Der Pastor stand mit seiner Frau nahe der Schlafkammerthür und noch im

Schatten der Wand, in dem jetzt dunkeln Zimmer, während ein einzelner

Mondenstrahl in das obere Fenster und auf die gegenüber liegenden

Treppenthür fiel; aber auch durch eine dünne Gardine so weit gemäßigt

wurde, die Gegenstände, die er beleuchtete, nur undeutlich und unbestimmt

erkennen zu lassen. Nichtsdestoweniger sahen die Gatten ganz genau, wenn

sie auch nicht das mindeste Geräusch der sonst gewöhnlich kreischenden

Thüre hörten, wie sich die blanke Klinke langsam bewegte und anscheinend

von selber aufdrückte -- gleich darauf öffnete sich eben so feierlich die

Thür, und herein trat mit geräuschlosem Tritt eine Gestalt, die das Blut in

Beider Adern stocken machte -- der grüne Schlafrock, das schwarze Käppchen

-- die hohe, bleiche Figur -- die Pastorin stand mit fast aus ihren Höhlen

starrenden Augen, mit halbgeöffneten Lippen -- mit noch immer zeigend

und zugleich abwehrend ausgestrecktem Arme da, und selbst der Mann blieb

überrascht -- bestürzt vor dem, was seine eigenen Augen sahen und nicht

ableugnen _konnten_ -- in der einmal genommenen Stellung.

Im nächsten Moment glitt die Erscheinung, sonst regungslos, langsam in den

dunkeln Theil des Zimmers und ein klimperndes Geräusch wurde laut, wie

von Stahl an Stahl. Der Pastor fühlte, wie sich sein Weib an seinen Arm

klammerte und selbst von einem ihm unerklärlichen Entsetzen gefaßt, wußte

er kaum ob er stehen bleiben, ob vorspringen sollte. Da ließ der Druck an

seinem Arme nach und die Frau wäre zu Boden gestürzt, hätte er sie nicht

rasch umfaßt und gehalten.

Als er sich wieder nach der Erscheinung umdrehte, war diese verschwunden,

und der Mond schien freundlich in das stille -- leere Gemach.

Der Pastor trug die ohnmächtig gewordene Frau auf ihr Bett, und sprang dann

mit dem rasch entzündeten Lichte durch sein Zimmer, -- riß die Thür auf,

eilte die Treppe hinunter, durch alle Gänge, faßte an alle Klinken, fand

selbst das Hausthor verschlossen und pochte vergebens an des Küsters Stube

an; der alte Mann lag schon lange in tiefem Schlaf und hörte ihn nicht. --

Es war Alles so still, so unheimlich; auf den Gängen rauschte und flüsterte

es, wie mit schleppenden Gewändern zog's Trepp auf und ab -- den sonst

unerschrockenen Mann faßte ein Schauder an, und mit Gewalt mußte er das

Gefühl, das ihm die Brust zusammen zu schnüren drohte, von sich werfen.

»Der Wind, -- der Wind!« murmelte er, wie um sich selbst zu beruhigen dabei

leise vor sich hin, und floh mehr als er ging, die Treppe wieder hinauf.

Dort aber raffte er sich gewaltsam zusammen, betrat zuerst das Zimmer

seiner Frau, um dieser beizustehen, stieg dann hinauf wo ihre Magd schlief,

weckte sie und gab ihr die nöthigen Aufträge, was sie zu besorgen habe.

Dann untersuchte er noch einmal alle Laden und Thüren, ging sogar über

den Hof, um zu sehen ob das Hofthor verschlossen wäre, und that überhaupt

Alles, was er nur mit ruhigster, kältester Besonnenheit hätte thun

können; aber es geschah eben nicht mit kalter Besonnenheit, -- wie ein

Nachtwandelnder, mit bleichem Gesicht und glanzlosem Auge schritt er von

Ort zu Ort, und die Bewegungen seines Körpers glichen eher denen eines

künstlichen Automaten, als denen eines wirklichen, selbstbewußten Menschen.

Sobald der Morgen dämmerte und seine Frau in einen ruhigen stärkenden

Schlaf verfallen war, schloß er sich in sein Zimmer ein, schrieb dort den

ganzen Vormittag und siegelte mehrere Pakete und Schriften ein. Selbst zum

Mittagsessen blieb er nicht vorn und sah nur einmal nach der Kranken, ob

sich diese von den Vorfällen der letzten Nacht in etwas erholt habe.

Nachmittags klopfte es an sein Zimmer, und als er den Riegel zurückschob,

reichte ihm der draußen stehende Postbote einen Brief. -- Er riß ihn auf,

sah nach der Unterschrift -- er war von seiner Schwägerin Regine -- und las

mit flimmernden Augen, während das Schreiben in seiner Hand zitterte und er

die Züge kaum erkennen konnte, folgende in flüchtiger Eile niedergeworfenen

Zeilen:

»Lieber Schwager.

Gott hat uns gestern Abend auf schwere, entsetzliche Weise heimgesucht.

Zwischen zehn und halb eilf Uhr starb, wahrscheinlich an einem

Blutschlage, mein armer Vater. Theilen Sie Elisen die Schreckenskunde

vorsichtig mit -- ach, sein letzter, sehnsüchtiger Wunsch war ja, _sie_

noch einmal vor seinem Ende zu sehen. Wenn es möglich ist kommen

Sie her; Elise wird aber Ihre Gegenwart gerade jetzt wohl schwerlich

entbehren können. Ich schreibe in der Nacht, und will den Brief noch

vor dem Abgange eines Bahnzuges an einen Conducteur zur Beförderung

schicken, daß er Sie wo möglich heute noch erreicht. Trösten Sie meine

arme Schwester.

Ihre

_Regine_.«

* * * * *

Acht Wochen waren verflossen -- draußen auf Feldern und Wiesen keimte und

grünte es, das Frühjahr hatte mit seinem warmen Hauch den starren Boden

geküßt, und froh auf dieser trieb, in immer neu erstehender Kraft und

Jugend, saftreiche Gräser und Halme und bunte, glänzende Blumen und

Blüthen. -- Zwischen neckend nach ihm hinunterschwankenden Zweigen rieselte

freudig murmelnd der klare Waldbach hin, und aus südlichern Zonen waren die

munteren Sänger des Waldes wiedergekehrt und zwitscherten freudig in den

alten lieb gewonnenen Plätzen, wo sie schon im vorigen Jahre so still und

friedlich mitsammen gehaust.

Die Luft war rein und lau und auch vor der Pastorwohnung, unter dem

blühenden Apfelbaume, von duftigen Hollunderbüschen umgeben, saß, an der

Seite ihres wackeren Mannes, die erst von schwerer Krankheit erstandene

Frau, und schaute mit mattem Blick auf das fröhliche Wirken und Schaffen

der herrlichen Welt. Ihre kräftige Natur hatte endlich das heiße Fieber

besiegt, der Körper erholte sich wieder, wenn auch langsam von dem

erlittenen Anfall und die Kräfte kehrten nach und nach zurück. Der nicht zu

scheuchende Trübsinn der Reconvalescentin aber, ihr dumpfes, stundenlanges

Träumen und Brüten -- die Angst, die sie ergriff, wenn sie Abends, selbst

auf Augenblicke allein im Zimmer bleiben mußte, das Alles verrieth nur zu

deutlich, wie sie jene Schreckensstunde nicht allein nicht vergessen habe,

sondern die peinliche Erinnerung derselben auch noch im krankhaft erregten

Gemüthe hege und sich heimlich abzehre und gräme.

Solche Furcht und Besorgniß mochte wohl das Herz des Gatten erfüllen, denn

er hielt die Hand der Geliebten fest und innig in der seinen und schaute

ihr wehmüthig freundlich in das bleiche leidende Gesicht, wagte aber doch

nicht den wunden Fleck zu berühren, der _vielleicht_ geheilt werden konnte,

vielleicht aber auch nur eines Anlasses, nur eines Wortes bedurfte, um

mit neuer, zündender Gewalt auszubrechen und um sich zu greifen. Ueber die

Vorgänge jener Nacht hatte er selbst mit Niemandem gesprochen; nur seinem

alten Freunde, dem Schulmeister, vertraute er die Ursache der Krankheit

seiner Frau und theilte ihm dabei die näheren Umstände der Erscheinung

und so bis zu den kleinsten Einzelnheiten mit, daß der Schulmeister doch

endlich zugestehen mußte, es sei ein höchst merkwürdiger Fall, und bestärke

ihn, wenn beide Gatten wirklich recht gesehen, nur immer noch mehr in dem,

was er schon früher über Ahnungen gedacht und gesprochen. »Vor der Hand

übrigens,« meinte er, »sei es am Besten, es auf sich beruhen zu lassen;

es käme sehr häufig vor daß sich derartige, dem Anschein nach höchst

wunderbare Fälle, oft später und ganz zufällig, auf die natürlichste

Weise aufgeklärt hätten. Ja, wären die beiden Leute vorher nicht durch

Geistergeschichten aufgeregt und gespannt gehalten worden, wäre irgend ein

dritter, ruhiger Zuschauer dabei gewesen, dem dasselbe wiederfahren, aber

so --« er schüttelte dann immer mit dem Kopfe, und wollte das Erlebte nicht

zugeben.

Die untere Gartenthür ging auf, der alte Küster kam mit dem Schulmeister

den breiten Mittelgang herauf, und herzlich begrüßten die beiden Männer zu

ihrem ersten Ausgang in Gottes schöner Luft die Kranke, während der Küster

dem Pastor ein Schreiben überreichte, das, irgend ein Geschäft betreffend,

augenblickliche Erledigung verlangte.

Barrenkamp erbrach und durchflog es rasch und sagte dann, während er

aufstand und sich dem Hause zuwandte:

»Ich werde in wenigen Minuten damit fertig sein, und Ihr könnt es gleich

wieder mit zurücknehmen, Münzer. Bleibt Ihr Beiden indeß bei meiner Frau

und vertreibt ihr die Zeit ein Bischen; sie wird gern einmal wieder auf die

Plaudereien aus dem Dorfe horchen.«

Der Pastor ging schnell ins Haus.

»Was macht Ihr Münzer? sagte die Frau und streckte dem alten Manne die

weiße abgezehrte Hand entgegen. -- Ihr schaut jetzt recht gut und wohl aus

-- die Frühlingsluft scheint Euch zu bekommen. Setzt Euch zu mir -- bitte

Schulmeister, nehmen Sie Platz -- was macht Euer Gärtchen -- Eure Kuh, Euer

kleines Stück Feld? -- wir haben uns recht lange nicht gesehen.«

»Ach, beste Frau Pastorin,« erwiederte der Greis und faßte und streichelte

die ihm gebotene Rechte -- »seit acht vollen Wochen, seit dem Abend nicht,

wo der Sturm die alte Linde an der Kirchhofsmauer umriß, und Hammers, unten

im Dorfe, den Schornstein mitten in die Stube warf, der beinahe das jüngste

Kind erschlagen hätte. Das war in jeder Beziehung eine böse Nacht und ich,

meinestheils, werde sie im Leben nie vergessen. Sie, Frau Pastorin, sind ja

auch damals krank geworden und haben sich gelegt. Ich weiß noch recht gut,

am nächsten Mor -- aber lieber Gott, fehlt Ihnen etwas? --«

»Es ist doch am Ende zu kalt hier draußen, Frau Pastorin,« unterbrach ihn

hier rasch der Schulmeister, der ein dorthin führendes Gespräch so bald

als möglich abzuschneiden wünschte. -- »Sie möchten lieber hineingehen in's

warme Zimmer -- soll ich Sie vielleicht geleiten? --«

»Ich danke, ich danke, Herr Wendler,« sagte die Frau und hielt sich nur

wenige Sekunden lang das Tuch gegen die Augen gepreßt -- zum ersten Male

wurde hier in ihrer Gegenwart, seit sie ihres Vaters Tod erfahren, jener

Abend erwähnt, und sie mochte jetzt die Männer nicht merken lassen, wie sie

der Gedanke daran erregte. -- »Es war nur ein leichter Uebergang« fuhr

sie dann mit einem halblächelnden Zug um den Mund fort -- »ein leichter

Uebergang sich oft einstellender Schwäche -- ich habe meine alten Kräfte

noch nicht wieder -- es wird gleich vorbei sein. Doch -- laßt Euch nicht

irre machen, Münzer -- Ihr nanntet jene Nacht eine böse -- ist auch Euch --

ist Euch etwas darin geschehen, daß Ihr sie nie wieder vergessen könntet?«

»Lassen Sie jene Nacht, beste Frau Pastorin,« bat sie der Schulmeister,

»die ist lange vorüber; weshalb immer wieder auf sie zurückkommen. Münzer

kann Ihnen eine andere treffliche Neuigkeit berichten; der Gutsherr hat ihm

das kleine Stückchen Feld, das er bis dahin bewirthschaftete, verdoppelt,

und hinlänglichen guten Samen zu Kartoffeln versprochen.«

Die Frau hielt indessen ihr Auge fest und forschend auf den alten Mann

geheftet; es war unverkennbar, daß irgend ein Gegenstand alle seine

Gedanken gefesselt hielt, denn er beachtete nicht einmal das, was ja

bisher, wie die Pastorin recht gut wußte, sein höchster Wunsch gewesen.

Etwas Anderes ging ihm im Kopfe herum und jene Nacht mußte damit in

Verbindung stehen. Der leicht erregbare Zustand der Kranken faßte denn

auch, besonders nach diesem Punkte hin, den geringsten Faden mit zitternder

Schnelle auf.

»Was ist Euch geschehen, Münzer,« flüsterte sie und griff, die Hand des

Schulmeisters zurückdrängend, nach seinem Arme -- »was ist, -- sagt mir --

was ist mit jener Nacht?«

»Geschehn gerade nichts, Frau Pastorin,« erwiederte der Greis und schnitt

verlegen mit dem Rand seiner Sohle in den gelben Kies ein, -- »geschehen

gar nichts, aber -- wenn Sie es denn wissen und -- mich nicht auslachen

wollen -- -- ich hatte eine Erscheinung.«

»Münzer!« rief der Schulmeister vorwurfsvoll, und der alte Mann sah erst

jetzt, als er die Augen vom Boden hob, zu seinem Schreck, welchen Eindruck

die wenigen Worte auf die Frau gemacht hatten.

»Ihr saht -- Ihr saht meinen Vater!« -- rief diese mit heiserer, kaum

vernehmlicher Stimme, -- »gesteht es nur -- gesteht -- Ihr saht an jenem

Abende meinen Vater -- Münzer!«

Die Kranke war in fürchterlicher Aufregung und der Küster hätte Gott weiß

was darum gegeben, kein Wort von der ganzen Geschichte gesagt zu haben;

doch zu spät. Auch der Pastor, der gerade jetzt wieder aus dem Hause trat

und bestürzt erkannte welcher Fehlgriff gemacht sei, war nicht mehr

im Stande seiner Frau das einmal fest und krampfhaft erfaßte Ziel zu

entrücken. Hören wollte sie, hören von des Küsters eigenen Lippen, was er

gesehen, _die Gewißheit_ wollte sie haben, daß ihr Vater selber sie gerufen

»und dann, dann« -- meinte sie und strich sich die Haare aus der feuchten

weißen Stirn -- »werde sie ruhiger, -- werde ihr besser werden.«

Es blieb keine andere Wahl als ihr zu willfahren und der Pastor forderte

zuletzt selbst den alten Mann auf, was er wisse, bei seiner Seele Heil aber

kein falsches, übertriebenes Wort zu sagen.

»Ach, lieber Herr Pastor,« erwiederte der Greis, »wollte doch Gott, ich

hätte ganz geschwiegen, noch dazu, da ich nicht einmal etwas Bestimmtes

über die Gestalt sagen kann.«

»Die Gestalt« -- wiederholte, kaum bewußt, die Kranke -- »wo war sie -- wie

sah sie aus?«

Der Schulmeister stand bestürzt und ängstlich daneben -- jetzt schien

sein letzter Einwurf gehoben -- und welchen Eindruck mußte eine solche

Bestätigung auf die reizbare Kranke machen.

»Genau weiß ich's nicht,« flüsterte der alte Mann und sah sich selbst hier

im hellen Sonnenlichte scheu um, als ob ihm der Gedanke an das Geschehene

noch Schauder erwecke; »doch -- es wird vielleicht besser sein, Ihnen das

Ganze nur in wenigen Worten mitzutheilen. Ich hatte mich nämlich an dem

Abende schon früh, weit früher als gewöhnlich, in's Bett gelegt; das

Wetter war stürmisch und mein altes Reißen plagte mich wieder einmal ganz

absonderlich; sobald ich aber einzuschlafen versuchte, störte mich ein

häßlich ächzendes Geräusch, das, wie ich gar bald fand, von dem offen

gelassenen Fensterladen der Sakristei herrührte. Nun hätte ich allerdings

leicht hinübergehen und den Laden schließen können, noch dazu da ich

fürchten mußte, der Wind bräche ihn vielleicht die Nacht aus den Angeln,

und von der kleinen Hinterthür, die aus meinem Zimmerchen hinüber führt,

sind's ja, wie Sie wissen, nur wenige Schritte -- ich hatte aber die

Schlüssel in des Herrn Pastors Studirstube liegen lassen --«

Der Schulmeister hob schnell den Kopf und sah den Küster forschend an.

»-- und scheute mich hinaufzugehen und ihn zu stören. So lag ich bis nach

zehn Uhr; da jetzt das Geräusch aber immer ärger wurde und ich nun auch

ziemlich gewiß wußte, Sie wären oben Alle zu Bett -- denn an der Linde,

die vor meinem Fenster steht, kann ich es deutlich sehen, wenn oben in der

großen Eckstube noch Licht ist -- zog ich meine Filzschuhe und meinen alten

Schlafrock an und schlich leise die Treppe hinauf --«

»Ihr waret an jenem Abend in meinem Zimmer?« rief der Pastor und die Lippen

der Frau theilten sich in Staunen und Ueberraschung --

»Auf der Treppe schon klang mir's unheimlich und laut,« fuhr der Greis, die

Frage nicht beachtend, fort, -- »das stürmische Brausen _um_ das Haus wurde

hier, in dem umschlossenen Raume, zum leisen Flüstern und Zischeln, und ich

öffnete rasch die Thür und schritt dem wohlbekannten Platze zu, wo der Herr

Pastor immer Abends die Schlüssel hinlegt, damit ich sie früh finden kann.

Schon hatte ich sie gefühlt und in die Hand gefaßt, denn ein schwacher

Mondenstrahl fiel in dem Augenblicke durchs Zimmer, als ich -- das Blut

stockt mir jetzt noch in den Adern, wenn ich daran denke -- ein leises

Stöhnen vernahm, und den Kopf rasch darnach umwendend, eine helle Gestalt

erkannte, die im Begriff schien, die Arme nach mir auszustrecken. Im

nächsten Augenblick stand ich vor Entsetzen stumm und regungslos, als ich

jetzt aber wirklich sah, daß sich die Erscheinung regte, als ich das weiße

Grabtuch rauschen hörte, da kann ich nachher nicht einmal mehr sagen, _wie_

ich aus dem Zimmer kam, nur so viel erinnere ich mich noch, ich glitt die

Treppe hinunter, sprang in meine Kammer, die ich hinter mir verschloß --

in's Bett, hüllte mich in die Decke ein und betete heiß und brünstig zum

lieben Herr Gott, daß er alles Unglück von mir und diesem Hause abwenden

wolle.«

»Und der Fensterladen?« frug der Schulmeister und ergriff lächelnd des

Pastors Hand.

»Der Wind legte sich bald nachher, meinte der alte Mann, und das Aechzen

hörte auf; wär's aber auch noch so stürmisch gewesen, an _dem_ Abende

hätten mich nicht zehn Pferde mehr in die Sakristei gebracht.«

»Elise!« sagte der Pastor, und zog das bleiche zitternde Weib leise an sich

-- sie zögerte einen Augenblick, -- schaute noch zweifelnd -- zaudernd vor

sich nieder und barg dann mit lautem Schluchzen den Kopf an ihres Gatten

Brust.

»Meine gute Frau Pastorin,« bat der alte Mann bestürzt.

»Alterchen, rief aber jetzt der Schulmeister, und zog den Arm des

erstaunten Küsters in den seinen; Ihr habt heute Morgen den gescheidesten

Streich gemacht, der sich nur denken läßt; nun kommt aber, meine prächtige

Geistererscheinung, hier ist Euer Dokument, heute Mittag müßt Ihr bei mir

essen.«

»Aber Herr Schulmeister -- ich begreife nicht --«

»Ist auch gar nicht nöthig, Schätzchen, -- ist auch gar nicht nöthig, nur

jetzt ein bischen die alten Knochen gerührt. Hurrah, Küster, ich bin so

fidel, ich könnte, glaube ich, eine Menuet tanzen und mir die Melodie

selber dazu pfeifen.«

Und ohne dem alten Manne auch nur Zeit zu lassen, noch ein einziges Wort an

die weinende Frau zu richten, zog er ihn rasch den Gartenweg hinunter und

verschwand mit ihm durch die hintere Thür.

Und die Kranke? --

Nur wenige Wochen sind seit jenem Morgen verstrichen, in der Pfarre giebts

aber keine Kranke mehr -- des Pastors wackere Hausfrau wirthschaftet

wieder, wenn auch noch etwas bleich und angegriffen, doch mit vollen,

rüstigen Kräften im Hause herum; auch der Schulmeister und Verwalter

kommen, wie früher, manchmal Abends herüber und verplaudern ein Stündchen

-- nur Geistergeschichten werden nicht mehr erzählt, und der Küster --

nimmt jetzt den Schlüssel zur Sakristei gleich Abends mit in seine Stube --

damit der alte Mann nicht mehr Morgens die Treppen zu steigen braucht, sie

herunter zu holen.

Schwarz und Weiß.

Aus dem Farmerleben Missouris.

Weit aus dem fernen Westen, da wo die eisgekrönten Berge ihre zackigen

Kuppen in einander drängen und zweien Meeren, dem atlantischen wie dem

stillen Ocean die schäumenden Quellen zusenden; weit von daher, wo er

sich seine rauhe Bahn durch die entsetzlichsten Felsmassen bricht, die

er entweder mit starkem Arm zerreißt, oder sich im tollkühnen Satz

hinüberschwingt, um nachher, wie ob des gelungenen Wagestücks, meilenlang

weiter zu tanzen und zu sprudeln, -- kommt der gewaltige Missouri herab,

»der schmutzige Strom,« wie ihn der Indianer des Raubes wegen nennt, den

er an seinem eigenen Ufer vollführt, oder der »brüllende Strom« (=roaring

river=), wie ihn erstaunt der Weiße taufte, als er da zuerst sein Bett

erblickte, wo er Fall nach Fall, dem verfolgten Panther gleich, aus den

Gebirgsschluchten sprang, und erst dort still und geräuschlos seine Bahn

vollendete, als er das schützende Dickicht der Niederung erreicht hatte und

nun zwischen den riesigen Stämmen des Urwaldes hin, dem starken Bruder, dem

Mississippi, in die Arme glitt.

Dort nun, wo in dem Schatten der Eichen und Hickorys der wilde Wein

seine mächtigen Ranken von Zweig zu Zweig schlang und in zähen Armen die

stattlichen Bäume verband, während mit zwar prunkenderem Aeußeren, mit

bunter schimmernden Blüthen und saftigeren Blättern, andere Schlingpflanzen

ebenfalls hinaufstrebten zu den starken Aesten und sich ihnen liebend

anzuschmiegen schienen, indeß doch Gift in ihren Adern floß und sie nur

Macht zu bekommen suchten, das wackere Holz fest, fest zu umklammern und

ihm Licht und Luft zu rauben, daß es endlich in ihrem Griff erstickte,

verdorrte, -- dort, in dem fast noch unentweihten Heiligthume, stand ein

kleines, roh aufgebautes Blockhaus mit breitmächtigem, aus Lehm errichteten

Kamine, die Nordseite dicht an den dunkeln Wald geschmiegt, dessen

ungeheuere Wipfel hoch über das niedere Dach emporragten, an den

drei anderen Seiten aber durch ein wahres Chaos gefällter Bäume, hoch

aufgestapelten Busch- oder Oberholzes, abgeschlagener Stämme und

knorriger, sich weit umher spreizender Aeste im wahren Sinne des Wortes

verbarrikadirt.

Der Eigenthümer dieses Platzes mußte augenscheinlich erst seit kurzer Zeit

hierher gezogen sein und die Urbarmachung des Bodens begonnen haben, was

auch noch überdieß ein dicht am Hause stehender, mit Leinwand bespannter

Wagen bewies, der wohl, nebst einem nicht sehr weit von ihm entfernten

Karren, sämmtliche Habseligkeiten des Farmers in dessen neue Waldheimath

eingeführt hatte.

Die Sonne schimmerte eben noch mit ihrem rothen Gluthenlicht durch die

Wipfel der Bäume, als sich ein Reiter, auf kleinem indianischen Poney,

einem schmalen Kuhpfad folgend, dem Platze näherte und endlich gerade

da die Lichtung erreichte, wo Stämme und Aeste am tollsten umhergestreut

lagen. Wenige Secunden hielt er auch wirklich sein schnaubendes Pferd an,

und schien sich in den Steigbügeln hoch emporrichtend, nach irgend einer

Oeffnung zu suchen, durch die er in diese Holzmasse eindringen und das

Haus erreichen könnte. Der Wunsch mochte aber wohl unerfüllt bleiben; denn,

einen leisen Fluch ausstoßend, preßte er seinem Thier den einen bespornten

Haken in die Flanke und setzte über die ersten, ihm den Weg versperrenden

Klötze hinweg.

Das kleine muntere Pferd sah auch bald was sein Herr eigentlich

beabsichtige, und daran gewöhnt Hindernisse zu beseitigen, die bei

fortwährendem Reiten im Walde fast stündlich vorkommen, wand es sich mit

wirklich bewundernswerther Geschicklichkeit immer näher und näher dem

Hause zu, hier einen Stamm überspringend, dort vorsichtig durch wild umher

gestreute und zersplitterte Aeste dahinschreitend, bis es sich plötzlich,

nach einem besonders kühnen Satz über, oder vielmehr _durch_ den Wipfel

einer gefällten Eiche, so von allen Seiten eingezwängt und von wirklich

unübersteiglichen Hindernissen umgeben sah, daß es ruhig stehen blieb und,

in der festen Ueberzeugung sein Aeußerstes gethan zu haben, ganz geduldig

erwartete was jetzt der Reiter beschließen würde, der doch eigentlich auch

bei der Sache interessirt war.

Dieser aber blickte vergebens nach einem Ausweg umher und that endlich das,

was er von allem Anfang an hätte thun sollen, er rief das Haus an, und zwar

mit einem kräftigen, weit hinausschallenden »Halloh!«, was augenblicklich

im ohrzerreißenden Chor von zehn bis zwölf Rüden bellend und heulend

beantwortet wurde.

Gleich darauf öffnete sich die Breterthüre, auf deren Schwelle eine

schlanke, schon etwas ältliche Matrone erschien, die rings nach dem

Rufenden, freilich vergeblich, umherschaute, während jetzt die durch den

Anblick der Herrin immer noch mehr gereizten Hunde einen so fürchterlichen

Lärm erhoben, daß er für kurze Zeit jeden andern Laut vollkommen

übertäubte.

»Ruhig, Muse, ruhig, nieder mit dir, Watch, willst du still sein, Deik;

Hunde, ihr bringt Einen noch zur Verzweiflung, ruhig da, hört ihr denn

nicht!« rief die Frau, die Meute beschwichtigend, die sich denn auch

endlich zufrieden geben wollte, als ein zweites »=Halloh the house!=« ihren

Grimm aufs Neue erregte, der jetzt gar keine Grenzen mehr zu kennen schien.

Die Geduld der guten Frau mochte nun aber auch wohl ihr Ende erreicht

haben; denn einen zum Trinkbecher ausgeschnittenen großen Flaschenkürbiß

ergreifend, der in dem vollen, auf einem Gesims vor der Thüre stehenden

Eimer schwamm, goß sie die klare, kalte Fluth über die Tobenden aus, die

nun heulend und kläffend auseinander stoben.

Zum dritten Mal rief jetzt, diesen Augenblick der Ruhe benutzend, die

Stimme ihr immer ungeduldiger werdendes »Halloh!« herüber, und nun erst

ward die Matrone den Reiter gewahr, dessen Kopf nur wenig über das ihn

umgebende Buschwerk hervorragte.

»Mr. Hennigs, sind Sie das?« rief sie lachend, als sie die Lage des jungen

Mannes errieth, »wie, um Christi willen, haben Sie sich denn da hinein

verloren?«

Aus zwei Welttheilen. Erster Band. Gesammelte Erzählungen · 第 6 / 21 段