nur die großen Eulen, also namentlich der Uhu, in Betracht. Angenommen,
daß dieser von dem Schwarm der Enten, die sich zur Nachtzeit irgendwo
gesammelt haben, eine fängt, so ist das weiter kein Unglück.
Uebrigens sieht man dem Auge der Ente auch äußerlich an, daß es an die
Augen der Dunkelheitsseher, der Nachtigallen, Schnepfen und anderer
Vögel erinnert, während die Augen der Hühner, als ausgesprochener
Helligkeitsseher, ganz anders aussehen.
173. Warum läßt man Enteneier durch Hühner ausbrüten?
Unsere Hausente ist größer, stärker und fetter geworden als ihre
Vorfahren. Dafür kann sie nicht mehr wie diese auf den Grund der
Gewässer tauchen, auch kann sie nicht annähernd so gut wie diese
fliegen.
Wir folgen der Einladung eines Bekannten im Vorort, um uns seine Enten
anzusehen. Beim Eintritt in sein Gehöft bemerken wir eine Glucke, die
ängstlich am Rande eines kleinen Pfuhles herumläuft und fortwährend
Lockrufe ausstößt, während die jungen Entlein unbekümmert um die Angst
ihrer Pflegemutter lustig umherschwimmen.
Weshalb läßt der Mensch die Enteneier durch eine Henne ausbrüten? Ist
das nicht grundverkehrt? Die Ente liebt die Nässe, während das Huhn sie
haßt.
Die Erklärung liegt darin, daß wir deshalb oft Pflegemütter wählen,
weil sie als Brüterinnen und Führerinnen ausgezeichnete Dienste
leisten. So ist die Pute wegen dieser Eigenschaften berühmt, und erst
vor einigen Tagen sah ich in Berlin eine Pute junge Enten führen. Die
Ente läßt auf diesem Gebiete häufig zu wünschen übrig.
Sodann will die Mutterente ihre Jungen zum Wasser führen. Hat man auf
oder bei seinem Gehöft einen Graben oder Teich, so ist das sehr schön.
Häufig ist das nicht der Fall, und dann ist eine Glucke ganz am Platze.
Der Mangel an Wasser schadet Enten, die man mästen will, nichts.
Dagegen würden Zuchtenten ohne Wasser nicht gedeihen.
174. Die Rassen der Ente.
Besonders große Entenrassen sind die Rouen-Ente, die gemästet über 10
Pfund schwer wird, ferner die Aylesbury- und die Peking-Ente. Kleiner
ist die indische Laufente, die aber eine fleißige Eierlegerin ist und
es auf 150 Eier im Jahre bringt.
Die Brutzeit dauert 28 Tage oder einige Tage weniger. Zur Zucht
gebraucht man Enten bis zum fünften Jahre, obwohl sie noch länger legen.
Junge Enten wachsen, wie wir an den Wildenten sehen, sehr schnell heran
und können in 10 bis 12 Wochen mastreif sein.
Die Ente wird als gefiedertes Schwein bezeichnet, weil sie alles frißt.
Wir haben bereits beim Schwein hervorgehoben, daß diese Redensart etwas
übertrieben ist. Richtig ist, daß ihr Speisezettel sehr reichhaltig
ist. Die Wildente frißt Sämereien, Knollen, Blätter, ferner Insekten,
Würmer, Weichtiere und Reptilien. Fische fängt sie wohl nur durch
Zufall, da sie zum Fischen nicht passend gebaut ist. Desto eifriger
ist sie nach dem Laich der Fische, wie schon erwähnt wurde. Die
Hausente frißt außerdem Hausabfälle, Kartoffeln, Fleisch usw.
Mit dem Schwein teilt die Ente den Vorzug, daß ihr Fleisch immer
Abnehmer findet, und daß ihre Zucht überhaupt verhältnismäßig lohnend
ist.
175. Die Ente in Redensarten und Sprichwörtern.
Erwähnt wurde bereits die Redensart, wonach die Ente als gefiedertes
Schwein bezeichnet wird. Auch ist die Zeitungsente zu erklären versucht
worden. Ferner findet in dem Vorstehenden die Redensart ihre Erklärung:
*die umhertrippelt wie ein Huhn, das Enten ausgebrütet hat und sie
aufs Wasser gehen sieht*.
Sonst wären noch anzuführen:
*Er kann schwimmen wie eine Ente.*
Spöttisch wird auch gesagt:
*Er kann schwimmen wie eine bleierne Ente.*
Die Gans
176. Warum gilt die Gans als wachsam?
In unserem Zoologischen Garten, der uns so oft ein Helfer in der Not
gewesen ist, können wir uns auch die Stammeltern unserer Hausgans,
die Graugänse, ansehen. Sie tummeln sich auf dem sogenannten
Vierwaldstätter See. Allerdings ist bei oberflächlicher Betrachtung
nicht viel an ihnen zu sehen. Sie sehen eben wie graue Gänse, die auf
einem Gewässer schwimmen, aus. Aber wer die außerordentliche Vorsicht
der Graugänse kennt, der ist schon sehr erfreut darüber, daß er sie so
in der Nähe zu Gesicht bekommt. Ich habe jahrelang Jagdreviere gekannt,
wo es sehr viel Wildgänse gab. Aber nur einmal habe ich eine Graugans
in der Nähe zu sehen bekommen. Es war eine Nachzüglerin, die es sehr
eilig hatte und sehr niedrig flog. In der Eile hatte sie uns Jäger, die
wir im Graben lagen, übersehen.
Jung eingefangene Graugänse werden verhältnismäßig leicht zahm. So
sind sie, wie schon erwähnt wurde, die Stammeltern unserer Hausgänse
geworden.
Berühmt ist die Geschichte, daß Gänse das Kapitol von Rom und dadurch
die Stadt selbst durch ihre Wachsamkeit gerettet haben. Die Feinde,
die Gallier, hatten damals vor mehr als zweitausend Jahren, einen
nächtlichen Ueberfall geplant. Die Hunde schliefen, aber die Gänse
merkten, daß unerbetener Besuch sich nahte, und erhoben ein Geschrei.
Hiervon wurde die Besatzung wach, der es gelang, die anstürmenden
Feinde in die Tiefe zu stürzen.
Alljährlich wurde diese Rettung der Stadt durch ein Fest gefeiert.
Neben einer triumphierenden Gans lag ein getöteter Hund.
An der Wahrheit des Berichts ist nicht gut zu zweifeln, und der
Tierkenner wird der letzte sein, der ihn bezweifelt. Die Wachsamkeit
ist ohne Frage ein Erbteil ihrer Stammeltern.
Unsere Wildgans ist im Gegensatz zu manchen ausländischen Gänsen
infolge ihrer Schwimmfüße außerstande, auf Bäumen zu schlafen,
wie es die andern Vögel tun. Sie lebt deshalb in unzugänglichen
Brüchen und schwer zugänglichen bewachsenen Inseln. Es ist nun
selbstverständlich für den Menschen recht schwer, sich zur Nachtzeit
solchen Schlafstätten zu nähern. Aber Wildkatzen, Füchse und Wölfe,
namentlich aber Hermeline, Iltisse und Fischottern, die sämtlich
nächtliche Räuber sind, können den schlafenden Gänsen doch sehr
gefährlich werden. Deshalb scheint immer eine von den Wildgänsen Wache
zu halten. Auch deutet ihre Vorliebe für Schlafplätze im Schilf darauf
hin, daß sich die Annäherung des Räubers durch Betreten der überall
liegenden trockenen Rohrstücke verraten soll. Diese Benutzung von
Natur-Alarmapparaten finden wir bei Pflanzenfressern nicht selten,
so bei Hirschen, Rehen usw. Sie haben ihr Lager am liebsten an
Oertlichkeiten, wo sich der Jäger nicht nähern kann, ohne durch das
Betreten des Laubes und der überall vorhandenen Zweigstücke Geräusche
zu erzeugen.
Die Hausgans ist also von Hause aus durchaus für die Wachsamkeit zur
Nachtzeit geschaffen, deshalb ist die von ihr gemeldete Geschichte
vollkommen glaubhaft.
177. Wie steht es mit den geistigen Fähigkeiten der Gans?
Die Bezeichnung »dumme Gans« ist bei uns sehr geläufig. Und betrachtet
man Hausgänse, die auf einem Anger weiden, was wir in jedem Dorfe
anstellen können, so machen die Tiere ohne Zweifel nicht den Eindruck,
als ob sie über einen großen Geist verfügen.
Das eintönige Geschnatter, das sie hören lassen, erscheint zunächst
sehr überflüssig. Wir wissen aber von dem Grunzen der Schweine und
dem Blöken der Schafe, daß solche den Zusammenhang der Gesellschaft
wahrenden Töne für Tiere, die im Röhricht leben, sehr wichtig sind.
Sodann sehen die Gänse mit ihrem watschelnden Gang auf dem Erdboden
sehr unbeholfen aus. Aber ist das irgendwie wunderbar? Wir Menschen
haben sie doch aus ihrer Heimat zwischen Rohr und Binsen genommen und
auf den festen Erdboden gebracht, wohin sie ihrer Natur nach nicht
gehören. Ihre Furchtsamkeit, die sie bekunden, ist auch nicht weiter
merkwürdig. Denn wie unsern Hausschafen das Gebirge, so fehlt ihnen
und den Enten das Wasser zu ihrer Rettung. Nur der Gänserich bekundet
Mut gegen Kinder. Er geht auf sie mit Zischen los. Uebrigens haben sie
gelegentlich schon durch Schnabelhiebe ganz kleinen Kindern gefährliche
Verletzungen beigebracht.
Die angebliche Dummheit der Hausgänse muß man in der Hauptsache auf die
unnatürlichen Verhältnisse zurückführen. Von Hause aus ist die Gans ein
sehr kluges Tier. Hierüber sind sich alle Jäger einig. Das Anschleichen
an Gänse ist ungeheuer schwierig, weil sie durch ihre Wachsamkeit und
ihr vorzügliches Sehvermögen fast alle Mittel ihrer Feinde zuschanden
machen.
Unsere Vorfahren waren mit dem Tierleben weit inniger vertraut als wir.
Sie kannten die Tiere demnach auch viel besser. So erklärt es sich, daß
sie ein Rechtsbuch »Graugans« nannten. Für den heutigen Kulturmenschen
ist diese Bezeichnung ganz unverständlich. Der Jäger aber versteht,
was damit gemeint ist. Die Verfasser haben sich die Graugans mit
ihrer bewundernswerten Vorsicht, Klugheit und Wachsamkeit als Vorbild
genommen.
178. Wie erklärt sich der Gänsemarsch?
Unsere Dorfgänse werden jetzt nach Hause getrieben, wobei sie sich in
dem bekannten Gänsemarsch bewegen. Dieser Gänsemarsch dürfte ohne Frage
aus ihrer Bewegungsart im Röhricht und Binsen herrühren. Eine Wildgans
muß hier der andern folgen, da sie sich sonst jedesmal erst einen neuen
Weg bahnen müßte.
Ueberhaupt läßt sich nicht bestreiten, daß den Gänsen durch ihre
Lebensart ein gewisser soldatischer Geist eingehaucht ist. Sie haben
einen bewundernswerten Sinn für Ordnung. Das Einreihen, das Bilden
einer Linie und ähnliche Bewegungen fallen ihnen ersichtlich leicht.
Wie soll es auch anders sein, da ja ihr Flugbild das bekannte Dreieck
bildet. Man nimmt an, daß die Gänse in dieser Flugform leichter die
Luft durchschneiden.
179. Aus der Lebensgeschichte einer Wildgans.
Für die Leser, denen unsere Wildgänse nicht bekannt sind, möchte ich
von dem Berichte eines Jägers über einen zahmen Wildganter eine Stelle
hier bringen.
Auf einem Gute in der Neumark waren zwei Eier von Wildgänsen durch
Hühner ausgebrütet worden. Es war ein Pärchen, ein Ganter und eine
Gans. Beide flogen, als sie erwachsen waren, oft fort, kehrten aber
stets wieder heim. Von diesem Ganter erzählt der erwähnte Jäger
folgendes:
Die Hunde haben es schon längst gelernt, ebenso schnell wie unauffällig
aus seinem Bereich zu verschwinden, und auch die Katzen sind, falls
er gerade schlechter Laune ist, vor seinen Angriffen nicht sicher.
So stand der Ganter einst neben mir im Garten, offenbar ungehalten
darüber, daß ich als Fremdling es wagte, mich in der Nähe seiner
Lieblingsgans zu bewegen, die unmittelbar daneben auf dem Hofe im
Pferdestall brütete. Da erstand mir ein Blitzableiter in Gestalt einer
Katze. Mieze lag auf dem Rande des niedrigen Daches der Veranda, der
Ganter entdeckte sie und schon im nächsten Augenblick schwang er sich
in die Höhe, um mit dem mißliebigen Eindringling abzurechnen. Im Nu
hatte er die tödlich erschrockene Katze am Balge erfaßt; kläglich
schreiend wehrte sie sich zwar, so gut es ging, aber es half ihr alles
nichts. Mit ihrem Feind zusammen, der nicht losließ, mußte Mieze hinab
in die Tiefe, und fest verfangen kamen die beiden Kämpfer durch das
dichte Weinrankengewirr der Gartenlaubenwand zur Erde herabgepoltert.
Hier erst ließ der Ganter die Katze los, die sich nun eilig aus dem
Staube machte; ihre Verteidigung schien dem ungewohnten Feind gegenüber
recht mäßiger Art gewesen zu sein.
Dieses angriffslustige Benehmen legt der Ganter jedem lebenden Wesen
gegenüber an den Tag, wenn er schlechter Laune ist und sich dem
Gegner einigermaßen gewachsen fühlt. Vor Männern hat er immerhin noch
einigen Respekt, aber er kann es doch nicht unterlassen, auch sie
empfindlich in die Wade zu zwicken, wenn sie seinen Gänsen oder wohl
gar deren Gelegen zu nahe kommen. Frauen und Mädchen denken nicht
im Traum an solche Verwegenheit, die er, wenn es sich nicht etwa um
seine Pflegerinnen handelt, ganz gewaltig bestrafen würde. Aus allen
diesen Gründen ersetzt der Ganter auch den vorzüglichsten Hofhund, denn
seinen Nachtdienst tritt er schon an, sobald die ersten Schatten der
Dämmerung sich auf die Erde senken. Was ihm an Eindringlingen nicht
stark überlegen erscheint, wird im wahren Sinne des Wortes überfallen;
denn der Ganter naht im Schutze der Dunkelheit vollkommen lautlos und
verbeißt sich ganz fest in Kleidern, Haaren oder Gliedmaßen.
Uebermächtigen Feinden, wie Männern gegenüber, befolgt er dagegen
einen ganz anderen Feldzugsplan, indem er von seiner fabelhaft
durchdringenden Stimme den ausgiebigsten Gebrauch macht. Die Sage von
den kapitolinischen Gänsen wird von diesem Vogel in die Wirklichkeit
übersetzt, und wenn er auch natürlich nur sein eigenes Hausrecht zu
wahren bestrebt ist, wissen doch die Hausbewohner mit Sicherheit, daß
irgendetwas nicht in Ordnung ist, wenn nachts der Ganter laut wird.
In der vorstehenden Schilderung wird ebenfalls die Wachsamkeit der Gans
zur Nachtzeit bestätigt.
180. Die Rassen der Gänse.
Berühmt von den Gänserassen sind die Pommersche, Mecklenburgische,
Emdener und Toulouser Gans. Gänsezucht bringt nur Gewinn, wenn man über
Weiden mit Wasser verfügt. Die Gans wird gewöhnlich im zweiten Jahre
fortpflanzungsfähig und kann sehr alt werden, jedenfalls über 20 Jahre.
Die Gans legt etwa ein Dutzend Eier und brütet 28 bis 32 Tage darauf.
Die Gänse sind in der Hauptsache Pflanzenfresser. Sie weiden mit Hilfe
ihres harten scharfschneidenden Schnabels Gräser und Getreidearten,
Kohl und andere Kräuter von der Erde ab, enthülsen Schoten und Aehren
und gründeln in seichten Gewässern nach Pflanzenstoffen. Doch nehmen
die Gänse auch tierische Nahrung zu sich.
Bei uns ist es üblich, die Gänse nach der Ernte auf die Felder zu
treiben, wobei die Tiere (Stoppelgänse) sehr an Gewicht zunehmen.
Außerordentlichen Nutzen gewährt die Gans durch ihre Federn. Sie wird
zu diesem Zwecke ein- oder zweimal gerupft.
In früheren Zeiten lieferten die Kiele der Schwungfedern die
Schreibfedern. Es war eine mühsame Arbeit, die Kiele zu diesem Zwecke
zurechtzuschneiden.
Vorzüglich ist auch das Fett der Gans. Von Feinschmeckern wird ihre
Leber gerühmt. Es ist ein ziemlich umständliches Verfahren, um
künstlich große Lebern zu erzeugen.
181. Die Gans in Redensarten und Sprichwörtern.
Erwähnt wurde schon die Bezeichnung Gans oder dumme Gans für einen
dummen Menschen, namentlich für eine dumme Frauensperson. Insbesondere
wird ein albernes Mädchen gern als Gänschen bezeichnet. Ebenso wurde
bereits der Gänsemarsch und das Watscheln wie eine Gans angeführt.
In Berlin kann man die Redensart hören:
*Eine gute gebratene Gans ist eine gute Gabe Gottes*,
wobei das »g« wie »j« ausgesprochen wird.
Mit
*Gänsewein*
wird scherzhaft das Wasser bezeichnet.
*Gänsefüßchen*
heißen die Anführungszeichen bei der Zeichensetzung.
*Gänsehaut*,
so wird die menschliche Haut bezeichnet, wenn sie durch Kälte oder
Schreck der Haut einer Gans ähnlich sieht.
[Illustration: Schwäne, Enten, Gänse]
Der Schwan
182. Warum hat der Schwan einen so langen Hals?
Auch in diesem Falle müssen wir uns nach dem Zoologischen Garten
begeben, um uns Schwäne anzusehen. Die Schwäne im Tiergarten sind seit
einigen Jahren verschwunden. Noch im vorigen Jahre lebte ein Pärchen
auf dem Tempelhofer Felde in dem neugegrabenen See. Auch das ist nicht
mehr vorhanden. Ob in der Havel noch Schwäne sind, habe ich noch nicht
feststellen können.
Vor vierzig Jahren brütete alljährlich ein Schwanenpaar an der Moabiter
Brücke, die von der Kirchstraße über die Spree führte. Das Nordufer
der Spree war damals unbebaut und bildete die sogenannte Wulwe-Lanke.
Es war ein schöner Anblick -- er und sie würdevoll und vorsichtig
dahinschwimmend und um sie beide ihre Kinderschar. Gewöhnlich waren
es vier Junge, die bräunlich aussahen. Merkwürdigerweise hört man so
oft, daß der Schwan weiße Junge habe. Das ist aber, wenn man von einer
Ausnahme absieht, durchaus unrichtig.
Auch die Schwäne im Zoologischen Garten erfreuen uns durch ihre schöne
weiße Gestalt, die so vortrefflich in den Rahmen eines stillen,
verträumten Weihers paßt.
Warum haben die Schwäne einen so langen Hals? Diese Frage kann man oft
hören. Ich glaube, sie muß in folgender Weise beantwortet werden:
Einmal muß jedes Tier so gebaut sein, daß es mit seinen
Reinigungsmitteln zu jedem Körperteil gelangen kann. Da der Vogel die
Reinigung mit dem Schnabel besorgt, so braucht der Schwan, um zu dem
äußersten Teil des Rückens zu gelangen, schon deshalb einen langen Hals.
Sodann kommt die Nahrungsmittelverteilung hinzu. Wenn alle
Pflanzenfresser dasselbe fressen würden, so wäre der Streit unter
ihnen noch größer, als er ohnehin schon ist. Aus diesem Grunde sind
sie verschieden groß gebaut. Der kleine Hase kann, selbst wenn er
sich aufrichtet, nicht dahin reichen, wo das Reh bequem fressen kann.
Dagegen kann das Reh die Stellen nicht erreichen, die dem größeren
Hirsch zugänglich sind.
Wie Hase, Reh und Hirsch über dem Boden, so unterscheiden sich
Schwimmente, Gans und Schwan unter dem Wasser. Die Gans kann beim
Gründeln solche Stellen erreichen, wohin die Ente nicht gelangt. Und
wiederum kann der Schwan noch weiter reichen als die Gans.
Die Wildente kann wohl auf den Grund des Gewässers tauchen, und tut das
auch oft. Aber beim Gründeln sieht man Enten, Gänse und Schwäne nicht
tauchen. Das dürfte sich nur aus der Nahrungsmittelverteilung erklären.
Der Schwan ist noch mehr Pflanzenfresser als Gans und Ente. Im Frühjahr
quakende Frösche läßt er, wovon ich mich oft überzeugen konnte, ganz
unbehelligt.
Seine Hauptfeinde, Adler und Uhu, sind jetzt bei uns fast ausgerottet.
Vor ihnen flüchtete er ins Schilf. Manchmal kommt es noch vor, daß ihn
ein Fuchs abwürgt, wenn er im Winter im Eise festgefroren ist. Unter
gewöhnlichen Umständen dürfte ein Fuchs einem gesunden Schwan nicht
viel anhaben können, da er sich mit seinen gewaltigen Flügelschlägen
gut verteidigen kann.
Der Schwan nistet im Frühjahr. Nach einer Brutzeit von 35 bis 42 Tagen
schlüpfen die Jungen aus. Die Anzahl der Eier beträgt sechs bis acht.
Hervorragend geschätzt sind die Federn des Schwans wegen ihrer Farbe
und Weichheit. Mit der Schönheit des Tieres steht sein Wesen wenig
im Einklang. Er zeigt sich nach unsern Begriffen selbstbewußt und
herrschsüchtig. Vom Standpunkte des Schwanes aus dürften sich diese
Eigenschaften sehr wohl erklären lassen.
183. Der Schwan in Redensarten und Sprichwörtern.
*Schwanengesang.*
Wir in Deutschland kennen hauptsächlich den Höckerschwan, der nur
zischt, aber nicht singt. In nördlichen Ländern lebt aber der
gleichgroße Singschwan, der keinen Höcker trägt. Dieser führt seinen
Namen mit Recht. In den kalten Winternächten soll der Gesang einer
Schar Singschwäne sehr schön klingen. Manche behaupten, daß der
Singschwan besonders vor seinem Tode sänge, was von andern bestritten
wird. Wahrscheinlich haben die alten Griechen, die zuerst von dem
Schwanengesang in diesem Sinne sprechen, aus dem Gesang die Todesahnung
herausgehört. Sie haben ebenso bei der Nachtigall die Anklage wegen
eines Kindesmordes herausgehört.
Die Schwäne galten als besondere Lieblinge des Apollo, des Gottes der
Dichtkunst. Daher werden Dichter geradezu als Schwäne bezeichnet, so
Shakespeare (Schähkspir) als Schwan von Avon (ew'n oder äw'n), da er am
Avon geboren ist.
Schwanengesang ist also die letzte bedeutende Leistung, die jemand
angesichts seines bevorstehenden Todes vollbringt, wie das Sterbelied
des Schwans.
*Schwanen.*
Da der Schwan seinen Tod vorher wissen soll und überhaupt, wie viele
Vögel, nach dem Volksglauben (Kap. 36) in die Zukunft blicken kann, so
bedeutet es: dunkel ahnen.
Nach der schneeweißen Farbe des Schwans gibt es zahlreiche
Zusammensetzungen, die hierauf Bezug nehmen, beispielsweise
*Schwanenhals*.
Allerdings kann hierbei auch auf die Länge des Schwanenhalses
angespielt sein.
Der Kanarienvogel
184. Weshalb gerät der Kanarienvogel in Wut, wenn er sein Spiegelbild
erblickt?
Wer sich auch sonst um Tiere wenig bekümmert, dem wird doch der
Kanarienvogel bekannt sein.
Der goldgelbe Sänger war vor dem Weltkriege in zahllosen Familien
anzutreffen. Jetzt ist er auch selten geworden, und wir freuen uns, daß
wir bei einem Bekannten Gelegenheit haben, einen zahmen Kanarienvogel
zu betrachten.
Unser Bekannter, Herr Stengert, öffnet den Käfig, und sofort fliegt ihm
Hänschen, wie der Kanarienvogel genannt wird, auf den vorgestreckten
Finger. Auf Befehl gibt er seinem Herrn ein Küßchen. Bei Kanarienvögeln
kann man das unbesorgt tun, da sie nicht wie Hunde im Kot wühlen.
Sodann kriecht er seinem Herrn in den Rockärmel, wo es ihm besonders
gut zu gefallen scheint. Wenigstens ist erst ein Leckerbissen
notwendig, um ihn von diesem warmen Platze fortzulocken.
Einen merkwürdigen Einfluß übt ein vor ihm aufgestellter Spiegel aus.
Mit allen Zeichen der Erregung, nämlich dem Sträuben der Kopffedern und
dem Heben der Flügel sowie ganz sonderbaren Tönen nähert er sich diesem
Kunstwerk des Menschen.
Man sollte meinen, daß ein hübsches Tier sich freut, wenn es im Spiegel
sein Ebenbild erblickt. Warum setzt den Kanarienvogel sein Spiegelbild
so in Wut?
Wir Kulturmenschen sind so daran gewöhnt, im Spiegel unser Bild zu
erblicken, daß wir das Spiegelbild für die selbstverständlichste
Sache der Welt ansehen. Und doch kann von einer solchen
Selbstverständlichkeit gar keine Rede sein. Wir wissen, daß
Naturvölker, die sich zum ersten Male im Spiegel betrachten, gar nicht
wissen, daß es ihre eigene Person ist, die der Spiegel wiedergibt.
Woher soll denn der Wilde eigentlich wissen, wie er aussieht? Wenn der
Mensch so etwas nicht sofort feststellen kann, so ist es beim Tier erst
recht nicht der Fall.
Nasentiere, also Hunde und Pferde, bleiben, wie wir wissen, im
allgemeinen kalt gegen den Spiegel. Denn die Spiegelung sagt der treuen
Nase nichts. Dagegen übt der Spiegel auf Augentiere, also außer uns
Menschen, auf Affen und Vögel eine starke Wirkung aus.
Um die Erregung von Hänschen zu verstehen, müssen wir uns folgendes
vergegenwärtigen. Hänschen ist ein Hahn, und alle Hähne sind gewöhnlich
sehr eifersüchtig auf einander. Vom Haushahn ist es ja allgemein
bekannt, daß er sofort mit einem andern Hahn Streit beginnt. Hänschen
glaubt also, als er im Spiegel einen andern Kanarienhahn erblickt,
einen Nebenbuhler vor sich zu haben. Er ist sofort bereit, mit ihm
einen Kampf auszufechten. Sich selbst hat er nicht erkannt. Denn in
diesem Falle wäre die Kampfbereitschaft vollkommen unverständlich.
185. Warum singen nur die Männchen bei den Singvögeln?
Nachdem der Spiegel, der Hänschen so beunruhigt hatte, von seinem
Herrn fortgebracht worden ist, erfreut uns der Vogel durch seinen
herrlichen Gesang. Die Frage ist sehr naheliegend, weshalb nur die
Männchen singen. Denn einen weiblichen Kanarienvogel kauft man nur zu
Zuchtzwecken. Außerhalb der Zuchtzeit, die vom Februar bis zu der im
August eintretenden Mauser dauert, sind die Weibchen verglichen mit den
Männchen spottbillig.
Bedenkt man, daß jedes Männchen im Frühjahr ein Weibchen finden möchte,
mit dem es zusammen ein Heim gründen kann, so wird es klar, daß der
Gesang der männlichen Singvögel ein vorzügliches Mittel dazu ist,
den Weibchen anzukündigen, wo sie einen Gatten antreffen können. Die
Augen der Vögel sind bekanntlich ausgezeichnet. Deshalb braucht ein
Adlermännchen, das auf einem steilen Felsen sitzt, nicht zu singen.
Denn ein Adlerweibchen kann es auf viele Kilometer deutlich erkennen.
Aber wie ist es mit den kleinen Singvogelmännchen, die im dichten Laub
verborgen sitzen? Wie schwer ist es nicht, wenn wir den Ruf oder Gesang
eines Vogels hören, den Urheber im Gewirr des Laubes und der Aeste zu
erblicken. Ich habe Bauern kennen gelernt, die mir erklärten, noch
niemals in ihrem Leben einen Pirol oder Kuckuck gesehen zu haben. Das
war in einer Gegend, wo im Sommer beide Vögel von früh bis spät ihre
Rufe erschallen ließen.