ein, und nur ganz schmale, an den Seiten hinlaufende Gänge ließen
ebenfalls kaum so viel Zwischenplatz übrig, daß die Abgehenden vollkommen
verschwinden konnten; nichts destoweniger hatten die Schauspieler
durch jahrelange Uebung eine gewisse Fertigkeit erlangt, durch rasche
Seitenbewegungen bei jedem Abgang schnell die Coulisse zwischen sich und
das Publicum zu bringen, das dann seine Vorstellung von dem, hinter und
neben der Bühne befindlichen Raum, ins Unendliche ausdehnen konnte.
Die jungen Leute schritten jetzt quer über die »Breter, die die Welt
bedeuten« hin, und zwar zu dem, mit einer grünen Decke verhangenen
Garderobenzimmer. Dort traten sie ein und fanden sich hier plötzlich in der
wunderlichsten buntesten Gesellschaft, die sich nur möglicher Weise und der
wirklich regsamsten Einbildungskraft, denken ließ.
Rings an den Wänden standen kleine Tischchen, mit traurig flackernden
Talglichtern, die dem ganzen Raum nur eben genug Helle gaben, um sein
düsteres Aussehen recht deutlich hervorzuheben. Kleine Kasten mit
zerbrochenen Stücken Spiegelglas, Schminktöpfe, Schminkpapier und
Baumwolle, angebrannte Korkstöpsel, Flitterband, zerdrückte Blumenbouquets
und farbige Glasperlenschnüre lagen überall umher, und Agathe und Aennchen
waren eben noch beschäftigt, ihren Wangen die zu Braut und Brautjungfer
nöthige Frische zu verleihen.
Osfeld wurde von Allen als Bekannter begrüßt, und hatte keine Schwierigkeit
seinen Freund ebenfalls da einzuführen; gerade jetzt drängte jedoch die
Zeit zu sehr, als daß sich Einer der Beschäftigten hätte mehr als in
kurzer Anrede mit ihnen einlassen können; sie bekamen deßhalb auch um
so ungestörtere Gelegenheit, sich in dem kleinen Raum vollkommen gut
orientiren zu können.
Eine besonders interessante Gruppe bildete hier der Erbförster Kuno und
Samiel, von denen der Erstere dem Letzten eben, mittels eines angebrannten
Korkstöpsels, die Nase schwarz färbte, damit diese, wie er auf Osfelds
Frage erklärte, dem Gesicht das Aussehen eines Todtenkopfes gäbe.
»Denn sehn Sie,« nahm hier Samiel, sie als ein höchst artiger Teufel
begrüßend, das Wort, »wenn de Nase schwarz is, so sieht man se nich vom
Bublikum aus, und dann kriegt das Gesicht was Schreckliches!«
In dem Augenblick klingelte es, und der Vorhang ging wieder auf; die
beiden Freunde blieben daher, um während der Aufführung keine Störung zu
verursachen, hinter der Scene, und unterhielten sich indessen mit Herrn
Magnus, der eben beschäftigt war, ein ziemlich umfangreiches wahrscheinlich
eben gestimmtes Hackebret wieder in seinen Kasten hineinzulegen, da sie
ihm, wie er äußerte, während der Wolfsschlucht »hineindämmern« könnten.
Agathe sowohl wie Aennchen schienen aber ungemein wenig von ihren Rollen zu
können, und der Director glaubte den Gästen darüber eine Erklärung schuldig
zu sein.
»Sehen Sie,« sagte er, »die _neuen_ Stücke, die geben wir gewöhnlich hier
immer erst einmal am Montag bei Kurfirschtens, und die betrachten wir
gewissermaßen als Generalprobe; kommen wir nachher am Mittwoch in's
Weinlaub oder gar am Sonnabend in die schwarze Gasse -- dann geht's auch
dafür »wie geschmiert.«
»Aber sagen Sie einmal Herr Magnus« -- frug jetzt der zu ihnen tretende Max
-- »hier im Buch -- o Sie entschuldigen« -- wandte er sich gleich darauf
mit einer Verbeugung an die Fremden, »hier im Buch steht, Max soll sich den
Hut in's Gesicht drücken und zu »verschiedenen Thüren abgehn« -- er darf
doch nicht wieder kommen?«
»Au!« sagte Osfeld, den Wehring in diesem Augenblick rücksichtslos auf den
Fuß getreten hatte.
»Ne, ich bitte Sie um Gottes Willen,« rief zu gleicher Zeit der Director
-- »so sein Sie doch nicht so -- Herr Gott, da draußen sehn sie sich schon
nach Ihnen um -- sie kommen ja --«
Und Max kam wirklich, denn mit flüchtigem Blick hatte er sich von der
Wahrheit des Gesagten überzeugt -- sein Stichwort war gefallen, und wie ein
junger Sturmwind, nur freilich von der ganz entgegengesetzten Seite, als
von welcher ihn Agathe erwartet hatte, stob er auf die Bühne und spielte in
lobenswerther Leidenschaft die Scene durch.
Da aber nun, wie Herr Magnus jetzt äußerte, die Vorbereitungen zur
Wolfsschlucht zu viel Raum wegnahmen, um blos zwischen dem Hintergrund und
der Rückwand abgemacht zu werden, so mußte nach dieser Scene der Vorhang
wiederum fallen, und der wichtigste Moment des Stücks nahte sich seinem
Beginnen.
Kaum war die Leinwand herunter, als Magnus mit einem Satz auf die Bühne
sprang und eine ungeheure Eule an die Coulisse schrauben wollte.
»So halten sie doch nur uff!« meinte aber Samiel sehr ernsthaft -- »es muß
doch erscht verwandelt werden.« --
»Ja so!« sagte der Director, und nahm den Vogel der Nacht wieder an sich,
einige von den Schauspielern dagegen stiegen schnell auf hinzugerückte
Stühle und knüpften die Bindfaden am oberen Theil der Coulissen auf, welche
diese im Mittelpunkt festhielten. »Die Stube« fiel dann auch im nächsten
Augenblick zu den Füßen der Bäume nieder, wo sie an der Wurzel der
»Riesenstämme« auf einem Häufchen liegen blieb; die Hinterdecoration glitt
auf gleiche Art über sich selbst zusammen und -- »furchtbar gähnte der
düstere Abgrund.« Nun wurden ebenfalls die nöthigen Vorrichtungen für das
wilde Heer getroffen. Die Figuren nämlich, als: Drachen, Molche, Schlangen,
Eulen und Gerippe, alle von Magnus selbst in der Größe eines mäßigen
Haushahns, auf Pappe gemalt, kamen an ein dünnes, von der rechten zur
linken Hintercoulisse gespanntes Seil, damit der Spuk quer über die Bühne
gezogen werden konnte.
Zu den ferneren Schrecknissen der Höllenschlucht gehörte auch noch ein
Haufen Pflastersteine, die, als Entschuldigung für Todtenköpfe, zu dem
Zauberkreis verwandt werden sollten, und neben diesen lag ein Haufe dünn
gezupften Werges (Hede) dessen Nutzen aber erst später klar werden sollte.
Auch die Eule saß jetzt, fest angeschraubt, auf ihrem Zweig, (oder vielmehr
auf freier Luft neben der Coulisse) während hinter ihren äußerst rund
ausgeschnittenen Augenhöhlen ein matt und schläfrig loderndes Dreierlicht
brannte. Draußen aber, vor der Bühne, jubelte und tobte die Menge.
»Anfangen -- anfangen« -- schrie das Publicum -- »das währt ja ene
Ewigkeit!« piepte eine einzelne Stimme -- »wir wollen mithelfen,«
antworteten andere. -- »Anfangen -- Vorhang auf!« tobte das Chor wieder,
und Magnus, schnell gefaßt, ergriff die Klingel, und bearbeitete sie nach
Leibeskräften.
»Herr Jeses -- ich habe den Drehschwärmer noch nich fest!« rief Samiel
erschrocken.
»Thut Nichts« -- beruhigte ihn der Director -- »ich klingelte nur, damit
die Flegel da vorne glauben sollten, es ginge an, und Ruhe halten.« Das
Mittel erwies sich auch als probat, denn der Sturm war beschwichtigt, und
Alles harrte, in gespannter Erwartung, der Dinge die da kommen sollten.
»Wär' es nicht besser, wir sähen uns die Wolfsschlucht von draußen mit an?«
frug Osfeld den Freund -- »der Eindruck ist auf jeden Fall stärker.«
»Gern!« erwiederte Jener, »aber was zum Henker macht denn der dort mit dem
Werg?«
Sein Ausruf bezog sich auf einen kleinen dünnen Mann, der hinter der ersten
Coulisse niedergekauert saß, und mit der ernsthaftesten Miene von der Welt
das Werg in kleine Kügelchen zusammendrehte und neben sich legte. Eben,
als sie ihn über dessen beabsichtigte Nutzbarkeit fragen wollten, hatte
der auf's neue erwachte Unmuth des jetzt kaum noch zu bezähmenden Publicums
seinen Höhepunkt erreicht, und die Klingel tönte nun in gutem Ernst, so daß
die Beiden kaum noch Zeit behielten vorzuspringen und ihre Plätze wieder
einzunehmen. Da rollte der Vorhang auf und zugleich tönte des Directors
Stimme von Innen hervor:
»Lichter aus!«
Das ließ sich denn auch die liebe Jugend nicht zweimal sagen -- unter
lautem Jubelruf fielen sie mit Mützen und Händen über die unglücklichen
Talglichter her -- denn Jeder wollte des Ruhmes theilhaftig sein, bei dem
»Theater« mitgewirkt zu haben -- und in wenigen Secunden herrschte finstere
grausige Nacht in der »Schreckensschlucht.«
Caspar stand in der Mitte und legte den Zauberkreis von Dresdner
Straßenpflaster, während dicht neben ihm ein mit Augen und Nasenhöhlen
versehener Kürbis, Gastrollen als Todtenkopf gab.
»Chorsingen!« schrie da eine Stimme aus dem Publicum -- aber »Ruhe --
Ruhe!« gebot es von allen Seiten, und der gottlose Jäger begann, gerade
als hinten auf einer großen blechernen Kanne zwölfe geschlagen wurde, seine
Beschwörung. Kein Laut regte sich weiter -- kaum athmen hörte man die fest
zusammengedrängte Menschenmasse -- auf den Zehen, mit vorgestreckten Hälsen
und zum Aeußersten aufgerissenen Augen starrten sie hin auf das, was sich
jetzt vor ihnen entwickeln sollte -- aber Nichts -- gar Nichts konnten sie
sehen. Samiel erschien -- wenigstens vernahmen sie seine Stimme -- doch
tiefe Nacht deckte, höchst allegorisch, den Fürsten der Finsterniß, --
Max trat auf, und die Gestalt wurde, als sie in den Vordergrund schritt,
allerdings sichtbar, wie er aber rief: »er sähe seiner Mutter Geist --
_so_ lag sie im Grab --« und von Agathe erzählte, die in den Fluß springen
wollte, da brummte der kleine dicke Fischer, der jetzt ganz behaglich einen
der leergewordenen Stühle eingenommen hatte, leise vor sich hin:
»Der muß drämen -- ich sehe weeß Gott nischt.«
Der Kugelsegen kam jetzt, und mit ihm das ganze Schauerliche der Schlucht;
Magnus postirte sich dabei hinter die Eule und zog ruckweise an einem dort
befestigten Bindfaden, um dieser die Flügel zu lösen. In der Maschinerie
selbst mußte aber wohl etwas versehen sein, denn der einzige Erfolg des
Ziehens war das Herunterfallen des Lichts, wobei die Eule natürlich die
Augen schloß, als ob ihr die ganze Schlucht zuwider gewesen wäre.
»Zwei!« sagte Caspar, und aus der linken Coulisse flog ein Irrlicht
in Gestalt einer brennenden Flocke Werg, und zwar gerade auf des
Kugelgießenden Leib geschleudert -- der sich dessen jedoch noch entledigte.
»Drei!« und mehre Irrwische zuckten in schneller Reihenfolge auf den
trotzigen Jägerburschen ein.
»Werfen Sie doch nicht so hierher« -- flüsterte dieser schnell und heftig
in die Coulisse hinein -- »Sie brennen Einem ja die Lumpen an -- _Vier_!«
Immer dichter flogen die leuchtenden Flocken, und aus der
gegenüberstehenden Baumgruppe kam ein einsamer Schwärmer herausgezischt.
»Fünf!« sagte Caspar -- zwei Schwärmer prasselten dabei von der linken, ein
dritter von der rechten Seite los, und hinten wälzte sich etwas Schwarzes
über die Bühne; was? konnte natürlich nicht ergründet werden, und nur eine
Frauenstimme hielt es -- jedoch auch nur vermuthend -- für »Magnussens
Jungen.«
Das Schreckliche schien jetzt seinen höchsten Grad erreicht zu haben --
die vorngelagerte Jugend hatte sich dicht zusammengedrängt, und schaute mit
unheimlichem Grausen auf das teuflische Treiben hin, was sich vielleicht
zum ersten Mal vor ihren Blicken erschloß.
»Sechse!« brüllte Caspar, und jetzt flog auf einmal ein ganzer Klumpen
flammenden Werges schnurgerade auf ihn zu, so daß er, ohne dadurch im
Mindesten aus der Rolle zu fallen, aufsprang, gotteslästerlich und recht
für den Platz passend an zu fluchen fing, und in die Coulisse hinein
drohte. Derselbe dunkle, schon früher erwähnte Gegenstand kam dabei zurück,
wieder brannten mehrere Schwärmer ab, im Hintergrund, doch unsichtbar,
ahmten verschiedene hohe und tiefe Stimmen eine Anzahl von Haus- und wilden
Thieren nach, und Caspar stöhnte:
»Wehe das wilde Heer!«
Diese Ankündigung und der Lärm war jedoch Alles, was man von der Existenz
desselben erfuhr, denn nach dem Verplatzen der Schwärmer hatte sich eine
solche ägyptische Finsterniß auf der Bühne gelagert, daß man von den
kleinen Pappfiguren, die in diesem Augenblick aller Wahrscheinlichkeit nach
über die Scene gezogen wurden, auch nicht die Spur erkennen konnte.
»Sieben!« rief Caspar -- in der Dunkelheit umhertappend -- und jetzt kam
der Schlußeffekt des Ganzen. Der unbekannte Feuerwerker, der auf diesen
Moment sicherlich schon sehnsüchtig gewartet hatte, schüttete plötzlich in
boshafter Schadenfreude einen förmlichen Sprühregen lodernder Wergkugeln
über den unglücklichen Jägerburschen aus -- Max fiel auf die Pflastersteine
-- Agathe hob das heruntergefallene Licht wieder auf, und steckte es hinter
die Eule, Samiel trat mit _einem_ großen Schritt auf die Mitte der Bühne,
und entzündete hier mit gewandter Hand den Drehschwärmer, der sein
Feuer rücksichtslos umhersprühte, die unbekannten Thierstimmen mit
Peitschenknallseinsollendem Indiehändeschlagen wurden wieder hörbar und
unter dem donnernden Jubelruf der Menge fiel der Vorhang.
Auf der Bühne schienen aber trotzdem die Spielenden ihre Rollen noch nicht
beendet zu haben, denn kaum war mit dem Fallen der bunten Leinwand dem
Publicum der Anblick sämmtlicher Schrecknisse entzogen, als auf der rechten
Seite die Wald-Vorhänge zurückgerissen wurden, und mit Blitzesschnelle das
kleine dürre Männchen hervorglitt, das Wehrig früher schon als Feuerwerker
aufgefallen war. Seine Eile erschien übrigens vollkommen gerechtfertigt,
denn dicht hinter ihm, und als er eben mit unbeschreiblicher Gewandtheit
zwischen den Füßen der noch immer der Bühne Zugedrängten, verschwunden
war, fuhr ein fürchterlich bemaltes roth erhitztes Gesicht, zum Entsetzen
einiger friedlichen postirten Dienstmädchen, aus der Walddecoration hervor,
und die funkelnden, rachesprühenden Augen sprachen ganze Bände. Caspar
durfte sich aber jetzt unmöglich schon wieder unter dem Publicum zeigen, es
hätte die schöne Illusion zu sehr zerstört -- einen bittern Fluch also nur
dem nachschickend, der ihn -- überdieß, schon von dem Höllenfürst bedrängt
-- so schwer geärgert hatte, zog er den Kopf wieder zurück und das
»Blättermeer« schloß sich über ihm.
So schnell die Erscheinung jedoch auch wieder verschwunden sein mochte, so
war sie doch nicht unbeachtet vorübergegangen, und von Mund zu Mund lief
der Ruf --
»Du -- hast 'en gesehn? das war der Caspar!«
»Herrliches Jagdwetter heute!« wer kennt nicht den Anfang des letzten Aktes
-- die Jäger traten auf. Waren aber die Spielenden schon im ersten Akt
über das confus gewesen, was ein Jeder zu sagen hatte, so nahm dies jetzt
wirklich auf eine an das Wunderbare grenzende Weise überhand, und Keiner
wußte mehr, mit welchem von ihnen der Souffleur sprach.
So hatte, zum Beispiel, in der Scene zwischen Max und Caspar, jener diesen
um seine letzte Freikugel gebeten, Agathe soufflirte aber nun schon
zum fünften Mal, und zwar mit lauterer Stimme: »Schuft!« aus der ersten
Coulisse heraus, und Max that noch immer nicht, als ob ihn die Rede
überhaupt etwas anginge, so daß dadurch Caspar verleitet wurde, den
Kameraden so gröblich zu beleidigen und dieser nun zornig abging.
»Chor singen -- Chor singen!« schallte es jetzt wieder und zwar ziemlich
dringend, aus dem Publicum heraus -- »Chor singen!« tönte es von allen
Seiten wieder, »Jungfernkranz singen -- Jägervergnügen singen! -- auf dem
Zettel steht _Chor_ -- _Chor_!« rief und schrie es durcheinander.
»Bin doch neugierig,« sagte Osfeld, »wie sie da drinnen den Chor zu Stande
bringen werden -- komm, wir wollen einmal zusehen, vielleicht können wir
helfen!«
»Mir recht,« lachte Wehrig, »es ist überdieß nicht gut, daß der Baß sonst
gewöhnlich beim Jungfernkranz fehlt.«
Sie standen auf, und erreichten, nach unzähligem »Bitte um Entschuldigung's
und Haben Sie die Güte's« den Eingang zur Bühne, auf der aber indessen eine
wesentliche Veränderung vorgegangen, und alles Teuflische -- nur Samiel
ausgenommen -- verschwunden war. Selbst die Eule lehnte, mit dem Kopf nach
unten, in der Ecke, und das Hackebrett paradirte jetzt frei und offen auf
einem schmalen Tisch, vor welchem Magnus im Anzug des Fürsten Ottokar, mit
wehenden Barrettfedern stand, und in jeder Hand einen der Klöppel schwang,
mit welchen das Instrument gespielt werden sollte.
Der Vorhang war indessen wieder aufgezogen und der Tumult hatte sich
beruhigt -- Aennchen erzählte ihre Kettenhundgeschichte, und nun traten
die Brautjungfern herein. Da aber -- ehe noch ein frevelnder Mund das Wort
»Chor« aufs Neue aussprechen konnte, quollen die sanften Töne, von wirklich
geübter Hand hervorgelockt, aus den langgespannten Stahlsaiten, und Magnus
präludirte den »Jungfernkranz« (der soll nie sagen, daß er ein Deutscher
sei, der _das_ Lied nicht kennt) während die hinter den Coulissen
Stehenden, als: Caspar, Samiel, Max, der »Eramit« wie er genannt wurde, und
selbst Osfeld und Wehrig in Baß und Tenor mit einfielen zu dem, was Agathe
und Aennchen vorn _auf_ und etwa ein halbes Dutzend Freiwilliger, indessen
_vor_ der Bühne sang. Zur Unterstützung piepten noch, aber nur leise und
schüchtern, einige dünne Kinderstimmen mit ein, in den feierlichen Chor,
und Fürst Ottokar fuhr jetzt, mit kühner Hand in die Variationen des Liedes
eingehend, schnell und sicher über die Saiten hin.
Da schwieg der Chor plötzlich -- die Todtenkrone hatte sich gefunden -- die
Brautjungfern standen entsetzt -- aber das Hackebrett schwieg nicht -- wild
rauschten die Töne -- »veilchenblaue Seide« -- die Droschkenfahnfarbenen
Barettfedern schwankten über dem Instrumente, die immer größere Aufregung
des Spielenden bekundend. Vergebens that der »Eramit« Einspruch --
vergebens nahm sich selbst Samiel der Sache an -- Ottokars Seele lag in
den Saiten, und erst, als schon Alle abgegangen waren, als die Stube wieder
heruntergefallen, als Caspar, Max und Kuno aufgetreten, ja erst dann, als
man nach dem Fürsten rief -- verstummte der »Jungfernkranz« --
Ottokar sprang empor und war in dem einen Moment wieder ganz der Fürst. Mit
stolzen Schritten trat er vor, sah sich im Kreise um -- hob die Hand, und
stimmte im nächsten Augenblick mit starker, wenn auch etwas heiserer Stimme
das »Jägerlied« an.
Hierin aber war Publicum zu Hause -- von allen Seiten her fielen sie,
freilich in gar sehr verschiedenen Tonarten, ein, und ein solcher Sturm
bewegte plötzlich den kleinen Raum, daß ein friedlicher Polizeidiener,
der bis dahin -- incognito -- in dem benachbarten Schenkzimmer neben einem
Glase Bier geschlafen hatte, plötzlich, völlig munter geworden, aufsprang
und dem Schauplatz zueilte, da er -- wie er später äußerte -- geglaubt
hatte, »es keilten sich welche.«
Bis zu diesem Lied nun, war noch Alles so ziemlich in seinem ruhigen Gleis
fortgegangen; bis hierher schien doch Jeder wenigstens eine Ahnung von dem
gehabt zu haben, was in seiner Rolle stehe; von nun an aber entstand eine
Verwirrung, wie sie wohl noch selten dagewesen. Kein Mensch wußte mehr
was er zu sagen hatte und welches sein Stichwort sei. -- Jeder sprach die
verkehrten Sätze, und Agathe, die hinter der Coulisse vor soufflirte,
mußte sich, nach einem Ausdrucke des »Eramiten« die »Seele aus dem Halse
schrein.«
Zu diesem kam nun noch, daß der Director selbst die ganz besondere
Eigenheit hatte, nie dieselben _Worte_, sondern immer nur den _Sinn_ dessen
wiederzugeben, was ihm soufflirt wurde. Geschah das nun aus Stolz, oder aus
dem Bewußtsein innerer Ueberlegenheit -- wer konnte es ergründen; nur würde
es Jeden zur Verzweiflung gebracht haben, der auf ein richtiges Stichwort,
von seiner Seite gewartet hätte.
~»Wo ist die Braut? ich habe so viel zu ihrem Lobe gehört, daß ich auf
ihre Bekanntschaft recht neugierig bin!«~ flüsterte die Souffleuse nun zum
dritten Mal.
»Wo steckt aber denn nur die Braut!« sagte Fürst Ottokar, sich überall
umsehend -- »ich bin recht neugierig geworden, ihre werthe Bekanntschaft zu
machen.«
~»Ich habe so viel zu ihrem Lobe gehört!«~ keuchte der Souffleur.
»Soll ein recht gutes Mädchen sein,« sagte der Fürst.
~»Nach dem Beispiel Euerer erlauchten Ahnen, war't Ihr immer sehr huldreich
gegen mich und mein Haus,«~ rief der Souffleur wieder; Kuno aber, der wohl
fühlte, daß er in diesem Augenblick etwas zu sagen hatte, obgleich er
kein Wort von dem verstand, was Agathe -- die bis dahin ebenfalls ziemlich
heiser geworden war -- auf der andern Seite ablas, faßte sich ein Herz,
trat einen Schritt vor, und begann:
»_Dorchlauchigster!_«
~»Nach dem Beispiel Eurer erlauchten Ahnen war't Ihr immer sehr huldreich
gegen mich und mein Haus!«~
»Dorchlauchigster,« wiederholte Kuno -- der die letzten Worte verstanden
hatte -- »was mich und mein Haus betrifft« -- -- er stak fest -- keine zehn
Pferde Kraft hätte ihn wieder losgerissen. Da nahm Caspar das Gespräch auf,
und dankte dem Fürsten für die Huld, die er »seinem Haus und ihm« stets
bewiesen habe.
Max mußte nun laden, und Agathe flüsterte, über das Buch hinwegsehend:
~»Caspar hat vielleicht noch seine letzte Freikugel -- er könnte wohl gar
-- noch einmal und nimmer wieder. --«~
Alles schwieg.
~»Caspar hat vielleicht noch seine letzte Freikugel -- er könnte wohl gar
-- noch einmal und nimmer wieder«~ -- sagte die Souffleuse, dringender als
vorher.
Niemand regte sich -- da trat Fürst Ottokar, der doch wohl nicht so ganz
sicher war, ob das vielleicht in seiner eigenen Rolle stehe, vor, streckte
die rechte Hand aus und sprach:
»Nun so schieß -- dieß eene Mal noch, aber nie wieder.«
Max schoß wirklich -- die Büchse ging glücklich los, und Caspar, der
sich indessen schnell hinter ein im Hintergrund vorgehaltenes Stück Wald
gestellt hatte, stürzte von seiner Höhe herunter und wand sich auf der
Erde.
Nun aber nahm es die Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit der Schauspieler
im höchsten Grade in Anspruch, die folgende Scene zu spielen, und doch
in gleicher Zeit zu nicht mehr als der gesetzlichen Zahl, zu _vieren_,
zusammen auf dem Theater zu stehn. Agathe übergab also schnell dem Aennchen
ihr Soufflirbuch, rief: »schieß nicht Max -- ich bin die Taube« und fiel in
Ohnmacht, Kuno aber und der Fürst traten in die Coulisse, und während Max
neben Agathen kniete, erschien Samiel hinter seinem Opfer. Unsichtbarer
Weise rief dabei Kuno:
»Schaut, o schaut,
Er traf die Braut,
Der Jäger stürzte vom Baum,
Wir wagens kaum
Nur hinzuschau'n,
O furchtbares Schicksal, o Graun!«
Caspar wand sich indeß in fürchterlichen Zuckungen auf der Erde und stieß
seine gotteslästerlichen Reden aus, während Samiel einige, mit diesen
harmonirende Bewegungen machte, als ob er im Begriff sei, jenem die Seele,
wie einen Bandwurm, aus dem Leibe zu ziehen.
»Dem Himmel Fluch -- Fluch Dir!« schrie der zum Tode verwundete Jäger.
~»Das war sein Gebet im Sterben,«~ flüsterte der Souffleur.
Keiner achtete darauf -- Max beschäftigte sich mit Agathen -- die Uebrigen
waren nicht da -- so erbarmte sich denn Samiel -- that einen letzten Ruck
-- als ob ihm die Seele abgerissen wäre und sprach mit dumpfer Stimme:
»Das war sein Gebet im Sterben!« -- dann erfaßte er den Körper des Caspar,
schleppte ihn der Coulisse zu und wollte ihn eben hineinschleudern; der war
ihm aber entweder zu schwer geworden, oder er hatte vielleicht aus versehen
auf den Jagdrock getreten, kurz er kam ins Stolpern, ließ jenen, noch halb
auf dem Theater fallen, und schoß, über sein Opfer hinweg, in die Coulisse,
und -- wahrscheinlich in den Abgrund der Hölle hinein; wobei er sich aber
das Uebriggebliebene augenblicklich nachkommen ließ.
Nach Abgang dieser Beiden trat auch der Fürst mit Aennchen wieder heraus --
Agathe erholte sich und Max gestand nun sein Verbrechen. Hierauf folgte
die Ausweisung, und in diesem Augenblick, während Aennchen wieder in die
Coulisse verschwand, erschien der »Eramit.«
Sein Auftreten war feierlich -- der Fürst, Max und Agathe knieten vor ihm
nieder -- segnend breitete er seine Hände über sie aus -- tiefes
Schweigen herrschte im Saal -- die vorn gelagerte Jugend lauschte in der
gespanntesten Erwartung. Da drohte plötzlich eine, aus dem Nebenzimmer
kommende, höchst profane Stimme den ganzen schönen Zauber zu zerstören.
»Glöckner!« rief es.
»Ja!« antwortete ein tiefer Baß aus der Mitte des Publicums.
»Spielst' en Schaafskopp mit?«
»Ne -- jetzt noch niche -- aber gleich« -- entgegnete Glöckner. Doch
Niemand lachte. »Ruhe!« rief der kleine dicke Fischer, und sah sich
ärgerlich um, und »Ruhe!« »Pst! pst!« tönte es von allen Seiten. Die Ruhe
war augenblicklich wieder hergestellt -- und der Fürst wurde nun versöhnt
-- Max bekam ein Jahr Urlaub, und jetzt plötzlich fuhr eine lange Hand
links aus der Coulisse heraus und schüttete etwas auf die Erde -- in der
nächsten Secunde folgte dem Vorangegangenen ein brennendes Schwefelholz,
und mit den Schlußworten