Ueber die Stammeltern unserer heutigen Rinder ist man sich noch nicht

einig. In Europa lebten früher zwei Wildrinder, und zwar der Auerochs

und der Wisent. Der Auerochs hatte lange Hörner und keine Mähne,

während der Wisent eine Mähne, aber kleine Hörner besitzt. Der Wisent

lebt heute noch in Zoologischen Gärten und an vereinzelten Stellen,

während der Auerochs gänzlich ausgerottet ist. Es ist daher unrichtig,

den noch heute lebenden Wisent als Auerochs zu bezeichnen.

Wahrscheinlich ist der Auerochs in unseren heutigen Rindviehrassen

aufgegangen.

Man unterscheidet folgende Rassen: 1. Steppenrassen, 2.

Niederungsrassen, 3. einfarbige Gebirgsrassen, 4. bunte Gebirgsrassen,

5. Landrassen, 6. englische Rassen, 7. französische Rassen.

Die Steppenrassen mit ihren langen Hörnern sind jedenfalls erst

allmählich in der Steppe heimisch geworden. Denn nach dem Bau seiner

Füße ist das Rind, wie wir schon erwähnten, ein Geschöpf der Niederung,

und zwar der bewaldeten Niederung.

Im Gegensatz zum Pferde gehört das Rind zu den paarzehigen Huftieren

aus der Familie der Horntiere.

Der Stier oder Bulle heißt auch Farren, während Färse oder Stärke die

Kuh ist, die noch nicht gekalbt hat.

Das Rind ist etwas früher reif als das Pferd. Der Stier wird mit 1½

Jahren, die Kuh mit 2 Jahren zur Zucht benutzt. Dementsprechend ist

auch ihr Alter etwas niedriger als das des Pferdes.

97. Krankheiten der Rinder.

Bereits die Stallhaltung unserer Haustiere ist etwas Unnatürliches.

Kommt nun noch die künstliche Anzüchtung der Milcherzeugung hinzu, so

dürfen wir uns nicht wundern, daß wir diesen großen Vorzug mit manchen

Krankheiten bezahlen müssen. Rinderpest, Maul- und Klauenseuche und

Tuberkulose seien an dieser Stelle genannt. Das Aufblähen wurde bereits

erwähnt.

Manchmal führen ganz unbedeutende Dinge den Tod einer Kuh herbei.

Früher trugen die Mägde keine Kämme im Haar, wie das jetzt der Fall

ist. Diese Kämme fallen leicht in das Futter und werden von den

Kühen verschlungen. Als Folge davon können Magenverletzungen und

Notschlachtungen eintreten. So verliert der Landwirt ein schönes Stück

Vieh, das heute ein Vermögen wert ist.

98. Das Rind in Redensarten und Sprichwörtern.

Es wurde bereits erwähnt, daß »*Rindvieh*« oder »*Ochse*« zur

Bezeichnung eines dummen Menschen dient. Ebenso wurden schon die

Redensarten angeführt: *Auf einem Auge war die Kuh blind* und: *Er

steht da, wie die Kuh vorm neuen Tor*. Unter

»*ochsen*«

versteht man andauernd arbeiten oder »büffeln«.

»*Ochsengang*«

ist der sachte, gemessene Schritt des Ochsen.

*Den Stier bei den Hörnern packen*

bedeutet, daß man einer Gefahr tollkühn entgegengeht, indem man einen

mächtigen Gegner bei seinen eigenen Waffen anpackt. Wenn das einen Sinn

haben soll, muß man selbst über große Kräfte verfügen.

[Illustration: Auf der Alm]

[Illustration: Kühe im Wasser]

[Illustration: Zugochsen]

Das Schwein

99. Wodurch unterscheidet sich das Hausschwein vom Wildschwein?

Um unser Hausschwein richtig zu verstehen, wollen wir uns zunächst

das Wildschwein in unserm weltberühmten Berliner Zoologischen Garten

ansehen.

Vorher sei bemerkt, daß unsere heimischen Schweinerassen nicht allein

vom europäischen Wildschwein abstammen.

Wenig angenehm fällt uns zunächst in dem Teile des Zoologischen

Gartens, der für die Schweine bestimmt ist, der Geruch dieser Tiere

auf. Aber das wird auf Gegenseitigkeit beruhen. Alle freien Tiere

flüchten, sobald sie den Menschen gewittert haben. Folglich muß ihnen

unsere Ausdünstung auch nicht behagen.

Hiervon abgesehen müssen wir staunen, wie reich gerade der Tierbestand

an Wildschweinen in unserem Zoologischen Garten ist, obwohl gerade der

Weltkrieg bei ihm große Lücken verursacht hat. Außer einer Wildsau

mit Ferkeln sind noch drei Keiler, d. h. drei männliche europäische

Wildschweine vorhanden. Obwohl es bereits Anfang Juni ist, hat erst ein

Keiler sein Winterhaar verloren.

Vergleichen wir einen der Keiler im Winterhaar mit unserem Hausschwein,

so fällt uns zunächst seine Behaarung auf, sodann die mächtigen

Eckzähne, die sogenannten Gewehre. Schließlich wäre noch erwähnenswert,

daß sein Kopf länger als der des Hausschweins ist, daß er überhaupt

nicht so fett, dafür aber stärker, höher und ungemütlicher ist als

unser Hausschwein.

In früheren Zeiten war das Wildschwein eine der häufigsten Wildarten

unserer Heimat. Da es jedoch dem Ackerbau sehr schädlich ist, so

besitzt es keine Schonzeit und ist an vielen Stellen bereits vollkommen

ausgerottet worden.

Wenn wir uns die kleinen Augen des Wildschweins ansehen und dabei

beobachten, daß sein großer Rüssel unter fortwährendem Geschnüffel in

Tätigkeit ist, so können wir keinen Augenblick daran zweifeln, daß das

Wildschwein ein Nasentier ist. In der Tat ist es ein ausgesprochenes

Nasentier wie Elefant, Tapir, Maulwurf und andere Tiere, die sich durch

ein bewegliches Riechorgan und ein nichtssagendes Auge auszeichnen.

100. Warum ist der Kopf des Schweines kegelförmig?

Mit dem Maulwurf hat das Wildschwein nicht nur das schwache Sehvermögen

gemeinsam. An den Maulwurf erinnert auch der ganze Kopf des

Wildschweins. Und so verschieden die Größe der beiden Geschöpfe auch

ist, so haben sie doch in ihrer Lebensweise etwas Uebereinstimmendes.

Der Maulwurf lebt unter der Erde, indem er auf Regenwürmer und andere

Insekten Jagd macht. Zu diesem Zwecke muß er, um sich schnell durch

die Erde durchzubohren, einen kegelförmigen Kopf besitzen. Auch das

Wildschwein frißt gern Regenwürmer und andere Insekten des Erdbodens,

dann aber vor allen Dingen pflanzenartige Stoffe, die im Erdboden

stecken, also Wurzeln, Kartoffeln und dergleichen. Das Wildschwein muß

also einen Wühlkopf haben. Wo es etwas gewittert hat, bricht es mit

seinem Rüssel die Erde auf, um zu dem durch den Geruch wahrgenommenen

Gegenstande zu gelangen.

Der maulwurfartige Kopf kommt dem Wildschwein aber auch noch zustatten,

wenn es schnell in Gebüsche flüchtet. Wie der Maulwurf schnell die Erde

durchschneidet, so kann das Wildschwein schnell durch Gebüsche laufen.

Hierbei ist es für das Wildschwein sehr von Vorteil, daß seine kleinen

Augen seitlich stehen. Schon Wölfe oder Hunde können dem Wildschwein

nicht so schnell in die Gebüsche folgen, weil ihre Köpfe viel weniger

dazu geeignet sind, auch ihre Augen mehr nach vorn stehen. Zweige und

Blätter werden ihnen also viel leichter in die Augen geschleudert als

dem Wildschweine.

101. Warum nennt man einen Menschen mit kleinen Augen schweinsäugig?

Unser Wildschwein hat wohl kleine, aber eigentlich keine blöden Augen.

Dagegen fallen bei den in der Nähe stehenden Hausschweinen die kleinen,

blöden Augen sehr auf. Es ist also kein Wunder, daß man von einem

Menschen, der kleine Augen hat, sagt, er habe Schweineaugen.

Schon äußerlich ist erkennbar, daß das Auge bei den Schweinen wenig

leistet. Jeder Jäger kann das auch von den Wildschweinen bestätigen.

Die Schwäche der Augen wird bei den Schweinen durch die Leistungen der

Nase ausgeglichen. Von der Feinheit ihres Geruchsvermögens können wir

uns kaum eine Vorstellung machen. Ein Forstbeamter zeigte mir einmal

folgenden Fall, da er wußte, daß ich für solche Dinge großes Interesse

habe. Er hatte Kiefern angepflanzt und den Platz von der Größe eines

Morgens mit einem Bretterzaun umgeben. In der Mitte des Platzes war

eine kleine Stelle freigeblieben. Hier hatte sich mein Bekannter ein

paar Kartoffeln gesteckt. Nun war an den Fährten deutlich zu erkennen,

daß ein Wildschwein draußen am Zaun entlang gelaufen war. Hierbei muß

es die Kartoffeln gewittert haben, denn es war plötzlich an einer

Stelle durch den Zaun gekrochen. Das war ihm dadurch gelungen, daß es

eine vorhandene Lücke vergrößert hatte. Auf mindestens 50 Schritte

hatte es also die in der Erde verborgenen Kartoffeln gewittert.

Der Landwirt zweifelt an der unglaublichen Feinheit des Geruchssinns

der Wildschweine keinen Augenblick. Denn er hat auf seinen Aeckern oft

Gelegenheit, sich in höchst unerfreulicher Weise davon zu überzeugen.

Sehr häufig kommt es beispielsweise vor, daß ein mit Kartoffeln

bestellter Acker im nächsten Jahre Getreide trägt. Eines Tages sieht

man im Getreide die Fährten eines Wildschweins, das im Boden gewühlt

und schweren Schaden angerichtet hat. Was hat den überall verfolgten

Schwarzkittel zu dieser landwirtschaftsfeindlichen Handlung veranlaßt?

Hätten die Leute beim Ausbuddeln mit Sorgfalt alle Kartoffeln

gesammelt, so wäre der Schaden im Getreide nicht geschehen. So hat

das Wildschwein die in der Erde verborgenen Kartoffeln gewittert. Da

es Kartoffeln sehr liebt, so hat es sie herausgewühlt ohne Rücksicht

darauf, daß es dabei große Stellen Getreide zusammentrampelte oder

sonst vernichtete.

Wie alle wildlebenden Tiere hat das Wildschwein aufrechtstehende Ohren,

während unser Hausschwein, weil es die Ohren nicht mehr anzustrengen

braucht, Hängeohren besitzt.

102. Warum liegt unser Hausschwein gern in einer Pfütze und auf dem

Miste?

Der Freundlichkeit eines Landmannes verdanken wir es, daß wir einen

Einblick in sein Gehöft und seinen Schweinestall werfen dürfen. Eines

seiner Schweine liegt in einer Pfütze, während ein anderes sich auf

dem Miste herumtreibt. Nachher legt es sich in die Sonne und macht ein

höchst zufriedenes Gesicht. Da es eine Sau ist, so trifft hier die

Bezeichnung »sauwohl« vollkommen zu.

Die Vorliebe des Schweines für den Mist darf nicht mit dem Maßstabe

des Menschen gemessen werden. Wie der Hund, so ist das Wildschwein von

Hause aus ein Aasfresser. Auf dem Misthaufen findet es also vieles, was

ihm naturgemäß und sehr bekömmlich ist.

Alle Nachttiere lieben, wie wir wissen, die Bestrahlung durch die

Sonne. Das Wildschwein ist ein ausgesprochen nächtliches Tier.

Dem viel stärkeren Schwein, das in der Pfütze liegt, ist es dagegen

schon zu warm. Um das Wälzen in der Pfütze zu verstehen, müssen wir uns

folgendes vergegenwärtigen.

Als wir im Zoologischen Garten waren, hatten sich die Wildschweine eine

Art Grube gemacht, in der sie behaglich ruhten. Wer die Lebensweise

des Wildschweins kennt, konnte keinen Augenblick im Zweifel darüber

sein, was sie mit diesem Liegen in der Bucht bezweckten. Es war damals

auch warm, und an warmen Tagen sehnt sich das Wildschwein nach seiner

geliebten Suhle. Darunter versteht man ein mit Wasser, Moor, Schlamm u.

dgl. ausgefülltes Loch. Solche sucht das Wildschwein gern auf, um sich

darin zu wälzen. Einmal erzielt das Wildschwein dadurch eine Abkühlung,

sodann aber bleibt der Schlamm auf seiner Haut sitzen. Nachdem er

trocken geworden ist, bietet er ein gutes Abwehrmittel gegen Insekten.

103. Welches sind die Vorzüge unseres Hausschweins?

Wie ungeheuer nützlich das Hausschwein ist, haben wir alle am eigenen

Leibe schmerzlich erfahren. Worin bestehen die großen Vorzüge des

Hausschweins?

Erstens kann es mit verhältnismäßig geringem Futter aufgezogen, dann

schnell fettgemacht werden. Es liefert vortreffliches Fleisch und

fetten Speck, der durch Salzen und Räuchern leicht aufzubewahren ist.

Zweitens hat es nicht nur ein Junges wie das Pferd oder manchmal

Zwillinge wie die Kuh, sondern die Sau hat 10, ja 20 Ferkel. Die

Vermehrung ist also im Vergleich zu den anderen nutzbringenden

Haussäugetieren ungeheuer groß.

Ich habe oft in früheren Zeiten bei kleinen Leuten gewohnt und mich

darüber gefreut, wie gut die Schweine bei ihnen gediehen. Sie kauften

gewöhnlich im Frühjahr ein paar Ferkel, weil sie damals noch zu dieser

Zeit viel Kartoffeln und Ueberfluß an Milch hatten. Den Sommer über

wurden die Tiere mit allerlei Grünzeug, namentlich mit dem Unkraut

und den Abfällen der Mahlzeiten gefüttert. Im Oktober war dann die

Kartoffelernte, so daß man reichlich mit Kartoffeln füttern konnte,

ebenso im November. Im Dezember wurde Gerstenschrot gefüttert und um

Weihnachten herum gewöhnlich geschlachtet. Was für Prachtstücke hatten

die Leute manchmal herangefüttert! Wurde man zum Schweineschlachten

eingeladen, was in früheren Zeiten etwas Selbstverständliches war,

so konnte man trotz des ursprünglichen Riesenhungers seine Portion

Wellfleisch und warme Wurst kaum bezwingen.

104. Warum gedeihen die Schweine bei kleinen Leuten so gut?

Die vorhin geschilderte Art und Weise, wie der kleine Mann seine

Schweine behandelt, hat sehr günstige Erfolge. Sie dürften in folgenden

Dingen ihren Grund haben.

Je mehr Tiere zusammenstehen, desto gefährlicher werden die

Ausscheidungen. Bei den zwei Schweinen, die ich gewöhnlich im Stalle

angetroffen habe, war es in dieser Hinsicht nicht so schlimm.

Die einfachen Leute auf dem Lande haben den ganz richtigen Grundsatz:

Das Tier weiß besser, was ihm guttut, als der Mensch. Der Mensch soll

sich nach dem Tiere richten, aber nicht das Tier belehren wollen.

Selbstverständlich überfressen sich Haustiere in ihrer Gier, ebenso

nehmen sie ohne Wahl, was man ihnen in den Futterkübel wirft. Da diese

Eigentümlichkeit ganz bekannt ist, so nimmt man darauf Rücksicht.

Im übrigen paßt man darauf auf, was das Tier beim Fressen bevorzugt. So

gelangt man zu einer naturgemäßen Fütterung. Man bringt den Schweinen

junge Disteln und Brennesseln, ebenso Schnecken und andere tierische

Nahrung. Denn das Wildschwein ist ein halbes Raubtier, das tierische

Stoffe braucht. Diese Abwechselung trägt zum Wohlbefinden der Schweine

sehr bei.

Durch das Grünfutter im Sommer bleiben die Schweine mager. Auch das

Wildschwein setzt erst gegen den Herbst zu Speck an. So bleiben die

Schweine gesund und werden selten von den in unsern Schweineställen

fortwährend herrschenden Seuchen ergriffen.

Ein großer Vorteil ist es, daß das Schlachten bei Eintritt der kalten

Jahreszeit stattfindet. Denn dadurch ist die Möglichkeit gegeben,

Schinken und Speck recht lange aufzubewahren.

105. Wie soll der Schweinestall beschaffen sein?

An sich ist die Stallhaltung unnatürlich und deshalb ungesund.

Zuchttiere, d. h. Tiere, von denen man Nachkommenschaft ziehen will,

dürfen auch nicht dauernd im Stalle stehen, wenn man Freude an seiner

Zucht haben will. Bei Tieren jedoch, die geschlachtet werden sollen,

brauchen die gesundheitlichen Grundsätze nicht so streng beobachtet zu

werden.

Gerade das Schwein stellt große Anforderungen an den Stall. Das soll

nicht heißen, daß es Luxusbauten wünscht, -- im Gegenteil. Wenn ein

Schwein im Winter sich in den warmen Düngerhaufen einschieben kann,

dann ist ihm höchst wohl zumute. Und diese Art Stallung kostet gar

nichts. Im Sommer dagegen soll der Stall kühl sein.

Das ist nur aus der Lebensweise des Wildschweins zu erklären. Im Sommer

sucht es, wie wir wissen, eine kühle Suhle auf. Im Winter dagegen liegt

es in einem warmen Kessel. Das Schwein will also vor allen Dingen im

Winter einen warmen Fußboden. Es ist ein Warmfüßler im Gegensatz zum

Pferde, das als Steppentier ohne Schaden bei großer Kälte auf kaltem

Fußboden stehen kann.

Weil es nun nicht immer leicht ist, einen Schweinestall mit warmem

Boden herzustellen, so entgeht der einfache Mann durch Schlachtung

seiner Schweine zu Beginn der eigentlichen Winterszeit allen weiteren

Sorgen.

Im Luxusbau sind gewöhnlich kalte Fußböden, schlechte Luft, obendrein

Zugluft und der feuchte Niederschlag von den Ausdünstungen. Es ist

daher kein Wunder, daß Seuchen unter den Schweinen gar kein Ende nehmen.

Zum Wohlbefinden der Schweine gehören auch Pfähle, an denen sich das

Schwein reiben kann. Denn das Wildschwein fühlt sich ganz besonders

wohl, wenn es sich an Baumstämmen gehörig reiben kann. Solche Pfähle

fehlen bei Luxusbauten, während sie der praktische Landwirt oft

anbringt. Auch in unserem Zoologischen Garten sind sie glücklicherweise

angebracht, und ihre starke Abnutzung zeigt, wie dringend notwendig sie

sind.

106. Warum frißt die Sau die eigenen Ferkel?

Ein großer Schmerz für den Landwirt ist es, daß manche Sauen ihre

eigenen Kinder fressen. Alle Mittel, die man dagegen anwendet, taugen

im allgemeinen nicht viel.

Wir Menschen sind entsetzt, daß eine Mutter so entartet sein kann. Aber

ist unser Standpunkt richtig?

Mir ist kein Fall bekannt, daß eine Wildsau ihre Frischlinge gefressen

hat. Vielmehr weiß jeder Jäger, daß sie ihre Jungen mit Aufopferung

ihres Lebens verteidigt.

Deshalb wird die Schuld an uns liegen. Das Wildschwein ist ein halbes

Raubtier, das mit Vorliebe Aas frißt. Dem Hausschwein geben wir aber

regelmäßig nur Pflanzennahrung. Ist es da ein Wunder, daß der andauernd

unterdrückte Fleischhunger sich gewaltsam Bahn macht?

Erfahrene Schweinezüchter haben mir übrigens versichert, daß eine Sau

nur kranke oder lebensunfähige Ferkel frißt. Ob das zutrifft, kann ich

nicht beurteilen.

Der Stieglitz, den man mit einem Kanarienvogelweibchen paart, frißt

die Eier des Weibchens, weil wir ihm keine Räupchen geben, die Hühner

reißen sich die Federn aus, weil sie im Frühjahr Mangel an tierischer

Nahrung haben. Auch sie werden durch falsche Fütterung zu halben

Kannibalen.

107. Muß ein gutes Schwein alles fressen?

Bekannt ist der Satz, daß ein gutes Schwein alles fressen muß. Ich kann

ihn leider nicht unterschreiben. Ich weiß sehr wohl, daß das Schwein

einen sehr großen Speisezettel besitzt, da es sowohl Pflanzenfresser

als auch ein halbes Raubtier ist. Dennoch gibt es gewisse Dinge, die

das Schwein nicht frißt. So ließen alle Schweine trotz des größten

Hungers Kastanien liegen, während Schafe, wie wir noch besprechen

werden, sie gierig fraßen.

Auch mit gesalzenen Dingen muß man beim Schweine sehr vorsichtig

sein. Für Wiederkäuer, auch für Pferde, ist Salz bekömmlich. Für alle

Raubtiere ist Salz jedoch sehr nachteilig.

Gesalzenes Pökelfleisch, ebenso Heringslake haben schon oft den Tod von

Schweinen herbeigeführt. Das kam daher, weil man auf den Satz schwor,

daß ein gutes Schwein alles fressen muß.

Uebrigens frißt das Schwein auch Heu und Stroh ungehäckselt nicht.

108. Die Fütterung der Schweine mit Rohrwurzeln.

Immer wieder muß ich betonen, daß wir zu einem richtigen Verständnis

eines Haustieres nur gelangen, wenn wir die Lebensweise seiner wilden

Verwandten erforschen.

Bereits lange vor Ausbruch des Krieges habe ich darauf hingewiesen, daß

wir auf diesem Wege auch zur Erlangung neuer Futtermittel für unsere

Haustiere gelangen. So war es mir aufgefallen, daß das Wildschwein im

Winter gern die Farnwurzeln frißt, ebenso die Wurzeln von Schilfrohr.

Praktische Schweinezüchter haben mir bestätigt, daß die Farnwurzeln

ein sehr bekömmliches Futter für Hausschweine sind. In Amerika ist

es, wie mir mitgeteilt wurde, an vielen Stellen üblich, Schweine mit

Farnwurzeln zu füttern. Ebenso sind die verwilderten Hausschweine an

der Westküste Neuseelands von den Eingeborenen ausgerottet worden aus

Furcht, die Schweine möchten die Farnwurzeln vollends zerstören, auf

welche die Eingeborenen zu ihrer Nahrung besonders angewiesen sind.

Die Vermutung spricht daher dafür, daß auch die Rohrwurzeln für

Schweine ein bekömmliches Futter sind.

Es hat daher mein höchstes Interesse erweckt, daß der Rohstoffverband

in Charlottenburg jetzt in großzügiger Weise die Rohrwurzeln mit

Greifern und Baggern gewinnen und daraus ein Futtermittel »Fragmit«

herstellen läßt. Der Name ist verdeutscht aus _phragmites communis_,

das Schilfrohr.

Es scheint mir das ein sehr glücklicher Gedanke zu sein, da hierdurch

folgendes erzielt wird:

1. Gewinnung eines Futtermittels von hohem Zuckergehalt,

2. Verhinderung der Verlandung der Seen und Flüsse,

3. Ausnutzung von hunderttausend Hektaren Land, die jetzt vollkommen

tot daliegen.

Es liegt im vaterländischen Interesse, alle Bestrebungen zu

unterstützen, die eine größere Ausbeute der heimischen Naturschätze

gestatten und uns dadurch, wenn auch vorläufig nur wenig, von der

Einfuhr ausländischer Futtermittel unabhängig machen. Es wäre daher

sehr erwünscht, wenn praktische Schweinezüchter Versuche mit »Fragmit«

anstellen würden.

Selbstverständlich müssen die Wurzeln im Winterhalbjahr gewonnen sein,

weil sie zu dieser Zeit die meisten Nährstoffe besitzen. Im Sommer

frißt das Wildschwein weder Farn- noch Rohrwurzeln.

Für Höhentiere, also Ziegen und Schafe, käme das Fragmit weniger

in Betracht. Dagegen könnten Versuche auch bei Rindern und Pferden

angestellt werden, da Rinder in Niederungen leben, und Pferde die

Schößlinge des an Steppenseen wachsenden Rohrs fressen.

109. Die Rassen des Schweins.

Man unterscheidet folgende Rassen: 1. krausborstige Schweinerassen, die

hauptsächlich im Südosten Europas leben, z. B. das Mangaliczaschwein,

2. romanische Schweinerassen, die in Südeuropa leben, 3. kurzohrige

Schweinerassen, wozu das bayerische Schwein und das Bakonyer Schwein

gehören. In Berlin wird das Bakonyer Schwein gewöhnlich »Pachuner«

genannt. 4. Großohrige Schweinerassen, 5. englische Schweinerassen.

Die Engländer haben es verstanden, durch Kreuzung mit indischen und

romanischen Schweinen ausgezeichnete Rassen zu erzielen, beispielsweise

Essex-Schweine, Yorkshire-Schweine, Berkshire-Schweine usw. Diese

englischen Rassen sind stark bei uns eingeführt worden und haben die

heimischen Schläge vielfach verdrängt. Da das englische Edelschwein

neben großen Vorzügen sehr empfindlich und wenig fruchtbar ist, so hat

man es mit deutschen Schweinen gekreuzt und züchtet das sogenannte

deutsche Edelschwein.

Das Schwein ist kein Wiederkäuer, wie bereits erwähnt wurde. Es hat

außer den Eckzähnen im Oberkiefer sechs Schneidezähne. Es gehört zu

den Paarhufern aus der Familie der Schweine. In Bessarabien gibt es

Einhuferschweine.

Der Zuchteber wird mit Ablauf eines Jahres zur Zucht verwendet, die Sau

im Alter von 10 bis 14 Monaten. Die Tragezeit währt fast vier Monate.

Man nimmt an, daß das Schwein ein Alter von 30 Jahren erreicht.

Es ist schon erwähnt worden, daß Krankheiten bei den Schweinen sehr

häufig sind. Es seien genannt Rotlauf, Schweineseuche und Schweinepest.

Am bekanntesten ist, daß im Schwein Trichinen leben, weshalb man

Schweinefleisch nur gekocht essen soll.

Zu den besten Bekämpfern der Krankheiten gehört der Weidegang der

Schweine. Namentlich scheint der Weidegang auf Kleeweiden immer mehr

Anhänger zu finden.

110. Das Schwein in Redensarten und Sprichwörtern.

Erwähnt wurden bereits »sauwohl«, »schweinsäugig« und die Redensart

»Ein gutes Schwein muß alles fressen«.

Wegen seines Wälzens im Schmutz und Kot dient das Schwein als

Bezeichnung für einen schmutzigen oder unsittlichen Menschen.

Ueberhaupt dient die Verbindung mit Schwein dazu, um den schärfsten

Tadel auszusprechen. So ist ein sehr schlechtes Essen

*Schweinefraß*,

*Schweinestall*

eine sehr schmutzige Wohnung.

Man sagt ferner:

*dumm, faul, gefräßig, dreckig sein wie ein Schwein, bluten wie ein

Schwein*.

Zu ergänzen ist: wenn es geschlachtet wird. Um plumpe Vertraulichkeiten

abzuwehren, gebraucht man die Redensart:

*Wo haben wir zusammen die Schweine gehütet?*

Merkwürdigerweise gilt das Schwein auch als glückbringend. In der

Studentensprache heißt Schwein soviel wie Glück.

*grenzenloses Schwein*

bedeutet grenzenloses Glück.

[Illustration: Schweine auf der Weide]

[Illustration: Laufraum für junge Schweine]

Die Ziege

111. Warum können junge Ziegen bereits vortrefflich klettern?

Die Ziege, die Kuh des armen Mannes, können wir in oder nahe bei dem

alten Berlin noch häufig zu sehen bekommen. Auf dem unbebauten Teil des

Tempelhofer Feldes trifft man sie regelmäßig im Sommer an, ebenso auf

Baustellen der Vororte. Selbst in Gärten habe ich sie schon gesehen,

wobei sie natürlich, um Schaden zu verhüten, angebunden war.

Wir wollen einmal eine solche Mutterziege, die zwei muntere Zicklein

bei sich hat, etwas näher betrachten.

Bei der Ziege haben auch die Weibchen Hörner, ebenso wie die Gemsen,

während sie den weiblichen Schafen, wie wir später sehen werden, fehlen.

Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten · 第 19 / 30 段