Holzung hin, den ich vorher überspringen mußte, er war übrigens schmal und
auf der andern Seite desselben führte ein grüner Rain in ziemlich genauer
Richtung der Stelle zu, wo die wunderliche Wache stand. Ohne weiteres
Ueberlegen -- denn ich ging nicht einmal viel um, da ich von dort aus die
Chaussee eben so rasch erreichen konnte -- schritt ich jetzt auf den Mann
zu und hielt dabei, des Wegs nicht weiter achtend, den Blick fest und
unverwandt auf seine, dunkel gegen das lichter dahinter liegende Grün
abstechende Gestalt geheftet. Das Bandelier zog sich ihm, wie ich deutlich
erkennen konnte, weiß und hell über die Brust und jetzt kam es mir auch
vor, als ob die Umrisse seines Kopfes, ja seine Gesichtszüge klarer und
deutlicher hervorträten.«
»Guten Abend, Kamerad! sagte ich endlich, als ich schon in mehr als Rufes
Nähe von ihm war -- ist ein kühler Posten hier, und abgelegen vom Wald;
-- weshalb so spät noch draußen? -- wird der Holzdiebstahl hier so arg
getrieben?«
»Der Soldat antwortete nicht, und ich hätte darauf schwören wollen, er sei
noch vor wenigen Sekunden mitten in der kleinen Wiese gewesen, auf der
ich mich jetzt befand, und nun stand er doch, wie sich gar nicht verkennen
ließ, in dem benachbarten Sturze, und ein gutes Stück weiter von mir
entfernt. Wieder überkam mich jenes eigenthümliche fröstelnde Gefühl, über
das ich mir keine Rechenschaft zu geben wußte, doch war ich entschlossen,
den wunderlichen Soldaten zum Antworten zu bringen, und ging jetzt mit noch
schnelleren Schritten als vorher auf ihn zu.«
»Sie glauben mir vielleicht nicht wenn ich es Ihnen sage, aber dennoch kann
ich Sie heilig versichern, daß ich nicht im Stande war den Schattenmann
zu erreichen -- deutlich genug sah ich ihn vor mir, und wenn er auch kein
Glied regte, weder Fuß noch Arm, dennoch rückte er aus einem Feld in's
andere und es blieb mir zuletzt gar kein Zweifel mehr, daß ich es mit einem
keineswegs körperlichen Wesen zu thun hatte.«
»Und konnte das ein Gebild meiner erregten Phantasie sein? -- war es
möglich, daß ich die Conturen der jetzt, trotz der Dämmerung immer noch
genau erkennbaren Gestalt nur träume oder denke? Ich blieb plötzlich
stehen und hielt den Blick fest und unverwandt auf die Figur geheftet.
Da verschwammen die Umrisse mehr und mehr mit dem, jetzt dunkel dahinter
lagernden Feld -- zuerst verschwand der Tschacko -- die Uniform -- ich sah
nur noch das blitzende Gewehr, das Bandelier, die helleren Beinkleider
-- auch diese wurden immer undeutlicher -- das Alles zog sich wie ein
leichter, wehender Nebel in den feuchten Grund -- der Körper, wenn es
überhaupt ein Körper gewesen, lief flüssig, in luftigen Hauchen aus
einander, und zuletzt war gar nichts mehr zu erkennen. -- Doch nein,
das weiße Bandelier stach noch immer scharf und klar gegen den düstern
Hintergrund ab -- ich konnte deutlich die Kappe sehen, in der das
Seitengewehr hing. -- War denn auch _das_ Täuschung? -- wenigstens davon
wollte ich mich noch überzeugen, denn wenn ich auch unbeweglich wohl zehn
Minuten auf meiner Stelle stehen blieb, der Schein des Bandeliers regte
sich ebenso wenig, und hing, wie es fast aussah, von einer unsichtbaren
Gewalt getragen, in der Luft.«
»Je näher ich kam, desto deutlicher ließ es sich unterscheiden, und schon
stand ich, kaum noch fünf Schritt davon entfernt, als ich --«
»Herr Gott -- was war das?« rief die Frau plötzlich und fuhr erschreckt auf
-- der Verwalter schwieg und selbst der Pastor warf einen flüchtig scheuen
Blick im Zimmer umher.
»Was hast Du denn?« sagte er dann und versuchte zu lächeln, -- »Du jagst
Einem ja ordentlich Schreck ein.«
»Hörtest Du nichts? sagte die Frau und sah leichenblaß aus, -- mir war es,
als ob Jemand um Hülfe schrie --«
»Die erregte Einbildungskraft,« beruhigte sie der Schulmeister, »wir haben
Alle ein gutes Gehör, Frau Pastorin, verlassen Sie sich darauf, hätte
wirklich Jemand gerufen, es wäre uns nicht entgangen -- die Erzählung hat
Ihre Nerven aufgereizt, das unbedeutendste Geräusch erschreckt uns dann; --
bitte, Herr Verwalter, fahren Sie fort.«
Der Pastor war aufgestanden und wischte mit seinem Taschentuch den Hauch
von dem Fenster, um hinaussehen zu können; bei dem augenblicklichen
Schweigen hörten sie, wie der Regen polternd gegen die Scheiben klapperte,
und draußen auf dem gepflasterten Hofe laut und klatschend aufschlug. Der
Verwalter, welcher während der ganzen Unterbrechung -- die übrigens nicht
so lange gedauert als ich hier gebraucht sie zu beschreiben -- seine
Stellung kaum so weit verändert, daß er bei dem ersten Ruf den Kopf etwas
erhob, jetzt aber wieder eben so still und in seinen Gedanken verloren in
dieselbe Ecke starrte als vorhin, fuhr augenscheinlich mehr mit sich selbst
sprechend, wie zu den Andern gewandt, mit leiserer Stimme als vorher also
fort:
»Fünf Schritt mochte ich noch davon entfernt sein, als ich erst in diesem
hellen Bandelier weiter nichts wie -- einen einfachen Streifen weißen
Sandes erkannte, der sich hier, von dunkler Erde und hohem Grase umgeben,
vielleicht zwei Schritt lang auf dem Boden herzog. Aber -- ich berührte ihn
mit dem Fuße -- die Stelle war erhöht, selbst das immer mehr schwindende
Licht warf noch seinen letzten düstern Schein über den kleinen flachen
Hügel. -- Es war ein _Grab_ und hier unten -- wie mit einem elektrischen
Schlage durchzuckte es meinen ganzen Körper -- viele Minuten stand ich,
meiner selbst kaum mächtig, auf der einsamen Stelle. -- Plötzlich -- ich
konnte mir im Anfang nicht einmal Rechenschaft darüber geben -- raffte ich
mich empor und floh, so schnell mich meine Füße trugen, zu meinem Freund,
dem Förster zurück.«
»Der Ring, der Ring -- das war der einzige Gedanke, den ich mit Bewußtsein
festhalten konnte -- der Ring des todten Soldaten, und bleich und athemlos
erreichte ich bald darauf sein Haus wieder. Er erschrak, als er mich in
diesem Zustande sah, -- er wollte --«
Der Verwalter schwieg plötzlich, stand auf, ging zum Fenster und trat von
diesem wieder zum Tisch zurück.
»Und der Ring?« frugen der Pastor und Schulmeister gespannt.
»Weshalb soll ich Sie noch länger mit der genauern Mittheilung quälen,«
erwiederte der Verwalter mit augenscheinlich erzwungener Ruhe -- »der Ring
war wirklich der meines Bruders -- und jenes Grab -- _sein_ Grab. Was jene
Erscheinung betrifft, so weiß nur Gott, ob sie ein Spiel meiner Phantasie
gewesen; doch einerlei, Sie werden begreifen daß ich seit jener Zeit
alle Ursache hatte, wenigstens an _Ahnungen_ zu glauben, wenn ich _das_
überhaupt mit diesem Namen belegen darf. -- Aber es wird spät, Herr Pastor
-- Sie wollen wohl auch zu Bette gehen -- es ist lange Schlafenszeit, und
ich habe noch eine kleine Strecke zu marschiren.«
»Sie können doch wahrlich bei dem Wetter nicht fort? sagte der Pastor
rasch, -- es pfeift und heult ja noch draußen um die Kirche herum, als wenn
es das alte Gebäude mit der Wurzel aus dem Erdboden zu reißen gedächte --
bleiben Sie die Nacht bei uns, das Fremdenstübchen steht bereit, und Sie
wissen, es macht auch nicht die mindesten Umstände.«
»Danke -- danke herzlich, sagte der Verwalter und verbeugte sich leise, --
es geht aber doch nicht; erstlich ist es kaum einen Büchsenschuß weit bis
an's Gut und dann muß ich auch morgen früh schon wieder bei der Hand
sein, und möchte überdies nicht gern gerade in solcher Nacht das Gut ohne
Aufsicht lassen -- es ist besser ich bin bei der Hand wenn etwas vorfällt.
Gehen Sie mit, Schulmeister?«
»Nicht Ihren Weg, ich gehe durch's Hinterpförtchen und habe dann nur einen
Sprung bis in mein Haus.«
Der Verwalter knöpfte sich seine grüne Pekesche bis oben hinan zu, klappte
den Kragen auf, band sich noch zur Vorsicht sein Taschentuch über diesen
um den Hals, griff nach Mütze und Hacke, schüttelte Allen herzlich die Hand
und verließ, ohne zu gestatten, daß ihm Jemand hinunter leuchte, rasch das
Zimmer.
Die drei Leute blieben, als sein Schritt schon lange auf der Treppe
verklungen war, noch wohl mehrere Minuten beisammen stehen, und es sah fast
so aus, als ob Keiner gern das Schweigen zuerst brechen wollte. Endlich
sagte des Pastors Frau mit einem recht aus tiefster Brust heraufgeholten
Seufzer:
»Ich wollte, der Verwalter hätte die häßliche Geschichte nicht erzählt --
ich weiß nicht -- mir wurde so unheimlich dabei -- und er blieb auch so
still und ernsthaft, als ob das Alles wirklich geschehen, und der Geist
seines Bruders ihm leibhaft erschienen wäre -- so deutlich und sichtbar
steht doch die Geisterwelt auf keinem Fall mit der unsern in Verbindung,
und man sollte daher auch so etwas nicht so lebendig und ernsthaft den
Leuten ausmalen.«
»Auch das läßt sich vielleicht natürlich erklären,« sagte der Pastor,
mehr wie es schien seiner Frau zur Beruhigung, als weil er selbst wohl das
wirklich glaubte was er jetzt sagte, -- »die Erzählung jenes Försters hatte
ihn sehr wahrscheinlich aufgeregt, und er dachte an den Bruder -- dachte
wohl gar, wenn _der_ jener fremde Mann gewesen, dessen Grab da so ganz in
der Nähe sein sollte. Dämmerung war es ebenfalls, die dunkeln Abendschatten
geben oft einem Strauch, einem Rain, ja einem vor uns hineinlaufenden
Wagengleis die wunderlichste Gestalt -- läßt es sich da nicht denken daß
er, besonders noch von dem weißen schimmernden Sand angelockt, zufällig
den kleinen Hügel fand und später die Bestätigung dessen erhielt was er
geahnt? --«
»Geahnt -- und da wären wir wieder auf dem alten Punkt« -- fiel hier
kopfschüttelnd der Schulmeister ein; »die Ahnung kommt zuerst, macht
uns unbehaglich, und die Imagination muß nachher dem Ganzen die Krone
aufsetzen; 's ist ein wunderliches Ding um den menschlichen Geist, aus
heiler Haut, mit all seiner gerühmten Festigkeit und Consequenz läßt er
sich herauslügen und außer Fassung bringen, und das ganze Nervensystem
erbebt nachher, wenn draußen nur etwa ein Besen in der Ecke umfällt, oder
die Katze von einem Stuhl herunter springt -- ganze Bücher ließen sich
schreiben über den Unsinn.«
»Unsinn, Schulmeister? -- wiederholte die Frau und sah ihn verwundert an.
Sie sagten doch selbst erst daß Sie an Ahnungen glaubten. Doch, wie dem
auch sei, ich halte es für Unrecht, und noch dazu in solch wilder Nacht,
die Einbildungskraft förmlich muthwillig aufzuregen -- ich glaube ich
könnte mich jetzt vor meinem eignen Schatten fürchten, und mag mich
gar nicht einmal danach umsehen -- Frauen sind doch recht ängstliche,
nervenschwache Wesen.«
»Ach, nicht Frauen allein,« meinte der Schulmeister lächelnd, während er
ebenfalls nach seinem Käpsel griff und den, schon vor Anfang des Regens zur
Vorsorge mitgenommenen dicken, rothbaumwollenen Regenschirm aus der Ecke
holte, »Zeit und Umstände müssen das ihrige dazu beitragen und der stärkste
Mann ist vor demselben Gefühl -- und dann noch dazu in weit erhöhtem Maße
-- nicht sicher.«
»Wenn er überhaupt ängstlichen Gemüths ist,« sagte der Pastor.
»Aengstlichen Gemüths oder nicht -- seine schwache Stelle, seine
Achillesferse hat ein Jeder, und wird die getroffen, so greift es nachher
gerade den stärksten Mann auch am stärksten und gewaltigsten an. Sie kennen
doch gewiß die Geschichte mit dem Spiegel --«
Die beiden Gatten verneinten es.
»Hm, sagte der Schulmeister, denn weiß ich auch nicht, ob ich's heute Abend
nicht lieber lasse -- Sie sind gerade erregt genug --«
»Ach, heraus damit -- in solcher Stimmung ist man am empfänglichsten
dafür, und schlimmer kann's bei meiner Alten doch nicht werden,« meinte der
Pastor.
»Ach Gott ja -- erzählen Sie nur,« bestätigte dies mit einem tiefen Seufzer
die Frau, -- »es kommt jetzt auf das eine mehr oder weniger nicht mehr an
-- ich fürchte mich doch heute Abend -- Sie sprachen von einem Spiegel.«
»Nun, ich meine das Hineinsehen in einen Spiegel, Abends, wenn man ganz
allein ist,« begann der Schulmeister und stützte sich auf die Lehne des ihm
nächsten Stuhles. »Es wird nämlich, wie Sie gewiß auch schon gehört haben,
behauptet, man könne oder dürfe vielmehr in stiller Nacht und in einem
einsamen Zimmer nicht mit einem Licht in jeder Hand langsam und dicht vor
den Spiegel treten, dort dreimal mit lauter Stimme seinen eignen Namen
rufen und dann laut und schallend auflachen. Thäte man das und riefe sich
besonders nachher noch einmal, so passire irgend etwas Entsetzliches, ich
glaube die eigene Gestalt soll mit schauerlich verzerrtem Gesicht aus dem
Spiegel heraussteigen.«
Die Frau warf einen scheuen Blick nach dem Spiegel und strich sich rasch
mit der Hand über die eigne Stirn.
»Die Geschichte nun, die mir darüber erzählt wurde,« fuhr der Schulmeister
fort, »ist sehr kurz, und betrifft einen Husarenlieutenant, also doch allem
Vermuthen nach einen kräftigen, keineswegs nervenschwachen Menschen. Die
jungen Leute waren in einer fröhlichen Gesellschaft von Herren und
Damen gewesen und dort, eben so wie wir heute, auf Geister- und
Gespenstergeschichten gekommen. Ein Wort gab das andere, und allerlei tolle
Vorschläge wurden endlich, wahrscheinlich mehr um die Damen zu ängstigen,
als sie wirklich auszuführen, gemacht; die Einen wollten um zwölf Uhr auf
den Kirchhof gehen und dort um ein frisches Grab tanzen -- die Andern in
der Kirche selber eine Nacht allein bleiben, bis endlich irgend Jemand von
der Gesellschaft das Experiment mit dem Spiegel in Anregung brachte.«
»Der junge Lieutenant erbot sich augenblicklich dazu und die Dame vom
Hause, die wahrscheinlich glaubte, der junge Herr bramarbasire blos, sagte
scherzend, damit ließe sich der Versuch ganz vortrefflich in ihrer eignen
Wohnung machen. Im Gartenhause sei ein ganz einsam gelegener großer Saal
mit zwei mächtigen Spiegeln, der seit längerer Zeit unbenutzt stehe -- sie
habe den Schlüssel dazu und wenn der Herr Lieutenant Lust hätte, könne er
seine Wanderung gleich antreten. Ein allgemeiner Jubel unterbrach sie hier
und der Husar durfte schon nicht mehr zurück, wenn er es wirklich gewünscht
hätte. Allerdings erschrak die Dame, als sie sah daß es plötzlich Ernst
wurde, und machte nun allerlei Ausflüchte; der Lieutenant bestand aber
jetzt selbst darauf, gab sein Ehrenwort, daß er die vorbeschriebenen
Bedingungen genau erfüllen wolle, und verließ mit einem Bedienten, der ihm
Lichter und Feuerzeug nachtragen mußte, das Zimmer. Den Bedienten wollte
er, an Ort und Stelle angelangt, zurückschicken.«
»Die Gäste wären allerdings gar zu gern mitgegangen, Einsamkeit war ja
aber die Hauptbedingniß des ganzen Versuchs, und mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit erwarteten sie die Rückkehr des Offiziers -- jedes Gespräch
schien abgeschnitten -- jede Unterhaltung stockte und eine halbe Stunde
mochte so in peinlichster Weise verstrichen sein, als der mitgegebene
Diener plötzlich todtenbleich in's Zimmer stürzte und die, jetzt kaum
minder entsetzten Gäste zu Hülfe rief. Ein Paar Damen wurden richtig
ohnmächtig, die Herren aber, die sich ja auch in ihrer Masse gesichert
fühlten, stürmten, da ihnen der Bediente weiter gar keine Rede stehen
wollte, von diesem geführt durch den Garten, in dessen Saal sie bleich und
besinnunglos den unglücklichen jungen Menschen zwischen den beiden sich
gegenüber befindlichen Spiegeln am Boden liegen fanden.«
»_Was_ er gesehen -- was ihm begegnet, hat man nie genau erfahren können,
der Bediente hatte allerdings draußen an der Thüre des Gartensaales
gehorcht, und wollte den jungen Mann, als er sich eine kurze Weile dort
befunden, laut haben lachen hören, dann aber -- und der Mann glich selber
mehr einem Todten als einem Lebenden -- schwur er Stein und Bein, es
sei ihm so vorgekommen, als ob es von allen Seiten von oben und unten
geantwortet hätte, gleich darauf gellte ein fürchterlicher Schrei heraus,
und als dann Alles todtenstill geworden war, und er selbst in Furcht und
Entsetzen viele Minuten lang athemlos gelauscht, da hielt er es nicht
länger aus, riß die Thür auf und sah den Lieutenant ausgestreckt auf
der Erde liegen. Weiter wußte er selber nichts, denn hierauf stürzte er
spornstreichs in die Gesellschaft zurück, um Hülfe herbeizuholen.«
»Und der Lieutenant war todt?« frug der Pastor gespannt.
»Nein -- nur wahnsinnig;« sagte der Schulmeister -- »aber es ist wahrhaftig
schon zehn Uhr vorbei -- wünsche beiderseits eine gute Nacht -- Bitte
Barrenkamp -- ich dächte, ich sollte die Treppen hier kennen -- das Mädchen
kommt auch gerade unten mit ihrem Lichte aus der Küche, die kann das Haus
hinter mir wieder zuschließen.«
Und der Schulmeister verschwand, während die Eheleute allein in dem nur
matt erhellten Gemach zurückblieben.
»Nun, _die_ Geschichte hat mir heute noch gefehlt, sagte die Pastorin, und
räumte, wie nur um sich eine Beschäftigung zu machen, das auf dem Tische
stehende Geschirr zusammen -- _nur_ wahnsinnig -- das ist ja fürchterlich.
Die Leute hatten aber auch gefrevelt, so etwas darf man sich nicht zu
Schulden kommen lassen -- Herr Du mein Gott!« rief sie plötzlich, und als
sie die Tassen, die sie in der Hand hielt, wieder auf den Tisch setzen
wollte, fiel ihr eine herunter und zerbrach klirrend am Boden.
»Was hast Du denn?« fragte der Pastor und drehte sich rasch und erschrocken
nach ihr um -- sie sah todtenbleich aus und horchte mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit nach dem Fenster hinüber. Nichts aber als das Unwetter
draußen ließ sich vernehmen, der Regen schien etwas nachgelassen zu haben,
und die Wolken schüttelten sich nur noch, nach dem langen verzweifelten
Kampf, ungeduldig und unwirrisch das Wasser aus den nassen Jacken.
»Das war wieder derselbe Hülferuf,« flüsterte die Frau -- »derselbe Ton
und -- Heinrich -- soll mir der Herr in meiner letzten Noth beistehen -- er
klang gerade wie meines Vaters Stimme.«
Sie barg das Gesicht in den Händen und schauderte am ganzen Körper
zusammen.
»Unsinn!« sagte der Mann und rückte sich ärgerlich die schwarze Kappe auf
das linke Ohr, -- »Unsinn -- die dummen Erzählungen haben Dich aufgeregt
und Du fängst mir am Ende auch noch heute Abend an Gespenster zu sehen und
zu hören. Wir wollen zu Bette gehen -- es ist Schlafenszeit und morgen,
mit dem hellen Tageslicht werden Dir schon alle die trüben und ängstlichen
Gedanken vergehen. Habe ich nicht recht, Elise? -- aber was fehlt Dir auf
einmal, was hast Du?«
Die Frau blieb, als ob sie die Worte gar nicht gehört, in ihrer Stellung,
nur die zitternde Gestalt verrieth ihre Aufregung und ihr leises
Schluchzen, wie die einzelnen, zwischen den fest zusammengepreßten Fingern
vorquellenden Thränen kündeten, daß etwas ganz Absonderliches in ihrem
Herzen vorgehen müsse.
»Elise,« -- sagte der Mann nach kurzer Pause, während er leise der Gattin
Hand ergriff und diese von ihren Augen wegzuziehen suchte -- »bist Du
nicht wie ein närrisches Kind, das sich von ein Paar thörichten
Geistergeschichten in Furcht und Schrecken setzen läßt, und nachher nicht
mehr allein über den dunkeln Vorsaal gehen, oder leiden will, daß die Magd
das Zimmer verläßt? -- Du kennst doch den alten Verwalter, weißt doch, was
er fortwährend für abenteuerliche Märchen erlebt haben will. Wie haben wir
nicht erst noch neulich über ihn gelacht, als er uns die Geschichte von den
zwei feindlichen Irrlichtern erzählte, und wie böse wurde er darüber; und
was das andere betrifft, wo --«
»Das meine ich nicht,« sagte die Frau leise und fast mehr mit sich selbst,
als mit ihrem Manne redend -- »der Verwalter kann sich geirrt haben,
und die Spiegelgeschichte ist wohl fürchterlich genug, läßt sich aber
vielleicht natürlich erklären; nein, _mir_ bewegt Anderes die Brust. -- Der
Schulmeister hat ganz recht -- es giebt übernatürliche Kräfte -- es muß
sie geben, denn wo wir wissen daß der kleinste Wassertropfen von unzähligen
Geschöpfen belebt und bewohnt wird, wie dürfen wir da annehmen, die
ungeheuern Luft- und Aetherräume umschlössen frei und leer das ganze
Weltall. -- Nein, das ist nicht möglich; um uns her, über uns, neben uns
regt es sich und treibt und wirkt -- die uns fernstehenden Gebilde berühren
uns aber nicht; unsere Nerven sind nicht fein genug ihre Nähe zu empfinden,
oder ihre Kräfte -- mir fehlt der Ausdruck Dir genau zu beschreiben wie
ich es mir denke -- ihre Kräfte üben nicht einen solchen harmonischen --
vielleicht magnetischen Einfluß auf die unseren aus, um uns zum Bewußtsein
ihrer Annäherung zu bringen. -- Das dauert aber nur so lange, bis wirklich
einmal ein uns verwandter Geist unseren eigenen Luftkreis berührt, oder
durch die Stärke seines Willens, seiner Seele, zu uns hingetrieben wird
-- dann ergreift er aber auch all die feinsten Fasern unseres innersten
Systems und die _Ahnung_ desselben, vielleicht auch nur das _Bewußtsein_
dieses Gefühls entsteht und macht sie geltend --«
»Aber ich begreife Dich nicht --«
»Es ist heute der dritte Abend,« fuhr seine Frau, den Einwurf nicht weiter
beachtend, fort -- »daß ich dieselbe ängstliche Unruhe fühle wie heute --
nur nicht so stark. Am ersten Abend erhielt ich, wie Du weißt, gerade vor
Schlafengehen, den Brief von zu Hause -- worin mir Mutter von des Vaters
Krankheit schrieb.«
»Ein etwas hartnäckiger Katharr, wie sie selbst sagte, der sich bis jetzt
schon wahrscheinlich wieder vollkommen gehoben hat.«
»Kein Katharr, Heinrich, -- die Sache ist schlimmer als sie es mir sogleich
schreiben mochte -- weshalb den Brief eilig gemacht -- weshalb nun das
Schweigen? -- Mit dem jetzigen Lauf der Eisenbahn könnte Nachricht in neun
Stunden hier sein.«
»Komm Kind, erwiederte ihr lächelnd der Mann, -- geh jetzt zu Bett, und
morgen früh wollen wir ruhig über die Sache reden; Du phantasirst heute
Abend, und da ist's besser Du überschläfst erst einmal die Gedanken, die
das Sonnenlicht ohnedies nicht gut vertragen können. Doch sieh, der
Wind hat den Himmel endlich rein gefegt, und der Mond scheint ordentlich
freundlich in's Fenster herein, wenn sich der Sturm erst ein Bischen legt,
bekommen wir vielleicht das schönste Wetter -- komm Kleine -- heb' das
Köpfchen wieder und sei mein braves Weib -- Du wirst Dich doch wahrlich
nicht vor Spukgeschichten fürchten?«
»Nein, nicht vor Spukgeschichten, Heinrich,« flüsterte die Frau und starrte
dabei mit festem glanzlosen Blick in die Ecke des Gemachs, das von der
immer düsterer brennenden Lampe kaum noch hinlänglich beleuchtet wurde,
-- »gewiß nicht vor denen, ich habe schon fast wieder vergessen was der
Verwalter und Schulmeister erzählten, aber -- in mir selbst fühle ich daß,
und zwar in diesem Augenblicke, irgend etwas bei den Meinigen vorgeht. Ich
kann, so viel ich auch dagegen ankämpfe, das Bild meines Vaters nicht
aus dem Sinn verlieren. -- Fortwährend sehe ich ihn, bleichen, gramvollen
Angesichts, in dem grünen Schlafrock mit dem dunkeln Käppchen vor mir auf-
und abgehen und mit dem stählernen Uhrbehänge spielen, -- was er nur that,
wenn er krank oder leidend war -- so deutlich höre ich dabei das leise
klimpernde Geräusch, daß ich mich heute schon mehrmals im Zimmer umgeschaut
habe, ob nicht irgend etwas die Ursache desselben wäre, aber es liegt mir
allein im Ohr -- Du -- Ihr Anderen habt nie etwas davon vernommen.«
»Du bist heute aufgeregt, Kind, das ist die ganze Sache, beruhigte sie der
Mann, komm, laß uns zu Bett gehen, es wird spät und ich bin müde -- die
Lampe scheint überdies kein Oel mehr zu haben; sie will ausgehen.«
Ein leiser, winselnder Ton, der fast wie ein ferner Hülferuf klang, wurde
in diesem Augenblicke laut -- man konnte nicht recht unterscheiden, ob er
vom Hofe, oder aus dem Hause selbst herauf, erschalle -- der Wind brauste
und rauschte auch noch zu sehr in der dicht neben dem Gebäude stehenden
Linde, und heulte im Schornstein auf und nieder. Die Lampe verlöschte in
diesem Augenblick und der Pastor, der jetzt selbst, durch die Furcht der
Frau vielleicht angesteckt, ein gewisses unheimliches Gefühl nicht ganz
unterdrücken konnte, war eben im Begriff, in die daran stoßende Schlafstube
zu treten, um von dort her einen kleinen, neben dem Feuerzeug stehenden
Wachsstock zu holen, als die Gattin hastig und krampfhaft seinen Arm
ergriff, und mit von innerer Angst fast erstickter Stimme, während sie die
rechte zitternde Hand nach der andern Thüre ausstreckte, flüsterte:
»Sieh, -- sieh dort!«