-- »darf kindlich der Milde des Vaters vertraun!« stieg eine

bläulich-rothe, bengalische Flamme auf, die das ganze Theater in ihren

magisch rosigen Schein hüllte.

»A -- h --« tönte es aus jedem Munde -- der Eramit hob, wie betend, seine

Hände empor, und -- der Vorhang fiel schnell.

Da erst gewann Publicum Athem und Besinnung wieder.

»Caspar 'raus!« tobte jetzt die Menge -- »'raus! 'raus! Caspar 'raus!«

»Samiel ooch!« piepte die ganz feine Stimme.

»Caspar 'raus -- 'raus mit 'em Caspar!«

Osfeld und Wehrig suchten Caspar zu überreden, daß er sich doch »dem

Volke zeigen möchte,« dieser aber, der sich schon eines höchst nöthigen

Kleidungsstückes entledigt hatte, rief ihnen entgegen:

»Ich kann ja nicht -- ich bin ja schon ausgezogen --« doch was halfen

solche Entschuldigungen -- »es tobt der See, und will sein Opfer haben.«

»Caspar 'raus,« donnerte die Menge, und er mußte, wohl oder übel, in das

Kleidungsstück zurückfahren. Schnell zog er sich dabei noch den alten

Oberrock über, frug den Director, als er sich die Haare aus dem Gesicht

strich und die zwei untersten Knöpfe einhakte, »was zeig' ich denn an?« und

trat auf die schnell gegebene Antwort hinaus.

»Bravo!« schrie die Masse -- »noch emal so en Feier!« eine einzelne

Stimme, und Caspar sprach, die rechte Hand auf dem Herzen und mit tiefer

Verneigung:

»Ich hoffe -- diesen Beifall -- nicht verdient zu haben -- heute über acht

Tage« -- fuhr er dann aber mit etwas erhöhter Stimme fort, »werden wir die

Ehre haben wieder aufzuführen:

»_Kunibert von Eulenhorst oder der geschundene Raubritter --

Ritterschauspiel in fünf Aufzügen._«

»Magnus soll leben -- hoch!« jubelten ein paar Tenorstimmen -- »hoch! und

abermals hoch!« fiel der Chor ein, und hinaus strömte das Publicum ins

Freie. -- Zur Thür drängte sich die muntere Schaar, die jungen Leute,

die Mädchen und das Militair, die Fischer und Handwerker, scherzend und

lachend, ein Theil noch in dem Wirthshaus selber den Abend zu verbringen

und auf dem schmutzigen Billiard die Kugeln hinüber und herüber zu stoßen,

oder sich auch in kleinen Gruppen durch die Stadt zu zerstreuen, den

eigenen ärmlichen Wohnungen zu, und von Samiel und Wolfschlucht zu träumen.

Osfeld und Wehrig aber blieben noch zurück und waren schweigende Zeugen,

wie die Herrlichkeit verging, wie die Lichter erloschen -- die Künstler

wieder _Menschen_ wurden. Das Komische war entschwunden und der Ernst des

Lebens schaute höhnisch, wie aus einem nackten Todtenschädel hervor.

»Was macht das Kind?« frug Max, der die Jagdkleider abgelegt und nur die

Reiterstiefeln noch anbehalten hatte, eine junge Frau -- _seine_ Frau, die

eben zur Thür hereintrat.

»Es lebt noch,« erwiederte diese mit verweinten Augen -- »wenn du's aber

noch einmal sehen willst, so mach', daß du zu Hause kommst.«

»Ist Ihr Kind so krank?« frug Osfeld theilnehmend.

»Ja -- ich glaubte nicht, daß ich es nach dem Theater noch am Leben finden

würde« -- seufzte Max aus tiefer Brust.

»Wie konnten Sie aber spielen, wenn Sie Ihr Kind zu Hause so leidend

wußten?«

»Der Winter ist hart,« seufzte die Frau -- »und die paar Groschen thun

Noth.« Damit verschwanden die Beiden in der Thür.

Magnus sah ihnen, das Kinn in die Hand gestützt, nach; dann wandte er

sich seufzend ab und murmelte -- mehr mit sich selbst, als zu den Anderen

redend:

»Ja, ja -- es thut weh -- recht weh -- dagegen kommt's aber doch nicht auf,

wenn man draußen stehn und den Hanswurst machen, tanzen, springen und tolle

Späße reißen muß -- und daheim dann indessen die Frau auf dem Stroh liegt.«

»Und das haben Sie gethan?«

»Der Mensch kann viel ertragen,« fuhr der Director fort, indem er das

Hackebret wieder in den Kasten legte -- »leben, mein Gott, leben wollen wir

ja Alle -- ich habe sieben Kinder.«

»Bringt Ihnen denn das Theaterspielen auch so viel ein, _daß_ Sie davon

leben können?« frug Wehrig.

»Im Winter, ja -- wenn nur die langen Sommerabende nicht wären -- da

aber einen ganzen Abend Komödie zu spielen und nachher -- es ist schon da

gewesen, _vier Pfennige_ auf den Antheil heraus zu bekommen, da reicht's

denn freilich nicht einmal für trocken Brod aus.«

»Warum ergreifen Sie aber nicht etwas Anderes, verstehen Sie keine

Profession?«

»Ja -- aber das ist zu spät!« seufzte Jener, »ich bin alt und schwächlich

-- würde auch keine Kundschaft mehr bekommen.«

»Dann sollten Sie sich aber wenigstens bemühen, Ihr Theater so viel als

möglich zu verbessern. Eine erhöhte Bühne würde Ihnen zum Beispiel

einen viel größeren Zuhörerkreis sichern, weil dann auch die weiter

Zurückstehenden im Stande wären, von den Schauspielern mehr zu sehen, als

eben die Köpfe.«

»Ja, wenn ich das dürfte!« erwiederte der Director, »das ist mir aber

polizeilich verboten -- warum? weiß der liebe Gott; sie können doch

unmöglich fürchten, daß ich dem _Hoftheater_ Schaden thue. Auch darf ich

nie mehr wie vier Personen auf einmal draußen stehen lassen -- da kriecht

immer so ein oder der andere Polizeidiener hier herum, und neulich, wo

einmal aus Versehen fünfe geblieben waren, zeigte mich der an, und

ich mußte einen Thaler und fünfzehn Neugroschen Strafe bezahlen -- das

schmerzt. Ein und zwanzig Groschen hatten wir im Ganzen eingenommen, und

nun noch der Saal und die Lichter. Ja, wenn die großen Herren da oben

nur manchmal wüßten, wie ungerecht solche Strafen vertheilt sind -- sie

änderten es gewiß ab -- denn _so_ bös sind sie nicht, sie wissen's nur

nicht. Ein Thaler fünfzehn Neugroschen -- das klingt ihnen so unbedeutend

-- so wie gar Nichts -- und dafür mußten neun Menschen zwei Tage lang

hungern.«

»Läßt sich denn aber dagegen gar Nichts thun?« frug Osfeld.

»Gegen die Polizei?« meinte achselzuckend Magnus und lächelte mitleidig

über die Frage. »Doch, meine Herren, ich muß zu Hause -- die Frauen sind

schon Alle fort -- beehren Sie uns doch recht bald wieder.« Damit folgte

er, den jungen Leuten erst noch freundlich die Hände drückend, den

Vorausgegangenen.

Osfeld und Wehrig wollten sich jetzt ebenfalls entfernen, als ihnen der

noch bis zuletzt gebliebene »Intriguant« entgegentrat.

»Komischer Mann, das« -- sagte er, dabei mit dem Finger hinter dem Director

d'rein deutend -- »lamentirt in einem fort, und ist eigentlich selber

Schuld daran.«

»Aber wie so?« frug Osfeld -- »er thut doch wohl Alles, was in seinen

Kräften steht?«

»Zugegeben,« lächelte Jener, indem er dabei ein Töpfchen Schminke, ein

wenig Baumwolle, ein »Endchen« Talglicht und einen am untern Ende schwarz

gebrannten Korkstöpsel zusammen in ein Papier wickelte, und dies in die

hintere Rocktasche schob -- »zugegeben, daß er wirklich Alles thut, was in

seinen Kräften steht -- das ist aber nicht genug -- er muß _mehr_ thun, er

muß speculiren. Sehen Sie, zum Beispiel mit der Garderobe --«

»Die borgen Sie für jeden Abend, nicht wahr?«

»Ganz recht -- theilweise wenigstens, denn ein paar Schwerter und andere

Geschichten haben wir schon -- aber was kostet das? Dafür bekommt der Jude

die Woche _zwei harte Thaler_ -- ich habe meinen Aerger schon genug darüber

gehabt. Wenn man einmal Abends in Gedanken bei feuchtem Wetter mit den

hirschledernen Stiefeln zu Hause geht, oder sich aus Versehen mit so einem

erbärmlichen sammtmanschesternen Wamms zu Bett gelegt hat, daß vielleicht

Morgens noch ein paar Federn d'ran hängen, dann ist immer gleich der Teufel

los -- wozu das? warum schaffen wir uns nicht Garderobe an? warum _kaufen_

wir uns keine?«

»Kaufen?« entgegnete ihm Wehrig -- »wovon denn? der Director klagt ja doch,

daß er kein Geld habe; wovon soll er also Garderobe kaufen? etwa auf Credit

nehmen?«

»O ja -- das wäre eine sehr gute Idee, der Credit,« rief der Schauspieler,

indem er sich noch einmal im Zimmer umsah, ob er Nichts vergessen habe, und

dabei sämmtliche Taschen befühlte -- »sehr gute Idee das, aber -- es borgt

uns Niemand -- der Versuch ist schon mehrere Male gemacht. Nein, _Umsicht_

gehört dazu, und mit Umsicht wollte ich ihm in vier Wochen Garderobe

herstellen.«

»Doch auf welche Art?« frugen die jungen Leute, jetzt selbst neugierig

gemacht, zu gleicher Zeit.

»Auf sehr einfache!« sagte der Intriguant, und fing an, seinen schon

etwas mitgenommenen Rock bis oben hinauf zuzuknöpfen. »Sehen Sie, bei

Conversationsstücken, da muß sich Jeder seine eigenen Lumpen halten, und da

wir die Woche hindurch immer nur _ein_ Stück, wenn auch an fünf oder sechs

verschiedenen Orten geben, so sparen wir also in jeder solchen Woche

zwei Thaler. Nun lassen Sie uns einmal vier Wochen hintereinander

Conversationsstücke geben -- und da kommen immer nur erst _vier_ auf jedes

Wirthshaus -- dann haben wir _acht harte Thaler_ gespart, und damit kauf'

ich dem _Teufel_ seine Garderobe ab.«

»Mit acht Thalern?« rief Osfeld erstaunt aus.

»Mit acht Thalern,« betheuerte der Intriguant, während er sich den Hut in

die Stirn drückte, und ein kleines Bündel, das er in der Hand trug, und was

einem reinen, wahrscheinlich noch zu schonenden Hemd sehr ähnlich sah --

fester zusammenrollte und unter den linken Arm schob -- »mit acht

Thalern kaufe ich den ganzen Bettel -- doch es wird spät, der Wirth will

zuschließen -- also -- 'pfehle mich ergebenst, meine Herrn!« -- und damit,

weil er wahrscheinlich glaubte, die Laien tief genug in die Geheimnisse

seiner Berechnungen eingeweiht zu haben, stieg er die steile Treppe hinab.

Die jungen Leute sahen ihm mit einem Gemisch von Staunen und Mitleid nach,

und einen eigenen unheimlichen Zauber fast übte dabei ihre ganze trostlose

Umgebung; der Wirth aber, der schon seit einigen Minuten, mit einem dünnen

flackernden Talglicht in der Hand, das Fortgehen der so lange Säumenden

erwartet hatte, schien nicht Lust zu haben noch länger seine eigene

Bequemlichkeit wie das Talglicht der Zugluft preis zu geben. Sie folgten

seiner ungeduldig werdenden Bewegung, er schloß dicht hinter ihnen die

Thüre zu, riß den Zettel ab, und überließ es Jenen, ihren Weg ins Freie

zu finden, was jedoch, mit Hülfe einer noch im Vorhaus brennenden Laterne

gelang.

Bald standen sie wieder am Ufer der Elbe, und der heitere, blauklare

Nachthimmel lachte hell und freundlich auf die stille Erde, auf Glückliche

und Unglückliche hernieder.

Die Schoonerfahrt.

Neuseeländische Skizze.

Am Horizont dämmerte der Tag -- vom nicht mehr fernen Inselufer herüber

trug der warme Nachthauch die süßen würzigen Düfte tropischer Vegetation,

und oben am mattblauen, noch hie und da mit erbleichenden Sternen

geschmückten Himmel, schwebten kleine milchweiße Wolken, und errötheten

freudig, als sie endlich die lang erharrte, strahlende Sonne erkannten und

ihren Morgenkuß auf den Wangen fühlten. Unten aber, über das noch in

grauer Dämmerung lagernde Meer, strichen ernst und schweigend einzelne

breitschwingige Albatrosse hin, und regten nur in langen Zwischenpausen

die mächtigen Flügel, daß sie, in ihrer gespensterhaften Weise fast den

Geistern der Nacht glichen, die das helle Licht der Sonne zu fürchten und

zu fliehen schienen.

Wie ein schlummernder Koloß lag der Ocean, und in ruhigen gleichmäßigen

Athemzügen hob sich die Schwellung der Wasser. Hie und da nur brach

ein spielender Delphin die stille Ruhe, oder der gellende Schrei eines

Wasservogels störte den schlafenden Pelikan, der sich, sein Nachtwerk

vollendet, regungslos mit der Fluth heben und schaukeln ließ, und jetzt

nur den rasch emporgehobenen Kopf ärgerlich schüttelte und wieder unter den

Flügel schob.

Immer lichter wurde es im Osten; einzelne leuchtende Strahlen schossen

ihre zündenden Pfeile schon mitten ins Herz der ängstlich zurückdrängenden

Finsterniß hinein, und jetzt -- rasch und plötzlich, wie sich in den Tropen

der junge Tag aus den Armen der Nacht reißt --, tauchte die große goldene

Sonnenscheibe herauf, über das blinkende funkelnde Meer. Vor ihr her aber,

als ob sie selber, der neugewonnenen Himmelsluft froh, so recht kräftig und

wohlgemuth aufathme aus tiefster Brust, sandte sie ihren Hauch, und leise

tändelnd und spielend lief der über die, sämmtlich die kleinen Mäulchen

nach ihm aufspitzenden Wellen hin, und küßte sie alle, alle die munteren

blitzenden Dinger, mit ihren treublauen seelenvollen Augen.

Rasch stieg die Sonne empor und ihr Schein, der die weite Fläche mit seinem

Glanze erfüllte, fiel auch auf ein einzelnes schneeweißes Segel, das wie

ein müder Seevogel auf dem Wasser lag und seinen Bug dem immer klarer im

Süden hervortretenden Landstreifen entgegengerichtet hielt. Es war ein

Schooner und zwar nach Art der amerikanischen Schnellsegler betakelt,

aber mit etwas breiterem, schwerfälligerem Bug und nicht so starr und keck

emporragenden Masten und Spieren -- ein sogenannter Sidney Schooner,

wie sie theils die australischen Küsten befahren, theils auch nach den

benachbarten Inseln, ja oft bis selbst nach Neuseeland hinüberschiffen und

Sturm und Wellen trotzen.

Der »Kasuar,« wie das kleine Fahrzeug hieß, hatte denn auch die Reise von

Port Jackson aus in gar kurzer Zeit zurückgelegt und befand sich jetzt nur

noch wenige Meilen von seinem Ziel entfernt, dem nordöstlichen Ufer

der Insel Ika-na-mawi, welche zugleich die nördliche Hälfte der großen

Doppelinsel Neu-Seeland bildet. Der Wind aber, der bis dahin gar munter

ihre Segel geschwellt, hatte gänzlich nachgelassen, oder doch wenigstens

in der herüberwehenden Landbriese einen Gegner gefunden, gegen den er nicht

ankämpfen konnte oder mochte. In der Morgendämmerung, wo Land- und Seewinde

einander ablösen, war denn gar noch jeder Luftzug eingeschlafen, und die

Segel hingen schlaff und unthätig an den Masten nieder, gegen die sie nur

manchmal, wenn die Schwellung der Wasser das sich höchst passiv verhaltende

Fahrzeug hin und her schaukelte, schwerfällig anschlugen.

Thätiger zeigte sich dagegen die Mannschaft des kleinen Seebootes; von

den vier Matrosen, die oben beschäftigt waren, arbeiteten drei gar

fleißig daran, die weißen Deckplanken mit rasch heraufgeholten Eimern voll

Seewasser noch immer weißer und reiner zu scheuern und zu spühlen, und auf

dem Hinterdeck, die beiden Arme fest auf die Starbord Bulwarks[8] gestemmt,

saß ein kleiner, ziemlich corpulenter Mann, mit von der frischen Morgenluft

gerötheten Wangen, deren Schimmer in der breitvorstehenden Nase einen

Wiederglanz zu finden schien. In den Händen hielt er übrigens ein langes,

gerichtetes Teleskop, mit dem er das vor ihnen liegende Land scharf und

aufmerksam beobachtete. Er senkte wenigstens dann und wann das Glas,

wischte sich mit dem Zipfel eines rothseidenen Taschentuchs das rechte Auge

aus, und begann seine Forschungen aufs Neue.

[8]: Starbord und Larbord heißen die beiden Seiten eines jeden

Fahrzeugs, und zwar die rechte, vom Steuermann aus gerechnet, Starbord,

die linke dagegen Larbord oder Backbord.

Der einzige, anscheinend Müßige am Bord, war der am Steuerrad lehnende

Matrose, denn der hielt, wie er so da stand, die Speichen eigentlich nur

deßhalb fest, um seine eigene, nachlässig in sich selbst zusammengesunkene

Gestalt zu unterstützen. Dann und wann schaute er dabei, mit einem

halb schläfrigen Ausdruck in den gleichgültigen Zügen zu den unthätig

niederhängenden Segeln und der schlaffen am Hintermast befestigten

Windfahne auf, und fiel nachher, als ob er damit jeder nur von ihm zu

fordernden Pflicht ganz vollkommen genügt habe, gemächlich in seine alte

Stellung zurück.

Da tauchte noch ein anderer Kopf aus der Kajütenluke empor, und gleich

darauf stiegen zwei Gestalten an Deck, von denen sie die eine leicht als

_Master_ des kleinen Fahrzeugs erkennen ließ; die andere dagegen gehörte

einem mehr fremdartigen, in seine Umgebung nicht recht passenden Wesen

an, das wir deßhalb schon und seiner äußeren Erscheinung willen, ein wenig

näher betrachten wollen.

Es war ein Mann, kaum mehr als zwei oder drei und dreißig Jahr alt, aber

mit wohlmarkirten und dunkelglühenden Augen, nicht übermäßig stark und

groß, doch von kräftig elastischem Körperbau. Das Außergewöhnliche an ihm

bestand übrigens -- obgleich sich seine Züge, einmal gesehen, sicherlich

nicht leicht wieder vergaßen -- weniger in seiner persönlichen Erscheinung

als in seinem Anzug, der eine Mischung von europäischer und indianischer

Tracht bildete. Der Mann selber stammte allerdings von Weißen ab, denn wenn

auch seine Haut durch Sonnengluth und Luft so verbrannt und gefärbt

war, daß sie in ihrer dunklen Schattirung wenig der, neuseeländischer

Eingeborener nachgeben mochte, so verrieth doch das lichtere gekrauste

Haar, die mehr geröthete Wange und der ganze Schnitt des Gesichts

nicht allein den Weißen, sondern auch den Engländer, während der

weite neuseeländische Tapamantel und die, aus roher Haut verfertigten

moccasinartigen Schuhe, wie die, nach Art der Indianer unter dem Knie

gebundenen Beinkleider, eher einen Halbbrut-Wilden vermuthen ließen.

Sein Begleiter, der Master des kleinen Kasuar, der sich übrigens, wie alle

solche Küstenfahrer, viel lieber »Capitän« nennen hörte, schien denn auch

über den wunderlichen Aufzug seines Passagieres sehr erfreut und seine,

ohnedieß schon recht ansehnliche Physiognomie hatte sich zu einem breiten,

wohlgefälligen Grinsen ausgedehnt, mit dem er, sobald sie das Deck erreicht

hatten, den _Wilden_ von oben nach unten betrachtete, bis sich dieser

endlich mürrisch gegen ihn wandte und ausrief:

»Nun Sir, wenn Sie sich satt gesehen haben, lassen Sie mich's wissen. Ist

Ihnen denn in Ihrem ganzen Leben noch kein Tapamantel vorgekommen, daß

Sie dreinschauen, als ob wir uns mitten in London, anstatt wirklich an der

neuseeländischen Küste befänden?«

»Nichts für ungut,« lachte der Seemann, »ich dachte nur eben daran, was

für ein Gesicht der Gouverneur in Sidney schneiden würde, wenn Sie ihm, so

aufgetakelt, vor den Bug kämen. Seeschlangen und Eisbären, Sie kommen mir

vor wie ein Kriegsschiff mit Frauenzeug an Bord und an der Gaffel einen

Unterrock aufgehisst -- segeln auch wohl einen Kreuzzug unter falscher

Flagge?«

»Alle Wetter!« rief da der kleine dicke Mann, der sich in diesem Augenblick

zum ersten Mal nach den Redenden umwandte, ganz erstaunt aus -- »Mr. Dumfry

als Neuseeländer!«

»Gentlemen« erwiederte aber der also Genannte, indem er sich, ohne

die letzte Bemerkung weiter einer Antwort zu würdigen, an seine beiden

Begleiter wandte, »ich möchte ein paar _ernste_ Worte mit Ihnen reden, denn

es betrifft Dinge, die noch auf jeden Fall besprochen werden müssen, ehe

wir jene Küste betreten.« Und sein Auge haftete dabei sinnend an den

blauen Landstreifen, dessen Conturen, durch das aufsteigende Tagesgestirn

beleuchtet, immer deutlicher und erkennbarer hervortraten.

»Hm,« sagte der _Capitän_ und schob die Finger beider Hände in die

Seitentaschen seiner kurzen blauen Matrosenjacke -- »Geheimnisse wohl?

werden dann lieber wieder in die Kajüte hinunter gehen.« Sein Blick, der

zugleich auf den, neben ihnen am Steuer befindlichen Matrosen fiel, zeigte

deutlich genug daß er fürchtete, dieser könne, da der Raum des Hinterdecks

allerdings nicht bedeutend war, ihr Gespräch belauschen.

»Wir haben,« erwiederte ihm aber Dumfry, »von den Leuten an Bord Nichts

zu fürchten, wie Sie mir sagten, kommen die ja mit dem Lande nicht in

Berührung.«

»Ei bewahre,« rief der Capitän -- »gerade der, der dort steht, ist ein noch

nicht entlassener Sträfling, den ich eigentlich wider die Gesetze mit an

Bord genommen habe; er hat sich aber bis jetzt ordentlich benommen und --

mir fehlten Matrosen, da konnte ich ihn, der ein tüchtiger Seemann ist, gar

gut gebrauchen. Uebrigens bleibt der Schooner am äußersten Rande der

Bai vor Anker liegen, das kleine Boot nehmen wir selber mit, und daß mir

nachher keiner ans Ufer _schwimmt_, dafür sorgen unsere guten Freunde, die

Haifische, von denen es hier eine besonders große Anzahl giebt.«

»Gut denn, so können wir ruhig hier oben bleiben,« sagte der Verkleidete,

wandte sich dem Starbord Bulwark zu, und erwartete hier, an dieses

angelehnt, und sein Gesicht dem Meere und dem vor ihnen liegenden Ufer

zugekehrt, die beiden Freunde, die sich bald rechts und links neben ihn

stellten, seiner Mittheilung zu lauschen.

Ehe wir übrigens dem Gespräch der Männer, die wir in unserer Erzählung

begleiten wollen, folgen, möchte es vielleicht nöthig sein, dem Leser

einen kurzen und flüchtigen Ueberblick des Theils der neuseeländischen

Verhältnisse zu geben, mit welchem wir es hier zu thun haben, damit er die

Beweggründe der Schooner-Passagiere begreifen, und ihrem Unternehmen mit

größerem Interesse folgen kann.

Wie in allen uncultivirten Ländern der Welt, so bildeten auch in Neuseeland

die Missionäre gewissermaßen die Tirailleure der Civilisation; denn wie

man einen bösen und starken Hund streichelt, und vielleicht durch den

angenehmen Geruch eines vorgehaltenen Knochens, wie durch freundliche

zuredende Worte zu besänftigen sucht, so wird den wilden trotzigen

Nationen, denen der liebe Gott wahrscheinlich nur zufällig so vortrefflich

zu Handel und Ackerbau gelegenes Land gegeben hatte, zuerst die christliche

Religion mit ihren frommen und jede rauhe That verbietenden Lehren gezeigt.

»Seht,« sagen die Missionäre -- »solch gute Menschen sind wir, _das_ steht

Alles in der Bibel, unserem, uns von Gott selbst gegebenen Buch, und das

thun, das befolgen wir auch Alles; davon weichen wir kein Haar breit ab,

und so gut müßt Ihr auch werden, wenn Ihr einst das Alles erhalten wollt,

was uns für unsere Frömmigkeit versprochen ist.«

Der Wilde, dem schon das an und für sich imponirt, daß einzelne

_unbewaffnete_ Männer, fremd mit seinen Sitten und Gebräuchen, durch

Nichts geschützt, als das Vertrauen auf sein Volk, weit über das Meer daher

kommen; ja vielleicht gar durch das Neue der Sache selbst angereizt, oder

auch im naturkräftigen Herzen das Schöne solcher Lehre ahnend, neigt sich

endlich dem fremden Glauben und huldigt dem fremden Gotte. Er will es

einmal versuchen, ob das auch alles wahr und wirklich so ist, was ihm die

fremden Männer mit den wunderlichen schwarzen Kleidern gepredigt haben.

Kaum hat ihn nun sein eigener freier Wille, oft freilich auch nur ein

für ihn reiches Geschenk dazu gewonnen, dann nimmt man ihm schon

ein Versprechen ab -- das er bei einem nur etwas anders gestalteten

Heiligenbild, als er es bis jetzt gewohnt gewesen, leisten muß -- seinen

neuen Glauben nie wieder zu verlassen, und dem europäischen Gott wie auch

dem europäischen Fürsten, dessen Emissäre sich dort gerade vorfinden,

gehorsam zu sein.

Der arme Wilde, der es übrigens sehr natürlich findet, daß der europäische

Gott auf der Erde von einem _Fürsten_ vertreten wird -- denn einem anderen

_Häuptling_ Gehorsam zu schwören wäre ihm nie eingefallen -- leistet den

Eid, weiß aber in jener Zeit gewöhnlich gar nicht _was_ er verspricht, und

ist nicht um ein Jota mehr zurechnungsfähig, als ein Säugling, der in der

christlichen Religion getauft, oder ein vierzehnjähriger Schuljunge, der

in ihr confirmirt wird. Weicht er aber später einmal davon ab, erwacht der

alte trotzige Geist in ihm, oder sieht er vielleicht gar, daß sich doch

nicht Alles so lieb und gut verhält, wie es ihm die fremden, im Anfang

so freundlichen Männer vorgesprochen, dann wird er an _sein Versprechen

gemahnt_, und wenn das nicht mehr ausreicht, zu der Liebe für die

christliche Kirche _gezwungen_.

Aus zwei Welttheilen. Erster Band. Gesammelte Erzählungen · 第 13 / 21 段