geworden?« sagte mit mitleidigem Tone das schöne Mädchen, und es war ihr in
diesem Augenblick, als ob sich eine Centnerlast von ihrer Brust wälze.
»O bewahre, bewahre,« erwiederte der galante Richter und benutzte
augenblicklich die nun freigewordenen Hände, sein Taschentuch hervorzuholen
und sich die tropfende Stirn damit abzutrocknen; »nicht mehr als gern
geschehen, das Feuer meint's übrigens gut -- blitzmäßig heiß. -- Wo bleiben
denn aber nur die Jäger? aha, können auch nicht durch die Baumwildniß vor
dem Haus, das geschieht ihnen recht, warum reiten sie nicht herum, bis sie
einen Eingang finden; habe mir auch meinen Weg suchen müssen.«
Draper stand indessen vor der Thüre seiner Wohnung und starrte in die
dunkle Nacht hinein, von drüben her schallten die Stimmen seiner Nachbarn,
die fluchend und lachend herüberschrieen, daß er ihnen den geheimen Pfad
zum warmen Heerde zeigen möchte, und hinter dem Hause raschelte es in
den Zweigen und er vernahm leises Flüstern. Schnell schritt er diesem zu.
Hennigs stand vor dem Neger, der seine Hand erfaßt hatte und sie trotz dem
Sträuben des jungen Mannes inbrünstig an die Lippen drückte. Der arme Knabe
konnte vor Schluchzen kaum reden und wollte sich immer wieder zu den Füßen
seines Retters niederwerfen.
»Unsinn,« sagte dieser und schob ihn von sich, »mach jetzt schnell, daß Du
fortkommst, sonst wird's zu spät; meine Adresse hast Du, das Pferd schickst
Du mir nach St. Louis zurück.«
»Euer Pferd?« frug Draper schnell.
»Er kann nicht anders fort!« flüsterte Jener. »Doch nun schnell, sonst
wird's beim ewigen Gott zu spät! Kannst Du reiten?«
»Den wildesten Hengst, der je einen Reiter abwarf,« lautete die Antwort.
»Desto besser, Du hast's vielleicht nöthig, aber -- schone mir das kleine
Thier, wenn's irgend geht; es ist ein so gutes Poney wie eins in den
Staaten und -- mein einziges; aber alle Teufel, da kommen die Reiter herum;
Pest und Gift, wir haben so lange gezögert, bis sie uns auf dem Kragen
sitzen. Was nun thun? Willst Du jetzt fort, so müssen sie Dir begegnen; der
einzige Ausweg hier ist kaum dreißig Schritte breit.«
Der Neger stand wenige Secunden lauschend still, doch das immer näher
kommende Galloppiren der Hufe ließ keinen Zweifel mehr übrig; was geschehen
sollte, mußte schnell geschehen, und mit kühnem Sprunge schwang sich der
Sohn Afrika's in den Sattel, winkte noch einmal mit der Hand und preßte die
Flanken des kleinen, ungeduldig stampfenden Poney's. Im nächsten Augenblick
überflog es einen vor ihm liegenden umgestürzten Futtertrog und wollte eben
in den schmalen Pfad einlenken, der von hier aus allein durch das Gewirr
von Aesten und Zweigen führte, als von dorther ein lauter Jubelruf drang
und gleich darauf ein in ein helles Jagdhemd gekleideter Reiter erschien.
»Hurrah! hier ist der Weg!« schrie dieser, »kommt an, Hilbert, im Hause ist
Licht und da vorn seh ich auch Gestalten, auf jeden Fall finden wir eine
trockene Stube und ein loderndes Feuer; wer zuerst am Kamin ist, bekommt
den besten Platz.«
Benjamin erkannte mit Entsetzen die Stimme seines Herrn, das Blut erstarrte
ihm in den Adern, doch hier galt es Entschlossenheit, das Leben stand auf
dem Spiele; mit Blitzesschnelle glitt er aus dem Sattel, warf sich den Zaum
über den Arm und schritt zurück, dem Hause wieder zu.
»Halt da!« schrie der voransprengende Wallis. »Hier, Bursche, hörst Du
nicht? nimm mein Pferd auch mit, reib es tüchtig ab und gieb ihm genug
Mais, die Thiere sind alle todtmüde; leg' aber auch die Sättel ins Haus!«
Und er schwang sich vom Rücken seines schnaubenden, schäumenden Rappen,
überließ den Zügel dem Schwarzen, ohne diesen weiter eines Blickes zu
würdigen, und eilte dann mit flüchtigen Sätzen der Thüre zu; denn der bis
jetzt drohendbedeckte Himmel fing an in großen Tropfen die Boten eines
nahenden Unwetters niederzusenden.
»Gerade zu rechter Zeit, wie abgemessen!« rief er, als er das schützende
Dach über sich sah. »Guten Abend, Ladies und Gentlemen, müssen tausendmal
um Entschuldigung bitten, es kommt aber eine ganze Jagdgesellschaft, die
Noth zwingt uns Ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen.«
Draußen sprengten die Reiter vor das Haus und hingen die Zäume ihrer Thiere
an einzelne Aeste und schwankende Zweige der umhergestreuten Bäume, während
sie vergebens nach dem Neger schrieen, die Pferde zu versorgen und zu
füttern.
»Gentlemen,« sagte Draper, der in diesem Augenblick in die Thüre trat und
seine Gäste bewillkommte; »Sie rufen nach einem Neger, ich muß aber sehr
bedauern, daß ich keinen habe, deßhalb soll jedoch Ihren Pferden nichts
abgehen, ich werde sie selbst besorgen.«
»Ich habe doch mein Thier eben einem Neger übergeben!« rief Wallis.
»Das war ich!« lachte Hennigs, der jetzt ebenfalls ins Trockene trat; »ich
merkte wohl, daß Ihr mich für einen Nigger hieltet.«
»O, bitte tausendmal um Vergebung, Sir,« sagte der Farmer, und trat, ihm
die Hand entgegenstreckend, auf ihn zu, »es fing gerade an zu regnen,
und ich sah gar nicht ordentlich zu, dachte wahrhaftig, es wäre so ein
schwarzer Hallunke gewesen. Seid übrigens froh, Draper, daß Ihr keinen
habt, nichts als Sorge und Noth mit den Bestien. Ah, guten Abend, Richter,
wie geht's? wohin? zur Betversammlung? das ist recht; es ist ein Glück
für das Land, wenn die, so mit der Polizei desselben beauftragt sind,
auch ihren Gott darüber nicht vergessen. Ein frommer Richter ist stets ein
gerechter Richter. Ich würde auch mitgehen, aber leider hält mich diesmal
die Verfolgung eines nichtsnutzigen Buben ab, den ich erst seiner gerechten
Strafe übergeben muß.«
Der Eintritt der Uebrigen unterbrach hier den Redner, und es war für den
Augenblick ein allgemeines Begrüßen, Entschuldigen, Einanderausweichen und
Stühlerücken, bis endlich, nach mancher Platzveränderung lebendiger, wie
lebloser Gegenstände, eine Anzahl von Personen in dem engen Raume nicht
allein untergebracht, sondern auch verhältnißmäßig bequem placirt war, von
der sich nur der einen richtigen Begriff machen kann, der einmal selbst in
einem solchen Haus gelebt hat und Zeuge gewesen ist, wie in einem Raum von
»zwanzig bei zwanzig,« das heißt: »zwanzig Fuß lang und zwanzig breit,«
zwei bis drei Familien mit einer unbestimmten Anzahl von Kindern im Stande
sind zu wohnen, kochen und zu schlafen.
Hennigs und Draper hingen sich nun, als sie das Innere des Hauses ein wenig
geordnet hatten, ihre alten wollenen Jagddecken über, und eilten schnell
hinaus, die Pferde der Jäger zuerst in einem gemeinsamen Trog zu füttern,
und sie dann, da von einem Stall oder Schuppen auch keine Spur in der Nähe
war, für die Nacht ihrem Schicksal zu überlassen.
Der Sturm zog indeß herauf, und rauschte und tobte in den alten,
weitgespreizten Wipfeln der mächtigen Bäume; von Süd und Westen kam er
zusammen, und schleuderte seine gewitterschwangeren Hülfstruppen, die
flüchtigen dunkeln Wolkenmassen, mit starken Fäusten gegen einander, daß
sie sich, grollend und tobend, mit den zuckenden Gluthlanzen die weiten,
giftgeschwollenen Bäuche durchstießen, und nun in tollen Schauern ihre
Ströme auf die Erde hinabflutheten. Die Thiere des Waldes suchten ihre
versteckten Lager, die Eule selbst barg sich in der sichern Höhlung,
und verschob den Raub auf eine günstigere Zeit. Nur der Wolf, der immer
gefräßige, zog mit seiner wilden Schaar lauernd und geräuschlos unter
den niederkrachenden Aesten hin, schnuppernd dabei die Nase erhoben, den
Schlupfwinkel irgend eines scheuen Wildes zu erspähen. Dann und wann aber,
wenn ein lauterer Schlag, als gewöhnlich, den Wald durchdröhnte, und das
Echo aus den fernen Bergen klagend und grollend antwortete, dann stellte
sich wohl der Führer des Rudels, hob den langen, spitzen Kopf zu den
jagenden, über ihn dahinstiebenden Wolken empor, und heulte seine klagende
Weise hinein in den Aufruhr der Elemente, daß sich der unter das sichere
Farmhaus gedrückte Hund unruhig hob, knurrend einen Augenblick den
bekannten gehaßten Tönen lauschte und sich dann, mit halb unterdrücktem
Bell wieder fester und wärmer zusammen rundete, als vorher.
Die Männer im Innern der Hütte ließen aber den Sturm Sturm sein; das war
ein alter Bekannter von ihnen, und das Niederprasseln einzelner Aeste, ja
oft ganzer Stämme, das Heulen wilder Bestien und das Rasen der Windsbraut,
sie hatten es schon wie oft gehört. Ein loderndes Feuer, ein warmes
Abendessen und gute Gesellschaft ließ sie bald Alles vergessen, was um und
über ihnen vorging.
Hennigs war besonders ausgelassen lustig, und wenn auch Wallis und Pitt im
Anfang nicht so recht mit einstimmen wollten in seine Fröhlichkeit, so riß
sie der unverwüstliche Humor des jungen Mannes doch zuletzt ebenfalls mit
fort. Massen von alten Jagdgeschichten und Anecdoten wurden erzählt, Scenen
aus dem Revolutionskrieg wieder aufgefrischt, da Pitt behauptete, die
Schlacht von New-Orleans mitgemacht und hinter den Baumwollenballen damals
mit vorgeschossen zu haben, und es mochte zehn Uhr sein -- eine für
den Backwoodsman ungemein späte Stunde -- als die Männer erst das Lager
suchten, um sich für die Strapatzen des morgenden Tages zu stärken und
kräftigen.
Die Nacht ging es mit dem Lagerraum allerdings eng genug her, doch wußten
die Jäger bald Rath; seine wollene Decke hatte ein Jeder mit. Einige
derselben wurden deßhalb vor dem Feuer hingelegt, auf denen dann sämmtliche
Gäste in langer Reihe Platz nahmen, und über diese wieder breitete nun ihr
Wirth Alles, was er nur an breitbaren Gegenständen irgend vorräthig fand.
Ein gutes Feuer ward dabei ebenfalls die Nacht über im Kamin unterhalten,
und die Männer lagen -- wie es sich nur ein Jäger wünschen kann -- warm und
trocken.
Der nächste Morgen fand übrigens die Letztgekommenen am frühsten zum
Aufbruch fertig; Wallis war schon draußen gewesen, um nach den Pferden
zu sehen, als der anbrechende Tag kaum seine ersten bleichen Strahlen
von Osten herauf sandte, und die Uebrigen fachten indessen das fast
niedergebrannte Feuer wieder an, füllten den großen blechernen Kaffetopf
mit Wasser, und bereiteten Alles zu einem äußerst frühen Aufbruch vor.
Nur Hennigs, sonst immer der erste, zögerte an diesem Morgen; an den
Kaminsims gelehnt, stand er, und starrte gedankenlos nach Mr. Pitt hinüber,
der, noch der einzige Schlafende, in einer Ecke sein besonderes mit einem
Unterbett versehenes Lager gefunden hatte.
Hilbert und Wallis, deren Thiere indessen schon wieder gesattelt vor der
Thüre standen, kamen jetzt herein, um das von den Frauen schnell bereitete
Frühstück einzunehmen.
»Nun, Hennigs,« sagte der Erste, als er seine am Feuer aufgehangenen
Leggins[6] anzog und mit dem einen hart gewordenen eben wieder zur Thüre
zurückschritt, ihn auszureiben, »Ihr seid ja heut' Morgen verdammt bequem,
Euer armes Poney steht da draußen, kaut an den Aesten herum und scheint
unmenschlichen Hunger zu haben.«
[6]: Die ledernen gamaschenartigen Ueberzieher der Jäger.
»Mein Poney?« sagte Hennigs halb verwundert, halb ungläubig, und hob den
Blick zu ihm auf.
»Nun ja, das dort drüben gehört doch Euch, wie? so eine kleine rauhhaarige
Bestie giebt's ja weiter gar nicht am ganzen Missouri.«
Hennigs war mit einem Satz neben ihm und blickte hinaus; wer aber
beschriebe seine freudige Ueberraschung, als er dort, mitten zwischen
Draper's Pferden, die durch das Unwetter heimgetrieben waren, sein eigenes,
liebes, kleines Poney erkannte, an das er den ganzen Morgen mit einem recht
wehmüthigen Gefühl gedacht, und jetzt schon viele, viele Meilen von da
entfernt, todtmüde durch den anstrengenden Ritt eines Verzweifelten,
vermuthet hatte.
War denn Benjamin zu Fuße fort? so thöricht konnte er doch nicht gewesen
sein.
»Wie ist denn Pitt eigentlich hierher gekommen?« frug Hilbert in diesem
Augenblick, und überzählte leise murmelnd die Pferde, die fast sämmtlich in
verschiedenen Gruppen vor dem Hause standen.
»Auf seinem Fuchs,« sagte Hennigs schnell, und blickte forschend nach dem
eben genannten Thier umher.
»Auf dem Goldfuchs?«
»Ja; aber ich sehe ihn nicht.«
»Der ist auch nicht hier!« meinte Hilbert, »am Haus wenigstens nicht; denn
ich bin seit länger als einer Stunde auf, und fast die ganze Zeit draußen
gewesen.«
Mrs. Draper rief in diesem Augenblick zum Frühstück, und Mr. Pitt rutschte
schnell unter den ihn bis jetzt noch immer verhüllenden Pferdedecken
hervor, zog seinen Rock an und trat hinaus vor die Thüre, um dort in einem
großen blechernen Waschbecken Gesicht und Hände zu baden. Die Jäger aber
ließen sich indessen nicht besonders nöthigen, sie langten wacker zu,
beendeten schnell ihr Mahl, und griffen dann, ohne weiteres Zögern,
nach ihren Büchsen, die gestern aufgegebene Hetze -- eine nun allerdings
hoffnungslose Arbeit -- wieder zu beginnen. Beim Essen schon hatten sie
den Plan verabredet, wie sie jetzt am Besten des flüchtigen Negers habhaft
würden, der ihnen, wie sie äußerten, nach solch furchtbarem Wetter und in
dem Zustand, in welchem er sich befand, gar nicht mehr entgehen konnte. Wie
Draper jetzt vernahm, so waren auch schon am Missouri selbst alle Farmer,
die Boote im Fluß hatten, von der Flucht des Sclaven in Kenntniß gesetzt
und bereit, ihn aufzufangen. Ihre Absicht, was mit dem Unglücklichen
geschehen solle, wenn sie ihn ergriffen, äußerten sie ebenfalls unverholen:
er hatte sich an einem Weißen vergriffen, und der Tod war dafür sein Loos.
Der Friedensrichter stimmte ihnen auch darin vollkommen bei, und versprach
sogar, den nöthigen Bericht darüber an den Gouverneur des Staates zu
machen, um von dort her wenigstens einen Theil des Schadens für den
Eigenthümer vergütet zu bekommen.
Fünf Minuten später waren die Männer beritten; riefen noch Dank und
Abschiedswort, von den Pferden herunter, ihren freundlichen Wirthen zu, und
sprengten dann, Wallis und Hilbert ausgenommen, in zwei Abtheilungen rechts
und links ab, dem Missouri zu, die beiden Letztgenannten aber bildeten,
mit den besten Hunden der Gesellschaft, das Centrum dieser Kette, die also
langsam und vorsichtig noch einmal den ganzen Wald durchsuchten, wo sie den
Flüchtling vermuthen mußten, und auf diese Art hofften, ihn entweder aus
seinem Lager auf-, oder doch den am Fluß hin postirten Helfern in die Hände
zu treiben.
Draper sah ihnen lächelnd nach und murmelte, als sie hinter den Büschen der
Niederung verschwanden, leise vor sich hin:
»Geht nur, geht, ihr wackeren Männer, hetzt eure Hunde und Pferde ab, um
einen Menschen zu jagen; den aber, den ihr sucht, bringt ihr mir nicht mehr
zurück. Hat er Glück, so kann er jetzt schon bald in Illinois sein, und Mr.
Peter Rollins mag ihm dort durchhelfen.«
Zu seinem keineswegs freudigen Erstaunen entdeckte übrigens Mr. Pitt, nach
eingenommenem Frühstück die Abwesenheit seines Pferdes, die er sich gar
nicht erklären konnte, da das Thier sonst noch nie in der Nacht den Trog
verlassen hatte, an dem es gefüttert worden, und das Fortlaufen eines
Pferdes in solchem Wetter doppelt unwahrscheinlich wurde, wo im Gegentheil
alles zahme Vieh gern die Nähe menschlicher Wohnungen aufsucht. Hier half
aber weiter kein Besinnen, und er mußte, wollte er die Betversammlung heute
nicht versäumen, Mr. Draper's Vorschlag annehmen, der ihm eines seiner
Pferde zum Gebrauch überließ und den Goldfuchs zu suchen versprach, sobald
er selbst zurückkehren würde. Die beiden Männer ritten auch zusammen
voraus, und nur Hennigs blieb bei den Damen zurück, um diese, die erst noch
Manches zu ordnen wünschten, später zu begleiten.
Kaum schlossen sich nun die Büsche hinter dem Friedensrichter und seinem
Gefährten, als sich der junge Farmer, der ihr Fortreiten durch eine Spalte
der Hütte beobachtete, mit triumphirendem Blick gegen die Matrone wandte.
Die arme Frau hatte aber nur mit fürchterlichster Kraftanstrengung bis
dahin, und so lange die Fremden zugegen gewesen, ihre äußere Unbefangenheit
und Ruhe behaupten können, jetzt, da der Zwang aufhörte, ließen auch ihre
Kräfte nach, und das Antlitz in den Händen bergend, sank sie zitternd auf
einen Stuhl nieder und schluchzte laut.
»Mutter!« riefen die beiden Mädchen, und sprangen an ihre Seite: »liebste,
beste Mutter!«
»Mrs. Draper!« bat Hennigs, »beruhigen Sie sich doch; schmerzt es Sie denn,
daß Sie ein Menschenleben gerettet haben?«
Die Matrone bedurfte einige Zeit, ehe sie sich wieder sammeln konnte;
endlich blickte sie mit den thränenden Augen zu dem jungen Mann auf, und
sagte leise:
»Sie haben mich hart gestraft, Hennigs, ich werde gewiß in recht, recht
langer Zeit nicht den gestrigen Abend vergessen, habe ich aber gefehlt,
so mag mir Gott die Sünde vergeben, ich konnte nicht anders. -- Ach, unser
Herz ist ja so schwach, und weiß wohl oft selbst nicht, wo es irrt und wo
es recht handelt. -- Wie ist der arme Junge entkommen, und ist er überhaupt
gerettet?«
»Er hat Pitt's Pferd mitgenommen,« lachte Hennigs, »dem »Niggerfresser«
kann das übrigens nichts schaden. Ben muß gestern Abend doch natürlich
Alles mit angehört haben, was er über ihn und seine Race sagte, und da
verdenk' ich's ihm gar nicht, daß er sich ein Bischen an ihm gerächt hat.«
»O, das thut mir leid, das thut mir sehr leid,« seufzte die Matrone,
»hätten Sie das nur verhindern können; ich würde ihm ja so gerne eins
unserer besten Pferde überlassen haben.«
Hennigs schwieg und sah vor sich nieder; jetzt nahm aber Lucy das Wort, und
rief:
»Er _hat's_ verhindern wollen, Mutter, er hatte ihm schon sein eigenes,
einziges Poney gegeben, ich weiß es, aber die Ankunft der Fremden trieb den
Flüchtling wieder zurück. Erst später, als Alle hier im Hause waren, muß
der Negerknabe zurückgekommen sein noch einmal mit Lebensgefahr das Pferd
seines Retters gegen das seines Feindes umzutauschen.«
Hennigs reichte ihr die Hand hinüber und flüsterte:
»Ich danke Ihnen für das freundliche Wort, Lucy: jener Neger scheint aber
in der That Rücksicht auf mein Eigenthum genommen zu haben; er ließ selbst
meinen Sattel zurück, den er durch darüber hingelegte Bretter vor dem
nächtlichen Regen schützte, während er sich selbst mit der schlechtesten
alten Satteldecke begnügte, die er in der Geschwindigkeit finden konnte.«
»Wird er aber entkommen?« frug Sally ängstlich.
»Den seh'n wir nicht wieder,« lachte der junge Farmer, »seine Verfolger
glauben ihn nördlich, weil er auch zu Fuß und ohne Paß gar nicht anders
hätte fliehen können, er ist aber jetzt in anderer, als der in der Zeitung
beschriebenen, Kleidung, beritten und mit einem guten Paß östlich, gerade
dem Mississippi zugeflohen. In St. Louis wird er sich übersetzen lassen,
und einmal in Illinois, droht ihm, unter diesen Verhältnissen, keine Gefahr
weiter. Der Goldfuchs ist ohnedem ein Prachtpferd, und muß ihn bald seinem
Ziel entgegen tragen.«
»Und Canada liefert ihn nicht wieder aus?«
»Nein, wahrlich nicht; einmal dort, bringt ihn ganz Amerika nicht wieder in
Banden; aber wollen wir nicht aufbrechen?«
»Ach, Mr. Hennigs, werde ich dem Prediger so frei ins Auge sehen können?«
sagte Mrs. Draper seufzend.
»Frei und klar!« rief der junge Mann, »wie Sie Ihr Auge zu dem heute ebenso
rein auf uns niederlächelnden Himmel heben können. Wir haben zwar Alle
gegen die Gesetze des Staates, aber, wie ich es fest überzeugt bin, nicht
gegen die Gesetze Gottes gehandelt, und die einzige Bedenklichkeit, die
ich jetzt bei der ganzen Geschichte habe ist die, daß wir nicht entdeckt
werden. Doch auch das hat keine Gefahr, und so wollen wir uns die schöne
Zeit nicht selbst mit unnützer Sorge und Noth verderben. -- Ist denn Lucy
jetzt mit mir zufrieden?« flüsterte er dann, und bog sich leise zu dem
schönen Mädchen nieder.
»Sie sind ein guter, guter Mensch!« sagte die Jungfrau, und reichte ihm
erröthend die kleine Rechte.
* * * * *
Acht Wochen mochten etwa nach den oben beschriebenen Vorfällen entschwunden
sein, der junge Hennigs hatte um Draper's ältestes Töchterlein angehalten,
und dieses auch, da in dem schönen Lande der Freiheit die Herzen, die
sich lieben, nicht erst eine hohe Polizei zu fragen brauchen, ob sie auch
einander angehören dürfen, als sein braves Weib in die selbstgegründete
Heimath geführt. Um aber nicht so weit entfernt von den Schwiegereltern zu
wohnen, so waren die beiden Männer übereingekommen, das einmal von Draper
durch seine erste Niederlassung in Beschlag genommene Land gemeinschaftlich
anzubauen, und die schweren Aexte der wackeren Hinterwäldler hatten sich
denn auch schon recht tief und erfolgreich in den stillen Frieden des
Waldes hineingearbeitet.
Mit Hülfe des Feuers, das die niedergeworfenen Riesenstämme verzehren
mußte, dehnte sich ein recht stattliches Feld zwischen den beiden einander
gegenüber stehenden Blockhütten aus, und von den Nachbarn angekauftes Vieh
theilte der kleinen Farm jene eigenthümliche, gemüthliche Lebendigkeit mit,
ohne die selbst die bedeutendste Niederlassung doch nur eine Einöde sein
würde.
Da hielt eines Sonntags Morgens, gerade als sich die kleine Familie um den
reinlich gedeckten Tisch gesetzt hatte, auf dem saftiges Hirschfleisch,
braun gebackenes Maisbrod und die dampfende Kaffekanne zum leckeren Mahl
einluden, ein Reiter vor der Thüre der Hütte, und beide Männer sprangen
gleich schnell und erstaunt von ihren Sitzen auf; denn kein Anderer war es,
als Squire Pitt auf -- seinem Goldfuchs.
Er wurde augenblicklich hereingenöthigt, und sollte nun schnell erzählen,
wo er das Pferd wieder bekommen habe, das seit jenem stürmischen Abend
nirgends wieder gesehen worden war; Pitt aber, der schon mehrere Stunden
geritten sein und nicht unbedeutenden Hunger verspüren mochte, wollte sich
auf keine Erläuterungen einlassen, ehe nicht das Tischtuch abgeräumt wäre;
ein Stuhl ward ihm also rasch herbeigerückt, und unser Friedensrichter ließ
dann auch der Kochkunst der jungen Frau alle nur mögliche Gerechtigkeit
widerfahren. Dann erst, als das Geschirr beseitigt und der Tisch
zurückgeschoben worden, löste sich seine Zunge, und halb in Entrüstung
über die Frechheit des Erlebten, halb aber auch froh darüber, sein
vortreffliches Pferd, und noch dazu in so gutem Zustande wieder erhalten
zu haben, theilte er jetzt den ihm aufmerksam Zuhorchenden mit, auf welche
wunderliche Art er wieder zu seinem Eigenthume gekommen sei.
»Denken Sie nur, Ladies,« erzählte er, »gestern Abend sitze ich ruhig in
meinem Zimmer und bin entsetzlich müde; denn ich hatte mich den ganzen Tag
im Sattel herumgetrieben, da knurrt auf einmal mein kleiner Feist, der bei
mir im Hause schläft, und ehe ich nur aufstehen kann, tritt auch schon, wer
anders als der Postmeister vom nächsten Städtchen drüben, zu mir herein.
Erst glaubte ich, er käme aus der westlichen Ansiedelung und wollte zu
Hause reiten; aber Gott bewahre, er sagte, er brächte mir etwas, faßt mich
beim Arm, führt mich vor die Thür und zeigt mir -- meinen eigenen Fuchs,
der leibhaftig vor mir steht und mich anwiehert. Ladies, es ist zwar nur
ein Vieh, aber ich fiel ihm vor lauter Freuden um den Hals und wollte
eben anfangen zu fragen, wem in aller Welt ich das Wiedererlangen meines
Eigenthums verdanke, als er mir einen Brief übergab und mir sagte, ein
Mulatte hätte das Pferd da nach St. Louis gebracht, dort sich nach unserm
Postoffice erkundigt und dann einen Boten gemiethet, der Beides -- Pferd
und Brief -- in unsere Ansiedelung brachte. Das war nun schon an und für
sich merkwürdig, das Merkwürdigste aber ist der Brief.«
»Von wem?« riefen Alle zugleich.
»Ja, das rathen Sie einmal!« sagte der Kleine, indem er beide Arme vor
sich auf die Stuhllehne stemmte und ein verzweifelt geheimnißvolles Gesicht
machte; »aber geben Sie sich nur keine Mühe, Sie rathen es im Leben nicht,
denken Sie nur, von Ben, dem von Wallis entflohenen Nigger.«
»Konnte denn der schreiben?« frug Draper ungläubig.
»Nein, das konnte er allerdings nicht,« sagte der Friedensrichter, »er
hat auch nur sein Zeichen, eine Art Kreuz, darunter gemacht, das ist aber
einerlei, ein anderer Nigger hat's für ihn, von Canada aus, geschrieben.«
»Von Canada aus?«