welche Art, nach Canada entkommen; das ist aber ein neuer Beweis, wie
wir den Engländern so bald als möglich ein Land abnehmen müssen, das uns
erstlich, nach der ganzen Natur der Sache, angehört, und durch das die
Bürger der Vereinigten Staaten schon so unendlichen Schaden erlitten
haben.«
»Aber was steht in dem Brief?« frug Sally neugierig.
»Der ist »kurz und süß,« wie die Yankees sagen,« brummte der
Friedensrichter, »noch dazu von einem verwünschten Nigger selbst
geschrieben, der sich einen »freien canadiensischen Bürger« nennt und mich
-- wenn ich die Canaille nur hier hätte! -- herzlich grüßen läßt.«
»Nun, das ist doch freundschaftlich,« lachte Hennigs.
»Freundschaftlich? der schwarze Lump nennt mich sogar sein »liebstes,
bestes Pittchen« und bittet mich, ich möchte ihn, wenn ich einmal nach
Toronto käme, doch auf jeden Fall besuchen.«
»Aber Ben? was schreibt Ihnen denn Ben, bester Mr. Pitt!« bat Sally.
»Ih nun, daß er an dem Abend meinem Pferd im Walde begegnet und überzeugt
gewesen sei, ich würde mir ein Vergnügen daraus machen, es ihm auf wenige
Wochen zu überlassen, -- der Schuft! -- er kenne mein gutes Herz, sagt er,
und wünsche mir nur die Verwirklichung des Segens, den die Neger meiner
Nachbarschaft schon seit Jahren auf mich herabgefleht hätten; als ob ich
nicht wüßte, daß mich die schwarzen Hallunken alle wie die Pest hassen.«
»Und das Pferd?«
»Hat er, Gott weiß durch welche Gelegenheit, nach St. Louis gesandt;
es wundert mich übrigens doch, daß ein Nigger ein gestohlenes Pferd
zurückschickt.«
»Und sollte es unter den Negern nicht auch brave, ehrliche Leute geben?«
frug Mrs. Draper vorwurfsvoll.
»Hm, ja, Madame, mögen da nicht ganz unrecht haben,« sagte der kleine
Friedensrichter und machte sich fertig, nach Hause zurückzukehren: »das
eine Beispiel spricht wenigstens dafür; doch, ich weiß nicht, es ärgert
mich auch wieder, daß uns der schwarze Schuft so zum Narren gehabt hat.
Nun, ich will jetzt einmal zu Wallis hinüber und den von der glücklichen
Flucht seines Sclaven in Kenntniß setzen. Wird sich auch unmenschlich
darüber freuen, ist ein reiner Verlust für ihn von achthundert Dollar.«
Der kleine Friedensrichter bestieg seinen schönen Goldfuchs, den er von
diesem Augenblick an Ben nannte, und ritt zum »Squire Wallis« ins nächste
County, -- den aber sollte er nicht mehr unter den Lebenden antreffen.
Ein von ihm mißhandelter Mulatte hatte in Rache und Wuth eine Spitzhacke
ergriffen und diese seinem Master in die Schulter gehauen; eine Stunde
später war er todt. Der Mulatte floh nun zwar nach der That dem Missouri
zu und wollte diesen durchschwimmen, konnte aber der reißenden Strömung
desselben nicht widerstehen, und sank in demselben Augenblick unter, als
seine Verfolger das Ufer erreicht hatten und eben noch sahen, wie sich die
Fluth über ihm schloß.
Das Alles schien übrigens einen höchst wohlthätigen Einfluß auf den Richter
Pitt ausgeübt zu haben, er behandelte von da an seine Neger viel besser und
freundlicher, und es soll in neuerer Zeit keinem mehr eingefallen sein, ihn
den »Negerfresser« zu nennen.
Der Freischütz.
Scene aus dem Dresdner Leben.
_Heute, Montag den 26. Februar in Kurfürstens Hof »der Freischütz.«
Schauspiel mit Chören, in vier Aufzügen. Um gütigen Besuch bittet_
#Johann Magnus#.
»Wo ist denn »Kurfürstens Hof?« frug ein junger Mann in schwarzer
Sammtmütze und blauer Pekesche den vorbeistürmenden Kellner, als er eben
den oben angeführten Satz seinem, mit ihm an ein und demselben Tisch
sitzenden Freunde vorgelesen hatte.
»Elbberg,« rief der Schooßlose und drängte sich, die ganze Hand voll
Bierkrüge, wobei er an jedem Finger wenigstens drei zu tragen schien, durch
ein eben eintretendes Rudel neuer Gäste, die früher erhaltenen Aufträge zu
erfüllen. Weitere Aufklärung war augenscheinlich von diesem hochfrisirten
Ganymed nicht mehr zu erlangen; vom nächsten Tisch aber bog sich sehr
artig ein alter Herr in schneeweißen Haaren und grüner Brille herüber und
erwiederte auf die, wenn auch nicht an ihn gerichtete Frage:
»Unten, nicht weit von der Elbe, auf dem sogenannten Elbberg, dort kann
Ihnen jedes Kind das verlangte Haus zeigen.«
Der junge Mann dankte und wandte sich wieder an seinen Gefährten, der
indessen ebenfalls das Blatt genommen und die kurze Anzeige gelesen hatte.
»Da müssen wir auf jeden Fall hin, Osfeld; es wird auch die höchste Zeit
sein, denn es hat schon acht geschlagen.«
»Wir kommen noch früh genug,« meinte Osfeld, »ich bin schon mehrere Male
bei Magnus gewesen; er beginnt selten vor halb neun Uhr.«
»Und wie ist's mit der Toilette? wird da nicht ein alter Rock und eine
etwas vom Wetter mitgenommene Mütze nothwendig sein? -- ich bekomme nicht
gern Schläge.«
»Unsinn,« lachte Osfeld -- »so schlimm ist's nicht, wir finden dort ganz
nette Leute; höchstens werden die, welche bei ernsthaften Scenen zu viel
lachen, oder sich sonst unnütz machen, hinausbefördert.«
»Also ein einfaches Ausweisungsprincip für mißliebige Personen,« sagte der
Erste, den wir Wehrig nennen wollen -- »dagegen läßt sich Nichts thun, denn
das ist ein Erbfehler, dem wir armen Menschenkinder nun einmal unterworfen
sind; schon Adam mußte sich das gefallen lassen.«
»Das soll aber auch mit Adam noch eine ganz andere Bewandtniß gehabt
haben,« meinte Osfeld, während er seinen Hut vom Nagel nahm und den Rock
zuknöpfte. »Adam hat, wie sich jetzt ziemlich deutlich herausstellt, auch
wissen wollen, _weßhalb_ er nicht von dem Baume der Erkenntniß essen
solle, und eine solche Neugierde läßt sich ja bei uns nicht einmal ein
Bürgermeister gefallen. Hier ist übrigens keine Gefahr -- ich kenne die
Leute recht gut.«
»Dann weißt Du also auch wo Kurfürstens Hof ist?«
»Nein, das nicht; Magnus spielt jeden Abend der Woche in einem anderen
Wirthshaus, und Garderobe wie Scenerie wird auf einem kleinen Handkarren
von Ort zu Ort mitgeführt. Er bekommt dadurch stets ein frisches Publicum,
und kann nun ein und dasselbe Stück sechs bis siebenmal hinter einander
aufführen; die Schauspieler lernen dann auch gegen Ende der Woche ihre
Rollen ausgezeichnet.«
»Wie aber macht er es mit der Maschinerie, den Versenkungen etc.?«
»Oh, die letzteren besonders sind sehr einfach. Steht der Geist oder
Zauberer, der versinken soll, aufrecht auf der Bühne, so wird die Täuschung
dadurch erzweckt, daß er sich schnell bückt und man ihm zu gleicher Zeit
aus der nächsten Coulisse heraus ein dunkles Tuch überwirft -- stürzt er
aber vorher, und soll er als Leiche verschwinden, so muß er nur mit den
Füßen dicht an oder hinter eine Coulisse zu liegen kommen, dann entzieht
ihn ein kräftiger Ruck dem Gesichtskreis der Zuschauer, was auch, da die
Garderobe für jeden Abend _geborgt_ wird, mit keinem Nachtheil für den
Director selbst verbunden ist.«
»Also gar keine Maschinerie -- o weh Wolfsschlucht; doch was thut's, auf
jeden Fall sehen wir's uns an.« Und die Freunde traten hinaus in die
kalte Nachtluft, die ihnen den gefrornen Thau in feinen scharfen Flocken
entgegenschleuderte.
Die Promenade war menschenleer und keine Seele begegnete ihnen durch die
ganze kegelbahnartig angelegte Allee bis zur Amalienstraße und von da hinab
bis zum nahen Ufer der Elbe, so daß die späten Wanderer (es hatte eben halb
neun geschlagen) schon in eine noch erleuchtete Materialhandlung eintreten
wollten, um sich dort nach dem Ziel ihres Marsches, dem Schauplatz der
heutigen Aufführung zu erkundigen, als ein altes Mütterchen, mit einer
grünen Glasflasche in der einen, und einem eingewickelten Häring in der
andern Hand, aus derselben Thüre kam, und an ihnen vorbei, die Straße
hinaufgehen wollte.
»Möchten Sie wohl die Güte haben, uns zu sagen wo hier _Kurfürstens Hof_
ist?« redete sie jetzt Osfeld ganz artig an.
Die Alte blieb stehen, sah sich den Fragenden von oben bis unten sehr genau
an, warf dann den Kopf zurück und rief mit scharfen gellenden Tönen: »Na ja
-- _Ihr_ wärdt' wohl Kurfirschtens nich wissen« -- und setzte murrend ihren
Weg fort.
Osfeld und Wehrig lachten laut auf, jene aber, dadurch noch mehr in dem
Wahn bestärkt, daß man sie hatte wollen zum Besten haben, wandte sich um,
schimpfte und -- sie war ja eine Deutsche -- drohte mit der Polizei.
Mehrere Fischerleute kamen jetzt die Straße herauf und verschwanden in
einer nicht mehr weit entfernten Thür, aus welcher, als sie geöffnet wurde,
ein heller Strahl auf das Pflaster fiel. Nicht mit Unrecht schlossen die
beiden Freunde, daß dies vielleicht der berühmte Platz wäre, den _nicht_ zu
kennen hier für unmöglich, oder doch wenigstens unwahrscheinlich gehalten
wurde, und siehe da, sie hatten sich nicht getäuscht. Eine schmale
Treppe führte zu dem Saal hinauf, an dessen Thüre, mit etwas Mehlkleister
befestigt, ein Theaterzettel im Manuscripte hing, neben welchem eine
kurzgebaute, etwas breithüftige Frau saß, die sich vor einem kleinen
Tischchen, das außer dem dünnen Talglicht und der kleinen blechernen Büchse
auch noch zwei Pakete sehr abgegriffener Billete trug, als »der Kassirer«
auswies.
War es nun eine, in dem bewegten Theaterleben erlangte Menschenkenntniß
oder blos das Auftreten zweier anständigen Tuchröcke, kurz die Frau griff
fast instinktartig nach den Billeten für den »_ersten Blatz_« und um 2½
Neugroschen =à= Person, traten sie schweigend ein in Thalias Tempel.
Ein großer Saal, von dem die Bühne etwa ein Drittheil einnehmen mochte,
enthielt das Theater, und ein ziemlich viereckiger Vorhang mit gar
wundersamer Malerei, verhüllte die Mitte, während zwei schmale Streifen
Wald (die Bäume horizontal ausgespannt, um den leeren Zwischenraum
vollkommen zu verdecken) die Zuschauer von einem Versuch zurückschrecken
sollten, das Innere des Heiligthums zu erforschen. Nichts destoweniger
hatte sich ein »Stück jungen Deutschlands« an die dortige Wand gedrängt,
und dem kühnen Forschergeist der hoffnungsvollen Jugend gelang es auch
wirklich, dann und wann einen flüchtigen Blick auf ein geschminktes Antlitz
oder einen gewaltigen Federbusch werfen zu können, was dann augenblicklich
durch ein freundliches telegraphenartiges Grinsen den Kameraden mitgetheilt
wurde.
Vor dem Vorhang staken, auf schwarzen Blechprofitchen, fünf schwindsüchtige
Talglichter, und zwischen diesen und den, in doppelter Reihe aufgestellten
Rohrstühlen des »ersten Blatzes« lagerte, in malerischer Unordnung, die
frohe, jubelnde Schaar der Schulkinder, beiderlei Geschlechts, die hier --
für einen Sechser Entrée und der übernommenen Pflicht, das Ausblasen und
Wiederanstecken der Lichter zu besorgen, je nachdem es dunkel oder hell
werden mußte -- theils lachend und schreiend, theils sehnsüchtig und mit
einem gewissen ehrfurchtsvollen Schauer, den Anfang des Stückes erwarteten.
Die Zuschauer hatten sich ungewöhnlich zahlreich versammelt, und selbst
die Gallerie (ein aus mehreren mit Brettern überlegtes Gestell von
nebeneinandergesetzten sogenannten Böcken bestehend,) war so besetzt, daß
Einzelne, die durch beharrliches Ausdauern die erste Reihe gewonnen hatten,
von ihrem, etwa zwei Fuß hohen und etwas gefährlichen Stand, herunter
gedrängt wurden, und nun, unter dem Hohnlachen der jedes Mitgefühls
unfähigen Menge, ein anderweitiges Unterkommen suchen mußten, um auf den
Zehen und mit vergebens ausgestreckten Hälsen die Aufführung zu genießen.
Nur mit großer Mühe und zu noch größerer Unbequemlichkeit der schon
Sitzenden, wurde, durch Zusammenrücken, den Letztgekommenen Platz gemacht.
Diese dann, der vordersten Stuhlreihe einverleibt, sahen sich plötzlich
inmitten der festzusammengekeilten Menge, wobei ihnen jedoch, während
ihre Kniee der vor ihnen lagernden »lieben Jugend« zu eben so vielen
Rückenkissen dienten, vollkommene Zeit blieb, die verschiedenen Gruppen der
übrigen Zuschauer genau zu betrachten.
Die arbeitende Klasse war am stärksten vertreten, und hübsche
Dienstmädchen, wie kräftige Handwerker und Fischer, füllten fast den ganzen
Raum aus; auf den »Sperrsitzen« saßen aber auch eine ziemliche Anzahl
»nobel gekleideter« Gäste, und unter den letzteren fielen besonders zwei
wohlfrisirte und beglacéehandschuhte Jünglinge -- augenscheinlich aus
einer der ersten Materialwaarenhandlungen der Residenz -- in die
Augen, wenigstens hafteten die Blicke der Jugend, so lange noch deren
Aufmerksamkeit nicht der Bühne zugelenkt wurde, fast ausschließlich auf
ihnen, wie sie, nachlässig auf ihren Stühlen zurückgelehnt, mit sehr
schwarzen Hüten, peinlich blauen Halstüchern, großen Ringen an den rothen
Fingern und mächtigen goldenen Halsketten, allerdings etwas auffallend
gegen ihre einfache Umgebung abstachen. Neben diese, nur eine Reihe weiter
vor, kamen die beiden Freunde zu sitzen, und hörten, wie der ihnen Nächste
zu dem Anderen sagte, während er das kleine schwanke spanische Rohr mit dem
maigrünen Glacéehandschuh an die Lippen hob:
»Eugene -- die Sache fängt an unangenehm zu werden -- es ist hier eine
abominable Atmosphäre.«
»Auf Ehre,« erwiederte ihm, als wirkliches Spiegelbild, Eugene -- »ich
wollte wir wären in's Café gegangen; es sind doch hier gar zu viele« --
er beendete die Rede flüsternd, da er wahrscheinlich von den hinter ihm
Befindlichen mißverstanden zu werden fürchtete.
Das übrige, größere Publicum theilte übrigens, wenn gleich aus einem
anderen Grunde, ihre Ungeduld, es ging nämlich stark auf neun, und trotzdem
wurden immer noch keine Anstalten sichtbar, daß die Vorstellung wirklich
beginnen sollte. Man trommelte, tobte und schrie also so lange, bis sich
Herr Magnus endlich genöthigt sah vorzutreten, um den Lärmenden anzuzeigen,
daß »die -- Garderobe noch fehle, in wenigen Minuten aber auf jeden Fall
erscheinen müsse.«
»Ich habe keenen Hausschlüssel mit!« schrie eine sehr feine Stimme aus der
Mitte des Publicums heraus.
»Ich ooch niche!« erwiederte eine andere, vom entgegengesetzten Ende des
Saales -- »und bei mir machen se punkt zehne die Bude zu.«
»Sie können ja immer anfangen,« schlug ein Bäckergesell vor -- »wenn de
Garderobe nachen kimmt, werfen Sie die paar Lumpen schnell iber.«
Noch mehrere solche gutgemeinte Rathschläge wurden laut, und der Director
war eben wieder achselzuckend und seitwärts in den linken Baumwipfel
verschwunden, als der rettende Engel, in Gestalt eines vierschrötigen
Hausknechts, erschien, der in einem mächtigen Tragkorb die so heiß
ersehnten Costüme herbeischaffte. _Mit_ der Garderobe kam denn auch ein
regeres Leben _in_ die Garderobe, und kaum eine Viertelstunde später tönte
die helle Klingel -- Alles schwieg und -- auf rollte der Vorhang.
Krach!
»Ach Herr Jeses!« schrieen eine Menge Frauenstimmen, als der Schuß --
so fast mitten unter ihnen -- fiel; bald war aber jeder etwa empfundene
Schreck über das imposante Schauspiel vergessen, das sich jetzt, im eng
zusammengedrängten Raum ihren Blicken bot.
Rechts am Tische saß Max, in grüner Jagdkleidung, der Scheibenkönig,
dem zwei[7] Bauern in langer Reihe folgten, trat auf, und verhöhnte den
unglücklich gewesenen Jäger.
[7]: Auf Magnus Theater dürfen, wie bei jener Kaffeegesellschaft, nur
immer viere auf einmal reden -- d. h. es ist ihm untersagt, mehr als
vier Personen zu gleicher Zeit auf die Bühne zu bringen.
Die Scenerie war _Wald_ -- und zwar der Hintergrund aus hellbraunen
in ungeheuerer Perspective immer kürzer und kürzer werdenden Stämmen
bestehend, die jedoch, wunderbarer Weise, ihre natürliche Dicke
beizubehalten schienen. Rechts befanden sich ebenfalls zwei Waldcoulissen,
links aber und ganz vorn, stand ein vierstöckiges, wunderbar gelbes Haus,
an welchem wiederum ein in der dritten Etage ausgeschobenes -- zwei Etagen
langes Schild mit einem halbgefüllten Bierglas darauf, verkündete, daß
diese Waldwohnung ein Wirthshaus sei.
Die nächsten Scenen gingen ziemlich ruhig und ohne irgend etwas
Auffallendes vorüber -- Max schlug sich mit zwei Bauern herum, der
Erbförster kam dazu, erzählte seine alte Geschichte, und wurde, als auch
er die Scene verließ, von Caspar ersetzt, der jetzt, ohne die mindeste
vorherige Warnung, sein Trinklied: »Hier im ird'schen Jammerthal«
allerdings mit dem Originaltext, aber auch wirklich nach Original-Melodie,
anstimmte; dann schüttete er dem Max ein Viertel Pfund gestoßenen Zucker in
den Wein, während dieser am Tische saß, übrigens -- seiner Rolle getreu, da
er das nicht sehen durfte, -- den Kopf wegwandte, und nun kam die Scene, wo
der junge Schütze den Adler »aus hoher Luft« schießen sollte.
Eine wunderbare Veränderung war aber indessen, und zwar mit Zauberschnelle,
im Gemüthe des Max vorgegangen. Das Textbuch sagt nämlich:
»man merkt ihm von jetzt eine gewisse Heftigkeit an, einem leichten aber
bösen Rausche gleich.«
Nachdem er also, auf Caspars Veranlassung, den Fürst hatte leben lassen,
fing er plötzlich an zu taumeln, und zwar so stark, daß er sich fortwährend
an der einen Tischecke festhalten mußte.
Jetzt reichte ihm Caspar die Büchse, und Max frug mit schwerer, lallender
Zunge und halbgeschlossenen Augen:
»Was soll ich damit machen?«
Auf Caspars in die Höhedeuten, entdeckte er nun wirklich, wie er sagte, den
Adler, hob, fortwährend dabei beschäftigt sich im Gleichgewicht zu halten,
die Büchse an den Backen und -- drückte ab.
»Klapp!« -- das Zündhütchen versagte -- das Gewehr ging nicht los.
»Probier es noch einmal!« sagte Caspar mit merkwürdiger Geistesgegenwart.
Max setzte auch ein neues Zündhütchen auf, leider aber mit nicht besserem
Erfolg. Das Publicum war dabei so indiscret und lachte, als ob einem Jäger
das Gewehr nicht manchmal versagte. Caspar jedoch, im Charakter seiner
Rolle überhaupt ärgerlich -- setzte ein drittes mit eigener Hand auf, und
rief nun, als auch dieses kraft- und erfolglos blieb, mit unterdrückter,
aber trotzdem sehr deutlicher Stimme in die Coulisse hinein:
»Werft ihn hinaus!«
-- Niemand folgte dem Befehl --
»Werft ihn hinaus!« schrie er jetzt lauter und vernehmlicher.
»Wen?« frug die dünne Stimme aus dem Publicum.
Das Räthsel wurde jedoch gleich darauf gelöst, denn aus der Coulisse
stieg, sich etwas über den quervorgespannten Leinwandstreifen erhebend, ein
dunkler Gegenstand empor -- klappte oben an die Decke, und schlug dann, mit
schwerem Fall, vor dem entsetzten Max nieder. Leider war aber der Adler den
vorn brennenden Lichtern ein klein wenig zu nahe gekommen, denn die Kinder
vorne jubelten jetzt, halb in Freude, halb in Ueberraschung:
»Herr Jeses -- enne dote Hinne -- enne dote Hinne!« (Huhn.)
»Hören Sie einmal -- wenn Sie Nichts dagegen haben, so wär es mir lieb,
Sie nähmen Ihren Hut ein wenig ab,« sagte in diesem Augenblick ein
breitschulteriger, rothbäckiger Fischer, der dicht hinter einem der
vorerwähnten Jünglinge stand; »ich habe bis jetzt nur den Vogel und Ihren
Deckel gesehen.«
Seine Anrede wurde übrigens nicht gehört, oder nicht beachtet, denn mit
einem verächtlichen Emporwerfen der Oberlippe sog der, dem die freundliche
Ermahnung galt, nur um so eifriger an den elfenbeinernen Stockknopf, und
der Fischer, der wahrscheinlich nicht beabsichtigte sich den angenehmen
Abend durch Zank und Aerger zu verderben, arbeitete vor allen Dingen seine
beiden breiten Hände aus den Taschen der weiten Beinkleider heraus, und
begann nun, wobei er jedoch ziemlich hoch hinaufreichen mußte, mit den
Fingern eine noch nicht componirte Melodie auf dem Deckel des ihm die
Aussicht versperrenden schwarzen Seidenhutes zu trommeln.
Die Trommel wandte sich sogleich darauf sehr indignirt um, und ein paar Tod
und Verderben sprühende Augen blitzten darunter hervor; der Fischer aber
blieb, die Hände wie zu einer Pause erhoben, ruhig stehen, nickte
nur freundlich grinsend dem Entrüsteten zu, und fuhr, als jener sein
zorngeröthetes Antlitz wieder der Bühne zukehrte, höchst gemüthlich in
dem kurzabgebrochenen zweiten Theil des Liedes fort, so daß sich der junge
Dresdner endlich genöthigt sah den Hut aufs Knie zu nehmen.
Der erste Akt nahte so, ohne weitere Unterbrechung, seinem Ende, nur
flogen, als Caspar dem Max das Huhn unter die Augen hielt, und ihn frug,
ob er glaube, »daß ihm dieser Adler geschenkt sei« -- einige halbe Bretzeln
auf die Bühne, was einige der vorn gelagerten Knaben zu einem tollkühnen
Einfall in das Herz des Heiligthums bewog. Aennchen aber, die mit einer
Klemmbrille auf der Nase und dem Soufflirbuch in der Hand hinter der
Coulisse stand, trieb die Eindringlinge mit drohender Geberde schnell
zurück, konnte jedoch nicht verhindern, daß diese ihre Beute erst in
Sicherheit brachten, und auch noch, bei dem etwas übereilten Rückzug, ein
Talglicht mitnahmen, was indessen keine störenden Folgen weiter hatte,
da andere Knaben theils das umgestoßene Licht schnell wieder befestigten,
theils das sitzengebliebene Talg von den »Unaussprechlichen« des Frevlers
abkratzten.
Max aber lehnte -- alles Andere nicht beachtend, in tiefen Trübsinn
versenkt, mit der Schulter an der vierten Etage des Wirthshauses, und
schaute sinnend vor sich nieder, bis er endlich mit dem Stichwort zu
Caspars großer Arie -- die dieser freilich als zur Oper nicht unumgänglich
nöthig, wegließ -- abtaumelte, und der Vorhang fiel.
Rauschender Applaus folgte dem Aktschluß; dann aber, nachdem der
Höflichkeit Genüge geleistet, wurden einige sehr unzufriedene Stimmen laut,
und verlangten _Chor_ -- es stünde _Chor_ auf dem Zettel und sie wünschten
deshalb auch _Chor_. Durch sich selbst genährt wuchs der Tumult, und der
Director, der erst mit der Klingel den Lärm beschworen hatte, trat, diese
noch immer in der Hand, vor, und erklärte nun feierlichst, daß der Chor
allerdings gesungen würde, nur müßten sie ein klein wenig Geduld haben,
da jetzt erst die Wolfsschlucht käme, und diese allerdings _keinen_ Chor
vertrüge.
Stürmischer Applaus zeigte, wie einverstanden das Publicum mit der
Direction sei, und die Masse drängte sich jetzt dem »Büffet« zu, wo
verschiedenfarbige Liqueure, Lagerbier, Kaffee, Grog, Kuchen und Würste
nebst diesen verbrüderten Semmeln in reicher Auswahl zu haben waren.
Unsere beiden Freunde hatten, dem Beispiel der Uebrigen folgend, ihre Sitze
ebenfalls verlassen, als auf einmal ein ganz eigenthümliches Gedränge --
ein förmliches Wogen der Masse entstand, ohne daß irgend ein bestimmter
Zweck dieser plötzlichen, nach einem Punkt hin gerichteten Bewegung,
deutlich wurde; nur zur Thür strömte die Menge. Da erkannten sie
plötzlich in deren Mitte -- unglückliche Leidensgefährten -- die beiden,
blaubehalstuchten Jünglinge, die heftig gegen den, sie weiter und weiter
vorwärts drängenden Volksknäuel anzuprotestiren schienen. Wohin sie
jedoch auch zornig und wüthend blickten, begegneten ihnen nur freundlich
zunickende Gesichter, ein ungeheurer Humor hatte die Menschenwoge erfaßt,
und die zwei »Mißbeliebten« -- mit denen nur die, sich dicht um sie
her Befindenden vollkommen einverstanden schienen -- wurden trotz alles
Sträubens und Fluchens, fortwährend aber in der herzlichsten Art von der
Welt, ja von einem Theil des weiblichen Publicums sogar mit zugeworfenen
Kußhänden -- förmlich _hinausgefluthet_.
Osfeld, seiner Versicherung nach mit dem Director bekannt, versprach jetzt
dem Freund, ihn bei jenem einzuführen, und zog ihn, nachdem er ohne weitere
Umstände den einen quergezogenen Waldvorhang bei Seite geschoben hatte, in
das Innere des Heiligthums.