verlockt werden, oder sonst bei ihren Flügen verloren gehen, kommen bei
den Hühnern nicht in solchem Maße vor.
Die kräftigen Beine der Hühner sind zum Scharren wie geschaffen und
werden fleißig dazu benutzt. Nicht mit Unrecht spricht Goethe von Frau
Kratzefuß. Sonst sagt man, der Hahn macht Kratzfüße. Wenn er sich vor
seinen Damen verbeugt, macht er nämlich Kratzfüße, indem er die Beine
bewegt, als wenn er scharren wollte.
Die schwachen Beine der Tauben wären natürlich zum Scharren ganz
ungeeignet.
Während die Küchlein, wie wir sehen, unter fortwährendem Gepiepe der
Mutter folgen, brauchen junge Tauben längere Zeit, ehe sie auf den
Beinen stehen. Hühner sind eben Nestflüchter, Tauben sind Nesthocker.
Denselben Unterschied hatten wir bereits bei den Säugetieren. Die
Raubtiere, ebenso das Kaninchen, müssen ihre Jungen längere Zeit
säugen, ehe sie sich selbständig mit einiger Geschwindigkeit bewegen
können. Die Jungen gleichen also den Nesthockern. Bei Pferden, Rindern,
Ziegen usw. sind dagegen die Jungen wie bei den Nestflüchtern nach
kurzer Zeit imstande, der Mutter zu folgen.
Ueber den Grund der Verschiedenheit war schon früher gesprochen worden
(Kap. 65). Raubtiere können ihre Jungen verteidigen. Das Kaninchen
ist mit seinen Jungen leidlich sicher im Bau. Dagegen wären Fohlen,
Kälber, Zicklein usw. den Raubtieren ausgeliefert, wenn sie wochenlang
brauchten, wie die jungen Hunde und Katzen, um bewegungsfähig zu sein.
Bei den Vögeln liegt die Sache genau so. Diejenigen, die auf Bäumen,
Felsen oder in Klüften bauen, sind wie das Kaninchen in seinem Bau vor
ihren Feinden leidlich sicher. Deshalb sind ihre Jungen Nesthocker,
die längere Zeit brauchen, ehe sie das Nest verlassen können. Anders
liegt die Sache bei den Bodenbrütern. Hier ist die Gefahr für die
Nachkommenschaft sehr groß. Denn die kletterunfähigen Räuber, also
Dachse, Igel, Iltisse, Wildschweine, Füchse, Wölfe könnten das Nest
finden und die Jungen fressen, wenn diese Nesthocker wären. Mit den
Eiern, die im Neste sind, machen sie es häufig so.
Aus diesem Grunde stehen die Jungen der Hühnervögel, sobald sie das Ei
verlassen haben, gleich fertig auf den Beinen.
144. Die Mutterliebe der Glucke.
Eine Glucke mit Küchlein unter den Flügeln ist uns Menschen von jeher
als ein echtes Bild treuer Mutterliebe erschienen.
Und diese Mutterliebe ist auch bei den vielen Kleinen und den
zahllosen Gefahren sehr notwendig. Die Mutter muß von früh bis spät,
und erst recht in der Nacht auf ihre Lieblinge achten. Man merkt an
dem fortwährenden Gepiepe der Jungen, daß sie Kinder eines Landes
mit üppigem Pflanzenwuchs sind. Auf dem fast kahlen Platze ist das
fortwährende Piepen gänzlich überflüssig. Die Mutter sieht ja, wo die
Kleinen sind. Die kleinen Entchen auf dem Wasser piepen ja auch nur
unter besonderen Umständen. In Indien, im üppigen Dschungelwald, ist
das Gepiepe dagegen von größter Wichtigkeit, da sonst die Mutter leicht
eines von ihren Dutzend Kleinen verlieren könnte.
Die Mutterliebe wandelt die sonst so furchtsame Henne vollkommen um.
Ein Hund, ein Knabe wird ohne weiteres angegriffen, wenn er sich ihren
Kleinen zu sehr nähert.
Diese Angriffslust der Glucke gegen Raubtiere und Menschen ist im
höchsten Grade merkwürdig. Hier liegt nämlich keine Spur von Vererbung
vor. Man sollte meinen, daß das ein von den Stammeltern erprobtes
Verfahren sei, wie ja auch das weibliche Reh sein Junges gegen den
Fuchs verteidigt. Aber die Mütter der Wildhühner, Wildenten und
anderer Friedvögel haben sonst eine ganz andere Rettungsart, und das
Bankivahuhn wird davon keine Ausnahme machen. Bei Annäherung eines
überlegenen Feindes stoßen die besorgten Mütter einen Warnruf aus,
worauf die Jungen verschwinden und regungslos auf dem Erdboden liegen
bleiben. Sodann geht sie dem Feinde entgegen und stellt sich lahm. Der
Gegner will sich den guten Braten nicht entgehen lassen und verfolgt
die anscheinend Gelähmte. Diese führt ihn weit fort und ist plötzlich
gesund, indem sie zu ihren Kleinen zurückfliegt.
Jetzt wird uns klar, daß die Hühner, wie alle friedlichen Geschöpfe,
ihre Augen zu beiden Seiten haben müssen, um vor der Schnauze eines
Raubtieres rennen zu können, ohne gehascht zu werden. Bei der Stellung
unserer Augen können wir das nicht nachmachen, da wir nicht nach hinten
sehen können.
Diese ursprüngliche Rettungsart ist für das Haushuhn zwecklos. Die
Jungen können sich auf der blanken Erde nicht verstecken und haben auch
nicht die Schutzfärbung der wilden Küchlein. Sie selbst kann aber den
Feind nicht in die weite Ferne weglocken, da sie nicht zurückfliegen
kann. Auch kann sie ihre Kleinen nicht so lange Zeit den ihnen gerade
im Haushalte des Menschen drohenden Gefahren überlassen.
Ausgerechnet das als dumm verschriene Huhn ist zur Rettung seiner
Kleinen auf einen neuen Ausweg verfallen.
Von den Küchlein ist es bekannt, daß sie ohne die Wärme der Mutter
bald zugrunde gehen. Die Mutter muß sie also in der Nacht und an
kalten Tagen unter ihre Flügel nehmen. Diese Frostigkeit scheint uns
Menschen sehr unzweckmäßig zu sein. Vielleicht liegt die Sache aber
etwas anders. In Fachblättern wurde mehrmals mitgeteilt, daß erstarrte
Küchlein in das Küchenfeuer geworfen werden sollten, weil man mit den
toten Tieren nichts anfangen konnte. Kaum lagen sie aber einige Minuten
auf dem warmen Herd, so wurden sie alle wieder lebendig. Hiernach
scheint es fast so, als soll die Frostigkeit bezwecken, daß das
Küchlein bald hinfällt. Dann kann es leicht von der Mutter gefunden und
wieder zum Leben aufgewärmt werden. Wäre es nicht frostig, so liefe es
unendlich weit in die Irre und könnte nicht mehr gerettet werden.
145. Warum gehen die Hühner so zeitig schlafen? Die sogenannte
Hühnerkieke.
Ursprünglich war es unsere Absicht gewesen, bereits am Tage vorher uns
die Hühner anzusehen. Aber wir mußten unser Vorhaben aufgeben, da die
Hühner bereits den Stall aufgesucht hatten. Da es noch hell war, ist
dieses zeitige Aufsuchen der Schlafstätte recht auffallend. Es ist
daher verständlich, daß man von einem sehr soliden Menschen sagt: er
geht mit den Hühnern zu Bett.
Obwohl die Vögel sämtlich Augentiere sind, sie sich also alle wie der
Mensch in erster Linie nach den Augen richten, so müssen doch ihre
Augen verschieden gebaut sein. Denn wir kennen Vögel, die hauptsächlich
in der Nacht auf Raub ausgehen, z. B. die Eulen. Die Eulen sind nicht
am Tage blind, wie der Volksmund sagt, aber es ist eine Seltenheit,
wenn sie bei Tageslicht freiwillig eine Tätigkeit ausüben. Umgekehrt
werden Hühner, Sperlinge und viele andere Vögel nur notgedrungen etwas
in der Dunkelheit tun. Dazwischen stehen Vögel, die sowohl in der
Dunkelheit wie bei Tageslicht tätig sind, z. B. unsere Wildenten, der
Große Brachvogel, die Nachtigall usw. Die halbzahmen Wildenten des
Berliner Tiergartens kann man oft in tiefer Nacht ihre Nahrung im Kanal
beim Scheine der Laternen suchen sehen. Die Vorübergehenden behaupten
oft, daß hier eine Anpassung vorliegt. Das ist jedoch ein Irrtum. Enten
sind von jeher des Nachts auf Nahrungssuche ausgegangen. Jeder Jäger
weiß, daß man sich abends an Teichen aufstellt, um die beim Eintritt
der Dunkelheit einfallenden Enten zu schießen.
Man darf wohl mit Recht annehmen, daß die Hühner deshalb so zeitig in
den Stall gehen, weil sie in der Dunkelheit gar nichts sehen können.
Die Landbewohner behaupten vielfach, daß die Hühner bereits in der
Abenddämmerung nichts sehen können. Da es Menschen gibt, die infolge
von ungenügender Ernährung in der Abenddämmerung nicht sehen können,
so sagt der Landbewohner von ihnen: sie haben die Hühnerkieke. Damit
will er sagen, daß die sogenannten nachtblinden Menschen genau wie die
Hühner in der Abenddämmerung nichts sehen können.
Ferner ist dem Landbewohner bekannt, daß die Hühner leicht an
Schneeblindheit erkranken. Sie werden dann gewöhnlich in den Stall
gebracht.
Soviel ist wohl sicher, daß das Vogelauge in mancher Hinsicht anders
gebaut ist als das Menschenauge. So fängt man in den Balkanländern
Vögel mit großen bunten Tüchern, wodurch die Vögel in auffallender
Weise angelockt werden.
Ob die Landbewohner recht haben, daß die Hühner bereits gegen Abend, wo
es noch hell ist, nicht sehen können, läßt sich nicht beurteilen. Die
Frage wird hoffentlich durch Versuche von Gelehrten beantwortet werden.
146. Die Farbenblindheit der Hühner. Die Hypnose des Huhns durch einen
Kreidestrich.
Auf andern Gebieten hat man neuerdings das Sehvermögen der Hühner
untersucht und gefunden, daß sie farbenblind sind. Sie können grün und
rot nicht erkennen.
Mit der Praxis stimmt das Ergebnis schlecht überein. Denn hiernach
machte das schmucke Gewand des Hahnes, mit dem er sich so stolz
brüstet, auf die Hennen gar keinen Eindruck. Diese können die grünen
Federn und den roten Kamm gar nicht schätzen, weil sie diese Farben
nicht wahrnehmen.
Da Versuche über das Sehvermögen ungeheuer schwierig sind, so wird das
Ergebnis später wohl noch berichtigt werden. Jedenfalls sind folgende
Beobachtungen damit schwer in Einklang zu bringen.
Hühner scheuen die Nässe. Das sieht man dann ganz deutlich, wenn
eine Glucke junge Enten ausgebrütet hat (vgl. Kap. 173). Trotz ihrer
Abneigung gegen Nässe gehen Hühner im Sommer auf die Wiesen, wenn es
stark geregnet hat. Die Grashüpfer sind durch den anhaltenden Regen
erstarrt und können nicht fortspringen. Die Hühner fressen sie gern und
holen sie sich.
Auf einer grünen Wiese grüne Grashüpfer zu erkennen, dazu gehört ein
sehr scharfes Auge. Wie das ein für Grün farbenblindes Auge leisten
soll, ist nicht recht verständlich.
Man wird überhaupt gegen Versuche und ihre Ergebnisse sehr mißtrauisch,
wenn man an frühere Zeiten zurückdenkt.
So lernte ich als Knabe, daß man ein Huhn hypnotisieren, d. h. in
einen schlafähnlichen Zustand versetzen kann, wenn man ein Huhn sacht
niederdrückt und vor seinen Augen einen geraden Kreidestrich zieht.
Selbstverständlich haben wir das auch mit einem unserer Hühner getan
und waren überzeugt, daß es hypnotisiert war, als es regungslos sitzen
blieb.
Als ich mich später gründlich mit Tieren beschäftigt hatte, wurde
mir der ganze Versuch zweifelhaft. Das Sichniederdrücken ist ja
die gewöhnliche Rettungsstellung des Huhns. Es ist doch ganz
selbstverständlich, daß es in dieser seit Urzeiten üblichen Lage
regungslos bleibt.
Besäße man einen zahmen Hasen und legte ihn sorgsam so hin, wie er
gewöhnlich in der Sasse sitzt, so würde er natürlich auch regungslos so
sitzen bleiben.
Seit Urzeiten weiß das Huhn, der Hase und andere viel verfolgte
Friedlinge, daß Regungslosigkeit ihre sicherste Rettung ist. Uns
Menschen als Augentieren ist bekannt, daß wir einen sich bewegenden
Gegenstand viel eher erkennen als einen ruhenden. Die Augen der
Nasentiere können aber, wie wir erörtert haben (Kap. 2), Bewegungen
noch besser wahrnehmen als die unsrigen.
Der Kreidestrich ist also ganz überflüssig. Ebenso ist das
Vorhandensein der Hypnose sehr unwahrscheinlich.
Man stelle sich folgende Lage eines Jägers vor, wie sie hin und wieder
vorkommt. Er hat stundenlang auf dem Anstand gesessen, und es ist
kein Wild gekommen. Er sagt sich also, daß das Warten ganz zwecklos
ist. Deshalb will er aufstehen und sich seine Pfeife anzünden. Kaum
hat er sich etwas erhoben und nach der Tasche gegriffen, da sieht er
plötzlich einen Rehbock mit einer auffallend starken Krone vor sich.
Als erfahrener Jäger weiß er, daß, wenn er nicht zur Säule erstarrt,
der Rehbock für ihn verloren ist. Das Tier nimmt die Bewegung wahr
und flüchtet sofort. Deshalb bleibt der Jäger genau wie er ist, in
seiner Lage, so wunderbar es aussieht. Könnte ihn ein Beobachter sehen,
der nicht wüßte, worum es sich handelt, so würde er den Jäger für
geisteskrank oder für hypnotisiert halten. Er steht regungslos da mit
halbgestrecktem Knie und hat die Hand auf dem Rücken liegen. Wir wissen
jedoch, daß der Jäger weder irrsinnig noch hypnotisiert ist, sondern
höchst zweckmäßig handelt.
Packe ich einen Frosch, so wird er glauben, daß es ihm ans Leben ginge.
Bringe ich ein Bein von ihm in eine eigentümliche Lage, so wird er es
oft so lassen. Und zwar tut er es nicht, weil er hypnotisiert ist,
sondern weil er weiß, wie oft er seine Rettung der Regungslosigkeit
verdankt. Der Storch kann ihn übersehen, wenn er regungslos bleibt, und
die Ringelnatter packt überhaupt nur nach Geschöpfen, die sich bewegen.
Weil die Bedeutung der Regungslosigkeit im Tierleben dem Kulturmenschen
ganz unbekannt ist, deshalb nimmt er überall Hypnose an, wo eine ganz
natürliche Handlungsweise vorliegt.
Was ist nun von dem durch einen Kreidestrich hypnotisierten Huhn
geblieben, das ich in meiner Jugend als neue Weisheit lernte? Erstens
ist der Kreidestrich ganz überflüssig. Zweitens ist das regungslose
Sitzenbleiben gar nicht wunderbar, da es die uralte Rettungsart des
Huhns ist. Drittens ist das Huhn gar nicht hypnotisiert.
147. Die naturgemäße Behandlung des Huhns.
Wenn wir bedenken, daß ein Huhn jährlich etwa 150 Eier legen oder
eine Brut von einem Dutzend Jungen hochbringen kann, so müßte man
meinen, daß die Hühnerzucht ein sehr lohnender Betrieb ist. Ich
kenne Großstädter, die so durchdrungen waren von der Richtigkeit
ihrer Berechnung, daß sie ihren Beruf aufgaben und auf dem Lande
eine Geflügelzucht einrichteten. Es hat nur einige Jahre gedauert,
dann hatten sie die Lust zum Betriebe verloren und obendrein ein
nicht unerhebliches Vermögen. Selbstverständlich spreche ich hier von
Friedenszeiten vor dem Kriege.
Warum will in diesem Falle Theorie und Wirklichkeit so gar nicht
übereinstimmen?
Stellen wir uns vor, daß ein Bauer auf seinem Hofe etwa 20 Hühner hält.
Diese Hühner werden morgens zeitig aus dem Stall gelassen und treiben
sich den Tag über auf dem Hof oder in der Umgebung umher. Dabei hat der
Bauer folgende Vorteile:
Erstens kosten ihm die Hühner den Sommer über fast gar kein Futter.
Zweitens ist das Futter, das sie fressen, für sie naturgemäß.
Drittens können die Hühner fleißig scharren und haben viel Bewegung,
was für ihre Gesundheit von großer Bedeutung ist.
Viertens verteilen die Hühner am Tage ihren Unrat an den
verschiedensten Stellen, so daß eine Anhäufung nicht stattfindet.
Bei dem Großstädter, der eine großartige Geflügelzucht eingerichtet
hat, liegt die Sache ganz anders.
Erstens muß er auch im Sommer sehr viel Futter kaufen. Wie soll er für
die Unmenge Hühner die erforderliche Nahrung herbeischaffen? Auf einem
Bauernhofe gibt es reichlichen Abfall, da sich in dem Miste zahlreiche
Larven und Würmer aufhalten.
Zweitens ist die Nahrung, die der Geflügelzüchter kauft, häufig nicht
naturgemäß. Im Frühjahr will das Huhn tierische Nahrung haben. Deshalb
reißen sich Hühner, die man eingesperrt hat und nur mit Körnern
füttert, zu dieser Zeit die Federn aus oder beißen sich gegenseitig die
Kämme blutig (vgl. Kap. 106).
Drittens braucht der Züchter im Gegensatz zu dem Bauern Personal, was
heute ganz besonders ins Gewicht fällt.
Viertens fehlt den Hühnern die Bewegung und sie erkranken leicht.
Fünftens häuft sich der Unrat auf einem kleinen Flecke. Das ist aber
die günstigste Vorbedingung für den Ausbruch einer Seuche.
Das Ende vom Liede ist gewöhnlich eine Seuche, die den ganzen
Hühnerbestand dahinrafft.
Bei Wildparken und Jagdrevieren liegt die Sache ganz ähnlich. Je
weniger Wild ein Jagdrevier enthält, desto gesünder ist es. Dagegen
sind Seuchen an der Tagesordnung, sobald eine Ueberfüllung der Bezirke
stattfindet.
In den Großstädten bestehen ebenfalls Gefahren durch zu große
Besiedelung eines kleinen Bezirkes. Hier hat der Mensch durch
Kanalisation, d. h. durch Fortleitung des Unrats die Macht der Seuchen
gebrochen.
Es wäre also sehr wohl denkbar, daß auch die Geflügelzuchten einen
ähnlichen Ausweg finden.
*Auf der einen Seite ist es beklagenswert, daß wir so viel Eier aus
dem Auslande einführen müssen. Darum soll jede Vermehrung unseres
Hühnerbestandes unterstützt werden. Auf der andern Seite raten selbst
die begeistertsten Züchter davon ab, daß ein Neuling ein großes Kapital
in die Geflügelzucht steckt. Erst soll er klein anfangen und sich den
Rat eines erfolgreichen Züchters einholen. Es gibt zu viele Dinge, die
man nur aus der Praxis lernen kann.*
*Was hier von der Geflügelzucht gesagt worden ist, gilt ganz allgemein
für jede Kleintierzucht.*
148. Eine blinde Henne findet auch ein Korn.
Eine blinde Henne wird man wohl nirgends in Deutschland zu
sehen bekommen, weil man ein solches bedauernswertes Geschöpf
abschlachten würde. Früher war man in solchen Dingen weniger auf den
wirtschaftlichen Vorteil bedacht.
Ein anderes Beispiel für die Verschiedenheit der Auffassung in
wirtschaftlichen Angelegenheiten ist folgendes:
Heute sehen wir, daß die Hühner gewöhnlich Ringe um die Beine (Ständer)
tragen. In meiner Jugendzeit kannte man das gar nicht. Erst seit einem
Menschenalter habe ich sie auf Bauernhöfen angetroffen. Man weiß
heute, daß die Henne eine gewisse Anzahl von Eiern legt. Folglich hat
es keinen Zweck, sie über ein bestimmtes Alter gelangen zu lassen.
Um dieses Alter jederzeit festzustellen, legt man ihnen Ringe um die
Beine. Diese Ringe sind in den einzelnen Jahrgängen verschieden.
Diese Ringe sehen wir auch bei den Hühnern auf dem Kohlenplatz.
Wir schlachten also bereits eine Henne, weil sie nicht mehr ganz so
viele Eier legt als eine etwas jüngere. Erst recht werden wir also eine
blinde Henne schlachten, denn sie würde nicht genügend Futter finden
und infolgedessen sehr abmagern.
In früheren Zeiten zerbrach man sich über solche Dinge den Kopf nicht.
Hierbei hat man jedenfalls beobachtet, daß eine blinde Henne wie die
andern scharrt und durch Zufall auch ein aufgescharrtes Korn findet.
Ein Vogel ist wie ein Mensch ein Augentier und tief zu beklagen, wenn
er sein Augenlicht verloren hat. Bei den Nasentieren liegt die Sache,
wie wir wissen, ganz anders. Blinde Hunde kann man sogar noch zur Jagd
benützen. Deshalb wäre auch ein Sprichwort unrichtig: Ein blinder Hund
findet auch einen Bissen. Er findet ihn vielmehr durch seine Nase
ziemlich leicht.
Umgekehrt fehlt den Vögeln eine gute Nase. Das kann man recht deutlich
bei den Hühnern wahrnehmen. Man kann ihnen nämlich Porzellaneier
unterlegen, und sie brüten fleißig darauf. Ebenso brüten Kanarienvögel
auf elfenbeinernen Eiern.
149. Die künstliche Glucke. Die Wetterfestigkeit des Huhns.
Eine Glucke mit Jungen bringt man gern in einen besonderen Raum, wie
wir es auch hier in unserm Falle beobachten können. Die Mutter ist in
gereizter Stimmung und kann leicht die andern Hennen angreifen. Diese
wiederum picken nach den Küchlein und suchen selbstverständlich die
besten Bissen wegzuschnappen.
Seit Jahrtausenden hat man die Bruthitze der Glucke durch künstliche
Wärme ersetzt und ebenfalls Küchlein erzielt. Man hat dadurch den
großen Vorteil, daß man ganz andere Mengen von Eiern ausbrüten lassen
kann, als wenn man sie verschiedenen Glucken unterlegt. Allerdings
fehlt dafür den Kleinen das sorgsame Auge der Mutter. Auch sonst wurden
mir von Züchtern mancherlei Nachteile mitgeteilt. So können bekanntlich
junge Entlein sofort schwimmen und bleiben dabei trocken. Läßt man die
Enteneier jedoch von einer künstlichen Glucke ausbrüten, so werden
die jungen Entlein naß. Dies wurde mir wenigstens von verschiedenen
Züchtern mitgeteilt.
Das künstliche Ausbrüten der Hühnereier ist nicht so wunderbar,
wie es auf den ersten Augenblick erscheint. Denn noch heute gibt es
Hühnerarten, die in der Freiheit das gleiche Mittel anwenden. So legt
das Talegallahuhn seine Eier in vermoderte Blätter, die es zu Haufen
zusammenscharrt. Andere Wallnister benutzen den erwärmten Sand von
heißen Quellen oder Vulkanen.
Es fängt jetzt etwas an zu regnen, und wir sehen, daß Regen den Hühnern
durchaus nicht angenehm ist. Wie die Katze, so lieben die Hühner Nässe
durchaus nicht.
Auch wenn es kalt ist, kann man aus dem Benehmen der Hühner schließen,
daß ihnen nicht behaglich ist. Sie stammen eben aus einem heißen
Lande. Deshalb ist Hühnerzucht nur in Ländern mit einer gewissen
Wärme möglich. Frankreich, England und Italien haben eine höhere
Durchschnittstemperatur als wir und haben schon aus diesem Grunde einen
Vorzug gegenüber uns in der Geflügelzucht.
Da die Hühner Waldbewohner sind, so ist ihnen pralle Sonnenhitze
lästig. Umgekehrt stammen sie aus einem Sonnenlande und vermissen die
Sonne sehr. Ich konnte das in einem Hause, in dem ich vor vielen Jahren
wohnte, recht deutlich beobachten. Der Wirt hielt Hühner auf dem Hofe.
Da das Gebäude vierstöckig war, so war nur von Mitte Mai bis Mitte
Juli in den Mittagsstunden Sonnenschein auf dem Hofe. Während dieser
Stunden ließen die Hühner alles im Stich, selbst das Futter, und lagen
aufgeplustert im Sonnenschein und genossen in vollen Zügen die Wärme
der Sonnenstrahlen. Hier kam so recht der Sonnenhunger unserer Hühner
zum Vorschein.
150. Wie kriecht das Küchlein aus dem Ei?
Es ist gewissermaßen ein Wunder, wenn aus dem Ei, das wohl die
Möglichkeit zu einem Leben bietet, aber doch leblos ist, plötzlich
allein durch die anhaltende Wärme ein lebendiges Geschöpf kriecht.
Durch die Freundlichkeit unseres alten Bekannten, des bei den Ziegen
erwähnten Onkels Althaus, können wir das bei ihm in Ruhe beobachten.
Onkel Althaus hält Wyandottes, weil er diese Rasse wegen ihrer
Legetätigkeit und als Fleischhühner schätzt. Natürlich kann man keinen
schönen Garten haben, wenn man seinen Hühnern zu ihrer Gesundheit
Auslauf wünscht. So ist der Garten verschwunden, aber die Hühner
befinden sich wohl bei ihrer täglichen Bewegung und legen fleißig Eier.
Zwei Glucken sitzen auf Eiern, die täglich ausfallen können. Die
Glucken sträuben ihr Gefieder und stoßen einen krächzenden Laut aus,
als Onkel Althaus die Eier untersuchen will. Erst ein Ei ist bei jeder
Glucke angepickt. Es ist das ein Zeichen, daß das Küchlein mit seinem
Eizahn das Gefängnis verlassen will.
Wir müssen am andern Tage wiederkommen. In der Zwischenzeit sind bei
jeder Henne ein paar Küchlein ausgekrochen. Sie sind zum Trockenwerden
in die sogenannte Küchleinwiege gebracht worden, wo es schön warm
ist. Um uns nicht nochmals einen vergeblichen Weg machen zu lassen,
zeigt uns Onkel Althaus an mehreren Eiern, wie man das Auskriechen
beschleunigen kann. Als erfahrener Geflügelzüchter kann er sich solche
Künsteleien erlauben, aber er rät jedem Neuling ganz entschieden davon
ab. Denn wenn sich auch nur ein Blutstropfen bei der beschleunigten
Geburt zeigt, so ist das Küchlein verloren.
Onkel Althaus wählt natürlich solche Eier, bei denen das Küchlein
bereits fast einen Ring um das Ei gepickt hat. Ganz vorsichtig wird
nach und nach erst die Schale und dann die dünne Haut entfernt. Man
sieht, welche Anstrengungen dem kleinen Geschöpf die Befreiung aus
dem engen Kerker verursacht. Nach jeder größeren Anstrengung braucht
es Ruhe. Es liegt dann wie leblos, namentlich nachdem es endlich
befreit ist. Zunächst gleicht es einem mit nassen Federn belegten Stück
Fleisch. Wir staunen, daß ein solcher Körper überhaupt Platz in dem
kleinen Ei hatte. Die Zerstörung seiner Hülle verdankt das Küchlein
seinem Eizahn. Man muß sehr genau hinsehen, um ihn zu entdecken. Er hat
noch nicht einmal die Größe eines Stecknadelknopfes und befindet sich
oben auf dem Schnabel.
Der nasse kleine Klumpen, der seinen Kopf in die richtige Lage
gebracht hat, erholt sich allmählich und wird zu den übrigen in die
Küchleinwiege gebracht.
Bei der Verabschiedung können wir noch etwas von der Kehrseite der
Geflügelzucht kennen lernen. Ein Küchlein ist während des Tages
verunglückt. Ein anderes sieht ganz wie ein Todeskandidat aus. Es steht
abseits und sieht sehr betrippt aus. Das ist ein schlechtes Zeichen für
ein Küchlein, namentlich wenn es dabei die Flügel hängen läßt.