wahrscheinlich draußen allein im Walde herumirrte, und wollte nicht Theil
nehmen an Tanz und Lustbarkeit. Nur mit Mühe wurde sie in den
Tanzsaal selber gebracht, dort aber wies sie jede Aufforderung auf das
entschiedenste zurück, und blieb ruhig, dem fröhlichen Treiben zuschauend,
auf ihrem gleich im Anfang eingenommenen Platz.
Benjamin Holik war aber nicht draußen im Wald, wie sein armes, hier in
der lustigen Schaar nur um so viel betrübteres Liebchen in ihrem Schmerz
geglaubt. Der alte Sutton hatte ihn sogar, wie sich das übrigens von selbst
verstand, da man Niemanden ausschloß, noch besonders dazu eingeladen, Ben
jedoch die Einladung abgelehnt.
In der Nähe mußte er aber doch weilen -- geschäftige Freunde brachten ihm
bald die Nachricht daß es ein _Verlobungsfest_ sein werde, was man hier
feiern wolle, und er gedachte erst doch noch einmal zu sehen, mit eignen
leiblichen Augen zu sehen daß ihn Betsy -- _seine_ Betsy auch wirklich ganz
und gar vergessen habe und dann -- ei dann zog er nach Texas. -- Onkel Sam
warb gerade für den beginnenden Krieg, und solche Leute wie er war --
Ben brauchte keinen Spiegel sich das selber zu sagen -- fanden rasche und
freudige Aufnahme im Dienst.
Scheu und furchtsam, daß ihn Niemand erkenne und seinen Schmerz errathe,
umschlich er wohl eine Stunde lang das Haus und horchte den munteren,
kreischenden Tönen der Violine. Näher hinan zu gehen daß er einen Blick
hineinwerfen konnte, mochte er nicht. Da kamen endlich ein Paar seiner
Bekannten aus dem Haus heraus, blieben vor der Thür stehen und schritten
dann zusammen dicht an dem Orte vorüber wo sich Ben versteckt hielt, ihren
Wohnungen zu.
Ben drückte sich, so gut das gehen wollte, hinter den Stamm eines dort
stehenden Hickory und der Eine der Männer sagte, als sie eben dicht neben
ihm waren:
»Betsy hat doch, so lange ich im Haus war, keinen Schritt getanzt.«
»Den ganzen Abend noch nicht, und hat es ein für alle Mal rund
abgeschlagen, erwiederte der Andere -- ich glaube noch nicht einmal daß sie
ihn nimmt.«
»Ah, bah -- sagte der Erste wieder -- da müßte man die Mädchen nicht kennen
-- der hat Geld, und da --«
Die weiteren Worte wurden in der Entfernung unverständlich, aber was
brauchte Ben auch noch weiter zu hören. Das letzte war schändliche
Verleumdung.
»Noch keinen Schritt getanzt,« jubelte der junge Jäger in sich hinein --
»also doch nicht falsch, doch nicht treulos, doch ihren Ben noch nicht
vergessen -- aber -- was kann's Dir auch helfen armer Ben -- Du hast doch
kein Glück -- Betsy ist doch für Dich verloren -- und wenn sie Dich nicht
vergessen könnte -- ach dann wär's nur so viel schlimmer für sie -- Besser
für Dich selber aber nimmer und nimmer.«
Die Büchse, die er nicht weit von da in einem dichten Busch hineingestellt,
hob er vom Boden auf, noch einen Blick nach dem hell erleuchteten Hause
warf er zurück, und still und schweigend wanderte er den Fußpfad entlang
dem nächsten Hügelrücken zu. -- Es litt ihn -- die Nacht wenigstens --
nicht in der Ansiedlung, und er wollte draußen am Feuer schlafen.
Ein Platz war endlich an einer klaren Quelle, die hier dem felsigen Boden
rein entquoll, bald gefunden, eine Flamme entzündet, und in die Decke
gehüllt lag er, den Kopf auf einen untergeschobenen Stein gelegt, und
schaute sinnend und ernst zu den freundlich auf ihn niederblitzenden
Sternen empor.
Im Wald war es merkwürdig still, selbst die Frösche quakten nicht so toll
und wild durcheinander, wie er das sonst wohl gehört, den leisen Schritt
des Opossums, das zu nächtlichem Hühnerraub nach den bewohnten Ansiedlungen
schlich, konnte er deutlich und bestimmt hören, und dort hinten -- er hob
den Kopf und lauschte einen Augenblick -- wahrlich es war ein Wolf, der
weit drüben auf dem scheidenden Gebirgsrücken sein klägliches Abendlied
heulte.
»Winsle nur, Bestie!« murmelte er endlich und sank in seine frühere
Stellung zurück, »winsle, aber bleib mir außer Schußnähe; auf Deines
Gleichen und auf -- noch Einen, hätt' ich besonders heut Abend Appetit.«
Eine halbe Stunde lag er wohl so noch, und suchte seine Gedanken wieder auf
die früher durchträumten Pläne zu richten -- es war aber nicht möglich
-- das immer näher und näher kommende Geheul des Wolfes lenkte seine
Aufmerksamkeit immer wieder dort hin, und jetzt -- alle Wetter, das war gar
nicht so weit entfernt -- antwortete eine andere Stimme aus einer hinter
ihm liegenden Schlucht, wo auch, wie sich bald auswies, das ganze Rudel
steckte.
Er sprang rasch von seinem Lager auf und griff nach der Büchse; der Mond
stieg eben hinter den düstern Schatten der fernen Bergesketten hell und
freundlich empor -- die alte Jagdlust erwachte und verdrängte, für den
Augenblick wenigstens, jeden anderen Gedanken.
Er befand sich auf einem äußerst günstigen, ziemlich offenen und vom Mond
hell beschienenen Fleck und zwar gerade mitten zwischen dem Rudel und
dem vereinzelten, jetzt zu diesem zurückkehrenden Wolf -- das Feuer war
niedergebrannt, und die noch glimmenden Kohlen schreckten die Bestien auch
nicht ab, da fortwährend brennende Stämme im Wald liegen und Hirsch und
Wolf daran gewöhnt sind Feuer auf ihrem Pfad zu finden. Ein vom Winde
niedergeworfener Stamm der die Höhe hinunter, nach dem Thale zu lag,
gewährte ihm dabei einen trefflichen Hinterhalt. --
»Wart Kannaille, murmelte er, griff seine Büchse auf und glitt hinter den
Stamm -- komm mir nur aus dem Busch vor, und freu' Dich dann auf Ben Holiks
Kugel.«
Er hob sein Gewehr auf den Stamm, richtete die Mündung nach der Gegend
zu, von der er den einzelnen Wolf erwartete, -- denn das Rudel bleibt in
solchem Fall gewöhnlich so lange auf dem einmal behaupteten Platz, bis der
Vereinzelte dazu gestoßen ist -- und harrte dann lange und geduldig -- der
Wolf wollte sich aber immer noch nicht sehen lassen.
Sollte die Bestie etwas gemerkt haben -- aber der Wind war doch günstig.
-- Holik ließ seine Büchse auf dem Stamm liegen, hielt beide Hände
trichterförmig an den Mund -- und heulte kläglich. -- Der Laut war
täuschend ähnlich nachgeahmt, und schallte gar wehmüthig durch den düstern
Wald.
Wenn aber auch keine Stimme von dort, wo der einzelne Wolf sein mußte,
antwortete, so war Ben doch ein viel zu alter Jäger um nicht auf seiner Hut
zu sein, oder sich durch Uebertreibung einen einmal gewonnenen Vortheil zu
verderben. Leise griff er wieder nach der Büchse, blieb ruhig im Anschlag
liegen, und erwartete das Resultat.
Das sollte auch nicht lange ausbleiben. -- Der Wolf antwortete allerdings
nicht mehr, aber nur weil er zu nahe war, und als Ben mit gespannter
Aufmerksamkeit selbst dem leisesten, unbedeutendsten Geräusche lauschte,
hörte er plötzlich im trocknen Laub der benachbarten Baumgruppe rasche,
aber vorsichtige Schritte. -- Trap, trap, trap, trap -- und das Thier stand
-- noch einmal -- es windete wieder. Hatte es vielleicht den Rauch in die
Nase bekommen. Der Wolf betritt übrigens jedesmal vorsichtig einen freien
Platz, weil er wahrscheinlich nicht allein Gefahr fürchtet, sondern auch
vielleicht selber nach Beute ausschaut.
Ben konnte genau von wo er stand die Schritte hören, den Platz selbst aber
noch nicht mit seinem Blick durchdringen, wagte deshalb auch nicht sich zu
bewegen, weil er nicht wissen konnte ob des Raubthiers Augen nicht gerade
in diesem Moment dorthin gerichtet waren, wo er lag. Heulen durfte er auch
nicht wieder -- die Entfernung mußte jedenfalls zu gering sein, als daß die
scheue Bestie nicht den Betrug hätte merken und den falschen Rufer erkennen
sollen. Es blieb ihm Nichts anderes übrig als jetzt ruhig und regungslos
abzuwarten, bis das Thier in's Mondenlicht heraustreten würde.
Da wurde plötzlich hinter ihm -- ein klein wenig nach rechts, das Rudel
wieder laut und ein triumphirendes Lächeln zuckte über Ben's Antlitz -- es
machte aber auch eben so schnell einem Ausdruck peinlicher Spannung Platz,
denn in dem nämlichen Moment schon trat der Wolf, der durch den letzten
Lockton bestimmt schien, aus dem düstern Schatten vor, auf den freien, nur
mit einzelnen Bäumen bewachsenen Raum.
Ben's Herz schlug fast hörbar, aber sein Arm lag fest wie Eisen -- ruhig
richtete er das todtbringende Rohr nach dem Feind und suchte mit dem
scharfen Blick dessen dunkle Gestalt auf das Korn seiner Büchse zu bringen.
Doch vergebens -- in dem matten ungewissen Licht schmolz Korn und Ziel
so ineinander daß er um's Leben nicht hätte genau bestimmen können wo die
Kugel sitzen würde, und fehlen -- nein das durfte er nicht.
Vorsichtig hob er den Lauf gegen den helleren Himmel, wo er das Korn
deutlich gegen einen der funkelnden Sterne konnte abstechen sehen, legte
sich dann fest in den Kolben, fuhr nieder, und so wie er die Gestalt des
noch immer regungslos und jetzt seitwärts in's Thal schauenden Thieres voll
im Korn hatte, berührte sein Finger den Drücker.
Der Schuß schmetterte dröhnend durch den Wald und Ben sprang blitzesschnell
empor.
»Siehst Du, Kannaille, sagte er da, als er den dunkeln Körper regungslos
im, vom Mondlicht hell beschienenen Laube liegen sah -- siehst Du -- ich
habe Dir's prophezeiht. -- Das ist doch wenigstens _ein_ Trost, einem
solchen herumschleichenden Schuft das Handwerk gelegt zu haben. Panther und
Bären -- ich wollte daß Gottes Strahl all das Lumpengesindel träfe, das
so wie Du, Bestie, das Licht scheut, im Dunkeln herumschleicht und Unheil
anrichtet, wohin es den Fuß gesetzt und seinen Athem gehaucht!«
Ben war bei den obigen Worten, die er mit fest zusammengebissenen Zähnen in
den Bart murmelte, ruhig auf seinem Platz stehen geblieben und hatte, nach
Jägerart, vor allen Dingen die Büchse wieder geladen, hob sie jetzt mit
einem noch leise gemurmelten Fluch auf die Schulter, und schritt langsam
der Stelle zu, wo der so glücklich erlegte Feind im Laube ausgestreckt lag.
Es war ein großer, kräftiger Wolf, kohlschwarz und nur mit dem einen
kleinen herzförmigen weißen Fleck auf der Brust, der im Mondenlicht
ordentlich zu glühen schien -- die Kugel mußte ihm gerade durch den Kopf
gefahren sein -- er rührte und regte sich nicht.
»Ich habe ihn nicht einmal zucken sehen, sagte der Jäger leise, und bog
sich zu ihm nieder, um nach dem Kugelloch zu fühlen. Ueber den ganzen Kopf
strich er hinüber und herüber, dort war aber nichts, auch kein Schweiß --
und die gegen das Mondenlicht gehaltene Hand weiß und rein. Wunderlicher
Schuß! brummte der Jäger -- ei zum Henker, 's ist einerlei _wo_ die Kugel
sitzt, _wenn_ sie nur sitzt, und da ich den Schuft -- Hallo! unterbrach er
sich plötzlich -- lebt der Bursche noch?«
Er stand mit gespannter Aufmerksamkeit die Büchse im Anschlag, jede
Bewegung des Raubthiers beobachtend, und allerdings gab dies jetzt wieder
Lebenszeichen von sich, warf einmal den Kopf auf, und schnellte sich dann
auf dem linken Vorderlauf in die Höhe.
Ben hatte aber zu manches Stück Wild erlegt, als daß ihn diese Bewegung
auch nur einen Augenblick länger über den Zustand des Wolfes in Zweifel
lassen konnte. Im ersten Augenblick fuhr er allerdings noch einmal, und
wie unwillkürlich mit der Büchse an den Backen -- das war aber auch nur ein
Moment -- im nächsten warf er sie fort und sprang plötzlich in keckem Muth
auf das, von _der_ Minute an sich wieder ganz kräftig und rasend sträubende
Thier.
»Hoho, mein Bursche! rief der junge Jägersmann dabei, und lachte mit wilder
Freude in sich hinein, während er seinen Arm mit eiserner Gewalt um den
wüthend dagegen ankämpfenden Körper des Wolfes schlang -- hoho -- einfach
ge=creast=[2] -- hahahaha -- ja strample nur, strample nur Herz, _der_
Falle entgehst Du nicht -- wenn Du nicht im Stande wärst, aus der Haut zu
rutschen.«
[2]: =creasen= nennt der amerikanische Jäger den Schuß über dem
Rückgrate oder noch häufiger Hals eines Wildes, wenn die Kugel auf die
oberen Halssehnen und Muskeln gedrückt hat, ohne sie zu durchschneiden,
was das Thier augenblicklich zu Boden wirft, aber nur für den Moment
betäubt, und nicht im mindesten beschädigt. Nach sehr kurzer Zeit
erholt es sich gewöhnlich wieder, und wenn der Jäger dann nicht schnell
mit Büchse oder Messer bei der Hand ist, springt es wieder auf und ist
nicht selten weit aus dem Bereich der Kugel ehe der verblüffte Schütze,
der sich seine schon sicher geglaubte Beute auf einmal wieder entgehen
sieht, seine Sinne gesammelt hat. Die westlichen Indianer fangen auch
mit diesem Schuß die wilden Pferde, wobei natürlich mehr erschossen als
gefangen werden.
Das Thier, das nun sein volles Bewußtsein wieder erlangt hatte, schien
jetzt erst zu begreifen in welcher höchst mißlichen Lage es sich eigentlich
befinde und suchte mit aller ihm zu Gebote stehender Kraft um sich zu
beißen, und durch Treten und Kratzen seine Freiheit wieder zu gewinnen.
Doch vergebens, Ben hielt es wie in einem eisernen Schraubstock und drückte
sich dabei so mit dem ganzen Gewichte seines schweren Körpers darauf, daß
der arme also ertappte Wolf endlich und als auch seine Kräfte vollständig
erschöpft waren, wenigstens für kurze Zeit ruhig liegen mußte.
Was aber nun thun? -- den Wolf tödten? das wäre allerdings mit nur
wenig Schwierigkeiten verknüpft gewesen, denn Ben trug sein haarscharfes
Jagdmesser im Gürtel. Aber war nicht jetzt sein Ziel erreicht? -- einen
lebendigen, gesunden, unbeschädigten Wolf wollte er haben, und den hielt er
in diesem Augenblick hier unter sich so fest als ob er ihn im Leben nicht
wieder loslassen wollte. Doch wie ihn binden und festhalten? nicht einmal
einen Lederriemen führte er bei sich, nichts als seinen Gürtel und wie
hätte er es überhaupt wagen dürfen auch nur den Versuch zu machen? Ließ er
dem Wolf nur ein wenig Luft so gab es nachher einen Kampf, in dem er ihn
entweder ernstlich beschädigen, oder gar frei lassen mußte -- das eine fast
so schlimm wie das andere. Und das schwere Thier bis zur Ansiedlung tragen?
-- er hätte ohne den Wolf eine halbe Stunde gebraucht sie zu erreichen --
viel weniger mit ihm -- aber es blieb ihm weiter keine Wahl.
»Entweder oder,« murmelte er, »Du oder ich, Bursche, und so mag denn _der_
Abend über mein Glück, über mein Unglück entscheiden. Zum Teufel auch, habe
doch schon manchen starken Hirsch getragen, der noch einmal so schwer war
wie der hier, und das blos um des elenden Wildprets wegen -- werden mir
heute die Kräfte nicht versagen, da es das Höchste -- oder doch wenigstens
einen Triumph über den schurkischen Feind gilt.«
Und mit dem raschen Entschluß nahm er seinen Halt fest um das, sich jetzt
wieder mit rasender Wuth sträubende Thier, brachte den rechten Fuß unter
sich, und stand, die Schulter gegen einen kleinen danebenstehenden Gumbaum
stützend, langsam auf. Er hatte den Wolf mit dem Rücken gegen sich, mit dem
linken Arm zwischen den beiden Vorderläufen durch gepackt, und den
rechten Arm ihm fest um die Weichen geschlagen und hielt ihn so eng
zusammengepreßt, daß er ihm mit seinen Zähnen gar nicht schädlich werden
konnte.
Die Büchse mußte er natürlich zurücklassen, auch die Mütze war ihm bei
dem Ringkampf entfallen, doch das hinderte ihn nicht; mit fest
zusammengebissenen Zähnen und zum Aeußersten entschlossen, wanderte er
seine wunderliche sich unaufhörlich sträubende Last im Arm, Schritt vor
Schritt weiter -- der fernen Ansiedlung zu.
* * * * *
Im alten Gerichtshaus herrschte indessen noch immer laute lärmende
Fröhlichkeit, Bowle nach Bowle wohlschmeckenden süßen Stewes war gebraut,
und der Raum endlich durch Kerzen, Trunk und Tanz so heiß geworden, daß
man selbst das kleine, nach dem Holz hinausführende Fenster öffnete, um nur
frische Luft herein zu bekommen.
Die Töne der Violine schwirrten immer rascher und gellender in Jigs und
Hornpipes, die Füße der Tänzer klapperten immer behender auf dem schon
blank gescharrten Boden; Metcamp war besonders ausgelassen lustig, er
nannte die arme Betsy -- die sich übrigens hartnäckig weigerte weder mit
ihm noch einem der andern Gäste zu tanzen -- nicht anders wie »sein süßes
Bräutchen«, umarmte den alten Sutton ebenfalls zweimal als »Schwiegerpapa«
und wußte seiner Ausgelassenheit gar keine Grenzen.
Eine kleine Unterbrechung hatte indessen stattgefunden; »Lord Howe's
Hornpipe« war eben beendigt und einige Erfrischungen wurden herumgereicht.
Betsy, die auf ihres Vaters Befehl die Bedienung überwachen mußte, saß
unfern dem Eingang, nicht weit vom Schenktisch, und Metcamp, der sich dicht
neben sie gestellt, flüsterte ihr eben einige fade Schmeicheleien in's Ohr,
die ihr die zornige Röthe auf die Wangen trieben, als plötzlich Etwas mit
gewaltigem Poltern von außen gegen die Thüre schlug.
»Hallo!« schrie der Bräutigam zusammenfahrend -- das ist ein unhöfliches
Anklopfen -- »wer da?«
Die übrigen Gäste wandten sich Alle rasch und erstaunt nach dem Lärmen um,
die einzige Antwort von dort her war aber ein erneutes, noch viel stärkeres
Gepolter.
»Ei so hol' doch der Henker die Unverschämtheit!« rief da Metcamp; »ich
will doch sehen --«
Rasch ergriff er den ledernen Riemen der an dem Drücker hing, riß daran und
stieß die Thüre auf.
»Ha!« -- Vor sich ein Paar stiere funkelnde, fast aus ihren Höhlen
drängende Augen -- ein weit aufgerissener Rachen mit blutiger,
heraushängender Zunge und weißem fürchterlichen Gebiß -- ein Wolfskopf wie
ihn sich die Einbildung nur schrecklich und Entsetzen erregend
ausmalen kann -- hinter ihm aber, dicht über dem gräßlichen Rachen, das
todtenbleiche, wildblickende Angesicht Ben Holik's, vom Schein der Kerzen
geisterhaft beleuchtet.
»Der Wolf! -- Der Wolf!« schrie da Metcamp nach einem, nur fast
flüchtigen Blick auf die schauerliche Gruppe. -- »Der Wolf!« und durch die
hinzudrängenden Gäste brach er in wilder Hast sich Bahn, zum Fenster sprang
er, und ehe nur noch irgend Jemand sein Vorhaben hätte errathen, oder
ihn gar daran verhindern können, flog er mit scheuem Satz hinaus und in's
Freie.
Die Hintenstehenden, die noch gar nicht sehen konnten was eigentlich die
Ursache solch wunderbarer Behendigkeit gewesen, lachten; die nächst der
Thüre aber fuhren ebenfalls, kaum minder als Metcamp selbst erschreckt,
zurück, und starrten überrascht die wunderliche Gruppe an, aus der sie Ben
Holik's todtenfahle Züge jetzt erkennen konnten.
»Die Glocke -- die Glocke!« war aber Alles was der Jäger mit heiserer, nur
den Nächsten verständlicher Stimme zu lallen vermochte -- »die Glocke --
ich kann -- ich kann nicht mehr.«
»Heiliger Gott!« schrie da Betsy, die schon bei dem ersten Ausruf Metcamps
entsetzt empor gesprungen war und ihren Augen kaum trauend, keines Wortes,
keiner Bewegung mächtig, in das todtenbleiche, fürchterlich entstellte
Antlitz des Geliebten gestarrt hatte, »heiliger, allmächtiger Gott! zu
Hülfe -- zu Hülfe!«
»Die Glocke! flehte aber nur Ben -- Betsy die Glocke oder meine Arme
erstarren.«
»Die Glocke? -- was für eine Glocke?« fragten die Umstehenden wild
durcheinander.
»Ha -- die Wolfsglocke!« rief da das Mädchen -- das Ganze ihr bis dahin
Entsetzliche, jetzt rasch und froh begreifend -- »die _Wolfsglocke_, nur
noch einen Moment Ben -- nur noch wenige Secunden und ich bin wieder da.«
Und rasch zur Thür hinaus, dicht an den klaffenden Fängen der Bestie vorbei
-- so dicht daß ihre Schulter die blutträufende Zunge fast berührte, glitt
die Jungfrau flüchtigen Laufes in das dicht daneben gelegene Haus ihres
Vaters, wo die Glocke noch in der Stube (unter der Büchse, wo er sie
neulich bei seiner Zurückkunft hingethan) hing, hob sie schnell herunter
und war in kaum einer Minute Zeit schon wieder zurück mit dem Verlangten.
Indessen hatten sich aber die Männer dort ebenfalls von ihrer ersten
Ueberraschung erholt; der alte Sutton war zu ihnen getreten, und rasch
begreifend um was es sich hier handle, wollte er Ben unterstützen und ihm
den Wolf vielleicht abnehmen. Das gab aber der Jäger nicht zu, da er seiner
wie des alten Mannes Sicherheit wegen nicht wagen durfte dem festen Halt,
den er einmal an der Bestie hatte, zu entsagen. Kaum erschien aber Betsy
mit der Glocke, so nahm sie ihr Sutton rasch aus der Hand, schlang den
Riemen um des, jetzt wieder wie wüthend um sich beißenden Wolfes Hals, und
schnallte ihn nicht zu fest, aber sicher genug, daß er nicht über den
Kopf hinüberrutschen konnte, den Wolf jedoch auch nicht hinderte, oder gar
würgte.
Was aber jetzt, nachdem dies geschehen war, thun? -- wie die Bestie, da der
Zweck erfüllt war, wieder loswerden? denn war es nicht möglich daß sie, in
so gereiztem Zustand freigegeben, anstatt zu fliehen sich gerade gegen ihre
Feinde wenden, und dort Unheil anrichten konnte, ja am Ende gar, um sie
nur wieder los zu werden, doch noch getödtet werden mußte? Das Klingeln
der Glocke beunruhigte den Gefangenen dabei immer mehr, seine Anstrengungen
wurden wüthender, je mehr die Kräfte des armen Jägers nachließen. Zwar
sprangen von vielen Seiten die Männer mit Stricken herbei und Einer
machte sogar eine Schlinge, den Wolf daran zu hängen und ihm die Kehle
zuzuschnüren bis er betäubt wäre und hinaus in den Wald geschafft werden
könnte -- das aber schienen viel zu gefährliche Experimente, denn geschah
dem Thier dadurch ein Schaden, so war die ganze Anstrengung vergebens
gewesen. Da rief Betsy, die in Todesangst um den Geliebten, die Hände fest
gegen die Schläfe gepreßt, daneben gestanden und dem ganzen wirren Treiben
zugeschaut, den tausend verworrenen Vorschlägen, wie sie gemacht und
verworfen wurden, in namenloser Furcht gelauscht hatte, plötzlich aus:
»Trag ihn in den Garten, Ben, wo der Fluß die Biegung macht -- dort ist
die Uferbank eingestürzt, und da hinabgeworfen, kann er nur an's
gegenüberliegende Ufer schwimmen!«
»Bei Gott das Mädchen hat Recht!« rief der alte Sutton, und Ben schritt
schon um's Haus herum dem bezeichneten Orte zu. Die Fenz, die ihn noch von
dem Garten trennte, wurde augenblicklich eingerissen, und wenige
Secunden später stand der Wolfsjäger an dem schroffen Ufer das unten
der vorbeischäumende kleine Bergstrom bespülte -- Betsy hatte seinen Arm
ergriffen und ihn geführt, daß er nicht etwa einen Schritt zu weit vorgehe
und selber mit hinabstürze.
»Jetzt Ben! rief sie ihm zu, als sie ihn plötzlich zurückhielt, jetzt laß
los!«
»Gott sei Dank!« murmelte Ben und während er noch die Arme öffnete glitt
der dunkle Körper am nachgebenden Sande hinab und schlug plätschernd in die
unten über ihm zusammenbrechende Fluth.
Jetzt kamen auch mehre mit rasch herbeigeholten Lichtern herbei und bei dem
matten ungewissen Schein derselben konnten sie erkennen wie der schwarze
Körper des befreiten Wolfes rasch und mit heftigem Stöhnen durch die Fluth
strich. Als er aber drüben an's Ufer stieg klingelte die wackere Glocke
laut und hell -- er hatte sich schütteln wollen, erschrak jedoch so über
den fremden Laut daß er rasch die Uferbank hinansprang, und noch eine lange
Strecke durch den Wald hörten sie das gleichmäßige Anschlagen der Schelle,
wie der Wolf in dem, diesen Thieren eigenen langen Galopp mit flüchtigen
Sätzen nicht mehr den Feinden, die hatte er kaum gefürchtet, nein, diesem
unerträglichen scharfen Lärm unter seiner Kehle, zu entfliehen suchte.
»Hahahaha!« brach endlich Ben, der jetzt lachend seine halb erstarrten
Arme schwenkte, das athemlose Schweigen mit dem die Männer den immer mehr
verschwimmenden Tönen der Glocke gelauscht hatten -- »er hat sie -- beim
ewigen Gott, er hat sie -- so -- das soll mir der Mr. Metcamp einmal
nachmachen!«
Metcamp? ja wo war denn Metcamp die ganze Zeit eigentlich -- das weiß der
Himmel, am Washita hat ihn wenigstens kein sterbliches Auge mehr gesehen,
sein Fenstersprung konnte nicht bezweifelt werden, denn Zeugen gab es dafür
genug, und vom Fenster aus ließ sich die Spur noch weit hinaus in den Wald,
aber immer dem Arkansas zu, verfolgen, sein ganzes Gepäck aber, ja selbst
seinen Hut ließ er, ohne auch nur einmal darum zu schreiben, in der
Ansiedlung zurück und Ben hatte gewiß recht als er meinte -- »den habe nur
sein _böses Gewissen_ aus den Bergen getrieben.«
Und was wurde aus Betsy? --