nur mit kurzen Worten einzelne Thatsachen mittheilen aus denen seine
Einbildungskraft dann leicht den weitern Verfolg der Sache, viel besser als
ich ihm das selber klar machen könnte, herausfinden wird.
Mr. Metcamp war wirklich flüchtigen Fußes förmlich davon gelaufen, der
Brief aber, den er zu der Zeit am Washita erhalten hatte, mußte jedenfalls
gefälscht gewesen sein, denn noch in demselben Monat hörten sie von einem
Reisenden daß Metcamps Onkel, etwa vier Wochen vorher ehe dieser zum
Washita gegangen, total bankerott gemacht habe und der vermeintliche Erbe
noch schlimmer als ein Bettler sei, da er sogar rasend in Schulden stecke.
Die reiche Farmerstochter hatte er dabei leicht zu gewinnen geglaubt, und
auch natürlich alles Mögliche gethan, seinem, ihm allerdings gefährlichen
Nebenbuhler den Besitz des Mädchens unmöglich zu machen.
Daß er es gewesen der damals den gefangenen Wolf befreit, ließ sich
ebenfalls immer weniger verkennen, wenigstens sprach man die Ansicht kurze
Zeit darauf ganz offen in der Ansiedlung aus; und daß sich der alte Sutton
nach alle dem Vorangegangenen schämte, den beabsichtigten Schwiegersohn aus
der Stadt auch nur noch einmal zu erwähnen, versteht sich wohl von selbst.
Es sind jetzt seit der Zeit zehn volle Jahre verflossen, und Farmer Sutton
schläft in seinem eigenen Garten still und ruhig unter dem grünen blumigen
Rasen, Ben Holik aber hat das unstäte Jägerleben aufgegeben, ist ein
ordentlicher Farmer worden und lebt mit seinem lieben Weib, seiner Betsy,
und den drei Jungen und zwei Mädchen die sie ihm in ihrer neunjährigen
Ehe geboren, so glücklich und zufrieden, wie nur ein Mensch in der weiten
Gotteswelt leben kann. Seine Heerden haben sich dabei ungemein vermehrt,
denn die Wölfe trieb der mit der Glocke Behangene richtig hinaus aus der
ganzen Nachbarschaft, und seine Felder hat er ebenfalls um viele fruchtbare
Aecker erweitert; dort aber, wo er den Wolf damals lebendig gefangen, baute
er sich auf der luftigen Bergkuppe ein kleines Haus und nannte es, zum
Gedächtniß jenes glücklichen Abends -- die _Wolfsglocke_.
Die Ahnung.
Nach einer wahren Begebenheit.
Draußen über die Haide tobte und wetterte der Sturm, heulte durch die
blattlosen Baumwipfel der Eichen, und zischte und flüsterte in den dichten
Nadeln des benachbarten Schwarzholzes. Der Mond war hinter schweren Wolken
verschwunden, trüb und düster lag die Nacht auf der Erde und der Orkan, der
sich von den Geistern der Luft die tollen Weisen aufspielen ließ, raste
mit der Windsbraut über den weiten Plan, durch Bergesschlucht und einsames
Thal, und über die starren, drohenden Felsenkämme der trotzig ihm die Stirn
bietenden Gebirgsrücken hin.
So, draußen im Freien -- aber fast noch tolleres Spiel trieb er um die
Wohnungen der schüchtern zusammengedrängten Menschen. Hui! -- wie das
um die Giebel pfiff und splitterte, wie die Windfahne auf dem alten
Pastorhause kreischte und knarrte, daß selbst der hoch und altergrau
daneben aufstarrende Schornstein den Lärmen endlich satt bekam, und bald
links in den dunkeln Hof, bald rechts in den feuchten Garten hinunter
sah, als ob er nur noch nicht recht wisse, in welchen von beiden er zuerst
kopfüber hinein springen solle. Wie's an den alten morschen Fensterrahmen
riß und klapperte, und seine Kraft an den breitästigen Birn- und
Aepfelbäumen versuchte, die schon so lange Jahre dem Sturme getrotzt
und sich jetzt, bei den erneuten Angriffen, nur noch immer fester und
hartnäckiger mit den weitgespreizten Wurzeln in die Erde hineinklammerten.
Viele viele Stunden lang trieb er's so, und vergebens hatten die
wetterschwangeren Wolken schon oft versucht, sich in einzelnen
Fluthengüssen zu erleichtern, wie es wohl ein bedrängtes Schiff thut, das
seinen Ballast über Bord wirft, die leewärts drohende Küste zu verlassen;
der wachsende Orkan schleuderte ihnen stets neue wasserschwere Nebelberge
entgegen, und jagte die zürnenden wild und toll durch einander in
entsetzlicher Fröhlichkeit.
Bei solchem Wetter, wo die Natur in ihrer ganzen großartigen Furchtbarkeit
ersteht, drängen sich die armen schwachen Menschenkinder am liebsten in
freundlicher Traulichkeit zusammen, und von sicheren Wänden geschützt,
unter Dach und Fach, dem brausenden Nord wie dem kalten Regen entzogen,
lauschen sie nur manchmal in ängstlicher Stille zum Fenster hinüber, wenn
der Sturm einen neuen Akord in seine dröhnende Aeolsharfe greift, und das
feste Gebäude vielleicht vor dem markdurchschauernden Ton bis in seine
innerste Tiefe hinein erbeben macht.
So still und traulich war's auch im kleinen behaglichen Studirzimmerchen
des wackern Pastor Barrenkamp, der mit seiner Frau, dem Schulmeister, einem
Universitätsfreund des Pastors, und dem Rittergutsverwalter, einem alten
wettergebräunten Oekonomen, um den schweren eichenen Tisch saß und bei
einer guten Tasse Warmbier das Unwetter draußen so wenig als möglich zu
beachten schien. Nur manchmal, wenn der Wind die Backen ein bischen gar
zu voll genommen und irgend ein krachender Stamm des dicht an den Garten
grenzenden Waldes seine gewaltige Kraft verrieth, stand Barrenkamp wohl
auf, ging an's Fenster, schob den Vorhang zurück, nahm die Pfeife einen
Augenblick aus dem Munde, und schaute, das schwarze Sammetkäppchen fest an
die kalte behauchte Scheibe gedrückt, in die rabenfinstere Nacht hinaus.
Es war während einer solchen Pause, denn das Gespräch stockte in dem Fall
gewöhnlich auf einige Minuten und die kleine Gesellschaft horchte ebenfalls
nach dem Kampf der aufgeregten Elemente hinüber, als der Verwalter langsam
seine ausgetrunkene Tasse niedersetzte und mit leiser, fast ängstlicher
Stimme sagte:
»Sie haben ganz recht gethan, Frau Pastorin, daß Sie sich heute einmal
ausnahmsweise in des Herrn Pastors warmgelegenes Studirstübchen geflüchtet;
da drüben in der großen Eckstube muß bei solchem Sturme ein keineswegs
freundlicher Aufenthalt sein -- draußen freilich ist's noch schlimmer; der
Wind pfeift sich ordentlich sein Stückchen und es kommt Einem wahrhaftig
manchmal sogar vor, als ob man einzelne Worte und Redensarten verstände --
möchte heute nicht über den Kirchhof gehen.«
»Nicht über den Kirchhof?« wiederholte, sich lächelnd nach ihm umwendend,
der Pastor, »Sie fürchten sich doch nicht etwa, Verwalterchen? ei, ei, ein
Mann in Ihren Jahren --«
»Mein bester Herr Pastor,« meinte der Verwalter und rückte auf seinem Stuhl
hin und her, »von fürchten kann bei mir wohl keine Rede sein, ich bin kein
böser Mensch und -- glaube nicht an Gespenster, wovor sollte ich mich also
fürchten, aber --«
»_Aber_« lachte die Hausfrau und schaute mit einem schelmischen Blicke
zu ihm auf, -- »aber? der Herr Verwalter lassen sich noch eine Hinterthür
offen.«
»Ei, ich meinte nur was das Kirchhofgehen betraf,« erwiederte gutmüthig der
alte Mann, -- »ich weiß ebensowohl wie jeder Andere, daß die _Todten_ sanft
da unten, unter ihrer warmen Decke ruhen, und Nachts nicht wieder herauf
kommen werden, um sich auf die kalten Hügel zu setzen und hinter den weißen
Steinen Versteckens zu spielen, aber ich vermeide auch gern jede unnütze
Aufregung, die mir nachher immer nur Kopfschmerz und Unwohlsein verursacht.
-- Es hat etwas Unbehagliches für mich, mir in dem schwachen Dämmerlicht
aus wehenden Trauerweiden und Büschen, die bleiche Steine halb überdecken,
Gestalten mit weißen Gewändern und ringenden Händen heraus zu finden, und
ich mag mich nicht in einem fort umsehen, weil ich jeden Augenblick darauf
schwören wollte, es käme Jemand hinter mir drein. Ebenso ungern, und aus
eben dem Grunde, sitze ich Abends allein in einem Zimmer und mit dem Rücken
einer Thüre zugedreht, die halb offen oder angelehnt ist. Ich weiß dabei
recht gut, daß sich Niemand im andern Zimmer befindet, also auch Niemand
von da zu mir herein kann, und dennoch läßt es mir, wunderlicher Weise,
keine Ruhe; ich muß mich entweder herumsetzen, oder die Thüre schließen.«
»Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft, und die gaukelt Ihnen da
allerlei seltsame Dinge vor,« fiel hier die Pastorin ein, »Sie denken sich
in dem Augenblick vielleicht etwas recht Entsetzliches oder Graußliches,
und das stört, wenn es auch nicht wirklich eintreffen kann, doch für kurze
Zeit Ihre sonstige Ruhe.«
»Ih nun, mit der Einbildungskraft dürfen wir am Ende so etwas nicht
einmal alleine entschuldigen,« meinte kopfschüttelnd der Schulmeister,
»Einbildungskraft schreiben wir doch sonst schon einem ausgebildeteren
Geiste zu und dasselbe Gefühl, das Ihnen der Herr Verwalter vorhin
geschildert, finden Sie nicht selten bei dem geringsten Drescher, der sein
Hirn den ganzen Tag über mit nichts weniger martert, als mit Gedanken
und Ideen. Ich habe mir nach meiner schlichten Weise die Sache immer _so_
versucht auszulegen: etwas Uebernatürliches giebt's doch, das können und
dürfen wir nicht leugnen, wo das nun -- uns versteht sich unbewußt, weil
unsere Sinne zu grob und rauh sind es zu verstehen und zu erkennen -- in
unsere Nähe kommt, da läuft uns, wir wissen selbst nicht weshalb, eine
sogenannte Gänsehaut über den ganzen Leib. Daher kommt auch wahrscheinlich
die Sage von den _Ahnungen_, denn was ich meine, ist eben nichts weiter als
eine Ahnung überirdischer Kräfte.«
»Die wir auch um Gotteswillen nicht ableugnen wollen,« sagte die Pastorin
und wurde auf einmal ganz still und ernst, »ich dächte wir hätten davon ein
Beispiel in unsrer eignen Familie.«
»In Ihrer eignen Familie?« frug der Verwalter rasch.
»Meine Frau bildet sich's wenigstens ein,« meinte der Pastor
kopfschüttelnd; »die Sache klingt freilich ganz abenteuerlich, hat aber
sicher eine sehr natürliche Lösung.«
»Die aber bis jetzt noch kein Mensch gefunden hat,« flüsterte die Frau;
»es ist meiner eignen Mutter widerfahren, und ich habe es nicht allein aus
ihrem Munde, sondern auch die Bestätigung, wenn es deren überhaupt bedurft
hätte, oft von meiner Tante gehört, die als Kind dabei gewesen war, und
sich der einzelnen Umstände noch recht gut erinnerte.«
»Und wären Sie wohl so freundlich, uns die Geschichte mitzutheilen?« frug
der Verwalter und rückte seinen Stuhl etwas näher zum Tisch; »es wäre
möglich, daß ich durch etwas Aehnliches die Existenz solcher Ahnungen
ebenfalls zu bekräftigen vermöchte.«
»Die Sache ist einfach genug,« erzählte die Pastorin; »wir waren unser drei
Geschwister, ich, ein älterer Bruder und noch eine jüngere Schwester, und
die Großmutter vor etwa acht Wochen gestorben, als meine Mutter, die sich
allerdings damals noch in einem sehr aufgeregten Zustande befand, träumte,
sie schaute am hellen Nachmittag aus dem Fenster. Da ging die Hofthür auf
und herein kam, in demselben Kleide wie sie im Sarg gelegen, ihre Mutter,
schritt langsam durch den ganzen Hof und stieg dann die Leiter hinauf, die
zu dem Heuboden führte.
»Wie man nun so im Traume ist, so scheint auch meine Mutter gar nichts
Außerordentliches in dem Wiederkommen der Todten gesehen zu haben, nur daß
diese, was sie im Leben nie gethan, auf den Heuboden stieg, fiel ihr auf.
Trotzdem sprach sie kein Wort und die Mutter kam denn auch bald wieder
zurück und hatte ein Heubündel unter dem Arm. Damit stieg sie die halbe
Leiter hinunter, blieb plötzlich stehen, drehte dann wieder um und holte
sich noch ein zweites.
»Ei um Gott, Mutter,« rief die Träumende da, und streckte die Arme nach ihr
aus, »ist denn das eine nicht genug?«
»Ja, sagte die Todte und stieg langsam nieder, ich bringe Dir das andere
wieder zurück« -- und aus der Hofthür verschwand sie, wie sie gekommen.
»Mein damals etwa vierzehnjähriger Bruder war ein ausgezeichneter
Harfenspieler, und übte sich besonders in jener Zeit Tag und Nacht; um es
zu noch immer größerer Fertigkeit zu bringen, hatte er sich aber wohl darin
übernommen, oder lag der Keim der Krankheit schon in ihm, kurz, wenige Tage
nach diesem Traume wurde er, sonst ein kräftiger, gesunder Knabe, krank,
und sah sich bald durch das hitzigste Nervenfieber auf sein Lager geworfen.
Fünf Tage später legte ich mich ebenfalls mit demselben Uebel, mein Bruder
aber starb am neunten Tage, und in dem Augenblicke, wo er im Todeszucken
lag, rissen plötzlich _alle_ Saiten seiner Harfe. -- _Mich_ brachte die
Großmutter wieder -- ich genas nach kurzer Zeit.«
»Die Harfe hat hinter dem Ofen gestanden,« brach der Pastor rasch eine
feierliche Pause; »das Gestell kann sich gezogen haben und da mußten wohl
die Saiten mit einem Male springen.«
»Die Erklärung mag wohl ganz gut und natürlich klingen,« sagte der
Schulmeister endlich, »ich sehe aber wirklich nicht ein, weshalb wir uns
Alles natürlich erklären _müssen_ -- Du lieber Gott, unser Aller Leben ist
so arm, so entsetzlich arm an jeder Poesie, daß ich denken sollte es hätte
sogar etwas Wohlthuendes, einmal einen Gegenstand zu finden, den man nicht
recht begreifen kann. Ich weiß mich noch recht gut daran zu erinnern, wie
ich als Kind fest und heilig glaubte der Storch bringe die Kleinen, und
das Christkindchen die schönen Sachen zu Weihnachten; wie ich mich vor
dem Knecht Ruprecht fürchtete und die heiligen drei Könige ehrfurchtsvoll
anstaunte -- und einmal im Theater -- der Abend wird mir unvergeßlich
bleiben, da sah ich ein Stück, das hieß die _Kreuzfahrer_, und etwas
derartiges war mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Ich
weinte und lachte den ganzen Abend und träumte ein volles Jahr von
weiter nichts, als tapfern edeln Rittern, braven Türken, unglücklichen
Türkenmädchen und bösen Aebtissinnen. Das Stück übte auch merkwürdiger
Weise einen ganz eigenthümlichen Einfluß auf mein künftiges Leben aus; ich
schwärmte für die altadeligen Geschlechter der tapfern Ritter, und bekam
einen ordentlichen Haß auf die katholische Religion, die den Mißbrauch der
Klöster dulden konnte.«
»Jetzt ist das ganz, ganz anders geworden -- ich halte die Störche für sehr
gewöhnliche Zugvögel, die von Fröschen und anderem Zeug leben, und sich
keineswegs mit Kindertransport beschäftigen -- den sogenannten heiligen
Christ habe ich diverse Male selbst machen müssen, und deshalb gegründete
Ursache an seiner Heiligkeit zu zweifeln; ebenso den Knecht Ruprecht, wobei
ich gleichzeitig und höchst trauriger Weise allen Respekt selbst vor den
heiligen drei Königen verloren; und was das Theater anbetrifft, so gaben
sie, als ich im vorigen Jahre zum letzten Male in Hamburg war, dort
zufällig dasselbe Stück und die Erinnerung an meine Kindheit trieb mich
hinein. -- Ich wollte, ich wäre _nicht_ gegangen, denn als ich wieder
heraus kam, -- und ich sollte mich eigentlich schämen es zu gestehen --
habe ich großer erwachsener Kerl geweint, bittere, große Thränen geweint,
und weshalb? weil ich durch meine Neugierde ein kleines Heiligthum
muthwillig zerstört hatte, das mein Herz seit seiner Jugendzeit in seiner
innersten Zelle still und heilig genährt -- weil ich das muthwillig und mit
roher Hand jetzt von mir gerissen sah, was mich so viele, viele Jahre mit
froher geheimnißvoller Lust erfüllt. Die hohen schattigen Palmen, die mir
bis dahin noch immer vorgeschwebt, schrumpften zu Pappdeckeln mit hölzernen
Stützen zusammen, -- jener Zweikampf, an den ich oft mit stillem Schauder
zurückgedacht, wurde zu einem gewöhnlichen Hämmern auf Blechschilde, -- der
alte ehrwürdige Emir -- in der einen Scene fiel ihm der Bart ab, und das
ganze Publikum lachte, während mir die Thränen in die Augen traten -- die
fürchterliche Aebtissin -- war die Frau meines freundlichen Wirths, eine
treffliche brave Seele, die sich noch an demselben Nachmittag erst so
theilnehmend erkundigt hatte, wie es all' den Meinigen zu Hause ging --
die Frau konnte unmöglich ein Bösewicht sein; und nun erst die Knappen und
Ritter, die früher einen solchen Eindruck auf mich gemacht, -- wie hölzern
sie dastanden und wie ungelenk -- ach, mein schöner Jugendtraum, wie bös,
wie häßlich war der zerstört worden, und wie viel besser wäre es gewesen,
wenn ich _keine_ natürliche Erklärung für all den süßen Zauber gefunden
hätte!«
»Es _läßt_ sich auch nicht Alles natürlich erklären,« sagte der Verwalter
ernst und stopfte sich dabei langsam den hohen Maserkopf mit dem vor ihm
liegenden Tabak -- »und wenn man's noch so gern erklären möchte und wollte.
Ich selbst habe zum Beispiel etwas erlebt, was so wunderbar und märchenhaft
klingt, daß ich es selten erzähle -- es glaubt mir's Niemand, und es thut
mir nachher weh wenn etwas bespöttelt wird, das -- heiliger Gott, wie das
wieder rast und tobt, man sollte glauben, es schüttelte die alte Erde aus
den Achsen -- das mir selbst so allgewaltig in's Leben gegriffen hat.«
»Sie scheinen mich für einen total Ungläubigen zu halten, lieber Verwalter,
sagte der Pastor freundlich, darin thun Sie mir aber Unrecht, -- das
vertrüge sich auch nicht einmal mit meiner Stellung, mit meiner
Religion. Auch von Gott ward uns ja weiter nichts, als in sinnbildlichen
Uebertragungen eine Ahnung seines Wesens, und was Anderes als Ahnung einer
höhern Welt ist es, wenn uns bei frommen, erhebenden Choralgesang die Seele
in süßer unbegriffener Lust zusammenschauert. Ich glaube an _Ahnungen_,
möchte sie aber nur von den gewöhnlichen _Vorbedeutungen_ geschieden
sehen.«
»Vorbedeutungen -- Ahnungen!« -- sagte der Verwalter kopfschüttelnd, und
hielt dabei den brennenden Fidibus auf die Pfeife, ohne jedoch den Blick
zu erheben, der sich von da an fest und unbeweglich in die eine Zimmerecke
heftete, »das sind am Ende nur immer verschiedene Worte für ein und
dieselbe Bedeutung -- doch zu meiner Erzählung, aus der sich Jeder seinen
Schluß selber ziehen mag, denn ich selbst kann nichts weiter als die
Thatsachen geben. Es war nach dem letzten Kriege; -- mein Bruder Carl, ein
tüchtiger, stattlicher Bursche, hatte sich auch anwerben und später nie
wieder etwas von sich hören lassen. Bei Leipzig wollten sie ihn zuletzt
gesehen haben; bis dahin dienten wenigstens Landleute aus demselben Ort, in
dem nämlichen Regiment mit ihm, und er ließ mich auch einmal in einem
von den Briefen grüßen. Nachher blieb er verschollen und zehn Jahre, die
ebenfalls verflossen ohne daß ich die mindeste Nachricht erhielt, nahmen
mir endlich den letzten Zweifel, daß er in jener blutigen Schlacht
gefallen.«
»Nach dieser Zeit, und als der Friede schon lange wieder seine
segensreichen Früchte getragen, verwaltete ich in der Nähe von Grimma, eine
kurze Strecke von Leipzig entfernt, ein Gut, schaffte im Juni meine Wolle
in die Stadt, zum dort gehaltenen Markte, verkaufte sie, und schickte, weil
ich noch bei Thräna einen Freund besuchen wollte, den Wagen von dort aus
allein voraus. Dort kam das Gespräch, ich weiß jetzt selbst eigentlich
nicht mehr recht wie, auf die frühere Kriegszeit und auf unsere gefallenen
Freunde und Brüder, wobei ich äußerte, wie schmerzlich es doch für die
Hinterbliebenen sein müsse, nicht einmal zu wissen wo die geliebten Todten
begraben lägen und ob sie überhaupt ein ehrliches Soldatengrab bekommen
hätten.«
»Du lieber Gott,« meinte hierauf mein Freund, der dortige Förster, »da ist
wohl Mancher Wochen lang im lieben Walde liegen geblieben, oder, was noch
schlimmer ist, mit der ganzen Masse in _eine_ große Grube geworfen, und wie
Viele wurden noch vorher von den Kosaken und -- anderem Volk -- geplündert
und gemißhandelt -- ich sage Dir, Bernhard, ich habe da schauerliche Dinge
mit angesehen. Ich erinnere mich noch an einen armen Teufel, dem hatten sie
drei Kugeln in die Brust geschossen und er lebte immer noch. Von den Unsern
waren dabei Leute hinausgeschickt die Gebliebenen aus dem Wege zu schaffen
und in ein Loch zu werfen; die, aber natürlich bei denen sie noch Leben
fanden, die legten sie bei Seite bis sie fertig waren, und dann konnten
sie gewöhnlich bei denen wieder von vorn anfangen. Der Verwundete nun, der
unter einer Eiche lag, streckte die Hand nach mir aus, und bat mich ihm zu
helfen -- lieber Gott, was konnte ich für ihn thun -- die Zunge klebte ihm
schon am Gaumen und er brachte kein Wort mehr über die Lippen; selbst
einen Trunk Wasser den ich ihm reichte vermochte er nicht mehr
hinunterzuschlucken. Während ich ihn noch im Arme hielt, holte er seinen
letzten Athemzug, und als ich ihm die Uniform aufriß, nach seiner Wunde
zu sehen, fiel er, eine Leiche, zurück. Auf der bloßen Brust fand ich aber
einen Ring, den ich zum Andenken mitnahm und den armen Teufel dafür draußen
am Waldesrand, etwa eine Stunde von hier, und nicht weit von dort, wo
jetzt der Fußpfad in die große Straße einläuft, warm und weich in die Erde
bettete.«
»So lautete seine Erzählung, und er wollte mir den Ring, noch ehe ich
fortging, zeigen, bald nachher kamen wir aber auf ein anderes Gespräch und
vergaßen ihn. Gegen Abend endlich -- denn ich hatte nun noch volle
drei Stunden zu marschiren und der Mond ging etwa eine Stunde nach
Sonnenuntergang auf -- nahm ich Abschied von meinem Freunde und machte
mich, nachdem er mir einen nähern Pfad durchs Holz gezeigt, auf den
Heimweg.«
»Die Sonne sank eben hinter den Wipfeln nieder als ich ausmarschirte, und
im Walde dämmerte es schon; meinen Pfad konnte ich aber nichtsdestoweniger
deutlich genug erkennen, und schritt rüstig darauf vorwärts, bis ich von
fern das hellere Licht des offenen Feldes durch die Bäume schimmern sah;
-- bald darauf erreichte ich die äußerste Grenze des Waldes und vor mir,
vielleicht noch eine Viertelstunde entfernt, lief die Chaussee, die sich
ganz genau an den Pappeln unterscheiden ließ. Ich überflog die ausgedehnte
Fläche mit meinem Blick, um nach den nächsten Thürmen genau die Stelle
bestimmen zu können, wo ich mich eigentlich befand, als ich in gar nicht
großer Entfernung und mitten auf einer kleinen feuchten Wiese einen
einzelnen Menschen, und als ich näher hinsah, einen _Soldaten_ erkannte,
der hier allem Anschein nach und mit dem Gewehr im Arme, Schildwache
stand.«
»Was um des Himmels willen, dachte ich so bei mir selber, macht nur der
einzelne Posten hier mitten auf dem Felde -- die Früchte sind doch noch
nicht reif, und der Klee -- hm, das muß ein Forstschutz sein, -- hat sich
aber einen sonderbaren Platz dazu gewählt.«
»Der Mann stand still und regungslos und ich blieb ebenfalls einen
Augenblick stehen und schaute nach ihm hinüber -- er rührte sich nicht,
und die Uniform fiel mir jetzt auf, die er trug. So viel ich in der immer
zunehmenden Dämmerung erkennen konnte, gehörte sie keineswegs nach Sachsen,
war auf jeden Fall von der sehr verschieden, die ich sonst zum Forstschutz
verwendet gesehen, und der Tschacko -- ein Schauer lief mir unwillkürlich
über den Leib, als ich zu dem Gesicht des Posten aufschaute -- der Tschacko
saß in der richtigen Entfernung zu dem Kopf, aber der Kopf? -- das matte
Licht mußte mich jedenfalls täuschen, denn gerade wo ich stand, konnte ich
deutlich durch die Stelle durch, wo doch sein Gesicht hätte sein müssen,
das dahinter durchschimmernde Grün der Wiese erkennen.«
»Lächerlich, murmelte ich aber leise vor mich hin, -- daher entstehen so
viele Geister- und Gespenstergeschichten, daß uns irgend ein ungewisser
Lichtschein oder eine Brechung der Strahlen, ja vielleicht der aufsteigende
feuchte Dunst der Erde, wunderliche Geschichten vorspiegelt, die sich
nachher, wenn man näher hinzugeht, auf die natürlichste Art von der Welt
erklären. Wäre jetzt an meiner Stelle irgend ein furchtsamer Bauerjunge
den Weg gekommen, und sein Blick dorthin gefallen, wer weiß, ob er nicht in
voller Angst und vor lauter Entsetzen die Flucht ergriffen und daheim dann
erzählt und beschworen hätte, er habe auf dem frühern Schlachtfelde einen
fremden Soldaten ohne Kopf Schildwache stehen sehen -- ich muß nur näher
hingehen und mich selber davon überzeugen --«