In Wirklichkeit beweist diese Eigentümlichkeit sehr wenig. Das Schaf

tut nur das, was seine Vorfahren seit Urzeiten getan haben. Wildschafe

folgen dem leitenden Widder und tun wohl daran. Er hat die freieste

Aussicht, und die Stellen, die ihn tragen, halten sicherlich auch

das Gewicht der andern Mitglieder des Rudels aus. Deshalb ist es das

Klügste, was ein Wildschaf tun kann, daß es sich nach dem Vordermann

richtet. Genau ebenso handeln Affen- und Elefantenherden. Der Affe

weiß, daß der Ast, der den Leitaffen getragen hat, nicht brechen wird,

wenn er auf ihn springt. Wollten Wildschafe, Affen und Elefanten anders

handeln, beispielsweise bei einer rasenden Flucht ihre eigenen Wege

gehen, so würden sie bald verunglücken.

Deshalb tritt auch der kluge Mensch bei schwierigen Gebirgswanderungen

in die Fußstapfen seines Führers.

Die Dummheit des Schafes besteht also lediglich darin, daß es etwas,

was im Gebirge sehr zweckmäßig ist, auf die Ebene überträgt, wo es ganz

sinnlos ist. Aber tut der kluge Hund nicht genau dasselbe? Will er

nicht seinen Unrat in dem steinharten Bürgersteig verscharren?

122. Warum sieht das Schaf so furchtbar ängstlich aus?

Schauen wir unserm Schaf in die Augen, so leuchtet die größte Angst aus

ihnen hervor. Aber ist das eigentlich wunderbar?

Vom Hasen gibt es ein Gedicht, worin alle seine Feinde aufgezählt

werden, die ihn alle gern fressen möchten. Beim Wildschafe liegt die

Sache nicht viel anders. Seine Feinde sind Wölfe, Luchse, Bären und

Lämmergeier. Seine Jungen werden vom Adler bedroht. Der Hauptfeind ist

natürlich der Mensch.

Gegen alle seine Feinde besitzt es nur eine Waffe -- die Flucht ins

Gebirge. Diese Verteidigungsart haben wir ihm geraubt, indem wir es in

die ebene Gegend gebracht haben.

Wie soll ein Tier nicht ängstlich sein, dem wir seinen letzten

Zufluchtsort geraubt haben, und das aus Erfahrung weiß, wieviele Feinde

es hat?

Die anderen Dummheiten, die man dem Schafe vorwirft, werden auch von

andern Haustieren gemacht. Es rennt in den brennenden Stall zurück,

weil ihm nur bei der Herde wohl ist. Das tun auch, wie wir wissen, die

klugen Pferde.

Das Pferd schweigt, wenn es den Todesstich erhält. Er wird deswegen von

Dichtern als edles Tier gefeiert, obwohl das damit nicht das mindeste

zu tun hat. Das Schaf, das ebenfalls schweigend stirbt, wird dagegen

von den Dichtern nicht gefeiert. Es wird überall verschieden gemessen.

Schießt der Jäger auf eine wildernde Katze, so faucht sie höchstens,

schießt er auf einen wildernden Hund, so heult er. Alle Tiere, die

sich beistehen, geben bei schweren Verwundungen Schmerzensschreie von

sich (vgl. Kap. 58). Da Katzen, Pferde, Ziegen, Schafe usw. sich nicht

beistehen, so sterben sie lautlos. Der einzeln lebende Keiler erhält

stumm die Todeswunde, dagegen schreien die einzelnen Mitglieder eines

Wildschweinrudels, weil sie sich gegenseitig beistehen.

123. Geschichten von Schafen.

Nicht die Dummheit der Schafe bereitet uns Menschen soviel Aerger,

sondern die aus früheren Zeiten vererbten Eigentümlichkeiten. Sachlich

ist das natürlich kein großer Unterschied. Es lehrt uns aber, milder

über ein Tier zu denken.

Ueber die Not, die Schafe und Hirten in Süd-Rußland bei Schneestürmen

erleiden, teilte ein alter Hirt einem deutschen Reisenden folgende

Tatsache mit: »Wir weideten in der Steppe von Otschakow, unser sieben,

an 2000 Schafe und 150 Ziegen. Es war gerade zum erstenmal, daß wir

austrieben, im März. Das Wetter war freundlich und es gab schon

frisches Gras. Gegen Abend aber fing es an zu regnen, und es erhob

sich ein kalter Wind. Bald verwandelte sich der Regen in Schnee,

es wurde kälter, unsere Kleider starrten, und einige Stunden nach

Sonnenuntergang stürmte und brauste der Wind aus Nordosten, so daß uns

Hören und Sehen verging. Wir befanden uns nur in geringer Entfernung

von Stall und Wohnung und versuchten es, die Behausung zu erreichen.

Der Wind hatte indessen die Schafe bereits in Bewegung gesetzt und

trieb sie immer mehr von der Wohnung ab. Wir wollten nun die Geißböcke,

denen die Herde zu folgen gewohnt ist, zum Wenden bringen, aber so

mutig dieses Tier bei allen anderen Ereignissen ist, so sehr fürchtet

es die kalten Stürme. Wir rannten auf und ab, schlugen und trieben

zurück und stemmten uns gegen Sturm und Herde, aber die Schafe drängten

und drückten aufeinander und der Knäuel wälzte sich unaufhaltsam die

ganze Nacht weiter und weiter fort. Als der Morgen kam, sahen wir

nichts als rund um uns her lauter Schnee und finstere Sturmwüste.

Am Tage blies der Sturm nicht minder wütend, und die Herde ging

fast noch rascher vorwärts als in der Nacht, wo sie von der dicken

Finsternis noch mitunter gehemmt ward. Wir überließen uns nun unserem

Schicksal, es ging im Geschwindschritt fort, wir selber voran, das

Schafgetrappel blökend und schreiend, die Ochsen mit dem Proviantwagen

im Trabe und die Rotte unserer Hunde heulend hinterdrein. Die Ziegen

verschwanden uns noch an diesem Tage, überall war unser Weg mit dem tot

zurückbleibenden Vieh bestreut. Gegen Abend ging es etwas gemacher,

denn die Schafe wurden vom Hungern und Laufen matter. Allein leider

sanken auch zugleich uns die Kräfte. Zwei von uns erklärten sich krank

und verkrochen sich im Vorratswagen unter den Pelzen. Es wurde Nacht,

und wir entdeckten noch immer nirgends ein rettendes Gehöft oder Dorf.

In dieser Nacht ging es uns noch schlimmer als in der vorigen, und da

wir wußten, daß der Sturm uns gerade auf die schroffe Küste des Meeres

zutrieb, so erwarteten wir alle Augenblicke, mitsamt unserem dummen

Vieh ins Meer hinabzustürzen. Es erkrankte noch einer von unseren

Leuten. Als es Tag wurde, sahen wir einige Häuser uns zur Seite aus dem

Schneenebel hervorblicken. Allein obgleich sie uns ganz nahe waren,

höchstens 30 Schritte vom äußersten Flügel unserer Herde, so kehrten

sich doch unsere dummen Tiere an gar nichts und hielten immer den ihnen

vom Winde vorgezeichneten Strich. Mit den Schafen ringend verloren

wir endlich selber die Gelegenheit, zu den Häusern zu gelangen; so

ganz waren wir in der Gewalt des wütenden Sturmes. Wir sahen die

Häuser verschwinden und wären, so nahe der Rettung, doch noch verloren

gewesen, wenn nicht das Geheul unserer Hunde die Leute aufmerksam

gemacht hätte. Es waren deutsche Kolonisten, und der, welcher unsere

Not zuerst entdeckte, schlug sogleich bei seinen Nachbarn und Knechten

Alarm. Diese warfen sich nun, 15 Mann an der Zahl, mit frischer

Gewalt unseren Schafen entgegen und zogen und schleppten sie, uns und

unsere Kranken allmählich in ihre Häuser und Höfe. Unterwegs waren

uns alle Ziegen und 500 Schafe verlorengegangen. Aber in dem Gehöfte

gingen uns auch noch viele zugrunde, denn sowie die Tiere den Schutz

gewahrten, den ihnen die Häuser und Strohhaufen gewährten, krochen sie

mit wahnsinniger Wut zusammen, drängten, drückten und klebten sich in

erstickenden Haufen aneinander, als wenn der Sturmteufel noch hinter

ihnen säße. Wir selber dankten Gott und den guten Deutschen für unsere

Rettung; denn kaum eine halbe Viertelstunde hinter dem gastfreundlichen

Hause ging es 20 Klaftern tief zum Meere hinab.«

124. Warum braucht der Schäfer einen Hund?

Weil die Schafe vom Gebirge in die Ebene gebracht worden sind, die

ihnen gar nicht naturgemäß ist, und in der sie sich wie sinnlos

benehmen, deshalb ist ein schnellfüßiger Gehilfe für den Schäfer eine

Notwendigkeit.

Der Hund ist dazu wie geschaffen, weil er, wie wir wissen, von

Vorfahren stammt, denen das Umkreisen der Pflanzenfresser etwas

Geläufiges war.

Es gibt zahlreiche, gut verbürgte Geschichten, wonach Schäferhunde

unersetzliche Dienste geleistet haben. Folgende scheint mir der

Anführung wert zu sein, da sie von einem ganz unparteiischen

Eisenbahnbeamten bestätigt worden ist. Der Schäfer hatte über den Durst

getrunken und schlief ganz fest. Die Herde ging heimwärts und kam

dabei an das Bahngleise. In diesem Augenblick brauste der Schnellzug

heran. Der Bahnwärter glaubte, daß wenigstens die halbe Herde zermalmt

werden würde. Doch der Schäferhund lief eiligst zum Gleise und duldete

nicht, daß ein Schaf sich ihm näherte. Erst dann führte er die Herde

über das Gleis zum heimischen Stall.

125. Mufflon und Hausschaf. Neue Futterquellen für unsere Hausschafe.

In unserem Zoologischen Garten befindet sich seit Jahren ein

Mufflonbock mit mächtigem Gehörn. Wir wollen uns diesen etwas näher

betrachten.

Die Verwandtschaft mit unserm Hausschaf ist, wenn man von seinem

Hörnerschmuck absieht, unverkennbar. Das Weibchen hat jetzt ein Junges,

das nach der Tafel am 22. März geboren worden ist. Da wir Anfang Juni

schreiben, so ist es fast drei Monate alt.

Mutter und Kind erinnern sehr an unser Hausschaf, wenn es ein Lamm bei

sich hat. Namentlich das häufige Mähen trägt zur Uebereinstimmung bei.

Aber das Mufflonjunge, das auf einem Felsen steht, sieht naturgemäß

aus, was man von unsern Lämmlein nicht immer sagen kann.

Nachdem ich an Mufflons, die bei uns ausgesetzt worden sind, z. B.

denen bei Dresden, festgestellt hatte, daß sie gern Roßkastanien

fraßen, habe ich auch vor Jahren dem Berliner Bock eine angeboten.

Er war ganz wild danach. So zurückhaltend er sonst ist, so kam er

oben vom Felsen hastig angelaufen, sobald ich nur mit einer Kastanie

an das Gitter klopfte. Als ich diese Leidenschaft für Kastanien bei

den Wildschafen entdeckt hatte, versuchte ich die Fütterung auch

bei Hausschafen und Ziegen. Beide waren ebenfalls ganz wild danach.

Schweine dagegen haben sie, wie schon erwähnt wurde, abgelehnt.

Auf die Fütterung mit Kastanien kam ich folgendermaßen. Die Roßkastanie

stammt aus den Gebirgsländern des Mittelländischen Meeres. Gerade im

Gebirge dieses Meeres sind die Mufflons heimisch. Folglich spricht die

Wahrscheinlichkeit dafür, daß sie ein passendes Futter sind.

Die Kastanien brauchen bei Schafen und Ziegen nicht entbittert zu

werden. Der Geschmack des Menschen ist nicht der gleiche wie der von

den Tieren. Der Hase frißt ja fast nur Bitterstoffe. Es würden lauter

Gift- und Bitterpflanzen bei uns wachsen, wenn diese nicht auch in der

Tierwelt Liebhaber fänden.

An Lämmer aber soll man keine Kastanien verfüttern. Wenn die Kastanien

reif sind, dann gibt es keine Mufflonlämmer, sondern diese sind dann

schon fast ausgewachsen.

Die Mufflons stehen im Winter unter Nadelhölzern. Hiernach sind

Kiefernadeln, an denen wir einen unendlichen Ueberfluß haben, im Winter

ein sehr naturgemäßes Futter für Hausschafe.

126. Die Rassen des Hausschafs.

Man teilt die Schafe verschieden ein. Nach dem Haarwuchs gibt es

folgende Rassen: 1. Haarschafe; 2. Mischwollschafe, zu denen die

Heidschnucken in der Lüneburger Heide gehören, ebenso das ostfriesische

Milchschaf und pommersche Landschafe, wenngleich zu verschiedenen

Unterabteilungen; 3. Schlichtwollschafe, zu denen das Rhönschaf und

andere Schafrassen in Mitteldeutschland gehören; 4. Merinoschafe, die

seit 150 Jahren aus Spanien in Deutschland eingeführt worden sind. Man

unterscheidet bei ihnen das Elektoralschaf, Negrettischaf, schließlich

das französische und deutsche Kammwollschaf.

Die Engländer haben auch auf dem Gebiete der Schafzucht Hervorragendes

geleistet. Durch sie ist das Hammelfleisch wohlschmeckend und fett

geworden, was es früher nicht war. Von ihren Rassen sei erwähnt das

Leicesterschaf, die Southdowns usw.

Trotzdem man von Niederungs- und Höhenschafen spricht, so stammen auch

die Niederungsschafe aus Gebirgen. Und zwar lebten sie an den üppigen

Ufern der Gebirgsflüsse.

Die Niederungsschafe, wie das von uns vorgeführte ostfriesische

Milchschaf, verlangen daher üppige Weiden. Dafür liefern sie viel Milch

und sind sehr fruchtbar.

Sonst sind die Schafe Magerfresser, die bei zu kräftigem Futter leicht

erkranken.

Vor 60 Jahren gab es in Preußen etwa 16 Millionen Einwohner und fast

genau so viel Schafe. Bei Ausbruch des Krieges hatte das Deutsche Reich

gegen 70 Millionen Bewohner und nur 5 Millionen Schafe.

Die Schafzucht ist also ungeheuer gesunken. Früher hatten wir

ausgedehnte Weidegründe, die jetzt fehlen.

Das Schaf gehört wie die Ziege zu den paarzehigen Horntieren. Es ist

schon vor Ablauf des ersten Lebensjahres fortpflanzungsfähig. Die

Tragzeit beträgt etwa 5 Monate. Es kann bis zu 15 Jahre alt werden.

Es ist vielen Krankheiten ausgesetzt. Namentlich leidet es darunter,

daß es aus trockenen Höhen vielfach in nasse Niederungen versetzt

worden ist. Es stellen sich dann Moderhinke, Regenfäule und ähnliche

Krankheiten ein. Auf nassen Weiden bekommt es Bandwürmer, welche die

bekannte Drehkrankheit hervorrufen. Diese Bandwürmer stammen vom Unrat

des Hundes, weshalb bei Schäferhunden eine Bandwurmkur notwendig ist.

Es gibt Wollschafe und Fleischschafe, da man entweder auf Wolle oder

Fleisch züchtet. Doch hat man neuerdings Schafe gezüchtet, die eine Art

Mittelstellung einnehmen.

Früher war der Gewinn an Wolle maßgebend. Man scheert entweder einmal

oder zweimal im Jahre. Man teilt die Wolle ein in Elekta-, Prima-,

Sekunda- und Tertiawolle.

127. Das Schaf in Redensarten und Sprichwörtern.

Bereits erörtert wurden die Redensarten: dumm wie ein Schaf,

Schafsgesicht, wo ein Schaf vorgeht, da folgen die andern nach.

Es wären noch zu erwähnen:

Geduldige Schafe gehen viel in einen Stall.

Das ist eine Erfahrung, die bei der geduldigen und sanften Gemütsart

des Schafes nicht auffallend ist.

Sein Schäfchen ins Trockene bringen.

Wer gesehen hat, mit welcher Eile der Schäfer seine Schafe bei einem

herannahenden Gewitter in den Stall bringt und wie froh er ist,

wenn ihm sein Vorhaben gelungen ist, dem ist die Redensart ganz

einleuchtend. Sie ähnelt der Redensart: Sein Heu rein oder rin haben,

d. h. ebenfalls sein Heu geborgen haben, ohne daß es naß geworden ist.

Den Schafen wie dem Heu ist Nässe sehr nachteilig.

Auch Grimms Wörterbuch teilt die vorstehende Ansicht und lehnt die

Erklärung aus dem Holländischen: sein schepke = Schiff ins Trockene

bringen, ab, zumal die Redensart bei uns viele Jahrhunderte alt ist.

[Illustration: Schafherde im Dorfe]

Das Kaninchen

128. Warum trinkt das zahme Kaninchen, das Wildkaninchen nicht?

Um uns Kaninchen anzusehen, brauchen wir nur zu unserm Nachbarn, dem

freundlichen Wirt Herrn Lankenheim zu gehen. Er selbst ist leider nicht

anwesend, und seine stets fleißige Frau schafft in der Küche. So muß

denn die älteste Tochter die Führung übernehmen.

Sie gibt den Tieren zunächst Futter, wobei sie tüchtig zulangen. Ebenso

gibt sie ihnen auch zu trinken.

Das zahme Kaninchen trinkt, was uns ganz selbstverständlich erscheint.

So selbstverständlich ist die Sache aber keineswegs. Denn unzweifelhaft

stammt das zahme Kaninchen vom Wildkaninchen ab. Dieses trinkt nicht.

Jedenfalls hat noch niemand ein Wildkaninchen an einer Tränkstelle

gesehen. Weil es niemals trinkt, so kann es in sandigen Gegenden leben,

wo weit und breit kein Wasser ist. Uebrigens ist das Leben ohne zu

trinken keineswegs nur eine Eigentümlichkeit des Wildkaninchens. Auch

Hirsche und anderes Wild leben in solchen wasserleeren Oertlichkeiten.

Gewöhnlich wird das Kamel als Muster dafür angeführt, daß es ein

Geschöpf ist, das acht Tage lang ohne zu trinken leben kann. Man

braucht nicht nach Afrika zu gehen, um ein solches Tier ausfindig zu

machen.

Denn Wildkaninchen leben selbst in Berlin mehr als genug. Am

Königsplatz kann man sie abends oft huschen sehen. Und ist Schnee

gefallen, so erkennt man an den Spuren, daß es eine ganze Menge im

Tiergarten gibt. In anderen Gegenden Berlins, namentlich im Nordosten

soll es noch schlimmer sein.

Im Anfange dieses Jahrhunderts waren sie in der Umgebung Berlins

geradezu eine Landplage. Wurde es abends dunkel, dann wimmelten die

ganzen Felder davon. Ich wohnte damals bei einem Förster, der an jedem

Tage mindestens ein Dutzend schoß. So erhielt man bei jedem Mittagessen

ein junges Kaninchen vorgesetzt. Denn die Landbevölkerung wollte keine

essen, obwohl ihr das Stück zu fünfzig Pfennigen angeboten wurde. Der

Bauer ißt eben nicht, was er nicht kennt, wie schon das Sprichwort sagt.

Oft genug hat mir damals der Förster geklagt, daß wir gegen diese

Landplage machtlos seien. Seit Jahren ist aber von ihr nichts mehr zu

spüren. Man merkt kaum noch, daß welche vorhanden sind.

Das Wildkaninchen stammt aus warmen und trockenen Gegenden in der

Nähe des Mittelländischen Meeres. Insbesondere soll es sich im

Altertum auf den Balearen so vermehrt haben, daß die Bewohner bereits

den Plan der Auswanderung faßten. Auch heute ist dem Kaninchen diese

Eigentümlichkeit geblieben, daß es Nässe flieht. Ebenso fühlt es sich

in der Wärme am wohlsten.

Es lebt in selbstgegrabenen Bauen, die leicht auffallen, weil sie stets

in Bodenerhebungen angelegt sind. Das hat natürlich seinen wichtigen

Grund. Die Gänge des Wildkaninchens führen ziemlich tief. Würde es nun

auf glattem Boden seine Höhlen graben, so gelangte es bald auf das

Grundwasser. Wasser aber meidet es, wie wir wissen.

Das Weibchen hat den ganzen Sommer über Junge. Im Gegensatz zu dem

jungen Hasen, der behaart und mit offenen Augen geboren wird, sind die

jungen Wildkaninchen unbehaart und öffnen erst am neunten Tage die

Augen. Der Unterschied in der Entwicklung der Jungen ist also ebenso

groß wie die zwischen jungen Pferden und jungen Hunden.

Während die jungen Hasen auf die blanke Erde oder in eine

Bodenvertiefung gesetzt werden, wird für das junge Kaninchen ein warmes

Nest bereitet. Die Mutter opfert für die Auspolsterung ihre eigenen

Bauchhaare. Am Tage pflegt das Wildkaninchen die Jungen an einer

bestimmten Stelle einzugraben. Das schützt sie aber vor der feinen Nase

des Fuchses nicht. Ich habe oft Stellen gefunden, wo der Fuchs die

Kleinen gewittert und ausgegraben hatte.

Das Wildkaninchen rettet sich vor seinen Feinden dadurch, daß es

schnell in seinen Bau flüchtet. Im Sommer wählt es auch eine Deckung.

Aber ein Dauerläufer, wie der Hase, ist es nicht. Auf einem freien

blanken Felde würde jeder mäßige Hund ein Wildkaninchens einholen.

Schon aus diesem Grunde kann ein Wildkaninchen keine Tränkstelle

aufsuchen.

Was tut denn nun das Wildkaninchen, da doch jedes Geschöpf Feuchtigkeit

zu sich nehmen muß? Es frißt saftige Pflanzen und leckt den Tau, der

in unsern Gegenden reichlicher ist, als man gewöhnlich annimmt. Es ist

klar, daß eine Wildkaninchenmutter, die Junge säugt, sehr wasserreiche

Nahrung zu sich nehmen und lange Zeit Tautropfen lecken muß, um die

erforderliche Flüssigkeit zu erhalten.

In der Pflege des Menschen ist das zahme Kaninchen von den Tautropfen

abgeschnitten und muß daher, wie die andern Tiere, trinken.

129. Welches sind die Feinde des Kaninchens?

Außer dem Menschen, dem stärksten Raubtier, hat das Kaninchen wohl

ebensoviele Feinde wie sein Vetter, der Hase. Nur ist es insofern

besser daran, als es in seinen Bau flüchten kann, was es regelmäßig

tut, wenn es Gefahr merkt. Es klopft dann mit den Hinterfüßen auf, und

die ganze Gesellschaft verschwindet unter der Erde. Denn im Gegensatz

zum Hasen lebt das Kaninchen in Gesellschaften.

Wie alles Wild, so ist auch das Wildkaninchen ein nächtliches Tier,

das mit dem Eintritt der Dunkelheit auf Nahrungssuche ausgeht. Deshalb

werden ihm in erster Reihe die nächtlichen Raubvögel, also der Uhu und

andere große Eulen, gefährlich. Am Tage sonnt es sich gern und läßt

sich auch sonst an den langen Sommertagen blicken. Hierbei wird es

leicht eine Beute der großen Tagraubvögel, namentlich des Adlers und

des Habichts, soweit diese noch nicht ausgerottet sind.

Jeder Fuchs und Dachs, früher auch Wölfe und Luchse, sucht gern ein

Kaninchen zu erbeuten. Da wir die meisten Raubtiere ausgerottet haben,

müssen wir an ihre Stelle treten.

Am schlimmsten sind für das Kaninchen die Feinde, die ihm in seinen Bau

folgen können, namentlich Marder und Iltis. Ein Albino des Iltis heißt

Frettchen, von dem wir noch sprechen werden (Kap. 138).

130. Zweckmäßige Behandlung unseres Kaninchens.

Wenn man die Lebensweise des Wildkaninchens genau kennt, so kann man

sich ein ungefähres Bild davon machen, wie man das zahme Kaninchen

halten soll.

Sehr schön ist es, daß Herr Lankenheim seine Kaninchenstallung so

angelegt hat, daß sich die Tiere sonnen können. Alle nächtlichen Tiere

sonnen sich gern, wie wir wissen.

Ebenso ist es wichtig, daß auf große Reinlichkeit gesehen wird durch

Abflußrinnen für flüssige Ausscheidungen und häufige Entfernung der

festen Entleerungen. Das Wildkaninchen legt seinen Unrat außerhalb des

Baues ab, legt also Wert auf ein reines Lager.

Es ist richtig, das Männchen, den Rammler, von den Jungen zu trennen.

In der Freiheit hat die Mutter Gelegenheit, die Jungen vor ihm zu

schützen. Uebrigens macht der Wildkaninchenvater den Eindruck, daß ihm

das Wohlergehen seiner Nachkommenschaft von Wichtigkeit ist. Sonst sind

die Väter bei den Säugetieren bekanntlich keine Musterväter.

Wie das Wildkaninchen, so vergräbt auch häufig das zahme Kaninchen

seine Jungen. Ordentlich komisch sieht es dann aus, wie es mit der

gleichgültigsten Miene von der Welt allein in der Nähe umherrennt,

als ob es von gar nichts wüßte. So ganz fern von Verstellung ist also

selbst ein Kaninchen nicht.

Das zahme Kaninchen steht also geistig höher, als man gewöhnlich

annimmt. Das ist auch ganz naturgemäß, denn das Wildkaninchen wird

kein Jäger für ein dummes Tier erklären. Die Sache liegt ähnlich

beim Schwein. Auch dieses ist nicht so dumm, wie man es gewöhnlich

hinstellt. Es läßt sich abrichten und kann sogar den Hund bei der

Jagd ersetzen, da es eine feinere Nase als der Hund besitzt. Auch

hier findet sich eine Uebereinstimmung mit den geistigen Gaben der

Stammeltern. Denn auch das Wildschwein zeigt sich bei der Jagd durchaus

nicht beschränkt.

Leider nimmt das Kaninchen in der Gefangenschaft manchmal die

ungeeignetsten Gegenstände zum Verbergen der Jungen, beispielsweise

den irdenen Futternapf. Natürlich können dadurch die zarten, kahlen

Dingerchen leicht getötet werden. Man kann in dieser Hinsicht gar nicht

vorsichtig genug sein und muß daher Vorsichtsmaßregeln treffen, die

solche Unfälle ausschließen.

131. Die Rassen des Kaninchens.

Das Kaninchen stammt, wie wir schon erwähnten, aus den Ländern, die

am Mittelländischen Meer gelegen sind, und soll zuerst in Spanien

gezüchtet worden sein. Unser deutsches Kaninchen war zwar sehr

anspruchslos und fruchtbar, konnte sich jedoch mit den Leistungen der

westeuropäischen Kaninchen nicht messen. Das deutsche Kaninchen ist

daher mit dem belgischen oder flandrischen Riesenkaninchen gekreuzt,

wodurch man das neue deutsche Kaninchen gezüchtet hat.

Sonst wären noch erwähnenswert das belgische Hasenkaninchen, das

französische Widderkaninchen, das Normandiner Kaninchen, das

patagonische Kaninchen usw.

Sehr geschätzt wegen seines Seidenhaares ist der Seidenhase oder

das Angorakaninchen. Ebenso ist beim Silberkaninchen das Fell sehr

wertvoll, und das Fleisch gut.

Als selbstverständlich gilt die fruchtbare Paarung zwischen Kaninchen

und Hasen, woraus die sogenannten Leporiden entstehen. In Wirklichkeit

ist sie sehr selten, und nach der neuesten Auflage von Brehms Tierleben

überhaupt erst ein einziger Mischling wissenschaftlich nachgewiesen

worden.

132. Was versteht man unter einer Rasse?

Wir haben schon öfters den Ausdruck Rasse gebraucht und wollen an

dieser Stelle ihn etwas näher besprechen, da hier eine günstige

Gelegenheit vorliegt.

Unter Rasse versteht man alle diejenigen Mitglieder einer Tierart,

die gewisse Merkmale gemeinsam besitzen. Diese Merkmale sind nicht so

bedeutend, daß sie zur Aufstellung einer besonderen Tierart berechtigen.

Also das Silberkaninchen ist nur eine Rasse von der Tierart Kaninchen,

weil sich die Silberkaninchen von dem Wildkaninchen und den andern

Kaninchenrassen unterscheiden. Diese Unterscheidung ist aber nicht

so bedeutend, daß man sagen könnte, das Silberkaninchen wäre eine

besondere Tierart.

Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten · 第 21 / 30 段