exemplarisch abstrafen müssen; der Strick war am lieben Sonntag mit seinen
ganz neu gekauften Sachen, wie er selber sagte, in den Fluß gefallen --«
»Großer, allmächtiger Gott! deßhalb hat er ihn gezüchtigt? das ist die
Ursache gewesen?« schrie Draper entsetzt.
Pitt sah ihn erstaunt an. »Nun,« sagte er, »das wäre allerdings eine
Ursache gewesen, ihn zu strafen, und er hat auch wohl seine Tracht Schläge
deßhalb bekommen; von der Strafe aber, von der ich spreche, war es nur ein
entfernterer Grund; denn die Canaille hatte sich auch noch dabei erkältet
und konnte nun ihre Arbeit nicht ordentlich verrichten. Wallis ist ein
wenig hitzig und ich weiß nicht recht, wie alles später gekommen, so viel
aber ist gewiß, Ben, der Junge, hatte eine trotzige Antwort gegeben und
mußte dafür, wie sich das auch von selbst versteht, büßen. Da denken Sie
sich nur, überfällt er neulich seinen eigenen Herrn, schlägt ihn mit
einem Axtstiel, an dem glücklicher Weise die Axt fehlte, zu Boden und --
entflieht. Aber weit wird er nicht kommen, Hilbert ist ihm heute Nachmittag
hier ganz in der Nähe begegnet, hatte aber unglücklicher Weise seine Hunde
nicht bei sich und verlor, nicht weit von dem Hurricane[5] seine Fährte.
Gleich darauf traf er übrigens die zur Verfolgung des Niggers ausgezogenen
Männer, und nun wollen sie, da diese noch mehr Hunde mitbrachten, den
Hurricane ordentlich abtreiben und nachher hierher kommen und hier
übernachten. Sie bleiben vielleicht im Wald, es sieht aber heute Abend wie
Regen aus, und da ist's doch besser sie suchen Dach und Fach.«
[5]: Hurricane werden in den westlichen Wäldern auch die, durch einen
Hurricane oder Orkan niedergeworfenen Waldstrecken genannt, die
oft, wenn sie besonders erst einige Jahre gelegen haben, wirklich
undurchdringliche Dickichte bilden.
»Aber Ladies, Sie lassen mich die Unterhaltung ganz allein führen; es
spricht ja keine von Ihnen auch nur ein Wort.«
»Wir müssen an's Abendessen denken, Sir,« sagte die Matrone, »wenn wir so
viele Gäste bekommen, so werden sie, für die anderen Unbequemlichkeiten
denen sie ausgesetzt sind, doch wenigstens etwas Warmes zu essen haben
wollen; bis wann können sie wohl hier sein?«
»Wird nicht mehr so lange dauern, gar nicht mehr so lange dauern,« sagte
der Kleine, und zog die Augenbraunen bedeutsam in die Höhe, »in höchstens
drei Viertelstunden können sie Alles abgesucht haben, der Hurricane ist
nicht so übermäßig groß, und die Hunderace, die sie mit sich führen,
vortrefflich. Die Mutter von Eurem Wolfshund ist auch dabei, Draper.
Uebrigens kann es auch sein sie finden den Burschen gleich, und dann halten
sie sich weiter gar nicht auf.«
Draper und Hennigs hatten leise einige Worte gewechselt und der letztere
nahm jetzt seinen Stuhl auf und trug ihn an die entgegengesetzte Seite des
Kamins, während er zugleich Mr. Pitt bat ihm dahin zu folgen, damit die
Damen nicht so viel in dem Ab- und Anrücken ihrer Kochgeräthschaften
gehindert würden.
Mr. Pitt folgte sehr eilfertig dem ausgesprochenen Wunsch, ergriff seinen
Stuhl an der Lehne und trug ihn weiter herum, faßte sich aber plötzlich
erschreckt an die Tasche seines Rockes, fühlte dort etwas, und besah sich
dann am hellen Kaminfeuer die gegen dieses ausgestreckte linke Hand.
»Blut!« rief er überrascht und schaute sich nach dem Stuhl um, auf dem er
eben gesessen, Mrs. Draper aber sprang schnell hinzu, wischte mit einem
alten Tuche die Lehne ab und sagte mit vor Angst und Bestürzung halb
erstickter Stimme:
»Ach, sein Sie nicht böse, Mr. Pitt; Lucy -- bekam heute so plötzliches
Nasenbluten; wir haben die Flecken gar nicht gesehen --«
Hennigs bog sich leise zu Sally hinüber und flüsterte lächelnd:
»Erinnern Sie doch Mutter einmal wieder an das Kapitel von der Nothlüge!«
»O bitte sehr, bitte sehr!« rief der artige Friedensrichter, »hat gar
nichts zu sagen, so süßes Blut kann mir nur angenehm sein; bitte, geniren
Sie sich nicht, ich habe selbst ein Taschentuch; es ist ja bloß ein
unbedeutender kleiner Flecken. Ich erschrak nur so im Anfang, als ich das
Nasse an der Hand fühlte, weil ich glaubte, ich hätte heute beim Reiten
eine kleine Dintenflasche zerdrückt, die ich in der Rocktasche trage; das
wäre mir allerdings fatal gewesen; denn für meine hellen Bein- -- meine
hellen Kleider würde eine solche Anfeuchtung von bösen Folgen gewesen
sein.«
»Sie haben Dinte bei sich?« rief Hennigs schnell, und sprang in der
Erregung des Augenblicks von seinem Stuhle, auf den er sich eben wieder
niedergelassen empor.
»Ich? allerdings; befremdet Sie das? ja, hier im Walde ist Dinte allerdings
ein seltener Gegenstand, ich bin deßhalb auch genöthigt sie überall
mitzuführen; denn komm' ich einmal in ein Haus und muß etwas schreiben,
so kann ich mich fest darauf verlassen, daß erstlich keine Dinte in fünf
Meilen im Umkreis zu bekommen, und das einzige Papier der Schmutztitel
irgend eines verräucherten Buches ist, der vorerst herausgenommen werden
muß. Im allergünstigsten Falle steckt dann noch über dem Kamin ein alter,
halbverbrauchter Truthahnflügel, dem eine hineingedorrte Feder durch
Gemeinkraft sämmtlicher Familienglieder entzogen, und mit dem Jagdmesser
des Mannes oder gar der Schere der Frau nothdürftig geschnitten wird,
und dann ist das Schreibzeug fertig. Nein, darauf kann ich mich nicht
einlassen, ich muß mein »Handwerkszeug« besser in Ordnung haben, und da
trage ich denn immer eine kleine steinerne Kruke, wie etwas Papier und
einige Federn bei mir.«
Hennigs war indessen einige Mal schnell im Zimmer auf und abgegangen und
blieb plötzlich neben dem Stuhle des Redseligen, der in allem Eifer das
Fläschchen hervorgeholt hatte, stehen.
»Mein bester Herr!« sagte er, freundlich dabei die Hand auf dessen Schulter
legend, »da könnten Sie der Mrs. Draper einen recht großen und vielleicht
einen doppelten Gefallen thun!«
»Wer? ich?« rief Mr. Pitt, sich schnell nach der erwähnten Dame umdrehend:
»mit dem größten Vergnügen, was ist es? was steht zu Diensten?«
Mrs. Draper blickte verlegen nach Hennigs herüber, dieser aber ließ ihr
gar keine Zeit, ein Wort zu erwiedern, und fuhr zu dem Friedensrichter
gewendet, fort:
»Die Damen wünschten gern eine Abschrift des kleinen, von Ihnen gedichteten
geistlichen Liedes zu besitzen, das Sie neulich bei Mapel's vortrugen, und
sie haben mich schon heute Nachmittag darum ersucht, weil ich ihnen vor
einiger Zeit einen Vers desselben aus dem Kopfe citirte. Da wir uns aber
hier in derselben Lage befinden, wie die übrigen Ansiedelungen, die Sie uns
eben so treffend schilderten, nämlich ohne jegliches Schreibmaterial, so
möchte ich Sie jetzt im Namen der Damen nicht allein um etwas Papier und
Dinte bitten, sondern auch noch den Wunsch daran knüpfen, mir die Verse
langsam vorzusagen, daß ich sie gleich auf der Stelle nachschreiben
könnte.«
»Meine Damen, Sie beschämen mich wirklich durch die freundliche Nachsicht,
mit der Sie meine armseligen poetischen Versuche beehrt haben!« schmunzelte
der kleine Mann, während er in größter Geschäftigkeit seine Taschen
auskramte und in wenigen Secunden eine große Brieftafel, ein kleines Pennal
und die eben wieder zurückgeschobene Dintenflasche zum Vorschein brachte,
was er Alles auf den Tisch stellte und dann seinen Stuhl neben denselben
rückte, das Licht mit den Fingern putzte, seine Brille abwischte und
jede Vorbereitung traf, um das gewünschte Gedicht augenblicklich selbst
niederzuschreiben. Daran verhinderte ihn aber Hennigs, indem er wie
scherzend das Pennal an sich nahm und dem Richter versicherte, »er würde
unter keiner Bedingung zugeben, daß er selbst seine überdieß schon
so schwache Augen bei dem düstern Scheine des flackernden Talglichtes
anstrenge.«
»Nein,« fuhr er in seinen Einwendungen fort, »lassen Sie mich einmal
meine, wenn auch von der Führung der Axt etwas steifen Finger mit der Feder
versuchen, es wird schon gehen, und Sie setzen sich indessen mir gegenüber
an den Tisch, dann haben die Damen auch noch den Genuß des Vortrags und
brauchen nicht müßig zuzusehen.«
Mrs. Draper war hinter den Friedensrichter getreten und hielt die
zusammengefalteten Hände fest, fest auf das Herz gepreßt, als ob sie die
Angst, die ihr die Brust zu zersprengen drohte, da bannen und zurückdrängen
wollte. Lucy hielt seine Stuhllehne gefaßt und blickte starr und mit halb
geöffneten Lippen, aber leichenbleichen Wangen und glanzlosen Augen nach
dem Geliebten hinüber, und nur Sally, das sonst so muntere, leichtsinnige
Mädchen, hatte die fürchterliche Entscheidung des Augenblicks nicht
ertragen können und war hinaus vor die Thür gegangen, wo sie den Kopf in
der Schürze barg und sich dort recht nach Herzenslust ausweinte.
Hennigs dagegen schien ganz ruhig und unbefangen, plauderte mit dem
Friedensrichter -- während dieser ein reines Blatt Papier vorsuchte und
aus dem Pennal eine geschnittene Feder nahm -- lauter tolles Zeug, erzählte
ihm, wie sie in Louisiana immer auf Magnoliablätter geschrieben und in
Tenessee Dinte aus Pulver und Indigo gemacht hätten, legte dann, als
er auch die letzten Bedenklichkeiten des also geschmeichelten Dichters
überwunden hatte, der nur immer noch selber zu schreiben wünschte, das
weiße Blatt vor sich hin, sah nach dem Spalt der Feder, feuchtete diese
einmal im Mund an und sagte, sich behaglich auf dem Stuhle zurechtrückend:
»So? jetzt bin ich fertig, nun schießen Sie los!«
Draper lehnte am Kamin, und der starke Mann zitterte vor innerer Aufregung
so gewaltig, daß die lockeren Dielen unter ihm erbebten; nur Hennigs blieb
ruhig und gleichmüthig, und lächelte sogar still und heimlich vor sich
nieder, als der Friedensrichter, wohlbehaglich im Stuhl zurückgelehnt,
die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet, die Brille in die Höh', auf die
Stirn geschoben und die kleinen runden Augen andächtig der Decke und
einer Anzahl dort aufgehangener geräucherter Hirschkeulen zugekehrt, mit
monotoner, singender Stimme begann:
»O, süßer Herr Jesus, o, komm doch zu mir,
Verzeih' mir, o Herr, meine Sünden!«
»Halt! nur nicht so schnell,« bat Hennigs, »ich komme ja sonst nicht mit --
verzeih' mir --«
-- »o Herr, meine Sünden?«
Draper trat hinter Hennigs Stuhl und las, was dieser schrieb; auf dem
Papier stand:
»Der Träger dieses, Scipio --«
»Also weiter -- ich hab' es.«
»Und laß mich, Lamm Gottes, beim Vater und dir
Erbarmen und Sühnigung finden.«
Hennigs schrieb weiter: »geht mit meinem Wissen und Willen zu seinen
Eltern --«
»Haben Sie: Sühnigung finden?« frug der Friedensrichter, schob sich die
Brille herunter und blickte nach dem jungen Manne hinüber.
»Gleich, gleich -- Sühnigung finden -- so, nur weiter.«
»Ich bin zwar, o Heiland, ich muß es gestehn,
Dein schlechtester, niedrigster Knecht --«
declamirte Mr. Pitt, warf einen freundlichen Blick nach der über ihn
hingebeugten Mrs. Draper hinauf, seufzte einmal tief auf, und wiederholte:
»Dein schlechtester, niedrigster Knecht --«
-- »nach Illinois, und hat von mir dazu vier Wochen Erlaubniß« -- schrieb
Hennigs.
»Haben Sie das?« frug wieder der Richter.
»Ja, -- Erlaubniß --«
»Wie?« sagte Mr. Pitt, und blickte zu ihm auf.
»O, nichts,« erwiederte schnell gefaßt der junge Mann, »es hatte sich ein
Haar in die Feder geklemmt, also -- Knecht!«
»Ja, -- warten Sie einmal, nun bin ich herausgekommen, -- schlechtester,
sündigster Knecht,« murmelte er vor sich hin, »ach ja, jetzt hab' ich's:
Doch hast du ja auch meine Reue gesehn,
So weise mich, Herr, denn zurecht --«
-- »weise mich, Herr, denn zurecht,« repetirte Hennigs und beendete
indessen den Paß Benjamin's mit dem Wort: »erhalten;« setzte den fingirten
Namen Peter Rollins mit dem gestrigen Datum darunter, und faltete das
Papier zusammen.
»Halt! ich bin noch nicht fertig,« rief da der würdige Friedensrichter
aus, dem diese Bewegung nicht entgangen war, »das sind nur die zwei ersten
Strophen, nun kommen fünf in einem andern Rhythmus, und dann wieder drei
Schlußverse. Schreiben Sie also weiter:
»Ich will Dir, du treuer Hirte
Ein getreues Schaf auch sein,
Führe denn mich heil'ger Vater,
In den ew'gen Schafstall ein.«
»Und wenn mir --
aber Sie schreiben ja gar nicht.«
»Nur die beiden ersten Verse fehlten Ihnen, nicht wahr, Mrs. Draper?« sagte
Hennigs, und stand von seinem Stuhle auf.
»Ja, Sir, es waren nur die beiden,« stammelte die Matrone, und sie wußte
jetzt, daß Hennigs Auge fest auf ihr haftete; das Blut strömte ihr quellend
in Stirn und Schläfe, und der Athem verging ihr fast vor Angst um den
Unglücklichen, vor Scham über die ausgesprochene Lüge.
»Also die andern Verse haben Sie? nun, warten Sie, ich sage sie Ihnen noch
einmal vor, dann können Sie, wenn etwas daran nicht richtig sein sollte, es
ändern. Zeigen Sie mir nur erst einmal was Sie geschrieben haben,« und
er streckte seinen Arm nach dem Papier aus, das Hennigs mit auf den Tisch
gestützter Hand locker zwischen den Fingern hielt.
Dieser aber schien es gar nicht zu bemerken; mit vorgebeugtem Körper,
starr und regungslos stand er da, die linke Hand lauschend hinter das
Ohr gehalten; er horchte einem entfernten Geräusch, und hatte für den
Augenblick seine ganze Umgebung vergessen.
Mr. Pitt nahm indessen das Papier herüber, öffnete es, schob sich die
Brille wieder nieder, und schien dann erst das sonderbare Benehmen des
jungen Mannes zu bemerken.
Die Bewohner der Hütte standen entsetzt; warf der Friedensrichter nur
einen Blick in die Zeilen, die er geöffnet in der Hand hielt, so waren sie
entdeckt.
»Hennigs!« rief der alte Mann, und faßte seinen Arm.
»Mr. Hennigs!« sagte Pitt, und hielt das Innere der Linken gegen das Licht,
um, von diesem nicht geblendet, ihn besser betrachten zu können. Das rief
den Träumenden aber mit Gedankenschnelle in seine Umgebung zurück; er
blickte den Fremden an, sah den Paß in dessen Hand, und riß ihn mit keckem
Griff aus seinen Fingern.
»Mr. Hennigs!« rief überrascht der Richter.
»Ich muß tausendmal um Verzeihung bitten, Sir,« entschuldigte sich jener,
verlegen lächelnd, »doch das, was ich hier geschrieben habe dürfen
Sie wahrhaftig nicht lesen, es ist zu schlecht, Sie haben zu schnell
gesprochen, und ich mußte mich so eilen; warten Sie noch wenige Minuten,
und ich will es in's Reine schreiben, nachher mögen Sie sich überzeugen,
daß auch ein Backwoodsman manchmal keine so üble Feder führt, und den
Schulmeister nicht braucht, wenn er Jemandem einen Brief schicken will.«
»Was hatten Sie denn aber eben? Sie starrten ja vor sich nieder, als ob Sie
einen Geist sähen?« frug, dadurch beruhigt, Mr. Pitt.
»O nichts, wenigstens nichts von Bedeutung,« erwiederte jener, »mir war es
nur, als ob ich irgend ein fremdartiges Geräusch vernahm, und ich konnte
nicht recht herausbekommen was es war. Halt -- da wieder; hören Sie
nichts?«
Draper sprang an die Thür und riß sie auf, und deutlich drang jetzt der
Ruf von fernen Stimmen an ihr Ohr, als ob Leute über einen Fluß hinüber die
Fähre anriefen.
»Da sind sie,« sagte der Kleine, sprang auf und griff nach dem an der Wand
hängenden Blechrohr, das in fast allen amerikanischen Blockhütten dazu
benutzt wird, die Arbeiter zum Essen aus dem vielleicht weit entfernten
Felde zu rufen. Die Töne dieses langen, geraden Hornes schallen ungemein
weit, und man kann sie mit günstigem Winde, und besonders über das Wasser
hin, oft Meilen weit hören.
Mr. Pitt schloß nun auch ganz richtig, daß die Jäger, von der Dunkelheit
überrascht, die einzeln und mitten im Walde liegende Hütte nicht hatten
finden können, und nun durch ihr Rufen die Aufmerksamkeit der Bewohner
zu erwecken gedachten, damit diese durch irgend ein Zeichen, durch einen
abgefeuerten Schuß, oder den Ton eben solchen Hornes ihren Aufenthalt
verriethen. Er nahm denn auch ohne weitere Umstände das Instrument
vom Nagel, trat in die Thüre und ließ nun nach jener Richtung hin so
durchdringende, klagende Laute ertönen, daß die Hunde mit kurzem Gebell
zuerst eine Art Protest gegen solche Musik einzulegen schienen, dann aber,
vielleicht durch das Weiche der Melodie gerührt, ein so fürchterliches,
wehmüthiges, markzerschneidendes Geheul ausstießen, daß Mr. Pitt erschreckt
mitten in seinem nicht mehr Solo einhielt, den Bestien einen Augenblick
zuhörte, und dann kopfschüttelnd sagte:
»Ist nun einem lebendigen Christenmenschen schon so etwas in seinem ganzen
Leben vorgekommen?«
Nichtsdestoweniger setzte er seine musikalischen Uebungen fort, und Hunde
und Friedensrichter vereinigten sich jetzt zu einem so ohrzerreißenden
Concert, daß der Wald ordentlich lebendig zu werden schien, und sämmtliches
zahmes Hausvieh, als da war, drei Ferkel und etwa ein halbes Dutzend
Hühner, die ersteren ihr Lager mieden und grunzend, die Seiten an einander
gedrückt, herbeiliefen, und die anderen mit den Flügeln schlugen und nicht
übel Lust zu haben schienen, eine so unruhige Nachbarschaft zu verlassen.
»Hier ist der Paß,« rief Hennigs jetzt schnell, und drückte das Papier dem
alten Draper in die Hand.
»Der Träger dieses, Scipio, geht mit meinem Wissen und Willen zu seinen
Eltern nach Illinois, und hat von mir dazu vier Wochen Erlaubniß erhalten.«
»Peter _Rollins_.«
»Wer ihn anhält und nicht persönlich kennt, wird ihm kein Hinderniß weiter
in den Weg legen; doch muß er noch in dieser Nacht fort.«
»Aber wie? der Richter steht in der Thüre und in wenigen Minuten haben
wir das Haus so voll Menschen, daß ein Entrinnen für ihn zur Unmöglichkeit
wird.«
»Auch dazu wird Rath werden; geben Sie ihm nur einen alten Rock und eine
Mütze -- schnell -- der Richter hat aufgehört zu blasen, ich will ihn
zu mir hinausrufen. Wenn ich den Eulenruf nachahme, muß Ben rasch
hinausgleiten; er soll dann zu mir hinter das Haus kommen; ruhig jetzt, er
dreht sich wieder um.«
Mr. Pitt hatte allerdings seine Lungen pausiren lassen und die Bearbeitung
des Instrumentes eingestellt, keineswegs waren aber die Hunde gesonnen,
sich so schnell und plötzlich über das Gehörte zufrieden zu geben. Ein
junges Thier, und zwar eben der schon früher erwähnte junge Wolfshund,
heulte Sopran, und schien den Ton anzugeben, denn nach jedesmaliger kurzer
Pause fiel er stets zuerst wieder ein, und ihm folgte augenblicklich ein
alter blinder Schweißhund in =E moll=, wornach denn die übrige Schaar,
als ob sie nur auf das Angeben der Tonart gewartet hätte, im wilden,
disharmonischen Chor einfiel und nicht eher aufhörte, bis auch der letzte
Vorrath von Luft und Lunge und Kehle erschöpft war.
Mr. Pitt versuchte nun zwar sein Bestes sie zur Ruhe zu bringen, schimpfte,
drohte, und warf sogar einzelne Späne und Holzstücke, die vor der offenen
Thüre lagen; das hatte aber weiter nichts zur Folge, als daß sie jetzt
sämmtlich gegen ihn Front machten, und zwar die Köpfe ihm seitwärts
zugedreht, um jedem etwaigen, nach ihnen geschleuderten Wurfgeschoß schnell
genug ausweichen zu können, sonst aber fuhren sie in ihren entsetzlichen
Accorden ruhig fort.
»Laßt's gut sein, Sir,« tröstete ihn jetzt Hennigs, als der kleine
Friedensrichter halb lachend, halb ärgerlich wieder in der Thüre erschien,
»ich will sie schon zum Schweigen bringen.«
»Ruhig, ihr Bestien!« schrie er dann mit Donnerstimme, als er eben vor das
Haus getreten war, »ruhig, oder ich drehe euch die Hälse um!« und eine
dort lehnende Stange ergreifend, fuhr er mit so gut gemeinten und links
und rechts ausgetheilten Schlägen zwischen sie hinein, daß sie nach allen
Seiten auseinander stoben und sich winselnd theils in den Wipfeln der
umhergestreuten Bäume, theils unter dem Hause verkrochen. Hennigs aber
blieb jetzt einen Augenblick auf die Stange gestützt und wie in tiefen
Gedanken stehen; da schreckte ihn der näher und näher kommende Lärm der
Jäger, das entfernte Bellen von Hunden aus seinem Sinnen empor. Er warf den
Blick schnell umher, ergriff den noch neben dem Hause liegenden Sattel
und Zaum, trug beides hinter dasselbe und rief nun mit leisem Pfiff sein
gehorsames Poney herbei.
»Nun, Madame, werden Sie gleich Einquartirung bekommen,« sagte der
Friedensrichter, während er sich schmunzelnd die Hände rieb und zum
Feuer trat, an welchem Lucy und Sally jetzt eifrig beschäftigt waren,
die verschiedenen, schnell hinzugerückten Lebensmittel zu vertheilen. --
»'s wird freilich knapp hergehen hier in dem engen Zimmerchen, man kann
sich das aber Alles eintheilen. Lieber Gott, in Arkansas lagen wir einmal
Siebenzehn in einem Raume, der, wenn nicht noch kleiner, auf jeden Fall
keinen Zoll breit größer war, als dieser hier. Draper macht wohl schon
sein Lager da zwischen den Betten zurecht? ja, ja, werden jedes Eckchen und
Winkelchen benutzen müssen; die Bursche sind wie das wilde Heer. Ob sie
den Neger nur haben? hoffentlich doch, hol der Henker eine solche schwarze
Bestie, schlägt ihren eigenen Herrn! Ei, wenn da nicht einmal ein Exempel
statuirt wird, dann wäre man ja seines Lebens selbst nicht mehr sicher und
müßte sich wahrhaftig fürchten die eigenen Dienstboten zu züchtigen. Wie
ich gehört habe, wollen sie zusammenlegen und den Eigenthümer wenigstens in
etwas schadlos halten.«
Mr. Pitt hatte sich jetzt wieder halb dem Feuer und halb Mrs. Draper
zugekehrt, und diese hielt ihre Augen auch fest auf die seinigen gerichtet,
aber kein Wort vernahm sie von alle dem, was er ihr mit so bedeutender
Zungengeläufigkeit erzählte, ihr Ohr lauschte dem Rauschen der
Kleidungsstücke, dem unterdrückten Flüstern ihres Mannes, und sie sah jetzt
plötzlich, wie sich die Gestalt des jungen Sclaven leise und vorsichtig
emporhob.
»Weiß nur der liebe Gott wo die Männer so lange bleiben,« unterbrach sich
jetzt selbst der kleine Mann, indem er einen Schritt vom Kamine zurücktrat
und nach der Thüre sah. »Mr. Hennigs kommt auch nicht wieder, der ist ihnen
wahrscheinlich entgegen; wo ist denn Mr. Draper?«
»Hier, Sir,« antwortete dieser und trat einen Schritt vor, dicht hinter ihm
stand der Neger, und die geringste Bewegung hätte ihn dem Friedensrichter
verrathen; die nächste Minute mußte überhaupt das Schicksal des Verfolgten
entscheiden.
Da schlugen wiederum die Hunde an, es waren die Jäger, die ebenfalls,
wie vor ihnen Hennigs und Pitt, durch den ziemlich begangenen Pfad
herbeigelockt, an der Grenze der niedergeworfenen Bäume hielten und das
Haus anriefen. -- Mr. Pitt wollte in die Thüre treten, geschah das, so
wurde es zu einer Unmöglichkeit, den Neger hinauszulassen, und er war dann
rettungslos verloren.
Draußen ließ sich der klagende Ruf einer Eule hören.
»Bester Mr. Pitt!« rief da Lucy plötzlich, »dürft' ich Sie wohl einmal
bitten, mir den schweren eisernen Topf hier auf die Kohlen zu heben, ich
kann ihn wahrlich nicht regieren und unsere Gäste kommen schon.«
»O, mit dem größten Vergnügen, mein Fräulein!« rief der bereitwillige
Friedensrichter und sprang schnell hinzu, lehnte sich mit dem linken Arme
gegen den über den Kamin hinlaufenden Querbalken, und griff mit der Rechten
in die von Lucy schnell in den Henkeln des Gefäßes befestigten Topfhaken.
»Sehen Sie, mein Fräulein, das ist gar nicht so schwer, allerdings etwas
zu massiv für eine Dame; aber -- doch wo wollen Sie ihn denn hin haben? auf
die brennenden Scheite? die müßten wohl erst ein wenig zusammengeschoben
werden.«
»Ach bitte, bester Mr. Pitt, halten Sie ihn nur zwei Secunden, die Klötze
haben sich verschoben, warten Sie, ich richte sie gleich zurecht.«
Lucy rückte mit dem Schüreisen die im Kamine liegenden Brände, und
Friedensrichter Pitt hielt indessen, dicht über die Glut gebeugt, den
schweren Topf, daß sich ihm das Antlitz immer röther färbte und der Schweiß
in großen Tropfen auf seine Stirn trat.
Hinter seinem Rücken glitt eine, in einen braunen Ueberrock gehüllte
Gestalt, den schwarzen Filz tief in die Augen gedrückt, zur Thüre hinaus,
strich um die nächste, _der_ entgegengesetzten Ecke, wo sich die Hunde
befanden, und verschwand in der Finsterniß hinter dem Gebäude. Draper
folgte ihr hinaus vor die Thüre.