»Ahem,« brummte der kleine Holländer, und wandte sich gegen den Seemann,

der, wenn auch durch die Zumuthung vielleicht überrascht, doch gutmüthig,

ohne übrigens die Pistole abzulegen, die linke Hand auf sein linkes Knie

stemmte und dadurch seine Bereitwilligkeit ausdrückte, als Observatorium

benutzt zu werden, -- »ahem -- will's versuchen -- werde ja wohl hinauf

kommen.«

»Schnell -- schnell!« mahnte Dumfry ungeduldig -- »die Pest über das

Trödeln, glauben Sie, daß _der_ wartet?«

»Der? wer?« frug Van Broon erstaunt und drehte sich schnell wieder gegen

den Redner herum. Auch Tomson sah zu ihm auf.

Dumfry stampfte ärgerlich mit dem Fuß und Van Broon, der noch nicht recht

mit sich einig schien, ob er wirklich thätigen Antheil an ihrem Abenteuer

nehmen, oder die Sache ruhig abwarten solle, trat endlich kopfschüttelnd

auf den Seemann zu, faßte ihn von hinten um den Hals, hob ihm sein linkes

Knie über das Hüftbein und warf sich nun -- mit einem Versuch, auf solche

Art förmlich in den Sattel zu springen -- dermaßen über den Matrosen hin,

daß er diesen ohne weiteres in das Farrenkraut hineindrückte und dann

gleich darauf selbst, den Kopf voran, in das Dickicht nachschoß.

»Alle Wetter!« schrie Tomson, und fuhr mit beiden Händen aus, um sich vor

dem Falle zu wahren, gedachte aber dabei nicht der geladenen Pistole, und

während er, von dem schweren Gewicht des kleinen Holländers niedergezogen,

in dem dichten Farrenkraut verschwand, berührte sein Finger den Drücker,

und die Kugel fuhr, dicht an Van Broon's Kopf vorüber, in die Luft.

Dumfry drehte sich fast unwillkürlich nach dem Schusse um. In demselben

Moment glitt aber auch jener dunkle Gegenstand wieder zurück über den Pfad,

und zwar diesmal vor ihnen vorüber, während der Neuseeländer durch das, was

hinter ihm vorging, abgezogen, nicht rasch genug die Flinte an den Backen

reißen konnte, den fremden Gegenstand aufs Korn zu nehmen, ehe dieser schon

wieder im Dickicht verschwunden war. So kurzer Blick ihm übrigens gestattet

gewesen, so mußte dieser doch wohl genügt haben, seinen Entschluß zu

bestimmen, denn, ohne auch nur einen Moment länger zu zögern, warf er die

Flinte, die ihm in solchem Pflanzengewirr nur hinderlich sein mußte, von

sich, riß den Tomahawk aus dem Gürtel und sprang dort in das Kraut hinein,

wo die zurückgebogenen Sträuche die Spur des Flüchtigen verriethen.

Als sich Tomson und Van Broon, die auch in der That schnell genug wieder

auf die Füße sprangen, von ihrem Fall erholt hatten und jetzt überrascht

umherschauten, war Dumfry verschwunden und sie selbst standen, keines Weges

kundig, allem Anschein nach aber von Gefahr umgeben, und wie Van Broon

fürchtete, schon von einer unbestimmten Anzahl grimmer Menschenfresser

umringt, in der öden Wildniß da.

Was jetzt thun? den Führer erwarten, oder ohne weiteres das Boot wieder

aufsuchen und entfliehen? Van Broon stimmte unbedingt für das letzte,

Tomson entschied sich dagegen für das erste und behauptete nicht mit

Unrecht, sie könnten vielleicht, wenn wirklich Feinde in der Nähe lauern

sollten, den Verdacht derselben gerade durch einen voreiligen Rückzug

erregen, und es war dann fast gewiß, daß sie, des Waldes unkundig,

abgeschnitten würden, ehe sie im Stande wären ihr Boot zu erreichen.

Hier jedoch, mitten im Wald, wo ihr Blick nicht einmal zwei Schritte weit

ins Dickicht drang, und der Feind sich leicht bis dicht an sie anschleichen

und seine tödtlichen Pfeile aus sicherem Hinterhalt auf sie abfeuern

konnte, ruhig stehen zu bleiben, schien fast ebenso wenig rathsam, und

Tomson wandte schon, nur bei dem bloßen Gedanken daran, unruhig den Kopf,

welcher Bewegung denn Van Broon blitzesschnell folgte, als ob er nichts

Geringeres erwartete, wie seine entsetzlichsten Befürchtungen verwirklicht

zu sehen.

Da raschelte es wieder im Dickicht; während jedoch der Seemann, fest

entschlossen, sein Leben so theuer zu verkaufen als möglich, die

indessen wieder geladene Pistole dorthin gerichtet hielt, traf der

leise, wohlbekannte Pfiff Dumfry's sein Ohr, und gleich darauf glitt die

verkleidete Gestalt desselben gerade da wieder in den Pfad, wo sie vorhin

so rasch und unerwartet verschwunden war.

Er hatte die Matte wieder zurückgeschlagen, und sein Antlitz sah bleich und

angegriffen aus, ohne aber auch nur einen Augenblick Zeit zu verlieren,

ja selbst ohne eine einzige, der an ihn gerichteten Fragen zu beantworten,

winkte er den Gefährten, ihm zu folgen und schritt, so rasch es die dichten

Strauchbüsche erlaubten, in dem schmalen Pfad voran. Es dauerte übrigens

nicht mehr lang, so erreichten sie den Waldrand wieder und verließen damit

wenigstens die hemmenden Farrenkräuter, obgleich umgestürzte Bäume, dornige

Cyanen und dichtes Unterholz ihren Fortgang dennoch sehr aufhielten. Aber

auch diese lichteten sich endlich, als sich Dumfry jetzt plötzlich einer

kahlen Steinfläche zuwandte, und von dieser aus eine schroff und fast

kahl emporsteigende Bergspitze rasch emporkletterte. Tomson und Van Broon

schienen erst unschlüssig, ob sie ihm da hinauf folgen sollten; sein

ungeduldiger Wink rief sie aber bald nach, und sie standen wenige Minuten

nachher auf einem schmalen, wunderlich geformten und von allen Seiten

fast schroff empordämmenden Felskegel, der sie über dem riesigen Wuchs des

Urwalds erhob, und von dem sie, wenigstens einen kleinen Theil der Insel,

wie das sie umgürtende Meer überschauen konnten.

Der Anblick war wundervoll; das dunkle Grün der Bäume, nur hie und da von

dem lichten Grau einzelner Farrenstrecken durchbrochen, deckte wie mit

einer festen, undurchdringlichen Masse das Land, und dicht hinangeschmiegt,

und von dem klaren funkelnden Sonnengestirn überstrahlt, lag das blaue,

ätherreine Meer. Unfern der Küste aber, von dem weißschäumenden Streifen

der Korallenriffbrandung eingeschlossen, schaukelte der »Kasuar,« während

weiter hinter ihm, und hie und da die einförmige Stille des Horizonts

unterbrechend, einzelne Segel sichtbar wurden, die mit der frischer

wehenden Briese rasch und lautlos dahinglitten.

Der Himmel war rein und wolkenlos, nur im Süden lagerte auf den düsteren

Waldschichten ein durchsichtiger, rosenfarbener Nebel, der von einem etwas

dunkleren Hintergrund begrenzt schien.

Der Felskegel selbst war kahl, nur an seinem einen Rand hing ein dichtes

Gewirr von wildverschlungenen Blumen, aus denen einzelne niedere, aber

dichtbelaubte Sträucher emporstiegen und nach dieser Richtung hin die

Aussicht gegen die im Innern gelegenen Berge zu abdämmte.

Wenn nun aber auch unsere drei Freunde, sobald sie die höchste Kuppe

erreicht hatten, forschend und aufmerksam die Blicke nach allen Richtungen

hinschweifen ließen, so schien doch Keinen, obgleich Alle von verschiedenen

Gefühlen bewegt wurden, die Scenerie selbst zu interessiren, wenigstens

verrieth kein Laut der Bewunderung, kein einziger Ausruf, kein Wort der

Mittheilung, daß sie sich des wunderherrlichen, sie umgebenden Panoramas

auch nur bewußt waren. Van Broon suchte nur rings umher ihre nächste

Umgebung zu erforschen, ob sie nicht unmittelbare Verfolger zu fürchten

hätten, und Dumfry, der im Anfang seinen Blicken folgte, seine Untersuchung

aber deßhalb schneller beendete, da er genau die Gegend wußte, in der ihnen

Gefahr drohen konnte, schaute weiter aus, und schien sich mit den nächsten

auf ihrer Bahn liegenden Landmarken vertraut zu machen, indessen Tomson

gar nicht auf das Land achtete, sondern nur mit den Augen den Horizont

überflog, zuerst sein eigenes kleines Fahrzeug beobachtete, wie es ruhig

und friedlich mit den scharf gezeichneten Masten in der Bai lag, und dann

aufmerksamer, als es der Gegenstand zu verdienen schien, nach dem Nebel

sah, der von Süden aus nach West und Ost in kleinen, dunstigen Strahlen

hinüberstrebte.

»Tomson -- sehen Sie dort drüben jene dunkle Bergkuppe?« brach Dumfry

endlich das Schweigen -- »gleich links von dem helleren Grün jener einzeln

stehenden Palmengruppe?«

»Gerad' unter dem silbergrauen, glatten Wolkenstreifen, der sich dort

hinüberdehnt?«

»Dieselbe -- das ist der Punkt, von dem die südliche Grenzscheide meines

Landes, ein anderer kleiner Bach, aus den Bergen sprudelt, und in fast

östlicher Richtung, etwa fünf Meilen unterhalb der Bai, in die wir

eingelaufen sind, mündet. Getrauen Sie sich jetzt den Platz später einmal

wieder finden zu können?«

»Auf jeden Fall, wenn wir den Weg gemacht haben,« meinte Tomson, und schob

dabei die eine Pistole, die er bis jetzt noch immer schußfertig in der

Hand gehalten, in den Gürtel zurück. -- »Ich dächte auch, wir brächen

auf; könnten wir die Sache beenden, _ohne_ den dunkelhäutigen Schuften zu

begegnen, desto besser, mich gelüstet's keineswegs nach einer genaueren

Bekanntschaft, als wir sie bis jetzt gemacht haben. Das war doch ein

Indianer, der uns da vorhin im Fahrwasser herumkreuzte -- eh?«

»Wir dürfen die Grenzen nicht weiter verfolgen,« entgegnete Dumfry finster,

ohne die an ihn gerichtete Frage zu beantworten; -- »Sie kennen Beide

die Gefahren, die uns von Seiten der Eingeborenen drohen, sobald sie

_Landvermesser_ in uns zu finden glauben; laufen wir daher den ganzen

Bereich ab, so müssen wir fast ihren Verdacht erregen. Das vermeiden wir,

sobald wir uns von hier aus gerade durch den Wald der Küste zuschlagen,

und dadurch hoffe ich auch jede Spur zu vernichten, die wir bis jetzt etwa

könnten zurückgelassen haben, denn während wir in einem rechten Winkel von

dem bisherigen, fast geraden Curs abspringen, bleiben wir wohl eine Meile

lang auf felsigem Boden, wo es selbst dem Auge eines Indianers schwer

werden sollte, Fährten zu verfolgen.«

»Aber der Schatz?« fiel ihm hier Tomson in die Rede, »haben Sie es etwa

aufgegeben, den zu finden, und kehren wir jetzt gleich zum Boot zurück?«

»Ja -- zum Boot wohl,« erwiederte Dumfry -- »doch hoffentlich nicht ohne

das, um was ich mein Leben hier eingesetzt habe. Getrauen Sie sich also

diese Grenzlinie, wie ich Sie Ihnen jetzt bezeichnet, wieder zu finden?«

»Hm -- ich weiß doch nicht,« brummte Tomson halblaut vor sich hin -- »wenn

man das Ding nachher beschwören sollte -- hätten wir nur wenigstens die

Verschreibung mit.« --

»Die führe ich bei mir,« sagte Van Broon, und holte, nicht ohne einige

Schwierigkeit, das vorsichtig in einer Blechbüchse verwahrte Document aus

der vollgepfropften Tasche; »hier Gentlemen, aber ich weiß wahrlich nicht,

wie _das_ Ihnen dabei helfen soll -- es ist doch nicht« --

»Sehen Sie!« rief Dumfry jetzt, der das Papier rasch entfaltet hatte --

»hier ist der Bach, an dem wir heraufkommen -- Sie wissen den Namen, und

Jedermann an dieser Küste wird Ihnen später die Mündung zeigen können --

das etwa ist die kleine Farrenprairie, wo ich heute die Palme zeichnete.

Sie getrauen sich doch _die_ wiederzufinden?«

»Ja, von der Mündung aus gewiß,« sagte Tomson.

»Gut,« fuhr Dumfry in seiner Beschreibung fort, »hier der, durch ein Kreuz

bezeichnete Punkt ist der Felsgipfel, auf dem wir stehen, und jene südlich

gelegene Abdachung dieselbe, auf welcher dorten der Nebel liegt, und von wo

aus Sie dem niederströmenden Bach an der Grenze hin zu See folgen können.

Eine Verwechselung ist hier unmöglich.«

Tomson hatte die Karte aufmerksam eine Zeitlang betrachtet; endlich legte

er sie wieder zusammen, schob sie in ihr Futteral zurück, reichte es

Van Broon und sagte, zu gleicher Zeit nach Süden hinüberdeutend, wo die

bezeichnete Gegend lag: --

»Den Platz getrau ich mich von hier aus selber zu finden, nicht aber mein

eigenes, kleines Fahrzeug, wenn wir länger hier zögern, als es unumgänglich

nöthig ist -- es liegt weit draußen an den Riffen, und da drüben braut ein

Wetter, oder ich will im Leben kein Salzwasser wieder schmecken.«

»Die Stürme wüthen oft fürchterlich an dieser Küste,« fiel Dumfry rasch

ein, dem nichts Erwünschteres kommen konnte, als durch solchen Grund ihre

Rückkehr zu beschleunigen.

»Aber der Schatz,« sagte Van Broon, keineswegs gesonnen, das jetzt soweit

ausgeführte Wagestück ohne einigen persönlichen Nutzen zu beenden.

»Auf unserem Weg zum Boot passiren wir den Platz,« erwiederte Dumfry --

»und nun rasch. Gentlemen, der größte Theil, ja der einzig gefährliche

unseres ganzen Marsches ist beendet, jetzt gilt es einfach noch eine kurze

Strecke Weges zurückzulegen, und ehe jene düsteren Nebelstreifen im Stande

sein werden auch nur mit ihren äußersten Spitzen die Sonne zu erreichen,

hoff' ich, schaukeln wir wieder auf den stillen Wassern der Bai und Freund

Tomson mag uns dann so sicher zurück nach Port Jackson führen, als er uns

hierher gebracht.«

Und ohne weiter eine Antwort seiner beiden Begleiter abzuwarten, sprang

er flüchtig an den vorragenden Felsenspitzen nieder, die, fast wie durch

Menschenhand ausgeführt, die einzigen Haltpunkte an einer wohl zwanzig Fuß

hohen Felsenwand für Fuß oder Hand boten. Tomson folgte ihm ebenso rasch;

viel schwerer wurde es aber dem an solche Bahn keineswegs gewöhnten

Buchhalter, und nur mühsam war er im Stande, seinen um so Vieles

gewandteren Gefährten zu folgen. An solches Bergeklettern aber nicht

gewohnt, und mit, durch zu vieles Sitzen versteiften Gliedern, verlor er

bald seinen Fußhalt, fing an auszurutschen, fiel, klammerte sich wieder

fest, mußte, durch sein eigenes Gewicht gedrängt, noch einmal loslassen,

und polterte endlich, Flaschen und Proviant von sich schleudernd, und

die bis dahin so sorgsam bewahrten Provisionen nach allen Richtungen

hinausstreuend, über rauhes, schroff ablagerndes Felsgestein wimmernd

nieder, bis er, von einer jungen Farrenpalme angehalten, hängen blieb, und

nun verzweiflungsvoll die Bahn zurückblickte, die er eben so unfreiwillig

rasch herniedergerasselt war.

Oben aber, aus dem kleinen Lianendickicht, das auf dem Felskegel wucherte,

kroch vorsichtig und geräuschlos eine dunkle tättowirte Gestalt, glitt

bis zu dem Felsrand hin, wo noch leise rollender Kies die Stelle verrieth,

welche die Männer eben zurückgelegt, und beobachtete hier, von niederem

Mooswuchs und einzelnen Farrenkräutern verdeckt, mit den aus dem narbigen

Gesicht unheimlich vorfunkelnden Augen die Bewegungen der Fremden, von

denen Tomson und Dumfry erst zu dem Gefallenen traten und dann, als sie

sahen, daß dieser selbst keinen weiteren Schaden genommen, und noch stehen

und gehen konnte, in den östlich gelegenen Büschen mit ihm verschwanden.

Der Indianer blieb wohl eine Viertelstunde lang regungslos in seinem

Verstecke liegen, und erst dann, als er sich fest davon überzeugt haben

mochte, daß die Fremden den Platz auch wirklich verlassen hätten, erschien

seine Gestalt plötzlich am Rande des Abhanges. Blitzesschnell glitt er

hinab, wich aber, unten angelangt, den Spuren der Weißen in einem weiten

Bogen aus -- er vermied die Stelle, wo die zersplitterten Glasflaschen

lagen -- und nahm erst dort die Fährte wieder auf, wo die Fremden, dem

felsigen Bette eines vertrockneten Baches folgend, in den Wald eingedrungen

waren.

* * * * *

Ruhig lag indessen der Kasuar vor seinem Anker, und die Matrosen hatten

sich, als das kleine Boot zwischen die vorhängenden Büsche des Ufers schoß

und von diesen verdeckt wurde, lässig unter das aufgespannte Sonnensegel

gelagert, und schauten träumend auf das blaue, nur leise wogende Meer

hinaus, das, wie sie, in müßiger Ruhe die heiße, sonnige Tageszeit zu

verschlafen schien. Selbst die Fische mußten sich in die dunkle, kühle

Tiefe zurückgezogen haben, denn nur selten zuckte ein goldschillernder

Delphin strahlenblitzend über die gebrochene Spiegeldecke der Fluth,

und Careys Mutter Küchelchen[13] selbst schaukelten sich mit nur selten

gehobenen Schwingen auf ihrem heimathlichen Element.

[13]: Die kleine schwarze Seeschwalbe, die den Schiffer auf seinen

weiten Reisen begleitet.

Das Steuer des kleinen Fahrzeugs stand verlassen, nicht weit aber davon

lagen, anscheinend ebenso unthätig als die Uebrigen, der Sträfling und sein

neugewonnener Freund, der irische Matrose, dicht neben dem Gangspill,

und hatten beide die Köpfe auf den unteren, vorstehenden Theil desselben

gelegt, in welchem die starken messingenen Einhemmer ruhten.

»Bill« flüsterte da der Sträfling endlich und berührte leise den Ellbogen

des Kameraden.

Der Ire hob den Kopf ein wenig und schaute vorsichtig hinüber.

»Wenn der Koch zum Essen ruft,« fuhr Ned eben so leise fort, »so geh' nach

vorn, und thu' wie ich Dir sagen werde; noch habe ich nicht alle Hoffnung

aufgegeben, und, wenn mein Plan gelingen soll, so ist das der einzige

Augenblick zur Ausführung.«

»Aber wie und was?« brummte der Ire, »an Schwimmen dürfen wir nicht denken,

denn ich will verdammt viel lieber Matrose bleiben, als mich von Haifischen

fressen lassen und das Canoe können wir zwei unmöglich über Bord heben.«

»Nein,« flüsterte der Sträfling zurück -- »dennoch giebt's ein Mittel es

hinüberzubekommen; wo Gewalt Nichts auszurichten vermag, muß List helfen.

Doch die Zeit drängt -- steh' Du jetzt auf und mache Dir in der Nähe des

Kochs etwas zu thun, sobald der aber anfängt das Essen in die Schalen zu

füllen, so ruf' »Segel ahoi!« -- Ist auch nichts zu sehen, sie mögen Dich

nachher auslachen, oder darüber fluchen, komme aber nachher sobald Du es

unbemerkt thun kannst und -- hörst Du -- so schnell als möglich hierher

zurück.«

»Was soll das aber helfen?« frug der Ire erstaunt.

»Wirst's schon sehen,« sagte Ned, und drehte sich auf die andere Seite

herum, Bill aber, der sich noch ein paar Mal streckte und dehnte, stand

endlich langsam auf, und schlenderte kopfschüttelnd dem Vordertheil des

Schooners zu, wo der Koch, ein feister ächter »Buck nigger« -- von der

Mannschaft jedoch nur gewöhnlich schlichthin Doktor genannt -- emsig in

der kleinen, heißen Kambüse beschäftigt war, großmächtige Kessel heraus und

hineinzuheben, Pfannen zu rücken und Seewasser in entsetzlichen Quantitäten

an Bord zu ziehen und wieder auszuschütten, bis ihm der Schweiß in großen,

hellen Tropfen von Stirn und Schläfen lief, und sein Antlitz mit einer

wahren, glänzenden Fettdecke überzog. Die Matrosen hatten aber auch heute

einen Festtag, denn, um sie in etwas dafür zu trösten, daß sie nicht mit

ans Land durften, war ihnen Pudding und Schweinfleisch bewilligt

worden, und verschiedene, hungrige Abgesandte hatten sich schon in kurz

aufeinanderfolgenden Zwischenräumen erkundigt: »ob heute wirklich noch zu

Mittag gegessen würde.« --

Ned wußte das Alles, und baute darauf seinen Plan, der in nichts Geringerem

bestand, als noch vor dem Essen die Mannschaft des Kasuar dahin zu bringen,

das an Bord liegende Canoe selbst mit in See zu heben, und es auch dorten

die Mittagszeit hindurch zu lassen.

Nicht weit von dort wo er lag, standen nämlich dicht am Steuerrad zwei

grünlackirte Eimer, die den Namen des Schooners trugen, und mit theils dem

»Capitän«, theils dem Zimmermann gehörige Wäsche angefüllt waren. Ned, der

nie eine Gelegenheit vorbeigehen ließ, Geld zu verdienen, da er recht gut

wußte, daß er _Geld_ sowohl zum Fliehen, als auch zum späteren Fortkommen

nothwendig haben müsse, hatte es auch hier an Bord für eine mäßige

Vergütung übernommen, die Wäsche dieser beiden »Offiziere« in Ordnung zu

halten, und dorthin begab er sich jetzt, als ihn der Ire eine Zeitlang

verlassen, und er sich von sonst keinem weiter beachtet wußte.

Neben den beiden, bis zum Rande mit Seewasser angefüllten Eimern stellte er

jetzt noch einen leeren dritten, nahm dann aus den ersten einen Theil der

Hemden, rang sie trocken aus, füllte damit den letztgebrachten Eimer mehr

als halbvoll, hob ihn auf die, nicht eben hohe Verschanzung und goß nachher

aus den anderen das gebrauchte Seewasser über Bord.

»Du wirst den Eimer hinunterfallen lassen Ned,« rief ihm der Kajütenjunge

zu, der eben die Treppe niedersteigen wollte -- »wenn's ein Bischen

schwankt, liegt er drüben, und 's ist nicht einmal ein Tau dran.«

»Kümmere Du Dich um Deinen Kram,« brummte der Sträfling, warf der

schlanken, lachend niedertauchenden Gestalt einen giftigen Blick nach und

fuhr in seiner Arbeit fort; sein Blick aber schweifte oft rasch nach dem

Bug des Schooners hinüber, wo Bill nachlässig an der Ankerwinde lehnte,

und anscheinend halb im Schlaf nur dann und wann einmal nach dem Koch

hinüberblinzte. Da kam dieser mit den hölzernen Schaalen aus dem Vorcastle

herauf, und der Ire stand auf, trat an die Bulwarks und stützte sich mit

dem Ellbogen auf den einen dort festgeschnürten Anker -- jetzt hob er

sich etwas empor und schützte mit vorgehaltener Hand seine Augen gegen das

Sonnenlicht. Am fernen Horizont waren indessen in der That mehrere kleine

weiße Punkte sichtbar geworden, doch achteten die übrigen Matrosen nicht

darauf, denn einestheils brauchten sie hier in der Gegend keine Seeräuber

zu fürchten, und dann nahm auch wirklich in diesem Augenblick der Koch ihre

ganze Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, um gerade jetzt auf irgend

etwas Anderes zu denken.

Ein kleiner Büschel Werg -- Ueberbleibsel eines zerzupften Taues -- lag

dicht neben Ned an Deck; dieser hob ihn auf, warf ihn über Bord und folgte

ihm mit den Augen. Das Werg trieb, durch die Strömung getragen, langsam am

Riff hinauf, und der Sträfling lächelte still vergnügt in sich hinein, denn

gerade dort wurde jetzt die hohe, dicke Rückenflosse eines Hai sichtbar,

der sich in dem schäumenden Rauschen der Untiefe zu sonnen schien, als er

sich aber wieder nach seiner Arbeit umwandte, sah er, wie der Zimmermann

aufgestanden war und gerade auf ihn zukam. Blieb der in seiner Nähe, so

wurde die Ausführung des erdachten Planes zur Unmöglichkeit.

»Gift und Tod!« knirrschte der Sidneyer wild in sich hinein, »hat denn

dieser vermaledeite Schuft von Koch« --

»Segel ahoi!« rief plötzlich der Ire am Bug des Schooners, und der

Zimmermann wandte sich, erstaunter über den Ruf als das Segel selbst, nach

jenem um, Ned aber trat rasch gegen die Bulwarks an und stieß hier den, nur

leicht auf den Bord gestellten Eimer in See.

»Seht Ihr -- hab ich's nicht gesagt?« schrie da der Kajütenjunge, der eben

wieder an Deck kam, und jetzt vor die Verschanzung sprang, um hinüber zu

sehen, -- »ei Du lieber Gott, da schwimmen ja des Zimmermanns Hemden

mit fort, na der wird schön schimpfen -- jetzt kann Tom wieder

hinterherschwimmen.« Und als ob sich das von selbst verstünde, warf er

seine Jacke ab und wollte eben ohne Weiteres in See springen, den langsam

dahintreibenden Wäscheimer zurückzubringen.

Das vertrug sich aber keineswegs, mit Ned's Plane, der dadurch vernichtet

worden wäre.

»Halt, um Gotteswillen!« rief er, und ergriff den Arm des kecken jungen

Burschen -- »Ihr wäret verloren -- seht Ihr denn nicht dort den Hai!«

»Hallo, was giebt's da?« sagte in diesem Augenblick der Zimmermann, als er

rasch an die beiden hinantrat, zu gleicher Zeit aber auch den, jetzt schon

ein ziemliches Stück vom Schooner entfernten Eimer erkannte - »Wasserhosen

und Seeschlangen, meine Hemden -- Ned, Hallunke, das hast Du mit Fleiß

gethan -- aber warte Canaille, das zieh' ich Dir am Lohn ab, und wenn Du

ein Jahr lang für mich waschen sollst. Willst Du den Jungen loslassen,

Bestie -- was giebt's mit dem?«

»Er wollte über Bord springen, Sir,« stammelte in anscheinender Angst und

Zerknirschung der Sträfling -- »und da hinten -- da hinten der Hai« --

Aus zwei Welttheilen. Erster Band. Gesammelte Erzählungen · 第 16 / 21 段