Onkel Althaus will noch einen Rettungsversuch machen und schiebt das

Küchlein einer Glucke unter. Vielleicht rettet ihm die Wärme das Leben.

151. Warum brauchen die Hühner sandigen Boden?

Es wäre verfehlt, Hühnerzucht auf moorigem Boden zu errichten. Ebenso

ist ein Untergrund von Ton sehr nachteilig, da er den Abfluß des

Unrates verhindert. Fester Lehmboden hindert am Scharren, was die

Hühner unbedingt brauchen.

Sandiger Boden ist deshalb für die Hühner notwendig, weil sie ihn zu

ihrer Lebensweise brauchen. Erstens können sie scharren, zweitens

können sie sich paddeln, d. h. durch Sandbäder sich vom Ungeziefer

befreien, und drittens finden sie Sandkörner für ihren Magen. Sehr

viele Vögel brauchen als Ersatz für die fehlenden Zähne Sandkörner oder

kleine Steine zum Zerreiben des im Magen befindlichen Futters.

152. Die Rassen des Huhns.

Unser Haushuhn stammt, wie schon erwähnt wurde, aus Ostindien. Einzelne

Rassen sind bereits in vorgeschichtlicher Zeit nach Westasien und

Europa gelangt.

Die deutschen Hühnerrassen sind teils aus den alten deutschen

Landhühnern, teils durch Kreuzungen mit anderen Rassen entstanden.

Jede Rasse hatte ihr Heimatsgebiet in einem bestimmten Teile unseres

Vaterlandes. Hier seien erwähnt: die Westfälischen Totleger, die

Lakenfelder, die Ostfriesischen Möwen, die Ramelsloher, die Thüringer

Bausbäckchen, die Bergischen Kräher usw.

Von ausländischen Rassen haben auf uns die Italiener den größten

Einfluß ausgeübt. Sie haben unsere heimischen Rassen fast gänzlich

verdrängt. Der Hahn und die Hühner auf dem Kohlenplatz waren ebenfalls

Italiener. Sie legen fleißig, brüten aber schlecht. Viel Eier legen

und gut brüten ist überhaupt selten vereinigt. Als Fleischhuhn ist

der Italiener nicht viel wert. Eine andere sehr stattliche Rasse des

Mittelländischen Meeres sind die Spanier.

Frankreich liefert vortreffliche Masthühner, beispielsweise die Le

Mans, England ebenso in den Dorkings. Berühmt sind auch die englischen

Hamburger, die ursprünglich deutsche Hühner waren, und sich durch

fleißiges Legen auszeichnen. Es seien noch erwähnt die englischen

Orpington, die amerikanischen Plymouth Rocks und die schon genannten

Wyandottes, die Mechelner Kuckuckhühner, die in Belgien gezüchtet

werden, und die Siebenbürger Nackthälse.

Wahre Riesen der Hühnerwelt sind die Kotschinchina und die Brahmaputra.

Umgekehrt sind die Zwerghühner, wie schon ihr Name sagt, sehr klein,

z. B. die Silber- und Goldbantam. Eine besondere Stellung unter

den Hühnerrassen nehmen die Haubenhühner ein, z. B. die Holländer,

Paduaner, Houdans usw.

Das Huhn ist bereits nach einigen Monaten ausgewachsen. Die Brutzeit

dauert gewöhnlich 21 Tage, bei kaltem Wetter etwas länger. Einer großen

Henne kann man 15 Eier unterlegen, einer kleineren etwa ein Dutzend.

Auf einen Hahn rechnet man 10 bis 15 Hennen.

Es wurde bereits erwähnt, daß Krankheiten und Seuchen namentlich dann

sehr gefährlich auftreten, wenn ein großer Hühnerbestand vorhanden ist.

153. Das Huhn in Redensarten und Sprichwörtern.

Bereits erklärt wurden: Eine blinde Henne findet auch ein Korn, mit den

Hühnern zu Bett gehen, Frau Kratzefuß, Kratzfüße machen, den Schnabel

halten und die Bezeichnung Hühnerkieke.

*Jeder Hahn ist König auf seinem Miste.*

Das will sagen, daß der Hahn auf seinem Hofe keinen Nebenbuhler duldet.

Sonst kommt es sofort zu einem Kampfe, woher die Bezeichnung

*Kampfhahn*

rührt.

*Den roten Hahn aufs Dach setzen*

soll heißen, ein Gebäude anzünden. Man erklärt die Redensart mit dem

Zusammenhang des Hahnes mit den Feuergottheiten.

*Hahn im Korbe sein*

heißt der bevorzugteste sein. Unter dem jungen Hühnervolke, das im

Hühnerkorbe bewahrt wird, gilt der Hahn als das geschätzteste Stück.

Mit *Hahnenfüßen* geschrieben

nennen wir eine schlechte Schrift, deren Buchstaben nicht von einer

menschlichen Hand, sondern von den Tritten eines Hahns herzurühren

scheinen.

*Hahnentritt*

ist der steife, ernste Schritt des Hahns und dient zur Bezeichnung

eines geckenhaften Trittes.

Bei Pferden nennt man so eine Erkrankung des Sprunggelenkes, wobei sie

einen Fuß vor dem Hinsetzen ungewöhnlich hoch heben.

*Wo die Henne nicht scharrt wie der Hahn,

Kann der Haushalt nicht bestahn.*

Das soll heißen, daß die Frau auch im Haushalt tätig sein soll.

*Das Huhn legt gern ins Nest, worin schon Eier sind.*

Das ist eine sehr richtige Beobachtung.

*Es fliegt einem kein gebraten Huhn ins Maul.*

Das will sagen, daß das Glück nicht mühelos kommt.

*Hühnerauge*

ist eine schmerzende Hornhaut am Fuße, die wegen einer entfernten

Aehnlichkeit mit einem Vogelauge, nämlich des dunkeln Punktes in

der Mitte, so genannt wird. Andere Bezeichnungen sind Elsternauge,

Gerstenauge usw.

[Illustration: Henne mit Küken]

[Illustration: Geflügelstall mit Scharraum um den Hühnern bei

schlechtem Wetter und im Winter Gelegenheit zum Scharren zu geben]

[Illustration: Silberbrackl-Hühner]

Das Truthuhn

154. Das Hochzeitskleid des männlichen Truthuhns.

Der große Mangel an Körnerfutter bringt es mit sich, daß man in unseren

Zeiten Ziergeflügel wie Pfauen, Perlhühner und Fasanen jetzt kaum noch

auf einem größeren Hofe erblickt. Selbst Truthühner oder Puten, die

doch mehr zu dem Nutzgeflügel als zu dem Ziergeflügel gehören, sind

in den mir bekannten Kreisen gänzlich abgeschafft worden. Es ist ein

großes Glück für uns, daß wir auch in diesem Falle unsern berühmten

Zoologischen Garten als Helfer in der Not benützen können. Hier sehen

wir ganz dicht vereinigt Pfauen, Perlhühner und Fasanen. Nur wenige

Schritte davon entfernt befinden sich Puter und Puten.

Wir haben das Glück, das Männchen noch im Schmuck seines

Hochzeitskleides zu sehen. Es ist Mai, und noch hat der Truthahn

die merkwürdigen Anschwellungen an Kopf und Hals. Ebenso schlägt er

selbstbewußt sein Rad. Die Weibchen oder Hennen sehen dagegen nicht nur

kleiner, sondern auch unscheinbarer aus.

Wir müssen annehmen, daß den Weibchen der Hochzeitsschmuck der

Männchen gefällt. Man muß ohne Frage sehr vorsichtig damit sein,

menschliche Regungen ohne weiteres auf die Tiere zu übertragen. Aber

das Hochzeitskleid der Männchen, das von ihnen mit einer unverkennbaren

Absicht während der Liebeszeit zur Schau getragen wird, das aber später

wieder verschwindet, dürfte doch einen gewissen Zweck haben. Sonst

triebe die Natur in zahllosen Fällen eine Verschwendung, während wir

sie sonst als sehr sparsame Wirtschafterin kennen lernen.

Gerade das Ausbreiten des Hochzeitsgefieders vor den Weibchen wäre

vollkommen sinnlos, wenn es nicht eine Wirkung auf sie ausüben sollte.

Deshalb muß man sehr vorsichtig sein gegenüber den Behauptungen,

daß manche Farben des Hochzeitsschmucks wegen Farbenblindheit nicht

wahrgenommen werden könnten.

155. Worauf ist die Abneigung des Truthahns gegen die rote Farbe

zurückzuführen? -- Die Herkunft der Truthühner.

Die Tiere im Zoologischen Garten sollen eigentlich nicht gereizt

werden. Aber wenn es sich um Lehrzwecke handelt, ist man nicht

verpflichtet, verbietend einzugreifen. Ein kleines Mädchen ist mit

einem ziemlich großen Spiegel zu dem Truthahn gegangen und hält ihm den

Spiegel vor. Seine Erregung steigert sich gewaltig, und er kollert,

daß es nur so eine Art hat. Erst als das Mädchen sich mit dem Spiegel

entfernt, läßt seine Wut allmählich nach.

Zwei Gründe können diese Erregung verursacht haben. Entweder sah er in

dem Spiegel einen andern Truthahn und wollte ihn bekämpfen; denn gerade

unter den Truthähnen finden heftige Kämpfe auf Tod und Leben statt.

Näheres werden wir über diesen Punkt bei dem Kanarienvogel und seinem

Spiegelbild sprechen. Oder der Truthahn sah die rote Farbe, die ihn,

wie bekannt ist, in Raserei versetzen kann.

Schon bei der Abneigung des Stieres gegen die rote Farbe ist darauf

hingewiesen worden, daß es sich wahrscheinlich um eine vererbte

Erinnerung aus früheren Zeiten handelt. Ein rötliches Tier --

wahrscheinlich der Tiger -- war der Hauptfeind der Wildrinder.

Vom Truthahn wissen wir nach den übereinstimmenden Angaben der

Naturforscher mit Bestimmtheit, daß der Luchs mit seinem rötlichen

Felle sein schlimmster Feind ist. Hierzu paßt vortrefflich folgende

Beobachtung einer ausgezeichneten Vogelkennerin. Sie hält sich ein

Braunkehlchen und erzählt von ihm, daß seine Abneigung gegen alles Rote

ganz auffallend war. Wenn man weiß, daß das Braunkehlchen sein Nest

auf sumpfigem Boden hat, so ist es klar, daß unser Wiesel mit seinem

rötlichen Fell sein ärgster Feind sein muß.

Es kann auch sein, daß unser Truthahn aus beiden Gründen wütend wird.

Einmal, weil er einen Gegner und sodann, weil er etwas Rotes erblickt.

Denn seine eigene rote Färbung am Kopf und Hals kann er nicht sehen. --

Die Truthühner stammen aus Nordamerika, wo sie die Mexikaner bereits

zähmten. Sie kamen nach Europa, wo sich besonders die Spanier und

Italiener um ihre Zucht bemühten. Deshalb spricht man auch vom welschen

Huhn.

Die Truthenne legt 12 bis 24 Eier. Sie ist als ausgezeichnete Brüterin

bekannt, weshalb man ihr die Eier von anderm Hausgeflügel unterlegt.

Ihre Brütlust ist so groß, daß man sich um ihre Ernährung bekümmern

muß. Denn manche versäumen das Fressen und verhungern infolgedessen.

Die jungen Truthühner sind äußerst empfindlich gegen Nässe und Hitze.

Der Pfau. Das Perlhuhn. Der Fasan

156. Warum schreit der Pfau so häßlich?

Im Zoologischen Garten sehen wir den Wildpfau, den Hauspfau, eine ganz

weiße und eine gescheckte Rasse.

Der Anblick des Pfauen, namentlich wenn er sein Rad schlägt, wie es

jetzt vor unsern Augen geschieht, ist entzückend. Dieses kostbare Blau,

dieser herrlich schimmernde Schweif mit den großen Augen darin und das

Krönlein auf dem zierlichen Kopf müssen selbst den, der aus Gewohnheit

widerspricht, zu dem Geständnis veranlassen, daß wir ein schönes Tier

vor uns haben. Nur sein Schrei ist geradezu widerwärtig. Schöne und

eitle Frauen, die eine unangenehme Stimme besitzen, hat man deshalb mit

Vorliebe als Pfauen bezeichnet.

Wir werden später beim Kanarienvogel sehen, daß eine schöne Stimme

regelmäßig nur kleinen Vögeln zukommt. Große Vögel, wie Pfauen, sind

keine Sänger. Ausnahmen wie der Singschwan können die Regel nur

bestätigen.

Die Füße des Pfauen sind nur nach menschlichen Begriffen häßlich. Für

einen Baumvogel sind sie sehr zweckmäßig und daher nicht unschön.

Der Pfau ist in Südasien heimisch. Er ist namentlich oft in Gegenden

anzutreffen, wo auch der Tiger weilt.

Auch das Perlhuhn ist vielen Menschen lästig, weil es seine wenig

schöne Stimme so oft erschallen läßt. Im Zoologischen Garten sehen wir

außer dem gewöhnlichen silbergrauen Perlhuhn noch eine weiße Art.

Die Perlhühner stammen aus dem heißen Afrika, weshalb sie Wärme lieben.

Ihre Eier legen sie gern in Gebüschen ab, was man heute bei den zahmen

ebenfalls beobachten kann.

157. Vergißt der Fasan das Fliegen?

Fasanen sehen wir im Zoologischen Garten in den verschiedensten Arten,

so namentlich den herrlichen Goldfasan, den sehr schönen Silberfasan

usw.

Der Fasan kommt eigentlich mehr als Jagdvogel in Betracht. Vor dem

Kriege gab es Fasanerien, wo Tausende von Fasanen großgezogen wurden.

Als besondere Dummheit wurde dem Fasan in Jägerkreisen angerechnet, daß

er beim Erscheinen eines Hundes das Fliegen vergißt. Ich glaube nicht

recht daran, daß es aus Dummheit geschieht. Alle diese schwerbeinigen

Vögel sind vortreffliche Läufer, aber sehr schlechte Flieger. Viele,

wie Trappen und Truthühner, müssen überhaupt erst einen Anlauf nehmen,

um in die Luft zu kommen. Ein im Jagdrevier gut gefütterter Fasan weiß

wahrscheinlich, daß seine Anstalten, um zu fliegen, so umständlich

und zeitraubend sind, daß ihn der Hund sicher inzwischen gepackt hat.

Dagegen hat er beim Rennen immer noch die Aussicht, in ein Dickicht zu

geraten, wohin ihm der Hund nicht folgen kann.

Der Fasan stammt aus Westasien, nämlich von den Küstenländern des

Kaspischen Meeres. Er soll schon im Altertum nach Griechenland gebracht

worden sein. Heute ist er in manchen Gegenden, z. B. in Böhmen,

verwildert.

Wie alle Hühnervögel ist der Fasan sehr fruchtbar. Die Fasanenhenne

legt etwa 8 bis 15 Eier, die sie in etwa 24 Tagen ausbrütet.

158. Der Pfau in Redensarten und Sprichwörtern.

Die Bezeichnung einer schönen und eitlen Frau als Pfau ist schon

erwähnt worden.

*Pfau, schau deine Beine!*

Das soll heißen, jemanden, der mit seinen Vorzügen prahlt, auf seine

Schwächen aufmerksam machen.

Als Gegenstück zu dem schönen Pfau gilt die unscheinbare Krähe. Daher

der Vergleich:

*Wie Krähen neben dem schönen Pfau.*

Die Krähen sollen daher besonders neidisch auf den Pfau sein, wie sich

auch eine Krähe mit den ausgefallenen Federn eines Pfauen geschmückt

haben soll. Daher der Vers:

*Es meint jede Krau* (Krähe)

*Ihr Kind sei ein Pfau.*

Vom Truthahn oder Puter wäre noch anzuführen: Als Bezeichnung für ein

dummes Mädchen:

*Diese Pute = dumme Gans.*

Ferner als Bezeichnung eines zornigen Menschen:

*rot wie ein Puter;

wie ein kollernder Puter*.

[Illustration: Fasan]

Die Taube

159. Die Kommandosprache der Tauben.

Da sich auf dem Kohlenplatze außer Hühnern auch Tauben befinden, so

begeben wir uns wieder dorthin. Während die Hühner am Boden nach Futter

suchen, haben sich die Tauben mit lautem Geklatsch erhoben und sind in

den Lüften bald unsern Augen entschwunden. Bei ihrer Rückkehr führen

sie verschiedene Schwenkungen aus und lassen sich schließlich wieder

auf ihrem Dache nieder.

Früher, als wir von der Schwierigkeit des Fliegens keine Ahnung hatten,

konnten wir solche Flüge der Taubenschwärme für ganz selbstverständlich

halten. Wir sahen sie eben alltäglich und regten uns weiter nicht

darüber auf.

Heute, wo zahllose Flieger verunglückt sind, weil sie in der Luft mit

einem andern Flieger zusammengestoßen sind, muß der Schwarmflug der

Vögel auf uns den tiefsten Eindruck machen. Woher kommt es, daß die

Vögel trotz größter Nähe niemals miteinander zusammenprallen?

Selbst so schlechte Flieger wie die Rebhühner fliegen in einer

ziemlichen Anzahl. Der Jäger spricht von einer »Kette« oder einem

»Volk« Rebhühner.

Noch auffallender ist das Schwarmfliegen bei den Staren. Auch der Star

ist kein berühmter Flieger, und doch bildet er im Spätsommer, wenn

die zweite Brut flügge geworden ist, bei seinen Flügen ordentlich

eine lebendige Kugel. Diese Kugel aus Vogelleibern dreht sich nach

einer bestimmten Richtung, wobei alle fliegenden Vögel mit größter

Genauigkeit ihren Platz einnehmen, und keiner durch Tolpatschigkeit

eine heillose Verwirrung anrichtet.

Ich habe oft erfahrene Tierbeobachter gefragt, ob sie jemals den

Zusammenprall zweier Vögel eines Schwarmes in der Luft wahrgenommen

haben. Niemand wußte etwas davon. Auch die Jagdzeitungen habe ich

daraufhin seit vielen Jahren durchgesehen. Der einzige Fall, der mir

vor Augen gekommen ist, ist folgender: Ein Landwirt erzählte, daß er

bei einer Hühnerjagd den Zusammenstoß zweier Rebhühner beobachtet habe.

Die Erklärung liegt darin, daß das eine der beiden Hühner durch Schrote

verletzt war. Trotzdem hat er, der Erzähler, in seiner dreißigjährigen

Jägerzeit einen ähnlichen Fall noch niemals erlebt und deshalb

berichtete er ihn an die Jagdzeitung.

Darüber sind sich also wohl alle Tierkenner einig, daß Zusammenstöße

unter Vogelschwärmen zu den allergrößten Seltenheiten gehören.

Wie vermeiden die Vögel diese Gefahr, die soviel Fliegerleben in unsern

Reihen kostet?

Jedenfalls werden sie außerordentlich durch die Stellung ihrer Augen

unterstützt. Alle Vögel, die in Schwärmen fliegen, haben die Augen

seitlich zu sitzen. Wir sehen, daß es ganz verkehrt wäre, wenn die

Tauben ihre Augen, wie der Mensch, nach vorn gerichtet hätten. Sie

können bei seitlicher Stellung der Augen den Abstand vom Nachbarn viel

leichter innehalten.

Wahrscheinlich sind auch die Augen der Vögel im Innern so gebaut,

daß sie das Schwarmfliegen ohne große Anstrengung ausführen können.

Wenigstens befindet sich im Auge mancher Vögel ein Organ, über dessen

Bedeutung man sich noch nicht klar ist.

Müssen wir uns heute über die Kunst der Vögel, in Schwärmen zu fliegen,

außerordentlich wundern, so kommt noch hinzu, daß wir gar nicht wissen,

auf Grund welches Kommandos eigentlich die Schwenkungen ausgeführt

werden. Würden wir unseren Kommandoworten ähnliche Laute bei den Tauben

hören, so verständen wir wenigstens, weshalb der Schwarm bald so, bald

so fliegt. Bei der Entfernung und dem Geklatsche der Flügel können wir

nicht das mindeste vernehmen. Bei Starenschwärmen bin ich, da mich die

Sache außerordentlich interessierte, in die möglichste Nähe gegangen,

habe aber außer dem Surren der Flügel nichts hören können. Immer

wieder fragt man sich: Wer gibt denn eigentlich das Kommando zu einer

Schwenkung?

Bei Taubenschwärmen kann man übrigens nicht selten beobachten, daß eine

Taube den Anschluß versäumt hat, indem sie eine Schwenkung aus Versehen

nicht mitgemacht hat. Sie eilt dann in stürmischem Fluge ihren Genossen

nach. Zu dieser Eile hat sie auch einen ganz besonderen Grund, denn

gerade auf vereinzelte Tauben machen die Raubvögel mit Vorliebe Jagd.

Wir kommen darauf im nächsten Kapitel zu sprechen.

Jedenfalls können wir mit eigenen Augen sehen, daß Tauben Schwenkungen

gemeinsam ausführen. Wie sie das machen, ist uns vorläufig ein Rätsel.

Ich vermute, daß, wie es bei den Säugetieren einen Leitaffen, einen

Leithammel und andere Leittiere gibt, so auch bei den Vogelschwärmen

ein Leitflieger vorhanden ist, nach dem sich alle anderen richten.

Jedenfalls trifft auch hier die Ansicht nicht zu, daß die Tiere

deshalb keine Sprache haben, weil sie sich nichts zu sagen haben. Bei

Schwarmflügen hätten sie es vielmehr sehr nötig, sich die bevorstehende

Schwenkung mitzuteilen.

160. Wie retten sich die Tauben vor den Raubvögeln.

In der Großstadt haben wir nur dann eine gewisse Aussicht, die Jagd

eines sogenannten Stößers auf Tauben zu beobachten, wenn sich der

Himmel im Winter nach dunklen Tagen erhellt. Während des Nebels geht

nämlich der Wanderfalk, wie der eigentliche Name des Stößers ist, nicht

auf die Jagd. Der Grund ist wahrscheinlich der, daß er bei Nebel nicht

sehen kann, auch keine Tauben findet. Nach einigen Tagen mit bedecktem

Himmel hat also der Falk gewaltigen Hunger. Da der Taubenbesitzer seine

Tauben fliegen läßt, sobald der Himmel klar ist, so kann man also

unter solchen Umständen auf den Anblick einer Taubenjagd rechnen.

Ein Naturforscher, der in Berlin wohnte, hat sehr schön die Taubenjagd

des Stößers in Berlin geschildert:

Ein Weibchen des Wanderfalken pflegte am Morgen ruhig und

zusammengekauert auf einem Ziegelvorsprunge des Daches der

Garnisonkirche zu sitzen. Taubenflüge erfüllen die Luft; der Falk wird

erregt und verfolgt mit den Augen die Tauben. Dies währt etwa fünf

Minuten, und nun erhebt er sich. Noch gewahren ihn die Tauben nicht;

doch er rückt ihnen in wenigen Sekunden so nahe, daß nun plötzlich ihr

leichter, ungezwungener Flug sich in ein wirres, ungestümes Fliegen

und Steigen verwandelt. Aber unglaublich schnell hat er sie eingeholt

und etwa um zehn Meter überstiegen. Nun entfaltet er seine ganze

Gewandtheit und Schnelligkeit. In sausendem, schrägem Sturze fällt

er auf eine der äußersten hinunter und richtet diesen jähen Angriff

so genau, daß er allen verzweifelten Flugwendungen des schnellen

Opfers folgt. Aber in dem Augenblicke, als er die Taube ergreifen

will, ist sie unter ihm entwischt. Mit der durch den Sturz erlangten

Geschwindigkeit steigt er sofort ohne Flügelschlag wieder empor,

rüttelt schnell, und ehe zehn Sekunden verflossen sind, ist die Taube

von ihm wiederum eingeholt und in derselben Höhe überstiegen, der

Angriff in sausendem Sturze mit angezogenen Flügeln erneuert, und die

Beute zuckt blutend in den Fängen des Räubers. In wagerechter Richtung

fliegt er nun mit ihr ab und verschwindet bald aus dem Gesichtsfelde.

Von den übrigen Tauben sieht man noch einzelne in fast Wolkenhöhe wirr

umherfliegen, wogegen sich die anderen jäh herabgeworfen und unter dem

Schutze ihrer Behausung Sicherheit gefunden haben.

Die Tauben suchen sich also vor dem Raubvogel durch ihren schnellen

Flug zu retten. Das nützt ihnen aber nicht viel, denn er ist

geschwinder als sie. Aus diesem Grunde flüchten sie nach Möglichkeit

nach ihrem Schlag. Der Falk weiß das sehr wohl und schneidet ihnen gern

den Rückzug nach dem Schlag ab. Auch dann sind die Tauben noch nicht

verloren. Sie steigen so in die Höhe, daß sie oft wie ein weißer Stern

erscheinen. Wenn der Falk nicht sehr hungrig ist, dann läßt er sie

ungeschoren. Denn, um auf den hoch oben stehenden Taubenschwarm Jagd zu

machen, müßte er sie erst überfliegen.

161. Warum muß der Stößer die Tauben erst überfliegen?

Ich weiß noch heute, wie sehr ich mich als Junge darüber gewundert

habe, daß der Stößer die Tauben erst überfliegen muß. Wie ein Mensch

dem andern nachläuft und ihn fängt, wie ein Hund den Hasen faßt, so

sollte man meinen, müßte auch der Wanderfalk den Tauben nachjagen und

sie fangen.

Eine einfache Ueberlegung ergibt das Unsinnige dieser Fangart. Habicht

und Sperber verlegen sich allerdings gewöhnlich auf die Ueberraschung.

Sie kommen urplötzlich dahergestürmt und schlagen ihrem Opfer die

Fänge, d. h. die bewehrten Füße in den Leib. Denn bei allen Raubvögeln

sind die Fänge die Hauptwaffe, während der Schnabel hauptsächlich zur

Verkleinerung der Beute dient. Der Wanderfalk verläßt sich dagegen

in der Regel auf seine Flugfertigkeit. Wie soll er nun ganz oben am

Himmel stehenden Tauben durch Verfolgung etwas tun? Um seine Fänge

wirken zu lassen, muß er höher als die Tauben stehen. Auch ist er nur

dadurch, daß er einer verfolgten Taube die Fänge in die Seiten schlägt,

imstande, sie schnell nach seinem Horst zu tragen. Flattert sie noch,

so ist es für den Räuber um so vorteilhafter, denn um so leichter ist

für ihn die Last.

Weil also der Wanderfalk seine Beute erst überfliegen und von oben

stoßen muß, deshalb hat ihn der Berliner »Stößer« getauft.

Mancher wird fragen, warum die Taubenbesitzer ihre Lieblinge nicht im

Schlage behalten, wenn der Stößer unter ihnen so furchtbar aufräumt.

Die Antwort ist für den Jäger sehr einfach. In Bayern und Oesterreich

hat man sämtliche Feinde der Gemsen vernichtet, also Bären, Luchse,

Wölfe, Adler und Bartgeier -- und was ist die Folge davon? Noch niemals

hat es soviele Seuchen unter den Gemsen gegeben wie jetzt. Das ist

ja auch ganz einleuchtend. Früher wurden erkrankte Tiere zuerst von

den Raubtieren vernichtet, so daß sie die Krankheit nicht weiter

verschleppen konnten. Bei den Hasen und Rebhühnern liegt die Sache

ähnlich. Es ist natürlich übertrieben, wenn man den Fuchs als Hasenarzt

bezeichnet, aber etwas Wahres ist daran. Jedenfalls entarten Tauben,

die man nicht ausfliegen läßt. Sie verfallen in Krankheiten, weshalb

es richtiger ist, sie ihren natürlichen Feinden auszusetzen, da diese

Behandlungsweise sie gesund erhält.

Bei allen Raubvögeln beobachten wir, daß sie zunächst auf Albinos oder

weiße oder ungewöhnlich gefleckte Tiere Jagd machen. Albinos sind

entartete Geschöpfe, und ihr Wegfangen kann geradezu als ein löbliches

Tun bezeichnet werden. Weiße Hühner kann man in einsamen Forsthäusern

nicht halten.

Sodann richten alle Raubvögel ihre Angriffe mit Vorliebe auf solche

Vögel, die sich vom Schwarm abgesondert haben. Das wird einen Sinn

haben -- aber welchen?

Wir sehen, daß Tauben und andere Friedvögel, z. B. Stare, sich

angesichts ihrer Feinde eng zusammenballen. Vom Standpunkte des

Menschen scheint das äußerst töricht zu sein, denn der Raubvogel

braucht nur in die Masse hineinzugreifen, dann hat er sicherlich in

seinen Fängen eine Beute.

Da der Raubvogel schließlich besser weiß als wir, wie er seine Beute

zu erlangen hat, so wird er wissen, weshalb er den einzelnen Vogel

verfolgt und die Masse erst im Notfall berücksichtigt.

Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten · 第 24 / 30 段