Wie sollte in der Dunkelheit ein Nachtigallenweibchen wissen, daß ein

Männchen im Gebüsch weilt, selbst wenn seine Augen scharf und für

die Dunkelheit angepaßt sind? Wie anders liegt die Sache, und wie

erleichtert ist das Finden, wo jetzt das Männchen zur Frühjahrszeit in

der Nacht seine sehnsuchtsvollen Töne in die Welt hinausflötet?

Gerade unter den Gebüschvögeln und den versteckt lebenden Vögeln

pflegen die trefflichsten Sänger zu sein. Außer der schon erwähnten

Nachtigall und dem Pirol sei nur an den Sprosser, die Grasmückenarten,

die Laubvögelarten, den Gartenlaubsänger und andere erinnert.

Das Männchen hat also bei den Singvögeln deshalb die Gabe des Gesanges,

weil es die Weibchen dadurch auf sich aufmerksam machen will. Da die

Natur überall mit Aufwendung der geringsten Mittel arbeitet, so hat

sie dem Weibchen die Gesangesgabe nicht verliehen. Denn es wäre ganz

zwecklos, wenn beide Teile auf ihrem Platze blieben und das andere

Geschlecht auf sich aufmerksam machen wollten.

Nur bei alten Weibchen kommt es vor, daß sie kümmerlich etwas singen.

Das erinnert an die Erscheinung, daß alte Frauen einen Anflug von Bart

bekommen.

186. Warum hassen die Sperlinge den Kanarienvogel?

Herr Stengert erzählt uns, daß er vor Jahren einen Kanarienvogel in

folgender Weise verloren hat. Er war aus dem Bauer entwischt und hatte

sich die goldene Freiheit erobert. Doch er sollte sich ihrer nicht

lange erfreuen. Denn die Sperlinge fielen über ihn her und ruhten

nicht eher, als bis sie ihn getötet hatten. Es war ihm nicht möglich,

seinen Liebling zu retten, da sich der Vorgang an einer für Menschen

unzugänglichen Stelle abspielte.

Von diesem Haß der Sperlinge gegen entflohene Kanarienvögel habe

ich so oft erzählen hören, daß ich an der Wahrheit der Berichte

nicht gut zweifeln kann. Er steht auch ganz im Einklange mit der

immer wiederkehrenden Erscheinung, daß sich nahe Verwandte im

Tierreich grimmig hassen, so Wolf und Hund, Pferd und Esel usw. Auch

der Kanarienvogel gehört wie der Sperling zu den Finken und müßte

eigentlich nach menschlichen Anschauungen als naher Verwandter von

den »Gassenjungen«, wie man die Sperlinge genannt hat, liebevoll

aufgenommen werden. Da unter den Tieren Haß gegen Verwandte die Regel

ist, so ist die Abneigung der Sperlinge gegen den Kanarienvogel nicht

weiter auffallend.

Hierzu kommt noch folgendes. Alle freilebenden Tiere haben einen

scharfen Blick für die Schwächen eines neu Angekommenen. Deshalb soll

man einen Vogel, der ständig im Käfig gehalten wurde, nicht plötzlich

aussetzen. Manche Tierfreunde wollen ihren Tieren etwas gutes erweisen

und erreichen damit das gerade Gegenteil. So hatte ein Bekannter von

mir eine junge Drossel großgezogen. Als ausgesprochener Tierfreund

wollte er dem Tiere eine große Freude machen und ihm die Freiheit

schenken. Er erzählte mir von seinem Plane, worauf ich ihm den Rat gab,

die Drossel zunächst im Zimmer das Fliegen etwas gründlicher lernen zu

lassen. Das wollte er jedoch wegen der damit verknüpften Schmutzereien

nicht tun. Er nahm die Drossel also nach dem Tiergarten mit und setzte

sie dort aus. Er selbst schaute von einer Bank aus dem Benehmen seines

Lieblings zu. Es dauerte nicht lange, so kam eine Krähe. Diese fing

die Drossel und verspeiste sie. Mein Bekannter war dagegen machtlos.

Die Krähe hatte sofort erkannt, daß die Drossel nicht genügend fliegen

konnte. Wie sie auf kranke Vögel Jagd macht, so auch auf schlechte

Flieger.

Vielleicht ist auch folgender Umstand von Bedeutung. Bei jeder Tierart

kommen wohl sogenannte Albinos vor, d. h. Tiere mit weißer Farbe und

roten Augen. Allgemein gelten sie als schwächlich. Raubtiere suchen

zuerst die Albinos zu erbeuten. Albinos werden von ihren Artgenossen

gewöhnlich gemieden. Unser Kanarienvogel ist nun zwar kein Albino,

aber mit seiner hellgelben Färbung sieht er ihm manchmal recht

ähnlich. Jedes freilebende Tier sieht jedenfalls sofort, wenn es einen

Kanarienvogel erblickt, daß hier ein Schwächling vorliegt. Schwächlinge

werden gern bekämpft.

Der Haß der Sperlinge gegen den Kanarienvogel ließe sich also dadurch

erklären, daß der Kanarienvogel ein naher Verwandter, ein erbärmlicher

Flieger und ein Schwächling ist.

187. Wie erklärt sich die gelbe Farbe des Kanarienvogels?

Der wilde Kanarienvogel, von dem unser zahmer Kanarienvogel abstammt,

lebt noch heute auf den Kanarischen Inseln an der Westküste Afrikas.

Seit etwa drei Jahrhunderten ist der Kanarienvogel als Haustier

bei uns heimisch. Der wilde Kanarienvogel ist grünlich, während

unser Kanarienvogel hauptsächlich gelb ist. Wie läßt sich diese

Verschiedenheit erklären?

Wir sehen, daß Haustiere sehr häufig eine andere Farbe haben als ihre

freilebenden Vorfahren. Das Wildpferd ist braun. Es gibt unzählige

Pferde, die nicht braun sind. Ebenso ist es mit den Wildkaninchen, dem

Bankivahuhn, der Felsentaube usw.

Da man bei Kanarienvögeln durch Fütterung mit Kayennepfeffer ganz

merkwürdige Färbungen erzielt hat, so ist wohl anzunehmen, daß die

Nahrung in einem gewissen Zusammenhang mit der Färbung steht. Da die

Haustiere gewöhnlich zum Teil eine andere Nahrung als ihre Stammeltern

erhalten, so würde sich ihre anders geartete Färbung zum Teil dadurch

erklären.

Herr Stengert erzählt uns weiter, daß er früher echte Harzer

Kanarienvögel besessen, sie aber wieder abgeschafft hat, denn sie

verlangen eine hohe Wärmetemperatur, was bei dem jetzigen Kohlenmangel

nicht zu erreichen war.

An sich ist jedem Geschöpf Abhärtung zuträglicher als Verweichlichung.

Die Züchtung der Harzer Kanarienvögel bei hoher Temperatur kann man

aber eigentlich nicht als Verweichlichung bezeichnen. Denn der Vogel

ist einmal ein alter Afrikaner. Vielleicht hat man gerade dadurch so

große Erfolge erzielt, daß man ihn in der Temperatur seiner Heimat

hielt.

188. Warum stecken die Vögel beim Schlafen den Kopf in die Federn?

Da sich der Abend naht, so soll Hänschen zum Schlafen in ein dunkles

Zimmer gebracht werden. Hier sind noch einige andere Kanarienvögel,

die, wie wir sehen, bereits schlafen. Sie haben nämlich ihren Kopf in

die Federn gesteckt.

Diese Schlafstellung erscheint uns recht wunderbar, und die Frage

deshalb sehr natürlich, weshalb der Vogel so handelt.

Manche meinen, daß diese Haltung für den Vogel am bequemsten sei. Wie

der Mensch den Kopf sinken lasse, wenn er müde sei, so stecke der Vogel

unter gleichen Umständen den Kopf in die Federn.

Hiermit ist aber schlecht vereinbar, daß nicht nur die Eulen, sondern,

soweit ich feststellen konnte, auch die andern großen Raubvögel den

Kopf nicht in die Federn stecken. Es ist mir trotz aller Bemühungen

niemals gelungen, einen Adler oder Geier in der Nacht zu beobachten,

wie er den Kopf in die Federn steckt. Gerade in Berlin hat man

hierzu die schönste Gelegenheit. Geht man in der Dunkelheit am

Rande des Zoologischen Gartens entlang, und zwar da, wo er an den

Tiergarten grenzt, so sieht man stets einige Bewohner des riesigen

Raubvogelkäfigs, wie sie auf den Felsen hocken. Bei den Eulen kann man

das Nichthineinstecken des Kopfes mit ihrem zu kurzen Halse erklären.

Aber Geier und Adler müßten auch ihre Köpfe in die Federn stecken, wenn

diese Erklärung richtig ist.

Ich erkläre mir die Schlafstellung der Vögel anders und zwar auf Grund

folgender Beobachtung.

An einem schönen Sommertage ging ich im Tiergarten spazieren. Ich blieb

stehen, um eine Wildente zu beobachten, die auf einen in das Wasser

gefallenen Baum gestiegen war und dort ihr Gefieder glättete. Es kam

noch eine Ente angeschwommen und sprang -- nicht flog -- vom Wasser auf

den Baum. Das ist ein Kunststück, das man nicht glauben würde, wenn man

es nicht mit eigenen Augen sähe. Ueberhaupt benahmen sich die Enten auf

dem gestürzten Baume so vertraut, daß ich mir sagte, in waldreichen

Gegenden scheinen sie lieber auf Bäumen als am Ufer zu ruhen. Das ist

auch ganz klar, denn am Ufer kann sie manches Raubtier, z. B. der Fuchs

erbeuten, der auf den Baumstamm nicht so leicht gelangt. Demnach schien

der Baumstamm mit seiner trockenen Rinde ein herrliches Ruheplätzchen

zu bieten. Nur ein Wulst auf dem Baumstamm fiel mir auf, weil ich nicht

recht wußte, was ich aus ihm machen sollte. Dieser Wulst, den ich

zunächst übersehen hatte, kam mir mit der Zeit immer merkwürdiger vor.

Ich bedauerte aufrichtig, nicht ein scharfes Jagdglas bei mir zu haben.

Plötzlich bekam der Wulst Bewegung und, was ich schon geahnt hatte,

entpuppte sich als -- schlafende Ente.

Ich mußte staunen, wie vortrefflich das Gefieder der Wildente, die sich

dicht auf den Stamm gedrückt hatte, zu der Baumrinde paßte. Sodann

war es aber klar, daß ich trotzdem die schlafende Ente niemals hätte

übersehen können, wenn sie nicht ihren Kopf in das Gefieder des Rückens

gesteckt hätte. Ich glaube hiernach zu der Vermutung berechtigt zu

sein, daß die merkwürdige Schlafstellung den Zweck einer Schutzstellung

hat.

Die Wildente ist, wie wir wissen (Kap. 145) ein zum Teil nächtliches

Tier. Sie hat also am Tage naturgemäß ein Schlafbedürfnis. Ihre

schlimmsten Feinde sind außer dem Menschen die Tagraubvögel,

insbesondere Wanderfalk und Habicht. Sie ist also in dieser

Schlafstellung einigermaßen vor ihnen gesichert. Würde sie mit dem

Kopfe nach vorn schlafen, so könnte sie von dem scharfen Auge ihrer

gefiederten Feinde mit Leichtigkeit wahrgenommen werden.

Als Jäger wäre ich an dieser Wildente vorbeigelaufen, obwohl ich gerade

für sich verbergende Geschöpfe ein sehr geschultes Auge besitze.

Aus Furcht vor den nächtlichen Feinden, den Eulen, stecken also die

Friedvögel den Kopf in die Federn, damit sie leichter übersehen werden.

Uebrigens haben die Nachtaffen genau die gleiche merkwürdige

Schlafstellung. Man betrachte beispielsweise ihre Bilder in Brehms

Tierleben. Diese Schlafstellung wird aber sofort verständlich, wenn man

sie als sogenannte Mimikry, d. h. Nachäffung der Umgebung auffaßt.

Adler und Geier scheinen eine solche Mimikry nicht zu brauchen und

deshalb stecken sie den Kopf nicht in das Gefieder.

189. Die Rassen des Kanarienvogels.

Der Harzer Kanarienvogel ist bereits erwähnt worden. In England

werden Kanarienvögel mit auffallender Färbung gezüchtet, so z. B.

die eidechsenartig gestreiften Lizards. Erwähnt wurden bereits die

Pfeffervögel, die durch Fütterung mit Kayennepfeffer tief gelbrot

geworden sind.

Die Zucht des Kanarienvogels beginnt Mitte Februar. Auf ein Männchen

rechnet man 3 bis 4 Weibchen. Das Weibchen legt 5 Eier. Die Brutzeit

dauert etwa 13 Tage. Man kann im Jahre 3 bis 4 Bruten erzielen.

Als Fink ist der Kanarienvogel ein Pflanzenfresser, der namentlich

im Frühjahr Wert auf Insektenkost legt. Rübsen, Spitzsamen und

gelegentlich Hanf sowie allerlei Grünes wird vom Kanarienvogel gern

gefressen. Während der Brutzeit darf hartgekochtes Ei als Ersatz der

tierischen Nahrung nicht fehlen. Da der wilde Kanarienvogel sehr gern

Feigen frißt, so sind Zucker und Obst keine Leckereien für unseren

Kanarienvogel, wie gewöhnlich angegeben wird. Es liegt vielmehr eine

naturgemäße Fütterung vor.

Für die Zucht ist der Kanarienvogel nur bis zum vierten Jahre lohnend

zu verwenden. Dagegen wird der einzelne Sänger bis zu 20 Jahren alt.

Der Wellensittich

190. Warum ist nur der Wellensittich ein Haustier?

In meinem Bekanntenkreise besitzt nur noch der vorhin erwähnte Herr

Stengert ein Pärchen Wellensittiche. Die übrigen haben die Tierchen

wegen Futtermangel abschaffen müssen. Wir suchen also Herrn Stengert

wieder auf und sehen uns zunächst nochmals seine Kanarienvögel an.

Das Pärchen Wellensittiche hat bereits mehrfach gebrütet. Den Nachwuchs

hat Herr Stengert fortgegeben, da die Ernährung heutzutage zu schwierig

ist.

Unter Papageien stellt sich der Durchschnittsmensch ziemlich große,

lautkreischende Vögel vor. Davon ist beim Wellensittich nichts zu

merken. Sieht man von seinem langen Schwanz ab, so hat er etwa die

Größe eines Stars. Nur ist er im Gegensatz zum Star grün gefärbt.

Nahen sich Fremdlinge, wie wir es sind, so haben die Wellensittiche

eine Vorliebe dafür, sich schnell auf den Boden fallen zu lassen und

sich zu ducken.

Hieraus sieht man, daß auch dieser Vogel von seinen ererbten

Gewohnheiten vollkommen beherrscht wird. Er lebt in Australien und

nährt sich von Grassamen. Wegen der Dürre dieses Landes ist er zu

großen Wanderungen gezwungen. Ueppiger Graswuchs ist nur zeitweise

nach den Niederschlägen vorhanden, und diese Niederschläge sind nicht

häufig. Dort im grünen Grase ist sein Verstecken bei seiner grünen

Färbung ein vortreffliches Mittel, um sich den Blicken des Beobachters

zu entziehen. Auf dem mit Sand bestreuten Boden des Käfigs ist das

Sichducken vollkommen zwecklos.

Vom Kreischen der andern Papageien merkt man beim Wellensittich nichts.

Er singt vielmehr ziemlich leise und ganz angenehm.

Der größte Vorzug liegt jedoch in dem anmutigen Verhalten des Pärchens,

das wie die Turteltauben das Vorbild eines zärtlichen Ehepaars liefert.

Er ist der opferwillige und allzeit dienstbereite Mann, während sie das

hingebende Weib ist.

Bei andern Papageien hat man auch Nachkommenschaft erzielt. Aber als

viel größere Tiere brauchen sie dazu einen ziemlichen Raum. Der enge

Käfig genügt ihnen nicht. Am leichtesten gelingt es, wenn man sie frei

ausfliegen läßt. Immerhin muß man die Fortpflanzung anderer Papageien

als Ausnahme betrachten.

Dagegen kann man von Wellensittichen regelmäßig Nachwuchs erzielen, und

deshalb müssen wir sie zu unsern Haustieren rechnen.

Sie legen 4 bis 6 Eier. Der Wellensittich hat noch den weiteren Vorzug,

außerordentlich anspruchslos zu sein. Das kommt natürlich daher, weil

er in seiner Heimat fast nur von Grassamen leben muß.

Wegen der weiten Wanderungen in Australien muß der Wellensittich

ein guter Flieger sein. Ich habe vor 20 Jahren längere Zeit einen

entflohenen Wellensittich im alten Botanischen Garten beobachtet und

mich über seine Flugfertigkeit sehr gefreut.

Erst seit Mitte des vorigen Jahrhunderts ist der Wellensittich zu uns

gekommen.

191. Warum fehlt dem Tiere die Sprache?

Im Gegensatz zu andern Papageien lernt der Wellensittich nur

ausnahmsweise sprechen. Immerhin soll bei dieser Gelegenheit die so oft

aufgeworfene Frage erörtert werden, warum dem Tiere die Sprache fehlt.

Die neueste Auflage von Brehms Tierleben kommt zu dem Ergebnis, daß

die Tiere deshalb nicht sprechen, weil sie sich nichts zu sagen haben.

Dieses Ergebnis befriedigt nicht, wie schon an verschiedenen Stellen

hervorgehoben worden ist. Die Tiere haben sich eine ganze Menge zu

sagen. Für alle friedlichen Pflanzenfresser, die in Scharen leben,

ist die Mitteilung, daß Gefahr droht, von der größten Wichtigkeit.

Zu dieser Mitteilung ist aber eine artikulierte Sprache nicht

erforderlich. Es genügt ein Schrei oder ein bestimmter Ausruf, auch

das bloße Benehmen ist genügend. Ergreift das Leittier plötzlich die

Flucht, so wissen die andern Genossen genau, was das zu bedeuten hat.

Ueberhaupt können die einfachen Bedürfnisse des Tieres fast immer durch

das Benehmen angedeutet werden. Kein Mensch, der in einem Lokale eine

Mahlzeit verzehrt, und dem ein fremder Hund jeden Happen, den er zum

Munde führt, nachzählt -- selbstverständlich im bildlichen Ausdruck --

ist im Zweifel darüber, was der Hund eigentlich will. Er will etwas

abhaben, und zwar je mehr, desto besser. Ein Schweizer Naturforscher

erzählt von einem gefangenen Adler, daß dieser den Kopf senkte und

dabei mit den Flügeln schüttelte. Sofort verstand er, daß der Adler

baden wollte, und brachte ihm eine Wanne mit Wasser.

Das Tier hat also keine Sprache, weil es, wie ohne Zweifel feststeht,

auch ohne eine solche bestehen kann.

Für das freilebende Tier, das im Kampfe ums Dasein steht, wäre aber

die Verleihung der Sprache eher ein Nachteil als ein Vorteil. Alle

Menschen, die gefahrvolle Berufe ausüben, also Seeleute, Luftschiffer,

Soldaten, Fischer, Jäger pflegen einsilbig zu sein. Sie wissen alle,

daß vieles Reden nicht nur ganz überflüssig, sondern sehr schädlich ist.

Besäßen die Tiere eine Sprache, so kämen sie oft ins Plaudern, und

ein plötzlicher Ueberfall durch einen Feind bildete den Schluß des

Plauderstündchens.

Dem Tiere fehlt also die Sprache, weil es von ihr fast nur Nachteile

und kaum Vorteile hätte.

Uebrigens habe ich niemals begreifen können, weshalb der einfache Mann

es bedauert, daß beispielsweise der Hund nicht sprechen kann. Würden

sich denn noch Menschen einen Hund halten, wenn er als Plappermaul

alles in der Nachbarschaft erzählte, was er bei seinem Herrn und seiner

Familie gesehen und erlebt hat?

Der Goldfisch

192. Warum ist der Goldfisch ein beliebter Aquariumfisch?

In meiner Jugendzeit waren runde, bauchige Glasbehälter mit Goldfischen

sehr beliebt. Jetzt sieht man sie sogar in Aquariumhandlungen selten.

Im Berliner Tiergarten können wir Goldfische im sogenannten

Goldfischteich beobachten. Allerdings muß man die Stellen kennen, wo

sie sich aufzuhalten pflegen. Ueberdies ist ihre Anzahl jetzt stark

zurückgegangen.

Wie die Wildenten, so haben auch die Goldfische sehr darunter gelitten,

daß sie vom Publikum nicht mehr gefüttert werden. Früher war es ein

alltäglicher Anblick, eine Unmenge Goldfische zu sehen, die sich um die

zugeworfenen Brocken stritten, während am Ufer die Sperlinge saßen und

sich auf jeden Brocken stürzten, der nicht ins Wasser gefallen war.

Unter den Goldfischen des Goldfischteichs befanden sich wahre Riesen,

ferner auch Silberfische. Im engen Glase werden die Goldfische

natürlich niemals so groß.

Als Knabe habe ich allerlei Getier im Aquarium gehalten. Immer wieder

habe ich mich davon überzeugt, daß sie nicht annähernd so ausdauernd

sind wie der Goldfisch. Außerdem ist die Pflege heimischer Tiere viel

umständlicher als die des Goldfisches. Der Goldfisch bekam wöchentlich

einmal reines Wasser und täglich ein paar Ameisenpuppen, sogenannte

Ameiseneier. Dabei hält er sich jahrelang. Berücksichtigt man seine

schöne Farbe, so ist es kein Wunder, daß er ein beliebter Aquariumfisch

ist.

Der Goldfisch stammt aus China und Japan, wo er seit alter Zeit

gezüchtet wird. Er ist ein Karpfenfisch aus der Gattung Karausche,

der durch die Kunst der Züchter die goldrote Färbung erhalten hat.

Vor zwei- oder dreihundert Jahren kam er nach Europa, wo er bald Mode

wurde. Große Goldfischzüchtereien bestehen in Frankreich, in Schlesien,

Ostpreußen und in Steiermark.

Außer den Silberfischen züchtet man schwarze und bunte Rassen. Vom

japanischen Goldfisch hat man Fische mit vorstehenden Augen, sogenannte

Teleskopfische, und Schleierschwänze mit doppelten Schwänzen gezüchtet.

193. Wie richte ich ein Aquarium ein?

Die früheren dickbauchigen Goldfischgläser haben drei schwere

Nachteile. Erstens kommt das Wasser mit der Luft nicht an dem

größten Durchmesser des Glases in Berührung. Zweitens fehlen den

Goldfischgläsern die Pflanzen. Drittens muß wegen des Pflanzenmangels

das Wasser allwöchentlich erneuert werden. Zu diesem Zweck müssen die

Tiere herausgenommen werden. In der Regel spielt sich der Vorgang

folgendermaßen ab. Zunächst werden die Fische mit dem Käscher

herausgefangen, was ohne arge Beunruhigung der Tiere unmöglich ist.

Das Wasser im Goldfischglase hat natürlich die Temperatur des Zimmers

angenommen. In der Zwischenzeit kommen sie günstigenfalls in Wasser

mit gleicher Temperatur. Das neue Wasser im Goldfischglase pflegt

ganz frisch aus der Wasserleitung genommen zu werden. Die Fische,

die abermals gefangen werden müssen, benehmen sich infolge des

Temperaturwechsels höchst aufgeregt. Man hält das allgemein für ein

Zeichen des Wohlbefindens, während das Gegenteil zutrifft.

Nur ein seit Jahrhunderten gezüchteter Fisch, der als früherer Karpfen

an schlechtes Wasser gewöhnt ist, kann jahrelang solche Martern

aushalten.

Es soll hier nicht von großen teueren Aquarien die Rede sein. Selbst

diejenigen, die aus einem Metallgerüst mit eingekitteten Glasscheiben

bestehen, sollen hier außer Betracht bleiben. Sie erfordern bereits

einen besonderen dreibeinigen Tisch und eine besondere Stellung

am Fenster, so daß sie unter den heutigen Verhältnissen von dem

Durchschnittsmenschen nicht eingerichtet werden können.

Es soll vielmehr nochmals darauf hingewiesen werden, daß die bisherigen

Goldfischgläser gewissermaßen eine ungewollte Tierquälerei zur Folge

hatten. Darum soll jemand, der überhaupt Wassertiere halten will, unter

allen Umständen viereckige Gläser wählen. Auch kleine Gläser lassen

sich bereits mit Pflanzen besetzen. Die Pflanzen sind aber durchaus

notwendig, weil sie Sauerstoff an das Wasser abgeben und dadurch einen

Wechsel des Wassers nur selten, manchmal gar nicht nötig machen. Ein

sicheres Zeichen, daß das Wasser zu sauerstoffarm ist, besteht darin,

daß die Fische an die Oberfläche kommen, um Luft zu schnappen.

In den Aquariumhandlungen kann man die für die Pflanzen notwendige

Erde erhalten. Sie besteht gewöhnlich aus guter Moorerde, die mit

Torfgrus gemischt ist. Dieser Mischung sind alter, verwitterter Lehm

und Flußsand zugesetzt. Hierüber kommt eine einige Zentimeter dicke

Schicht von einem Sand, der vorher sorgfältig ausgewaschen ist. In

einer Ecke des Aquariums macht man die Bodenschicht weniger hoch, so

daß sich ein Schlammfang bildet, aus dem mittels eines Gummischlauches

die Futterreste und Unrat entfernt werden.

Die eingepflanzten Wasserpflanzen müssen zwei bis drei Wochen ohne

Fische stehen, damit sie festwurzeln und das Wasser sich klärt.

In einem solchen vier- oder mehreckigen Glase mit Pflanzen und Sand

fühlen sich die Tiere wohl und halten sich viel länger als im blanken

Wasser. Jeder Teich, jeder Dorfpfuhl kann Bewohner für ein solches

Aquarium liefern. Der wirkliche Tierfreund kann sich nicht satt

sehen an dem Neuen und an den Schönheiten, die er bei sorgfältiger

Betrachtung selbst bei den unscheinbarsten Geschöpfen entdeckt.

194. Der Goldfisch in Redensarten.

Wie man unter Backfisch ein junges Mädchen versteht, so unter

*Goldfisch*

ein Mädchen, das viel Geld in die Ehe bringt. Von dem Freier, der sie

heimführt, sagt man, daß er einen Goldfisch geangelt hat.

Der Seidenspinner

195. Warum ist unsere Seidenraupenzucht zurückgegangen?

Früher habe ich oft Gelegenheit gehabt, mir die Zucht von Seidenraupen

anzusehen. Jetzt aber konnte ich trotz aller Bemühungen keinen

Seidenraupenzüchter ausfindig machen. In den Zoologischen Handlungen

gab man mir den Bescheid, daß die Seidenraupenzucht aufgegeben sei,

weil die Aufzucht einen Raum von 70 Kubikmetern verlangt. Den hat man

bei der jetzigen Wohnungsknappheit nicht übrig. Alte Seidenhandlungen,

an die ich mich wandte, antworteten mir ähnlich. Eine sehr bekannte

Firma schrieb mir, daß sie Seidenraupenzüchter nur in Baden und

Württemberg kenne.

Wie in vielen Fällen unser berühmter Zoologischer Garten Hilfe

in der Not gebracht hat, so war in diesem Falle unser ebenso

berühmtes Aquarium der Retter in der Verlegenheit. Wir suchen

diese Sehenswürdigkeit ersten Ranges auf und können uns bei

dieser Gelegenheit die verschiedenen Goldfischarten, z. B. die

Schleierschwänze und Teleskopfische, ferner die Chanchitos und andere

tropische Aquariumfische in der wunderbarsten Beleuchtung ansehen.

In zwei Kästen wimmelt es von Raupen unseres Maulbeerspinners. Sie

haben etwa die Länge des kleinen Fingers eines Mannes, nur sind sie

nicht so dick. Ihre Tätigkeit scheint in dem Programm zu bestehen:

Fressen, fressen und abermals fressen. Dementsprechend ist auch

die Verdauung. Ueberall sehen wir schwarze Klümpchen auf dem Boden

liegen. Verglichen mit den anderen Seidenspinnern sieht übrigens der

Schmetterling des Maulbeerspinners sehr unscheinbar aus. In einem

Nebenzimmer können wir nämlich die andern Spinnerarten bewundern, den

Eichenseidenspinner Nordchinas, den Ailanthusspinner Chinas und Japans,

den südamerikanischen Spinner _Telea Polyphemus_ usw.

Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten · 第 27 / 30 段