Selbstverständlich ist es ganz ausgeschlossen, daß ein Taubenschwarm

gegen einen Stößer etwas ausrichten kann. Dagegen haben sie ein

Verteidigungsmittel gegen ihn zur Hand, auf das der klügste Mensch

nicht verfallen wäre.

Ist der Taubenschwarm nämlich hinreichend groß, so stürzen sich alle

wie auf Kommando in die Tiefe. Der Falk muß sich dann sehr vorsehen,

daß er nicht in dieses Luftloch fällt. In einer ornithologischen

Zeitschrift berichtete im vorigen Jahre ein Fachmann, daß vor seinen

Augen ein Sperber in das von Staren gebildete Luftloch fiel und infolge

des plötzlichen Sturzes betäubt in einer Hecke liegen blieb.

Unsere Flieger wissen, wie gefährlich ein Luftloch ist. Es wird aber

den meisten Menschen unbekannt sein, daß Tauben, Stare und andere in

Schwärmen fliegende Vögel seit Urzeiten einen künstlichen Lufttrichter

bilden, um ihren Erzfeind dort hineinsausen zu lassen.

Die Raubvögel müssen mit diesem künstlichen Trichter böse Erfahrungen

gemacht haben. Nur daraus läßt sich erklären, daß der Verfolger

regelmäßig so lange wartet, bis sich ein einzelner Vogel vom Schwarme

trennt. Auf diesen abgesprengten Vogel wird sofort Jagd gemacht. Daher

rührt die ängstliche Sucht der Tauben und Stare, stets beim Schwarme zu

bleiben.

Das in Schwärmen Fliegen der Friedvögel ist also eine Verteidigungsart

gegen Raubvögel. Ist der Schwarm zu klein, um einen Trichter zu bilden,

so stieben die Vögel, wenn der Raubvogel über ihnen steht, manchmal

nach allen Seiten auseinander, so daß er in Zweifel gerät, welchen

Vogel er verfolgen soll.

162. Warum sitzen unsere Haustauben auf Dächern und nicht auf Bäumen?

Der Taubenschlag.

Wir haben gesehen, daß die Tauben sich nach ihrem Ausfluge wieder

auf dem Dache niedergelassen haben, obwohl nicht weit davon ein

prachtvoller Baum steht. Man sollte meinen, daß dem Vogel ein Baum

geeigneter zur Ruhe ist als das platte Dach. Sitzen doch unsere

Wildtauben, z. B. die schönen großen Ringeltauben, wenn sie auf dem

Erdboden nicht nach Nahrung suchen, ständig auf Bäumen.

Die Antwort muß lauten, daß unsere Haustaube von unseren Wildtauben

nicht abstammen kann. Wir wissen bereits, daß sie von der am

Mittelländischen Meer heimischen Felsentaube abstammt.

Es gibt eine ganze Menge Vogelarten, deren Füße so gestaltet sind, daß

sie für Baumzweige nicht geeignet sind. Unsere Feldlerche setzt sich

nie auf einen Baum, ebenso die Haubenlerche, der Kiebitz und andere

Vögel nicht. Die Zehen sind nicht zum Umspannen runder Zweige geeignet.

Sie sind vielmehr zum Laufen auf der glatten Erde geschaffen. Die

Haustaube setzt sich nur dann auf einen Baum, wenn die Aeste so stark

sind, daß sie eine glatte Fläche bieten. Wenigstens ist das die Regel.

Man ersieht daraus, daß die Anpassung der Tiere an andere Verhältnisse

nicht so schnell vor sich geht, wie gewöhnlich angenommen wird. Tauben

werden von den Menschen seit Jahrtausenden als Haustiere gehalten.

Trotzdem muß der Taubenbesitzer noch heute am Taubenschlage glatte

Hölzer für die Taubenfüße anbringen. Das Taubenhaus mit seinen

zahlreichen Eingängen ist auch nichts weiter als eine Nachahmung der

Felsenhöhlen mit ihren vielen Löchern, in denen die Vorfahren unserer

Haustauben früher hausten.

163. Wie finden sich die Brieftauben zurecht?

Bei dieser Gelegenheit wollen wir die Frage zu beantworten suchen, wie

sich die Brieftauben zu orientieren suchen.

Zur Brieftaube sind solche Tauben geeignet, die sich durch breite

Brust, breite und lange Schwingen und große Muskelkraft auszeichnen.

Namentlich werden die belgischen Brieftauben geschätzt. Die

Geschlechter werden nach der ersten oder zweiten Brut voneinander

gesondert, um den Drang nach der alten Heimat besonders zu wecken.

Bereits im Altertum war die Benützung von Brieftauben üblich.

Man nimmt allgemein an, daß die Brieftauben genau einen solchen

Orientierungs- oder Ortssinn haben, wie ihn ohne Zweifel Säugetiere,

also Wölfe, Füchse, ebenso unsere Hunde, Pferde usw., besitzen. Denn

ohne einen solchen Ortssinn wären solche Säugetiere nicht in der

Lage, ihr altes Lager wiederzufinden. Da obendrein ihre Augen fast

ausnahmslos schwach sind und nur wenig über dem Erdboden stehen, so daß

ihnen jede weitere Uebersicht fehlt, so ist ein Ortssinn für sie eine

unbedingte Notwendigkeit.

Ganz anders liegt die Sache bei den Vögeln. Sie besitzen ein

hervorragendes Sehvermögen und haben von ihrer hohen Warte aus eine

wunderbare Uebersicht. Sie sehen ihre Umgebung wie auf einer Karte.

Ueberall machen wir die Beobachtung, daß die Natur mit den sparsamsten

Mitteln waltet. Hat ein Raubtier ein kräftiges Gebiß, so hat es nicht

obendrein Hörner, und ist eine Schlange giftig, so ist sie nicht

obendrein kräftig. Alle Riesenschlangen sind daher ungiftig. Haben sie

die Kraft zur Ueberwindung ihrer Opfer, so brauchen sie nicht noch

obendrein heimtückisches Gift.

Für Tiere mit wirklichem Ortssinn ist es gleichgültig, ob Dunkelheit

oder Nebel herrscht. In einem schönen Gedichte sagt unser großer

Dichter Goethe:

Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.

Natürlich ist damit gemeint, daß das Maultier im Nebel seinen Weg sucht

und auch findet. Das bloße Suchen ist ja kein Kunststück. Das verstehen

wir auch, aber als Kulturmenschen finden wir den Weg nicht, weil wir

den Ortssinn verloren haben, den das Tier noch besitzt.

Der Kulturmensch braucht eben keinen Ortssinn zu seinem Leben, denn er

kann sich einen Kompaß und eine Karte anschaffen.

Findet sich nun auch eine Brieftaube im Nebel zurecht? Keineswegs.

Wir wissen aus zahlreichen Beobachtungen, daß Brieftauben, die

von Luftschiffern mitgenommen waren, sich in den Wolken nicht

zurechtfanden. Sie wollen, solange sie von Wolken umgeben sind, das

Luftschiff nicht verlassen. Sehen sie aber ein Loch in den Wolken, so

fliegen sie schnell hindurch.

Ebenso findet sich die Brieftaube nicht in der Dunkelheit zurecht.

Hiergegen spricht nicht, daß Brieftauben ihren Schlag in der Nacht in

einer Großstadt gefunden haben. Eine Großstadt sendet in der Dunkelheit

ein solches Flammenmeer gen Himmel, daß es gar kein Kunststück ist, bei

freier Aussicht sie zu finden.

Weil die Brieftauben sich nach ihren wunderbaren Augen richten, so

werden die Wettflüge zunächst auf kurze Entfernungen veranstaltet

und allmählich erweitert. Bei Tieren mit Ortssinn wäre ein solches

umständliches Verfahren nicht erforderlich. Die Brieftauben aber

müssen in dieser Weise eingeübt werden, weil sie sich die nähere und

entferntere Umgebung einprägen sollen. Werden sie an einem fremden

Ort losgelassen, so steigen sie erst hoch. Sie wollen sich also erst

vergewissern, wo sie eigentlich sind. Das ist ein untrüglicher Beweis

dafür, daß sie keinen Ortssinn besitzen.

Steigt man bei klarem Wetter auf einen Aussichtsturm, z. B. auf Rügen,

so liegt die ganze Insel wie auf einer Karte uns zu Füßen. Würden sich

die Menschen vergegenwärtigen, welchen außerordentlichen Ueberblick die

Brieftaube mit ihren viel schärferen Augen besitzt, so würde ihnen das

Zurechtfinden der Brieftauben gar nicht wunderbar erscheinen.

164. Die Tauben als Vorbilder des Menschen.

Einige Täuberiche machen inzwischen ihren Damen den Hof und verbeugen

sich vor ihnen in der artigsten Weise. Dabei lassen sie unablässig ihr

kuruh kuruh erschallen.

Der Mensch hat anscheinend von jeher das Liebesleben der Tauben mit

besonderem Wohlgefallen betrachtet. Einmal sind die Tauben ohne Frage

sehr schön, ferner sanft und in ihrer Nahrung hauptsächlich auf die

Pflanzenwelt beschränkt. Sie sind wie geschaffen dazu, um Lieblinge

der Frauenwelt zu sein. Ganz besonders mußte den Frauen gefallen, daß

der Täuberich nicht nur verliebt gurrt, sondern nachher beim Bebrüten

der Eier und der Aufzucht der Jungen treu mitwirkt. Wir wissen, daß

bei unsern Säugetieren von einer Tätigkeit des Vaters nichts zu merken

ist. Wir haben auch die Gründe auseinandergesetzt, wie sich diese für

uns Menschen so auffallende Erscheinung erklärt. Auch der Hahn weiß

von Vaterpflichten nichts, wie wir schon besprochen haben. Da ist der

Täuberich wirklich eine rühmenswerte Ausnahme. Wahrscheinlich kann er

nichts dafür, genau so wie er nichts dafür kann, daß er zu fliegen

vermag. Er tut eben das, was seine Vorfahren seit Urzeiten gemacht

haben. Die junge Brut kann von der Mutter allein nicht durchgebracht

werden. Folglich muß auch der Vater helfen. Denn die Erhaltung der

Nachkommenschaft ist für jede Tierart das allerwichtigste.

Vermenschlichen wir die Tiere, so hat der Täuberich tiefere sittliche

Grundsätze als der leichtsinnige Hahn mit seiner Paschawirtschaft. Da

die Menschen naturgemäß alles von ihrem Standpunkte aus betrachten,

so hat man die Tauben vielfach verhimmelt und ihnen Eigenschaften

beigelegt, die nicht ganz zutreffen dürften. Auch bei den Tauben

kann man Seitensprünge des Ehegatten, große Eifersucht, unglaubliche

Zusetzereien und ähnliche weniger erfreuliche Eigentümlichkeiten

beobachten. Umgekehrt wird man gern zugeben, daß man staunen muß,

wie treu manche Gatten unter den widrigsten Verhältnissen zueinander

halten. Selbst die Trennung und die lockendste Versuchung können sie in

ihrem Entschlusse nicht wankend machen.

So ist es denn nicht wunderbar, daß Dichter die Taube in

überschwenglichster Weise gefeiert haben. Ist ja auch ihr Schnäbeln

nach unseren Begriffen von allen unter den Tieren üblichen

Zärtlichkeitsausdrücken dem Küssen der Menschen am ähnlichsten.

165. Naturgemäße Fütterung und Haltung der Tauben.

Die Felsentauben als Stammeltern unserer Haustauben verzehren alle

Arten unseres Getreides, ferner die Sämereien von Raps, Rübsen, Linsen,

Erbsen, Lein usw., vor allen Dingen aber die Körner der Vogelwicke,

die ein höchst lästiges Unkraut ist. Man hat die Haustauben, die den

gleichen Speisezettel besitzen, deshalb für schädlich erklärt, da

sie den Landwirten, namentlich zur Saatzeit, viele Körner wegfräßen.

Das führte auch zur Zerstörung der etwa 50000 Taubentürme in

Frankreich, als die Revolution 1789 ausbrach. Heute denkt man über die

Schädlichkeit der Tauben etwas anders. Gewissenhafte Naturforscher

haben sorgsam den Inhalt von Kropf und Magen gezählt. Dabei ist

festgestellt worden, daß in einer einzigen jungen Taube die Körner

und Samen von Unkraut über 3000 zählten. Auch vertilgen die Tauben

eifrig Schnecken. Der Nutzen der Tauben dürfte also ihre Schädlichkeit

erheblich überwiegen. Ferner brauchen die Tauben Salz, Lehm und Mörtel,

außerdem Badegelegenheit und reines Trinkwasser.

Da die Felsentauben in dunkeln Höhlen der Felsen brüten, so soll

man auch den Haustauben keine hellen Brutplätze anweisen. Die

Zweckmäßigkeit von Taubenschlägen und Taubenhäusern ist bereits

hervorgehoben worden.

Von den Feinden der Tauben sind die Raubvögel schon genannt worden. Von

vierfüßigen Räubern sind Katze, Marder, Wiesel und Ratten zu nennen.

Da die Taube die Gesellschaft liebt, so verliert man manche Taube, die

sich von einem größeren Schwarm als der ihrige ist, angezogen fühlt. Es

gibt Taubenhalter, die das Einfangen fremder Tauben als Besonderheit

betreiben und darin Meister sind.

166. Die Rassen der Haustauben.

Die Zähmung der Felsentaube ist bereits in vorgeschichtlicher Zeit

erfolgt. Der Felsentaube ähnelt noch sehr der Feldflüchter, der sich

am liebsten vom Menschen freimacht und seine Nahrung auf eigene Faust

sucht.

Von den zahllosen Rassen seien hier folgende angeführt. Die

Trommeltauben, die Tümmler, die sich während des Fluges rückwärts

überschlagen, die Perücken- und Mähnentauben, die Möwchen, die

Pfautauben, die schon erwähnten Brieftauben, die Riesentauben und die

Huhntauben.

Die Täubin legt gewöhnlich vier- bis achtmal im Jahre je zwei Eier, die

von ihr mit Unterstützung des Täuberichs in 16 bis 18 Tagen ausgebrütet

werden. Die Jungen sind Nesthocker und werden bis zur Ausbildung des

Gefieders von beiden Eltern aus dem Kropfe gefüttert, in dem sich

ein milchartiger Brei befindet. Da die Täubin häufig zur zweiten Brut

schreitet, ehe die Jungen der ersten Brut das Nest verlassen haben, so

braucht jedes Taubenpaar zwei nebeneinander befindliche Nistkästen.

Manche Haustauben werden fünfzehn Jahre alt.

Es wurde schon hervorgehoben, daß Tauben, denen keine Gelegenheit zum

Ausfliegen gegeben wird, leicht erkranken. Wie bei den Hühnern zu enger

Raum zu Seuchen führt, so trifft ähnliches auch bei den Tauben zu.

167. Die Tauben in Redensarten und Sprichwörtern.

Es wurde schon hervorgehoben, daß die guten Eigenschaften der Tauben

gewaltig überschätzt worden sind. Auf ihre friedfertige Gesinnung nimmt

der Ausdruck

*Friedenstaube*

bezug. Von den Tauben gelten besonders die Turteltauben als Muster für

ein Ehepaar. Daher stammt die Redensart:

*Sie leben wie zwei Turteltauben.*

Die alten Landwirte in früheren Zeiten wollten nicht viel von der

Taubenzucht wissen. Wenigstens habe ich in ihren Kreisen oft den Vers

gehört:

*Wer viel Geld hat und kanns nicht sehen liegen,

Der halte sich Tauben, dann sieht er's fliegen.*

[Illustration: Freistehender Taubenschlag]

[Illustration: Brieftaube]

[Illustration: Berliner Langlatschige]

Die Ente

168. Warum sind die Wildenten im Berliner Tiergarten meistenteils

ausgewandert?

Bei der Ente haben wir das große Glück, ihre Stammeltern, die Wildente,

und zwar die Stockente, seit mehr als einem Menschenalter im Berliner

Tiergarten beobachten zu können. Jetzt freilich sind die Gewässer fast

entenleer. Immerhin treffen wir beispielsweise auf dem Goldfischteich

eine Mutterente mit drei Jungen an. Es ist Anfang Juni, und die Jungen

sind bereits so groß, daß man genauer hinsehen muß, um sie von der

Alten zu unterscheiden.

Früher waren die Gewässer zu sehr besetzt, und das hatte allerlei

Unzuträglichkeiten im Gefolge. Jede Ente braucht für ihre

Nachkommenschaft einen gewissen Raum. So gab es also um die Brutplätze

erbitterte Kämpfe zwischen den einzelnen Entenpaaren. Hatten die

Besitzer eines Brutplatzes glücklich ein andringendes Paar abgekämpft,

so dauerte es nicht lange, und sie mußten sich gegen neue Eindringlinge

wehren.

Das Jagen der Erpel hinter den Enten nahm gar kein Ende. Durch die viel

zu starke Besetzung der Gewässer litt auch das Familienleben der Enten

sehr erheblich.

Das ist mit einem Schlage durch den Weltkrieg und den Mangel an

Lebensmitteln anders geworden. Die Wildenten lebten im Tiergarten nicht

wie ihre Artgenossen in der Freiheit von dem, was das Wasser bot,

sondern hauptsächlich von dem, was das Publikum ihnen spendete. Das war

in vergangenen Jahren sehr reichlich, und deshalb konnten sich zahllose

Wildenten als Bettler durchschlagen. Jetzt ist aber die Fütterung

durch die Spaziergänger gleich Null geworden. Die Gewässer sind jedoch

zu nahrungsarm, um soviel Wildenten zu ernähren. Folglich wurden die

Wildenten zum größten Teil gezwungen auszuwandern und anderswo ihr Heil

zu versuchen.

Es ist nicht Zufall, daß die Mutterente gerade den Goldfischteich

als Aufenthaltsort gewählt hat. Hier gibt es ohne Frage den meisten

Fischlaich, und Fischlaich ist für die Ente ein sehr begehrtes Futter.

169. Warum hat die von uns beobachtete Wildente nur drei Junge?

Gewöhnlich legen Stockenten 8 bis 16 Eier, so daß also zwölf Junge als

Durchschnittszahl angegeben werden können. Es ist also anzunehmen, daß

neun oder wenigstens fünf junge Entchen verlorengegangen sind.

Die Gründe für diese Verluste können mancherlei Art sein. Manche

Wildenten brüten ausnahmsweise auf Bäumen. Es ist wunderbar, daß die

kleinen Entchen vom hohen Nest auf die Erde purzeln können, ohne großen

Schaden zu nehmen. Die Alte lockt die Jungen, nachdem sie ausgebrütet

und trocken geworden sind, zu dem kühnen Sprunge in die Tiefe. Dann

wandert sie mit der kleinen Gesellschaft nach dem von ihr in Aussicht

genommenen Gewässer. Schwächlinge, die den waghalsigen Sprung nicht

unternehmen, bleiben im Neste und verhungern elendiglich.

Der Marsch nach dem Gewässer ist natürlich von tausend Gefahren

bedroht. Jeder Hund wäre imstande, die ganze kleine Gesellschaft

abzuwürgen. Zum Glück ist der Tiergarten ziemlich raubtierleer, doch

gibt es immerhin noch Feinde in genügender Anzahl.

Sind die Entlein erst auf dem Wasser, so ist die schwerste Gefahr

beseitigt. Denn bekanntlich können junge Entlein sofort ausgezeichnet

schwimmen. Ja, sie können noch mehr, wie ich einmal beobachtete. Da

war auf einem See ein Schwanenpaar, dem eine Wildente mit ihren Jungen

sehr verhaßt war. Der männliche Schwan hatte schon mehrfach den kleinen

Kerlen etwas auszuwischen gesucht, jedoch bisher stets vergeblich.

Endlich war es ihm geglückt, sie beinahe in eine Bucht hineinzutreiben.

Es war klar, daß er Böses im Schilde führte. Ich hielt die kleinen

Entlein schon für verloren, da erhoben sie sich plötzlich wie auf

Kommando und liefen äußerst schnell auf dem Wasser dahin. Dadurch

entgingen sie der Einschließung durch den Schwan.

Uebrigens glaube ich, daß im letzten Augenblick die Mutterente den

Schwan angegriffen hätte. Zwar ist es ein aussichtsloses Unternehmen,

als kleine Wildente dem großen Schwan etwas anzutun. Aber sie hätte ihn

immerhin bestürzt machen können, und die Kleinen hätten unterdessen

einen Ausweg gefunden.

So unbeschreiblich rührend die Mutterliebe einer Wildente ist, so will

es uns weniger gefallen, daß sie ihre eigenen Kleinen tötet, sobald

sie sich in ein fremdes Schof, wie man Mutterente mit Jungen nennt,

verirren. Das ist verschiedentlich beobachtet worden. Wir wissen nicht,

woran sich die jungen Entlein erkennen. Wohl aber ist es bekannt, daß

junge Entlein vom zweiten Tage ab ihre Geschwister von anderen jungen

Entchen unterscheiden.

Ebenso töten die Mutterenten gern die Jungen einer anderen Ente oder

verfolgen sie wenigstens aufs heftigste. Bei Glucken, die Küchlein bei

sich führen, können wir das gleiche oft genug beobachten.

Der Grund für dieses uns seltsam anmutende Benehmen kann natürlich

nur in der Magenfrage gefunden werden. Ein bestimmter Raum gibt nur

für eine bestimmte Anzahl von einer gewissen Tierart Nahrung. Fremde

Wettbewerber müssen demnach vertrieben oder getötet werden. Der Angriff

auf die fremden Jungen ist demnach in gewissem Sinne ein Ausfluß der

alles beherrschenden Mutterliebe. Die eigenen Kleinen sollen nicht

darunter leiden, daß ihnen fremde die Nahrung beeinträchtigen.

170. Die Feinde der Ente.

Wir sehen, daß die eigene Verwandtschaft zu den schlimmsten Feinden bei

der Ente gehört. Sehr viele Opfer kann auch das Wetter fordern. Wenn

die jungen Entchen im Frühjahr ausgebrütet worden sind, dann kommen

oft genug kalte Tage. In der Kälte aber gibt es keine Insekten, nach

denen sie mit Vorliebe haschen. Ueberhaupt ist an kalten Tagen das

Wasser nahrungsärmer.

Unter natürlichen Verhältnissen machen zahlreiche Raubtiere auf die

armen Enten Jagd. Der Seeadler lebt vielfach von Enten, ebenso lieben

Habicht und Wanderfalk einen Entenbraten. Gern stellt ihnen auch der

Fuchs nach, ebenso auch andere Raubtiere. Ihre Eier werden von den

Krähen ausgetrunken. Trifft ein Storch oder ein Reiher mit einer

Mutterente zusammen, die ihre Jungen führt, so läßt er alle in seinem

Magen verschwinden, falls sie ihm nicht entwischen.

Im Tiergarten kommen von allen diesen Feinden gewöhnlich nur die

Wanderratte, die der Berliner Wasserratte nennt, in Betracht. Diese

ersäuft die Jungen, indem sie die Entlein von unten packt und in die

Tiefe zieht.

Die arme Mutterente muß also Tag und Nacht auf ihrer Hut sein. Während

beim Schwan und der Wildgans das Männchen ein besorgter Vater ist,

kümmert sich der Enterich gar nicht um seine Nachkommenschaft. Er

trifft sich mit den andern Wilderpeln zusammen und scheint sich

prächtig mit ihnen zu vergnügen.

Nach unsern Begriffen ist er ein ganz gewissenloser Kerl. Es muß immer

wieder hervorgehoben werden, daß man menschliche Vorstellungen nicht

ohne weiteres auf tierische Verhältnisse übertragen darf.

Um die Wildenten vor ihrer Ausrottung zu bewahren, ist nur

erforderlich, daß jede Entenmutter ein bis zwei Junge großzieht. Das

gelingt ihr regelmäßig ohne den Beistand des Erpels. Da die Natur

überall mit dem geringsten Kraftaufwand tätig ist, so bleibt der Erpel

bei der Aufzucht außer Betracht.

171. Warum nennt man eine falsche Zeitungsmeldung eine Zeitungsente?

Im Tiergarten werden wir von der Verstellungskunst der Entenmutter kaum

etwas zu sehen bekommen. Denn das Publikum würde es verhindern, daß

beispielsweise jemand einen Hund auf sie und ihre Jungen hetzt.

Wir haben bereits früher (Kap. 144) geschildert, wie die Wildhühner

ihre Jungen gegen überlegene Feinde zu schützen suchen. Wir müssen auf

diese ebenso merkwürdige wie erfolgreiche Rettungsart hier bei der

Mutterente nochmals zu sprechen kommen.

Die stärkeren Tiermütter verteidigen ihre Jungen durch ihre Kraft. Den

meisten Friedvögeln fehlt jedoch eine solche Stärke ihrer Glieder, um

damit Erfolge zu erzielen. Der Weiblichkeit liegt es nun nahe, die

Kraft durch List zu ersetzen. Besonders machen schwache Tiermütter

hiervon Gebrauch. Nähert man sich dem Neste eines Singvogels, so kann

man oft erleben, daß das Weibchen wie tot zur Erde fällt. Um den Feind

von ihren Jungen abzulenken, stellt sich die Mutter tot. Will der Feind

sie haschen, so weiß sie mit großer Gewandtheit ihm zu entschlüpfen und

ihn weit weg vom Neste zu führen. Fasanenmütter und Rebhühner stellen

sich lahm, um den Hund oder Fuchs von ihren Jungen fortzulocken. So

macht es auch die Mutterente. Obgleich sie ganz gesund ist, lahmt sie

ganz auffallend. Natürlich denken Fuchs oder Hund, daß ein gelähmtes

Geschöpf mit leichter Mühe zu ergreifen ist, und verfolgen sie.

Auch hier versteht sie es meisterlich, die Feinde von den Jungen

fortzulocken, ohne selbst erhascht zu werden.

In früheren Zeiten waren die Menschen mit der Tierwelt viel vertrauter.

Die Verstellungskünste der Mutterente waren ihnen etwas ganz Bekanntes.

Sie wußten, daß die Ente durch ihr Benehmen andern etwas mitteilt,

was nicht wahr ist. So lag es nahe, eine Zeitungsmeldung, die etwas

mitteilte, was nicht wahr ist, als Zeitungsente zu bezeichnen.

172. Ist die Ente wie das Huhn ein Tagtier?

Die Hühner gehen, wie wir wissen, zeitig schlafen. Wie ist es mit der

Wildente?

Es ist bereits früher (Kap. 145) hervorgehoben worden, daß die Wildente

im Gegensatz zu den wilden und zahmen Hühnern auch in der Nacht tätig

ist. Der Jäger weiß, daß man sich auf Enten gegen Abend am Rande eines

Gewässers anstellt. Mit Einbruch der Dämmerung fangen die Enten an,

auf Nahrungssuche auszugehen und zu diesem Zwecke nach Teichen oder

sonstigen Gewässern zu fliegen, wo sie reichliches Futter vermuten.

Auch die Wildenten im Berliner Tiergarten haben diese Lebensweise

beibehalten. Unzählige Male habe ich sie in der Nachtzeit in Tätigkeit

gesehen. Es ist, wie schon hervorgehoben wurde, ein Irrtum, daß die

Wildenten sich durch das elektrische Licht die Nahrungssuche in der

Nacht angewöhnt haben. Auf dem Lande, wo kein elektrisches Licht

strahlt, handeln sie genau ebenso.

Warum frißt die Ente nun nicht am Tage wie die Hühner? Zeit genug hat

sie doch eigentlich den ganzen langen Tag über.

Die Wildente wird es besser wissen als wir, weshalb sie die Nacht zur

eigentlichen Fütterung wählt.

Wahrscheinlich ist der Grund folgender. Seeadler, Adler, Wanderfalk und

Habicht sind, wie wir wissen, eifrige Feinde der Wildente. Diese Feinde

sind Tagraubvögel, die am Tage tätig sind, aber nicht in der Nacht.

Die hauptsächlichste Rettung der Ente liegt in der Flucht, auf dem

Wasser in ihrem Tauchen. Je voller sich die Ente gefressen hat, desto

schlechter fliegt und taucht sie, und um so leichter wird sie gefangen.

Die Ente frißt gern viel. So läuft sie also Gefahr, wenn sie am Tage

reichlich gefressen hat, von ihren Hauptfeinden erbeutet zu werden.

Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten · 第 25 / 30 段