wissen, wie ich mich hier verlieren sollte; ich sitze so fest, wie der Wolf
in der Falle. Wo zum Henker ist denn der Eingang zu Ihrem Haus? ich bin
hier zwar auf dem Fußweg, er scheint aber nicht sehr begangen.«
»Sie hätten um die Lichtung herum, durch den Wald reiten müssen,«
entgegnete die Frau, »mein Mann hat hier Bäume gefällt.«
»Ja, das läßt sich nicht läugnen,« lachte der Reiter, »die Beweise liegen
zur Hand.«
»Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs,« rief jetzt eine kichernde
Mädchenstimme hinter der alten Dame vor, und dicht neben ihr ließen sich in
diesem Augenblick zwei allerliebste Köpfchen sehen, die neugierig die Lage
des jungen Mannes erspähen wollten, »bleiben Sie nur da halten; Vater hat
gesagt, daß er im Lauf der nächsten Woche das ganze Holz wegräumen will,
und dann wird der Fußweg wieder frei.«
»Danke, Sally, danke!« rief Hennigs lachend, »die Zeit möchte mir aber doch
lang werden, wenn ich Ihre liebe Stimme immer so ganz in der Nähe hören
müßte und nicht hinüber könnte. Nein, mag mein Poney sehen, wie es allein
heraus kommt; ich will's ihm leichter machen!« Und damit sprang er vom
Pferd, schnallte Sattel und Zaum ab, hing sich beides über die Schulter
und kletterte nun, wenn auch nicht ohne bedeutende Anstrengung, dem kaum
sechzig Schritt entfernten Hause zu.
Das Poney blieb im Anfang, als es sich so von seinem Herrn verlassen sah,
ruhig stehen, und spitzte nur sehr bedeutend die kleinen Ohren; als es
jedoch fand wie sich die Sache eigentlich verhielt, und den Trog witterte,
an dem es gefüttert zu werden hoffte, warf es den Kopf in die Höhe,
wieherte ein paar Mal hell auf, und flog dann, jetzt durch keine Last
mehr zurückgehalten, mit kühnen Sätzen über Stamm und Busch hinweg, bis es
schnaubend und mit den Hinterbeinen wild nach den hier auf es einstürmenden
Hunden schlagend, vor der Thüre der Hütte hielt, und dort seinen jetzt
ebenfalls herankeuchenden Herrn freudig begrüßte.
Dieser aber warf Sattel und Zaum nieder, sprang schnell die aus über
einander gelegten Klötzen bestehenden Stufen hinauf ins Haus und rief hier,
die Hände der Frauen ergreifend und herzlich schüttelnd:
»Wie geht's, Mrs. Draper, wie geht's, Sally und Lucy, Ihre Hand, Alle wohl?
seh'n wenigstens Alle kerngesund aus; doch -- wo ist der Alte?«
»Vater ist noch draußen im Wald, er sucht die Pferde,« entgegnete, nach
der kurzen Begrüßung, Sally, das jüngste der beiden Mädchen, die etwa
siebenzehn und neunzehn Jahre zählen mochten.
»Haben Sie gar keine Spuren im Wald gesehen?« frug die Matrone, während sie
ihr großes Baumwollenspinnrad in die Ecke schob und die Kohlen im Kamine
mit dem langen Schürstecken zu neuer Glut aufschüttelte.
»Sie müssen heute Morgen aus den Hügeln herunter gekommen sein,« meinte
Hennigs, »am Bach wenigstens waren die Fährten, und wenn ich nicht irre, so
habe ich auch gleich oben über dem Kreuzweg die Schelle gehört.«
»Ah, dann findet sie Vater gewiß nicht,« rief Sally bedauernd aus, »er
wollte an Potters Creek hinauf und von da an links in das Thal hinüber
suchen.«
»Nein, er ist wohl schon auf den Spuren,« entgegnete der junge Mann; »denn
im weichen Quellboden sah ich deutlich die Abdrücke eines Schuhes.«
»Vater trägt heute seine Mocassins,« sagte Lucy, »das muß Jemand Anderes
gewesen sein.«
»Dann allerdings; aber wer will denn die Pferde brauchen? ist ein Tanz
irgendwo? es scheint Sie ja Alle ungemein zu interessiren, ob der Vater die
Pferde findet, oder nicht.«
»Tanz? pfui, Mr. Hennigs, ich dächte doch Sie wüßten, daß wir nicht
tanzen,« erwiederte ihm, etwas pikirt, die Matrone.
»Ach, alle Wetter ja, ich habe davon gehört, Sie hätten sich der »Kirche«
angeschlossen und wären »religiös« geworden; Vater auch?«
»Noch nicht,« entgegnete, mit einem tiefheraufgeholten Seufzer, Mrs.
Draper, »wir wollen aber morgen früh zur Campmeeting, und davon hoffe ich
das Beste: der liebe Gott wird ihn ja wohl erleuchten, daß er den rechten
Weg findet.«
»Das wird er, das wird er, Mrs. Draper, ob aber auf solche Art, bezweifle
ich fast; der alte Herr trinkt gern sein Gläschen, und wenn ihm einmal
etwas in die Quere kommt, ih nun, dann flucht er auch wohl ein Bischen, und
ich glaube kaum, daß er sich das so leicht abgewöhnen wird. Wozu braucht er
aber auch wirklich zu einer »Kirche« zu gehören? 's ist so ein herzensguter
alter Mann, wie nur je Einer seine Sohlen in den Missouri-Bottom drückte,
er thut ja keinem Menschen etwas zu Leide.«
»Wir sind Alle Sünder, Mr. Hennigs,« sagte die alte Dame sehr ernst, »und
mein armer Mann besonders, er schwört und flucht, genießt geistige Getränke
und hat neulich den reisenden Prediger, der bei uns übernachtete und die
Gebete las, einen Hypokryten genannt, ja sogar gelogen, als er während des
Gebetes aufstand und, Nasenbluten vorschützend, das Haus schnell verließ;
ich habe später das Tuch untersucht, es war nicht ein einziger Blutfleck
darin, und der arme Fremde wartete eine volle halbe Stunde mit dem Gebet,
ehe er fortfuhr, damit der böse Mensch keinen Vers des heiligen Wortes
versäumte.«
Hennigs lachte laut auf.
»Der arme Draper; also half ihm seine kleine Nothlüge nicht einmal?«
»Kleine Nothlüge, Mr. Hennigs?« sagte die Matrone mit größerer Strenge, als
sie es sonst wohl gewohnt war, »Sie reden da recht böse, recht unendlich
böse Worte; abgesehen davon, daß der Augenblick, wo er sich mit seinem
Gott beschäftigen sollte, keine Nothlüge zuließ, so giebt es gar keine
Nothlügen; es darf Nichts in der Welt einen frommen Menschen zu einer Lüge
bewegen, nicht einmal die Noth; denn das Herz, was nicht wahr und treu ist,
kann dem Herrn kein wohlgefälliges Opfer bringen.«
»Aber beste Mrs. Draper,« entgegnete ihr Hennigs, »Sie werden mir doch
gewiß zugeben, daß es Fälle im menschlichen Leben giebt, wo eine Nothlüge
nicht allein keine Sünde, sondern sogar gut und --«
»Nein, das gebe ich Ihnen _nicht_ zu,« unterbrach ihn die Matrone schnell,
»das kann ich Ihnen nicht zugeben, und schon ein solcher Gedanke ist
Unrecht.«
»Wenn aber nun zum Beispiel Ihr Mann, oder eines von Ihren Kindern recht
lebensgefährlich krank wäre,« demonstrirte Hennigs, »und wenn Sie
nun wüßten, daß jede Aufregung für sie oder ihn die traurigsten,
nachtheiligsten Folgen haben könnte, würden Sie da nicht, wenn nun etwa ein
lieber Freund des Kranken eben gestorben wäre und er darnach früge, ihm den
Todesfall verheimlichen? würden Sie da nicht lieber zu einer Nothlüge Ihre
Zuflucht nehmen, ehe Sie das Ihnen theure Leben aufs Spiel setzten?«
»Mr. Hennigs, Sie bauen da eine ganze Menge von Voraussetzungen zusammen,
um nur eine, Ihren Ansichten günstige Antwort zu hören. Das sind die
Fallstricke, die uns der Teufel legt, um uns irre zu führen in dem, was
recht und gut ist, und reichen wir ihm dann einen kleinen Finger, so hat
er bald die ganze Hand und mit ihr die Seele des ihm Verfallenen. Draper
nannte auch den frommen Mann einen Hypokryten.«
»Hm, ja, Mrs. Draper; aber Draper sagte mir, er hätte an dem Gebet volle
sieben Viertelstunden gelesen, das ist doch ein Bischen stark.«
»Es war sehr erbaulich, und er gedachte aller unserer Sünden, da mußte es
schon lange werden,« erwiederte die Frau.
»Wollen Sie nicht mit uns zur Campmeeting gehen, Mr. Hennigs?« frug jetzt
Sally den jungen Mann, und sah ihn bittend mit ihren großen dunkeln Augen
an.
»Gewiß, gewiß!« rief dieser schnell. »In so angenehmer Gesellschaft führ
ich selbst mit zur -- Campmeeting,« verbesserte er noch zur rechten Zeit,
da ihm schon ein sehr sündhaftes Wort auf den Lippen schwebte, »aber
wahrhaftig,« sagte er, jetzt sich in dem kleinen Raume umschauend, »Draper
muß ver -- muß ungemein fleißig gewesen sein; er hat sich in den vier
Wochen, die er hier ist, schon wirklich ganz behaglich eingerichtet; das
Dach kann ja kaum vierzehn Tage liegen.«
»Mr. Draper ist auch in der That sehr fleißig gewesen,« erwiederte die
Matrone, »wie lange wird's aber dauern, da packt ihn die leidige Wanderlust
wieder an, und Knall und Fall verkauft er für wenige Dollar das, was
ihm jahrelange Arbeit gekostet hatte, und zieht westlich, immer weiter
westlich, und immer tiefer in den Wald zwischen wilde Menschen und Thiere
hinein.«
»Nun, viel weiter westlich kann er jetzt nicht mehr gehen,« meinte Sally
ganz ernsthaft, indem sie dem Gast einen Stuhl zum Feuer rückte; »Vater hat
ja selbst gesagt, er wäre nun nicht mehr weit vom indianischen Gebiet,
und in dem dürfen sich keine weißen Leute ansiedeln. Ueberdieß,« fuhr sie
schelmisch lächelnd fort, »ist ja Mr. Hennigs ebenfalls hier in den Wald
gezogen, und da muß die Gegend doch wirklich Vorzüge besitzen, die man ihr
auf den ersten Anblick hin gar nicht zutrauen möchte.«
Lucy wandte sich ab und setzte ihre Arbeit an dem großen
Baumwollenspinnrade fort.
»Das Wandern müssen Sie uns schon zu Gute halten,« erwiederte Hennigs, der
ebenfalls Sally's Anspielung vermeiden zu wollen schien und jetzt in aller
Verlegenheit mit seinem Taschenmesser an dem Stuhle herumschnitt, auf
dem er saß. »Dafür sind wir ja eben Pionniere oder Squatter, wie uns der
Ost-Amerikaner nennt. Amerika braucht aber gerade solche Leute, die weder
wilde Thiere noch wilde Menschen fürchten, sondern keck hineinziehen mitten
in ihr Bereich, und der Natur den Boden abtrotzen, der ihnen und ihrem
Fleiß, nach Aussage aller klugen Leute, nun doch einmal gehört.«
»Ja, ja, das ist schon Alles recht schön und gut,« meinte Mrs. Draper,
»aber lieber wäre ich denn doch in Illinois geblieben.«
»Was, in Illinois? in den ungesunden dürren Steppen? zwischen
Prairie-Hühnern und Prairie-Wölfen, und in der Gesellschaft der wirklich
weltberühmten Corncrackers!«[3] rief Hennigs erstaunt aus: »nein, da lobe
ich mir das Kraftland unserer Niederung, das ist nicht todt zu machen, und
wollen wir wirklich Prairien haben, nun, dann finden wir sie westlich von
hier, schöner und herrlicher, wie sie der ganze Osten mit all seinen so
hochgepriesenen Vortheilen aufweisen kann.«
[3]: Spottname für die Bewohner von Illinois.
»Das mag wahr sein,« entgegnete ihm Mrs. Draper; »aber Illinois ist doch
kein Sclavenstaat, und, mag dieß Land so schön und gut sein, wie es will,
es ist mir fürchterlich auch nur mit Menschen zusammenleben zu müssen, die
ihre Brüder und Schwestern wie das Schlachtvieh verkaufen.«
»Ach Gott, ja, Madame, es mag viel Wahres daran sein,« meinte Hennigs
kopfschüttelnd, »manchmal, wenn ich so recht allein darüber nachdenke,
kommt's mir auch fast so vor, als ob es nicht ganz recht wäre, daß wir die
Neger feilbieten und ebenso für sie, wie für andere Waaren, den möglichst
höchsten Preis zu erhalten suchen. Für Sünde kann's aber doch auch nicht
gelten; denn unsere Väter und Großväter haben's gethan, das Gesetz hat den
Sclavenhandel geheiligt und die Bibel selbst scheint die Sache als etwas
sehr Natürliches zu betrachten, wenigstens habe ich neulich einmal mit dem
presbyterianischen Geistlichen, der auch Sclaven hält, darüber gesprochen
und der behauptet, Gott selbst habe das so eingesetzt, daß die heidnischen
Völker den Christen dienen müßten; das klingt auch eigentlich vernünftig
genug.«
»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte Mrs. Draper, »sie vertheidigen die
Sclaverei, selbst aus der heiligen Schrift, aber nur Gott kann erkennen
ob sie daran Recht thun; ich möchte nicht ein voreilig Urtheil fällen. Wir
Frauen fühlen uns aber auch vielleicht weit näher darin berührt als die
Männer; mir thut's ja schon in der Seele weh, wenn ich ein junges Huhn
geschlachtet habe, und sehe nun, wie die alte Henne gluckend den ganzen
Raum, den sie sonst zu begehen pflegt, durchläuft und das Verlorene sucht;
wie vielmehr muß ich Mitgefühl mit einer Mutter haben, der fremde Menschen
das Kind aus den Armen reißen, um es für wenige Dollar zu verkaufen,
während sie selbst gern das eigene Herzblut dafür hingäbe, und doch zu arm
ist es zu bezahlen. -- Ich wollte, wir wären in einem Freistaat geblieben.«
»Nun, hier in Missouri wird die Sclaverei noch nicht so arg getrieben,«
sagte Hennigs, »im Süden mag's freilich schlimmer sein; hier hören wir auch
ganz selten von entflohenen Negern, und das, sollte ich denken, wäre ein
ziemlich günstiges Zeichen. Wo ein Freistaat so nahe ist und die Sclaven
trotzdem bei ihrem Herrn bleiben, da kann auch ihr Loos noch kein
entsetzliches sein.«
»Und wie sollten sie denn entfliehen können?« frug Mrs. Draper, »muß denn
nicht ein Neger, wenn er nur selbst auf eine andere Farm oder Plantage
hinübergeht, einen Paß haben, ohne den er von jedem weißen Mann
festgenommen werden kann? und liefert nicht selbst dann, wenn der flüchtige
Neger den Freistaat wirklich erreicht hat, dieser, zur Schande der
Vereinigten Staaten, den festgenommenen Sclaven an seinen Herrn aus? Wie
also soll ein solcher armer Mensch denn entkommen, wenn er Niemanden weiß
an den er sich wenden kann, wenn er Niemanden hat, der ihn unterstützt und
ihm forthilft, und wer das thut -- hat Zuchthausstrafe zu erwarten.«
»Das Ausliefern muß aber sein,« fiel ihr hier Hennigs in die Rede, »wie
könnten denn die Vereinigten Staaten einig neben einander bestehen, wenn
sie einander ihr Eigenthum vorenthalten wollten; das gäbe ja zu endlosen
Streitigkeiten Anlaß, und müßte nach und nach zu Haß und Zwietracht führen.
Nein, es ist allerdings schlimm, daß wir die Sclaverei haben, und ich
selbst wollte Gott danken, wenn es ein Mittel gäbe ihrer los und ledig zu
werden, und alle von Negern Abstammende wieder über die See zurück in ihre
Heimath senden könnten, wie ja der Anfang dazu auch mit Liberia gemacht
ist; da aber die klügsten Leute im Lande sich schon seit langen Jahren
vergebens die Köpfe zerbrochen haben, wie Dem am Besten abzuhelfen wäre, so
wird unser Einer doch auch nicht dagegen ankämpfen sollen. Das Bestehende,
wie es nun einmal besteht, muß der Einzelne ehren.«
Lucy hatte indessen aus einer Spalte über dem Kamine ein zusammengefaltetes
Zeitungsblatt herausgenommen, schlug es jetzt aus einander und hielt es dem
jungen Mann entgegen.
»Sie behaupten, es entflöhen hier in Missouri keine Neger ihren Herren?«
sagte sie mit leisem Vorwurf im Tone, »da -- überzeugen Sie sich selbst;
hier stehen Drei angegeben, und vor jedem ein kleines Bildchen: ein armer
Neger mit seinem Päckchen auf dem Rücken; der eine ist sogar von einem
unserer Nachbarn, aus dem nächsten County, von Squire Wallis.«
»Das spricht für und wider mich,« sagte Hennigs; »wider mich, wegen
dem Entlaufen, für mich, weil eben dieser Wallis auch Einer von Ihren
sogenannten frommen Leuten ist; er hat sogar schon gepredigt, und die
Presbyterianer halten ihn für ein besonderes Licht, das dem Staate und
ihrer Kirche in diesem Manne aufgegangen sei. Gott bewahre uns vor solcher
Beleuchtung!«
»Behandelt Mr. Wallis seine Sclaven wirklich so arg?« frug die Matrone.
»Dessen war Draper und ich neulich Zeuge,« erwiederte ihr Hennigs; »wir
ritten gerade vorbei, als er einen seiner jungen Neger an einen Baum
gebunden hatte und ruhig daneben seine Pfeife rauchte; dann und wann nur,
wie um sich eine kleine Bewegung zu machen, stand er auf und peitschte
den Unglücklichen höchsteigenhändig, daß ihm das klare Blut an dem Rücken
hinunter lief. Wir frugen ihn, was ihn zu einer so fürchterlichen Strafe
veranlaßt habe, er behauptete aber, er thue das aus christlicher Milde, es
sei gegen seine Grundsätze einen seiner Sclaven im Zorn zu strafen, und
da kühle er sich in der Zwischenzeit immer erst ein wenig ab, um ruhig zu
bleiben und nicht hitzig zu werden.«
»Und das nennen Sie ein freies Land!« rief die Matrone entrüstet.
»Und das nennen Sie einen frommen Christen!« warf Hennigs dagegen ein; »ist
Ihnen da nicht Ihr Mann mit all seinen kleinen Fehlern und Eigenheiten,
meinetwegen Schwächen, zehntausendmal lieber, selbst wenn er dann und wann
das untere Ende des Whiskeykruges höher hebt, als das obere, und seinem
Herzen mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs bösgemeinten Worten Luft
macht?«
»Aber das viele gotteslästerliche Fluchen könnte er doch lassen,« sagte
Mrs. Draper, freilich schon um Vieles milder gestimmt.
»Ja, und Sie auch, Sir,« lachte Sally, »Lucy hat schon oft gesagt, Sie
wären ein ganz guter Mensch, wenn Sie nur nicht immer --«
»Sally!« rief Lucy, »wie kannst Du nur --«
Ein plötzliches Anschlagen der Hunde unterbrach hier jede weitere Rede,
und gleich darauf trat auch, die Mütze fest in die Stirne gedrückt und die
Büchse in der Hand, die er, ohne sich weiter umzusehen, auf die über der
Thür eingeschlagenen Pflöcke legte, Draper ein.
»Da bin ich wieder,« sagte er, und drehte sich in diesem Augenblicke nach
den Seinen um, sein Antlitz war aber auffallend bleich, sein ganzes Wesen
schien erregt, und er fuhr merklich zusammen, als er einen Fremden an
seinem Kamin erblickte, faßte sich jedoch augenblicklich und streckte dem
schnell erkannten Freunde die Rechte entgegen.
»Und ohne die Pferde?« frug Hennigs, der die dargebotene Hand derb
schüttelte, »mit leeren Zügeln? Die Damen hier scheinen deren Ankunft fest
erwartet zu haben.«
»Dann müssen die Damen noch etwas Geduld haben,« lächelte der Alte, und
nahm die Mütze ab, die er oben auf eine Ecke des Kaminsimses legte. Dabei
schienen aber seine Gedanken wieder weit hinweg zu schweifen, und er
starrte, die Hand noch immer oben an dem Brett, wohl mehrere Minuten lang,
wie in tiefem Nachdenken versunken, auf die im Kamine glimmenden Kohlen
nieder.
»Mr. Hennigs hat die Fährten im Potters Creek gesehen, Vater,« brach
endlich Sally das Schweigen, »sie müssen nach der Niederung hinunter sein,
und da, weißt Du wohl, wenn sie erst in den Schilfbruch kommen, findest Du
sie immer nicht gleich wieder. Am Ende versäumen wir morgen den Anfang der
Campmeeting.«
»Das wäre freilich entsetzlich,« lächelte der Alte, der jetzt seine volle
Ruhe wieder erlangt hatte und sich behaglich auf dem für ihn hingeschobenen
Stuhl niederließ, »und dann könntest Du und Lucy auch nicht eure neuen
Kleider und Bonnets zeigen, und Mutter müßte das schöne Umknüpftuch noch
ganze vierzehn Tage länger in der Kiste liegen lassen.«
»Aber, Mann!« unterbrach ihn vorwurfsvoll Mrs. Draper, »willst Du denn
behaupten, daß wir solcher sündlichen Eitelkeit wegen zu der Versammlung
reiten? Habe ich Dir dazu schon je Ursache gegeben?«
»Vater ist überhaupt heute so sonderbar?« sagte Sally plötzlich, indem sie
auf ihn zuging und ihm scharf ins Auge schaute, »es fiel mir gleich auf wie
er hereintrat; ich weiß nicht --«
»Aber ich weiß, was Jungfer Naseweiß zu thun hat,« sagte der Alte, und
ergriff sie lächelnd beim Kinn; »draußen steht Mr. Hennigs Poney und
wiehert nun schon, so lange ich im Hause bin, ganz ungeduldig um den
versteckten Mais herum. Geh, und gieb ihm ein halbes Dutzend Kolben, und
dann wollen wir das Pferd aushobbeln,[4] es mag sich hier herum sein Futter
selbst suchen. Du mußt ihm aber vorher die kleine Glocke umschnallen, sie
hängt hinten an der Hausecke.«
[4]: Aus_hobbeln_ nennt der Amerikaner das Zusammenbinden der
Vorderbeine des Pferdes, damit sich dieses zwar langsam von der Stelle
bewegen kann, sein Futter zu suchen, aber doch nicht im Stande ist
fortzulaufen.
Sally sprang singend hinaus, den erhaltenen Auftrag zu erfüllen, Draper
aber ging zu seiner Frau hin, strich ihr schmeichelnd die nur noch halb
schmollend weggedrehte Wange und sagte gutmüthig:
»Bist nicht böse, Alte, weißt schon, wie's gemeint ist; ein Bischen eitel
seid ihr aber Alle, wenn ihr's auch nicht wollt merken lassen; denn in
ihrem Alltagskleid ginge keine von euch zur Campmeeting, so viel weiß ich.«
»Das würde sich auch nicht schicken, Draper, das würde sich auch nicht
schicken; wenn wir zu dem Herrn beten, müssen wir auch zeigen, daß wir
etwas darauf halten, mit anständigem Aeußeren vor ihn zu treten.«
»Das wäre dem lieben Gott, so wie ich ihn kenne, sehr egal,« lachte Draper
gutmüthig: »doch, Du hast recht, Du meinst's ehrlich dabei, und bist auch
sonst brav und wacker; nur das scheinheilige Pack kann ich nicht leiden.
Aber, Hennigs, wo habt Ihr denn die Pferde gesehen?«
»Die Pferde nicht, nur die Spuren,« erwiederte dieser, »sie kamen aus den
Hügeln herunter und gingen, über den Kreuzweg hinüber, der Niederung zu;
wenn ich nicht ganz irre, habe ich sogar die Schelle gehört, die der Fuchs
um hat.«
»Ja, die schellt am weitesten, 's ist wohl möglich; nun, dann finde ich
sie heute Abend an der Buffalolick, dorthin gehen sie gewöhnlich, wenn sie
überhaupt die Richtung einschlagen.«
»Ich sah auch dort oben die Spuren eines Mannes,« fuhr Hennigs fort,
»und glaubte erst, als ich hier hörte Ihr wäret ausgegangen die Pferde zu
suchen, es seien die euren gewesen. Der die hinterließ trug aber Schuhe; es
wird wohl ein Jäger gewesen sein.«
»Ja, ja, es wird wohl ein Jäger gewesen sein,« sagte der Alte, stand auf
und schritt dann ein paar Mal in der Stube auf und ab; »ja, fuhr er dann
fort, ich habe sie auch gesehen, sie gingen nach Süden, den Ansiedelungen
zu; wahrscheinlich ein Jäger; aber was ist das für ein Zeitungsblatt?«
»Dasselbe, was der Sheriff heute Morgen hier herein gelegt hat, Vater,«
erwiederte ihm Lucy, »wir blätterten darin herum.«
»Nun, giebt es Neuigkeiten aus St. Louis?« frug der Alte, und fuhr sich
mit der linken Hand über die breite, offene Stirne, als ob er alle anderen
Gedanken daraus verscheuchen wollte; »wie steht's mit der Wahl? was sagt
unser Demokrat da? hat Polk Aussichten?«
»Nun, Missouri läßt ihn sicher nicht im Stich,« lachte Hennigs. »Das war's
aber nicht, wir haben uns nicht mit Politik beschäftigt, sondern nur über
eine Frage debattirt, die das gute Verständniß der südlichen und nördlichen
Staaten betraf -- über die Sclaverei, und zur Erläuterung derselben lasen
wir hier einige Anzeigen von entlaufenen Sclaven.«
»Von entlaufenen Sclaven? wo? zeigt her!« rief Draper schnell und zwar mit
einem Interesse, das einem genauen Beobachter sicherlich hätte auffallen
müssen; Hennigs aber, die Bewegung einzig und allein der Neugierde
zuschreibend, hielt ihm ruhig das Blatt hin und sagte:
»Drei Stück -- Wallis hat auch wieder Einen hineinsetzen lassen.«
»Neunzehn Jahr alt,« las Draper, »schlank gewachsen, mit freier, hoher
Stirn und besonders wolligem Haar; Farbe: Ebenholzschwärze, Größe: fünf Fuß
sieben Zoll -- das stimmt alles.«
»Was stimmt?« frug Hennigs.
»Was stimmt? ih nun, die -- o, ich kenne den Burschen, der wahrscheinlich
entlaufen ist,« erwiederte Draper, und wandte sich, wie um besser lesen zu
können, mit der Zeitung ab, dem Lichte zu.
»Ist es etwa der, den er vor kurzer Zeit so fürchterlich mißhandeln ließ?«
sagte Hennigs.
»Derselbe, derselbe; sein Rücken ist noch jetzt blutig und zerfleischt, die
Narben hatten noch keine Zeit, wieder zu heilen, der arme Teufel konnte
Tag und Nacht kein Auge schließen vor Schmerz und Qual und -- mußte
dennoch arbeiten; Donnerwetter, Alte, wo ist denn eigentlich der Whiskey,«
unterbrach er sich plötzlich und bog sich nieder, um unter den Fuß des
Bettes zu sehen, wo die fragliche Steinkruke gewöhnlich ihren Platz hatte,
»ich bin trocken wie eine Ohio-Chaussee, ich staube ordentlich. Glaubt ihr,
man soll euch die Pferde suchen, und nachher nicht einmal einen Tropfen
trinken? Ich verdurste, wenn ich nicht bald etwas bekomme!«
»Vater hat wohl die Pferde gesucht, hat sie aber noch nicht gefunden,«
sagte Sally, und schöpfte dabei, als sie eben in die Thüre trat, den
Flaschenkürbiß voll des klaren Quellwassers, das in einem Eimer auf dem
dort angebrachten Regale stand.
»Ist mein kleiner Kiek in die Welt auch schon wieder da?« lachte der Alte.
»Also, weil ich sie nicht gefunden habe, braucht' ich auch nicht trocken
im Halse geworden zu sein? und Wasser soll ich trinken? Wettermädchen das,
folgt der Alten aufs Haar. Nein, Kinder, einen Schluck Whiskey muß ich
vorher aufsetzen, aber laß nur das Wasser hier, Sally, zum Nachtrinken
giebt's nichts Besseres auf der ganzen Welt.«
»Bester Mann,« bat Mrs. Draper, »ist nun das klare, liebe Himmelsgetränk
nicht viel besser und zweckmäßiger, selbst den brennendsten Durst zu
löschen?«