der Bai, die, wie das in den Südseeinseln so häufig der Fall ist, durch
ein weit ausbauchendes Corallenriff umgürtet wurde. Auf diesem schäumte und
sprudelte denn auch die Brandung und ließ nur, so weit das Auge reichte,
einen einzigen Paß oder Canal erkennen, wo tiefes Wasser größeren
Fahrzeugen den Eingang verstattete, denn eine krystallene Fluth schoß hier
glatt und schnell zwischen zwei hoch emporstarrenden Felsen hindurch, die
ein förmliches Thor bildeten und jedes Abweichen nach rechts oder links
zur Unmöglichkeit machten. Tomson, der von dieser Stelle das Steuer selbst
regieren wollte, sandte den Iren nach vorn, um mit bei den Segeln zu
stehen, und die gegebenen Befehle schnell ausführen zu helfen; für den
Augenblick nahm auch die hier wirklich nicht unbedeutende Gefahr, an irgend
eines der Riffe getrieben zu werden, die Aufmerksamkeit Aller zu sehr in
Anspruch, das Land zu beobachten, das sie jetzt wie mit liebenden Armen
umschloß, als der _Master_ ganz plötzlich eine, den Seeleuten wenigstens
höchst unerwartete Ordre gab. Der Schooner glitt nämlich noch in
dem wirklichen Canal hin, der sie blitzschnell an den beiden Felsen
vorüberführte, da rief Tomson's Stimme sein eintöniges: »Steht bei den
Segeln!« über Deck hin, und als die Leute erstaunt nach ihm umsahen,
folgten sich die rasch hintereinander gegebenen Befehle, die Segel back zu
brassen, einen Theil zu beschlagen und bei dem Anker zu stehen, so reißend
schnell, daß sie zum Ueberlegen gar keine Zeit weiter behielten, sondern
nur gehorchen mußten, und jetzt sahen wie der kleine Kasuar, einem
schlanken Taucher gleich, seine Bahn veränderte, zuerst eine Strecke dicht
an dem Korallenriff vorbeizog, und dann plötzlich, während der Steuernde
das Rad losließ, daß es wirbelnd herumfuhr, nach dem Riff selber zulenkte,
als ob es dort gerade und fest auflaufen wolle.
Dem Ruf »Anker los« folgte aber auch blitzesschnell die Ausführung; die
schwere Eisenmasse rollte in die Tiefe, und das kleine, schwanke Fahrzeug,
das sich rasch mit seinem Bug gegen das plötzlich anstraffende Tau wandte,
lag gleich darauf still und ruhig auf der, von keinem harten Luftzug mehr
erregten spiegelglatten Bai.
Die Entfernung bis zum Lande betrug etwa zwei englische Meilen.
Der Schooner führte nur, ein neuseeländisches Canoe ausgenommen, das Tomson
früher einmal für sich selbst gekauft, -- die gewöhnliche sogenannte Jölle
mit sich, die an seinem Hinterdeck befestigt hing, und diese wurde jetzt,
als sich das Fahrzeug kaum vor seinem Anker beruhigt, in See gelassen.
Dumfry, Van Broon und Tomson standen bereit hinabzusteigen, denn was sie
sonst an Lebensmitteln noch gebrauchen würden, war schon durch des würdigen
Seemannes Vorsorge vorher hineingeschafft und weggepackt worden.
Der erstere hatte jetzt, neben der neuseeländischen Tracht, auch ganz
neuseeländische Bewaffnung angenommen. Auf der Schulter trug er die lange
einläufige Büchse, und an seinem Handgelenk hing noch, durch einen
schmalen Riemen gehalten, der aus einem Wallfischknochen verfertigte,
etwa anderthalb Fuß lange _Mirei_, die Kriegskeule jener Stämme; auch ein
Tomahawk, den die amerikanischen Wallfischfänger auf der Insel eingeführt,
stack in seinem Gürtel. Tomson hatte sich dagegen mehr nach Seemannsart
bewehrt; in seinem breiten Gürtel ruhten neben dem gewöhnlichen
Matrosenmesser ein Paar große Enterpistolen, und ein sogenannter Cutlaß
hing an seiner linken Seite; die langschößige blaue Jacke, die er jetzt
angelegt, bedeckte aber, wenn er sie zuknöpfte, die ersteren vollkommen,
und nur der breite, kurze Säbel blickte drohend darunter vor.
Ganz anders sah dagegen Mynheer Van Broon aus, der keineswegs nach
tödtlichen Waffen gegriffen, sondern sich vielmehr mit dem besteckt zu
haben schien, was Leib und Seele zusammenhalten sollte, anstatt es zu
trennen. Aus der rechten und linken Tasche seines langschooßigen,
blauen Tuchrocks sahen wenigstens, innig vergnügt, zwei rothbesiegelte
Flaschenhälse heraus und unter dem linken Arme trug er ebenfalls einen
Gegenstand, der mehr einem Fouragebeutel als einer tödtlichen Wehr glich.
Dumfry betrachtete ihn denn auch ganz erstaunt, und rief endlich, halb
ärgerlich, halb lachend aus:
»Aber zum Teufel Sir, was schleppen Sie denn da mit sich herum? Sie glauben
doch nicht, daß wir --«
»Eine geräucherte Wurst, einen halben Käse, etwas Brod und ein Fläschchen
voll ächten Schiedam,« unterbrach ihn Van Broon ruhig, indem er den Beutel
sorgsam ein klein wenig öffnete und mit der Mündung gegen den Frager hielt.
»Hahaha,« lachte Tomson, »Mr. Van Broon will sich vorsehen, wenn wir etwa
eine Belagerung aushalten müssen.«
»Bitte um Verzeihung« sagte der Holländer, während er den Beutel wieder
unter seinen Arm zurückschob -- »ich habe mit keiner Sylbe an eine
Belagerung gedacht, denn wäre das geschehen, so können Sie sich auch fest
darauf verlassen, daß ich ganz ruhig und gemüthlich an Bord des Kasuar
bliebe. Ich bin keineswegs gesonnen, mir für die Firma Bornholm, Bricks
und Comp., so hoch ich dieselbe sonst auch in jeder Beziehung achte und
schätze, die Glieder voll Blei schießen, oder gar mit spitzen Instrumenten
nach mir hacken und stechen zu lassen.«
Dumfry biß sich auf die Lippen und wandte sich von ihm ab; ein anderer
Gedanke mußte aber in ihm aufsteigen, denn er sah sich noch einmal nach dem
kleinen Mann um und sagte dann rasch:
»Sie dürfen jenes Ufer auf keinen Fall unbewaffnet betreten, denn wenn wir
auch, wie ich fest überzeugt bin, keine Gefahren dort zu erwarten haben,
so wäre es auch wieder zu leichtsinnig gehandelt, nicht allein unbewaffnet
zwischen die Eingeborenen zu gehen, sondern sie das auch noch gleich von
vornherein merken zu lassen. Nehmen Sie wenigstens eine Flinte auf die
Schulter, wenn Sie dann auch keinen Gebrauch davon machen.«
»Eine geladene Flinte?« sagte der Kaufmann -- »ich denke gar nicht daran;
der Henker traue den Dingern; wenn sie nun losgeht? ich habe in meinem
Leben keine geladene Flinte in der Hand gehabt, aber schon unzählige
Unglücksfälle von derlei Mordinstrumenten gehört.«
»So nehmen Sie eine ungeladene,« rief Dumfry, schon ungeduldig werdend --
»Herr, Sie werden sich doch nicht vor einem leeren Stück Eisen fürchten?«
»Fürchten?« sagte Jener, »wer sagt Ihnen, daß ich mich überhaupt fürchte?
ich fürchte mich vor gar Nichts, ich mag aber mit Gewehren Nichts zu
thun haben, weil ich nicht damit umzugehen weiß -- ist die auch wirklich
ungeladen?«
»Nicht einmal ein Pfropf drin!« brummte Dumfry, »hier -- nehmen Sie und
machen Sie, daß wir fortkommen, die schöne Tageszeit vergeht sonst, und es
ist besser, das wir noch vor Dunkelwerden wieder an Bord sind.«
»Nehmen Sie?« sagte der kleine Mann unwillig, »womit denn? sehen Sie denn
nicht, daß ich beide Hände voll habe? kommen Sie, hängen Sie mir, wenn es
denn absolut sein muß, das verwünschte Ding über den Hals, habe ich aber
ein Unglück damit, so können Sie sich darauf verlassen, daß ich mich in
Sidney auch an Sie halten werde.« Und er bog dabei seinen Kopf gegen Dumfry
nieder, als ob er einen widderartigen Anlauf gegen ihn nehmen wollte.
Dieser hing ihm denn auch ohne weiteres die keineswegs leichte Waffe mit
dem Riemen über den breiten Nacken und sprang dann leicht und flüchtig in
das Boot hinab, wo indessen zwei Matrosen -- Bill, der Ire, und Ned, der
Sträfling, Platz genommen und die dort liegenden Ruder ergriffen hatten.
Diese gewahrte der Capitän kaum, als er sie ärgerlich anfuhr:
»Hinaus mit Euch, Ihr Canaillen -- wer hat Euch hier hergeschickt? mit
hinüberfahren, eh? und dann nachher Fersengeld geben und neuseeländische
Uniform tragen? so? ganz allerliebst abgekartet. Hinauf mit Euch, sag' ich,
Hallunken, -- die Ruder hingelegt.«
»Aber Master Tomson,« nahm Bill das Wort -- »ist es denn nicht Bill und
Ned hier, die ein Ruder zu führen wissen? und haben wir nicht, =acushla
machree=, bloß aus besonderen --«
»Will die rothhaarige Bestie an Deck?« rief Tomson, in wilder Wuth
auffahrend - »_Alle an Deck hier!_« schallte gleich darauf sein heftig
gegebener Befehl bis in die entferntesten Theile des kleinen Fahrzeugs;
»jetzt will ich den Hund sehen, der nicht gehorcht.«
Bill O'Leary war zu klug, jetzt noch einen Augenblick zu zögern, da er
die Folgen der Widersetzlichkeit in solchem Falle nur zu gut kannte; er
kletterte deßhalb rasch an Deck zurück. Auch Ned hielt nur noch einen
Moment das schon ausgelegte Ruder krampfhaft mit beiden Händen fest, zog es
dann, ebenfalls wie sein Gefährte, wieder herein, und folgte ihm, wo er
von seinem Offizier mit Flüchen und Drohworten empfangen und überschüttet
wurde. Deren schien er aber wenig zu achten, sondern schob nur die Hände in
seine Jackentasche und trat mürrisch hinter die übrigen Seeleute, die sich
jetzt, nach dem letztgegebenen Befehl, um ihren Führer gesammelt hatten.
Es waren, mit dem Koch und Stewart, einem aus den vereinigten Staaten
entflohenen Neger, zehn stattliche, kräftige Gestalten, größtentheils
in blauflanellnen Hemden, weißen Segeltuchhosen und runden niederen
Strohhüten; nur der Neger trug ein brennendrothes Hemd und Bill O'Leary und
Ned, der Sträfling, der eine die gewöhnliche blaue, der andere seine gelbe
Strafjacke.
»So, Ihr Seelöwen« -- fuhr sie jetzt der Steuermann, nach einem wilden
Blick auf die Schaar, an, die jedoch recht gut wußte, daß er es keineswegs
so bös meine, und nur gesonnen sei, bei solcher Gelegenheit die nöthige
Autorität zu zeigen. »Ihr bleibt jetzt hier ruhig vor Anker liegen, bis
wir wieder zurückkommen -- was hoffentlich noch vor Abend geschieht. Nach
Dunkelwerden laßt kein Boot heran, ohne mein Zeichen. Ihr kennt es schon;
auf Alles andere, was sich still und heimlich nähern will, gebt Feuer --
verstanden? -- Und Du Ned -- hier vorneher, wenn ich mit Dir rede, Bursche
-- Du verhältst Dich ganz ruhig und muckst nicht, sonst freu' Dich, wenn
wir wieder nach Sidney kommen. Solltest Du übrigens Lust haben, ein Bischen
ans Ufer zu schwimmen, so steht Dir das ganz frei, ich möchte Dich nur
darauf aufmerksam machen, daß Dir dann die Wahl bleibt, entweder von den
Haifischen unterwegs -- siehst Du, da drüben schwimmen schon ein Paar, oder
von den Neuseeländern am Lande verzehrt zu werden; der ganze Unterschied
bleibt nachher der, daß Dich die einen ohne und die anderen mit Salz
fressen. Uebrigens« -- wandte er sich plötzlich an den Zimmermann, der in
Abwesenheit Tomson's gewöhnlich den Befehl führte -- »schießt Ihr jeden
Schuft ohne weiteres auf den Kopf, Bob, der Miene macht das Fahrzeug in
meiner Abwesenheit zu verlassen; wir befinden uns hier an einer feindlichen
Küste, und da gelten die Kriegsgesetze -- verstanden?«
Bob grunzte eine Art Beistimmung und Dumfry rief indessen ungeduldig vom
anderen Bord aus:
»Ei so kommt, ins drei Teufels Namen; die schöne Zeit vergeht und ehe wir's
uns versehen, ist der Abend wieder da!«
»Ah, ay!« rief der Matrose zurück -- »haben noch nichts versäumt. Also
Boys, haltet Euch ordentlich, und Ihr sollt, sobald wir unseren Anker
wieder in Sidney auswerfen, einen Feiertag bekommen.«
Dumfry und Van Broon hatten indessen ihre Plätze in dem schwanken,
scharfgebauten Fahrzeug schon eingenommen, und der erstere zwar an
dem vorderen Larbord Ruder, Tomson aber, der jetzt rasch hinter ihnen
dreinsprang, ergriff das Starbord Ruder und während Van Broon, der sich
ganz behaglich im Sterne niedergelassen, diesen mit einer kleinen, neben
ihm liegenden Stange von Bord abstieß, that Tomson dasselbe mit seinem
Ruder. Bald darauf schoß das leichte Boot blitzesschnell über die nur
leise gekräuselten Wogen hin und näherte sich mehr und mehr dem hellgelben
Sandstreifen, der das dunkelgrüne Laub der dahinterliegenden Wälder mit
einem leuchtenden Gürtel zu umziehen schien.
Ihre Fahrt ging schnell von statten und als Van Broon einmal den Kopf nach
dem Kasuar zurückwandte, konnte er schon nicht einmal mehr die einzelnen
Gestalten, die ihrem Boot mit den Blicken folgten, erkennen, sah sich
übrigens auch gleich darauf viel zu sehr von seiner Umgebung gefesselt und
angezogen, um seine Aufmerksamkeit noch länger zwischen dem Schooner und
dem festen Land zu theilen. Nach kaum halbstündiger Fahrt glitt der scharfe
Bug der Jolle in die Mündung eines kleinen, dicht mit breitblättrigen,
wunderlich gestalteten Büschen bewachsenen Wassers hinein, das sich, aus
den Bergen niederbrausend, sein Bett trotz allen Hindernissen gewühlt und
behauptet hatte, und von den Sträuchen verdeckt, lagen sie bald sicher und
heimlich unter der ziemlich steilen Uferbank des kleinen Bergstroms, an
der sie, mit Hülfe einiger vorstehenden Wurzeln und Aeste, förmlich
emporklettern mußten.
Mit Mühe und Noth erreichten sie endlich, das heißt Dumfry und Tomson
den oberen Theil der Bank und mußten dann erst noch mit aller möglichen
Anstrengung ihrem wohlbeleibten Reisegefährten zu Hülfe kommen, der mit
seiner überhängenden Flinte unter eine wilde Rebe gefahren war und nun
so vollkommen festsaß und weder rück- noch vorwärts konnte, daß sie sich
wirklich gezwungen sahen, ihm zuerst den Gewehrriemen abzuschnallen, ehe er
sich nur möglicher Weise von alle dem, was ihn hielt, losmachen konnte.
Der Platz, auf dem sie jetzt standen, obgleich nur wenige hundert Schritt
vom äußersten, seebegrenzten Waldrand entfernt, war schon so von dicht
verworrener und in einander verwebter Vegetation bewachsen, als ob er
im wahren Herzen der Wildniß läge, und eine Passage durch diese grünen,
duftenden Labyrinthe unter keiner Bedingung gestatten würde. Edle Bäume von
stattlichem, oft riesigem Wuchs stiegen ast- und zweiglos, wie lebendige
Säulen empor, und schienen das grüne, dichte Laubdach dieses Domes zu
tragen und zu stützen. Die Reimukiefer, der Keiketie, der Totara, der
Kahikatoa, Rata und andere Waldbäume reichten sich hier einander die
mächtigen Arme und hielten sich gegenseitig mit blumigen, engverschlungenen
Guirlanden umschlossen, am herrlichsten aber stach gegen das dunkle, ernste
Grün der übrigen Stämme die Nikau-Palme[12] und der herrliche _Farrenbaum_,
diese Zierde der neuseeländischen Wälder, ab, der mit seinen breiten
fächerartigen Blättern der ganzen Scenerie eben jenen bezaubernden,
tropischen Anstrich gab, während es fast aussah, als ob all die übrigen
riesengroßen Bäume nur deßhalb hätten so weit und kräftig hinaufschießen
und ihre Arme ausbreiten müssen, um ihn, das Juwel des Waldes, vor wilden,
gefährlichen Stürmen zu schützen und zu bewahren.
[12]: =Areca sapida.=
Kein noch so kleiner und unbedeutender Raum in diesem Waldmeer war
dabei kahl oder leer; jeder Stamm, jeder Felsen trug seine Moose und
Schmarotzerpflanzen, und wie ein grüner, duftiger, blumendurchwirkter
Teppich überzog die üppige Pflanzendecke jeden erreichbaren Gegenstand.
Selbst abgestorbenen, und ihrer Aeste und Zweige beraubten Stämmen, wurde
nicht gestattet, so starr und trostlos dazustehen in ihrer reizenden
Umgebung, wie heulende Methodistenpriester in der herrlichen, lachenden
Welt; das lebendige Grün hatte schon lange vor dem Vertrocknen der
Säfte, den kranken Baum fest, fest umschlossen, und als Arm nach Arm
herunterbrach, und der todte Stamm, von allen verlassen, die er einst
unterstützt und beschirmt, stehen blieb, oder weit dröhnend in
sein laubiges Grab hinabschmetterte, da blühten und wucherten
scharlachleuchtende Blumen um ihn auf, immergrüne Kränze flochten sich um
seine riesigen Glieder, und was erst der Vernichtung geweiht schien, keimte
und wirkte jetzt noch einmal dem frischen, fröhlichen Leben entgegen.
Van Broon, obgleich sonst gegen Naturschönheiten ziemlich abgestumpft,
wenn sie nicht sein materielles Ich unmittelbar berührten, blieb doch
hier, sobald er sich von seiner ersten Anstrengung nur in etwas erholt,
überrascht stehen, und staunte die Wunder dieser riesigen Vegetation an.
Dumfry aber ließ ihm nicht lange Zeit zu Betrachtungen, er war nur
schnell noch einmal in das Boot zurückgesprungen, aus dem er einige der
mitgenommenen und am leichtesten transportablen Provisionen heraufschaffte,
und forderte dann seine beiden Begleiter ohne weiteres auf, ihm, so rasch
und geräuschlos als sie könnten, zu folgen, denn wenn er auch, besonders
zu Van Broon's Beruhigung, nochmals versicherte, es drohe ihnen unter
den gegenwärtigen Verhältnissen, sollten sie selbst mit Eingeborenen
zusammentreffen, keine Gefahr, so sei es doch auf jeden Fall besser, ein
Begegnen derselben zu vermeiden, da sie dann hoffen durften, ihre Pläne
weit schneller und leichter ausführen zu können.
Der Platz schien auch wirklich völlig unbesucht, ja nach dem zu urtheilen,
was man sehen und erkennen konnte, noch nie von menschlichem Fuß betreten;
trafen sie also nicht gleich bei ihrem ersten Ausmarsch Wilde an, so ließ
sich jetzt doch wenigstens mit Wahrscheinlichkeit vermuthen, daß sie dann,
sollte ihre Ankunft auch später bekannt werden, ihren Plan ausführen und zu
ihrem Fahrzeug zurückkehren konnten, ehe nur irgend Jemand ahnte, was sie
wirklich beabsichtigten.
Dumfry hatte sich übrigens schon bei seinem ersten Betreten des festen
Landes das Gesicht verhüllt und theilte ihnen jetzt mit wenigen Worten
den Plan mit, den er zu befolgen gedachte. Zugleich machte er sie darauf
aufmerksam, daß dieser Bach, in dessen Mündung sie eingelaufen -- und der
auch in dem Lehnsbrief unter dem Namen Ta-po-kaï aufgezeichnet stand --
derselbe sei, welcher die nördliche Grenze des fraglichen Landstrichs
bilde.
An diesem hinauf lag jetzt vor allen Dingen ihre Bahn, denn die westliche
Linie war gerade die schwierigste zu bestimmen. Dumfry hatte deßhalb,
wie er sagte, seinen Tomahawk mitgenommen, um einzelne Bäume selbst zu
bezeichnen und es dem späteren Eigenthümer dadurch möglich zu machen, den
Ort wiederzufinden und eine genaue Scheidungslinie zu ziehen. Ohne weiteres
Zögern schritt er denn auch jetzt den beiden Männern voran, in den dunkeln,
schweigenden Urwald hinein und dicht hinter ihm, den Hut fest in die Stirne
gedrückt, eine der beiden schweren Pistolen in der Hand, die andere, mit
der linken gehalten, im Gürtel, folgte Tomson. Van Broon, seine eigne
Flinte auf dem Rücken, mit der er alle Augenblicke in den unzähligen
Schlingpflanzen hängen blieb, bildete den Nachtrab, schien aber mit diesem
Platz keineswegs einverstanden zu sein, denn es hatte ihm, wie er meinte,
etwas Unheimliches, so ganz zuletzt zu kommen und gar nicht zu wissen,
ob nicht irgend ein wilder Cannibale hinter ihm drein krieche und
heimtückischer Weise mit irgend einem vielleicht gar vergifteten Pfeile auf
ihn ziele. Ganz vorn zu gehn, wie es ihm Dumfry lächelnd anbot, lehnte er
jedoch auch, und zwar auf das Bestimmteste ab, denn er betheuerte, nicht
um noch so viele Schatzhebungen in jeden dunklen Busch hineinspringen
zu wollen, ohne denselben vorher mit größter Genauigkeit untersucht und
visitirt zu wissen. Es blieb also kein anderer Ausweg, als ihn in die Mitte
zu nehmen, und auf solche Art setzten sie denn auch, immer dem Lauf des
Baches folgend, ihre Bahn ruhig und ungehindert fort, ohne daß ihnen irgend
etwas Auffallendes oder gar Gefährliches begegnet wäre.
Ihr Weg lag großentheils durch dichtbewaldete Niederung, und der
buntbeschwingte Papagei und andere Arten kleiner Singvögel waren ihre
einzigen Begleiter und füllten den hohen Waldesdom mit ihrem heiteren
sonnigen Leben. Endlich erreichten sie höher gelegenes Land, und hier
schien auch die Vegetation weniger üppig zu sein; auf jeden Fall fanden
sie dann und wann offene Waldstellen, die ihnen erlaubten schneller
vorzurücken. Dafür aber trafen sie jenes kräftige, der Insel eigenthümliche
Farrenkraut, das an manchen Orten wirklich gürtelhoch wuchs und Dumfry
blieb plötzlich, am Rand einer kleinen Prairie, die mit Nichts als solchem
Kraut bedeckt war, stehen und erklärte, daß sie hier den Bach verlassen und
dem Hügelkamm folgen müßten, den sie jetzt erstiegen hätten. Von hier aus
begann die westliche Linie des verkauften Landstrichs und einige mit dem
Tomahawk rasch gefällte junge Bäume, die eine niedere, breitwüchsige Palme
umstanden, sollten für spätere Jahre das Erkennungszeichen sein.
Dieser Hügelkamm aber, dem sie von jetzt an folgen mußten, war üppig mit
dem unvermeidlichen Farrenkraut bedeckt, und dieses wuchs und wucherte an
einigen Stellen so hoch und dicht, daß sie es im Anfang kaum durchdringen
konnten und mehrmals Orte fanden, die sie förmlich umgehen mußten, bis sie
endlich einen schmalen indianischen Pfad trafen, der ganz dieselbe Richtung
zu laufen schien, die sie zu nehmen beabsichtigten. Dumfry mußte ihn auch
gekannt haben, denn er hatte vorher, ohne jedoch seinen Begleitern etwas
davon zu sagen, in einem rechten Winkel wirklich danach gesucht.
Das Land hob sich hier nicht unbedeutend, und obgleich sie gerade keinen
bestimmten Berg erkennen konnten, da vor ihnen wieder ausgedehntere
Waldungen sichtbar wurden, so kamen sie doch jetzt zu immer steileren
und schroffer aufsteigenden Abhängen, von denen sprudelnde Wasser dunkle
Schluchten hinab schäumten und sprangen. Schweigend verfolgten sie jedoch
ihre Bahn den schmalen Pfad entlang, und hatten eben wieder eine etwas
größere Farrenkrautfläche erreicht, die hier die Kuppe des einen, rings von
Thälern umschlossenen Berges zu bilden schien, als Tomson einen lauten Ruf
ausstieß und Van Broon im nächsten Augenblick, da Dumfry plötzlich stehen
blieb, heftig und erschreckt gegen diesen anrannte.
Dumfry, der in der letzten Zeit, und hier wohl keinen Beobachter fürchtend,
die Matte von seinem Gesichte zurückgeschlagen hatte, fuhr zusammen,
verhüllte sich rasch den Kopf wieder und riß, als ob, trotz allen
seinen Betheuerungen vom Gegentheil, eine Gefahr hier doch nicht zu
den Unmöglichkeiten gehöre, die Flinte empor. Vergebens blickte er aber
forschend nach allen Seiten umher, es ließ sich Nichts erkennen und nur
Tomson stand, die eine seiner Sattelpistolen gespannt vor sich hinhaltend,
da, und schaute aufmerksam in das Farrenkraut hinein.
»Was giebt's, Sir?« rief ihn da Dumfry ungeduldig an, »haben Sie irgend
Verdächtiges gespürt oder gehört?«
»Es fuhr mir etwas dicht in meinem Fahrwasser über den Pfad!« erwiederte
der Seemann, ohne jedoch den Blick von der Stelle zu verwenden, wo das
unbekannte Wesen verschwunden sein mochte.
»War es ein Mensch?« frug Dumfry schnell.
»Ich will gekielholt werden, wenn ich's weiß,« brummte Jener -- »verdammt
schnell ging's, so viel ist gewiß, und schwarz war's auch -- wenigstens am
Stern, denn weiter hab' ich nicht viel davon gesehen.«
»Es wird eines der wildgewordenen Schweine gewesen sein,« beruhigte sich
da Dumfry -- »es giebt viele auf der Insel, und fast sonst keine anderen
wilden Bestien. Ihr braucht keine Angst« --
»Da ist es wieder!« rief Van Broon und deutete erschrocken in das dichte
Kraut; während aber Alle schwiegen und aufmerksam horchten, vernahmen
sie deutlich, wie die Büsche, und zwar gar nicht weit von ihnen entfernt,
rauschend zur Seite gedrückt wurden, als ob sich irgend ein schwerer Körper
rasch hindurch dränge. Dumfry richtete sich, so weit das gehen wollte,
empor, das Dickicht war aber hier höher als er selbst, es ließ sich Nichts
erkennen, und ebensowenig sah er irgend einen höheren Gegenstand in der
Nähe, den er hätte ersteigen können; nicht einmal ein Baum stand in mehren
hundert Schritt Entfernung.
»Van Broon -- Mr. Van Broon,« flüsterte da plötzlich der angebliche
Neuseeländer, denn das Unbekannte rührte sich wieder, als ob es noch einmal
über den Pfad brechen wollte -- und zu gleicher Zeit nahm Dumfry seine
Flinte wieder in Anschlag und richtete sie gegen den Ort, von dem das
Geräusch herüber tönte -- »versuchen Sie doch einmal, ob Sie von Mr.
Tomson's Schultern aus den Plan übersehen und erkennen können, was hier
eigentlich in unserer Nähe herumkriecht -- ich will indessen die offene
Bahn bewachen.«