ebenso. Eine Menge Kokons können wir erblicken, welche die so
geschätzte Seide liefern. Ein Kokon enthält einen Faden von 1000 bis
3000 Meter Länge. Hiervon ist jedoch nur ein Teil zur Herstellung von
Seide verwendbar. Obendrein müssen mehrere Kokonfäden zusammengedreht
werden, um einen Seidenfaden zu liefern.
Zu einem Kilo Seide sind 10 Kilo Kokons erforderlich. Ein Kilo Kokons
enthält etwa 2500 Stück.
Deutschland führt jährlich etwa 11 Millionen Kilo im Werte von
158 Millionen Mark ein, wobei nach der heutigen Valuta der Betrag
entsprechend erhöht werden muß.
Es wäre sehr wünschenswert, daß ein Teil dieses Materials bei
uns selbst hergestellt würde, zumal die Seidenraupenzucht durch
Kriegsbeschädigte, Frauen und Kinder ausgeübt werden kann. Sie kostet
weniger Mühe als beispielsweise die Bienenzucht.
Ich entsinne mich, an verschiedenen Stellen unserer Heimatprovinz alte
Maulbeerbäume gesehen zu haben, deren Früchte vortrefflich schmeckten.
Von den Ortseinwohnern erfuhr ich, daß sie im achtzehnten Jahrhundert
auf Anordnung von Friedrich dem Großen angepflanzt seien, um die
Seidenraupenzucht bei uns einzuführen.
In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war sogar die
Seidenraupenzucht bei uns in einer gewissen Blüte. Dann aber brachen
Seuchen unter den Raupen aus, und jetzt ist die Ausbeute sehr gering.
Es ist das Verdienst von Pasteur, die Gefahr der Seuchen fast beseitigt
zu haben.
Um in unserem Vaterlande die Seidenraupenzucht wieder zu heben,
ist natürlich in erster Linie die Beschaffung von Futter für
die Seidenraupen erforderlich. Wie schon der Name sagt, ist ihr
zuträglichstes Futter Maulbeerblätter. Als Ersatz kommen Schwarzwurzeln
in Betracht. Viele meinen, daß der Rückgang der Seidenraupenzucht
deshalb eingetreten sei, weil der Maulbeerbaum bei uns nicht aushalte.
Das wird aber von Kennern bestritten, die sich darauf berufen, daß die
Maulbeerbäume sogar den harten Winter von 1916 bis 1917 überstanden
haben. Außerdem liefert nach ihnen der deutsche Maulbeerbaum viel
kräftigeres Futter, so daß schon 7 Kilo Kokons ein Kilo Seide ergeben.
Um recht bald Futter zu erhalten, ist die Anpflanzung des Maulbeerbaums
in Hecken am zweckmäßigsten. Obendrein ist dadurch das Füttern
erleichtert.
Hat man Futter, so besorgt man sich seuchenfreie Eier. Manche heizen
das Zimmer, bis eine Temperatur von 22 bis 25 Grad Celsius vorhanden
ist. Andere halten eine Temperatur von 15 bis 18 Grad für durchaus
hinreichend. Das ist bei den heutigen hohen Preisen für Brennstoffe von
großer Wichtigkeit.
In 10 bis 15 Tagen schlüpfen die jungen Raupen aus den Eiern. Sie
müssen regelmäßig gefüttert und sorgfältig umgebettet werden. Nach
mehrfacher Häutung hört die Raupe auf zu fressen und spinnt sich ein,
wodurch die Kokons entstehen. Die Kokons werden gesammelt, und der
in ihnen befindliche, zum Auskriechen bereite Schmetterling durch
Wasserdämpfe getötet. Würde man die Kokons nicht einer so hohen Hitze
aussetzen, so würde der Schmetterling sich einen Ausweg aus dem
Gespinst bahnen, wodurch der Wert des Gespinstes erheblich gemindert
wird.
Nur die zu Zuchtzwecken bestimmten Kokons läßt man auskriechen. Die
Schmetterlinge paaren sich und sterben bald darauf, nachdem vorher das
Weibchen Eier gelegt hat.
Pasteur hat diese Paarung in kleinen Tüllsäcken vor sich gehen lassen.
Nach dem Tode werden die Schmetterlinge untersucht, und nur die Eier
von gesunden Tieren zur weiteren Zucht verwendet.
Nach dem Besuch unseres Aquariums ersehe ich aus den Zeitungen,
daß bei Wertheim eine Seidenraupenzuchtausstellung stattfindet.
Veranstaltet wird sie von dem Gemeinnützigen Verband für Seidenbau in
Deutschland E. V. zu Berlin-Wilmersdorf, Brandenburgische Straße Nr. 36.
Von dem Vorhandensein eines solchen Verbandes wußten demnach alle von
mir befragten Stellen nichts.
Wir begeben uns auch zu dieser Ausstellung, wo etwa das gleiche wie im
Aquarium zu beobachten ist. Nur ist das Material hier umfangreicher.
Von Wichtigkeit ist, daß der Verband seuchenfreie Eier und
Maulbeerpflänzlinge liefert. Ebenso ist er Abnehmer der Kokons. Auch
kann man von ihm eine Broschüre erhalten, die alles nähere über die
Seidenraupenzucht enthält (Preis 1,25 Mk.).
Auch in diesem Falle beobachten wir wieder, daß die größte Gefahr von
der unnatürlichen Ansammlung des Unrats herrührt. Unter freiem Himmel
fällt der Unrat der Raupen an die Erde, und die Tiere selbst werden
gar nicht davon berührt. Bei der Zucht im Zimmer muß also für schnelle
Beseitigung gesorgt werden.
Es seien zum Schluß die Merkworte des genannten Verbandes für die
Seidenraupenzüchter angeführt: Heller, luftiger Zuchtraum. Gleichmäßige
und feuchte Wärme. Schüsseln mit Wasser aufstellen. Sind kalte
Nächte zu befürchten, die Raupen mit Papier bedecken. Regelmäßiges,
reichliches Füttern. Nasses Laub vermeiden. Die Raupen in den Häutungen
nicht stören. Für Zufuhr frischer Luft sorgen, Zuchtraum feucht
aufwischen, nicht fegen. Kranke und tote Raupen entfernen. Ersatzfutter
ist: Kopfsalat, auch im Notfalle Blätter der Schwarzwurzel, wenn einmal
Mangel an Maulbeerlaub eintreten sollte.
196. Die Seidenraupe in Redensarten und Sprichwörtern.
Bekannt ist die Stelle aus Goethes Tasso:
*Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen.*
Mit dem Seidenwurm ist natürlich die Seidenraupe gemeint. Der sehr
schöne Gedankengang ist folgender: Wie die Seidenraupe, so macht auch
mancher Mensch von den ihm verliehenen Gaben Gebrauch, obwohl er weiß,
daß er gerade dadurch sein Leben abkürzt.
Hinken tut der Vergleich dadurch, daß der Wurm nicht sterben, sondern
als Schmetterling sich paaren will.
Die Biene
197. Warum bauen die Bienen im Dunkeln?
Um uns einen Bienenstock anzusehen, wollen wir wieder unsern alten
Bekannten, Herrn Böhm, aufsuchen, der ein erfahrener Bienenwirt ist und
verschiedene Bienenstöcke hat.
Herr Böhm, der uns freundlich begrüßt, erzählt uns, daß er auf ein
Schwärmen der Bienen für den heutigen Tag rechnet oder es vielmehr
befürchtet. Er erklärt uns nämlich, daß er ein solches Schwärmen
durchaus nicht wünscht. Er hat, wie er uns erzählt, früher gewöhnliche
deutsche Bienen gehabt, aber fast alle infolge von Seuchen verloren.
Jetzt hat er Heidebienen, die sowieso gern schwärmen. Durch das zu
häufige Schwärmen wird das Volk zu sehr geschwächt. Man schätzt die
Anzahl eines Volkes auf 30- bis 60000 Stück. Selbstverständlich kann
man bei einem Volke nicht jede Biene einzeln zählen. Das wäre ein
sehr mühsames Geschäft. Obendrein müßte man auf zahlreiche Stiche
gefaßt sein. Dagegen kann man einen Schwarm, den man in einem Behälter
gefangen oder »eingeschlagen« hat, wiegen. Zieht man das Gewicht des
Behälters ab und wiegt man eine kleine Anzahl von Bienen, so kann man
ungefähr feststellen, wie groß die Zahl eines Volkes ist.
Die Ansicht des Herrn Böhm steht also im Widerspruch mit der
landläufigen, wonach, da wir noch im Mai stehen, das Schwärmen ein
großer Vorteil ist. Denn ein alter Spruch sagt:
Ein Schwarm im Mai
gilt ein Fuder Heu;
Ein Schwarm im Jun',
ein fettes Huhn;
Ein Schwarm im Jul',
kein Federspul'.
Der Widerspruch ist aber nur scheinbar, denn für schwarmwütige Völker
paßt der Vers vom Mai überhaupt nicht.
Auch Karo und Hektor haben uns als alte Bekannte freundlich begrüßt,
zumal wir ihnen etwas Gutes mitgebracht haben. Als wir uns jedoch den
Bienenständen nähern, verlassen sie uns. Sie haben anscheinend bereits
üble Erfahrungen mit den Stichen der Bienen gemacht und wünschen nicht,
nochmals gestochen zu werden.
Wie uns Herr Böhm weiter erzählt, ist ihm das Schwärmen der Bienen auch
aus dem Grunde sehr unerwünscht, weil heute das Durchfüttern der Völker
im Winter eine ganz andere Sache ist als früher. Im Winter tragen die
Bienen naturgemäß nichts ein. Sie müssen alle von den gesammelten
Vorräten leben. Es müssen also gewissermaßen die im Sommer gemachten
Ersparnisse angegriffen werden. Diese sind jedoch bald zu Ende, da
der Mensch den Bienen den größten Teil ihrer Ersparnisse abnimmt. Es
muß also ein Ersatz geschaffen werden, wenn, was häufig der Fall ist,
ungünstige Witterung ein Ausfliegen der Bienen noch nicht gestattet.
Damit die Tiere nicht verhungern, müssen sie also gefüttert werden.
Früher standen dem Imker oder Bienenwirt zu diesem Zwecke der sehr
billige Zucker und der fast wertlose Honig in unbegrenzter Menge zur
Verfügung. Heute sind die Verhältnisse vollkommen geändert worden.
Wir können uns natürlich kein Urteil darüber erlauben, ob die Angaben
unseres Bekannten zutreffend sind. Jeder Beruf schildert seine
Einnahmen in den schwärzesten Farben. Aber wir wissen, daß Zucker und
Honig gegenwärtig sehr teuer sind.
*Darüber kann wohl kein Zweifel bestehen, daß die Bienenwirtschaft
-- mehr als 2 Millionen Stöcke -- für Deutschland von der größten
Bedeutung ist. Von ihr hängt unsere Obsternte ab, da die Bienen durch
den Besuch der Blüten die Befruchtung vermitteln. Ferner brauchen Raps,
Rübsen, Klee und andere Nutzarten ebenfalls die Bienen.*
Wir sind in der Nähe des Bienenstocks angelangt und müssen uns
natürlich auf einen Bienenstich gefaßt machen. Herr Böhm erklärt uns
näher, aus welchen Anzeichen er auf ein Schwärmen der Bienen schließt.
Einmal seien die Bienen sehr aufgeregt. Bei regelmäßig arbeitenden
Bienen kann man ein gemessenes Benehmen beobachten. Außerdem seien
sonst niemals eine solche Menge von Bienen auf den Flugbrettern zu
sehen.
Sodann sei das Wetter zum Schwärmen sehr geeignet.
Das sind nach seinen Angaben nur Wahrscheinlichkeiten für ein
beabsichtigtes Schwärmen. Viel sicherer ist das sogenannte Tüten
der alten Königin und das sogenannte Quaken der neuen Königin. Zwei
Königinnen bekämpfen sich nämlich auf Tod und Leben oder eine wandert
aus.
Wir begeben uns nach der Hinterseite des Bienenstockes, um uns durch
eine Glasscheibe das Leben und Treiben der Bienen näher anzusehen.
Es ist wohl allgemein bekannt, daß die Bienen Waben aus Wachs bauen,
die aus ganz regelmäßigen sechseckigen Zellen bestehen. Ist es schon
ein Wunder, daß Tiere, und obendrein auf der untersten Stufe des
Tierreichs stehende Insekten, ein solches Kunststück vollbringen, das
dem klugen Menschen nicht leicht fallen würde, so wird unser Erstaunen
dadurch gesteigert, wenn wir sehen, daß die Bienen diese Bauten im
Dunkeln ausführen.
Wir Menschen sind der Ansicht, daß, wenn man eine so kunstvolle
Arbeit ausführt, man gar nicht Licht genug beim Arbeiten haben kann.
Die Bienen aber führen dieses Kunstwerk aus ohne die geringste
Beleuchtung. Ja, wenn der Mensch ihnen, um ihnen die Arbeit zu
erleichtern, Licht beschafft, so wollen sie von der Beleuchtung nichts
wissen und bauen nicht.
Wir wissen schon, was wir tun müssen, um eine Erklärung für dieses
Rätsel zu finden. Wir müssen fragen: Wie bauen die wilden Bienen? Da
erhalten wir die übereinstimmende Antwort, daß sie in den dunkeln
Höhlungen von Baumstämmen ihr Heim aufschlagen.
Die Bienen haben also seit Urzeiten im Dunkeln ihre Bauten ausgeführt.
Als der Mensch die Bienen wegen des Wohlgeschmacks des Honigs als
Haustiere gewinnen wollte, da hat er ihnen zunächst eine Wohnung
ebenfalls in Baumstämmen, in sogen. Beuten, angewiesen.
Solche Bienenstöcke in Baumstämmen waren sehr naturgemäß, aber sie
hatten den Nachteil, daß man sie häufig nicht in der Nähe hatte. Da war
also ein Bienenhaus schon bequemer. Denn ein solches konnte man als
Ersatz für den Baumstamm auf seinem Grundstück errichten. Am bequemsten
ist natürlich ein Bienenkorb, weil er im Gegensatz zum Baumstamm
beweglich ist. Bienenkörbe kann man also von Ort zu Ort bringen. Das
ist besonders für den Bienenwirt von größter Wichtigkeit, der seine
Bienen nach Stellen hinbringt, wo das Einsammeln von Honig besonders
günstig ist. Beispielsweise geschieht das in Heidegegenden, wenn das
Heidekraut blüht.
Die Bienen bauen also heute noch im Dunkeln, weil sie seit Urzeiten in
dunkeln Höhlungen gebaut haben.
198. Wann stechen die Bienen am meisten?
Herr Böhm erzählt uns weiter, daß er für seine Person sich gegen
Stiche so gut wie gar nicht schützt. Es kommt nur ausnahmsweise vor,
daß er von seinen Bienen gestochen wird. Nach seinen Beobachtungen
sind die Bienen am stechlustigsten, wenn ihre Brut gefährdet ist, man
also Zellen, die Brut enthalten, zu beseitigen sucht. Sodann sind sie
vor Ausbruch eines Gewitters sehr zum Stechen geneigt. Dagegen sind
sie viel weniger stechlustig, wenn sie sich zum Schwärmen anschicken.
Im übrigen ist ihm noch aufgefallen, daß Personen, die schwitzen,
viel leichter gestochen werden als andere. Ebenso werden Frauen eher
gestochen als Männer. Menschen in weißen Hemden oder überhaupt in
hellen Kleidungen werden ebenfalls viel häufiger gestochen als andere.
Es ist nicht leicht, für die verschiedene Stechlust der Bienen eine
Erklärung zu geben. Es ist anzunehmen, daß die Bienen den Imker mit der
Zeit kennenlernen und ihn deshalb mit ihren Stichen verschonen. Hierzu
haben sie insofern begründete Veranlassung, als ihnen ihre Waffe teuer
zu stehen kommt. Der Stich kostet ihnen selbst das Leben, was nach
unseren Begriffen höchst unzweckmäßig ist. Wer wird einen Gegner in
einen Abgrund stürzen, wenn er weiß, daß er selbst von ihm in die Tiefe
mit hinabgerissen wird?
Da eine Biene überhaupt nur sechs Wochen lebt und ein Volk, wie wir
wissen, aus 30- bis 60000 Bienen besteht, so ist es klar, daß ein
Bienenleben gar keine Rolle spielt. Die Biene soll nicht nutzlos
stechen, und das geschieht am besten dadurch, daß ihr der Stich selbst
das Leben kostet.
Der Stachel mit dem Widerhaken bleibt nämlich sitzen, da er nicht
zurückgezogen werden kann. So verliert die Biene das Ende ihres
Hinterleibes, was ihren Tod zur Folge hat. Wenigstens ist das
allgemeine Ansicht.
Es ist merkwürdig, daß die Wirkung des Bienenstiches bei den einzelnen
Menschen sehr verschieden ist. Die Imker sind dagegen immun oder
gefeit, weil sie gewöhnlich bei ihnen gar keine Wirkungen hervorrufen.
Da fast alle Tiermütter sich für ihre Nachkommen opfern, so ist es
nicht wunderbar, daß es auch die Bienen tun.
Die Stechlust vor dem Gewitter dürfte sich in folgender Weise erklären:
Die Bienen haben ein Vorgefühl dafür, daß Regen kommen wird. Der Regen
hindert sie am Eintragen. Daher haben sie es besonders eilig, um vorher
noch alles zu schaffen, und empfinden Störungen besonders unangenehm.
Es ist merkwürdig, daß die Biene auf schwitzende Menschen erbost
ist. Man sollte annehmen, daß sie, die als Muster des Fleißes gilt,
den schwitzenden Menschen besonders liebt. Uebrigens macht man bei
Wanderungen im Sommer ähnliche Beobachtungen. Sobald man in Schweiß
gerät, wird man von den Mücken besonders überfallen. Das kommt
sicherlich daher, daß ein schwitzender Mensch eine besonders starke
Ausdünstung hat. Die Biene hat einen äußerst feinen Geruch, was man
aus verschiedenen Umständen schließen muß. Wir werden gleich darauf
zu sprechen kommen. Die Biene hat also entweder Abneigung gegen
Schweißgeruch oder sie riecht einen fremden schwitzenden Menschen
sofort und sticht naturgemäß ihn eher als andere Menschen.
Weiße Gegenstände üben auf alle Insekten große Anziehungskraft aus. Das
weiß die Hausfrau sehr wohl von ihrer Wäsche, die sie auf dem Rasen
ausgebreitet hat.
Ein ausziehender Schwarm ist deshalb nicht so stechlustig, wie man
meinen sollte, weil er eine neue Wohnung sucht. Wer neue Verhältnisse
aufsucht, ist auf Störungen gefaßt und wird gegen sie nicht sehr
empfindlich sein.
Herr Böhm erklärte die größere Stechlust der Bienen gegen Frauen
damit, daß sich die Bienen häufig in den langen Haaren der Frauen
verwickelten. Sie werden dann ganz rasend, weil die Frauen, anstatt
ruhig zu bleiben, nach den Bienen schlagen, wodurch sie noch
aufgeregter werden.
Diese Ansicht mag richtig sein. Vielleicht liegt aber noch ein anderer
Grund vor.
Ich bin selbst nur einige Male gestochen worden, und ausgerechnet
jedesmal im Sommer, wo ich kurzgeschorenes Haar trug. Von einem
Verwickeln der Bienen konnte gar keine Rede sein, denn in Haaren von
zehn Millimeter Länge kann sich keine Biene verheddern. Da bin ich
zu der Ueberzeugung gekommen, daß hier die Angriffslust aus der
Lebensweise der wilden Biene zu erklären ist.
Die wilde Biene hat als gefährliche Feinde unter den Säugetieren bei
uns Bär und Marder, in heißen Ländern wahrscheinlich die Affen. Haarige
Gestalten, die sich dem Bienenkorb nähern, können also die Wut der
Bienen erregen. Es genügen aber schon haarige Stellen am menschlichen
Körper.
Die Biene verheddert sich also nicht im Frauenhaar und sticht deshalb,
sondern die üppigen Haare der Frauen lassen in den Bienen die Wut gegen
ihre alten Feinde mit der langen Behaarung wach werden. Sie fliegen auf
die haarigen Stellen zu und suchen zu stechen.
199. Sollen Frauen Imkerinnen werden?
Absichtlich bin ich auf die Frage, weshalb die Frauen eher als Männer
gestochen werden, etwas näher eingegangen. Es handelt sich ja für
zahllose Frauen um eine Lebensfrage. Man sollte meinen, daß ein Beruf,
der keine schwere Arbeit erfordert und obendrein süßen Lohn einbringt,
fast ausnahmslos von Frauen ausgeübt wird. In Wirklichkeit liegt die
Sache genau umgekehrt. Die Zahl der Bienenwirtinnen ist auffallend
klein.
Mir ist von ernsten Männern erzählt worden, daß Frauen, die einen
Schwarm einfangen wollten, von den Bienen totgestochen worden sind.
Deshalb seien Frauen überhaupt nicht als Imkerinnen geeignet.
Es ist nun denkbar, daß Frauen mit unbedecktem, langem Haar die Wut der
Bienen aus dem vorhin erwähnten Grunde erregt haben. Aus Erfahrung weiß
ich, daß Frauen viel häufiger als Männer gestochen werden. Auch habe
ich noch niemals gesehen, daß eine Frau einen Schwarm eingeschlagen hat.
Wenn die Bienen nur deshalb auf die Frauen wütend sind, weil sie langes
Haar besitzen, so könnte die Gefahr für die Frauen leicht beseitigt
werden. Sie brauchten es nur ganz sorgfältig zu verstecken, etwa in
einer Badekappe.
Jedenfalls sollen auch die Männer, wenn sie sich dem Bienenstocke
nähern, ihren Kopf bedecken. Das ist um so angebrachter, je üppiger das
Haar ist.
Das Verstecken der Haare in eine Kapuze müßte für alle Fälle bei den
Frauen von Vorteil sein. Werden die Frauen nicht mehr gestochen, so
wird Herr Böhm, und werden es die andern Imker damit erklären, daß
sich die Bienen nicht mehr in den langen Haaren verwickeln können.
Ich glaube dagegen, daß hier derselbe Fall vorliegt, wie beim Stier
und dem roten Tuch oder dem Truthahn und der roten Farbe, nämlich die
Erinnerung an einen früheren Feind.
Uebrigens könnte man der wirklichen Ursache leicht auf den Grund
kommen. Sind die Bienen deshalb stechlustig, weil haarige Stellen
sie an ihre alten Feinde erinnern, so ist es sehr unzweckmäßig, wenn
der Imker einen großen Vollbart trägt. Es wäre für ihn vielmehr
vorteilhaft, stets glatt rasiert zu gehen. Durch Umfrage bei den Imkern
muß sich feststellen lassen, ob solche mit Vollbärten mehr gestochen
werden als solche, die keinen Bart oder nur einen Schnurrbart tragen.
200. Mit welchen Sinnen sucht die Biene die Blüten auf?
Der Mensch gebraucht, wie wir wissen, in erster Linie seine Augen, um
einen Gegenstand zu finden. Die Nase kommt dabei nur ausnahmsweise in
Betracht.
Die Tiere sind dagegen in der Mehrzahl Nasentiere, die ihre Nahrung
durch den Geruch suchen.
Von dem feinen Geruch der Bienen erzählt uns Herr Böhm folgendes
Beispiel. Er hatte eine neue Wasserleitung angelegt, aber sie gab noch
kein Wasser. Da fiel es ihm auf, daß die Bienen an einem heißen Tage
zu dem Wasserleitungshahne flogen. Als er nachsah, stellte er fest,
daß inzwischen der Anschluß erfolgt war. Da der Hahn nicht ganz fest
geschlossen war, so befanden sich in seinem Innern bereits einige
Wassertropfen. Diese Tropfen, die ganz verborgen waren, hatten die
Bienen gewittert.
Aehnliche Beobachtungen habe ich ebenfalls gemacht. Die verwandten
Wespen zeigen gleichfalls ein erstaunliches Geruchsvermögen. Wird ein
Konfitürengeschäft eröffnet, das Süßigkeiten ausstellt, so finden sich
selbst in der Großstadt sofort Wespen ein.
Der Geruchsinn ist ohne Frage der Grundsinn bei den Bienen. Schon das
Ausräuchern der Bienen als Mittel zu ihrer Vertreibung beweist die
Empfindlichkeit ihres Geruchsorgans.
Aber die Augen sind natürlich auch von Bedeutung. Deshalb ist es nicht
wunderbar, daß sich die Bienen von Farben leiten lassen. Blau scheinen
sie ganz besonders zu lieben. Dann folgt weiß, gelb, rot, grün und
orange.
Wollten die Pflanzen Bienen allein durch ihren Duft anlocken, so hätten
sie bei ungünstigem Winde wenig Erfolg. Ihre Farbenpracht ist also
durchaus zweckmäßig.
201. Die Feinde der Bienen.
Ein Rotschwänzchen, das sich in unserer Nähe zeigt, gibt uns Anlaß,
Herrn Böhm über die Schädlichkeit mancher Insektenfresser als Feinde
der Bienen zu befragen.
Herr Böhm ist ein großer Freund der Singvögel, wie wohl die meisten
Menschen, und glaubt, daß das Rotschwänzchen nur matte Bienen, die
sowieso keinen Wert haben, fange. Nach seinen Beobachtungen kann ein
Rotschwänzchen gesunde Bienen nicht fangen.
Ich bin ebenfalls ein großer Freund der Singvögel, muß jedoch zu diesen
Beobachtungen ein großes Fragezeichen machen.
Unsere Singvögel sind in der Mehrzahl Insektenfresser. Es ist uns sehr
lieb, daß sie Insekten fressen. Im Gegenteil; wie bei den Feinden der
Nager ist es auch hier unser Wunsch, daß die Vögel recht unter den
Insekten aufräumen.
Wie wir aber verlangen, daß frühere Raubtiere eine Ausnahme mit dem
Kaninchen machen, obwohl es ein Nager ist, so fordern wir eine solche
Ausnahmestellung auch bei den Bienen, obwohl sie zu den Insekten
gehören.
Manche Imker denken nicht so milde wie Herr Böhm. Sie verlangen, daß
alle Tiere, die eine Biene fangen, auf die Liste der schädlichen
Tiere gesetzt werden. Es sind das vielfach solche, die sonst zu den
nützlichsten Geschöpfen gerechnet werden, also z. B. Schwalben,
Spechte, Meisen, das schon erwähnte Rotschwänzchen, ferner Störche,
Würger, Bienenfresser, Wespenbussarde, sodann die sonst so nützliche
Spitzmaus und die ebenfalls sehr nützliche Kröte. Unter den Insekten
hat die Biene folgende Feinde: Hornissen, Wespen, Bienenwölfe,
Maiwürmer, Bienenkäfer, Bienenbuckelfliegen, Wachsmotten, Bienenläuse
und andere.
202. Die Rassen der Honigbiene.
Herr Böhm hat, wie wir schon erwähnten, Heidebienen. Er ist aber gar
nicht von ihnen entzückt, weil sie zu schwarmwütig und stechlustig sind.
Erfahrene Bienenkenner weisen darauf hin, daß die deutschen Imker mit
der Einführung fremder Bienen einen großen Fehler begangen hätten. Da
die geschlechtslosen Arbeiterinnen sich nicht vermehrten, so sei die
Haupttätigkeit auf die Zucht der Drohnen und der Königinnen zu legen.
Es müsse nach den Grundgesetzen der Tierzucht aus den deutschen Bienen,
die für unser Klima am besten passen, eine schwarmträge Rasse gezüchtet
werden.
Außer der deutschen einfarbigen Honigbiene gibt es noch die bunte
südeuropäische Biene. Namentlich ist hiervon die italienische Biene
bekannt, die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts bei uns eingeführt
wurde. Sonst gibt es noch die ägyptische, afrikanische, chinesische,
indische Biene usw.
Die Heidebiene ist eine Unterart der deutschen Biene und unterscheidet
sich durch eine dunklere Färbung von ihr, die nicht so schwarmwütig
ist. Einen Uebergang zu der bunten Bienenrasse bildet die nordische
Biene, die wegen ihrer Sanftmut beliebt ist. Ebenso sanftmütig ist die
zwischen beiden stehende kaukasische Rasse. Ist die italienische Biene
bei uns naturgemäß wenig winterhart, so ist die ihr verwandte cyprische
Biene obendrein noch sehr bösartig und schwarmwütig.