haben ihre Heimat im hohen Gebirge, wo die Jungen von Adlern und
anderen Raubvögeln bedroht werden. Um sie abzuwehren, brauchen die
Weibchen Hörner.
Das Schaf stammt auch aus dem Gebirge, aber aus dem bewaldeten Teile
der Gebirge. Die Schafmutter braucht ihr Junges nur in den Wald zu
bringen, dann ist es vor Raubvögeln sicher. Deshalb haben auch die
Weibchen von Reh und Hirsch keine Waffen, weil auch sie in den Wald
flüchten können.
Die kleinen Tierchen, die allerliebst aussehen, tollen jetzt in
der übermütigsten Weise umher. Ihre Gewandtheit im Klettern ist
erstaunlich. Je höher sie klettern können, desto lieber ist es ihnen.
Man sieht ihnen an, daß ihre Vorfahren im Gebirge heimisch waren.
Auch führen sie schon Scheingefechte auf, indem sie mit den Köpfen
gegeneinander rennen. Schwindel muß ihnen ganz unbekannt sein, denn
sonst könnten sie nicht mit solchem Vergnügen am Dachrande eines
kleinen Hauses entlanglaufen.
Diese frühzeitige Kletterkunst erregt unser Erstaunen, besonders wenn
wir bedenken, daß eben geborene junge Ziegen bereits nach einigen Tagen
ihrer Mutter überallhin folgen können.
Auch hier gibt uns die Lebensweise der Stammeltern Aufschluß über diese
merkwürdige Eigenschaft. Unsere Hausziege stammt von der Bezoarziege
ab, die an den Küsten des mittelländischen Meeres lebt. Wie alle
Pflanzenfresser hat auch die Bezoarziege Feinde, die ihr nachstellen.
Von den Säugetieren sind es namentlich Luchse und Wölfe.
Wie soll nun die Ziegenmutter ihre Jungen gegen überlegene Feinde
schützen, beispielsweise, wenn ein Jäger oder ein schnellfüßiger Wolf
kommt? Auf dem Rücken kann sie das Junge nicht tragen. Deshalb muß das
Junge bald klettern können, weil sonst die Ziegen ausgerottet wären.
112. Warum fressen unsere Ziegen ungern Gras?
Inzwischen ist die Herrin der Ziegenfamilie zu der alten Ziege getreten
und schilt sie tüchtig aus. Wir können zwar nicht alles verstehen, was
sie sagt, aber wir können es uns schon denken. Es ist das alte Lied,
das wir immer hören müssen. Entweder heißt es: »Du Ziege bist ein
ganz niederträchtiges Geschöpf. Du stehst im tiefen Gras, doch darum
kümmerst du dich nicht. Aber den Pfahl, an den du gebunden bist, den
knabberst du an.« Oder: »Du bist ein ganz eigensinniges Tier; Gras
willst du nicht fressen, aber zu den Sträuchern willst du hin.« Der
gebildete Großstädter sagt oft verzweifelnd, wenn die Ziege das mühsam
besorgte Gras nicht fressen will: »Die Ziege gehört zu den Träumern,
die in die Weite schweifen, obwohl ihr das Gute so nahe liegt.«
Alles das ist natürlich eine ganz falsche Ansicht. Wir Menschen machen
folgenden Schluß: Die Ziege ist ein Pflanzenfresser. Gräser sind
Pflanzen. Folglich muß die Ziege Gräser fressen, oder sie ist nicht
ganz bei Trost.
Schon früher haben wir darauf hingewiesen, daß die Gemsen in unseren
Zoologischen Gärten bald sterben, weil ihnen das gewürzige Gras ihrer
Heimat fehlt. Die Bezoarziege bewohnt nun solche Teile des Gebirges, wo
Gräser wenig oder gar nicht vorkommen. Auf dem öden, trockenen Gestein
der Mittelmeerländer kommen Grasflächen, wie sie unsere Heimat in Hülle
und Fülle bietet, nur selten vor.
Das Gras unserer Ebene ist also gar kein natürliches Futter der Ziege.
Deshalb werden wir niemals in unserer engeren Heimat, in einer Provinz
ohne Bodenerhebungen, eine berühmte Ziegenrasse züchten, weil wir den
Ziegen so wenig natürliches Futter bieten können.
Wir müssen vielmehr immer wieder unsere Ziegen mit solchen aus
gebirgigen Ländern auffrischen, wo sie viel besser gedeihen,
beispielsweise im Harz und in der Schweiz.
113. Wie erklärt sich die Giftfestigkeit der Ziege?
Wir haben also gesehen, daß die Besitzerin der Ziegenfamilie im Unrecht
ist, wenn sie die Ziege schilt, weil sie so ungern das Gras unserer
Ebene fressen will.
Damit soll nun nicht gesagt sein, daß wir demutsvoll allen angestammten
Eigenarten der Ziegen nachkommen sollen. Davon kann keine Rede sein.
Nur sollen wir uns von der Vorstellung freimachen, daß wir vor
einer unverbesserlichen Sünderin stehen. Das ist nicht der Fall, da
kein Tier seine angeborenen Triebe ablegen kann. Noch eine andere
Eigentümlichkeit der Ziege erregt unseren Zorn. Sie ist nach unseren
Begriffen lecker, weil sie bald dieses, bald jenes sich aus dem Futter
herauszieht und am liebsten eine Menge an die Erde wirft, wo es
natürlich zertreten wird.
Diese Art des Fressens ist ganz einleuchtend, wenn man sich die
Lebensweise der Wildziegen vorstellt. Auf dem öden Gestein ist ein sehr
geringer Pflanzenwuchs. Zum Sattwerden an einer einzigen Pflanzenart
reicht es nicht aus. Deshalb muß die Ziege von dem wenigen, was das
Gebirge hervorbringt, fressen, ganz gleich, was es ist. Hieraus erklärt
sich auch die merkwürdige Erscheinung, daß die Ziege gewissermaßen
giftfest ist. Sie frißt beispielsweise den giftigen Schierling
körbeweise, ohne daß es ihr schadet. Auch frißt sie viele Dinge, die
jedes andere Tier meidet, so den scharfen Mauerpfeffer, Zigarren und
Schnupftabak und dergleichen.
Wenn eine Ziege also den Pfahl beknabbert, an dem sie angebunden ist
und das Gras links liegen läßt, so ist das keine Niederträchtigkeit,
sondern die ganz naturgemäße Art des Fressens. Ueppige Weiden behagen
ihr nicht, wohl aber Sträucher und Baumzweige. Deshalb ist sie
der Fluch für die Mittelmeerländer, weil sie durch ihr Beknabbern
eine Bewaldung dieser Länder nicht aufkommen läßt. Sieht man einer
freiweidenden Ziege zu, so wird man sich davon überzeugen können, daß
sie von den am Boden wachsenden Pflanzen die Blätter bevorzugt und
viel lieber als Gräser frißt. Das ist auch nach ihrer Herkunft nicht
wunderbar.
114. Warum heißt die Ziege die Kuh des armen Mannes?
Wir sehen, daß hier eine Familie sich eine Ziege hält, obwohl sie nur
einen ziemlich großen Garten besitzt. Diese Leute sind wahrscheinlich
wohlhabend, möglicherweise sogar sehr reich. Bei ihnen würde also die
Bezeichnung nicht zutreffen, daß die Ziege die Kuh des armen Mannes sei.
Großstädtische Verhältnisse sind eben nicht immer die naturgemäßen.
Die Redensart bezieht sich auf die sonst in unserer Heimat üblichen
Verhältnisse. Hiernach hat der arme Mann auf dem Lande bei seinem
Häuschen einen Garten, aber er hat sonst kein Land, namentlich keine
Wiesen, wie es für eine Kuh erforderlich ist. Mit dem, was ein Garten
bringt, kann man eine Ziege ernähren, da fünf Ziegen zusammen nicht
so viel fressen wie eine Durchschnittskuh. Außerdem muß die Ziege bei
armen Leuten vieles fressen, was man ihr sonst nicht vorsetzt, z. B.
Abfälle, Spülicht usw. Der arme Mann möchte selbstverständlich auch
gern frische Milch genießen, und da er sich, wie wir sahen, keine Kuh
halten kann, so nimmt er eine Ziege, woher sich die Redensart erklärt.
Eine gute Milchziege liefert wöchentlich 10 bis 12 Liter Milch. Sie hat
den Nachteil, daß viele Menschen sie nicht mögen. Auch läßt sich aus
Kuhmilch viel bessere Butter und leichter Käse machen. Auch schmeckt
saure Kuhmilch viel besser. Da außerdem Rindfleisch viel schmackhafter
als Ziegenfleisch ist, so wird die Kuh durch die Ziege nicht verdrängt
werden.
115. Wie lebt die Ziege im Gebirge?
Von der Lebensweise der eigentlichen Stammeltern unserer Hausziege
wissen wir recht wenig. Wir wollen daher als Ersatz die Schweizer
Ziegen wählen, deren Lebensweise ein dort heimischer Naturforscher
vortrefflich geschildert hat.
Die Ziegenböcke des Gebirges haben mitunter so außerordentlich große
Hörner, daß sie von weitem Steinböcken ähnlich sehen. Sie zeichnen
sich besonders durch ihren kecken, mutwilligen Humor aus. Es liegt
etwas Ernstes in der Haltung ihres Kopfschmuckes, aber sie haben ein
schalkhaftes Auge und zeigen, wenn es ans Naschen oder ans Spielen und
Stoßen geht, ihre ganze Leichtfertigkeit. Das Schaf hat nur in seiner
Jugend ein munteres Wesen, ebenso der Steinbock; die Ziege behält es
länger als beide. Ohne eigentlich im Ernste händelsüchtig zu sein,
fordert sie gern zum munteren Zweikampfe heraus.
Neugierde ist überhaupt neben der Launenhaftigkeit ein hervorstechender
Wesenszug der Ziege. Sie ist in weit höherem Grade neugierig als die
Kuh; die Gemse ist ihr darin ähnlich. Zu den Gemsen verliert sich hier
und da eine Alpenziege und bleibt monatelang in der Gesellschaft. Doch
muß es ihr sauer werden, diesen Meistern im Springen und Klettern
nachzukommen, und gewöhnlich kehrt sie im Herbst unvermutet ins Tal zu
ihrer Hütte zurück. Im Appenzellerlande überwinterten schon verloren
geglaubte Ziegen in geschützten Alpen unter großen Tannen bald allein,
bald mit Gemsen, und kehrten im Frühling mit frischgeworfenen Zicklein
ins Tal zurück.
Ueberhaupt ist unsere Ziege eines der muntersten und aufgewecktesten
unter den zahmen Tieren, wie schon ihr Auge, ihr feiner Kopf, ihre
schlanke, leichte Körperbildung und ihr großes Gehirn auf eine kluge
Natur schließen läßt. Sie ist weit empfänglicher für die Liebkosungen
des Menschen als das Schaf, folgt nicht, wie dieses, dem Gang der
Masse, sondern tritt gern frei und selbständig auf, liebt Berge und
Freiheit, fürchtet sich nicht so schnell, ist im Zorne ziemlich
hartnäckig, hat viel Gedächtnis und Ortssinn und würde vielleicht bei
völliger Freiheit nach wenigen Generationen an Lebhaftigkeit, Kühnheit
und ausgebildetem Instinkt der Gemse wenig nachstehen. Dies gilt
namentlich von den gehörnten Ziegen, die in den Gebirgen weit häufiger
sind als die ungehörnten, die dafür im Tale in den Ställen vorgezogen
werden. Um solche hornlose Ziegen zu erhalten, bedient man sich hie
und da eines höchst gefährlichen Mittels. Man gräbt nämlich Zicklein,
sobald die Hörnchen hervorbrechen wollen, diese samt der Wurzel aus dem
Schädel.
Der die Gebirge durchstreifende Wanderer trifft häufig Ziegengruppen
als malerische Zutat einer einsamen Alpengegend, bald frei weidend,
bald unter Obhut eines wetterbraunen, barfüßigen Jungen. Sie sind
selten scheu, gewöhnlich ganz zutraulich und munter. In manchen
Schweizerbergen folgen sie dem Fremden stundenweit, um ein paar
Fingerspitzen Salz oder ein Stück Brot zu erbetteln. Erhalten sie
kein Salz, so genießen sie mit ebenso großem Behagen eine Portion
Schnupftabak. Gewöhnlich sind ein halb Dutzend Stück einer Ochsen- oder
Pferdeherde beigegeben, und ihre Milch ist fast die einzige Nahrung
der Hüter; oft finden sich einige Stücke im Gefolge einer Kuhherde,
oder sie werden auch zu Herden vereinigt und zur Alp getrieben. In
diesem Falle teilt man sie im Appenzellerlande in Haufen von je 12
Stück ab; ärmere Bauern, die keinen ganzen Haufen vermögen, stoßen ihre
Ziegen zusammen und halten gemeinschaftlich einen Geißbuben, der nebst
magerer Kost noch geringere Löhnung erhält.
Mit großer Kühnheit schweifen diese Tiere in den steilsten
Gebirgsbänken umher, um vereinzelte Grasbüschel oder zarte, leckere
Stäudchen zu rupfen. Dabei geschieht es nicht selten, daß sich die
Ziege »verstellt«, wo sie sich weder vor- noch rückwärts mehr getraut.
So bleibt sie dann oft zwei bis drei Tage ohne Nahrung zwischen Tod
und Leben, bis der Geißbub sie entdeckt und zu »lösen« sucht. Dies tut
er mit wunderbarer Verwegenheit; manchmal bindet er sie an ein Seil,
um sie die Felswand hinaufzuziehen. Es ist in der Tat merkwürdig, daß
der Mensch sich da zu klettern getraut, wo selbst die leichtfüßige
Ziege den Mut verloren hat. Freilich sind die Geißbuben, die den
ganzen Sommer über zwischen den Felsen leben, großartige Künstler im
verwegensten Klettern und kennen die Gefahr so wenig, daß sie sich
mitunter anbieten, die jähsten Felsenköpfe und Gebirgsseiten durch
beliebig zu bezeichnende Narben und Falten zu erklimmen, wo man nicht
begreift, wie eine Hand oder ein Fuß im steilen Absturz haften kann.
Selten fallen die Ziegen tot, es sei denn, daß sie sich im Hörnerkampfe
über den Felsenrand hinausstoßen oder von einem fallenden Steine, einer
Lawine oder dem Flügel des Lämmergeiers ergriffen werden.
Bekanntlich sind die Ziegenherden durch ihre Naschhaftigkeit die
gefährlichsten Feinde und eine wahre Geisel der Gebirgswaldungen
geworden; aber allmählich wird diesem schädlichen Unwesen durch bessere
Forstpolizei und Einschränkung des Ziegenstandes entgegengewirkt.
Im ganzen zieht die Ziege ein mageres, halbsaures Futter mit grünen
Knospen und Zweigen dem fetten Wiesengrase vor. Merkwürdig ist die
Beobachtung, daß die giftige Wolfsmilch und der Schierling von ihr mit
Begierde und ohne Nachteil gefressen wird. Dagegen sollen ihr Eicheln
nachteilig sein. Die Ziegenmilch wird im August, wo die Tiere die
höchsten Alpen besteigen, für am kräftigsten gehalten. Der größte Teil
wird zu fünf- bis zehnpfündigen Käsen verarbeitet, die von vorzüglichem
Wohlgeschmack sind.
116. Warum gibt es im Ziegenstall so wenig Fliegen, im Kuhstall so
viele?
Wir wollen jetzt nach einem Vorort gehen, wo ein alter Bekannter, Herr
Althaus, Ziegen hält. Wegen seiner Gemütlichkeit und Gefälligkeit wird
er allgemein »Onkel Althaus« genannt. Wir treffen es gut bei Onkel
Althaus, denn es wird gerade ein Böckchen abgeholt, das er vor einigen
Tagen verkauft hatte. Das Ziegenböckchen ist ungewöhnlich stark, was
auch weiter kein Wunder ist, da es allein die ganze Milch der Mutter
getrunken hatte. In dieser milcharmen Zeit muß aber jeder zunächst an
sich selbst denken. Onkel Althaus hat ein Söhnchen von neun Jahren,
das die Milch sehr nötig braucht und dessentwegen er gerade die Ziege
angeschafft hat. Es ist selbstverständlich, daß erst der Mensch und
dann das Tier kommt.
Wir befürchteten, daß die Trennung von Mutter und Sohn zu endlosem
Jammern der Alten führen würde, wie es bei der Kuh üblich ist, wenn ihr
das Kalb genommen wird. Nichts von alledem geschah -- kein einziges
Mäh kam über die Lippen der Alten. Ich glaube aber, daß es falsch ist,
wenn man hieraus auf eine Gefühllosigkeit der Ziegenmutter schließt.
Onkel Althaus hatte wohl recht mit der Annahme, daß die alte Hippe, wie
die Ziege auch sonst genannt wird, bestimmt glaube, das Junge werde
wiederkommen. Er erzählte uns, und sein Söhnchen Albrecht bestätigte
es, daß der kleine Bock schon oft Ausflüge auf eigene Faust unternommen
hatte.
Es fällt uns auf, daß im Ziegenstall, in dem noch andere Ziegen stehen,
die aber zurzeit keine Milch geben, so wenig Fliegen sind. Im Kuhstall
wimmelt es von Fliegen, wie jeder weiß, der an einem warmen Sommertage
einen Kuhstall betreten hat. Wie erklärt sich dieser Unterschied?
Aus der früheren Schilderung der Alpenkühe wissen wir, daß es im
Hochgebirge sehr wenig Insekten gibt. Die Ziege ist ein Kind des
Hochgebirges. Die Fliegen und andere Insekten der Ebene kennen also
Ziegen von früher her nicht. Dagegen sind ihnen Kühe als Geschöpfe
sumpfiger Gegenden sehr wohl bekannt. Wer da glaubt, daß es einer
Fliege oder einem anderen Insekt ganz gleichgültig ist, von welchem
Tiere sie das Blut ziehen, der dürfte im Irrtum sein. Auch der Esel
leidet als früheres Gebirgstier viel weniger unter der Insektenplage
als das aus der Steppe stammende Pferd.
Wir sehen ähnliches bei unseren Kleidern. Die Motten bevorzugen ganz
auffallend reinwollene Sachen, während sie künstliche Wolle oder
Baumwolle meiden, mag sie auch noch so sehr das Auge des Menschen
täuschen.
Es ist möglich, daß der Gestank des Ziegenbockes, der uns so unangenehm
ist, auch die Fliegen vertreibt. Aber in unserem Falle kann er nicht in
Betracht kommen. Denn Onkel Althaus besitzt keinen eigenen Bock, und
das Böckchen ist noch so jung, daß es noch keinen Geruch entwickelt.
117. Die Rassen der Ziege.
Die Ziege, die zu den paarzehigen wiederkäuenden Huftieren und der
Familie der Horntiere gehört, hat keine Tränengruben und Klauendrüsen.
Sie trägt ihren kurzen Schwanz gewöhnlich steil gestellt. Berühmt sind
die Angora- und Kaschmirziegen. Bei uns werden die Schwarzwaldziege,
die Harzer Ziege, die Erzgebirgsziege usw. gehalten. Sehr gelobt wird
die Langensalzaer Ziege. Sie gleicht der Schweizer Saanenziege, die
bei uns viel eingeführt worden ist. Die Saanenziege ist sehr groß,
schneeweiß und ohne Hörner. Sie soll 5 bis 6 Liter Milch den Tag über
geben, aber bei uns hat sie es nicht getan. Jedenfalls fehlen ihr die
würzigen Gebirgskräuter, von denen wir bereits gesprochen haben.
Die Ziege ist mit einem Jahre ausgewachsen. Es soll noch gute
Milcherinnen geben, die 16 Jahre alt sind. Die Tragezeit dauert etwa
fünf Monate. Gewöhnlich werden ein oder zwei, manchmal sogar vier Junge
geworfen.
Von Krankheiten ist die Ziege weit mehr verschont als die Kuh.
Namentlich leidet sie nicht an Tuberkulose. Es gilt im Gegenteil ihre
Milch als besonders heilkräftig für Lungenkranke. Die Ziege hat also
eiserne Lungen von ihren Vorfahren geerbt, da sie bei uns oft in ganz
elenden Ställen gehalten wird.
118. Die Ziege in Redensarten und Sprichwörtern.
Von der Ziege als der »Kuh des armen Mannes« ist bereits gesprochen
worden, ebenso von ihrer angeblichen Naschhaftigkeit, weshalb man sagt:
*Wählerisch wie eine Ziege.*
Bei den alten Griechen hieß der Ziegenbock überhaupt: Nascher.
*Mager wie eine Zicke oder Ziege.*
Bei den Ziegen, die in der Ebene leben müssen und nur Gras erhalten,
ist das kein Wunder.
Umgekehrt sagt man:
*Es in sich haben, wie die Ziege das Fett.*
Das soll heißen, daß man einer Ziege, wenn sie innen feist ist, das
gewöhnlich nicht ansieht.
*Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen.*
Hier wird der Rat gegeben, nicht dem Futter zu gleichen, das ein
Tier frißt. Dieser Rat ist selbstredend bildlich gemeint. Man soll
also beispielsweise nicht in Gegenwart von Leuten, die als große
Darlehnssucher bekannt sind, fortwährend davon reden, wie viel Geld man
hat.
[Illustration: Weidende Ziegen]
Das Schaf
119. Warum blökt das Schaf?
Es ist noch gar nicht solange her, daß man auf dem Tempelhofer Felde,
das damals noch gänzlich unbebaut war, eine wirkliche Schafherde mit
Schäfer und Hund beobachten konnte. Wie oft habe ich ihnen zugeschaut,
wobei ich besonders aufpaßte, ob sie bei der Heimkehr glücklich über
die Eisenbahngleise der Ringbahn kommen würden.
Stand man bei der Herde, so war es gewöhnlich das gleiche Bild: Fressen
und Blöken und sich dabei etwas vorwärts schieben.
In Ermangelung einer ganzen Herde müssen wir uns damit begnügen, uns
das Schaf eines Bekannten, ein ostfriesisches Milchschaf, anzusehen,
das dieser uns bereitwilligst zur Besichtigung vorgeführt hat.
Geistreich kann man beim besten Willen das Gesicht eines Schafes nicht
nennen, eher das Gegenteil davon. Man kann sich nicht darüber wundern,
daß man recht dumme Leute als Schafe bezeichnet.
Aber es wäre doch ein großes Unglück, wenn plötzlich alle Schafe mit
ihren dummen Gesichtern verschwänden. Dann hätten wir ja noch weniger
Wolle, als es ohnehin schon der Fall ist.
Ueberdies werden wir sehen, daß es mit der Dummheit der Schafe nicht
so schlimm bestellt ist. Dieses einzelne Schaf, das wir vor uns haben,
blökt nicht. Daraus ersehen wir, daß das anhaltende Blöken doch nicht
so furchtbar töricht sein kann, wie die Leute es immer hinstellen.
In der Tat ist der Mensch furchtbar ungerecht gegen die Tiere. Bei
den Vögeln, die genau dasselbe tun, wie die Schafe, findet er es
wunderschön. Fliegen zum Beispiel Meiseneltern mit ihren zahlreichen
Jungen von Baum zu Baum, so hört das feine Zurufen gar nicht auf. Das
gleiche beobachten wir bei Meisenschwärmen überhaupt. Wir verstehen
vollkommen, daß diese kleinen Tierchen sich im Gewirr der Blätter
oder Nadeln leicht aus den Augen kommen können. Da sie sich nur in
Gesellschaft wohlfühlen, so ergeht fortwährend der Zuruf: Bist du auch
noch da?
Wenn Tiere mit sehr scharfen Augen bereits eine Prüfung brauchen, ob
sie sich nicht verloren haben, so ist sie erst recht bei Tieren mit
schlechten Augen angebracht. Eine Wildsau, eine sogenannte Bache, die
ihre Jungen führt, muß grunzen, damit die kleine Schar weiß, wo sie
ihre Mutter findet. Mit ihren schwachen Augen würden sie sich ohne das
Gegrunze sehr oft verirren, wenngleich die feine Nase schließlich für
die Rückkehr sorgen würde. In der Zwischenzeit kann aber viel Unheil
geschehen. Da kann der Fuchs sich schon einen Frischling als Braten
geholt haben.
Schweine grunzen also, weil dadurch ein Zusammenhang der Herde
gewährleistet wird. Aus demselben Grunde blöken auch die Schafe. Die
Schweine können sich in den Niederungen und im Gebüsch leicht aus
den Augen verlieren. Die Schafe im Gebirge ebenso leicht. Denn die
Stammeltern unserer Hausschafe sind Wildschafe. Wir sind uns zwar noch
nicht ganz einig darüber, welche bestimmte Art als solche bezeichnet
werden soll. Aber alle Wildschafe haben das gemeinsam, daß sie im
Gebirge leben.
120. Warum krümmen sich beim Schafbock die Hörner, beim Ziegenbock
nicht?
Da Ziege und Schaf beide im Gebirge leben, so müßte man eigentlich
meinen, daß sie beide ganz gleich aussehen müßten. Das ist aber nicht
der Fall. Wir haben schon früher erklärt, weshalb die weibliche Ziege
gehörnt ist, das weibliche Schaf nicht.
Auf dieselbe Verschiedenheit der Lebensweise sind auch die
Verschiedenheiten des Aussehens von Ziege und Schaf zurückzuführen.
Wir werden uns später den Mufflonbock im Berliner Zoologischen Garten
ansehen. Er gehört sicherlich zu den Vorfahren mancher unserer
Hausschafrassen. Noch heute lebt er in den unzugänglichen Gebirgen von
Sardinien und Korsika. Schon jetzt möchte ich vorgreifen und mitteilen,
daß der Bock halbmondförmige, nach hinten gekrümmte Hörner, keinen Bart
und ein fast fuchsrotes Fell besitzt. Die Ziege hat dagegen einen Bart,
ein mehr graubräunliches Fell und mehr aufrecht stehende Hörner.
Da in Deutschland an verschiedenen Stellen Mufflons ausgesetzt sind, so
sind wir jetzt über ihre Lebensweise ziemlich unterrichtet. Hiernach
halten sich die Wildschafe, wie schon erwähnt wurde, hauptsächlich
im Walde auf. Auch haben sie eine besondere Vorliebe dafür, enge
Durchlässe zu durchkriechen.
Um durch enge, niedrige Lücken zu gelangen, müssen die Hörner gebogen
sein. Ziegenböcke kriechen nicht durch solche Oeffnungen. Deshalb
stehen ihre Hörner ziemlich senkrecht.
Beim Durchkriechen würde ein Bart sehr hinderlich sein. Ueberhaupt ist
ein langer Haarwuchs im Walde von Uebel. Wir wissen, daß Absalon mit
seinem mächtigen Haarwuchs an einem Baume hängen blieb und getötet
wurde. Deshalb hat auch der Tiger, der im Walde lebt, keine Mähne,
während sie der Löwe, der in der baumleeren Steppe haust, besitzt.
Zu dem Walde paßt die fuchsrötliche Färbung des Mufflons, da sie mit
dem vermoderten Laub übereinstimmt. Eine solche Färbung haben auch
Hirsch und Reh. Dagegen hat die Bezoarziege mehr die Färbung des
bräunlichen Gesteins.
An dem vor uns stehenden Schaf beobachten wir, daß es Tränendrüsen hat.
Warum fehlen sie der Ziege?
Die Tränendrüsen werden an Baumstämmen gerieben. Da das Schaf eine
feine Nase, aber ein schwaches Gesicht hat, so merken Schafe, die einen
fremden Wald betreten, sofort, daß andere Schafe in ihm weiden. Sie
riechen nämlich die an den Baumstämmen abgewischten Ausscheidungen der
Tränendrüsen.
Die Ziege lebt in baumloser Gegend. Für sie sind also Tränendrüsen ganz
zwecklos. Außerdem sind bei ihr die Augen besser entwickelt, wofür ihre
Nase nicht so fein ist, wie die des Schafes. Beim Springen von Klippe
zu Klippe sind für sie gute Augen von großem Vorteil. Die Ziege gleicht
also in diesem Punkte dem Windhund, der ebenfalls ein ziemlich scharfes
Gesicht, dafür aber auch eine weniger gute Nase hat.
121. Warum folgen die Schafe dem Leithammel?
Als ein Beweis ihrer furchtbaren Dummheit ist es stets angesehen
worden, daß die Schafe blindlings ihrem Leithammel folgen. Stürzt er
vor Schrecken aus dem Schiff, in dem er sich mit der Herde befindet,
über Bord, so finden alle übrigen ebenfalls den Tod in den Wellen.