»Liebe, beste Frau,« entgegnete ihr Draper, während er von der ihm

gereichten Kruke den, aus dem holzigen innern Theil eines Maiskolben

bestehenden Stöpsel abzog und dann etwas von dem goldklaren Inhalt in den

großen, vor ihm auf dem Tische stehenden Blechbecher ausgoß, -- »das Wasser

ist eben ein Himmelsgetränk, wie Du ganz richtig bemerkst, für uns

arme Sterbliche aber müssen wir etwas Feurigeres, Herz und Seele mehr

Zusammenhaltendes haben, und da hat denn der liebe Gott den Whiskey

erschaffen.«

»Den hat der Teufel erschaffen!« rief Mrs. Draper lebhafter, als es sonst

gewöhnlich ihre Art war, »das ist des Teufels Erfindung.«

»So? in der That? -- dann bin ich dem Teufel wirklich mehr verbunden, als

ich bis jetzt habe glauben mögen; die Erfindung macht ihm alle Ehre, und

söhnt mich theilweise wieder mit ihm aus,« sagte der unverwüstliche Draper

mit größter Ruhe, und leerte etwa die Hälfte des Inhalts, wornach er den

Rest an Hennigs hinüber schob. Dieser aber zögerte, ihn anzunehmen, und

blickte sich halb unschlüssig nach Lucy um.

»Lucy sieht nicht her!« neckte ihn Sally, der des jungen Mannes

Verlegenheit keineswegs entgangen war, »Sie können's riskiren.«

»Laßt Euch durch die Frauen nicht irre machen, Hennigs,« ermahnte ihn der

Alte, »wenn ich denen glauben wollte, dann wäre das gute Getränk hier

vor uns ein Haken, und meine Kehle ein Arm, die mich selbander und mit

vereinten Kräften in den Pfuhl der Hölle hineinrissen; so hat's ihnen

wenigstens neulich der Presbyterianer erklärt.«

»Du bist ein böser Mann, Draper, und drehst Einem immer die Worte im Munde

herum,« sagte die Matrone, reichte aber dem Gatten dabei freundlich die

Hand hinüber: »Du weißt ja doch recht gut, wie ich's meine, und daß es

nur immer Deines eigenen Besten wegen ist, wenn ich ein Wort einwerfe über

Dein --«

»Trinken und Fluchen!« fiel ihr Draper ins Wort; »ja, ja, ich weiß schon,

wovon die Rede ist; übrigens habe ich heute noch nicht ein einziges Mal

geflucht, und was den Trunk betrifft, den ich selten genug zu meiner

Erholung thue, so bin ich allerdings davon überzeugt, daß Du ihn mir nicht

mißgönnst, da ist aber der gottverdammte --«

Sally's kleine Hand lag auf seinen Lippen, und er zog sie gutmüthig

lächelnd herunter und drückte einen herzlichen Kuß auf den kleinen

gespitzten Rosenmund des lieben Kindes.

»Nun, schon gut, schon gut, Sally,« sagte er dann, »'bist mein gutes

Mädchen; jetzt seht aber nach euren Kühen -- ach, ja so, es ist erst eine

da; nun, schad't nichts, besorgt die nur, ehe es dunkel wird, es sollen

schon mehrere nachkommen, und nachher zündet auch die Lampe an, oder habt

ihr die Lichter schon gegossen?«

»Ja, Vater, die letzten drei Hirsche, die Du geschossen hast, hatten gar

viel Talg bei sich, und aus den Bienenbäumen, die hier Mr. Hennigs für

uns umgehauen, ist auch ein recht schönes Stückchen Wachs gekommen, -- die

Lichter sind fertig.«

»Brav, Kinder, dann macht alles bereit, Hennigs und ich, wir wollen

indessen noch einmal nach der Buffalolick hinüber gehen und die Pferde

holen; vielleicht finden wir auch unterwegs irgendwo ein Volk Truthühner

aufgebäumt, ich will auf jeden Fall den Rifle mitnehmen.«

Und der alte Mann hob die schwere Büchse von der Wand herunter, hing sich

die kaum abgelegte Kugeltasche wieder um, setzte die Mütze auf und wollte

eben mit seinem jungen Freunde das Haus verlassen, als er plötzlich

zurückprallte und erbleichend ausrief: »Tod und Teufel!«

Erschreckt sprangen seine Frau und Töchter hinzu, sie sollten aber über

das, was den Vater so überrascht hatte, nicht lange in Zweifel bleiben; ein

junger Neger mit bloßem Kopf und nur einer dünnen Leinwandjacke und eben

solchen Hosen bekleidet, die nackten Füße in groben, rindsledernen

Schuhen, das schwarze Antlitz eingefallen und verzerrt von Todesfurcht und

übermäßiger Anstrengung vielleicht, sprang auf die Schwelle, warf einen

scheuen, wilden Blick über die ihn jetzt Umstehenden, und brach dann, die

Kniee des alten Mannes krampfhaft umklammernd, vor diesem halbohnmächtig

zusammen.

»Ben, Ben, um Gottes Willen, was soll das heißen?« rief Draper und sah

ängstlich nach Hennigs hinüber, der ganz überrascht dastand und gar nicht

wußte, wie er sich diese merkwürdige Scene deuten solle.

»Rettet mich, Herr, rettet mich, wenn Ihr nicht wollt, daß sie mich bei

lebendigem Leibe verbrennen, wie sie's dem armen Nigger in St. Louis gethan

haben, rettet mich um des Heilands Willen, sie sind dicht hinter mir!«

Er blickte flehend zu ihm empor, und Hennigs konnte jetzt zum ersten Mal

seine Züge erkennen. Kaum hatte er ihn aber einen Moment scharf in's

Auge gefaßt, als er vorsprang, den Knieenden bei der Schulter ergriff und

ausrief:

»Alle Wetter, das ist Wallis entlaufener Neger, halt, Bursche, wo kommst Du

her und wo willst Du hin?«

Der unglückliche Ben warf einen flehenden Blick auf den alten Mann und sank

dann, seine Kniee loslassend, ohnmächtig zu Boden.

»Der Bursche hat wahrscheinlich nicht mehr weiter gekonnt!« sagte Hennigs,

als er ihn umwandte und fühlte, wie der arme Teufel regunglos in seinen

Armen lag, »nun, ein Bischen kalt Wasser wird ihn schon wieder zu sich

selbst bringen. Sie werden ihn aber hier behalten müssen, bis wir Wallis

davon benachrichtigen können. Der wird nicht wenig froh sein, daß er seinen

Neger wieder hat.«

»Sie werden ihn doch nicht ausliefern?« rief Lucy entsetzt.

»Nicht ausliefern, Miß Lucy? -- wir sollen doch wohl nicht etwa gar

einem Nigger zum Fortlaufen behülflich sein und nachher das Vergnügen im

Zuchthaus büßen?«

»Man will ihn lebendig verbrennen!« rief Sally und faltete in Todesangst

die kleinen weißen Händchen auf der klopfenden Brust.

»O bewahre Gott,« lächelte Hennigs, »das wäre ja wider des Herrn eigenen

Vortheil, einen seiner Sclaven umzubringen; nein, Sally, der kommt mit

einer Tracht Schläge davon, und die hat der Schlingel auch eigentlich

verdient, warum läuft er fort; er weiß, daß er doch am Ende wieder gefangen

wird.«

Draper bog sich schweigend zu dem Unglücklichen nieder und wies auf seinen

Rücken, die Dämmerung brach schon stark herein, aber deutlich konnten sie

noch erkennen, wie rothes Blut durch die dünne Leinwandjacke gedrungen war,

und diese in langen, theils erhärteten, theils noch frischen Streifen an

dem Rücken des Unglücklichen festgeleimt hatte.

Die Frauen stießen einen Schrei der Angst und des Entsetzens aus, und

selbst Hennigs wandte sich schaudernd ab.

»Der arme Teufel!« brummte er vor sich hin.

Draper brach endlich das Schweigen und sagte mit hohler, fast tonloser

Stimme, indem er den Neger noch immer mit seinem Arm unterstützte:

»Der Knabe hier rettete mir vor drei Wochen das Leben; ich badete im Strom,

und nur seiner Dazwischenkunft verdanke ich es, daß ich das steile

schroffe Ufer, zu dem mich die zu starke Strömung hingerissen hatte, wieder

erklimmen konnte. Heute traf ich ihn flüchtig im Wald, und obgleich ich

wußte, daß es ein entflohener Sclave sei, ließ ich ihn ungehindert ziehen.

-- Ich wandte mich ab und wollte nicht sehen, wohin er floh. Jetzt führt,

Gott weiß nur welches Schicksal, den Unglückseligen in meine Hütte, und mir

bleiben einzig und allein zwei Auswege offen: entweder ich verrathe meinen

Lebensretter und überliefere ihn seinen Henkern, oder ich setze mich der

Gefahr aus, angeklagt zu werden einem Neger, einem Sclaven, zur Flucht

behülflich gewesen zu sein, -- das Zuchthaus ist dann meine Strafe.«

»Hier ist, denk' ich, ein Ausweg möglich,« sagte Hennigs, »Wallis weiß, daß

ihm ein Arbeiter nur dann von Nutzen sein kann, wenn er gesund und

kräftig ist; auf Euer Wort giebt er überdies etwas, und wenn Ihr zu ihm

hinüberreitet und ihm sagt, daß Ihr ihm seinen Neger gegen das Versprechen

wieder verschaffen wollt, daß er den schon so arg Gemißhandelten nicht noch

mehr züchtige, so glaub' ich, wird er schon ein vernünftiges Wort mit sich

reden lassen und kein Unmensch sein. Zum Henker noch einmal, er gehört ja

doch auch mit zur Kirche, und da darf er ja schon des Aufsehens wegen nicht

den Tyrannen spielen.«

»Er schlägt die Augen auf,« sagte Mrs. Draper, die ihm indessen Stirn und

Schläfe mit Essig eingerieben hatte, »er kommt wieder zu sich, großer Gott,

wie weh dem armen Menschen ums Herz sein muß; Vater, wenn nun unser Sohn,

der sich jetzt in Texas oder Mexico herumtreibt, so unter fremden Menschen

läge, wie wolltest Du, daß ihm da geschähe?«

»Ich glaube wirklich nicht, daß ihm viel Gefahr droht, Mrs. Draper,« nahm

Hennigs noch einmal das Wort; »wenn Sie es wünschen, so will ich selbst

mit Draper hinüber reiten, um Wallis zur Milde zu stimmen, aber ausliefern

müssen wir ihn, das verlangt nicht allein das Gesetz, sondern auch unsere

eigene Sicherheit. Es ist ja denn doch auch nur ein Neger, und ich

sehe nicht ein, weßhalb sich zwei Weiße seinetwegen in so entsetzliche

Unannehmlichkeiten stürzen sollten, wie daraus entstehen könnten.«

»Es ist _nur_ ein Neger, Mr. Hennigs,« sagte Sally mit bitterem Vorwurf im

Ton, »das klingt, aufrichtig gesprochen, recht garstig von Ihnen. Vater war

in seinen Augen auch _nur_ ein Weißer, und er hat ihn doch aus dem Wasser

gezogen. Das weiß ich, wenn Sie den armen Menschen wieder auslieferten,

und ich wäre Lucy, ich spräche in meinem ganzen Leben kein Sterbenswörtchen

mehr mit Ihnen.«

»Sein Sie barmherzig!« flehte auch Lucy jetzt, und sah bittend zu dem

jungen Mann auf, der sich, den Hut in der Hand, verlegen hinter den Ohren

kratzte.

»Aber, beste Miß Lucy,« sagte er endlich, »was hülfe es ihm denn, wenn

wir unsere eigene Sicherheit auch wirklich nicht einen Pfifferling rechnen

wollten, deßhalb wäre ihm doch nicht mehr geholfen. Entfliehen kann er

nicht; wie käme ein Nigger von hier bis zu der canadiensischen Grenze

ohne Paß? Liefern wir ihn also nicht aus, wobei wir uns zugleich für ihn

verwenden können, so fängt ihn Jemand Anderes, und dann geht's ihm erst

recht schlimm.«

Der Neger hatte seine großen, lebhaften Augen geöffnet und zu dem

Sprechenden mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Seelenschmerz in

den dunkeln Zügen aufgeblickt. Jetzt theilten sich seine Lippen, und er

flüsterte, mit aber noch kaum hörbarer Stimme:

»Ich bin verloren, die Verfolger sind mir auf den Fersen; ich traf einen

der nach mir ausgesandten Männer zufällig im Wald, und nur die Verzweiflung

gab mir Kraft genug, ihm in dem dichten Unterholz zu entgehen, das ihm

nicht erlaubte mit dem Pferd so schnell hindurch zu brechen. Unfern von

hier wußte ich ihn von meinen Fährten abzubringen und floh nun, als

letztem Rettungsweg, Ihrem Hause zu. Ich kann nicht weiter, mein Rücken

ist zerfleischt, meine Kräfte sind erschöpft, die Wunden brennen mich wie

Feuer, und die Glieder versagen mir den Dienst. Liefern Sie mich aus, dann

ist's vorbei, und ich habe dieß elende Leben überstanden.«

»Es ist nicht so schlimm, Ben!« sagte Hennigs gutmüthig, »wir wollen selbst

zu Deinem Herrn hinüber reiten und ihn um Schonung für Dich bitten; er soll

Dich nicht weiter mißhandeln.«

»Umsonst, umsonst!« stöhnte der Unglückliche, und sah starr vor sich

nieder, »das wäre vergebens; letzten Freitag warf er mich zu Boden und trat

mich mit Füßen; die harten Steine rissen die noch nicht geheilten Wunden

der Peitschenhiebe wieder auf, wahnsinniger Schmerz durchzuckte mich, und

in aller Verzweiflung, nicht mehr wissend was ich that, was ich beging,

ergriff ich einen gerade dort liegenden Axtstiel und -- schlug meinen

Master zu Boden.«

»Unglückseliger!« sagte Hennigs mitleidig, »dann bist Du allerdings

verloren!«

»Nein, nein!« rief Draper, »ich will verdammt sein, wenn ich ihn

ausliefere. Ich weiß, was ich riskire, ich weiß was mich bedroht, wenn ich

entdeckt werde, doch gleichviel; im schlimmsten Falle lasse ich die hier

gethane Arbeit im Stich, und ziehe nach Iowa hinein, aber ich will nicht

haben, daß mich das Bild dieses Unglücklichen mein ganzes Leben lang, Tag

und Nacht hindurch mahnen und martern soll, und ich mir ewig sagen muß:

der hatte dir nur das Leben gerettet, damit du ihn nachher gebunden seinem

Henker überliefern konntest. Sei guten Muths, Ben, es soll Dir Nichts

geschehn, ich will doch einmal sehn, ob der alte Draper so auf den Kopf

gefallen ist, daß er nicht ein Mittel findet Dir fortzuhelfen.«

»Aber, Draper, Draper, denkt an Euer Weib und Euere Kinder,« sagte warnend

der junge Mann.

»O, reden Sie dem Vater nicht ab,« bat ihn flehend Lucy, »lassen Sie ihn

das gute Werk vollbringen, und -- wenn Sie sich uns Allen als ein recht

lieber, lieber Freund erweisen wollen, o, so helfen Sie nur dießmal, den

armen, armen Jungen von so fürchterlicher Strafe zu erretten.«

»Liebe Miß Lucy,« erwiederte Hennigs, noch immer unschlüssig, »ich will

ja gewiß Alles von Herzen gern thun, was Ihnen nur die mindeste Freude

gewähren kann, ich sehe aber wahrhaftig nicht ein, wie dem armen Teufel

geholfen werden soll. Sind ihm die Verfolger so dicht auf den Fährten wie

er sagt, dann können wir sie auch jeden Augenblick hier erwarten, und in

dem Zustand, in dem er sich jetzt befindet, wäre es für ihn unmöglich zu

entfliehen. Hier im Haus sind wir eben so wenig im Stande ihn lange zu

verbergen, selbst wenn wir wollten; denn das eine offene Gemach, was Sie

haben, bietet nirgends auch nur den geringsten sichern Schlupfwinkel.«

»Wir müssen ihm einen Paß schreiben!« rief Mrs. Draper schnell, »das wird

ihm durchhelfen; einen mit dem Paß versehenen Neger hält Niemand an.«

»Aber womit?« frug Lucy ängstlich, »wir haben weder Schreibzeug, noch

Papier, selbst das Stückchen Bleistift, was in dem alten Haus über dem

Kamin stak, muß verloren gegangen sein, ich konnte es wenigstens nirgends

finden.«

Der Neger hatte indessen mit ängstlichen Blicken von einem der Sprechenden

zum andern gestarrt, und seine Augen leuchteten, als er den Paß erwähnen

hörte; jetzt, da ihm diese letzte Hoffnung abgeschnitten schien, barg

er zitternd das Antlitz in den Händen, und wenn auch kein Laut, kein

Schluchzen die Stille unterbrach, so kündete doch das convulsivische Zucken

seiner ganzen Gestalt den ungeheueren Schmerz an, der ihn durchbebte.

»Hier muß Rath geschafft werden!« rief der alte Draper jetzt, und ging mit

schnellen Schritten im Zimmer auf und ab, »Ben muß fort, und ein Paß, das

seh' ich ein, ist dazu unumgänglich nöthig. So mag er denn hier im Haus

verborgen bleiben, bis ich ihm den herbeischaffen kann; ich will noch heute

zum Squire Mapel reiten und Tinte und Papier holen.«

»Aber das ganze County ist schon in Aufregung,« flehte in Todesangst Ben,

»der, der mich heute verfolgte, wußte ebenfalls von dem, einem weißen Manne

gegebenen Schlag; zweimal hätte er mich niederschießen können, aber er

schrie fluchend, er wolle mich lebendig haben, um mich schmoren zu sehen;

sie sind zum Fürchterlichsten entschlossen.«

»Halloh! da drüben!« schallte plötzlich eine Stimme von der andern Seite

der niedergehauenen Bäume herüber, und gleich darauf übertäubte, wie bei

Hennigs Ankunft, das Heulen der Meute jeden weitern Anruf.

»Das ist mein Verfolger!« stöhnte Ben und sank, die Hände gefaltet, in

Verzweiflung auf einen Stuhl nieder, an dessen Lehne mehrere Tropfen klaren

Blutes, die durch die dünne Jacke gequollen waren, hängen blieben.

Der alte Mann trat indessen in die Thür, beschwichtigte mit einem Wort die

Hunde, die, der Stimme des Herrn gehorsam, nur leise knurrend den fremden

Tönen lauschten, und rief jetzt die Gegenfrage an den späten Gast hinüber:

»Wer ist da, und was wollt Ihr?«

»Wer da ist, zum Henker, Pitt ist da, oder ist eigentlich noch nicht da;

denn er steckt hier in einem undurchdringlichen Gewirr von allem Möglichen,

und weiß nicht, wie er herauskommen soll. Wo in aller Welt ist nur der

Fahr- oder Reitweg, Draper? Auf dem, wo ich hergekommen bin, liegen

wenigstens zwanzig Klafter Holz!«

»Seid Ihr allein?« frug Draper zurück.

»Ja, allerdings, es werden aber gleich noch eine ganze Menge kommen,

ich traf sie nicht weit von hier, und sie redeten davon, bei Euch zu

übernachten.«

»Ich komme gleich, Pitt,« rief Draper ihm zu, »bleibt nur einen Augenblick

da halten, Euer Pferd könnte sonst in den vielen Splittern Schaden nehmen,«

und damit warf er die Thüre wieder in die Klinke und trat in das Innere

seiner Hütte zurück.

»Es ist zu spät!« sagte er eintönig, als er mit starrem Blick auf den

unglücklichen Knaben niedersah, »sie werden hier sein, ehe wir im Stande

sind, auch nur einen vernünftigen Rettungsplan zu ersinnen, viel weniger

auszuführen.«

»Wenn er sich nun draußen im Walde versteckte?« frug schüchtern Sally, »ich

will ihm ja recht gern Speise und Trank bringen; morgen früh gelingt es

dann vielleicht, dem Armen zu helfen.«

»Nein, das ist unmöglich, die Hunde würden ihn dort nicht unbeachtet

lassen; überdieß bringen die Fremden, wenn es seine Verfolger wirklich

sind, auch auf jeden Fall ihre Rüden mit, und dann wäre seine Entdeckung

unvermeidlich. Ich begreife ohnedem nicht, wie ihn meine eigenen

Bärenfänger so unbelästigt hereingelassen haben.«

»So verbirg ihn dort zwischen unsern Betten!« sagte Sally plötzlich, »dort

mag er liegen, bis sich irgend ein Ausweg für ihn gefunden hat, und wenn es

bis morgen früh wäre.«

»Das ist das Einzige; Höll' und Teufel, Pitt wird ungeduldig da drüben, ich

muß ihn holen; so versteckt ihn denn schnell, und möge Gott geben daß er

dort unentdeckt bleibt, sonst ist mein guter Name für Missouri dahin, und

ich muß selbst der Rache seiner Bürger entfliehen.«

Tief aufseufzend verließ er die Hütte, seinen heute so unwillkommenen Gast

herein zu holen, während die Frauen indessen ein ziemlich weiches Lager für

den armen Gemißhandelten bereiteten und es, zwischen den Betten und durch

einen mit Kleider überhangenen Stuhl, so verdeckten, daß, wenn nicht eine

wirkliche und hier keineswegs zu befürchtende Haussuchung Statt fand, sein

Lager von den in der Hütte befindlichen Personen sicherlich nicht gesehen

werden konnte, da sich auch schon ohnedieß keiner der Amerikaner neugierig

einer Stelle zugedrängt hätte, die der »Damen-Schlafplatz« war.

Bald darauf erreichte der späte Besuch den kleinen, vor dem Hause

befindlichen, offenen Platz, sprach dort einige Worte, seines Pferdes

wegen, mit Draper, und betrat dann, schon von draußen den Frauen einen

guten und freundlichen Abend hereinrufend, das Innere des jetzt durch ein

selbstgegossenes Licht erhellten Raumes.

Mr. Pitt war ein kleines, wohlbeleibtes Männchen, mit so blonden Haaren,

daß er sie oft selbst im Scherz »Isabellfarben« nannte, dazu mit großen

blaugrauen Augen und gewöhnlich in einen Pfeffer- und Salz-farbenen

Oberrock eingeknöpft. So gemüthlich er aber auch sonst in manchen Sachen

sein mochte, so viel er selbst auf sein Vieh, auf seine Pferde und Rinder

hielt, die er sich nie überarbeiten ließ, so sehr haßte er die Neger, und

behandelte seine eigenen Sclaven, wenn er sie auch gut »fütterte,« wie

er es nannte, stets mit der größten Verachtung. Die Sclaven der ganzen

Nachbarschaft fürchteten ihn auch ungemein, haßten ihn aber wohl noch mehr

und nannten ihn überall nur den »Niggerfresser.«

Und doch war dieser Mann ein ganz guter Bürger, ehrlich und rechtschaffen

in all seinem Thun und Handeln, und hatte sich, einzig und allein durch

eigenen Fleiß, ein gar nicht unbedeutendes Vermögen erworben.

Seinem Ehrgeiz war übrigens dadurch Genüge geschehen, daß ihn sein

»Township« zum Friedensrichter, und zwar damals noch ernannt hatte, als die

Aufregung für General Harrison selbst bis in den fernen Westen drang; er

rühmte sich auch seines eifrigen Whigthums und schwärmte natürlich für

Henry Clay, und besonders für Frelinghuysen, der, seiner Aussage nach,

der frömmste Mann der Welt sei und eher verdiente, Präsident, als nur

Vicepräsident zu werden.

Seiner Religion nach war er Presbyterianer, und hing dabei so eifrig an der

Kirche, daß er schon einmal, als er sich bei einer großen Betversammlung

befand, wo der andächtig harrenden Gemeinde gemeldet wurde, der plötzlich

krank gewordene Prediger könne nicht kommen, selbst, unvorbereitet,

den Rednerstuhl bestieg, und mit Kraftworten und noch nie dagewesenen

Gesticulationen den Leuten erzählte, wie's ihm eigentlich ums Herz sei. Man

wollte ihn später allerdings dazu bereden der geistlichen Beredsamkeit sein

Leben ausschließlich zu weihen, Mr. Pitt zog es aber vor Friedensrichter

zu bleiben, und behauptete, vielleicht nicht ganz ohne Grund, »als Laie die

Eingeborenen viel mehr in Erstaunen setzen zu können, als wenn er aus

der heiligen Sache eine wirkliche Profession mache«. Dabei war er höchst

ritterlich und gefällig gegen Damen, obgleich er, als alter Junggeselle,

von diesen auch manches Scherz- und Stichelwort ertragen mußte; ja, er

hatte sogar selbst, vor noch nicht so langer Zeit, bei einer Entführung

in St. Louis thätigen Antheil genommen. Wenn er aber auch gern von dieser

Sache sprach, so verfehlte er doch nie dabei die Bemerkung zu machen,

daß das vor der Zeit gewesen sei, wo er als Friedensrichter in Thätigkeit

getreten, und er jetzt, gerade im Gegentheil, eine solche ungesetzliche

Handlung mit jeder ihm zu Gebote stehenden Macht verhindern würde.

Mr. Pitt trat also in die Thüre der Hütte, und reichte, sich nicht mit

dem allgemeinen »guten Abend, Ladies,« begnügend, noch jeder der Damen

insbesondere die Hand, führte dabei auch so total allein das Wort und

erkundigte sich so angelegentlich nach dem Befinden und Wohlergehen seiner

»neuen Nachbarn« (sein Haus lag elf englische Meilen entfernt), daß er

die Verlegenheit und Aufregung, in welcher sich diese befanden gar nicht

bemerkte, sondern geschäftig einen der Stühle zum Kamin schob (und zwar mit

dem Rücken gegen die Thür, also den Betten mehr zugewandt), von dem aus er

an Draper und Hennigs indessen tausend verschiedene Fragen zu gleicher Zeit

richtete.

Draper war übrigens selbst zu aufgeregt, um sich in eine Beantwortung

derselben einzulassen, und frug nur seinerseits, wobei er freilich einen

Augenblick benutzen mußte, in dem der würdige Mann gerade Athem schöpfte,

wen er noch von Fremden im Walde getroffen habe, was diese getrieben und

wann sie hier eintreffen würden.

»Stop, Sir -- stop!« schrie der Kleine und drehte sich in komischer

Verzweiflung nach ihm herum, »das sind eine Menge verschiedener Artikel,

die erst geordnet und dann einzeln vorgenommen werden müssen. Vor allen

Dingen, Ladies, fürchte ich, daß Ihr Raum heute ein wenig beschränkt werden

wird; denn acht Mann kann ich sicher anmelden, die noch vor Ablauf einer

Stunde hier eintreffen werden. Das heißt, eigentlich nur sieben, da Einer

von ihnen hier schon ganz behaglich und warm am Feuer sitzt und sich

ungemein freut, daß er aus den bösen Dornen und Ranken da draußen heraus

ist. Dieser Eine, meine theuren Ladies, den ich Ihnen die Ehre habe in

meiner unbedeutenden Person vorzustellen, wird nun auch wohl morgen noch

hoffentlich das Vergnügen genießen, in Ihrer Gesellschaft zu bleiben;

denn ich zweifle keinen Augenblick, daß Sie ebenfalls beabsichtigen

der Betversammlung beizuwohnen; die dort aufgehäuften Kleider sind

wahrscheinlich schon dazu bestimmt, Ihren holden Gestalten einen womöglich

noch höhern Reiz zu verleihen.«

»Wer waren aber die Anderen?« unterbrach ihn ungeduldig der Alte.

»Wer die Anderen waren?« wiederholte lächelnd der kleine Friedensrichter;

»die Blüthe des Staats, der Stolz und Schmuck unseres und des benachbarten

Countys, lauter wackere Farmer, wie berittene Nimrode, mit ihren Büchsen

und Hunden. Apropos, Draper, habt Ihr den Wolfshund noch, den Ihr

von Hilbert damals kauftet? das war ein famoses Poppy, muß einmal ein

prächtiger Hund werden.«

»Waren die Männer auf der Jagd?« mischte sich Hennigs jetzt in das

Gespräch.

»Jagd? ja,« sagte der Kleine; »aber ganz besondere Jagd -- Hochwild --

Menschenfleisch!«

»Menschenfleisch?« riefen die Frauen entsetzt.

»Erschrecken Sie nicht, meine Damen, es war weiter nichts als ein

weggelaufener Nigger,« lächelte der gemüthliche Friedensrichter,

»vielleicht haben sie ihn jetzt schon und bringen ihn dann gleich mit her.«

Keiner im Haus antwortete ihm auch nur eine Sylbe darauf, und der

Geschwätzige fuhr plaudernd fort:

Aus zwei Welttheilen. Erster Band. Gesammelte Erzählungen · 第 8 / 21 段