selbst der muthlosen Jungfrau neue Hoffnung gab. Durch das Gerücht von des
Fremden Kenntniß im Fallenstellen, war aber auch Benjamin aufgereizt worden
seine Anstrengungen zu verdoppeln, daß er nicht etwa durch Lässigkeit
sein ganzes Glück versäume. Einen fast fröhlichen Abschied nahm er von dem
schwermüthigen Mädchen, küßte ihr die thränenden Augenlider, schulterte
seine Büchse, und wanderte frisch und getrost in den dunkeln Wald hinein.
* * * * *
Die Fallen die Ben Holik für Wölfe stellte, befanden sich alle ziemlich
in der Nähe der Ansiedlungen, da die wilden Bestien die bewohnten Plätze,
wohin sich das Vieh Abends zurückzog, und wo auch die säugenden Sauen ihre
Betten hatten, am liebsten aufsuchten. Eine besonders, auf die er seine
meiste Hoffnung setzte, da sie nicht weit von einem Wechselpfad der
Wölfe, zwischen zwei Hügelrücken lag, war mit außerordentlicher Sorgfalt
hergerichtet, und so gestellt daß sie von den Wölfen gesehen werden
_mußte_. Ebenso stak die trefflichste Lockspeise, die ganze Keule eines
erst gefallenen Pferdes, daran, und _den_ Vortheil hatte sie noch außerdem
vor den übrigen, daß er nicht jedesmal, wenn er nachsehen wollte ob sich
etwas gefangen habe, dicht hin zu gehen brauchte, wodurch er gezwungen
gewesen wäre Spuren zurückzulassen, sondern von einem nicht fernen ziemlich
steilen Hügelrücken aus, der dort in eine starre Felsspitze vorragte, mit
seinen Adleraugen den ganzen Platz recht gut übersehen konnte. Ließ sich
dann auch nicht gleich bestimmen ob sich etwas gefangen hätte, so ließ sich
doch recht gut erkennen ob die Falle noch aufgestellt oder niedergeschlagen
wäre.
In der Nacht mochte er freilich den Ort nicht stören, deshalb ging er jetzt
geradenwegs zu seinem Lagerplatz, den er sich, bis er sein Ziel erreicht,
in den Bergen aufgeschlagen, entzündete dort sein Feuer wieder, verzehrte
sein einfaches Abendbrod, rollte sich in seine Decke, und war bald
sanft und süß, jeder weiteren Anstrengung für diese Nacht entsagend,
eingeschlafen.
Am Morgen bedurfte er des Hahnenschreis nicht, munter zu werden, so wie der
»Whip poor will« seine ersten klagenden Laute wieder hören ließ, sprang er
auf, kochte seinen Kaffee, den jeder Jäger gebrannt und gemahlen in einem
Leinwand- oder Ledersäckchen bei sich führt, und erwartet nun ungeduldig
den ersten matten Dämmerschein der sich im Osten zeigen würde.
Endlich, endlich kam das diesmal so heiß ersehnte Licht, mit dem sich der
Wolf jedesmal wieder in seine bestimmten und gewöhnlich unzugänglichen
Schlupfwinkel zurückzieht -- und vorsichtig, dürre Aeste und brechendes
Holz meidend, damit das Geräusch nicht etwa noch in der Nähe weilende
Bestien aufscheuche, kroch er in der That mehr als er ging, dem Felsen zu
der ihm zur hohen Warte diente.
Jetzt hatte er ihn erreicht -- jetzt konnte er den flachen, eben von grauem
Licht kalt durchgossenen Fleck überschauen -- beim Himmel, der ungewisse
Schein mußte ihn täuschen -- er vermochte das aufgestellte Dach der Falle
nicht mehr zu erkennen. -- War sie -- war sie niedergeschlagen?
Das Herz schlug ihm in fieberhafter Ungeduld, und gewaltsam fast bezwang er
sich den heller heraufbrechenden Morgen abzuwarten, ehe er seine Fährte dem
Thalgrunde einpresse.
Aber lange hielt er es so nicht aus; weder Ruh noch Rast ließ ihm die
Ungeduld und jemehr er jetzt den Blick anspannte die Gegenstände unter
sich zu erkennen, desto deutlicher wurde ihm die Thatsache, und der Zweifel
endlich zur Gewißheit. -- Die Falle war wirklich zugeschlagen und es
_mußte_ also ein Wolf in ihr stecken, denn die Kühe, die manchmal auch
sehr zum Aerger des Jägers und ihrem eignen Schrecken die Stützen umstoßen,
kamen gar nicht in dies felsige grasleere Thal hinunter.
»Betsy!« das war der einzige Laut, den er, sich selbst vielleicht unbewußt,
ausstieß, als er mit flüchtigen Füßen den Thalgrund hinab und der Stelle
zuflog, wo im Schatten dichter Sassafras und Spicebüsche, gar schlau
in einen wilden Haufen des dort von dem manchmal reißend geschwollenen
Bergstrom hingeschwemmten Holzes hineingestellt, und von dem klar
vorbeisprudelnden Wasser bespühlt, die Falle stand.
»_Hurrah!_« er konnte sich nicht helfen, er _mußte_ seinem Jubel wenigstens
in _einem_ recht herzlichen, recht aus tiefster innerster Seele kommenden
Aufschrei Luft machen. -- Und er hatte auch wahrlich Ursache darüber
zu jauchzen, denn in der Falle saß, scheu und verschämt, als ob er sich
genirte, bei dem heller und heller heraufdämmernden Tageslicht hier noch
ertappt zu sein, ein prachtvoller rabenschwarzer männlicher Wolf, und
die Augen funkelten dunkelglühend, zwischen den wohl eine Hand breit
auseinanderliegenden Stämmen nach dem grimmsten Feind durch, dem er in
diesem Theile des Waldes hätte in die Hände fallen können -- dem jungen
Jägersmann entgegen.
»Siehst Du, Bestie, sagte aber der, so habe ich Dir endlich das Handwerk
gelegt, Du alter grauer Sünder -- wirst die andern wohl gestern von der
gefundenen und so vortrefflich geglaubten Beute weggebissen haben, und
sitzest jetzt in der beneidenswerthesten Lage von der Welt hinter Glas und
Rahmen. Nun warte nur, Dir ist noch weit besserer Spaß aufbewahrt. An's
Leben geht es Dir diesmal allerdings nicht gleich, wenn Du aber nur erst
einmal mit der Glocke um den Hals spazieren läufst, wirst Du schon finden
was es heißt in Ben Holiks Hände gerathen zu sein!«
Der Wolf fletschte, als er sich nach der Falle hinunter bog, ingrimmig
die Zähne gegen ihn, behauptete aber seinen Platz und schien, wie ein
ärgerlicher Hund nur einen Angriff zu erwarten, um gleich zufahren zu
können. Ben dachte aber gar nicht daran ihn weiter zu reizen, sah nur noch
einmal lächelnd nach ihm zurück und rief:
»Bin Dir nicht böse, alter Bursche, bist zwar ein gar unwirsch aussehender
Brautwerber, sollst mir aber doch zur Braut verhelfen, und da müssen wir
schon gute Freunde mitsammen bleiben.«
Und einen fröhlichen Gruß dem Gefangenen hinüberwinkend, warf er seine
Büchse über die Schulter und sprang in flüchtigen Sätzen den ziemlich
steilen Abhang der Schlucht hinauf, um die Ansiedlung auf dem geradesten
Wege und so rasch als möglich zu erreichen, damit er von dort aus gleich
Hülfe herbei holen könne, dem wilden Burschen das Halsband mit der Glocke
umzulegen, und ihn dann wieder -- hei! wie er springen würde! -- frank und
frei laufen zu lassen.
So hatten die Männer der Ansiedlung (die sie um ihr doch eine Art
Stadtnamen zu geben, _Woodville_ getauft, obgleich sie nur aus drei Häusern
und zwei Ställen bestand) den jungen Jägersmann noch nie gesehen. Jubelnd
und jauchzend kam er in Suttons Haus gesprungen, umarmte in Ermangelung der
Tochter, den alten Sutton selber, und schwatzte eine solche Masse tolles
Zeug von Wölfen, Scalpen, Farmen, Glocken, Stricken und Holzhaufen, daß
eine Art Gerücht, »Wolfs Ben sei wahnsinnig geworden«, schon wirklich
anfing Glauben zu gewinnen.
Nach und nach klärte sich aber die Sache auf, und der alte Sutton erfuhr
kaum um was es sich handle, als er auch selber mit fast eben solchem Eifer
darauf einging, und jetzt nur bedauerte daß Metcamp den Augenblick nicht
gegenwärtig wäre, da er ebenfalls die Nacht im Wald gewesen sei um sein
Glück zu versuchen.
»Hallo, jetzt bekommen wir am Ende gar zwei!« lachte der Alte endlich,
während er seine Büchse vom Nagel nahm und die Kugeltasche umhing. »Metcamp
hatte verdammt gute Aussichten, und scheint seiner Sache ziemlich gewiß zu
sein. Nun, das schadete nichts; dann theilt Ihr die Prämie und zwei Wölfe
wären am Ende immer noch sicherer als einer. Ist Euerer denn ein Wolf?«
»Ei und solch ein derber Bursche, wie nur je einer ein Kalb zerrissen hat.«
»Vortrefflich, vortrefflich! Nun so kommt, Benjamin, und Du, Scip', kommst
gleich mit den andern beiden nach; wo ist's denn? an der Froschquelle
sagtet Ihr?« --
»An den Wassern der Froschquelle, etwa sechshundert Schritt von dem
scheidenden Bergrücken und gerade da gegenüber wo des »Teufels Kanzel« über
den Bach hängt.«
»Nun da könnt Ihr ja gar nicht fehlen -- also die Stricke und den Sack --
habt Ihr das Halsband, Ben?«
Der junge Mann bejahte es, klingelte mit der kleinen Glocke und schien
selber die Zeit nicht erwarten zu können, wo sie wieder aufbrechen würden,
seine Siegstrophäen in Empfang zu nehmen. --
* * * * *
Mit raschen Schritten wanderten die beiden Männer den schmalen Pfad
entlang, der von der Ansiedlung aus in den Wald lief, verließen diesen aber
bald darauf wieder, eine nähere Richtung einzuschlagen, und benutzten einen
von den Hügeln hin auszweigenden Abhang, der in leiser Niederdachung den
Wassern der Froschquelle zuführte.
»Aber, Ben, Ihr habt ihn doch auch sicher? fragte da Sutton, ganz plötzlich
stehenbleibend, und sah den jungen Jägersmann mißtrauisch dabei von der
Seite an. -- Ihr war't mir heut Morgen so -- so kreuzfidel -- es ist zwar
noch etwas früh -- ich hoffe doch nicht daß Ihr mich etwa zum Narren habt?«
Ben Holik lachte, als ob er im Leben nicht wieder zu sich selber kommen
wollte, und schüttelte das Halsband, das er in der Hand trug dermaßen, daß
der Ton hell und klingend durch den Wald tönte. --
»Hahahaha -- das ist kostbar. Nein Sutton -- das ist wirklich kostbar --
jetzt -- jetzt fällt Euch auf einmal ein -- hahaha -- daß ich Euch könnte
-- hahaha -- angeführt haben!«
»Mr. Holik! --«
»Nein, lassen Sie's gut sein, Sir, sagte der Jäger plötzlich seine
Fröhlichkeit zügelnd, da er sah wie ernst der alte Mann die Sache zu
nehmen schien. Sie dürfen aber wahrlich nicht bös darüber sein, wenn ich
vielleicht ein Bischen zu munter bin -- es freut Einen doch am Ende so
einen verwünschten Kälberdieb, der so oft und schlau jeder Versuchung
widerstanden hat, zuletzt doch noch nicht überlistet zu haben. Wir müssen
übrigens gleich an Ort und Stelle sein; da drüben seh ich schon die Kiefern
der Teufelskanzel über das andere Schwarzholz hervorragen, und gleich
dort unten, wo der Hickory über die enge Schlucht gestürzt ist, liegt das
Triftholz wo meine Falle steht. Die Neger werden den Platz doch finden?«
»Scipio kennt jeden Fußbreit Boden hier, sagte Sutton. Also hier unten
steckt die Bestie; nun warte, mein Schatz Du sollst Deinen Kameraden so
lange Musik vormachen, bis ihnen vor lauter Bimmeln die Ohren klingen.
Hört, Ben, dies ist ein nichtsnütziger Weg hier; wir sind auch wohl gerade
auf den steilsten Fleck gekommen -- nun, Ben? -- wollen wir noch ein
Bischen? -- was habt Ihr denn zu gucken?«
Der junge Mann war auf einen umgefallenen Baumstamm getreten, hatte mit der
Linken den niederhängenden Ast einer jungen Buche gefaßt, und schaute mit
stierem unverwandtem Blick die Schlucht hinab in die Tiefe -- erwiederte
aber kein Wort.
»Nun Ben? -- was giebts? -- Ihr wißt wohl selber nicht mehr recht wo ihr
daheim seid? rief der Farmer, und sah ungeduldig nach ihm zurück -- wir
sind wohl in der falschen Schlucht?«
Ben Holik erwiederte keine Sylbe; nur bleichen Angesichts und keines Wortes
mächtig, deutete er nach einem wirren Haufen wild über einander gestürzter
dürrer Aeste und Stämme, zwischen dem das scharfe Auge des alten Mannes
gar bald das rauhe viereckige und massive Gestell einer zugeschlagenen
Wolfsfalle, wie sie in den Wäldern eben üblich ist, erkannte.
»Meiner Seel, an den falschen Kasten gerathen«; brummte der Greis, nachdem
er sich durch einen zweiten Blick überzeugt hatte wie die Falle leer sei,
-- »na das fehlte auch noch, jetzt können wir die steile Partie wieder
hinauf machen.«
Er wandte sich, den Berg wieder empor zu klimmen, hier aber fiel ihm das
verstörte wilde Aussehn des eben noch so fröhlichen Jägers auf, und als er
schon den Mund öffnete, ihn zu fragen was ihm fehle, hörte er die halblaut
und heftig ausgestoßenen Worte desselben:
»Sie ist _leer_!«
»Da unten in _der_ hat der Wolf gesessen?« fragte der alte Farmer rasch und
erschreckt.
»Dort unten,« lautete die monotone Antwort des aus seinen Himmeln
erbarmungslos Niedergeschmetterten.
»Na, das ist eine schöne Geschichte,« murmelte Sutton, klomm, so rasch
dies eben gehen wollte, und sicherlich viel rascher als er im Anfang
beabsichtigt, den steilen Hang hinunter, und stand gleich darauf vor der
allerdings leeren, aber heruntergeschlagenen Falle.
Das Fleisch im Innern war augenscheinlich nicht berührt, eine Art
Wolfsgeruch glaubte er aber selber zu wittern, und bei genauerer
Untersuchung entdeckte er an dem einen rauhen Balken sogar einzelne weiße
Bauchhaare, die kaum von einem andern Thier als einem Wolf herrühren
konnten. Wo aber war dieser hin verschwunden, denn daß er sich sollte unter
der schweren Klappe vorgearbeitet haben -- Sutton stemmte seine Schulter
darunter und suchte sie emporzuheben, er war es kaum im Stande -- schien
rein unmöglich.
Während er noch so beschäftigt war, stieg Benjamin Holik langsam und
schweigend zu ihm nieder, stellte seine Büchse an den nächsten Baum, legte
Halsband und Glocke daneben und trat dann dicht zur Falle heran, die
er, ohne sie jedoch zu berühren, auf das aufmerksamste und genauste
betrachtete.
»Und Ihr habt heute Morgen wirklich einen Wolf darin gefangen gehabt?«
fragte Sutton nach längerer Pause, während er trotz des Beweises der
gefundenen Haare ungläubig dabei mit dem Kopfe schüttelte.
»Ich gebe Euch mein Ehrenwort, sagte Ben tonlos -- ein starker männlicher
Wolf stak in der Falle, als ich vor kaum einer Stunde diesen Platz verließ;
_drei_ Wölfe hätten aber nicht Kraft genug gehabt diese Balken emporzuheben
und darunter vorzuschlüpfen, und _wenn_ ihnen das wirklich gelungen wäre,
so müßte wenigstens die Hälfte ihres ganzen Pelzes an der rauhen Rinde
dieser Stämme hängen geblieben sein.«
»Das dachte ich eben auch, sagte Sutton -- und Ihr wißt gewiß daß es auch
wirklich ein Wolf« --
»Nun zum Henker! rief der Jäger, dem der Ingrimm über die getäuschte
Erwartung auch endlich durch das sonst überhaupt nichts weniger als
geduldige Hirn zu blitzen begann; ich werde doch einen Wolf von einem Stück
verendetem Pferde unterscheiden können? -- aber da -- seht hier -- und --
und überzeugt Euch selber!«
Noch während er sprach, sprang er plötzlich auf die Falle zu, warf mit
einem Ruck seiner gewaltigen Kraft die Klappe zurück, als ob's ein loses
Brett gewesen wäre, und schwang sich mit einem Satz über die niedere Wand
in's Innere.
»Da! rief er, während er vor sich auf den feuchten Boden niederzeigte --
da und da -- und da sind die Spuren der Bestie, wenn Ihr denn meinen Worten
nicht mehr glauben wollt; hier ist die Stelle wo sie die Fänge in die
Lockspeise einschlug, als die Klappe wahrscheinlich zufiel. -- Wollt Ihr
mehr Beweise daß ich Euch nur eine Thatsache verkündet und nicht etwa eine
-- Lüge in den Bart geworfen habe? Pest und Gift! das hat mir Einer der
schleichenden Hallunken, die mich in der Ansiedlung immer nur so scheu von
der Seite anblinzen, wenn ich einmal hinaufkomme, zum Possen gethan; --
herausgelassen, muthwillig herausgelassen ist das Raubthier, und weiß es
Gott, Dem der seine Hand in so schmählich schändlicher Art an Ben Holiks
Eigenthum gelegt hat, wäre besser, er hätte den Washita in seinem Leben
nicht gesehen, als daß er mir, hab' ich ihn erst aufgespürt, wieder vor die
Augen käme!«
»Hm, das ist eine wunderliche Geschichte, brummte der Alte, wer zum Henker
soll sich die Mühe geben, Euch die Wölfe aus der Falle zu lassen? Und müßte
er nicht die ganze Nacht gerade hinter Euch her gekrochen sein, um den
einzigen Zeitpunkt, wo er es unentdeckt thun konnte, so genau abzupassen?«
Ben erwiederte nichts, sondern stieg aus der Falle und suchte auf dem Holz
nach irgend einem Zeichen, das ihn vielleicht hätte auf die richtige Spur
bringen können. Das trockene Holz bot seinem Auge aber nichts, von dem
geleitet, es hätte weiter forschen können -- nur die Spuren von Haaren
entdeckte er bald, auch die Fährten des Raubthieres, wo es vom letzten
Stamm hinab auf die weiche Erde gesprungen und dann wieder die andere Seite
der Schlucht hinauf in geradester Richtung seinen Schlupfwinkeln zugeflohen
war. Nirgend ließ sich dabei die Spur eines menschlichen Fußes erkennen
-- nur ein Paar unnatürlich tief in die Erde eingedrückte Steine, die der
Blick des Jägers bald erkannte, lenkten seine Aufmerksamkeit auf sich --
sie waren, selbst da wo sie mit Erde bedeckt lagen, noch vollkommen trocken
-- Der, der sie eingetreten, mußte also erst vor ganz kurzer Zeit hier
herübergeschritten sein.
Holik zeigte sie dem alten Mann und dieser gab auch zu daß es ihm selber
so vorkäme, als ob da Jemand gegangen sei, an die Erkennung einer genauern
Fährte war aber nicht zu denken. -- Oben auf dem Hügelkamm zog sich ein
starrer Felsstreifen meilenweit über den Berg hin, und zweigte überall
in rauh steinige Schluchten aus. Wem hier daran gelegen war seine Spur zu
verheimlichen, konnte das leicht genug, und die beiden Männer sahen sich
auch endlich genöthigt jeden derartigen Versuch als nutzlos aufzugeben.
Die Neger wurden zurückgeschickt, und Sutton folgte ihnen, selber in
keineswegs rosiger Laune, allein, denn Ben Holik wollte jetzt vor
allen Dingen den Wald nach der Richtung hin durchstreifen, wohin die
muthmaßlichen Fährten liefen, möglich doch, daß ihm sein gutes Glück -- er
stampfte mit dem Fuß als er die Worte sprach -- den Thäter gerade in den
Weg führte.
Er fand nichts -- den ganzen Tag durchkreuzte er den Wald, und als er
Abends müd' und matt in die Ansiedlung zurückkehrte, mußte er noch ertragen
daß man ihn bemitleidete und sich, anscheinend theilnehmend, in der That
aber nur neugierig, nach den näheren Umständen erkundigte; ja Metcamp erbot
sich sogar höchst freundlich wieder mit ihm zu gehen und die Spur noch
einmal aufzunehmen, -- er hätte, wie er selber den alten Sutton dabei
versicherte -- eine ungeheuere Uebung in Fährtefolgen, und war überzeugt,
er könne ihr nachgehen. Ben Holik aber hielt sich, was den Wald betraf,
für einen eben so guten Mann wie irgend einer dessen Füße je in Moccasins
staken, und lehnte das Anerbieten artig wohl, aber rund ab.
Dieser Metcamp hatte für ihn etwas Unheimliches in Blick und Ton. War er
selber so parteiisch oder eifersüchtig, ohne allen sonstigen Grund den
Menschen zu hassen, und wäre es nicht --
»Verzeih mir Gott die Sünde!« unterbrach Ben selber seine Gedanken als er
wieder zum Walde zurückschritt, denn Betsy konnte und wollte er in diesem
Zustand von Aufregung und getäuschter Hoffnung nicht vor die Augen kommen
-- »verzeih mir Gott die Sünde daß ich von einem Menschen, der mir bis
jetzt wissentlich noch kein Leid gethan hat, Unrechtes denke, aber dieser
Metcamp kommt mir immer vor wie mein böser Geist und wenn es _einen_
Menschen in der weiten Gotteswelt gäbe, dem ich den Bubenstreich zutrauen
möchte -- so ist es _Der_. Aber wart! mein Bursche, _bist_ Du's gewesen,
so hast Du ein Paar so scharfe Augen auf Deiner Fährte, wie sie in der
Ansiedlung nur zu finden sind, und wer weiß dann, ob wir nicht noch einmal
ein Paar Worte im Vertrauen reden!«
Ben war ein seelensguter, herzlicher und schwer zu kränkender Mann -- wie
es fast alle recht kräftig kernige Naturen von so riesigem Körperbau sind,
aber leichenbleich färbte ihm doch der Zorn die Wangen als er den Ort
wieder erreichte, wo er das Ziel seiner Wünsche, nach dem er Wochenlang
gestrebt, endlich gefangen gehalten, und dann ihm eine tückische Hand
den Becher, den er gerade zum Munde führen wollte, entrissen und zu Boden
geschleudert hatte.
Was aber half ihm der ohnmächtige Zorn -- er fand keine weiteren Anzeichen;
die Spuren des Geflohenen waren so schlau verdeckt daß er anfing es dem
geschniegelten Städter nicht einmal mehr zuzutrauen, und seinen Verdacht
von Einem zum Andern der jungen Leute unter seinen Bekannten schweifen
ließ, die, wie er recht gut wußte, ihn um sein Glück bei Betsy beneideten
und ihn dadurch vielleicht abhalten wollten ihre Hand zu erringen. Es blieb
aber auch immer nur wieder bei dem Verdacht; eine Gewißheit konnte er auf
keiner Seite erlangen.
Das Schlimmste bei der Sache war übrigens auch das noch, daß ihm diese,
seine beste Falle dadurch für eine geraume Zeit unbrauchbar geworden, denn
in die ging, wenigstens nicht eher als bis einmal ein Wolkenbruch jedes
Zeichen der gefangen gewesenen Bestie abgewaschen, kein Wolf wieder hinein
-- und welche Falle lag so vortrefflich wie gerade diese!
Wolfs Ben war übrigens nicht der Mann, der sich durch eine ihm in den Weg
geworfene Schwierigkeit so leicht hätte abschrecken lassen; noch standen
ihm drei andere Fallen und selbst in dieser Schlucht konnte er, wenigstens
weiter oben, eine neue anlegen. Mit unermüdlichem Fleiß arbeitete er
also auf's Neue, lag Tag und Nacht draußen und hielt von jetzt an eine so
scharfe Wacht in seinem gewöhnlichen Jagdrevier, daß kein Kaninchen, viel
weniger denn ein Menschenkind unbeachtet durchschlüpfen konnte. Voll neuer
Hoffnung dachte er nun mit jedem Morgen den Fang eines zweiten Wolfes
begrüßen zu können -- aber vergebens. Was er auch that blieb fruchtlos, und
Ben wurde zuletzt so schwermüthig und menschenscheu, daß er gar nicht mehr
aus seinem Wald heraus mochte, sondern jetzt, mit dem einen und einzigen
Ziel vor Augen, fast nichts anderes dachte, als einen Wolf lebendig zu
fangen.
Die Ansiedlung besuchte er gar nicht mehr, oder doch nur bei Nacht, wo
er nicht zu fürchten brauchte, daß Betsy's Blick auf ihn fiel -- denn
nachgerade fing er an sich zu schämen ein so »schlechter Jäger« zu sein und
er meinte, die Leute müßten ihm das Alle an den Augen ansehen.
* * * * *
Drei Wochen waren solcher Art verflossen und wenn Ben's Herz auch wohl
immer und unverändert dasselbe geblieben war, so hatten doch die Sachen in
der Ansiedlung indessen eine ganz andere Wendung genommen.
Der »Stadtherr«, wie ihn die übrigen Jäger gewöhnlich nannten, bekam Briefe
aus Alabama, die seine Rückreise dorthin so rasch als möglich verlangten.
Sein Onkel war plötzlich gestorben -- er zum Universalerben eingesetzt,
und jetzt natürlich genöthigt die dortigen Verhältnisse, die durch eine
bedeutende Sklavenzucht noch weit mehr Aufmerksamkeit erforderten, selber
zu ordnen. Er mußte also ohne weiteres Zögern zurück, und seine im Anfang
langsam genug eingeleitete Werbung um die liebliche Waldblume, des alten
Suttons Töchterlein, wurde nun zum raschen Heirathsantrag. Mr. Metcamp
hielt noch an dem nämlichen Tag um des Mädchens Hand an, und wenn auch
Betsy unbedingt _nein_ sagte, sprach doch der Vater, dem der jetzt um
so reichere Schwiegersohn desto mehr zu behagen schien, ein um so
entschiedeneres _Ja_, versicherte seinen künftigen Eidam »das Mädchen ziere
sich nur, wolle erst angegangen sein, und bat ihn sich um das keine Sorge
weiter zu machen.«
Metcamp hätte allerdings lieber eine freundlichere Antwort der Tochter,
wenigstens keine so ganz bestimmt abgeneigte gehabt; da es aber nun
einmal nicht anders ging, schien er sich auch hineinzufinden, hoffte
durch Freundlichkeit zuerst ihr Wohlwollen, dann vielleicht ihre Liebe zu
gewinnen -- wenigstens sagte er das dem Vater, -- und beschloß jeden Falls
an demselben Abend an dem er den Brief erhalten, eine Art Fest zu geben,
wozu sämmtliche Bewohner der Ansiedlung eingeladen wurden, und was er
dadurch zu einer Art Verlobungsfest zu stempeln gedachte.
Der Abend kam heran und das Gerichtshaus (ein leer stehendes und aus
Stämmen roh aufgeführtes Gebäude, das in früherer Zeit einmal zu einer
Gerichtssitzung gedient, und davon den Namen, und später auch noch das
Versprechen erhalten hatte, bei nächster Gelegenheit zu einer Schule
benutzt zu werden, jetzt aber nur zur Aufbewahrung des Mais diente), war
zu dieser Begebenheit gar festlich und brillant hergerichtet. Viele Pfund
Wachslichter -- aus dem rohen gelben Wachs gegossen, wie es die Jäger den
gefällten Bienenbäumen entnehmen -- erleuchteten den ziemlich großen Raum,
der Boden war von allen Maishülsen gereinigt und rings herum Bänke gestellt
für die Damen, wie auch ein Tisch mit einem Stuhl oben darauf in die Ecke
geschoben, auf dem der einzige Musikant -- ein Violinspieler -- seinen
Sitz nehmen sollte. Kurz, es war Alles nur Mögliche angewandt, den Raum so
behaglich als möglich zu machen, und wer am späten Abend die Fröhlichkeit
der äußerst zahlreich versammelten Gäste gesehen hätte, wäre gewiß mit dem
Resultat zufrieden gewesen.