Es ist eine eigene Sache um das Heimweh, und ein dem vaterlä

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Aus zwei Welttheilen.

Gesammelte Erzählungen

von

Friedrich Gerstäcker.

Erster Band.

Leipzig,

Arnoldische Buchhandlung.

1854.

Inhalt des ersten Bandes.

Seite

Heimweh und Auswanderung 1

Die Wolfsglocke 27

Die Ahnung 83

Schwarz und Weiß 137

Der Freischütz 227

Die Schoonerfahrt 275

Berlin und das Schauspielhaus im Belagerungszustand 401

Heimweh und Auswanderung.

Skizze.

Vor Jahren, und noch nicht einmal vor so gar _langen_ Jahren, war eine

Reise von mehr als zwanzig Meilen ein Gegenstand, der nicht allein jede nur

erdenkliche Vorbereitung erforderte, sondern den Reisenden selbst fast wie

einen tollkühnen Wagehals erscheinen ließ, der sein eigenes Leben und die

Ruhe seiner Verwandten und Freunde keinen Deut hoch achtete, sondern

nur, ein zweiter Robinson Crusoe, Lust habe, seine Tage unter Wilden und

Cannibalen zu beschließen. Damals standen noch wohlbeleibte Wirthe mit den

dicken, gemüthlichen Gesichtern in der Thür ihrer Gasthäuser und unter den

an starken eisernen Stäben hin- und herknarrenden Conterfeys von rothen

Drachen oder noch rötheren Potentaten, sahen die alte, wohlbekannte

Landkutsche halbe Stunden lang bedächtig auf der ausgefahrenen Straße

heranrasseln, und berechneten schon im Voraus, für wie viel Gäste die

hochlägerigen, schneeweiß überzogenen Betten hergerichtet, wie viel Paar

Pantoffel zum Wärmen an den Ofen gestellt werden müßten.

Jetzt dagegen zischen und schnauben keuchende Locomotiven ihre eiserne

Bahn entlang -- die Drachen und Potentaten sind (beide jedoch nur von den

Wirthshausschilden) verschwunden und haben französirten Hotels -- »=de

Leipsic, de Katzenellenbogen etc.=« -- Platz gemacht, und langbeinige,

dünnleibige Wirthe und Kellner stürzen, mit ganzen Armladungen voll

Erfrischungen, von Coupee zu Coupee, um die _nie_ mehr einkehrenden

Passagiere zu veranlassen, ihr Geld im Fluge zu verzehren.

Der Ocean hält mit dem festen Lande Schritt; sonst nannte man eine Fahrt

von Hamburg nach Helgoland eine »Seereise«, jetzt heißen die, zwischen

Newyork und Liverpool »spielenden«, ungeheueren Packetdampfschiffe

»_Fährboote_«, und Pianofortes und Brüsseler Spitzen werden nach Gegenden

hingeschafft, in denen noch vor kurzer Zeit Schellen und Glasperlen als

Wunderwerke der Kunst galten.

Der Mensch selbst bleibt dann natürlich nicht hinter dem Fortschritt der

Länder zurück -- der enge Kreis, der sonst den Hausvater an die Scholle

bannte die er bewohnte, wird ihm jetzt zu eng, und wenn er die Seinen nicht

verlassen kann, ei nun, so nimmt er sie mit zu anderen Zonen. Ein mit dem

Vaterland Zerfallener -- ein »Weltschmerzdurchtobter« -- dachte früher nur

selten daran, die alten Ketten und Verhältnisse, die ihn bisher gebunden,

abzuschütteln und auf neuem Boden, von der neuen, lebensfrischen Keimkraft

einer anderen Welt durchglüht, ein ebenso neues, ein ebenso frisches Leben

zu beginnen, -- das Wort »Europamüde« stand noch in keinem _deutschen_

Wörterbuch. Jetzt ziehen Tausende von ruhigen Landleuten, die bis dahin von

Schiffen keine anderen kannten als Weberschiffe, und das Wasser, außer

dem Hausgebrauch, nur noch zum Mühlentreiben verwendbar hielten, mit

schwellenden Segeln über brausende Wogen hin, einer neuen, ferngelegenen

Heimath zu, und befinden sich auch dort schon, nach ganz kurzem Aufenthalte

so wohl, so bekannt, als ob sie zwischen lauter Negern und Mulatten

aufgewachsen wären, und von frühester Kindheit an nichts Anderes gegessen

hätten, als Maisbrod und Ananas.

Deutschland, das sonst so ruhige, gemüthliche Deutschland, ist auf Reisen

gegangen; Michel hat Schlafrock und Pantoffeln ausgezogen, und am Ganges,

Nil und Niger, am Amazonenstrom wie am Mississippi verlangt er von dem aufs

Aeußerste erstaunten Echo, ihm »Ei du lieber Augustin« und »schöner grüner

Jungfernkranz« nachzusingen.

Betritt nun der Deutsche amerikanischen Grund und Boden, und ist ihm selbst

die Sprache fremd, die er von _lauter_ fremden Menschen sprechen hört, dann

erfaßt ihn gewöhnlich zum ersten Mal jenes Gefühl gänzlicher Verlassenheit,

das er selbst bei dem Abschied aus der Heimath, als er den letzten blauen

Streifen des Vaterlandes in nebliger Ferne schwinden sah, noch nicht

empfand. Damals, in ganz neuer, fremdartiger Umgebung, wo Scene nach Scene

wechselte, und jede nachfolgende immer wieder frischeres, lebendigeres

Interesse bot, -- noch dazu von lauter Landsleuten umgeben, die nur über

Sachen sprachen die ihm selbst bekannt, mit denen er selbst vertraut war,

fühlte er, glaubte er noch nicht, daß der letzte Faden zerrissen sei, der

ihn an vaterländische Erde band, -- er war nur eben unterwegs, und das

Meer, in dessen wundervolle Bläue er jetzt hineinstarrte, umfluthete ja

auch den heimischen Strand.

So vergrößerte sich nach und nach die Entfernung, ohne daß er im Stande

war einen Maßstab anzulegen, wie er von Stunde zu Stunde alles Das weiter

zurückließ, an dem bis jetzt sein ganzes Herz gehangen, und das ihm durch

Liebe und Gewohnheit heilig geworden war.

Der erste Schritt auf fremder Erde zerstört den Wahn -- von seinen

Reisegefährten trennt ihn gewöhnlich bald irgend ein anderer Plan, trennen

ihn andere Interessen, andere Ansichten -- er verliert sie in dem

ihn umtosenden Gedränge aus den Augen, und erst dann -- erst in _dem_

Augenblick steigt mit einem Schlage die ganze starre Wahrheit vor ihm auf:

du bist im fernen, fremden Land _allein_.

In _der_ Zeit schließt er sich an Jeden an, der _deutsch_ spricht -- in

_der_ Zeit glaubt er einem Jeden, der ihm versichert, daß er es gut und

ehrlich mit ihm meine -- ach seine ganze Seele hängt ja an dem Glauben. Nur

zu häufig fällt er aber auch dann gerade in die Hände listiger Speculanten,

die, in der amerikanischen Schule gestählt, jeden fremden Einwanderer,

komme er nun aus der eigenen Heimath oder wo anders her, wie einen Schwamm

betrachten, den sie so lange drücken und kneten, als noch ein Tropfen

Wasser in ihm enthalten ist, und erst dann, nachdem sie sich ihres Erfolgs

vergewissert haben, wie ein abgenutztes Handwerkszeug bei Seite werfen.

Der also Mißbrauchte sieht sich so von Jedem, dem er mit treuem Herzen

vertraute, hintergangen und verspottet, und jetzt stürmen urplötzlich all

die tausend und tausend gehörten und für Märchen gehaltenen Geschichten auf

ihn ein, durch die er in der alten Heimath vor solchen _Freunden_ gewarnt

worden war. Er gleicht jetzt dem Knaben, der sich, schon unter Wasser, noch

deutlich daran erinnert, daß ihm Jemand gesagt hätte, das Eis würde nicht

halten. Er ist aber einmal durchgebrochen, und nur starkes, kräftiges

Ringen kann und wird ihn wieder an die Oberfläche bringen.

Nun sind es allerdings großentheils Deutsche, die in den Seestädten

Amerikas einzig und allein darauf auszugehen scheinen, ihre Landsleute

durch falsche Verkäufe, Landspeculationen oder sonstige Betrügereien

zu hintergehen; das hat aber hauptsächlich darin seinen Grund, daß der

Amerikaner nur selten Deutsch genug versteht, sich des eben Eingewanderten

Vertrauen zu erwerben und Vortheil aus ihm zu ziehen, sonst wäre er der

letzte, der sich ein Gewissen daraus machen würde, ein =greenhorn=[1]

hinters Licht zu führen.

[1]: =Greenhorn= -- ein unübersetzbares Wort, das der Amerikaner von

solchen braucht, die in einer neu unternommenen Sache noch gänzlich

unbekannt sind, wie z. B. ein Landbewohner, der Matrose werden wollte,

im Anfang stets ein =greenhorn= genannt werden würde.

Der Amerikaner hat überhaupt, besonders im Handel, wunderliche Begriffe von

Ehrlichkeit, und hält Manches für erlaubt, was wir nach _unseren_ Ansichten

unmöglich billigen könnten. Ich brauche da nur an die aus Kien gedrehten

Muskatnüsse, an hölzerne in Leinwand eingenähte Schinken, an aus Kartoffeln

und rothem Flanell gestopfte Würste, und an viele andere Betrügereien zu

erinnern, die den Schuldigen vor Gericht allerdings verdammt hätten, denen

aber der Amerikaner selbst seine volle Bewunderung zollt und einen solchen

Pfifficus höchstens einen »=deuced smart fellow=«, einen »verwünscht

schlauen Burschen« nennt.

Nun ist es aber nicht allein das Vertrauen gegen Andere, vor dem sich der

neu eingewanderte Deutsche besonders zu hüten hat, sondern auch das in sich

selbst, was ihm nicht selten noch größeren Schaden thut als das erste, denn

jenes kostet ihm gewöhnlich nur Geld und er gewinnt dafür Erfahrung,

das andere aber kostet ihm seine _Zeit_ und die kann ihm Nichts wieder

ersetzen.

Ich möchte hier übrigens nicht mißverstanden werden, denn ich will

keineswegs damit sagen, daß der Europäer nicht auf seine eigenen Kräfte,

auf seine eigene Ausdauer und Beharrlichkeit vertrauen solle. Nein im

Gegentheil, ein solches Vertrauen ist sogar unumgänglich nöthig, er würde

sonst untergehen in Zweifel und Unentschlossenheit; er soll sich aber nicht

einbilden daß er nach Amerika gekommen ist, um die Eingeborenen durch

seine eigene Geschicklichkeit in Erstaunen zu setzen -- er soll nicht,

ohne vorher zu prüfen, _seine_ Manier zu arbeiten für die bessere,

_seine_ Werkzeuge für die einzigen guten halten -- er soll seine eigenen

Fähigkeiten nicht zu hoch anschlagen und selbst da noch _lernen_, wo er

sich schon vielleicht für geschickter und klüger als Die hielt, mit denen

er zusammentraf.

Der Amerikaner ist viel praktischer als der Deutsche -- er hat sich aber

auch nicht aus dem alten Schlamm, aus geistigem und körperlichem Zwang erst

herauszu_arbeiten_ gebraucht, wie wir das noch jetzt mit Händen und Füßen,

ja oft auf dem Bauche liegend, im Begriff sind zu thun. Er hat das Joch,

was ihn zu drücken erst _anfing_, abgeschleudert und nun, ein freier Staat,

die freie Bahn frisch und fröhlich verfolgt. Nicht durch Zunft oder anderen

Zwang niedergehalten, von allen Ländern der Welt die Repräsentanten in

seiner Mitte, konnte er prüfen und wählen und der Erfolg hat bewiesen, wie

er nicht blind war gegen das Bessere.

Daher geschieht es denn gewöhnlich, daß sich besonders der deutsche

Handwerker im Anfang gar nicht in die Behandlungsart seines eigenen

Gewerbes hineinfinden kann, und selbst der _Meister_ zu seinem nicht

geringen Erstaunen noch lernen muß. Hier in Deutschland kommt es besonders

_darauf_ an, daß eine Sache gut und dauerhaft gearbeitet sei; der Vater

will ein Stück, das er für sich selber machen läßt, auch noch auf den Sohn

vererben, _dort_ hingegen soll nur Alles _schnell_ und in _Masse_ fertig

werden, und der Amerikaner wird daher stets den schnellen Arbeiter dem

guten vorziehen. Schuhmacher z. B., die zwei bis drei Paar Schuhe in einem

Tage machen, gehören keineswegs zu den Seltenheiten. -- Hie und da, in

großen Städten, findet man Anschläge, wo »schwarze Wäsche« in _einer_

Stunde gewaschen, getrocknet und geplättet wird. -- Häuser scheinen über

Nacht aus dem Boden zu steigen, ganze Städte wachsen in wenigen Monaten

heran und ein ewiges Drängen und Treiben schüttelt die Amerikaner selbst

aus einem Staat in den anderen, aus einem Geschäft in das andere.

Der Lebenszweck ist: _durch_ die Welt zu kommen, und _womöglich_ ehrlich,

das _wie_ ist aber auf jeden Fall sonst Nebensache. Was also hier in

Deutschland einem Menschen zur Schande gereichen, oder über das der

Philister wenigstens sehr stark den Kopf schütteln würde, das öftere

sogenannte »Umsatteln« wird dort nicht allein für natürlich, sondern sogar

für lobenswerth gehalten, weil es beweist, wie der unstät von Einem zum

Anderen Wechselnde das für ihn Passende zu finden sucht, und man ist

überzeugt, er wird, _wenn_ er es findet, nicht langsam in der Benutzung

desselben sein.

Daß Einer heute Zimmermann, morgen Straßenarbeiter, übermorgen Doctor,

nachher Landmann, Maler, Schuster, Matrose, Apotheker, Händler u. s. w.

ist, fällt Keinem auf, und gerade diese unbegrenzte Arbeitsfreiheit hat

Amerika seinen ungeheuern Aufschwung gegeben. Dort treibt ein Jeder nicht

etwa Das, wozu ihn die Laune seiner Aeltern oder seiner Geburt verdammte,

sondern Das, was seinen eigenen Neigungen und Fähigkeiten entspricht, und

ist daher auch im Stande, es zu einer Vollkommenheit zu bringen, zu der er

sich noch mehr durch unbegrenzte Concurrenz getrieben sieht.

Das sollte aber auch den Einwanderer vor einem Fehler warnen, in den er nur

zu oft von allem Anfang an fällt -- daß er nämlich Dasselbe dort treiben

will und es durchsetzen zu müssen glaubt, was er hier im alten Vaterlande

getrieben. Es ist gerade so, als ob er nun auch noch immer in das alte

Wirthshaus gehen wollte, in das er seit Jahren gegangen; ja lieber Gott,

das liegt Tausende von Meilen hinter ihm, und eine neue Welt ist's, die

ihn umgiebt, eine neue Welt ist's also auch, der er sich anpassen, der alte

Adam ist's, den er mit dem alten Schlafrock ausziehen muß.

Dazu kommt noch, daß viele Gewerke in Nordamerika gar keine Kundschaft

haben, so z. B. würden _Weber_, wenn sie es dort durchsetzen wollten, vor

dem Webstuhl ihr Brod zu verdienen, verhungern müssen -- _was_ gewebt wird,

geschieht auf Maschinen oder von Frauen -- Spitzenklöppler dürften ebenso

wenig daran denken, ihr Geschäft in Amerika zu treiben -- Hufschmiede

müßten sich den steinigen Norden oder gebirgige Strecken suchen, da im

Süden kein Mensch daran denkt, ein Pferd beschlagen zu lassen u. s. w.

Michel muß also, wenn er einmal überhaupt eine so große Reise angetreten

hat, total aus sich herausgehen und ein ganz anderer Mensch werden.

Der _Arme_ aber, der hier nur Sklave und Knecht war, der hier wie ein

Pferd arbeitete, um zu leben, und für einen Tag Krankheit zwei Tage hungern

mußte, um die Sache wieder ins alte Gleis, d. h. auf sein früher reducirtes

Nichts zu bringen, wird dort auf einmal finden, daß er mehr als ein bloßer

Zahn in einem Maschinenrad ist, daß er auch noch Menschenrechte hat, die

dort gelten und anerkannt werden. Er braucht auch nicht mit Thränen

auf seine Kinder zu blicken, weil er im Geist voraus sieht, welch

fürchterliches Leben sie durch lange endlose Jahre dahin zu schleppen

haben; denn gerade die Kinder sind es, die nachher tausendfältig ernten,

was die Aeltern, vielleicht immer noch unter Sorgen und Entbehrungen,

gesäet haben. Für den Armen, der arbeiten will, ist daher Amerika noch ein

Land der Verheißung, und alle die, die es gut mit den Unglücklichen meinen,

sollten der Auswanderung derselben nicht allein nicht im Wege sein, sondern

sie eher und so viel als möglich unterstützen helfen.

Daß dort _Alle_ gedeihen, daß es dort _Allen_ gut gehen soll, wer könnte

das verbürgen -- schon ihre ganze Erziehung hier, die Abhängigkeit, in

der sie von Jugend auf gelebt, läßt sie dort anfänglich in einer Freiheit

umhertaumeln, die sie nicht verstehen, deren Werth sie noch nicht begreifen

können. Allerdings sagen sie es sich wohl oft, recht oft laut und in

Gedanken vor: »Hier sind wir Alle gleich, hier trennt uns kein Unterschied

des Ranges mehr«, aber vor jedem guten Rock bücken sie sich, weil sie den

verwünscht schwachsinnigen Gedanken noch nicht abschütteln können, daß in

einem bessern Stück Tuch auch nothwendig ein besseres Stück Fleisch stecken

müsse, als sie selbst unter ihrer wollenen Jacke tragen. Das verliert

sich aber nach und nach, sie lernen ihren eigenen Werth erkennen, und der

deutsche _Farmer_ ist durch seine Arbeitsamkeit und offene Ehrlichkeit der

geachtetste Bürger der Staaten.

Anders, aber nicht etwa besser steht es dafür mit Denen, die in den Städten

kleben bleiben und nun dem Endzweck der Amerikaner huldigen und Geld, nur

immer _Geld_ zu verdienen suchen, während ihnen das _Wie_ dabei als eine

nicht zu beachtende Nebensache erscheint.

Du kannst im Großen nichts verrichten,

Und fängst es nun im Kleinen an.

Zu dem Großen fehlen ihnen die Mittel, fehlt ihnen der Geist -- von klein

auf krämern sie sich nach und nach hinauf. Stege, die der Amerikaner ihres

Schmutzes wegen nicht einschlagen will, benutzen sie mit Freuden, und haben

sie endlich ihr Ziel erreicht -- ist es ihnen gelungen ein kleines Vermögen

zu erwerben, das sie unabhängig dastehen läßt, dann kriecht aus der Puppe

der gemeinen Raupe ein Zwitter-Unding von Amerikaner und Deutschem hervor

-- ein Wesen, das nur englisch radebrecht, und von seinen Landsleuten mit

vornehmen Nasenrümpfen sagt: =it is _only a Dutchman_= (es ist _nur

ein Deutscher_) -- und zwar Dutchman noch im allerverächtlichsten Sinn

gebraucht.

Die Galle läuft einem ordentlichen Kerl über, wenn er solch Pack sieht,

und dann fühlt, daß Jene nur ihre eigene Gemeinheit vor einer so reichlich

verdienten Züchtigung schützt.

Auch unter diesen giebt es allerdings eine bessere Klasse, aber sie ist

selten; der _gebildete Deutsche_ zieht es -- wunderlicher Weise -- fast

stets vor, sich lieber durch _Hand_arbeit eine Zeitlang fortzuhelfen, bis

er Sprache und Sitten des Landes erlernt hat, und wenn er dann mit dem

Lande selbst vertraut wird, wenn er die Achse findet, um die sich Alles

dreht, und sich nun selber fragt: Weshalb bist Du denn eigentlich nach

Amerika gekommen? weshalb hast Du Freunde und Verwandte, weshalb Alles Das

verlassen, was Dir einst lieb und theuer war? dann gesteht er sich wohl

meistens selber ein: es war jener, vielleicht noch unbewußte Drang

nach Freiheit -- ein Gefühl, das, wenn auch ungeweckt, in seiner Brust

geschlummert, und hinein zieht er nun in den freien, fröhlichen Wald, und

als freier Farmer der Vereinigten Staaten verdient er sich sein Brod,

zwar im Schweiße seines Angesichts, aber er steht auch selbstständig

und unabhängig da, ein souverainer Fürst auf seinem eigenen kleinen

Fürstenthum.

Zwei Krankheiten sind es übrigens, denen der Deutsche, denen überhaupt der

Auswanderer nach Amerika fast stets anheimfällt -- zwei Krankheiten,

die, eigentlich sehr von einander verschieden, doch auch wieder einzelne

Aehnlichkeit mit einander haben; sie heißen: _Seekrankheit_ und _Heimweh_.

Die Seekrankheit betrifft allerdings nur hauptsächlich den Körper, das

Heimweh dagegen den Geist; das heißt: die eine kommt aus dem Magen, die

andere aus dem Herzen -- beide sind aber die fast unausbleiblichen Folgen

einer transatlantischen Fahrt und ähneln sich auch darin, daß sie manchmal

ihr Opfer nur im Anfang, nur in den ersten Tagen mit beiden Fäusten

anpacken und recht ordentlich, so recht aus Leibeskräften durchschütteln,

es aber dafür auch später ungeschoren lassen, oder -- was viel, viel

schlimmer ist -- leise auftreten und bei jeder neuen Woge, bei jedem etwas

stürmischen Meer, wieder- und immer wiederkehren und Herz und Magen gleich

stark zur Verzweiflung bringen. Beides sind Krankheiten, die kein Arzt zu

curiren im Stande ist, die aber beide, die eine durch _jedes_ feste Land,

die andere nur durch den heimischen Boden, augenblicklich gehoben werden,

und sonderbarer Weise sich auch nach wiederholter Ursache, d. h. nach

wiederholter Seereise oder Trennung vom Vaterlande, selten und nur in

außerordentlichen Fällen zum zweiten Male einstellen.

Zwar hat man für das Heimweh allerlei probate Mittel empfohlen, wie z. B.

stete Aufregung, ein rastloses Suchen von Geschäften, Reisen, überhaupt

Zerstreuung, und das hilft auch für _die_ Zeit vielleicht, _in der_ wir

uns zerstreuen; Augenblicke der Ruhe _müssen_ aber kommen und dann -- ach

selbst die Erinnerung an die ist schmerzlich.

Auch für die Seekrankheit hat man in neuerer Zeit etwas -- ein Vomitiv

gleich zu Anfang genommen -- als von ausgezeichneter Wirkung empfohlen, das

ist aber etwa eben so, als ob mich beim Arbeiten das Wagenrasseln auf der

Straße störte und ich mir nun ein paar nimmer rastende Trommelschläger vor

die Thüre bestellte, damit ich jenes nicht mehr höre. Nein, Heimweh wie

Seekrankheit will austoben und beiden muß man daher seinen ruhigen Lauf

auch ruhig lassen.

Nun wollen freilich Einige behaupten, das Eine schütze zugleich vor dem

Andern, denn wer die Seekrankheit einmal recht ordentlich gehabt, der

bekomme nie das Heimweh, oder verlange wenigstens nie heimzukehren, weil

er sonst auch jener wieder zum Opfer fiele. Dem ist jedoch nicht so, das

Heimweh kann sogar viel eher als eine fortgesetzte, als eine moralische

Seekrankheit betrachtet werden. Es ist die Seele, die auf dem

sturmgepeitschten fremden, ungewohnten Lebensmeer erkrankt und sich nun,

obgleich der Körper durch jede mögliche Anstrengung, durch Beinespreizen

und verzweifeltes Balanciren sein Aeußerstes thut dagegen anzukämpfen, nur

immer und immer zurücksehnt nach dem festen Land, nach dem _Vater_land.

Einen Beweis hierzu liefert ebenfalls wenigstens der bessere Theil der

Deutschen in Nordamerika. Dieser nämlich, obgleich vielleicht früher

mit den Wörtern Preuße, Baier, Oestreicher, Sachse etc. vollkommen

einverstanden, macht jetzt plötzlich keinen Unterschied mehr zwischen

dem Rhein und der Donau -- er fragt nicht mehr den Deutschen: aus welchem

_Lande_ kommst Du? das weiß er, das ist _Deutschland_; nein, aus welcher

_Gegend_, und selbst _die_ Frage geschieht nur, um vielleicht einen

bekannten Ort genannt zu hören und sich an den lieben, ach lange entbehrten

Lauten zu erfreuen. -- Daher schreiben sich auch die, fast in allen

amerikanischen Städten entstehenden Gesellschaften zur Bildung eines

_einigen Deutschlands in Amerika_ -- Michel versucht ganz urplötzlich in

einem total fremden Lande etwas, an das er zu Hause, wo es doch eigentlich

hingehörte, mit keiner Sterbenssilbe gedacht hatte, und ärgert sich dann,

daß er so wenig »Gemeinsinn«, wie er es nennt, daß er so wenig Anklang

unter seinen Landsleuten findet.

Alle diese Versuche sind ebenfalls nur ein _Heimweh_, das sich auf solche

Art seine, tief im Herzen wurzelnde Bahn bricht -- es ist das Andenken an

liebe, früher so glücklich verlebte Stunden. Der Ausgewanderte will sich

dadurch gewissermaßen glauben machen, er lebe noch in den alten, jetzt so

schmerzlich vermißten Kreisen, und all das Fremde, Ungemüthliche, was ihn

umgebe, sei nur die harte, bittere und keineswegs zum süßen Kern gehörige

Schale, wie wir ja wohl vor den hereinbrechenden Winterstürmen Blumen und

Blüthen mit in das wohnliche Zimmer flüchten und diese hegen und pflegen,

daß sie uns noch recht lange den lieben Sommer erhalten sollen.

Eine Weile geht das auch -- die Keime sind noch frisch und kräftig, und

wenn gleich draußen der eisige Nord das gelbe verwelkte Laub von den

Zweigen reißt, so trotzen die warm gehaltenen Pflanzen lange und glücklich

dem starren Vernichter. Nach und nach aber welken sie auch -- die Zeit

übt ihr Recht -- der Winter greift durch jedes zufällig geöffnete Fenster,

durch jede Ritze und Spalte herein, nach den armen Kindern einer anderen

Sonne, und legt sie erbarmungslos in ihr dunkles Grab.

Doch eines bleibt -- eines ist, das der Hitze wie Kälte, der erstickenden

Stubenluft wie dem vernichtenden Norde trotzt, das sich mit immer wieder

neuen Schößlingen an Herz und Seele rankt und klammert, das frisch und

fröhlich keimt, wenn auch draußen die ganze Natur erstarrt, wenn Alles

unter weißer Leichendecke todt und begraben liegt, und das ist der _Epheu_

-- die _Erinnerung_ an die Heimath, wenn auch die Heimath selbst, ach

längst für uns gestorben scheint. In seinen lebensfrischen Blättern sehen

wir uns eine neue Frühlingswelt erstehen -- aus ihm bauen wir uns Lauben

und Grotten -- ihn flechten wir um unsere Sitze und zu ihm aufblickend

trägt uns sein freundliches Grün zu der Zeit zurück, wo wir draußen im

schattigen Wald mit den heißen Wangen den Thau von den Zweigen strichen, wo

wir in der Heimath Das fanden, was uns jetzt nur noch, ein schwaches Bild

ihrer selbst, geblieben.

Es ist eine eigene Sache um das Heimweh, und ein dem vaterländischen Boden

entrissener Mensch ist ebenfalls wie ein aus der Erde, die ihn erzeugte,

genommener Baum; er stirbt vielleicht nicht ab im fremden Lande -- die

Wurzeln schlagen wieder aus, aber die feinen, zarten Theile derselben

sind doch noch im alten Bett zurückgeblieben -- die tausend kleinen,

unbedeutenden Fasern wurden verletzt und getrennt, und wenn sie auch zu dem

Leben des Baumes selbst nicht unbedingt erforderlich waren, so thun sie ihm

doch recht weh, und ihr Verlust schmerzt noch lange nach.

Ist es aber zur Erhaltung des _ganzen Baumes_ nöthig, daß er in anderen

Grund und Boden komme, dann sind eben diese Fasern nur Nebendinge, auf die

man nicht Rücksicht nehmen darf und kann -- es thut ja auch weh, sich einen

Zahn ausnehmen zu lassen, und doch unterzieht man sich dem Schmerz, um

künftig Ruhe zu haben und sich wohler zu befinden. So leben wir denn

ebenfalls jetzt in einer Zeit, wo die Bevölkerung einzelner Länder mit Dem

was sie selbst erzeugen kann, in keinem Verhältniß mehr steht, und entweder

muß ein Theil, nach Vorbild der Bienen, _schwärmen_, oder der ganze Stock

Noth und Mangel leiden.

Früher geschah das erstere durch sich selbst; die Völkerwanderungen

bedurften eben keiner weiteren Anregung als der Ueberzeugung, daß der

bisherige Aufenthaltsort für einen Stamm zu eng ward und die, überdieß

nicht an die Scholle gebundenen Nomadenvölker zogen aus, in irgend einer

anderen Himmelsrichtung ein besseres, ihrer großen Zahl mehr zusagendes

Land zu finden. Jetzt aber fehlen jene ungeheueren, wenig bevölkerten und

in der Nähe gelegenen Strecken, oder wo sie liegen, sind die politischen

Verhältnisse der Art, daß Jemand, der erst einmal glücklich Sack und Pack

zusammengeschnürt hat, gewiß nicht _dort_hin zieht; es werden daher Mittel

erfordert, um einen uns nicht mehr ernährenden Wohnplatz zu verändern, die

der Arme nicht besitzt; gleichwohl nimmt die Noth, besonders in einzelnen,

übervölkerten Theilen unseres Vaterlandes, wie in den sächsischen,

schlesischen und böhmischen Gebirgen, mit jedem Tage zu und mit allen

gereichten Gaben ist immer kein Ende derselben zu ersehen, keine dauernde

Hülfe zu erzwecken -- es ist immer nur ein einzelnes Mahl, dem Hungrigen

gereicht, und der morgende Tag wird ihn eben wieder so verschmachtend

finden, als der gestrige ihn fand. Daher sollte denn auch der Staat,

wenn er es wirklich gut mit den Armen meint, wenn er ihrer Noth wirklich

_abhelfen_ und sie nicht nur für den Augenblick durch eine Galgenfrist

beschwichtigen will, die _Auswanderung_ _unterstützen_ und _leiten_.

Unterstützen, so weit das in seinen Kräften steht, bedenken daß er in

dem Läutern seiner eigenen Kräfte auch sein eigenes Blut reinigt von dem

ungesunden Ueberfluß, der ihn zuletzt sonst selbst bewältigt, und nicht

fürchten, daß die gesunden Arbeiter alle fortgehen und nur Greise und

Krüppel zurückbleiben -- denn wäre das wirklich der Fall, so könnte

man dann noch immer die _wenigen_ mit dem zehnten Theil dessen thätig

unterstützen, was jetzt auch an die arbeitsfähigen, und zwar nur zur

augenblicklichen Stillung ihres Hungers verwendet wird, ohne daß es ihre

Leiden lindert, sondern sie bloß am Leben erhält.

Aber auch _leiten_ sollte der Staat die Auswanderung und zwar durch

tüchtige Männer, die, vom Staate beauftragt, die Auswanderer nicht allein

hinüber zu führen hätten in ihre neue Heimath, sondern die auch an Ort und

Stelle die Gegenden aussuchen und alles Nöthige einleiten müßten, um ihnen

wenigstens einen Anfang möglich zu machen, um ihnen die Gelegenheit

zu geben, daß sie beweisen können, wie es ihnen wirklich Ernst ist,

selbstständig durch die Welt zu kommen, und sie ihr altes Vaterland nicht

allein nicht ganz vergessen, sondern auch mit Freundlichkeit statt mit

bitteren Empfindungen daran zurückdenken. Die Zeit _war_ wo wir eine Flotte

hatten, -- und unsere Nachkommen werden glauben, man erzählt ihnen ein

Märchen, wenn sie die Geschichte derselben lesen -- wir dürfen deshalb

nicht daran denken, unsere ausgewanderten Freunde auch noch in fremden

Welttheilen _schützen_ zu wollen. Das edle Recht ist nur den _Nationen_

vorbehalten, aber wir könnten ihnen dadurch doch auch beweisen, daß uns

wirklich ihr Wohl am Herzen lag, als wir ihre Taxen und Steuern nahmen,

daß wir sie wirklich, wie ihnen das hier oft genug vorerzählt wird, als

_Kinder_ des Staates betrachten und nicht als überflüssiges Material, als

Kehricht, den man auf die Straße wirft, und von dem man froh ist, wenn ihn

der Nachbar gelegentlich mit fortführt.

Diese vom Staat Beauftragten sollten aber nicht, wie das bis jetzt

stets der Fall gewesen, Männer sein, die, selbst unbekannt mit

Amerika, hinübergehen, dort vielleicht ein halbes Jahr leben, flüchtige

Erkundigungen einziehen und dann glauben, sie kennten das Land genug, um

ein richtiges Urtheil darüber fällen zu können; solche Leute haben schon

unendliches Unheil über arme Auswanderer gebracht, die ihren Worten,

ihrer Führung unbedingt vertrauten und dann zu spät einsahen, wie sie von

Menschen geleitet waren, denen selbst kaum die obere Rinde der dortigen

Verhältnisse bekannt geworden. Allerdings weiß ich, welche Schwierigkeiten

es hat, Deutsche zu einem gemeinschaftlichen Zusammenleben zu bewegen; ja

ich halte es sogar, außer unter dem strengsten religiösen Zwang, für

eine positive Unmöglichkeit. Das darf aber auch gar nicht der Zweck einer

Uebersiedelung von Armen sein, der Staat hat genug gethan, wenn er sie

hinüber schafft und dort dafür sorgt, daß sie wenigstens im Anfang einen

Wirkungskreis für ihre Thätigkeit bekommen, was nur durch Ankauf einer

selbstständigen Strecke Landes geschehen kann. Für das weitere Fortbestehen

ihres Zusammenlebens wäre es verlorene Mühe sorgen zu wollen -- es findet

dann später ein Jeder schon seine eigene Bahn, und wer nicht Lust hat, das

ihm angewiesene Land zu bebauen, der mag es verlassen und irgendwo anders

Beschäftigung suchen. Das Land muß ihm nur im Anfang als Aufenthaltsort

gegeben werden, daß er nicht gerade in der Zeit, wo er weder Sprache noch

Sitten kennt, als ein Bettler die Staaten durchstreift, und sowohl für sich

selbst ein eben so elendes Leben fortsetzt, als er es hier geführt, sondern

auch seinen anderen Landsleuten unendlichen Schaden zufügt, indem er sie

durch sich selbst in den Augen der Amerikaner herabwürdigt.

Das Alles ist jedoch nur durch Leute möglich zu machen, die Amerika nicht

allein vom Bord eines Dampfschiffes aus, oder durch das Coupeefenster eines

Bahnzuges kennen gelernt, sondern die sich selbst eine genaue Kenntniß der

dortigen Verhältnisse _an Ort und Stelle_ verschafft haben. Ebensowenig

wäre es aber auch anzurathen, dortigen _Ansiedlern_ die Wählung eines

Platzes zu überlassen; diese werden nie im Interesse der Uebersiedler,

sondern stets in ihrem eigenen Interesse handeln und zwar die neue Colonie

so viel als möglich in ihre Nähe, wenn nicht gar auf ihr eigenes Land zu

bringen suchen, um einen sicheren und bequemen Absatz für ihre Produkte

zu finden. Das Alles wird durch einen dabei nicht selbst Betheiligten

vermieden, dann aber bietet auch der weite Westen der Vereinigten Staaten

einen ungeheueren Abzugscanal für jene Unglücklichen, die hier hungern

müssen, während dort Brod wächst sie zu sättigen, die den Quell kennen,

der sie vor dem Verschmachten retten würde, ihn aber nicht zu erreichen

vermögen, weil ihre Kräfte erschöpft, ihre Glieder erschlafft sind. Jetzt

werden sie nur durch dürftige Spenden dürftig am Leben gehalten -- eine

kräftige Hülfe aber, die das Uebel bei der Wurzel faßte und herausrisse,

würde nicht allein Denen einen freieren Blick in die Zukunft gestatten, die

jetzt durch das Unglück ihrer Mitmenschen jede Freude verbittert sehen,

und immer nur gedrängt und getrieben werden, zu helfen und zu unterstützen,

sondern auch für Die, die es selbst betrifft, von segensreichster Wirkung

sein.

Nur durch die Auswanderung kann eine wirkliche und nachhaltende Linderung

der jetzigen Noth einzelner Klassen ermöglicht werden.

Die Wolfsglocke.

In den Washita-Bergen Nord-Amerikas liegt der Schauplatz auf den ich den

Leser führen will. Dort, in den wilden Thälern jener reizenden Hügelketten

existirt noch der richtige Backwoodsman; schlicht und ehrlich, rauh und

derb, aufopfernd in seiner Freundschaft, aber gefährlich in seinem Haß, und

sein Leben großentheils von der Jagd, etwas vom Ackerbau, und meist von der

Viehzucht abhängig machend.

Die letztere wird ihm besonders durch das milde Klima jener Gegend, durch

die grasreichen Hügel, durch die noch hie und da mit dichten Schilfbrüchen

gefüllten Thäler erleichtert, und wenig Mühe ist es, die ihm die Zucht

einer oft nicht unbeträchtlichen Heerde kostet. Dann und wann eine Hand

voll Salz, nahe zu seiner Hütte hingeworfen, eine häufige und regelmäßige

Wanderung von einem der kleinen zerstreuten Trupps zum andern, daß sie

den Anblick des Menschen gewohnt blieben und nicht wild wurden -- und der

Sorgfalt, die er möglicher Weise darauf verwenden _konnte_, war vollkommen

Genüge geleistet.

Einen Feind aber hatte er, den er, so oft er ihm auch nachstellte und ihn

mit Büchse und Falle unermüdlich verfolgt und zu vernichten strebte, doch

nicht bewältigen konnte, einen Feind, der Nachts in heulenden Schaaren die

ängstlich blökende Heerde umschlich, und manch kräftiges Kalb, ja sogar

manch einzeln abschweifende Kuh -- und wie viel Ferkel und junge Schweine!

-- überfiel, erwürgte und verzehrte -- dieser listige, blutgierige und

erbarmungslose Feind war der _Wolf_.

Durfte man es dem Backwoodsman verargen, wenn er seine ganze List und

Jagdkenntniß anwandte, solch schlauem und gefräßigem Diebe beizukommen? --

aber so eifrig er auch auf der Lauer lag, so manche Nacht er, Mosquiten

und Holzböcken zum Trotz, in den Aesten irgend einer knorrigen Eiche

eingeklemmt hing, und beim matten Mondeslicht den scheuen Räuber durch

angeschlepptes Aas herbeizulocken und zu belauern gedachte, so selten war

er im Stande der höchst umsichtigen Bestie die tödtliche Kugel in den Pelz

zu schicken. Die Zahl der Raubthiere mehrte sich, trotz den unermüdlichen

Nachstellungen, von Jahr zu Jahr, und im Verhältniß dazu wurden die Heerden

gelichtet, so daß wirklich etwas ernstlich geschehen mußte, wenn sich die

Viehzüchter nicht genöthigt sehen sollten ihre Weidegründe, nur allein

dieser Plage wegen, aufzugeben. -- Und ein Hinterwäldler einem Wolf das

Feld räumen, -- ei Klapperschlangen und Poppkorn! das wäre ja wahrhaftig

eine Schmach und Schande für sein ganzes Leben gewesen!

Daß unter solchen Umständen derjenige welcher die meiste Geschicklichkeit

auf der Jagd bewies, auch der geachtetste der Jäger war, versteht sich wohl

von selbst, und so geschah es auch daß sich Benjamin Holik, der erst seit

kurzer Zeit aus Missouri heruntergekommen war, in kaum einem halben Jahre,

wo er allein mit seiner Büchse siebzehn der Bestien erlegt hatte, den

Ehrennamen »Wolfs Ben« verdiente, und bald für den besten Wolfsjäger im

ganzen Reviere galt.

Wolfs Ben war auch noch außerdem ein gar stattlicher und wackerer Bursche;

gut seine sechs Fuß hoch, mit wahrhaft riesigen Schultern und Armen

und einer Kraft, der es keiner der doch sonst gewiß nicht schüchternen

Hinterwäldler, gewagt hätte, im Einzelkampf zu begegnen, zeigte er sich

sonst in seinem ganzen Wesen als der gutmüthigste, verträglichste und

gefälligste Freund. -- Mit einem guten Wort ließ sich von ihm Alles

erlangen, die vorletzte Ladung Pulver gab er her und den letzten Bissen den

er in seine Decke gewickelt bei sich trug; dabei war er der trefflichste

Gesellschafter, wußte Unmassen der abenteuerlichsten Geschichten zu

erzählen, half, wo er einmal irgendwo übernachtete, mit unermüdlichem

Fleiße Feuerholz schlagen und zum Haus schaffen, den Mais in der Stahlmühle

mahlen, die Thiere versorgen etc., und hatte sich dadurch sowohl wie durch

sein männlich schönes Aeußere die Herzen sämmtlicher Frauen der Ansiedlung

dermaßen gewonnen, daß er die übrigen jungen Burschen wahrhaft zur

Verzweiflung brachte und schon anfing, trotzdem daß er noch Keinem auch nur

eines Strohhalms Hinderniß in den Weg gelegt, recht tüchtige Feinde unter

ihnen zu zählen.

So still und ruhig aber Wolfs Ben dabei seinen Weg ging und anscheinend

harmlos in den Tag hinein lebte, so hatte er doch auch die Augen weit genug

offen und wußte selber am besten unter welchem Dach er am liebsten schlief,

in welche Augen er am unermüdlichsten schauen konnte, und wo ihn -- nicht

das freundlichste Gesicht, denn die Mädchengesichter bewillkommten ihn alle

freundlich -- wohl aber das süßeste Erröthen begrüßte, das ihm bis jetzt

noch stets das Blut in rasender Schnelle durch die Adern gejagt.

Doch ich will dem Leser keine langen Räthsel aufgeben, die er jedenfalls

schon eine Weile vorher errathen hätte. -- Benjamin Holik liebte -- wie

nur seine treue einfache Seele lieben konnte -- so recht aus Herzensgrunde

Robert Suttons liebliches und einziges Töchterlein, und die einzige und

alleinige Sorge die ihn dabei quälte war, daß Sutton, der die größte Farm-

und Baumwollenplantage unten am Washita und Red River besaß, und im Sommer

hier nur eigentlich seiner Heerden und seiner Gesundheit wegen in die Berge

zog, für einen sehr reichen, und -- was noch schlimmer, geizigen Mann galt,

und er -- armer Teufel! -- weiter Nichts auf der weiten Welt besaß als

seine Büchse, sein Messer und seinen gesunden Körper. -- Sein braves

ehrliches und treues Herz schlug er dabei gar nicht an, und doch war das

die kostbarste Perle, die in ihrer Umhüllung nur wie in einer weit minder

werthvollen Schaale saß.

Ben hatte aber schon oft und lange, und nicht selten mit recht trüben

Sinnen darüber nachgedacht, wie er es eigentlich anfangen sollte etwas Geld

zu verdienen und einen kleinen »=start=« wenigstens zu haben, mit dem er

beginnen könne -- denn sich um Arbeit auszudingen und langsam und mühsam

Dollar nach Dollar in schwerer Tages- und Monatsarbeit zu verdienen, das

schien ihm ein viel zu langer und weitläufiger Weg und hätte ihn seinem

Ziele auch wohl nun und nimmermehr entgegengeführt. -- Und doch war es

nöthig, denn er wäre nicht der erste Freier gewesen dem der alte Sutton,

seiner ärmlichen Verhältnisse wegen, einen Stuhl vor die Thür gesetzt, und

wo zeigte sich ihm in dem einfachen, ruhig dahin fließenden Waldleben

eine Gelegenheit, so einmal mit raschem Schlage das Glück beim Schopf zu

erfassen -- und zu halten? --

Er wurde immer nachdenkender und schwermüthiger, mied die geselligen

Wohnungen der Ansiedlung, trieb sich Tag und Nacht draußen im Wald herum

und hatte als einzigen Gewinn die Scalpe der erbeuteten Wölfe, die ihm der

Staat allerdings mit drei Dollar Prämie =pro= Stück vergütete, die aber

immer noch zu keiner Summe erwachsen wollten, um auch nur einigermaßen

seine Ansprüche auf der holden Betsy Hand zu begründen.

In dieser Zeit etwa war es daß der alte Sutton einmal einen kleinen

Abstecher nach Texas gemacht und dort von eben so abgeschieden wohnenden

Viehzüchtern ein Mittel gehört hatte, die Wölfe aus einer Gegend in die sie

sich gezogen und wo sie überhand genommen hätten, vollkommen zu vertreiben.

Dies bestand einfach darin daß sie vorher einen Wolf lebendig fingen, ihm

dann eine Glocke, wie einem Pferd, um den Hals schnallten, und -- ruhig

wieder laufen ließen. Der Wolf kehrte hiernach natürlich so rasch er konnte

zu seinem Rudel zurück; dort aber hörten sie kaum die fremdartige Schelle

als sie auch scheu vor dem früheren Kameraden die Flucht ergriffen und in

wilder Eile einem so unheimlichen Gegenstand zu entkommen suchten.

In jedes Versteck das sie annehmen, folgt ihnen nun der beglockte Wolf,

dem es mit dem unbequemen Riemen um den Hals und dem ewigen Gebimmel unter

seiner Kehle selber unheimlich wird wenn er sich allein sieht. Er glaubt

Schutz unter den Brüdern zu finden, schüttelt sich, wälzt sich, springt,

schwimmt, kurz thut alles Mögliche seine Qual loszuwerden und ist besonders

darüber auf's Aeußerste empört daß er nicht mehr wie früher so leise und

geräuschlos seine Beute beschleichen kann, sondern sich jedesmal selbst

gleich durch lauten Glockenklang verrathen muß, und flieht nun, hat er das

eine Rudel förmlich verjagt, zu einem andern, treibt auch dieses aus den

Bergen, die er sich selber bis dahin zum Wohnort erwählt und sieht sich

endlich -- was er aber auch nur im äußersten Fall und erst dann thut, wenn

er wirklich ganz allein zurückgeblieben ist -- genöthigt, selbst einen

andern Jagdgrund zu suchen, da auch die Heerden sich bald den Ton der

Glocke merken, und nicht selten in fest geschlossener Phalanx den nächsten

Ansiedlungen zustürmen, sobald sie den klingelnden Feind nur nahen hören.

Der Versuch mußte auch am Washita gemacht werden; Sutton kehrte rasch

dorthin zurück, berieth sich mit sämmtlichen benachbarten Farmern und kam

mit ihnen darin überein, daß sie eine Prämie von zwanzig Dollar darauf

setzen wollten, einen Wolf lebendig überliefert zu bekommen, so daß sie ihm

selber die Glocke umschnallen und ihn dann in's Freie wieder hinauslassen

konnten.

Der Preis ließ sich aber gut setzen! Die Wölfe waren schlauer als die

Jäger, und wenn besonders Wolfs Ben noch manchen Scalp einbrachte, so

schien es doch selbst ihm unmöglich zu sein, einen der schlauen Schurken

wirklich unbeschädigt und lebendig zu erhaschen, denn seine Fallen, die er

stellte, blieben leer und in den Fallgruben die er auswarf, fingen sich nur

der Nachbaren Rinder und Schweine.

Da es _ihm_ nicht gelang, waren es die übrigen Jäger noch weit weniger im

Stande, und der auf einen lebendig eingebrachten Wolf gesetzte Preis stieg

endlich, da die Farmer jetzt auch hitzig wurden, und den Versuch unter

jeder Bedingung, und zwar so bald als möglich zu machen wünschten, bis zu

der für den Wald ungemein hohen Summe von _zweihundert Dollar_ empor.

Das war ein Sporn für unsern Benjamin. -- Zweihundert Dollar, alle Wetter

damit konnte er sich eine vollkommen eingerichtete kleine Farm mit einem

mäßigen Rinder- und Schweineanfang kaufen -- und Betsy -- ei wer weiß ob

sich der Alte nicht dann doch noch überreden ließ, wenn er nur erst einmal

den schwarzen Burschen einbringen und überliefern konnte! Zeit durfte er

übrigens dabei auch nicht im geringsten verlieren, denn der Preis hatte

natürlich alle Jäger der ganzen Umgegend auf die Füße gebracht, und

überall im Wald hallten die Axtschläge der Männer wieder, die sich

kleine Baumstämme fällten, um damit die einzig mögliche Art von Fallen

zu errichten die man dort kannte, eine solche wilde Bestie wirklich

unbeschädigt zu fangen. Stahlfallen durften nämlich nicht angewandt

werden, da diese jedenfalls den erfaßten Lauf verwundet, vielleicht gar

zerschmettert hätten und die Prämie nur ausdrücklich für ganz _gesunde_

Wölfe garantirt wurde.

In dieser Zeit etwa, war ein Besuch in die Hügel gekommen, der unseren

armen Benjamin Holik bald auf das bösartigste beunruhigen -- ja was noch

schlimmer war -- ihm wirklich gefährlich werden sollte. --

Es war dies Niemand Anderes als ein sogenannter »Vetter« von Suttons,

ein »Städter« mit blauem Tuchfrack, blanken Knöpfen und »Strippen« an den

Hosen. Jesus! wie die Kinder lachten wenn er irgendwo in ein Haus kam

und sich niedersetzte; wie sie sich dann mit den schmutzigen Gesichtern

zusammendrückten, mit einander flüsterten, dann einen scheuen Seitenblick

nach den »Strippen« warfen und plötzlich in ein lautes, mit aller Mühe

nicht zu unterdrückendes Gelächter ausbrachen und wild und toll aus dem

Hause stürmten! Das blieb sich aber gleich, die Kinder waren dumme Bälger

die noch nichts von der Welt verstanden, und am wenigsten beurtheilen

konnten ob an einem Manne wirklich etwas sei, oder nicht; -- und an diesem

war jedenfalls etwas, denn sein Onkel galt für einen der reichsten Pflanzer

in Alabama und hatte nur den einzigen Erben. Ist es da ein Wunder daß ihn

der alte Sutton freundlich aufnahm, wie den eigenen Sohn behandelte und

sich und sein ganzes Haus (die Hand der Tochter mit eingerechnet) zu seiner

Disposition stellte?

Mr. Metcamp schien denn auch recht gut einzusehen welch ein Schatz ihm hier

geboten wurde, und wenn ihn auch die junge Dame selber scheu, und in der

That absichtlich vermied, und ihm auf jede nur mögliche Art zu verstehen

gab, es sei ihr an seinen Artigkeiten nicht das mindeste gelegen, so war er

-- in New-Orleans selber aufgezogen -- keineswegs der Mann der sich durch

solche »ländliche Sprödigkeit« hätte so rasch und leicht abschrecken

lassen. Er wußte sich nur vor allen Dingen kluger Weise bei dem Vater in

festeste Gunst zu setzen, lauerte dem alten Mann bald seine Schwachheiten

ab, und machte ihn in kürzester Zeit glauben er sei der beste Jäger, der

unerschrockenste Reiter und überhaupt das muthigste Herz das nur je

unter einem ledernen Jagdhemd geschlagen, also unter einem feinem blauen

Tuchfrack doppelten Werth haben mußte, und wußte dabei dem schlichten

Hinterwäldler durch seine Gelehrsamkeit und sein tiefes Wissen -- lauter

solche Sachen von denen dieser bis jetzt noch nicht einmal eine Idee

gehabt -- so zu verblüffen, daß Sutton endlich schwor, Mr. Metcamp sei der

»=smartest=« und beste Mann in der ganzen »=range=« und wenn seine Tochter

ihm nicht ihre Hand geben wolle, so bekäme sie es mit ihm selber, ihrem

Vater zu thun. --

Betsy machte bei einer -- der _ersten_ -- heimlichen Zusammenkunft mit dem

Geliebten, diesen mit Allem bekannt was ihr das Herz abzudrücken

drohte, erklärte ihm, nicht ohne ihn leben zu können und behauptete das

unglücklichste Wesen zu sein, das die Erde trüge. Benjamin war vollkommen

damit einverstanden, hielt der Geliebten Hand fest, fest in der seinen,

schaute ihr mit recht wehmuthsvollen Blicken in die treuen Augen und sagte

endlich mit leiser, zum Trost bestimmter, aber ach des Trostes selber sehr

bedürftiger Stimme:

»Liebe Betsy, verzage nicht -- es wird schon noch Alles gut gehen -- sieh,

ich habe die ganze Nacht gearbeitet und vier neue Fallen aufgestellt und

auch in allen schon und zwar treffliche Lockspeise gelegt; fang' ich den

Wolf, dann hab' ich ein kleines Capital und kann nachher sagen: Nachbar

Sutton, ich möchte Eure Tochter zum Weibe und bin im Stande ihr gleich

ein freundliches Obdach zu bieten, so daß ich Eurer Hülfe dabei gar nicht

weiter bedarf -- und wenn er dann hört daß Du, Betsy, mir wieder so recht

von Herzen gut bist --«

»Ach Du wirst gar nicht den ersten Wolf fangen können!« sagte Betsy unter

Thränen; »der häßliche Fremde hat dem Vater den ganzen Abend von weiter

nichts als den neuerfundenen Fallen erzählt, die er hier anwenden will --

der kennt gewiß lauter neue Schliche und Pfiffe, wie sie in den Städten

ausgedacht werden, und wird Dir auch da am Ende störend in den Weg treten.«

»Laß nur sein, mein Herz!« beruhigte sie, jetzt aber wirklich in stolzem

Selbstgefühl lächelnd, der Jägersmann. »Darum sorge Dich nicht -- wo's in

den Wald schlägt und mit wilden Bestien zusammenhängt, da laß sie in den

Städten getrost sinnen und grübeln: in der Ausführung sollen sie's uns hier

schon nicht zuvorthun, oder -- es ist unsere eigene Schuld, und wir haben's

nicht besser verdient. Da Du mir jedoch sagst, mein Kind, daß er auch von

der Jagd etwas zu verstehen vorgiebt, so kommt er mir da auf einen Boden,

wo ich ihm meinen Mann stehe, und siehst Du, jetzt -- ich weiß selber nicht

wie das so eigentlich gekommen ist -- hab' ich auf einmal weit mehr Muth

und Selbstvertrauen als vorher. Bleib Du mir nur hold, Du gutes Kind!

Zwingen kann Dich der Vater zur Heirath doch nicht, und wenn er erst findet

daß ich Dich nur zu meinem lieben Weibe haben will, weil ich einmal nicht

ohne Dich leben kann, und keineswegs seines Geldes und Gutes wegen, ei so

wird er auch einsehen daß ihm ein solcher Schwiegersohn mehr Ehre bringt

als der geschniegelte Städter, und vielleicht bekomme ich dann noch ein

recht herzliches »Ja« von ihm.«

Aus zwei Welttheilen. Erster Band. Gesammelte Erzählungen · 第 1 / 21 段