermeidlich sahen, und doch nicht im Stande waren zu helfen.

Das Canoe selbst konnte übrigens, seiner eigenen Leichtigkeit wegen,

nicht ganz zum Grunde gehen, sondern trieb nur, die Ränder kaum über der

Oberfläche zeigend, langsam in der Strömung hin. Ned, der dicht daneben

wieder auftauchte, versuchte allerdings seinen Arm darunter zu schieben, um

dadurch vielleicht einen Theil des Wassers auszuwerfen, fand aber gar bald,

daß er solcher Arbeit allein nicht gewachsen sei. Rasch sah er sich nach

dem Kameraden um -- da fiel sein Blick über diesen hinweg, auf die nicht

ferne Brandung der Riffe -- großer allmächtiger Gott -- jener dunkle Punkt

auf dem sonnenhellen Meer -- ein wilder, stechender Schmerz durchzuckte

sein Hirn, und unwillkührlich fast maß das Auge die Entfernung zum

Schooner. Es war das aber auch nur ein Moment, denn hätte er selbst in

seine Ketten zurückkehren _wollen_, jetzt _konnte_ er nicht mehr; er

vermochte ja nicht solche Strecke _gegen_ die Strömung anzuschwimmen.

»Ned,« stöhnte da dicht neben ihm sein Kamerad -- »Ned -- ich bin verwundet

-- heiliger Patrick -- der Mann hat mich durch die Schulter geschossen, --

laß uns -- laß uns das Boot flott machen -- noch habe ich Kräfte, aber ich

fühle, wie ich mit jeder Sekunde schwächer werde.«

»Wir sind nicht im Stande das Boot auszuschöpfen!« rief Ned rasch und seine

Pulse stockten, als er die Spitze der Flosse gerade auf sie zugewandt sah

-- hatte sie der Hai gewittert, so war Einer von ihnen verloren -- »komm

Bill -- wir müssen dem Ufer zuschwimmen -- es ist ein Hai in der Nähe.«

»Ein Hai?« ächzte der Ire, und es war fast, als ob nicht jene Kugel,

sondern erst dieses Wort ihm den Todesstoß gegeben. Es ist das

Fürchterlichste für das Ohr des Schwimmenden, und seine Wirkung trifft wie

ein lähmender, vernichtender Schlag. »Ein Hai« -- wiederholte er zitternd

und faßte krampfhaft nach dem, unter seinem Gewicht versinkenden Boot,

»heilige Jungfrau, wir sind verloren!«

Ned zögerte noch einen Augenblick -- sollte er das Canoe verlassen und in

seiner eigenen Kraft die Rettung suchen? -- aber sein Kamerad -- da fiel

sein Blick auf den Unglücklichen, der sich, von dem, wenigstens etwas

Widerstand leistenden Holz gestützt, über die Oberfläche der See erhob und

mit bleichem, stieren Antlitz nach dem nahenden Feind hinüber starrte; zu

gleicher Zeit sah er, wie ein rother, verrätherischer Blutstrom von ihm

ausging und die See schon auf mehrere Schritte im Umkreis färbte.

Länger bei ihm zu verweilen, wäre sicherer Tod gewesen -- der gierige

Hai, vielleicht schon durch den Schuß, wie durch den Schrei des Opfers

aufmerksam gemacht, kam in kurzen Gängen heran und wurde, sobald er nur

einmal das Blut witterte, zum erbarmungslosen Vernichter. Nicht einmal die

gewöhnliche, und sonst nicht selten mit Vortheil angewandte List, wie das

Schlagen mit Armen und Beinen und Schreien und Plätschern, konnte ihn mehr

zurückschrecken. Ohne also auch nur ein Wort weiter auf den Hülferuf dessen

zu erwiedern, der sich doch eigentlich nur seiner Leitung vertraut hatte,

glitt er, so schnell und geräuschlos als möglich, von ihm fort, und strich

in langen kräftigen Zügen aus, dem Lande zu. Die Schooner-Männer sahen

seine Bewegung, und ihr wilder Schrei der Entrüstung verrieth nur zu

deutlich, daß seine Absicht, wie die Ursache derselben, an Bord deutlich

erkannt sei.

Dieser Schrei rief aber auch den unglücklichen Iren zu dem ganzen,

fürchterlichen Bewußtsein seiner Lage zurück; ein einziger Blick verrieth

ihm die feige Flucht seines Kameraden, dem er nicht einmal nachrufen

durfte, wenn er nicht den grimmen Feind auf seine Spur bringen wollte.

Verzweiflungsvoll starrte er jetzt nach dem Schooner zurück, und selbst

in dem Gedanken schon drängte er die breite kräftige Brust der Strömung

entgegen, das Unmögliche zu versuchen. -- Umsonst, die Fluth, die dem

Lande zustrebte, führte ihn weiter und weiter zurück, und mit dem warmen,

quellenden Lebensstrom wich auch seine Kraft; die Sehnen, jetzt nur

noch durch Todesangst und Noth in Spannung erhalten, schlafften in der

übernatürlichen Anstrengung.

Näher und näher kam indessen der Hai -- witterte er wirklich das Blut

seines Opfers in so großer Entfernung? -- noch schien er unschlüssig wohin

er sich wenden solle, denn die Matrosen auf dem Schooner, obgleich der

Arme unter der Zeit weit abwärts getrieben war, und trotz dem, wild dagegen

protestirenden Zimmermann, schrieen und schossen mit Pistolen und Gewehren,

um die Aufmerksamkeit des Unthiers von seinem Opfer abzulenken. Der Hai

beschrieb auch, dadurch vielleicht irre gemacht, mehrere weite Kreise und

strich einmal schon dem matt zu ihm herüber tönenden Lärmen entgegen, so

nahe war er aber zugleich dem gesunkenen Canoe gekommen, daß ihm die von

dort langsam herüber drängenden Ringwellen auch den Blutgeruch mit zuführen

mußten. Plötzlich hielt er mitten in seinem Zug regungslos still -- die

Flosse stand unbeweglich fest, und wieder senkte sich ein Strahl von

Hoffnung in O'Learys Herz, vielleicht nahm der Hai eine andere Richtung

und er selbst trieb indessen dem Lande zu. -- Da hatte der Raubfisch seine

Witterung gespürt -- nach rechts und links kreuzte er hinüber, als ob er

die genaue Lage desselben erst ergründen wolle -- jetzt hielt er wieder,

und regungslos stand er wohl eine halbe Minute still, bis er sich

endlich, wie seines Siegs gewiß, mit solch' entsetzlicher Kraft nach

vorne schnellte, daß die Hälfte seines glatten, blitzenden Körpers in

der hochaufspritzenden Fluth erschien; im nächsten Moment schoß er

pfeilgeschwind der Richtung zu, wo der Unglückliche, immer noch mit der

einen Hand krampfhaft das gesunkene Canoe erfaßt hielt, und zitternd nach

dem Fürchterlichen hinüber starrte.

Da erkannte er das Nahen des Todesboten, sah, daß jetzt jede menschliche

Hülfe vergebens sei, und von letzter, verzweifelter Angst, fast seiner

Sinne beraubt, wandte er sich zur unmöglichen, trostlosen Flucht. Weit

in die Bai griff er aus, den Kopf scheu dabei nach dem Verfolger zurück

gedreht -- aber seine Kräfte waren erschöpft -- kaum vermochte er noch,

sich über Wasser zu halten, dennoch ließ er nicht nach -- der Kopf sank

ihm, aber die Glieder arbeiteten fort, und nicht einmal mehr der Richtung

bewußt, die er nahm, strebte er jetzt gerade dem Feind entgegen. Das

Ungeheuer der Tiefe schoß herbei -- der weiße, silberglänzende Bauch wurde

sichtbar -- ein Schrei, von dem Todesgurgeln erstickt, rang sich aus der

Brust des Unglücklichen, und wenige Secunden später verrieth nur noch das

vom Blut gefärbte Meer und das Kochen der aufsprudelnden Wasser die Stelle,

wo eben ein Mensch geendet.

Und der flüchtige Sträfling? sah er noch den Tod seines unglückseligen

Gefährten? -- nein, sein Blick konnte jene Stelle nicht mehr überschauen;

der gellende Nothschrei aber drang bis zu ihm hinüber, und sagte ihm mit

fürchterlicher Schnelle, welcher Gefahr er selber ausgesetzt sei, wenn

andere Hai's, durch den Blutgeruch herbei gelockt, die Bucht durchkreuzten.

In wilder Verzweiflung strebte er jetzt dem Lande zu, das sich, nur noch

kurze Strecke entfernt, vor ihm ausbreitete -- er wandte auch den Kopf

nicht mehr zurück; mehr noch fast, als das gefräßige Unthier des Oceans

selbst, fürchtete er die lähmende Angst, die ihn bei dessen bloßem Anblick

ergreifen und vernichten mußte, denn nur in Schnelle und Ausdauer lag noch

seine Rettung. Er schwamm um sein Leben, und als er endlich die schwache

Brandung erreichte, als ihn die Wogen faßten und hoben und hinüber trugen

auf den rettenden Sand, da vergingen ihm die Sinne, er hatte nicht

einmal mehr Kraft genug behalten, sich hinauf, dem höher liegenden Ufer

zuzuschleppen, und fühlte nur noch, wie ihn hülfreiche Arme erfaßten,

aufhoben und forttrugen. Er wollte schreien, doch die Stimme versagte

ihm, er wollte die Augen aufschlagen, aber er vermochte es nicht mehr,

ein toller Schwindel bemächtigte sich seiner Sinne, und ohnmächtig und

bewußtlos brach er zusammen.

Wie lange er so gelegen, wußte er nicht; als er aber nach wildem,

wunderlichen Traum die Blicke aufschlug, und zu den wehenden, grünen

Wipfeln schattiger Bäume emporschaute, da sah er auch, wie er von

Eingeborenen umgeben war, und ein hoher, stattlicher Insulaner, mit einem

langen, sonderbaren Stab in der Hand und ein paar Falkenflügeln an beiden

Seiten des Kopfes, stand vor ihm, und starrte ihm fest und finster ins

Angesicht. Einzelne der Wilden begannen jetzt, als sie nun sahen, daß er

wieder zu sich kam, ihn mit Fragen zu überhäufen, Ned verstand aber ihre

Sprache nicht, und blickte nur scheu von Einem zum Andern, bis der Mann mit

den Raubvogelflügeln, und wahrscheinlich auch der Führer der Schaar, ihn in

gutem, flüssigen Englisch anredete, und zu wissen verlangte, was er hier

an dieser Küste, suche. Auf diese Frage war aber der Sträfling schon

vorbereitet, denn natürlich konnte er denken, daß er unter Eingeborene

gerathen müsse, wenn er, der Küste folgend, die erste europäische

Ansiedelung aufsuchen wollte; er hatte denn auch eine ziemlich glaubwürdige

Erzählung bereit, und sagte, er wäre auf jenes, dort vor Anker liegende

englische Fahrzeug gepreßt und unmenschlich behandelt worden, und hätte

sich, ehe er ein solches Schicksal länger ertrüge, lieber mit der Gefahr,

von Haifischen gefressen zu werden, zu den Eingeborenen dieser Insel

geflüchtet.

»Ist die gelbe Jacke die Matrosentracht der englischen Fahrzeuge?« frug der

Häuptling ruhig, als jener sein Märchen beendet hatte.

»Die gelbe Jacke?« wiederholte der Sträfling, und blickte überrascht und

etwas außer Fassung gebracht zu ihm auf, dieser aber schien das nicht zu

bemerken und fuhr nur fort, während er sich halb von ihm abwandte, und nach

der Waldspitze deutete, wo der Ta-po-kaï mündete:

»Wem gehört jenes Boot, und wo sind die Männer die es hierher gerudert?« --

Ned zögerte mit der Antwort -- er dachte an den Schatz und wußte nicht,

ob er durch eine Enthüllung alles dessen, was ihm bekannt, des Häuptlings

Vertrauen erwecken, oder selber suchen solle, den Schatz an sich zu

bringen. Wie das aber? als er seinen Plan zuerst gemacht, hatte er auf des

Iren Hülfe gerechnet, jetzt stand er allein -- wäre es ihm möglich gewesen,

unbewaffnet auch nur das Mindeste gegen drei starke Männer zu unternehmen?

Nein, vielleicht half ihm aber die Entdeckung desselben zu der Freundschaft

des Indianers, und ohne dessen kalt und ruhig auf ihm haftenden Blick

zu begegnen, versprach er eine für diesen höchst wichtige und nützliche

Enthüllung machen zu wollen, die ihm reiche Beute brächte, wenn ihm sein

eignes Leben dabei gesichert würde.

Der Insulaner sagte ihm das zu, und der Sträfling, dadurch kühner gemacht,

forderte nun auch noch, in seinen Stamm aufgenommen, und von diesem selbst

gegen die Verfolgung der Weißen geschützt zu werden. Das aber wies der

Häuptling unwillig von sich.

»Ich sicherte Dir Dein Leben!« rief er finster »und brauchte selbst das

nicht zu thun. Liebe zu uns hat Dich nicht hergeführt, und Deine Hülfe

brauch' ich kaum, denn seit jene Dreie gelandet, folgen ihnen meine Späher,

und ihr Boot ist in meiner Gewalt; doch bist Du wahr gegen mich, so sei ein

Theil der Beute Dein -- thue dann damit, was Du willst. Die Gier der Weißen

geht nach Gold -- das mag Dir genügen.«

Freudig ging der Sträfling in diesen Vorschlag ein, den er gar nicht zu

machen gewagt, da er kaum geglaubt hatte, daß die Wilden je wieder ein

erbeutetes Gut herausgeben würden. Er erzählte nun aber auch Alles, was er

erlauscht; daß der Eine der Weißen -- die Pest über ihn, er hatte ihn stets

wie einen Hund behandelt -- als Indianer verkleidet, das Gesicht aber mit

einer Matte verhangen, das Ufer betreten habe und eine Landverschreibung

mit sich führe, die seiner Aussage nach Heki selbst unterzeichnet hätte.

Der Häuptling, der im Anfang kaum den Worten gelauscht, horchte hoch auf,

und schien dem Erzählenden das Wort von den Lippen zu stehlen, mit keiner

Sylbe unterbrach er ihn aber, und erst nachdem Ned Alles das, was er an

Bord erhorcht, gebeichtet, that er ihm einige Fragen nach der Gestalt, dem

Aussehen, den Augen, Zügen und dem ganzen Wesen jenes Mannes, der unter dem

falschen Schutz ihres heiligsten Gesetzes dieses Ufer betreten habe. Ned

gab das so gut er konnte, und der Neuseeländer nickte dabei ingrimmig

lächelnd mit dem Kopf. Endlich zog er sich eine Zeitlang zu den Seinen

zurück, und der Sträfling konnte jetzt nur nach den wilden lebendigen

Gestikulationen, mit denen sie die, ihm fremden Worte begleiteten,

schließen, daß es ein reges Interesse sei, was die düstern Gestalten jetzt

bewegte und ihren Augen ein soviel wilderes, unheimlicheres Feuer verlieh.

Niemand kümmerte sich mehr um ihn, stundenlang lagerten die Krieger in dem

kühlen Waldesschatten, und die Sonne hatte schon geraume Zeit den Zenith

überschritten, während weiße, wehende Nebelstreifen am südlichen Horizont

heraufstiegen, und ihre milchigen Strahlen weit hin über das Firmament

schossen, als plötzlich die Büsche raschelten und ein einzelner Krieger,

das dunkle, tättowirte Gesicht von einigen, kaum geheilten Narben

fürchterlich entstellt, aus dem Dickicht sprang, an dessen äußerstem Rande

sie lagerten. _Was_ er berichtete, konnte Ned nicht verstehen, doch

mußte seine Mittheilung von Wichtigkeit sein. Auf jeden Fall war sie lang

erwartet, denn von mehren Seiten kehrten jetzt augenscheinlich früher

ausgestellte Posten zurück, und die Schaar, die aus etwa fünfzehn Männern

bestand, theilte sich in zwei ziemlich gleiche Haufen.

Aus zwei Welttheilen. Erster Band. Gesammelte Erzählungen · 第 17 / 21 段