Missionären treten nun auch plötzlich gar frommgesinnte Kaufleute aus
dem Hintergrund und schreien über verletzte _Rechte_ -- »er hat ja einen
Traktat, in welchem ihm Alles haarklein auseinandergesetzt wurde, mit
seinem eigenen Zeichen selbst untermalt (denn lesen und schreiben konnte
der arme Teufel leider nicht), und muß nun auch halten, was er versprochen,
da ihn ja _früher_ Niemand dazu gezwungen hat.« Wird ihm aber der Zwang zu
eng, lernt er vielleicht gar die wahren Absichten seiner Bekehrer kennen
und verstehen, und greift er in wieder frisch aufloderndem Kampfesmuth zu
den Waffen, dann -- schmettern Kartätschen und Büchsenkugeln den _Rebellen_
zu Boden und die donnernden Schlünde der Kriegsschiffe, die seine
leichten Schilfwohnungen von der Erde fegen oder entzünden, öffnen dem
unglückseligen Wilden zum ersten Mal die Augen und zeigen ihm, was er bis
jetzt noch gar nicht bemerkt zu haben schien, daß er Ketten an Händen und
Füßen trage, und sogar in all seiner Verzweiflung und Noth nicht einmal
mehr seinen alten Gott anrufen könne -- weil er den verleugnet hatte.
Das bricht dem Armen gewöhnlich das Herz, denn damit ist ihm das Letzte,
Heiligste vernichtet, und er wird jetzt, ohne weiteren großen Widerstand
mehr, und worauf es ja im Anfang doch gleich abgesehen, der, nur dem Namen
nach freie, _Sclave_ seines Herrn.
Wie sehr dabei den Missionären gewöhnlich das Seelenheil ihrer _Bekehrten_
am Herzen liegt -- ich sage _gewöhnlich_, denn es giebt auch, Gott sei
Dank, Ausnahmen von dieser Regel -- geht ebenfalls aus den neuseeländischen
Berichten hervor. Nach der Aukland Gazette beanspruchen nämlich die dort
befindlichen fünf und zwanzig Mitglieder der Kirchenmissionsgesellschaft
zusammen 196,840 Acker Landes, das sie für Kleinigkeiten gekauft und jetzt
gewiß nicht um das ganze Seelenheil Neuseelands wieder herausgeben würden.
Den Beweis hierzu haben ja auch wirklich die schon später geführten Kriege
geliefert. Ebenso widersetzten sich jene Missionäre der Bildung anderer
Gesellschaften, die besonders von Deutschen ausgingen und in denen sie,
vielleicht nicht mit Unrecht, theils eine Ueberwachung ihres Treibens,
theils vielleicht gar eine Concurrenz fürchteten.
Die neuseeländischen Wilden nun, die dem Treiben der Fremden im Anfang
ganz ruhig zusahen, da sie erstlich den Rückhalt nicht kannten, den jene
in ihrer Nation hatten, und in solcher Besitznahme von Land durch eine
Handvoll Menschen auch natürlich nicht jene verderblichen Folgen ahnen
konnten, die es für sie haben mußte, wenn sie weiter und weiter von ihrem
Grund und Boden verdrängt wurden, fingen dennoch mit der Zeit an aufmerksam
zu werden und zu begreifen, welche Motive jene fremden Männer bewogen
haben konnten, ihr Vaterland zu verlassen und die eigene Religion ganz
unbekannten Völkern zu predigen. Theils sahen sie selbst fremde Länder,
denn als Matrosen oder größtentheils Harpunierer schifften sie sich häufig
auf amerikanischen, englischen und französischen Wallfischfängern ein,
theils wurden sie auch hier und da von Weißen selbst auf ihnen gefährlich
werdende Uebelstände aufmerksam gemacht, und das letztere geschah nicht
allein oft aus Privat-, sondern sogar nicht selten aus irgend einem
Nationalinteresse, wie denn Aehnliches von den Engländern besonders ihren
Erbfeinden den Franzosen zur Last gelegt wird.
Das Resultat blieb denn auch nicht aus; Heki, ein wackerer Häuptling der
Neuseeländer -- nach einigen englischen Blättern sogar ein geborener Ire,
der als junger Matrose von seinem Schiffe desertirte -- bot plötzlich den
Europäern die Spitze, und widersetzte sich vorzüglich den Vermessungen des
Landes, welche, wie er jetzt wohl einsehen lernte, seinem Volke den Boden
Ackerweis entrissen und der fremden Regierung nur noch immer mehr angemaßte
Rechte gaben. Der Haß gegen die Fremden stieg dabei immer höher, und ein
Umstand besonders brachte das lang gedämpfte Feuer zum wilden, tobenden
Ausbruch.
Die Tochter eines Häuptlings wurde -- wie die Engländer behaupteten, aus
Versehen -- erschossen und das wilde Blut der neuseeländischen Krieger
schäumte jetzt hoch auf; all die erduldete Schmach riefen sie in ihr
Gedächtniß zurück, und der langverstummte Kriegsschrei der Stämme machte
das Mark ihrer Feinde erbeben. Allerdings erzwangen sich endlich die
Geschützstücke der Engländer Anerkennung, und zügelten wenigstens für den
Augenblick den wild auflodernden Grimm der Wilden, im Inneren gährte es
aber noch drohend fort, und wenn auch dann und wann die Häuptlinge Frieden
sicherten und Freundschaftsversicherungen gaben, so war ihnen doch schon
von den Feinden selbst gelehrt worden, wie man derlei Versprechungen zu
halten habe, und trotzig erneuten sie das Blutvergießen immer aufs Neue
wieder.
Das Resultat dieser Kämpfe ist freilich vorauszusehen; es wird hier werden,
wie es in allen übrigen »wilden Ländern« war: einen Theil der Heiden
civilisirt man, der andere muß untergehn, wollen sich aber gar keine dem
milden Joch der christlichen Religion fügen, ja dann haben sie sich die
Folgen freilich selber zuzuschreiben, und wie es früher den Guanchen der
Canariden ging, wie es jetzt das Schicksal der australischen Wilden ist,
so bleiben der Nachwelt nur noch die starren Ueberreste ihrer Gebeine,
bei denen sich selbst die nimmer schonende Zeit milder zeigte, als das
christliche Menschengeschlecht.
Der Zweck nun, der den »Kasuar« hier an Neuseelands Küste gerufen, stand
ebenfalls mit diesen Verhältnissen in Verbindung. In Sidney selbst war
nämlich vor nicht gar langer Zeit ein angeblich neuseeländischer
Pflanzer eingetroffen, der an der Nordostküste der Insel bedeutende wilde
Länderstrecken sein nannte, und auch einen, von dem Häuptling Heki selbst
unterzeichneten Schein besaß -- etwas, das bei Landbesitzungen äußerst
selten geschah; -- Ursachen jedoch, die er bis dahin geheimgehalten,
nöthigten ihn, wie er sagte, zu augenblicklicher Rückkehr nach Europa, und
er bot deßhalb jenen Schein einem bedeutenden Sidney Handelshaus, Bornholm,
Bricks und Comp., gegen baare Zahlung einer höchst mäßigen Summe an. Die
einzige Bedingung, die er dabei stellte, war die, daß er einen Schooner
und zwei Begleiter bekäme, um mit diesen noch einmal nach Neuseeland
zurückzukehren, wobei er denn auch jenen Beiden die Grenzen des Besitzthums
und dessen Lage bezeichnen wollte, damit sie später, wenn einmal der
Rechtsanspruch an dieses Land geltend gemacht würde, als Zeugen für den
rechtlichen und gesetzlichen Kauf auftreten könnten.
Die Schrift des Dokumentes war, wie sich nicht verkennen ließ, ächt und der
für das Land geforderte Preis stand mit dem jedesfallsigen Werthe desselben
in gar keinem Verhältniß -- es konnte ein solcher Ankauf daher als ein
ausgezeichnetes Geschäft gelten; denn in Sidney wußten sie recht gut, daß
die englische Regierung, sobald sie die störrischen Häuptlinge nur erst
einmal gebändigt, jedes Recht ihrer Unterthanen gewiß auf das kräftigste
vertreten würde. Nur mit der Vermessung solcher Strecken hatte es, für
jetzt wenigstens, unüberwindliche Schwierigkeiten. Die Eingeborenen
widersetzten sich jeder Schätzung ihres Landes auf das Bestimmteste,
und übten, wenn diese doch einmal versucht wurde und sie die Schuldigen
ertappten, fürchterliches Strafgericht, wobei sogar nicht selten der alte
heidnische und keineswegs abgeschaffte Kanibalismus wieder ins Leben trat.
Reisende brauchten dagegen, besonders an der Küste, kaum um ihre Sicherheit
besorgt zu sein, denn Heki hatte sogar seinen Untergebenen auf das
strengste eingeschärft, Fremde nicht unnöthig zu reizen und jedes
Blutvergießen zu vermeiden; die aber mit Aufopferung ihrer letzten Kräfte
zu bekämpfen und zu vernichten, die eines ihrer Rechte auch nur anzutasten
wagten.
Der Vorschlag also, den Schooner hinüberzusenden und dort das Land,
unter dem Vorwand einer Jagdexcursion, zu besichtigen schien dem Sidneyer
Handlungshaus ebenfalls das einfachste und zweckmäßigste, obgleich es
nicht begreifen konnte, welchen Plan Dumfry dabei haben mochte, daß er
ihn förmlich zur Bedingung seines Kaufes machte. Es nahm aber auch deßhalb
keinen Anstand, die Expedition selbst, so sehr es anging, zu beeilen, und
drei Tage später schoß der Kasuar schon mit vollen geschwellten Segeln aus
der Bai und ließ bald Neu-Hollands Küste weit, weit hinter sich.
Dumfry war übrigens bis jetzt weder in Sidney noch an Bord anders als in
europäischer Tracht erschienen, und das Erstaunen seiner Reisegefährten
ließ sich deßhalb leicht erklären, als sie ihn plötzlich, der
neuseeländischen Küste so nahe, die Rolle eines Indianers übernehmen sahen.
Er konnte die Maske aber keineswegs nur in Scherz oder Lust angelegt haben,
denn sein ganzes Wesen kam ihnen fast noch finsterer vor, als es sich bis
dahin gezeigt, und sein Blick haftete ernst und schweigend an dem schmalen
vor ihnen ausgedehnten Küstenstreifen.
Capitän Tomson schien auch sehr geduldig den Beginn der versprochenen
Mittheilung zu erwarten, denn er schaute ebenfalls, ohne auch nur die
mindeste Neugierde zu verrathen, nach dem noch ziemlich entfernten
Ufer hinüber, und nahm endlich seinen Kautabak heraus, von dem er einen
förmlichen Mundvoll abbiß und langsam an zu verarbeiten fing; Van Broon
dagegen, der ehrsame Geschäftsführer der Firma Bornholm, Bricks und Comp.,
hustete erst ein paar Mal, räusperte sich, und that alles Mögliche, um
dem wunderlichen Manne seine Nähe, die er ganz vergessen zu haben schien,
bemerklich zu machen. Es blieb aber jede Bemühung vergeblich; Dumfry war
in eine seiner Träumereien gefallen und hörte und sah nicht mehr, bis denn
endlich dem kleinen Van Broon der letzte Geduldsfaden riß und er seinen
Nachbar mit einem mahnenden »Sir!« in die Seite stieß. Dumfry zuckte,
dadurch wieder zu sich selbst gebracht, fast erschreckt empor, sammelte
sich aber gleich wieder und sagte, ohne jedoch dabei den Blick auch nur
einen Augenblick von seinem bisherigen Ziel zu verwenden:
»Gentlemen, es wird ihnen sonderbar erscheinen, daß ich jetzt, da wir uns
den neuseeländischen Küsten nähern, die Landestracht jenes Volkes anlege.«
»Ei, wenn man unter den Wölfen ist, muß man mit ihnen heulen,« meinte
Tomson trocken.
»Es hat einen anderen Grund« fuhr Dumfry fort und wandte sich dabei halb
nach dem am Steuer lehnenden Matrosen hin, um auch überzeugt zu sein, daß
sie von diesem nicht belauscht würden; der aber lehnte, allerdings an der
ihnen nächsten Seite, aber den Rücken gegen die drei Männer gewandt, am
Steuerrad, und hob nur manchmal schwerfällig, wie fast selbst zu dieser
einzigen Körperbewegung zu faul, den Kopf gegen die Segel empor. Die Männer
schien er gar nicht zu beachten. Dumfry mußte auch durch diesen Blick
vollkommen befriedigt sein.
Der Matrose stand aber keineswegs so schläfrig da, als es vielleicht
den Anschein haben mochte; im Gegentheil trugen seine Züge den Ausdruck
aufmerksamer Spannung, und er rührte sich nur deßhalb nicht, um keines
der leise gesprochenen Worte zu überhören. -- Hätte Dumfry den stieren
wachsamen Blick nur einen Moment beobachten können, er wäre nicht in der
Nähe des Mannes stehen geblieben, so aber lehnte er sich langsam wieder
über die Schanzung hinüber und fuhr fort:
»Sie wissen Beide, daß ich früher auf Neuseeland gewohnt, ja dort
Grundeigenthum besaß, das mir von dem Häuptling selbst und durch seinen
eigenen Landbrief gesichert, ungestörten, ruhigen Besitz versprach. Sogar
die Kriege mit den Europäern schienen nichts Gefahrbringendes für mich zu
haben, denn die Eingeborenen betrachteten mich als einen der ihren, während
meine Landsleute nur Vortheil aus meiner Gegenwart zu ziehen hofften. Wenn
aber auch Heki freundlich gegen mich gesinnt war und mir wiederholt seinen
thätigsten Schutz versprach, mußte ich doch einigen der untergeordneteren
Häuptlinge ein Dorn im Auge gewesen sein, denn die Streitigkeiten mit
ihnen nahmen kein Ende. Ich fand auch bald, daß sie es in der That dahin
zu bringen suchten, mich zu einer raschen unüberlegten Handlung zu treiben,
und dann vollen Grund zu haben, über mich herzufallen. Lange widerstand
ich allen ihren Ränken und entging glücklich den gelegten Schlingen, einmal
aber, in trüber unseliger Stunde, wo mir all die erlittene Unbill, jede
ertragene Schmach in tollen Bildern vor die Seele stieg, wurde ich meines
Zornes nicht Herr, und -- schlug den Einen meiner Feinde zu Boden.
Blut fordert nach den Gesetzen jener Stämme Blut, und mein Leben hätte von
diesem Augenblick an Heki selbst nicht mehr schützen können. Ich wußte
auch zu gut was mich bedrohte, und floh; unmöglich aber wäre es die Wuth
zu beschreiben, mit welcher diese rachsüchtigen Kinder einer heißen Sonne
meinen Fährten folgten. Selbst die Missionäre weigerten sich damals mir
eine Freistatt zu gewähren, ja drohten sogar mich auszuliefern, wenn ich
nicht ohne Zögern die Missionsgebäude verließe; sie wollten den Zorn der
gereizten Wilden nicht auf ihre, bis dahin ungestörten Wohnungen lenken.
Ein holländischer Schooner nahm mich noch endlich auf und entzog mich
dadurch einem martervollen Tode.«
»Und nun wollen Sie in _unserer_ Gesellschaft wieder dorthin zurückkehren?«
frug da Van Broon, der dieser Mittheilung mit immer wachsendem Entsetzen
gelauscht hatte, »Mann, sind Sie rein des Teufels? glauben Sie denn,
daß man Sie dort nicht wieder kennen wird? -- Und das verschweigt dieser
unglückselige Mensch, bis wir dicht an der Küste sind; nun wird uns weiter
gar nichts übrig bleiben, als geradezu umzukehren.«
»Die Gefahr ist keineswegs so groß als Sie denken,« flüsterte Dumfry,
»sonst hätte ich mich selbst nicht wieder hierher gewagt. Um unentdeckt zu
bleiben, legte ich neuseeländische Tracht an, denn unter dem Schutze des
_Tabu_[9] bin ich im Stande, monatelang die Insel zu durchwandern, ohne von
einem einzigen meiner Feinde erkannt zu werden. Sobald wir das feste Land
betreten verhüllt diese Matte meinen Kopf, und keine Hand wird es wagen
einen Schleier zu lüften, den ihr heiligstes Gesetz als unantastbar
schützt.«
[9]: Der _Tabu_, ursprünglich wohl ein religiöser Gebrauch, ist bei
den Neuseeländern auch das geworden, was man bei anderen Völkern das
_Gesetz_ nennt, wird aber, seines heiligen und gefürchteten Ursprungs
wegen, wohl um Vieles besser geachtet und gehalten, als das mit dem
bloßen _Gesetz_ der Fall sein würde. Das Belegen mit dem Tabu bedeutet
eigentlich: irgend eine Sache oder Person für längere oder kürzere Zeit
als geheiligt zu betrachten. Dieß geschieht durch die _Tohungas_ oder
weisen Männer. Begräbnißplätze, geheiligtes Eigenthum der Todten --
Eigenthum an einem unbewohnten Ort gelassen, die Mais und Kumera
(süße Kartoffel) Plantagen und andere Sachen sind unter das Tabu, oder
eigentlich Tapu Gesetz (wie es die Neuseeländer härter aussprechen als
die Bewohner der Sandwichs- und Marquesas-Inseln) gelegt. Oft geschieht
das einem ganzen Pah (einem befestigten Ort), ebenso Häusern, Straßen
und Canoes. Jemand der krank gewesen, ist bis zu einer gewissen Zeit
Tapu. Das Haupt, ja oft der ganze Körper eines Häuptlings gilt dafür,
-- so jede Braut -- und die Göttin selbst ist für Jeden, ihren eigenen
Namen ausgenommen, Tapu. Sicherlich ist dieser Gebrauch für ein Volk,
das keine geschriebenen Gesetze hat und kennt, höchst nützlich, ja
sogar für den Schutz des Eigenthums, wie der einzelnen Personen von
segensreichster Wirkung.
=French Angas Life in New Zealand.=
»Das ist eine sehr wunderliche Geschichte« murmelte der kleine Holländer
und schüttelte dabei höchst unzufrieden, und allem Anschein nach keineswegs
beruhigt, mit dem Kopf -- »eine höchst unangenehme Geschichte, deren
Mißlingen wir am Ende sämmtlich mit unserem Fleisch, und den Werth zwar
nach Metzgergewicht bestimmt, zahlen können.«
»Hm,« meinte Tomson endlich, »das ist schon wahr -- die Völker Oceaniens
haben einen Respekt vor dem Tabu, der uns vielleicht vor Entdeckung
sichert, aber« -- und er drehte sich dabei scharf gegen den imitirten
Neuseeländer herum, »was zum Henker treibt _Sie_ denn da wieder nach
Neuseeland zurück, Sir, wenn Sie doch froh sein sollten eine gehörige
Quantität Seewasser zwischen sich und der ihnen so feindlich gesinnten
Nation zu wissen?«
»Ja, _den_ Grund möchte ich auch hören« stimmte Van Broon dem Seemanne bei.
»Wollen Sie mir« -- frug jetzt Dumfry ohne die von ihm verlangte Erklärung
geradehin zu geben -- »wollen Sie mir in dem beistehen, was ich noch hier
in meinem eigenen Interesse auszuführen gedenke -- wollen Sie mir Ihre
Hülfe zusichern, und zwar mit der gewissen Aussicht auf einen höchst
bedeutenden Gewinn?«
»Donnerwetter, schießen Sie los Sir,« rief da der alte Matrose, ungeduldig
werdend -- »wozu denn das verdammte falsche Farbenspiel -- hissen Sie,
in des Bösen Namen, endlich einmal die wahre Flagge und nehmen Sie die
Leinwand weg, daß man sehen kann, ob Sie wirkliche oder nur gemalte
Schießluken führen. Was wollen Sie von uns, wozu sollen wir helfen?«
»Gut denn,« erwiederte nach kurzem Sinnen Dumfry entschlossen, indem er
sich halb gegen Tomson hinwandte: »ich will Ihnen Alles entdecken und hoffe
dann auf ihren Beistand rechnen zu können. Sie wissen Gentlemen, daß
ich, als ich der Firma Bornholm die mir von Heki selbst ausgestellte
Landverschreibung übergab, es sogar zur Bedingung meines Verkaufes machte,
hier noch einmal nach Neuseeland, und zwar in Begleitung zweier Männer
zurückkehren zu können. Die Bestimmung des Landes lieferte dazu den einen,
aber nur die Firma Bornholm berührenden Grund; der andere betrifft mich
selber. Wir werden, wenn auch noch einige Meilen davon entfernt, doch dem
Orte gegenüber landen, wo ich früher meine Hütte errichtet; was aus
dieser geworden, weiß ich nicht, ganz in der Nähe derselben liegt aber ein
ebenfalls durch das Tabu geheiligter Ort, und an diesem habe ich vor meiner
damaligen Flucht, alles das vergraben, was ich mir in einem zehnjährigen
Aufenthalt nicht allein auf Neuseeland, sondern auch in früherer Zeit in
den australischen Colonien ersparen konnte.«
»Was? ein Schatz?« frugen beide Männer rasch und verwundert!
»Still« sagte der Neuseeländer und sah sich schnell nach dem Mann am
Steuer um. Der aber, doch etwas durch die plötzliche, unerwartete Bewegung
erschreckt, fuhr leicht zusammen und drehte den Kopf rasch zur Seite.
Dieses Zeichen der Ueberraschung war übrigens hinreichend gewesen, den
Verdacht Dumfry's zu erregen und seine von jetzt an leise geflüsterten
Worte riefen die beiden Männer in die Kajüte hinab, um dort die angefangene
Mittheilung zu beenden.
Der Mann am Steuer sah ihnen, als sie die Treppe hinunterstiegen, mürrisch
nach und murmelte endlich:
»So so, also ein Schatz ist dort drüben zu heben, und da sollen wir
indessen hier ein paar Meilen in See draußen liegen und die Herren dann
nachher ganz gehorsam und unterthänigst in unsere Sclaverei zurückführen,
indeß ich hier doch die verdammte gelbe Jacke[10] einmal mit guter
Gelegenheit loswerden könnte. Pest noch einmal -- so wohl wird's mir wohl
sobald nicht wieder werden, eine solche Strecke von Sidney entfernt zu
sein; muß nur sehen, daß ich mit in das Boot zum Hinüberrudern komme,
nachher gute Nacht Sclavendienst.« Und er griff rasch und entschlossen in
die Speichen des Rades, den indessen etwas abgefallenen Bug wieder dem Ufer
zuzuhalten.
[10]: Die gelbe Jacke ist ein Abzeichen der Sträflinge in den Colonien.
In Himmel und See war indessen ebenfalls eine Veränderung vorgegangen; der
Seewind trat ein und die, bis dahin fast ruhige Wasserfläche fing an, sich
mehr und mehr zu kräuseln; kleine Wellen entstanden, die sich wie rollende
Schneebälle vergrößerten, je weiter sie kamen und zuletzt mit den glasigen
Häuptern so emporstiegen, daß sie in zischendem Schaum aufsprudelten und
tanzten. Der gleichmäßige, ruhige Lufthauch ließ ihnen dabei gar keine
Wahl, wohin sie sich wenden wollten; nur dem Lande drängte er zu und die
kleinen Wogen, selbst schon im Entstehen den Trotz verrathend, der sie in
ihrer Kraft und Gewalt so fürchterlich macht, kämpften zuerst eine ganze
Weile gegen den, wenn auch milden Herren an, und schienen ihren Platz bis
aufs Aeußerste behaupten zu wollen. Endlich aber, da sie doch sahen,
daß sie der Uebermacht weichen mußten, wandten sie sich auch zu wilder
ungeregelter Flucht, sprangen hoch auf und stürzten sich, wie tolle,
ungezogene Kinder rücksichtslos übereinander hin, eine immer rascher vor
als die Schwester drängend, um das Ufer nur so schnell wie möglich zu
erreichen.
Der Kasuar ließ denn auch die frische Brise keineswegs unbenutzt; seine
Segel blähten sich, und der Schaum kräuselte am Bug empor und tanzte in
kleinen Spritzwellen hinter dem jetzt langsam steigenden Fahrzeug her.
Die Massen von inselartigen Seepflanzen, die ihn bis dahin fast regungslos
umgeben hatten, durchschnitt er nun, oder glitt rasch an ihnen vorüber, und
das Land trat immer deutlicher und erkennbarer hervor, so daß man schon
vom Bord aus einzelne, höhere Baumgruppen und die hervorstechende, dunklere
Schattirung der Wälder erkennen konnte.
Der Sträfling von Sidney stand noch immer am Steuer, da tönten die hellen
Schläge der Glocke, das Zeichen der Ablösung für die Wachen, und vom
Vorkastle, die beiden Daumen in dem schmalen Ledergürtel, der die
segeltuchnen Beinkleider auf den Hüften hielt, und zugleich das lange,
holzstielige Matrosenmesser mit seiner braunen Lederscheide trug,
schlenderte einer der Kameraden langsam heran, um den Sidney _Vogel_, wie
derlei Burschen ebenfalls häufig genannt werden, abzulösen. Gleichgültig
schien er heranzukommen, und der erste wollte ihm gerade den Platz räumen
und nach vorn gehen, das indessen für ihn bewahrte Frühstück einzunehmen,
als ihm der scheue Blick des Ablösenden, mit welchem dieser das kleine Deck
überflog, auffiel.
»Nun Bill, was giebt's,« sagte Ned, der Sträfling -- »wo spukt's wieder?
schneidest ja eine verdammt ängstliche« --
»Ruhig« flüsterte der Mann schnell -- »Ned -- bist Du ein Mann?«
»Sonderbare Frage das,« brummte Ned höhnisch -- »trüge ich sonst diese
Jacke? -- das thun nur _Männer_!«
»Gut denn, hast Du Lust zu« -- er wandte noch einmal scheu den Kopf und
zischte schnell, als er Niemanden in der Nähe sah -- »_zu fliehen_?«
»Hm« -- sagte Ned und heftete seinen Blick scharf und prüfend auf den Mann
-- der Ausdruck in dessen Zügen ließ aber keinen Zweifel, daß er es ehrlich
meine und Ned, der hier ganz unerwartet einen Bundesgenossen fand -- denn
er, als bekannter Sträfling, hätte es selber nie gewagt, einem der übrigen
Matrosen gemeinsame Sache anzubieten -- bog sich jetzt, die Speichen des
Steuerrades noch immer haltend, zu ihm nieder und flüsterte leise --
»Fliehen? -- ja, wenn es sein muß -- aber -- ich sehe die Nothwendigkeit
noch nicht ein; einige unserer Leute werden auf jeden Fall das Fahrzeug
verlassen, um das Boot ans Ufer zu rudern -- sind wir dann nur im Stande
noch einen auf _unsere_ Seite zu gewinnen, so kann uns kein Teufel an der
Ausführung eines -- eines beschlossenen Planes hindern. Geht das aber auch
nicht, bleiben wir allein; -- ei zum Henker, dann möcht' ich doch einmal
sehen, ob wir Beide nicht im Stande wären, wirklich zu beweisen, daß wir --
daß wir eben _Männer_ wären.«
Der Ire, der im Anfang nicht einmal gleich begriff, was Jener mit seinem
dunklen Vorschlag meinte, sah ihn erst mehrere Secunden lang überrascht
und unschlüssig an. Bis jetzt hatte er, nur des Dienstes auf englischen
Schiffen müde, wahrscheinlich einzig und allein daran gedacht, solcher
Knechtschaft zu entgehen, während der Sträfling dagegen vor keinem Plane
zurückschreckte, der ihm seine wirkliche Freiheit wieder gab. Er schüttelte
aber, als er die fürchterliche Absicht des Verbrechens zu ahnen begann, mit
dem Kopf und sagte schaudernd:
»Nein Ned -- das gäb' eine blutige Geschichte, deren Andenken meiner Mutter
Sohn nicht lebenslang auf dem Gewissen mit herumschleppen möchte, -- aber
fliehen wollen wir, darin steh' ich Dir bei und nachher« --
»Pst,« flüsterte der Sträfling rasch -- »ich höre sie von unten wieder
heraufkommen -- ich will schnell mein Frühstück verzehren; nachher können
wir das weitere hier bereden.«
Er glitt am Gangspill[11] vorüber und verschwand gleich darauf im Vorcastle
des Schooners, wo die Matrosen, wie auf allen übrigen Fahrzeugen und
Schiffen, ihre Schlafstellen haben.
[11]: Die Hauptwinde jedes größeren Fahrzeuges.