verschiedene Rassen, sondern verschiedene Tierarten. Die längeren
Hinterbeine des Hasen, die Rettung durch die Flucht ins freie Feld,
das Werfen von Jungen, die sofort behaart sind, können nicht als
unbedeutende Unterschiede aufgefaßt werden. Auch ist das Kaninchen
kleiner, hat einen kürzeren Kopf und kürzere Ohren.
Von durchgezüchteten Rassen spricht man erst dann, wenn sie ihre
Eigentümlichkeiten dauernd vererben.
Ein Rassetier hat also den Vorzug, daß ich auf gewisse
Eigentümlichkeiten, auf die ich Wert lege, bei der Nachkommenschaft
rechnen kann. Bei rasselosen Tieren ist das nicht der Fall.
133. Geschichten vom Kaninchen. Kaninchen hat angefangen.
Das Kaninchen gehört im allgemeinen zu den furchtsamsten und
ergebungsvollsten Geschöpfen, das sich von jedem Kinde alles mögliche
gefallen läßt. Von seinen Zähnen macht es eigentlich niemals Gebrauch.
Trotzdem fallen sie beispielsweise über fremde Kaninchen manchmal
wütend her und suchen sie totzubeißen. Ein junger Hase, den man zu
Kaninchen bringt, wird wohl stets totgebissen.
Alte Rammler beißen nicht nur häufig ihre eigenen Jungen tot,
sondern sie werden hin und wieder auch gegen andere Tiere geradezu
angriffslustig. Ein Naturforscher führt hierfür folgende Beispiele an.
Ein Verwandter von ihm hielt einen alten Kaninchenrammler bei seinen
Lämmern. Als die Fütterung mit Esparsettheu begann, behagte das dem
alten Herrn so gut, daß er alles für sich allein mit Beschlag belegen
wollte. Er setzte sich also neben das Heu, grunzte und biß nach den
Lämmern, um diese Tiere zu verscheuchen. Als das nicht genügend half,
sprang er einem Lamm auf den Hals und biß es tüchtig. Natürlich wurde
er beim Wickel gepackt und fortgebracht. Ein anderer Rammler führte
einen solchen Kampf sogar mit Ziegen. War das Futter nach seinem
Geschmack, so suchte er junge Ziegen dadurch zu vertreiben, daß er
ihnen die Beine blutig biß. Alten Ziegen sprang er in das Genick und
biß ihnen die Ohren blutig. Selbstverständlich wurde der Bösewicht
abgeschafft.
Vorstehende Erzählungen sind durchaus glaubhaft. Ich habe selbst
ähnliche Fälle beobachtet. So kratzte ein Rammler, ein Riesenkaninchen,
bei schlechter Laune seinen Besitzer, wenn er ihm Futter vorsetzte,
dermaßen, daß dieser nur mit großer Vorsicht hierbei zu Werke ging.
Sieht man von solchen Ausnahmen ab, die doch immer Ausnahmen bleiben,
so ist es lächerlich bei einem Streite zwischen Kaninchen und Bulldogge
zur Rechtfertigung des Hundes anzuführen, daß das Kaninchen angefangen,
und der Hund deshalb das Kaninchen totgebissen habe. Ein Kaninchen wird
sich schön hüten, mit einer Bulldogge anzubinden. Aber das Raubtier,
das die größere Kraft besitzt, wird stets eine Entschuldigung für sein
Tun finden.
134. Kann das Kaninchen mit dem Schwein in Wettbewerb treten?
Mit dem Absatz ihres Kaninchenfleisches an ihre Gäste ist die Familie
Lankenheim nicht sehr zufrieden. Trotz der schlechten Zeiten wollen die
meisten Gäste Kaninchenfleisch nicht so häufig essen.
Es ist merkwürdig, daß so viele Leute, die sich zunächst mit
Begeisterung auf die Kaninchenzucht geworfen haben, so bald davon
wieder Abstand genommen haben. Irgendwie scheint hier ein Fehler
gemacht worden zu sein.
Wir haben an einer früheren Stelle die Vorzüge der Schweinehaltung bei
einfachen Leuten beleuchtet. Mit Schweinefleisch wird Kaninchenfleisch
niemals in Wettbewerb treten können, weil Schweinefleisch stets reißend
Absatz findet, während bei Kaninchenfleisch die Sache etwas anders
liegt.
Es gibt zu denken, daß in England und Frankreich die Kaninchenzucht in
der großartigsten Weise blüht. Einzelne Großzüchtereien sollen jährlich
12000 Kaninchen auf den Markt bringen. In Frankreich sollen in Paris
vor dem Kriege allein jährlich 3 Millionen Kaninchen verzehrt worden
sein, während zu der gleichen Zeit in der Berliner Zentralmarkthalle
etwa der sechzigste Teil verkauft wurde.
Dem Geschmack der Franzosen und auch der Engländer muß also das
Kaninchenfleisch mehr zusagen als dem unsrigen. Das ist sehr zu
bedauern, denn das Kaninchen hat ohne Zweifel als Pelztier eine
Zukunft. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, wann die pelzliefernden
Raubtiere und sonstigen Tiere ausgerottet oder doch so vermindert sind,
daß ihre Felle der Nachfrage nicht mehr entfernt entsprechen können.
Dann werden Kaninchen und Hauskatzen mit ihren Fellen als Ersatz dienen
müssen.
Die Kaninchenzüchter heben noch den außerordentlichen Wert des
Kaninchens als Lederlieferanten hervor. Aus dem Fell eines 65
Zentimeter langen Kaninchens lassen sich nach ihren Angaben
das Oberleder für ein Paar Damenschuhe nebst einem Ersatzstück
herausschneiden. Dieses Leder ist sehr weich und trägt sich sehr gut.
135. Wie groß ist die Vermehrung des Kaninchens?
Die Fruchtbarkeit des Kaninchens ist sprichwörtlich geworden. Das
wilde Kaninchen paart sich im Februar oder März und setzt nach einer
Tragezeit von dreißig Tagen alle fünf Wochen 4 bis 12 Junge. Diese
Jungen sind bereits nach einem halben Jahre fortpflanzungsfähig und
nach einem vollen Jahre ausgewachsen. Ein einziges Kaninchenpaar kann
also in einem Sommer 20 bis 70 Nachkommen haben. Dabei sind die ersten
Nachkommen bei Ablauf des Sommers bereits ebenfalls fortpflanzungsfähig.
Hätten die Kaninchen keine Feinde, so würden sich die 20 bis 70
Nachkommen im nächsten Sommer auf 10- bis 35mal 20 bis 70, also auf 200
bis 2450 Kaninchen vermehren können, wozu das alte Paar ebenfalls 20
bis 70 liefern könnte. Der Bestand wäre dann 220 bis 2520 Kaninchen.
Da die Kaninchen nicht von der Luft leben, sondern durch Unterwühlung
des Bodens und durch Benagen der Baumrinden und Fressen von
Nutzpflanzen großen Schaden anrichten, so versteht man, daß in
Australien und anderen für die Kaninchen günstigen Ländern große
Geldbeträge für ihre Vernichtung gezahlt werden.
Den zahmen Kaninchen läßt man nicht mehr als acht Junge, damit sie
hinreichende Nahrung haben. Nach vier Wochen entwöhnt man sie. Die
Eltern werden gewöhnlich nur vier Jahre zur Zucht verwendet.
136. Das Kaninchen in Redensarten und Sprichwörtern.
Die Redensart: Kaninchen hat angefangen und die sprichwörtliche
Vermehrung der Kaninchen ist bereits besprochen worden.
[Illustration: Weiße Häsin (Kaninchenweibchen) Fressende Kaninchen]
[Illustration: Kaninchen-Zuchtkästen]
Das Meerschweinchen
137. Das Meerschweinchen.
Bei »Onkel Althaus« können wir auch Meerschweinchen sehen, mit denen
wir uns aber nur kurz befassen wollen. Es ist ein allbekanntes,
kleines, buntes Tierchen, das wie das Kaninchen ein Nager ist. Es wird
wie das Kaninchen gefüttert und vielfach mit ihm zusammengehalten.
Obwohl das Meerschweinchen aus Südamerika stammt, vertragen sich beide
Nagerarten gut. Nur beißen manchmal die Kaninchen die Jungen von
Meerschweinchen tot. Hat man mehrere Meerschweinchen zusammen, so hört
man oft ein Quieken und Grunzen, woher auch der Name Meerschweinchen
kommen dürfte.
Während das Kaninchen ein sehr schönes Fell liefert, ist das vom
Meerschweinchen nicht zu gebrauchen.
Auch gegessen wird das Meerschweinchen bei uns nicht. Es ist
hauptsächlich ein Spielzeug für Kinder, weil es sich alles gefallen
läßt.
Onkel Althaus hat ein Paar Meerschweinchen seinem Söhnchen Albrecht zu
Weihnachten geschenkt. In Ermangelung eines passenden Stalles hatte
er das Pärchen in ein leeres Aquarium gesteckt und darin als Geschenk
aufgebaut. Der Sohn hielt die fremden Tiere im Aquarium zunächst für
junge Biber. Dieser Irrtum ist ganz erklärlich, da der Biber unser
größter Nager ist und ein vorzüglicher Schwimmer ist.
Inzwischen hat das Weibchen ein einziges, aber ungemein kräftiges
Junges bekommen. Mit ihm zusammen lebt es im Aquarium, während der
Vater ausgesperrt ist.
Nach der Schilderung des kleinen Albrecht sind Meerschweinchen sehr
kluge Tiere. Wenn er aus der Schule kommt und sich dem Aquarium nähert,
richtet sich die Mutter auf, weil sie weiß, daß sie etwas zu fressen
bekommt.
Da in der neuesten Auflage von Brehms Tierleben genau das gleiche
berichtet wird -- allerdings als große Ausnahme -- so ist es nicht
unmöglich, daß die Beobachtung des kleinen Tierfreundes der Wahrheit
entspricht.
Nach den früheren Berichten war das Meerschweinchen sehr fruchtbar.
Im neuesten Brehm wird das als Irrtum erklärt. Die übliche Zahl der
Jungen ist vielmehr nur zwei und die Tragezeit so lange wie beim Hunde,
nämlich 63 Tage. Dafür ist das Junge hoch entwickelt wie ein junger
Hase. Nach 8 bis 9 Monaten hat das Meerschweinchen seine volle Größe
erreicht. Bei guter Behandlung kann es 8 Jahre alt werden.
Sehr beliebt sind die Angora-Meerschweinchen mit langem, schlichtem
Haar und die Strupp-Meerschweinchen.
Das Meerschweinchen stammt von dem in Südamerika lebenden, ganz ähnlich
aussehenden Nager ab, der den Namen _Cavia cutleri_ führt.
In wissenschaftlichen Anstalten werden viele Meerschweinchen
gehalten, da sie bei der Keimforschung, den Impfversuchen und der
Serumheilbehandlung unersetzlich sind.
Das Frettchen
138. Wie unterscheidet sich das Frettchen vom Iltis?
Um uns ein Frettchen anzusehen, wollen wir wieder nach dem Zoologischen
Garten gehen. Denn in der jetzigen Zeit hat keiner der mir bekannten
Förster ein Frettchen mehr, da die Kaninchen in ihrer Gegend vollkommen
ausgerottet sind.
Wir wissen bereits, daß das Frettchen ein Albino des Iltis ist. Und
einen Iltis bekommen wir wenigstens im Zoologischen Garten zu sehen.
Der Iltis oder Stinkmarder gehört zur Familie der Marder. Er erinnert
sehr an unsern Marder, nur daß er ganz im Gegensatz zu diesem sehr
schwerfällig ist.
Seit Jahrtausenden wird eine weißliche Abart, ein Albino von ihm, das
sogenannte Frettchen, vom Menschen als Haustier gehalten. Der Grund
liegt hauptsächlich darin, daß es zur Kaninchenjagd unentbehrlich ist.
Sobald der schlanke Räuber einen Kaninchenbau betritt, fahren die
Kaninchen aus ihrer sichern Burg und können leicht geschossen werden
oder in aufgestellte Netze geraten.
Das Frettchen ist sehr weichlich und macht gerade keinen sehr
angenehmen Eindruck. Es ist etwas kleiner als der Iltis und als Albino
natürlich weiß im Gegensatz zu seinem braunen Verwandten. Es wirft etwa
4 bis 8 Junge nach einer Tragezeit von sechs Wochen.
139. Tötung eines Berliner Kindes durch ein Frettchen.
Kurz vor Weihnachten 1919 brachten Berliner Blätter die Nachricht, daß
ein Frettchen in die Wiege eines Säuglings gekrochen sei und ihm einen
Augapfel ausgefressen habe, was den Tod des kleinen Wesens zur Folge
hatte. Natürlich war dieser Vorfall nur möglich, weil die Eltern nicht
zugegen waren, da sie auf Arbeit gegangen waren.
Ein solcher Fall ist nicht das erste Mal vorgekommen, und wird nicht
der letzte seiner Art sein. Deshalb sei er etwas näher besprochen.
Es wurde schon erwähnt, daß das Frettchen seit Jahrtausenden zur
Kaninchenjagd dient. Schon in Friedenszeiten gab es eine Unmenge
Frettierer. Im Kriege, wo der Fleischhunger aufs höchste gestiegen
war, wurde natürlich erst recht frettiert. Das Frettchen als Ernährer
der Familie wurde besonders gepflegt, zumal es wie alle Albinos sehr
frostig ist. Es wurde daher von dem Frettierer in seine Wohnung
genommen.
Die Fütterung der Frettchen besteht gewöhnlich aus Milch und Semmeln.
Wir haben unsern Frettchen hin und wieder stets tierische Nahrung
gegeben, also Sperlinge und andere Vögel.
Wenn ein Tier, das an tierische Speise gewöhnt ist, plötzlich nur
Pflanzenkost erhält, dann sucht es sich irgendwie Ersatz. Hühner rupfen
sich die Federn aus und werden Eierfresser, Sauen und Mäuse fressen
ihre eigenen Jungen. Darauf haben wir schon wiederholt hingewiesen
(Kap. 106).
So hat das Frettchen bei den einfachen Leuten wahrscheinlich nur
Pflanzenkost erhalten, wie das so üblich ist. Eines Tages hat es beim
Umherkriechen das junge Menschenfleisch gewittert, das Raubtier ist in
ihm erwacht, und das Unglück ist geschehen.
Wehrlose Kinder soll man also mit einem Frettchen nicht unbeaufsichtigt
in demselben Raume lassen.
Manche warnen auch vor der Haltung einer Katze, weil sie sich auf
den Säugling in der Wiege legen und ihn totdrücken kann. Trotz aller
Bemühungen habe ich einen solchen Fall bisher nicht feststellen können.
Da aber die Möglichkeit besteht, so ist Vorsicht unbedingt am Platze.
140. Das Frettchen in Redensarten und Sprichwörtern.
Vom Frettchen finde ich keine Redensarten oder Sprichwörter angeführt.
Dagegen hat der Iltis oder Ratz, der Stammvater des Frettchens, zur
Redensart Anlaß gegeben:
*Er schläft wie ein Ratz.*
Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, daß ich in einem sehr
iltisreichen Jagdgebiet den Iltis stets schlafend in der Kastenfalle
vorgefunden habe. Die Redensart: Er schläft wie ein Ratz -- nicht Ratte
-- ist also ganz der Wirklichkeit entsprechend.
Das Huhn
141. Warum kräht der Hahn?
Um uns Hühner anzusehen, brauchen wir nicht erst nach einem Vorort zu
wandern. Vielleicht hat es niemals so viel Hühner in Berlin gegeben,
wie gerade jetzt. Wenn man früh morgens die Fenster öffnet, dann kräht
es aus verschiedenen Kellern.
Da ist beispielsweise ein Kohlenplatz in der Nähe, auf dem Hühner
gehalten werden. Der Hahn waltet stolz seines Amtes als Herrscher
und Wächter, während die unscheinbaren Hennen anscheinend nur
an die Füllung ihres Magens denken. Bisher hat man es für ganz
selbstverständlich angenommen, daß der Hahn ein stolzes, kampflustiges
Geschöpf ist. Das ganze Benehmen stimmt fast in allen Einzelheiten mit
dem eines stolzen Menschen überein. Vorsichtig setzt er seine Füße, als
ob er ganz von der Wichtigkeit seiner Persönlichkeit durchdrungen ist.
Scharf schauen seine Augen umher, ob er irgendwie einen Verstoß gegen
seine Herrenrechte oder etwas Gefährliches entdeckt. Dann kräht er zur
Abwechselung wieder einmal und schlägt dabei mit den Flügeln, als wenn
er sagen wollte: »Hier ist der Mittelpunkt der Erde, weil ich hier
stehe -- zweifelt irgend jemand daran?«
Warum kräht der Hahn? Die Sache ist ähnlich wie bei dem Bellen des
Hundes. Eine Fähigkeit, die beim wilden Tiere bestand, hat sich
außerordentlich entwickelt, nachdem das Tier ein Haustier geworden ist.
Schläft man auf dem Lande, so kann man in tiefer Nacht häufig
Hähnekonzerte hören und vom menschlichen Standpunkt aus folgendermaßen
schildern. Ein Hahn ist aufgewacht, und da er der Meinung ist, daß
es ganz zweckmäßig wäre, wenn er einmal krähte, so kräht er eben.
Rücksicht auf die Hennen und deren Schlaf nimmt er nicht. Ein anderer
Hahn ist von dem Krähen aufgewacht und sagt sich: »Es könnte sein, daß
die Welt denkt, es gäbe nur den Hahn von Lehmanns. Das geht nicht.
Deshalb werde ich auch einmal krähen.« Denkts und kräht ebenfalls. So
geht die Runde durch die Häuser des Dorfes. Der erste Kräher läßt es
aber mit dem einen Male nicht bewenden, und die andern ebenfalls nicht.
So geht das Konzert eine ganze Weile. Das größte Wunder ist eigentlich,
daß es schließlich doch verstummt. Die Müdigkeit trägt schließlich den
Sieg davon über den Wunsch: Mein Feind darf nicht das letzte Wort haben.
Wir halten also den Hahn für stolz und eingebildet. Ob wir unbedingt
recht haben, läßt sich nicht so leicht sagen, weil wir Menschen eben
stets unsere menschlichen Verhältnisse als Maßstab nehmen. Für die
Richtigkeit unserer Ansicht spricht, daß man den Hahn demütigen kann.
So soll er nach den Angaben eines vortrefflichen Naturforschers ganz
kleinlaut werden, wenn man ihm die Schmuckfedern abschneidet.
Heute kennen wir auch die Stammeltern unserer Haushühner. Es ist das
Bankivahuhn, _Gallus gallus_, das im warmen Indien lebt. In der Nacht
schläft es auf Bäumen. Unsere Hühnerleiter ist weiter nichts als eine
Nachahmung der Zweige, die es in seiner Heimat zur Nachtzeit als
Ruhestätte benutzt.
So wenig wir von der Lebensweise des Bankivahuhns wissen, das eine
können wir mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß es schwerlich so oft in
dunkler Nacht krähen wird.
Als Beweis können wir das Benehmen unserer Sperlinge anführen. In
früheren Jahren, als die pferdelose Straßenbahn noch nicht fuhr, gab es
viel mehr Sperlinge in Berlin. Auf dem Belle-Alliance-Platz hielten sie
auf den Platanen, ehe die Nacht einbrach, ordentliche Parlamente ab.
Ehe sie morgens das warme Nest verließen, hielten sie stets eine kleine
Morgensprache ab. Hörte ich das erste Schilpen der Sperlinge und ging
ans Fenster, so war stets eine gewisse Helligkeit vorhanden.
Der Grund hierfür ist ganz einleuchtend. Das Benehmen eines
freilebenden Tieres wird durch seine Feinde bestimmt. Für die Sperlinge
sind die Hauptfeinde in der Nacht die kleinen Eulen und das kleine
Wiesel. Sie schilpen also erst, wenn es bereits so hell ist, daß sie
vor einem Feinde rechtzeitig flüchten können. In der Nacht denken sie
nicht daran, zu schilpen. Sie würden nur ihre Feinde auf ihr Versteck
aufmerksam machen, und könnten in der Dunkelheit nicht flüchten.
Man kann wohl ohne Uebertreibung behaupten, daß in Berlin eine Gefahr
für die Sperlinge zur Nachtzeit kaum besteht. Die Nester werden
gewöhnlich so angelegt, daß bei vierstöckigen Gebäuden selbst ein
kletterfertiger Knabe schwerlich zu ihnen gelangt. Wiesel gibt es
innerhalb des Weichbildes des alten Berlins kaum, und sie können bei
unsern hohen Gebäuden den Sperling auch nicht schädigen. Auch Eulen
sind so selten, daß sie kaum in Betracht kommen.
Der Bankivahahn in Indien wird also auch erst ordentlich krähen, sobald
es so hell geworden ist, daß er vor einem Feind flüchten kann. In der
Nacht haben verschiedene Räuber Sehnsucht nach einem Hühnerbraten. Der
Bankivahahn hat also hinreichenden Grund, den Schnabel zu halten.
Bei uns werden Auerhahn und Birkhahn, die ebenfalls in der Nacht
auf Bäumen schlafen, vom Marder und Uhu verfolgt. In Indien kommen
als Feinde der Vögel noch die Nachtaffen hinzu, die geräuschlos wie
Gespenster den schlafenden Vögeln den Hals umdrehen.
Unsere Auerhähne und Birkhähne balzen, d. h. tanzen wie die Verrückten,
wenn der Frühling kommt und ihre Herzen mit Liebessehnsucht erfüllt.
Dann sind sie manchmal wie blind und taub, wodurch sie dem Jäger
Gelegenheit zu ihrer Erlegung bieten. Die übrige Zeit hindurch sind sie
sehr scheu und lautlos.
Der Bankivahahn wird es ebenso machen. Er wird hauptsächlich im
Frühjahr krähen, um den Hennen zu zeigen, wo er sitzt, und den andern
Hähnen die Mitteilung zu machen, daß er zu einem Kampfe mit ihnen
bereit ist.
Das Krähen des Hahnes ist also wie das Bellen des Hundes erst zur
Entwicklung gelangt, seitdem das vordem wilde Tier Haustier wurde.
Es hat vor seinen Feinden keine Furcht mehr im sichern Hühnerstall.
Die gute Fütterung sorgt dafür, daß die Frühlingsstimmung anhält. So
erklärt sich das häufige Krähen, namentlich in der dunklen Nacht.
Aufmerksame Tierbeobachter wollen herausgefunden haben, daß der Hahn
nur bei bevorstehender Luftveränderung kräht. Da sich mit Anbruch des
Tages die Luft verändert, so wäre das der wahre Grund, daß der Hahn
morgens kräht. Es ist möglich, daß diese Ansicht begründet ist, aber
mit meinen Beobachtungen will sie nicht immer übereinstimmen. -- Vorhin
wurden einige Feinde des Huhns angeführt. Der Vollständigkeit halber
sei noch erwähnt, daß sich zu ihnen noch zahlreiche andere Raubtiere,
z. B. der Fuchs sowie die Tagraubvögel gesellen.
142. Der Lockruf des Hahns.
Unser Hahn hat jetzt -- was auf beschränktem Raum gewiß nicht häufig
vorkommt -- einen guten Bissen gefunden und gibt einen eigentümlichen
lockenden Ruf von sich, auf den die Hennen hinzugestürzt kommen. Man
muß sich freuen, daß der Hahn etwas, was ihm selbst sehr gut schmecken
würde, freiwillig seinen Damen überläßt. Mancher Familienvater könnte
sich hieran ein Beispiel nehmen.
Abseits von den übrigen Hennen befindet sich durch ein Gatter getrennt
eine Glucke, die ihre Küchlein führt. Es ist ein allerliebster
Anblick, diese kleinen Dinger, die erst einige Tage alt sein können,
in Gemeinschaft mit ihrer wachsamen Mutter auf Nahrungssuche ausgehen
zu sehen. An der Pflege und Aufzucht der Kleinen beteiligt sich der
Hahn nicht. Man kann daraus ersehen, daß es unrichtig ist, menschliche
Verhältnisse auf tierische ohne weiteres zu übertragen. Für uns scheint
es gerade die besondere Aufgabe des Vaters zu sein, seinen Kindern in
Gemeinschaft mit der Mutter Pflege und Nahrung zu verschaffen.
Da der Hahn in Vielehe lebt, und jedes Weibchen etwa ein Dutzend Kleine
führt, so könnte der Hahn höchstens bei einem Dutzend einer bestimmten
Henne Vaterpflichten erfüllen. Jedenfalls wäre es ihm ganz unmöglich,
es bei allen Nachkommen zu tun. So erklärt sich die Gleichgültigkeit
gegen seine Nachkommenschaft in einfacher Weise.
Uebrigens ist diese Gleichgültigkeit nur scheinbar. Sobald ein Feind
naht, der die Kleinen gefährdet, etwa ein Raubvogel, so tritt der Hahn
zu ihrem Schutze ein. Ebenso übernimmt er häufig die Sorge für die
Kleinen dann, wenn die Henne plötzlich verunglückt.
Wenn wir auf die Lautäußerungen der Hühner sorgfältig achten, so werden
wir finden, daß eine ziemliche Anzahl verschiedener Laute bei ihnen
verwendet wird. Sehen wir vom Krähen und Gackern, sowie dem Lockruf ab,
so ist ein Warnruf auffallend, namentlich wenn der Hahn einen Raubvogel
zu Gesicht bekommt. Bei den Papageien werden wir noch näher darauf zu
sprechen kommen. Die Erklärung, daß die Tiere keine Sprache haben, weil
sie sich nichts zu sagen haben, kann uns nicht gefallen. Kann der Hahn
seinen Damen etwas wichtigeres mitteilen, als wenn er ruft: Kommet her,
hier ist ein guter Bissen.
143. Wie unterscheiden sich Hühner und Tauben?
Auf dem Dache des Hauses sitzen ein Dutzend Tauben. Wir können so recht
den Unterschied zwischen ihnen und den Hühnern ins Auge fassen.
Zunächst fragen wir: Warum sitzen die Hühner, die doch ebenfalls
Vögel sind, nicht wie die Tauben auf dem Dache? Ja, warum? Weil alle
Hühnervögel schlechte Flieger sind. Vögel können zwar fliegen, aber
manche sehr gut, manche nur sehr schlecht. Es ist genau so wie bei dem
Laufen. Es gibt Windhunde, die sehr schnell laufen, und Dachse, die
sehr langsam sind.
Die Hühner gehören zu den schlechten Fliegern. Ja, der Strauß, der
größte von den Hühnervögeln, kann gar nicht fliegen.
Bei der Jagd auf Rebhühner kann man erleben, daß die Hühner bei starkem
Winde nicht auffliegen wollen. Sind sie ein paarmal geflogen, so haben
sie genug davon und wollen nicht mehr.
Als Ersatz für die schwache Fliegekunst sind die Hühner vorzüglich auf
den Beinen. Das Huhn ist der richtige Beinvogel. Es rennt vorzüglich.
Hat man einen Fasanen geschossen und nur flugunfähig gemacht, so hat
man ihn noch lange nicht. Er rennt davon mit einer Schnelligkeit, daß
man ihn ohne Hund nicht bekommt. Dagegen kann eine wilde Taube, die man
in gleicher Weise verwundet, nicht von der Stelle fort.
Wirklich hervorragende Flieger haben kleine Füße. Der Mauersegler,
der vom 1. Mai bis zum 1. August die Höhen von Berlin durcheilt, ist
wohl unser bester Flieger. Er tummelt sich den ganzen Tag in der Luft.
Seine Füßchen sind so klein, daß sie nur zum Ankrallen dienen. In der
Tierkunde führt er den Namen »der Fußlose«, was natürlich übertrieben
ist.
Je kleiner die Füße, desto weniger Gepäck hat der fliegende Vogel zu
tragen. So kann man schon an den Beinen ungefähr erkennen, was für
einen Flieger man vor sich hat.
Tauben gehören zu den guten Fliegern. Mit den Mauerseglern können sie
sich natürlich nicht messen. Entsprechend ihrem guten Fluge haben
sie kleine Füßchen, mit denen sie nicht rennen, sondern eigentlich
nur trippeln können. Bei drohender Gefahr läuft daher das Huhn fort,
während die Taube fortfliegt. Das Huhn hat das bißchen Fliegerkunst,
die es als wildes Tier noch besaß, als Haustier fast völlig eingebüßt.
Ueber einen mannshohen Zaun zu fliegen, kostet ihm schon Anstrengung.
Für uns Menschen ist es natürlich ganz angenehm, daß das Huhn kaum
fliegen kann. Es erleichtert uns die Ueberwachung.